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Posts Tagged ‘Einiges Rußland’


Der zweite Teil des Romans „Friedhof der Kuscheltiere“ des Gruselgroßmeisters Stephen King beginnt so: „Die Ansicht, es gäbe irgendwelche Grenzen für das Grauen, das der menschliche Geist zu erfassen vermag, ist vermutlich irrig. Im Gegenteil: Es sieht so aus, als stellte sich, wenn die Dunkelheit tiefer und tiefer wird, ein Steigerungseffekt ein – die menschliche Erfahrung neigt, so ungern man es auch zugeben mag, in vieler Hinsicht zu der Vorstellung, daß, wenn der Alptraum schwarz genug ist, Grauen weiteres Grauen hervorbringt, ein zufälliges Unglück weitere, oft vorsätzliche Unglücke zeugt, bis schließlich die Schwärze alles zudeckt. Und die erschreckendste Frage dürfte sein, wieviel Grauen der menschliche Geist zu ertragen vermag, ohne seine wache, offene, unverminderte Gesundheit einzubüßen. Daß solchen Ereignissen eine eigene Komik innewohnt, versteht sich fast von selbst. Von einem bestimmten Punkt an wird alles fast komisch, und das kann der Punkt sein, an dem die geistige Gesundheit entweder obsiegt oder sich biegt und zusammenbricht, der Punkt an dem sich der Sinn eines Menschen für den Humor wieder durchzusetzen beginnt.“

Wladimir Lenin

Wladimir Lenin

Wenn die Ewiggestrigen der Kommunistischen Partei sich in Wladimir mit der Jungschar der Komsomolzen unter dem roten Banner zusammentun, um – wie unlängst geschehen – den 135. Geburtstag von Josef Stalin zu begehen, ist man an einem solchen Punkt angelangt, von dem der amerikanische Romancier spricht, wo man sich fragt, wieviel Grauen der menschliche Geist zu ertragen vermag.

Der Georgier, den Wladimir Lenin keinesfalls als seinen Nachfolger sehen wollte, profitiert derzeit von dem Lazarus-Effekt, der die russische Politik fest im Griff hat. Wenn selbst der Staatspräsident von der klugen Politik spricht, die zum geheimen Ribbentrop-Moltow-Zusatzabkommen geführt habe und in dessen Ergebnis Polen, das sich Adolf Hitlers Werben um einen gemeinsamen Angriff auf die Sowjetunion stets entzogen hatte, einen Zweifrontenkrieg über sich ergehen lassen mußte, von all den anderen Kollateralschäden zu schweigen, was will man dann erwarten von den heutigen Bekennern der sozialistischen Ideologie?

Versammlung vor der Büste von Josef Stalin

Versammlung vor der Büste von Josef Stalin

Der Ruf nach einem starken Mann ist wieder groß, nach einem, der durchgreift und alles richtet. Und der Herrscher im Kreml tut ja auch alles, um diesem Anspruch gerecht zu werden: Er widersteht dem feinseligen Westen, er holt zurück, was vermeintlich immer zu Rußland gehörte, er beantwortet Sanktionen mit Sanktionen, er eint das Vaterland – und läßt sich nichts gefallen.

In Wladimir gibt es einen Ort, wo der Prototyp des Tyrannen eine gruslige Heimstatt gefunden hat, einen Ort, von dem Stephen King sagen würde: „Drogensüchtige fühlen sich wohl, wenn sie sich Heroin in die Adern spritzen, und dennoch vergiften sie sich. Vergiften ihren Körper und ihr Denken. Dieser Ort kann die gleiche Wirkung haben.“ Dieser Ort liegt im Osten der Partnerstadt, im Vorgarten eines Unternehmers, der dort die Büsten aller Parteisekretäre der UdSSR aufgestellt hat, von Wladimir Lenin bis Michail Gorbatschow, mit Ausnahme von Georgij Malenkow. Zwar nicht immer in der chronologischen Reihenfolge, wie ein Lokaljournalist anmerkt, aber neben Josef Dschugaschwili alias Stalin findet sich Nikita Chruschtschow, ja, derjenige, der die Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen hatte und dessen Schenkung nun von Moskau für null und nichtig erklärt wird, und gleich darauf kommt Leonid Breschnjew, der den Ukrainer mit dem berühmten Schuh gestürzt hatte.

Rote Nelken für Josef Stalin zu seinem 135. Geburtstag

Rote Nelken für Josef Stalin zu seinem 135. Geburtstag

Doch all diese roten Potentaten von einst und erst recht deren Nachfolger verblassen im Schatten von Josef Stalin, dessen Rolle bei der Industrialisierung des Landes, beim Sieg gegen das Dritte Reich oder in der Nachkriegsperiode der junge Genosse, Andrej Nikolskij, lobte, um dann zu fordern, man müsse „das Grab Stalins von dem Müll reinigen, den man dort abgeladen habe.“ Wahrscheinlich meint er damit die Gerüchte vom Gulag, von Zwangsarbeit, von Massenhinrichtungen. All diese Verleumdungen.

