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Posts Tagged ‘Elisabeth Wittmann’


Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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„Gerade weil man an der gegenwärtigen Lage in der Welt verzweifeln könnte“, so Susanne Lender-Cassens, „ist Ihr Beispiel der Versöhnung und Verständigung so wichtig.“ Ganze zwei Stunden nahm sich Erlangens Bürgermeisterin Zeit für die zum Teil von weither angereisten Veteranen, um mit ihnen am Samstagmorgen im Rathaus zu sprechen.

Susanne Lender-Cassens, Fritz Rösch und Friedhelm Kröger

Von den regelmäßigen Treffen der ehemaligen Kriegsgefangenen in Lagern in und um Wladimir weiß Susanne Lender-Cassens, seit sie die Runde im Vorjahr empfangen hatte. Nun, bei der mittlerweile vierzehnten Begegnung dieser Art, ist auch Zeit für längere Gespräche.

Philipp Dörr und Jürgen Ganzmann

Doch erst noch einmal kurz zurück in die Geschichte dieses Veteranenkreises. Friedhelm Kröger reiste mit seiner Frau Christa im Jahr 2000 als Mitglied einer Bürgergruppe nach Wladimir, um die Stätten seiner Gefangenschaft wiederzusehen. Obwohl er sich 1949, nach der Entlassung aus dem Lager, geschworen hatte, nie wieder hierher zurückzukehren. Nun aber kam er von der Reise mit der Idee zurück, Kameraden von damals zu suchen, die seinerzeit auch in Wladimir und Umgebung interniert waren.

Paul und Werner Hütter

Auf sein Inserat im „Heimkehrer“ hin meldeten sich zunächst einige, später kamen mehr dazu, und über die Jahre traf man sich immer an verschiedenen Orten, wo einer der Veteranen lebte, von Burg auf Fehmarn über Minden, Walkenried, Schmalkalden, von Fränkisch Crumbach bis Erlangen, wo man schließlich in den letzten Jahren auch blieb.

Gruppenbild mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens

Man könnte meinen, es sei nun alles erzählt und berichtet – zumal der Blog die letzten neun Begegnungen protokolliert hat, zumal es mittlerweile den Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ gibt -, aber aus dem Gedächtnis der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen tauchen immer wieder neue Episoden aus Krieg und Gefangenschaft auf.

Paul Hütter und Philipp Dörr

Da ist die Erinnerung von Wolfgang Morell an den „Blauen“ im Lager, den Vertreter des NKWD, des Geheimdienstes, bei dessen Erscheinen alle spurten, aber er berichtet natürlich auch von seiner Reise nach Wladimir und Nischnij Nowgorod im April, vor allem aber von dem Theaterstück, das nach seinen Erlebnissen entstand und nun im Oktober auch in Erlangen von russischen Schülern aufgeführt wird.

Christa Kröger, Kurt Seeber, Philipp Dörr; Clara Müller, Wolfgang Morell, Paul Hütter und Friedhelm Kröger

Da ist die Erinnerung von Paul Hütter, der mit seinen 93 Jahren noch alle Treppen bis hinauf in den achten Stock des Wohnstiftes Rathsberg zum Café läuft, ohne Stock und Handlauf, geraden Rückens – und wieder hinunter -, an den Posten mit der Pistole, auf die Gefangenen gerichtet, die sich weigern, zwangsfreiwillig an ihrem freien Tag gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Schießen will der Wachmann dann aber doch nicht und marschiert nach einem saftigen Fluch mit dem Trupp unverrichteter Dinge wieder zurück ins Lager.

Wolfgang Morell und Paul Hütter

Paul Hütter, der noch immer Radtouren von bis zu 60 km Länge unternimmt, auf einen E-Motor mit dem Hinweis verzichtet, davon bekomme man nur einen dicken Bauch, und dafür auf „Kräuterspeck“ – Knoblauch, Zwiebeln und Dill – schwört, wußte sich aber auch mutig zu wehren. Als ein Wachposten ihn einmal schlagen wollte, nahm er die Gabel zur Hand, mit der die Kartoffeln verladen werden sollten, und drohte – erfolgreich. Vielleicht wurde der Schlesier deshalb auch erst später aus dem Lager entlassen als die anderen…

Philipp Dörr und Fritz Wittmann

Früher nach Hause durften besonders Männer wie der Thüringer, Kurt Seeber, die aus der sowjetisch besetzten Zone stammten und von denen man glaubte, sie zum Aufbau der DDR gebrauchen zu können. Sie mußten sich für die „bewaffneten Kräfte“ – Polizei, Grenzschutz etc. – verpflichten, durften dann aber gar nicht zur Familie, sondern wurden gleich kaserniert. Kurt Seeber türmte zunächst, wurde festgesetzt und quittierte den Dienst bereits nach einem Jahr.