Auch der Stadtrat, Boris Owertschuk, gab sich die Ehre und berichtet von seiner Militärzeit im Kaukasus. Er habe da einen ehemaligen Offizier kennengelernt, der sich als Taxifahrer durchs Leben schlug – und Stalinbüsten sammelte. Da ist doch auch ein Wort des Dankes an den Geschäftsmann angebracht, der das Gedenken an die Sowjetunion in Stein bewahrt. Etwas, wozu Stephen King gesagt hätte: „Es ist dieser verdammte Ort. Das ist ungesund. (…) Morbide ist das und sonst nichts!“

Anatolij Lebedjew und Josef Stalin

Anatolij Lebedjew und Josef Stalin

Zum stimmungsvollen Bild gehören natürlich auch einige Verse, die der Führer aller Völker aus seiner Jugendzeit zur Erbauung der Nachwelt hinterlassen hat, vor allem aber die Eloge, die Anatolij Lebedjew, Sekretär der Regionalgruppe der Kommunistischen Partei, verlauten ließ. Zitate gefällig?

Unsere Sowjetunion hatte Glück. Stalin hat aus dem Nichts heraus, sogar aus einem Minus heraus einen Staat geschaffen und ihn zur höchsten Blüte der Entwicklung gebracht, bis zur Atomwirtschaft. Das erkannte sogar Churchill an. – Sogar dieser Medwedjew, der Präsident war und Staatsoberhaupt, auch der hat schon einmal anerkannt, daß wir leider auf Kosten dessen leben, was vor uns geschaffen wurde. Sogar dieser liberale Politiker hat das zugegeben, wo wir jetzt die Staatspleite haben, schon die dritte Staatspleite. Begreifen Sie, was das für ein Widerspruch ist: Die liberale Wirtschaft zerstört das Land, aber er ist für die liberale Wirtschaft.

Und dann wird es so richtig deftig-heftig:

Es heißt immer, das Verdienst des Präsidenten sei es, die Krim angeschlossen zu haben. Aber womit steht jeder positive Schritt in Zusammenhang? Damit, daß es dem Land zumindest ein wenig besser geht, das Leben besser wird. Aber wie ist es bei uns? Kaum unternimmt jemand etwas, schon wird es zwangsläufig schlimmer!

Die gespenstisch-morbide Rede mit roter Nelke und mehrmaligen Verneigungen vor dem Idol in Stein ist hier für die zu sehen, die des Russischen mächtig sind: http://is.gd/GtYQC1

Nikita Chruschtschow

Nikita Chruschtschow

Dem sei nur ein kurzer Dialog aus Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ zwischen einem Lageraufseher und einem Gefangenen entgegensetzt: „Wie lange sitzt du?“ – „25 Jahre.“ – „Wofür?“ – „Für nichts.“ – „Du lügst. Für nichts sitzt man zehn Jahre!“

Aber zurück in die Gegenwart. Die birgt offenbar Potential für Proteste. Jedenfalls hat Mitte des Monats eine Gruppe von Soziologen aus Moskau Menschen in Wladimir als typisch für den europäischen Teil des Landes und in Gus-Chrustalnyj als charakteristisch für eine Kleinstadt in der Depression nach ihrer Stimmung gefragt. Im Ergebnis zeigt sich, daß zu den bekannten Objekten der „sozialen Aggression“, den Staatsdienern und Migranten, ein dritter Komplex dazugekommen ist, der äußere Feind in Form des Westens.

Leonid Breschnjew

Leonid Breschnjew

In der Tendenz glauben die Menschen bisher noch den offiziellen Medien. Aber nur hinsichtlich der Außenpolitik. Was die russischen Realien angeht, verlassen sie sich lieber auf eigene Erfahrungen und alternative Informationsquellen aus dem Internet. Nach wie vor genießt der Präsident mit bis zu 80% ein hohes Maß an Zustimmung, allerdings offenbar hauptsächlich deshalb, weil er als alternativlos erscheint. Die beiden größten Ängste sind ein möglicher Krieg und eine hohe Inflation. Offenbar erinnert man sich auch an die Krise von 1998, als in den Provinzstädten, auch in Wladimir, Hungerstreiks, Arbeitsniederlegungen, Straßensperrungen an der Tagesordnung waren. Politische Proteste drohen zwar laut der Umfrage in Wladimir derzeit nicht unmittelbar, aber die Wahrscheinlichkeit für spontane Manifestationen gegen eine sich verschlechternde Wirtschaftslage habe deutlich zugenommen.

Jurij Andropow

Jurij Andropow

Doch auch diese vermeintlich unpolitische Haltung birgt Sprengstoff. Einerseits vertraut kaum jemand den Oppositionsparteien, andererseits traut auch kaum mehr jemand der herrschenden Partei Einiges Rußland zu, die Krise zu meistern. Was es bedeutet, wenn es in der Politik gar keine Kräfte mehr gibt, von denen man glaubt, sie könnten etwas verbessern, mag man sich lieber nicht ausmalen. Die Umfrage kommt jedenfalls zu dem Schluß, die Menschen in der Provinz konzentrierten sich in der Krise – wie schon 1998 – vor allem auf ihr persönliches Überleben.

Das sieht Gouverneurin Swetlana Orlowa freilich alles wesentlich entspannter und mahnt zur Ruhe als erster Bürgerpflicht, wenn sie sagt:

Natürlich gibt es einige Dinge, an denen gearbeitet werden muß. Natürlich meine ich das, was da die USA veranstalten mit ihren Sanktionen. Unser Präsident hat dazu in aller Ruhe und Würde alles gesagt. Die Leute sollen jetzt nur nicht in Panik verfallen. Sie brauchen keine Grütze, keinen Reis sackweise kaufen, sonst fliegen später in den Wohnungen und Häusern nur die Motten herum. Wir haben von allem genug. Rußland ist ein starker und mächtiger Staat. Wir haben einen starken und professionellen Führer, unseren Präsidenten Rußlands. Wir haben eine höfliche und mächtige Armee. Wir haben von allem genug, um uns selbst zu schützen. Aber die Welt muß mit Rußland rechnen, weil Rußland immer die Ehre, die Gerechtigkeit und die Ordnung verteidigt hat.