Friedhelm Kröger, Paul Hütter, Clara Müller und Kurt Seeber

So unterschiedlich die Herkunft, so verschieden auch die Behandlung in der Gefangenschaft. Fritz Wittmann, der sich als „Friedensgefangener“ bezeichnet, weil er sich erst in den letzten Kriegstagen der Roten Armee ergab, wundert sich bis heute, nie geschlagen oder beschimpft worden zu sein. Aber es mag wohl schwerer gewesen sein, schon wie Wolfgang Morell nach nur zwölf Tagen an der Front bereits im Winter 1942 in Gefangenschaft geraten zu sein – und acht Jahre lang zu büßen.

Philipp Dörr und Fritz Wittmann, Christa Kröger, Clara Müller, Kurt Seeber, Friedhelm Kröger, Paul Hütter und Elisabeth Wittmann

Glück hatten sie jedenfalls alle und einen guten Schutzengel, trotz Hunger und Krankheit – und dank manch einem Stück Brot, das man ihnen zugesteckt hatte, sowie dank der Hilfe von russischen Ärzten und Krankenschwestern – überlebt zu haben und noch heute davon Zeugnis ablegen zu können, wie aus einstigen Feinden heute Freunde werden. Denn eines eint all die Veteranen, die heute wieder in den Odenwald, nach Minden, in den Thüringer Wald und in den Westerwald zurückkehren: Sie sind alle zurückgekehrt nach Wladimir – manche wie Philipp Dörr und Wolfgang Morell sogar mehrmals – und leben uns vor, wie Versöhnung und Verständigung wirken, gerade dann, wenn man an der Lage in der Welt verzweifeln könnte.

 

 

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Vor gut zwei Jahren ist unter dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ die erste Auflage einer Sammlung von Erinnerungen deutscher und österreichischer Veteranen an ihre Gefangenschaft in Lagern in und um Wladimir erschienen. Damals, zum 30jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft in kleiner Geschenkauflage und gewissermaßen als Probelauf. Nun wurde gestern die gründlich überarbeitete und wesentlich erweiterte Endfassung dieses Kompendiums von Überlebensberichten als Nr. 18 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs Erlangen vorgestellt, erhältlich ab heute überall im Buchhandel zum Preis von 24 Euro unter der ISBN 978-3-944452-09-8.

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Auf 340 Seiten breitet das Buch in der kundigen Redaktion von Stadtarchivar Andreas Jakob und seiner Mitarbeiterin, Dorothea Rettig, und gelungen gestaltet von Kathrin Eckert die Jugendjahre von mehr als 40 Wehrmachtssoldaten aus, gezeichnet von Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr.

Kammerorchester Wladimir: Olga Besotosnaja, Igor Besotosnyj, Alexander Schaposchnikow und Swetlana Besotosnaja

Kammerorchester Wladimir: Olga Besotosnaja, Igor Besotosnyj, Alexander Schaposchnikow und Swetlana Besotosnaja

Fast alle diese ganz individuellen Erlebnisse in Form von „oral history“ – ohne wissenschaftlichen Anspruch – waren bereits hier im Blog zu lesen. Ebenso verstreut über sieben Jahre wie die Orte und Gegenden, wo die Veteranen, ihre Familien und Hinterbliebenen leben: vom Westerwald bis in die Rhön, von Ostfriesland bis ins Erzgebirge, vom Odenwald über das Sauerland bis nach Fehmarn, von Minden bis Wismar, von Aachen bis Kiel, vom Thüringer Wald bis ins Sauerland, von St. Gallen bis in die Wachau oder nach Berlin…

Andreas Jakob

Andreas Jakob

Nicht mehr von überall her und längst nicht alle sind der Einladung nach Erlangen gefolgt. Aber, wer kam, erlebte ein Fest des Wiedersehens, glücklich in einer Zeit und in einem Land, wo man keine Helden mehr braucht! Glücklich, weil sie Menschen sind, die den Krieg in sich besiegt haben. Aber auch besorgt, wo die Nachkriegszeit endgültig vorüber und auf der Weltbühne allenthalben zu gelten scheint: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

Ilja Klassen, Elisabeth Preuß, Florian Janik, Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis, Peter Steger

Ilja Klassen, Elisabeth Preuß, Florian Janik, Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis, Peter Steger

Oberbürgermeister Florian Janik spürt das und lobt denn auch die Publikation, die nicht von ungefähr zum Ausklang des siebten Jahrzehnts des Kriegsendes fertiggestellt wurde, für ihre exemplarische Verständigung zwischen Deutschen und Russen, und Andreas Jakob zeigt sich sogar stolz, das Buch in seiner Reihe zu wissen, sei hier doch der Erfahrungsschatz von Menschen versammelt,  die Versöhnung über Revanche stellen und Volksdiplomatie für wichtiger halten als den Blick zurück im Zorn.