Konstantin Tschernenko

Konstantin Tschernenko

Im sogenannten „Neurußland“ schafft man unterdessen weiter Fakten, wie das Pressezentrum in Luhansk bekannt gibt:

Ja, wir passen uns der russischen Gesetzgebung an. Weil Rußland uns unterstützt und wir gleichzeitig verstehen, wie schwer es für uns wäre, weiter bei der Ukraine zu bleiben. Aber das bedeutet nicht, daß wir blind diese Dokumente kopieren: Wir nehmen uns das Beste, was es in der Russischen Föderation gibt und in Republiken wie Weißrußland und der Krim.

Lew Tolstoj liest ja leider offenbar niemand mehr in Rußland, sonst wüßte man: „Je größer der Staat, desto falscher und grausamer sein Patriotismus.“

Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschow

Dafür weiß sich der Volksmund Rat, wenn er sagt: „Wir sind nicht in Panik. Die Leute auf den Straßen klagen gemäßigt und fluchen friedlich.“ – Oder: „Sobald es wieder besser um die Wirtschaft steht, kaufe ich mir eine neue Gitarre. Die alte taugt nicht mehr, um in den Unterführungen zu spielen. Für den Sound gibt niemand mehr auch nur einen Rubel.“ – Und in Anspielung auf Kuba: „Wer weiß, in 50 Jahren nennen die USA vielleicht die Sanktionen gegen Rußland einen Fehler.“

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Wünsche sind bei dem Besuch der Jugendgruppe aus Wladimir (s. http://is.gd/4iHSBL), die gestern wieder die Heimreise angetreten hat, keine offen geblieben. Nur an Zeit hat es gefehlt, wirklich allen Fragen nachzugehen. Ein Grund, bald in dieser oder einer anderen Zusammensetzung wiederzukommen und vor allem nun den Gegenbesuch der neuen deutschen Freunde vorzubereiten.

Spasatel Aßmus

Sergej Konstantinow, Alewtina Klimowa, Jekaterina Medwedjewa, Birgitt Aßmus, Swetlana Sokolowa, Gennadij Brajt

Dabei hatten sich die Gäste so manches doch anders vorgestellt. Zum Beispiel den Ablauf eines Empfangs im Rathaus, wo es statt des erwarteten steifen Protokolls ein angeregtes Frage- und Antwortspiel mit Bürgermeisterin Birgitt Aßmus gibt: von der Familienplanung bis hin zur Jugendpolitik.

Spasatel BDKJ

Gennadij Brajt, Jutta Schnabel, Amil Scharifow, Alewtina Klimowa, Swetlana Sokolowa, Jekaterina Medwedjewa, Rolf Bernard, Sergej Konstantinow

Die war dann in ihrer praktischen Umsetzung und vor allem der Anwendung in der Städtepartnerschaft auch Thema beim Treffen mit dem Bund der Katholischen Jugend in Deutschland, vertreten durch Jutta Schnabel und Rolf Bernard. Und schon war man übereins gekommen, beim nächsten Austausch die Organisation Retter und das Rote Kreuz Wladimir in die Programmplanung einzubeziehen. Denn genau nach dem haben die Erlanger gesucht, was diese Vereine in Wladimir bieten können: Zeltlager, Naturausflüge, Überlebenstraining. Im Gegenzug sollen im nächsten Sommer auch schon junge Leute aus den Reihen von Retter und Rotem Kreuz am Austausch in Erlangen teilnehmen. So schnell kann es gehen, wenn Partner zusammenpassen.

Spasatel BRK

Stefanie Wawra und Anna Kienreich lassen Gennadij Brajt bei der Jugendgruppe des BRK Erlangen-Höchstadt zur Ader

Das gilt nicht minder für die Jungendorganisation des Roten Kreuzes, wo man die Gäste nur zu Demonstrationszwecken zur Ader läßt. Nachdem das BRK Erlangen-Höchstadt das Fundament für die Zusammenarbeit mit den Rettungsorganisationen in Wladimir gelegt hat – und noch viel mehr! – ist es mehr als ein Anstandsbesuch, den die Gäste in der Henri-Dunant-Straße absolvieren. Denn ohne die Anstöße aus Erlangen, das darf man so sagen, gäbe es das Rote Kreuz in Wladimir nicht, könnten die Programme zur Ersten-Hilfe-Ausbildung und zur Häuslichen Pflege, an denen sich die Gäste alle ehrenamtlich beteiligen, nicht durchgeführt werden. Jetzt ist es an der jungen Generation des Bayerischen Roten Kreuzes, die Einladung in die Partnerstadt anzunehmen und das fortzuführen, was Jürgen Üblacker und Brüne Soltau so erfolgreich ins Werk gesetzt haben.

Spasatel DLRG

Gennadij Brajt an Bord der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft

Wißbegierig wie die ganze Gruppe ist, wollen sie aber auch im Laufe dieser Woche andere Rettungsorganisationen kennenlernen und mehr erfahren über die ehrenamtliche Arbeit in Deutschland. So bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, wo alles über und unter dem Wasser zu inspizieren ist, wo es gerade für die beiden Taucher, Gennadij Brajt und Sergej Konstantinow, vieles gibt, dem sie auf den Grund gehen und wo Stefanie Burhard und Serhat Uzun zeigen, was zu zeigen ist.

Spasatel Johanniter Katja und Sergej

Sergej Konstantinow und Jekaterina Medwedjewa mit Jennifer Kwapis bei den Johannitern

Da sind die Johanniter mit einer ähnlichen Struktur wie das BRK und doch wieder mit einem anderen Profil und einem in der Region einzigartigen Rettungswagen für Neugeborene.

Spasatel Johanniter Katja

Jekaterina Medwedjewa im Rettungswagen für Babys

Ob man sich da nicht bei Rettungsmaßnahmen ins Gehege komme, ob es da nicht Kompetenzstreitigkeiten gebe, Fragen über Fragen von jungen Leuten, die aus einem Land kommen, wo die Strukturen ganz anders sind, wo das Rote Kreuz zwar auf den Ambulanzen zu sehen ist, dahinter aber die Polikliniken stehen, wo bei Unfällen die Mitarbeiter des Katastrophenschutzministeriums ausrücken und die Feuerwehr tatsächlich nur Brandbekämpfung betreibt, wo alles noch viel zentralistischer geregelt ist, eben auch im Rettungswesen.

Spasatel Johanniter

Gruppenbild bei den Johannitern

Und wo die Strukturen von oben nach unten geordnet sind, wo das Ehrenamt, wie vor allem Alewtina Klimowa beklagt, vielfach bisher nur auf dem Papier stehe, etwa bei den Freiwilligen Feuerwehren.

Die Gruppe beim Technischen Hilfswerk mit dem Ortsbeauftragten, Bernd Völkel, 5. v.l.

Die Gruppe beim Technischen Hilfswerk mit dem Ortsbeauftragten, Bernd Völkel, 5. v.l.

Wo bisher eine ehrenamtliche Rettungsorganisation wie das Technische Hilfswerk nur schwer vorstellbar ist mit ihrem weltweiten Einsatz, der übrigens vor mehr als 20 Jahren auch einmal nach Wladimir führte. Damals, im Winter 1991/92 brachte das THW die zwei Heizkessel in die Partnerstadt, die bei Siemens UBMed nicht mehr gebraucht wurden und bis heute in Wladimir Dienst tun.

Spasatel Förderverein 1

Gruppenbild mit Mitgliedern des Fördervereins Rotes Kreuz Wladimir

Auch nicht nur auf dem Papier steht der Förderverein Rotes Kreuz Wladimir, der zu einem Abendessen einlud und hören wollte, was die jungen Gäste beruflich machen und ehrenamtlich für das Rote Kreuz tun. Rudolf Schwarzenbach war als ehemaliger Partnerschaftsreferent derjenige am Tisch, der dabei den Blick am weitesten zurück bis in die Anfänge der Zusammenarbeit mit Wladimir richten konnte. Er war es aber auch, der im 30. Jahr der Partnerschaft die Jugend leidenschaftlich aufrief, den Austausch unbedingt fortzusetzen. Darum braucht er sich freilich keine Sorgen zu machen. Junge Menschen wie Sergej Konstantinow, der dieser Tage in Erlangen seinen 25. Geburtstag feierte, wissen diese Möglichkeiten der Begegnung zu schätzen und die Aktiven in Erlangen zu würdigen – wie Barbara Wittig für ihr so wichtiges Amt der Kassenwartin im Förderverein.

Spasatel Förderverein 2

Sergej Konstantinow und Barbara Wittig

Dafür steht auch der Stadtjugendring, der schon in den frühen 80er Jahren die Begegnungen mit jungen Leuten aus beiden Städten in die Hände nahm. Und seit Heino Sand und Matthias Buggert sich im Rahmen des Partnerschaftsjubiläums persönlich in Wladimir auf die Suche nach neuen Kontakten gemacht haben, sind die Verbindungen wieder greifbar geworden.

Spasatel Stadtjugendring

Heino Sand, Swetlana Sokolowa, Jekaterina Medwedjewa, Sergej Konstantinow, Matthias Buggert und Alewtina Klimowa

Verbindungen, die längst auch Jena einbeziehen, von wo eine kleine Gruppe, begleitet von Anna Kulakowa, zu einer Europaveranstaltung zum Thema Jugendaustausch nach Erlangen gekommen war und mit der die Wladimirer einen Abend verbrachten und eine gemeinsame Bamberg-Fahrt unternahmen. Das Freiwillige Europäische Jahr, in dessen Rahmen Anna Kulakowa derzeit in Jena arbeitet, könnte auch für die Organisationen Retter und Rotes Kreuz Wladimir Möglichkeiten bieten. Man braucht sie nur zu ergreifen. Wie das geht weiß das Quintett jetzt.

Spasatel Jena

Die Gruppe mit Anna Kulakowa und den Gästen aus Jena

Doch es könnte endlich auch zu einem ganz neuen Fachaustausch kommen. Ein gelungener Anfang jedenfalls ist mit Jekaterina Medwedjewa gemacht. Die angehende Krankenschwester, die ehrenamtlich bei der Pflege von schwerkranken Patienten dem Roten Kreuz in Wladimir hilft, durfte  dank der spontanen Zustimmung der Leiterin, Gunda Kramer, einen ganzen Vormittag lang die Staatliche Berufsfachschule für Krankenpflege kennenlernen.