Florian Janik

Florian Janik

Ein Buch gegen das Vergessen, die Versiegelung einer Zeit, deren Zeugen immer weniger werden. Bald, so Anita Rösch im Gespräch “ ist keiner mehr da, den man noch fragen könnte, wie es früher war.“ Möglich geworden dank der Unterstützung der Erlanger Rotarier, der Max-und-Justine Elsner-Stiftung, der Bürgerstiftung, der Städte Jena und Erlangen, aber auch privater Spender wie Elisabeth Wittmann, Friedhelm Kröger, Richard Dähler, Jürgen Ganzmann, Anton Hergenhan… Danke für die Hilfe gegen das Vergessen!

Peter Steger

Peter Steger

Der „Zeit“-Journalist Benedikt Erenz schrieb unlängst in seinem Leitartikel „Historische Zeiten“ : „Geht es um Geschichte – und gerade um die deutsche – sind alle dabei, wissen alle gern Bescheid. Vergangenheitslust ist die neue Landlust geworden…“ Wie denn nicht, wo wir doch alle erleben, wie uns Zusammenhänge verlorengehen, wie unsere Gewißheiten immer brüchiger werden, wie uns die Gegenwart zwischen den Fingern im Unwägbaren zerrinnt.

Inge Obermayer

Inge Obermayer

Da ist es gut, nicht nur ein Buch zu haben, das bewahrt, was sich bewährt hat, sondern auch Menschen im Zeitzeugenstand zu erleben, die von überwältigenden deutsch-russischen Begegnungen erzählen können. Etwa die Schriftstellerin Inge Obermayer, deren Vater im Lager von Krasnogorsk, heute Partnerstadt von Höchstadt an der Aisch, ums Leben kam und die dennoch die Kraft fand, mit ihrer Kunst nicht minder wie als politisch handelnde Frau schon in den 70er und 80er Jahren, in der Hochzeit des Kalten Krieges, auf die Sowjetmenschen zuzugehen – und die überall offene Türen fand.

Wolfgang Morell

Wolfgang Morell

Da gilt nicht mehr das ernüchternde Diktum des aus dem Harz angereisten Günter Liebisch: „Es gibt so viele Leute, die Geschichte studieren, aber gelernt aus der Geschichte hat keiner.“ Einspruch! Dieses Buch läßt just solche Menschen zu Wort kommen, die ihre Lektion gelernt haben. Wie Wolfgang Morell, der Anfang 1942 in einem Wladimirer Militärhospital zusammen mit Rotarmisten auf einem Flur behandelt wurde und dank seinem noch immer so wohllautenden Russisch bis heute enge Kontakte zur Partnerstadt unterhält.

Friedhelm Kröger

Friedhelm Kröger

Oder Friedhelm Kröger aus Minden, der, angeregt von der Städtepartnerschaft, eine ganze Runde von ehemaligen Wladimir-Gefangenen um sich geschart hat. Oder Fritz Rösch, der seit Anfang der 90er Jahre treuer Freund der Veteranenkontakte ist und zusammen mit seiner Frau Anita stets zur Stelle ist, wenn es gilt, Gäste zu betreuen und zu bewirten.

Christa Kröger, Anita und Fritz Rösch

Christa Kröger, Anita und Fritz Rösch

Ganz zu schweigen von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, der voller Weitsicht und Mut die Aussöhnung mit dem russischen Volk ins Werk setzte. 1945 war er zehn Jahre alt und erlebte am eigenen Leib die unmenschliche Politik der Vertreibung, fand aber dennoch die Kraft zur Vergebung und Annäherung – sogar gegen Stimmen aus den eigenen Reihen. Erst unlängst gestand wieder ein Mitglied seiner Partei, damals die Idee mit Wladimir als Partnerstadt mißbilligt zu haben: In einem Land, das die Todesstrafe exekutierte, das Dissidenten kujonierte, wo bestenfalls ein Funktionärsaustausch möglich schien, wäre das von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Heute wissen wir alle, wie gut es war, daß das damalige Stadtoberhaupt sich von den Bedenken nicht hat beirren lassen.

Alfons Rujner

Alfons Rujner

Ein Wunder der Geschichte, wie seine beiden Nachfolger, Siegfried Balleis und Florian Janik, deren Verwaltungsteam gemeinsam mit dem Stadtrat, diese humane Tradition, der sich auch Alfons Rujner aus Berlin verpflichtet weiß, fortsetzen. Bis heute. Nur in einem solchen Umfeld konnte das Buch entstehen, das gestern in die Welt kam. Übrigens mit einem Titel, der aus den Erinnerungen von Alfons Rujner stammt, denn beim Abtransport in die Heimat 1948 rief dem 20jährigen eine ältere Frau zu: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ Wie viele andere, ist auch er später dieser Aufforderung gefolgt.