Spasatel Katja 1

Jekaterina Medwedjewa, Gunda Kramer und Natalja Schutzeichel

Geführt von der russischsprachigen Natalia Schutzeichel mit viel Sachverstand und Herzlichkeit – durch eine Vielzahl von Kliniken und Abteilungen, vertraut gemacht von der Erlanger Kollegin mit Ausbildungsschwerpunkten – und angeregt, aus diesem Antrittsbesuch eines Tages mehr zu machen: eine Zusammenarbeit mit der Wladimirer Fachschule für Krankenpflege. Warum es nicht endlich den Ärzten gleichtun, die seit drei Jahrzehnten die Verbindung zu Erlangen nutzen, um in so gut wie allen Fachbereichen zu hospitieren und voneinander zu lernen!

Spasatel DAV 1

Gennadij Brajt, Sergej Konstantinow, Jekaterina Medwedjewa, Christian Goldhagen, Alewtina Klimowa, Swetlana Sokolowa und Amil Scharifow

Aber nicht vom Lernen allein lebt der Mensch, vor allem nicht der junge. Er will auch etwas erleben, sich selbst erproben, seine Grenzen kennenlernen.

Spasatel DAV 2

Alewtina Klimowa

Das bietet der Deutsche Alpenverein mit seinen 6.500 Mitgliedern und all den Angeboten in der Halle, auf dem Gelände und natürlich draußen in der Natur.

Spasatel DAV 3

Jekaterina Medwedjewa, Swetlana Sokolowa, Christian Goldhagen, Alewtina Klimowa, Gennadij Brajt und Sergej Konstantinow

Christian Goldhagen, der sich einen ganzen späten Vormittag für die Wladimirer freihielt, weiß, wonach jungen Leuten der Sinn steht und kann für Kletterer und Boulder-Freunde Dinge zeigen, die es so in Wladimir – leider – bisher nicht gibt.

Spasatel DAV 4

Christian Goldhagen, gefesselt von Gennadij Brajt

Gennadij Brajt, der an die 20 verschiedene Knoten zu binden weiß, würde gern mit Alewtina Klimowa eine Gruppe für Bergrettung gründen. Auch wenn das nicht ganz das Metier des Alpenvereins ist, wollen die Gäste dennoch von dem neuen Kontakt profitieren und können sich beispielsweise vorstellen, ihre Bergfexe für ein Praktikum nach Umhausen zu schicken, wo die Erlanger Hütte lockt. Mancher Traum will eben gleich hoch hinaus. Aber das ist ja auch das Vorrecht der Jugend.

Spasatel DAV 6

Alewtina Klimowa in der Wand

Während der Rest der Gruppe noch in der Wand hängt, trifft sich Swetlana Sokolowa, Vorsitzende des Ortsverbands Wladimir der Partei-Organisation Junge Garde mit etwa 3.000 Mitgliedern, mit Rufus Buschart und Johannes Heunisch von der Jungen Union.

Spasatel DAV 7

Sergej Konstantinow, Amil Scharifow, Swetlana Sokolowa, Jekaterina Medwedjewa, Gennadij Brajt und Alewtina Klimowa

Bei allen Gemeinsamkeiten in der politischen Arbeit und im Kampf gegen das politische Desinteresse der Jugend hier wie dort gibt es auch große Unterschiede: Die Junge Garde kann ihre Mitgliedsbeiträge für eigene Projekte verwenden – besonders im Sozialen -, steht aber im Oben-Unten-Verhältnis zur Mutterpartei Einiges Rußland. Dafür hat sie den Vorteil gegenüber der Jungen Union, die einzige „Ausgründung“ der Partei zu sein und dadurch größere Aufmerksamkeit zu genießen. Mit spätestens 28 Jahren müssen sich die Jung-Gardisten endgültig für die Partei entscheiden, während man bei der JU bis Mitte 30 zum Nachwuchs zählt.

Spasatel JU

Johannes Heunisch, Swetlana Sokolowa und Rufus Buschart

Politische Agitation an den Hochschulen – Swetlana Sokolowa studiert im 3. Jahr an der Verwaltungsakademie – ist in Rußland gesetzlich untersagt, aber auf dem Umweg über die enge Zusammenarbeit mit Organisationen wie Rotes Kreuz oder die Selbsthilfeinitiative Swet kommt sie doch immer wieder an ehrenamtlich, sozial und politisch interessierte Altersgenossen heran, die sich möglicherweise auch für die Junge Garde gewinnen lassen. Für Wladimir hat die Jungpolitikerin, die sich von den Krawall-Aktionen der Jugendorganisation „Naschi – Die Unseren“ distanziert, mehr auf inhaltliche Überzeugungsarbeit setzt und beklagt, daß die Oppositionsparteien kaum praktikable Gegenkonzepte auf den Tisch legen, auf jeden Fall schon einmal ihre Erlanger Kollegen gewonnen. Noch steht der Kontakt am Anfang, aber schon ist da die Einladung nach Wladimir und zu den alljährlichen Jugendtreffen am Seligersee. Mancher Traum will eben gleich hoch hinaus…

P.S.: Ein besonderer Dank der Gäste geht übrigens an Amil Scharifow für die ausgezeichnete Vorbereitung des Programms und die Rundumbetreuung!