Ilja Klassen

Ilja Klassen

Ilja Klassen, Attaché am Russischen Generalkonsulat in München, gab denn auch in seinem Grußwort zu erkennen, wie ihn diese Schilderungen deutsch-russischer Verständigung bewegen, Es sei ja bekannt, welch große Bedeutung Erlangen im Austausch mit seinem Land habe, aber eine derartige Intensität zu erleben, sei für ihn vorher nicht vorstellbar gewesen. Die einfachen und wichtigen Dinge im Leben begreifen wir alle eben häufig erst mit einer gewissen Verzögerung.

Jürgen Ganzmann und Ilja Klassen

Jürgen Ganzmann und Ilja Klassen

Doch kurz zur Geschichte des Buches: Am 22. Juni 1991 nahm erstmals eine Veteranendelegation aus Erlangen – 50 Jahre nach dem Einmarsch der Hitlertruppen in die UdSSR – auf dem Platz des Sieges an den Feierlichkeiten teil; Dietmar Hahlweg hielt am 9. Mai 1995 vor den Wladimirer Medien eine Rede, die sein Nachfolger im Amt, Siegfried Balleis, fünf Jahre später auf dem Ehrenfriedhof vortragen durfte. Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und der Weltkriegsveteran Wolfgang Morell sprachen am 22. Juni 2011 auf dem Platz des Sieges, am 8. Mai 2015 wurde auf dem Gelände des Traktorenwerks ein Denkmal für Kriegsgefangene eingeweiht, und tags darauf trat mit Florian Janik erstmals ein Deutscher auf dem Platz des Sieges auf. Dazwischen 2002 die Auszeichnung von „Rose für Tamara“, des von Fritz Wittmann herausgegebenen Erinnerungsbandes an Krieg und Gefangenschaft, durch Bundespräsident Johannes Rau mit dem „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“.

Kurt Seber und Ludmila Kondratenko

Kurt Seeber und Ludmila Kondratenko

Nur in diesem Klima konnte auch das gestern präsentierte Buch entstehen – und dank dem Vertrauen der Veteranen, die so offen über ihre Erinnerungen sprachen. In einem Klima, zu dem auch eine Ausstellung des Wladimirer Landesmuseums 1995 in Erlangen beitrug, ebenso wie die enge Zusammenarbeit mit Witalij Gurinowitsch, der nicht nur eigene Berichte von Begegnungen mit Zeitzeugen beisteuerte, sondern den Band auch durch seine wissenschaftliche Darstellung des Systems von Gefangenenlagern in der Region Wladimir bereicherte.

Alexander Schaposchnikow und Fritz Rösch

Alexander Schaposchnikow und Fritz Rösch

Was man von den Veteranen lernen kann: Gelassenheit und Disziplin. Es waren wohl diese Tugenden, die im Verein mit einer robusten Gesundheit das Überleben der Gefangenenlager erst ermöglichten. Hinzu kam aber immer wieder die Güte von Krankenschwestern und Ärztinnen, von Lagerkommandanten und Bewachern, von Werksdirektoren und Zivilisten, die den einstigen Feinden wie Menschen begegneten und oft mit ihnen teilten, so wenig sie auch selbst hatten. Deshalb ist zu wünschen, daß sich bald jemand findet, um das Buch ins Russische zu übersetzen. Die Gegner von gestern setzen da nämlich den Wladimirern ein Denkmal der Humanität.

Peter Steger, Philipp Dörr und Ilja Klassen

Peter Steger, Philipp Dörr und Ilja Klassen

Die Gefangenschaft in der Sowjetunion mag ja nach Lager noch so schwer gewesen sein. Eines unterscheidet sie kardinal vom System des Dritten Reiches. Dort setzte man alles daran, auch Kranke und Schwache wieder lebens- und arbeitsfähig zu machen oder sie schlimmstenfalls wieder in die Heimat zu transportieren; hier hingegen galt das Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“, und wer nicht arbeiten konnte, wurde sofort vernichtet. Jeder zweite Sowjetsoldat kam in deutscher Gefangenschaft ums Leben, auf der anderen Seite waren es „nur“ 35%, die ihre Heimat nie wiedersahen – und das trotz der viel längeren Zeit des Aufenthalts und nach der Politik der „verbrannten Erde“…