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Die ganze Nacht hindurch dauerte die Auszählung der Stimmen nach dem gestrigen Urnengang in der Region Wladimir, wo es galt, das Amt des Gouverneurs sowie die Zusammensetzung der Duma, des Parlaments, zu bestimmen. Auch wenn die Wahllokale, das vorneweg, bis um 20.00 Uhr geöffnet waren, die allermeisten, nämlich fast zwei Drittel, machten von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch. Ob das nun eine Folge der von Wladimir Putin „gelenkten Demokratie“ ist, in der man sich so wohl und sicher fühlt, daß man sich einfach auf die Fürsorge der Kremlpartei Einiges Rußland verläßt, oder ob man glaubt, man habe ohnehin keine wirkliche Wahl, weil schon vorab alles entschieden sei, mag Politologen interessieren, klar ist nur der Trend zur Politikabstinenz des Elektorats bei gerade einmal 28% Wahlbeteiligung. Erfreulich aber: Die Wahlbeobachter meldeten keine ernstzunehmenden Zwischenfälle oder gar Fälschungsversuche.

Wladimir Putin und Swetlana Orlowa

Wladimir Putin und Swetlana Orlowa

Nun denn zu den Ergebnissen: Swetlana Orlowa, am 25. März vom Präsidenten der Russischen Föderation als Nachfolgerin von Nikolaj Winogradow kommissarisch eingesetzt, hat sich mit fast 74,73% der abgegebenen Stimmen klar gegen Anatolij Bobrow, ihren kommunistischen Herausforderer, durchgesetzt, den gerade einmal 10% der Wähler als Landesvater sehen wollten. Die fünf weiteren Kandidaten blieben alle deutlich im einstelligen Bereich. Damit ist der letzte rote Fleck auf der politischen Landkarte Rußlands getilgt, denn 16 Jahre lang herrschte im Weißen Haus zu Wladimir mit Nikolaj Winogradow ein Kommunist, der freilich im Amt mehr Pragmatismus als Parteipolitik betrieb. Seine Nachfolgerin wird es die nächsten fünf Jahre leichter haben mit dem Regieren. Nicht nur wegen der allseitigen Unterstützung aus dem Kreml, sondern auch wegen der Zusammensetzung der gestern ebenfalls neugewählten Duma: Von den 38 Mandaten des Wladimirer „Landtags“ gehen 27 an ihre Partei Einiges Rußland, drei bzw. zwei Sitze erhalten die Kommunisten und die Liberaldemokratische Partei, und Gerechtes Rußland stellt einen Abgeordneten. Keine der Oppositionsparteien  – immerhin weitere 14 an der Zahl, von Jabloko über Demokratische Plattform bis hin zu den Grünen oder der Rentnerpartei – schaffte den Sprung über die Sieben-Prozent-Hürde. Wie auch immer: Der Wähler hatte das Wort, besonders der Nichtwähler. In ihrer aller Namen ergreifen nun die Volksvertreter das Wort. Sie mögen es gut wählen – und zum Nutzen aller!

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Während die Kreml-Partei Einiges Rußland derzeit ein Großaufgebot von politischer Prominenz nach Wladimir schickt – nächste Woche erwartet man dort sogar Premierminister Dmitrij Medwedjew – und damit bei den Gouverneurswahlen am 8. September den Sieg von Swetlana Orlowa sicherstellen will, während also alles auf einen Sieg der Putin-Favoritin hindeutet, wollen nun auch die vielen Splitterparteien, die sich als demokratisch und fundamental-oppositionell bezeichnen besser positionieren. Das nach der Protestwelle – ausgelöst durch die dreisten Wahlfälschungen vom Dezember 2010 allüberall im Land – verabschiedete Gesetz zur vereinfachten Registrierung von Parteien hat, im Ausland (leider auch in Rußland selbst) weitgehend unbemerkt tatsächlich zu einer bunten Vielfalt von Neugründungen geführt. So viele neue Parteien gibt es mittlerweile auch in der Region Wladimir, daß der Wahlschein auf ein DIN-A-3-Format angewachsen ist, um ihnen allen, insgesamt 18, Platz zu bieten. Hinzu kommen weitere Parteien, die aus unterschiedlichen Gründen an den bevorstehenden Wahlen noch nicht teilnehmen wollen.

An uns denkt man nur bei den Wahlen. - Ich weiß, aber ich kann doch nicht jede Woche Wahlen ausrufen.

An uns erinnert man sich nur bei den Wahlen. – Ich weiß, Alterchen…, aber ich kann doch nicht jede Woche Wahlen ausrufen…

Nun sind diese politischen Neulinge nach einem Bericht von TV Zebra dabei, zumindest in der Region Wladimir ein Wahlbündnis gründen und damit besser für die Auseinandersetzung mit den kremltreuen Parteien sowie den Kommunisten gewappnet zu sein. Niemand denkt allerdings an einen formellen Zusammenschluß oder auch nur eine Koalition, denn zu unterschiedlich sind die Richtungen von der ultrarechten National-Demokratischen Partei eines Wladimir Tor, der in aller Öffentlichkeit mit dem Hakenkreuz posiert und den Hitlergruß zeigt, bis zum weltoffen liberaldemokratischen Spektrum, dem man Parnaß und Jabloko zurechnen darf. Da geht zweifellos nur auf Zeit etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Dessen sind sich die Initiatoren des Bündnisses auch bewußt und wollen einander zunächst einmal auf die Fähigkeit zur Zusammenarbeit prüfen. Gemeinsam planen sie nämlich, am 8. September in alle kritischen Wahllokale Beobachter zu entsenden, jede Partei nach ihren personellen Möglichkeiten. Denn das Mißtrauen sitzt noch tief. Da kann das staatliche Wahlleiterbüro noch so sehr beteuern, man habe jede Möglichkeit zur Fälschung ausgeschlossen. Derlei hatte man damals auch gehört. Also: Trau schau wem, besonders dann, wenn man die Wahl hat. Wie es danach mit der Oppositions-Allianz weitergeht, wird sich weisen. Nur eines ist jetzt schon klar: Die Unzufriedenheit mit Einiges Rußland und den übrigen Kreml-Parteien mag wachsen, aber eine demokratische Alternative, die daraus Honig saugen könnte und für breite Wählerschichten attraktiv wäre, muß sich erst noch herausbilden. Es gibt sie nicht. Auch nicht nach Gründung des Zweckbündnisses in Wladimir.