Christa Kröger, Fritz Wittmann, Sigrid Morell

Christa Kröger, Fritz Wittmann, Sigrid Morell (sitzend), Kurt Seeber, Philipp Dörr, Günter Liebisch, Alfons Rujner, Elisabeth Wittmann, Anni Liebisch (1. Reihe), Friedhelm Kröger, Wolfgang Morell, Jürgen Ganzmann, Peter Steger (2. Reihe)

„Komm wieder, aber ohne Waffen!“ erscheint spät, aber nicht zu spät. Noch leben Zeitzeugen, noch kann man sie befragen. Diese in diesem Jahr nach „20 Jahre Erlangen-Haus“, Russisch-deutscher sprachlicher Dialog im 21. Jahrhundert“ und den „Gedichten aus dem Land der Sonderlinge“ vierte Publikation im Rahmen der Städtepartnerschaft stellt nach den Worten eines Besuchers der gestrigen Veranstaltung im Stadtarchiv ein „singuläres Ereignis“ dar. Wenn das stimmt, dann weil hier anhand von Einzelschicksalen die Sentenz von Ralph Waldo Emerson bestätigt wird: „Die ganze Weltgeschichte verdichtet sich in die Lebensgeschichte weniger und ernsthafter Menschen.“

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Zu den alljährlichen Treffen der Veteranen aus ganz Deutschland, die ihre Kriegsgefangenschaft in Wladimirer Lagern zugebracht haben, brachte Bäckermeister Willi Börke bis zu seinem Tod vor fast vier Jahren stets eine Wegzehrung mit, seine Marzipan-Hörnchen. Jedes Mal eine wahre Gaumenfreude.

Elisabeth Wittmann, Günther Liebisch, Fritz Wittmann, Anni Liebisch und Tabea Schärfe

Elisabeth Wittmann, Günther Liebisch, Fritz Wittmann, Anni Liebisch und Tabea Schärfe

Welch ein Glück, daß Elisabeth Wittmann sich das Rezept hat geben lassen und seither bei jeder Begegnung der Veteranen mit einem Backblech, voll der von ihr „Willi-Hörnchen“ getauften Köstlichkeiten, aufwartet. So auch gestern, als das Ehepaar Liebisch wieder einmal nach Baiersdorf zu Besuch kam – zusammen mit Enkelin Tabea, die in Erlangen studiert.

Willi-Hörnchen

Willi-Hörnchen

Exklusiv für den Blog nun ausnahmsweise keine weitere Erinnerung an die Gefangenschaft in Wladimir, sondern das Rezept von Willi Börke, wie es Elisabeth Wittmann vom Meister persönlich erhalten hat: Man nehme 200 g Marzipan, 100 g Zucker und ein halbes Eiweiß, mische diese Ingredienzien, rolle sie gut aus, schneide die Teigwurst in Scheiben, drehe und wende sie in gehobelten Mandeln und forme die Hörnchen, die dann bei 180° C ca. eine Viertelstunde backen sollten. Ein Tauchbad in Bitterschokolade sorgt für den optischen und geschmacklichen Kontrast. Schmeckt zu jedem Anlaß mit Tee, Kaffee oder Kakao – und nicht nur zu Veteranentreffen.

Mehr zum Namensgeber des Hörnchens und dazu, wie Elisabeth Wittmann an das Rezept kam, unter: http://is.gd/Ew9NXa

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Im Auftrag der „Bundesagentur für Angelegenheiten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, russischer Staatsbürger im Ausland und internationaler humanitäre Zusammenarbeit“, die dem Außenministerium der Russischen Föderation unterstellt ist, machte der Moskauer Fernsehsender RTVi vom 24. bis 28. Juli in Erlangen Aufnahmen zu einer knapp dreißigminütigen Reportage über die Städtepartnerschaft mit Wladimir. Da werden die Dreharbeiten in Kürze fortgesetzt, um den Blick aus beiden Richtungen zu haben und die Sendung dann schon im Herbst ausstrahlen zu können. Ausgewählt hat man das Paar Erlangen – Wladimir, wie Oberbürgermeister Sergej Sacharow an seinen deutschen Kollegen, Florian Janik schreibt, weil „die Partnerschaftsbeziehungen zwischen Erlangen und Wladimir auf höchster zwischenstaatlicher Ebene als vorbildlich eingestuft werden.“

Alexej Nestorow, Andrej Schilow und Stephan Bergler

Alexej Nestorow, Andrej Schilow und Stephan Bergler

In den wenigen Tagen sammelten der Journalist, Andrej Schilow, und sein Kameramann, Alexej Nesterow, freilich Material, das bestimmt für mindestens zwei Reportagen ausreichen würde. In einem Interview mit Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg spürten sie der Geschichte der Partnerschaft nach; wie lebendig die Beziehungen sind, konnte das Team beim Zusammentreffen mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus und ihren Gastgebern erleben; Wolfram Howein und Jürgen Üblacker erhielten Gelegenheit die Zusammenarbeit des Erlanger Fördervereins mit dem Roten Kreuz in Wladimir vorzustellen; in der WAB Kosbach erläuterte Jürgen Ganzmann den Gästen das Wesen des Projekts „Blauer Himmel“; gestern morgen dann noch ein Besuch bei Klostermalz in Frauenaurach (s. http://is.gd/7N0xh7), im Büro des Städtepartnerschaftsbeauftragten und zum guten Ende eine virtuelle Begegnung der beiden Weltkriegsveteranen, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow.

Alexej Nesterow, Andrej Schilow und Fritz Wittmann

Alexej Nesterow, Andrej Schilow und Fritz Wittmann

„Nicht zu glauben, daß das möglich ist“, wunderte sich Elisabeth Wittmann immer wieder, als ihr Mann unterm Kirschbaum im Garten per Skype mit seinem russischen Freund sprach und ihm seine Zeichnungen und Sinnsprüche zeigte. Eine anrührende Begegnung, wie da der 88jährige Franke mit dem 90jährigen Russen dank modernster Technik noch einmal einander gegenübersaßen und Erinnerungen austauschten. „Wir werden uns wohl nicht wiedersehen“, meinte Fritz Wittmann und freute sich wie ein Kind über diese Möglichkeit. Zu hoch das Alter, zu angegriffen die Gesundheit. Aber dann packte ihn doch der Schalk im Nacken, als er dem Mann zurief, dem er im Frühjahr 1945 bei Küstrin an der Front gegenübergelegen hatte: „Wenn Putin mich einlädt, komme ich noch einmal!“ Zu erzählen hätten sich die beiden ja noch immer viel: Nikolaj Schtschelkonogow, der als letzter noch lebender aus der Wladimirer Veteranendelegation, die 1992 Erlangen besucht hatte, unermüdlich in Schulen, Universitäten und Klubs als Zeitzeuge vom Zweiten Weltkrieg berichtet, und Fritz Wittmann, der sein poetisches und aphoristisches Werk noch längst nicht abgeschlossen hat, sondern vielmehr in der Sorge um den Frieden – „auch wenn es manchmal zum Verzweifeln ist“ – der Welt und dem Wirken des Menschen einen Sinn abzuringen versucht. Schwierig besonders jetzt angesichts der Ereignisse in der Ukraine. Und dennoch: Die beiden sind es, die wie sonst niemand als einstige Feinde und jetzige Freunde für das Gelingen der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen stehen, denen es gelungen ist, aus dem Feindbild ein Freundbild zu machen. Ginge es nach ihnen, wären sie die letzten Veteranen, denn, wie Fritz Wittmann zum Abschied sagt: „Die Kriegskosten sind immer höher als der teuerste Friedenspreis!“

 

 

 

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Wäre Tamara Anischtschuk eine Bibliothek, fände man in ihr so gut wie alle Jahrgänge der Partnerschaft ordentlich aufgereiht, in gepflegtem Zustand, ohne Stockflecken oder Spinnweben, so als würden die säuberlich in Schutzumschläge eingeschlagenen Bände ab 1986 immer wieder sorgfältig in die Hand genommen, aufmerksam aufgeschlagen, mit wachem Blick wißbegierg gelesen und durch Neuzugänge erweitert. Regal um Regal, Fach um Fach, gefüllt mit Biographien, Anekdoten, Erinnerungen, Momentaufnahmen, aber auch in der Erwartung von noch so manchem Gedächtnis-Vermächtnis und bislang Ungesagten.

Tamara Anischtschuk im Dom zu Regensburg

Tamara Anischtschuk im Dom zu Regensburg

Zum neunten Mal ist die promovierte Germanistin nach Erlangen gekommen. Wie jedes Mal vorher mit einer neuen Mission: als sprachliche und landeskundige Begleiterin des Mediziner-Trios, das morgen seine fast zweiwöchige Hospitation an der Zahnklinik 1 der Friedrich-Alexander-Universität abschließt.