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Seit gestern ist es qua Ukas des Präsidenten der Russischen Föderation amtlich. Gouverneur Nikolaj Winogradow, dessen vierte Regierungszeit am Samstag zu Ende ging, verliert seinen Posten als Landesvater der Region Wladimir mit sofortiger Wirkung (s.http://is.gd/RaKwa5) . Bis zu den Wahlen im September übernimmt Swetlana Orlowa, bisher stellvertretende Präsidentin des Föderationsrates, vergleichbar mit dem deutschen Bundesrat, kommissarisch die Amtsgeschäfte und wird sich, wie ihre Partei Einiges Rußland bereits bestätigt, im Herbst dem Wählervotum stellen.

Swetlana Orlowa.

Swetlana Orlowa.

Beobachter bezeichnen die für ihr strenges Regiment bekannte Politikerin als eine „Warägerin“, angelehnt an die Legende aus der Nestorchronik, nach der die Slawen sich im 9. Jahrhundert an die „Waräger“ genannten Skandinavier mit den Worten wandten: „Unser Land ist groß und reich, doch es ist keine Ordnung in ihm; so kommt über uns herrschen und gebieten.“ Was da ein Mönch in Kiew Anfang des 12. Jahrhunderts als Gründungsmythos schuf, läßt sich durchaus mit der Situation in der Region Wladimir vergleichen. Nikolaj Winogradow – mit 16 Jahren im Amt einer der altgedientesten Gouverneure landesweit – war der letzte Kommunist in dieser Funktion. Immer wieder war über seine Abberufung spekuliert worden, aber er entschied zwei Mal die Wahlen für sich und wurde für weitere zwei Amtsperioden vom Staatspräsidenten ernannt. Eine einmalige politische Laufbahn, die nun aber ans Ende gelangt ist. Siegfried Balleis, Erlangens Oberbürgermeister, hatte dem scheidenden Gouverneur bereits Ende vergangener Woche für die vertrauensvolle Zusammenarbeit gedankt, besonders aber für die vielen Partnerschaftsprojekte – den Blauen Himmel und das geplante Pilgerhaus für die Rosenkranzgemeinde, um nur die wichtigsten zu nennen -, an deren Gelingen Nikolaj Winogradow persönlich entscheidenden Anteil hatte.

Swetlana Orlowa im Gespräch mit Wladimir Putin.

Swetlana Orlowa im Gespräch mit Wladimir Putin.

Die 1954 in der Region Chabarowsk, also im Fernen Osten des Landes, geborene Swetlana Orlowa gilt als „schwere Artillerie“, von Wladimir Putin und der Partei Einiges Rußland in Stellung gebracht, um das rote Gouvernement Wladimir auf Linie zu bringen. Dabei gab es durchaus lokale Anwärter auf den Posten, doch offenbar befand der Kreml deren politisches Gewicht als zu leicht. Dabei wird es auch die Reingeschmeckte nicht leicht haben im Kampf um die Stimmen. Sie kennt Wladimir bisher nur von einem einzigen Besuch her, vor ziemlich genau zwei Jahren. Damals war sie auf Inspektionsreise in Sachen Stadtwerke unterwegs und kündigte ein unerbittlich hartes Vorgehen gegen Behörden und Personen an, die sich auf Kosten der Bevölkerung bereichern und die Finanzen nicht zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Bürger einsetzen. Das war keine kammermusikalische Einlage, eher ein brausendes Tutti, das nachhallt und spätestens jetzt für viele zum Weckruf werden dürfte.

Nikolaj Winogradow.

Nikolaj Winogradow.

Auch wenn Moskau gesprochen und eine Frau berufen hat, ist die Sache noch nicht entschieden. Gegen Swetlana Orlowa will in jedem Fall Alexander Filippow antreten, der seine Partei Einiges Rußland nach den Wahlfälschungen 2011 im Streit verließ und die „Bürgerplattform“ gründete. Und die Kommunisten werden das Feld auch nicht kampflos räumen. Bis Ende der Woche wollen sie ihren Kandidaten für das Amt des Gouverneurs benennen. Spätestens dann – und damit früh genug! – beginnt der Wahlkampf. Gleich, wie der ausgeht, Swetlana Orlowa ist aus Erlangen eine glückliche Hand für ihre Aufgabe zu wünschen, das Gouvernement Wladimir zu regieren. Spätestens zum Jubiläum Ende Mai wird sie dann auch Gelegenheit haben, die Städtepartnerschaft kennenzulernen, die längst weit auf die ganze Region ausstrahlt und hoffentlich auch ihre Unterstützung findet. Glück auf!