Jelena Unbehaun, Tamara Anischtschuk, Maria Woronina, Anselm Petschelt, Olga Jasowskich und Renat Tarchanow vor der Zahnklinik I der FAU

Jelena Unbehaun, Tamara Anischtschuk, Maria Woronina, Anselm Petschelt, Olga Jasowskich und Renat Tarchanow vor der Zahnklinik I der FAU

Begonnen hatte für Tamara Anischtschuk die Verbindung zur fränkischen Partnerstadt 1986, als sie bei den ersten Kultur- und Sporttagen, an denen damals schon gut einhundert Erlanger teilnahmen, die Kulturdelegation um Wolf Peter Schnetz durch die Ausstellungen, Lesungen und Empfänge als Dolmetscherin begleitete. Doch erst 1994 kam sie auf Bitten von Jewdokia Pankowa, der Sprecherin des Veteranenchors, erstmals nach Erlangen, um die Sänger auf ihrer Tournee durch halb Mittel- und Oberfranken sprachlich zu betreuen. Es folgten Reisen mit dem Kammerchor Raspew, dem Sänger Alexander Lemeschkin, der Weltkriegsveteranin Maria Sykowa…

Renat Tarchanow, Elisabeth Preuß, Maria Woronina, Olga Jasowskich und Tamara Anischtschuk

Renat Tarchanow, Elisabeth Preuß, Maria Woronina, Olga Jasowskich und Tamara Anischtschuk

Als Tamara Anischtschuk vier Monate vor dem Überfall der Hitler-Truppen auf die UdSSR in Malojaroslawjez, einer „Napoleon-Stadt“, 120 km südwestlich von Moskau in der Region Tula gelegen, zur Welt kam, war ihr sicher nicht in die Wiege gelegt, einmal ausgerechnet die Sprache und Literatur der Feinde zu erlernen. Doch sie erinnert sich dankbar an die Worte ihrer Großmutter, die das Wüten der SS-Einheiten erlebt hatte und doch immer meinte: „Die Deutschen sind Menschen wie wir.“ Wie richtig das ist, hat die Enkelin freilich erst viel später, dank der Partnerschaft mit Erlangen, am eigenen Leib erlebt. In der Schule gab es als Fremdsprachen seinerzeit nur Deutsch und Französisch, das heute dominierende Englisch kam erst viel später in den Fächerkanon. Sie entwickelte Freude und Leidenschaft für die Sache und studierte schließlich an der Moskauer Staatlichen Universität am Institut für Romanistik und Germanistik deutsche Literatur und Sprache für das Lehramt. Wie damals üblich, wurde ihr nach dem Abschluß im Jahr 1964 zunächst eine Schule mit erweitertem Deutsch-Unterricht für drei Jahre im fernen Tschita zugewiesen. Viereinhalb Tage war die angehende Pädagogin mit dem Zug dorthin unterwegs, wo sie dann doch trotz widrigem Klima – in den eiskalten Wintern mit wenig Schnee verschliß sie zwei Paar Filzstiefel – ein weiteres Jahr blieb, bis sie sich nach langer Suche – die Stellen an den Schulen in ihrer Heimat waren alle besetzt -, auf Empfehlung einer Freundin der Mutter am 16. August 1968 am Pädagogischen Institut Wladimir vorstellte.

Elisabeth Wittmann, Tamara Anischtschuk und Fritz Wittmann

Elisabeth Wittmann, Tamara Anischtschuk und Fritz Wittmann

Die Damen vom Personalbüro machten der Bewerberin Hoffnung, mußten sie aber noch ein paar Tage vertrösten, bis der Chef aus dem Urlaub zurückkam. Ein ungemütlich-kalter August war das, aber Tamara Anischtschuk gefiel die Stadt, sie wurde warm mit den Menschen, blieb gleich da und konnte dann auch tatsächlich am 1. September ihren Dienst antreten. Zunächst allerdings mit den zwangsverpflichteten Studenten des fünften Studienjahrs als Erntehelferin auf den Feldern einer Kolchose – übrigens das letzte Jahr, wo man den wissenschaftlichen Nachwuchs in die landwirtschaftliche Produktion schickte -, bis klar war, daß der Großmeister des Deutschen, Genrich Oserow, in die Aspirantur durfte. Und so übernahm sie mit gerade einmal 27 Jahren vorübergehend die Stelle dieser „Leuchte“ der Germanistik. An der Seite von Leonid Chorjew, theoretisch zwar gut beschlagen, aber eben noch mit keiner Hochschulpraxis. Doch die kam dann von selbst, und 1976 promovierte die Wissenschaftlerin mit einer Dissertation über die Heidelberger Romantik, die damals in der sowjetischen Forschung scheel angesehen war und erst von Tamara Anischtschuk ins rechte Licht gerückt wurde.

Renat Tarchanow, Maria Woronina, Wolfgang Morell und Tamara Anischtschuk

Renat Tarchanow, Maria Woronina, Wolfgang Morell und Tamara Anischtschuk im Konzertsaal des Wohnstifts Rathsberg

45 Jahre wurden schließlich daraus. Am 1. September 2013 beendete Tamara Anischtschuk ihre Lehrtätigkeit, nachdem etwa 2.500 Studenten bei ihr die höheren Weihen des Deutschen erhalten haben. So viele, weil ihre Disziplin der deutschen Literatur auch für jene, die Deutsch nur im Nebenfach studierten, obligatorisch im Stundenplan stand. Und dabei hatte sie selbst erst 1966 ihre erste Berührung mit Deutschen. Zwei Jahre vorher hatte man die erste Studentin in die DDR entsandt, und nun wollte die Dozentin selbst auch endlich einmal dorthin reisen. Das ging aber zunächst nur als Touristin für 140 Rubel, einen ganzen Monatslohn. Erst Jahre später kam dann der erste Kontakt zu einem Kollegen in Ost-Berlin. Bis dann die 1986 die Erlanger nach Wladimir kamen.