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Mindestens zwei Dinge sind noch unklar, was das Schicksal von Gouverneur Nikolaj Winogradow angeht. Zum einen, ob er, der letzte Kommunist auf diesem Posten, im nächsten Jahr noch einmal zur Wahl antritt, zum andern, wann die Wahlen überhaupt stattfinden: im März oder im September. Klar aber sagt er seine Meinung zu gesellschafts- und parteipolitischen Fragen, eine Meinung, die man auch außerhalb der Region Wladimir zur Kenntnis nehmen sollte. Im folgenden Auszüge aus einem Interview, das der Landesvater der Redaktion von Region 33 gegeben hat:

Nikolaj Winogradow

Jene Veränderungen, die in unserer Gesellschaft vonstattengehen, müssen in der Politik des Staates ihren Ausdruck finden. Wo das Hauptmotiv der Kritiker und Demonstranten darin besteht, konstruktiv Rußland zu einem starken Land zu machen, muß sich die Staatsmacht etwas überlegen und Änderungen durchführen. Dabei ist es so, daß die Veränderungen „von oben“ heute chaotischen Charakters sind. Wir eiern herum zwischen der Ernennung der Gouverneure und deren Direktwahl. Wir lassen das Mehrparteiensystem hinter uns, um dann wieder zu ihm zurückzukehren.

Was die Demonstrationen angeht, so sind sie eine Reaktion darauf, daß die Organe der Staatsmacht die Situation nicht immer adäquat einschätzen. Wenn man die Ereignisse vom Frühjahr nimmt, so ist das im wesentlichen die Antwort der Gesellschaft auf die Unzulänglichkeiten im Wahlkampf. Dabei wurden meiner Meinung nach noch immer nicht die richtigen Konsequenzen daraus gezogen. In einer Reihe von Fällen fanden als Ergebnis von Gerichtsprozessen die einen oder anderen Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen ihren Richter, aber noch immer stellt man sich die Frage, wer denn nun auf Bundesebene oder auf regionaler Ebene die Verantwortung dafür zu tragen habe. Soweit ich das beurteilen kann – noch immer unbeantwortet.

Mehr noch: Es kommt zu Versuchen eines „Rückfalls“ zu jenen Fälschungen, die bei der Durchführung der Dumawahlen vorkamen, beispielsweise in der Region Wladimir. Etwa bei der Zusammensetzung der regionalen Wahlkommission oder der Wahlkommission in Alexandrow. In ganz Rußland gibt es keinen einzigen Fall, wo der Kandidat des Gouverneurs nicht in die Wahlkommission aufgenommen würde. Nur in unserer Region ist das so.

Wir haben mit großer Mühe den politischen Monopolismus überwunden. Das war richtig so. Doch leider ist es in Rußland während der vergangenen Jahre zu einer Rückwärtsbewegung hin zur Herrschaft einer einzigen Partei gekommen. Dabei sollte doch keine Partei Mittel oder Instrument der Unterdrückung von Andersdenkenden sein. Denn die Demokratie stützt sich ja eben nicht auf die Unterdrückung von Kritik, sondern auf deren Berücksichtigung und Umwandlung in Politik. 

Was die weitere Entwicklung Rußlands angeht, braucht sie mindestens zwei Grundprinzipien: das Prinzip des Föderalismus und das Prinzip der Demokratie. Das ist die Zukunft. Hinsichtlich des Föderalismus ist zu sagen, daß er gleiche Rechte und gleiche Verpflichtungen garantieren sollte. Doch es lassen sich viele Beispiele für Verstöße finden. Nehmen wir nur den Föderationsrat, der, von wenigen Ausnahmen abgesehen, hauptsächlich durch Moskau vertreten wird. Und bei der gegebenen Mehrheitsverteilung in Föderationsrat und Staatsduma ist es einigermaßen sinnlos, diese oder jene Gesetzesentwürfe vorzulegen. Die Mehrheit hat nämlich hier wie dort die Partei Einiges Rußland, und da ist es klar, wie das Ergebnis ausfallen wird.

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Fast zwei Dutzend Gouverneure mußten seit Jahrebeginn ihren Schreibtisch räumen, weil der Kreml mit ihrer Arbeit nicht zufrieden war. Samara, Irkutsk, die Region St. Petersburg… Nun hat Sergej Borodin, ein hochrangiger Vertreter der Partei Einiges Rußland aus der Partnerstadt, den Wladimirer Landesvater, Nikolaj Winogradow, bei Premier Dmitrij Medwedjew, der seit kurzem die Kreml-Partei führt, angeschwärzt und gestern offen verlautbart, es sei schwierig in einer Region zu arbeiten, die von einem Kommunisten regiert werde. Er hoffe, diese Frage werde bald gelöst. Der Regierungschef soll daraufhin laut russischen Medienberichten mit einem Lächeln orakelt haben: „Das bleibt nicht immer so, das kann ich Ihnen bestimmt sagen.“

Nikolaj Winogradow

Nun darf man rätseln, ob Nikolaj Winogradow, der letzte Kommunist auf dem Posten eines Gouverneurs, bis Ende des Monats seines Amtes enthoben wird, oder ob man in Moskau das Ende seiner regulären Amtszeit im Frühjahr 2013 abwartet. Die Dinge werden sich jedenfalls rasch entscheiden, denn sollte die Demission bis zum 31. Mai erfolgen, kann Präsident Wladimir Putin einen Nachfolger einsetzen. Ab dem 1. Juni aber gilt ein Gesetz, wonach Neuwahlen notwendig würden, ein Zugeständnis an die Proteste gegen Wahlbetrug und mehr Demokratie. Eine Abberufung von Nikolaj Winogradow zum jetzigen Zeitpunkt wäre freilich eine letzte und hoffentlich letztmögliche Verächtlichmachung des Wählerwillens

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