Tamara Anischtschuk als Co-Autorin eines Deutsch-Lehrwerks

Tamara Anischtschuk als Co-Autorin eines 2013 in Wladimir erschienenen Deutsch-Lehrwerks

Es waren diese Begegnungen mit dem damaligen Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, dem Vater der Partnerschaft, und mit Wolf Peter Schnetz, Autor, Referent für Kultur und Spiritus Rector der Erlanger Literaten-Kontakte zu Kollegen in der UdSSR, die Tamara Anischtschuks Denken und Handeln bis heute prägen. Damals, in einer Zeit, wo man noch voreinander auf der Hut war, erfuhr sie die Partnerschaft „wie frische Luft“, einen Aufbruch zu freiem Denken, das die Perestroika endlich erlaubte. Und erst jetzt hat sie das Wort ihrer Großmutter verstanden: „Die Deutschen sind Menschen wie wir!“

Wolf Peter Schnetz beim Signieren eines Buches für Tamara Anischtschuk

Wolf Peter Schnetz beim Signieren eines Buches für Tamara Anischtschuk

Diese „Menschen wie wir“ entdeckte sie besonders in den Kriegsveteranen Fritz Wittmann, dessen von Nadja Steger besorgte russische Ausgabe von „Rose für Tamara“ sie redigierte; Wolfgang Morell, den sie bei seinen Auftritten vor Wladimirer Schülern begleitete; Philipp Dörr, mit dem sie dessen ehemaliges Gefangenenlager besuchte; Alfred Trautner, für den sie so etwas wie ein Familienmitglied wurde. Aber eben auch schon damals, 1986 in den Gesprächen mit dem poetischen Freigeist, Wolf Peter Schnetz, mit dem lyrischen Wanderer zwischen den Welten, Habib Bektaş, mit dem unorthodoxen Künstler, Christian Manhard, der sein Portrait einer jungen Frau als Wladimir durch den Zoll schmuggelte, indem er eine andere Arbeit in der Partnerstadt zurückließ.

Tamara Anischtschuk und Wolf Peter Schnetz

Tamara Anischtschuk und Wolf Peter Schnetz

Zurückgelassen in Wladimir hat damals Wolf Peter Schnetz sein Tagebuch. Freilich unfreiwillig. Man hatte es ihm im Hotel entwendet. Noch heute mutmaßt er, der KGB stecke dahinter. Aber kein Groll mehr darob! „Eine große, eine schöne Zeit war das“, erinnert er sich. Recht hat er, denn all die Volksdiplomatie, die heute Tag für Tag gelebt wird, ohne Zeigefinger und Besserwisserei – ganz im Gegensatz zur „hohen“, oft von missionarischem Eifer getriebenen Politik – all die Begegnungen von Mensch zu Mensch wären nicht möglich ohne die damals alles andere als unumstrittene Pionierarbeit jener Architekten der Völkerverständigung und Aussöhnung. Tamara Anischtschuk ist dankbar und glücklich, auf der anderen Seite ihren Teil dazu beigetragen zu haben. Und Rente hin, Rente her. Wer einmal in dem Metier tätig war, setzt sich nie aufs Altenteil, wird immer gebraucht – und sei es mit dem Erfahrungsschatz der Frühzeit der Partnerschaft, als Zeuge einer Zeit der ausgestreckten Hände. Außerdem hat sie auch noch ihre Buchprojekte. Sieben Lehrwerke hat sie veröffentlicht, mehr als 90 Fachartikel zur Didaktik und deutschen Literatur, eine Vielzahl von Übersetzungen. Endlich ist da aber auch noch ein Versprechen: Sie will in ihrem Bücherschrank nachsehen und den Sammelband von Alexander Gugnin finden, in dem erstmals Gedichte von Wolf Peter Schnetz auf Russisch erschienen sind. Ein Werk, Ende der 80er Jahre in einem renommierten Moskauer Verlag publiziert, von dem der Poet selbst gar nichts wußte. Es lohnt eben, die Bibliothek Tamara Anischtschuk immer einmal wieder zu Rate zu ziehen. Man mag ihre Bücher gar nicht mehr aus der Hand legen.

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