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Posts Tagged ‘Doppelschnepfe’


Birkhahn

Auch der Jäger hat es im Gouvernement Kaluga besser. Im Orlovschen Gouvernement werden die letzten Wälder und Plätze binnen fünf Jahren verschwunden sein, an Sümpfe ist nicht mehr zu denken; im Kalugaer hingegen erstrecken sich Hegwälder auf Hunderte, Sümpfe auf über Dutzende von Verst, und noch ist der edle Vogel, der Birkhahn, nicht weggezogen, noch gibt es die gutmütige Sumpfschnepfe, und das geschäftige Rebhuhn erheitert und erschreckt durch sein plötzliches Aufflattern Schützen und Hund. Peter Urban 

Doppelschnepfe

Auch für den Jäger ist es im Gouvernement Kaluga besser. Im Gouvernement Orjol werden die letzten Wälder und Strauchdickichte in fünf Jahren verschwunden sein, und von Mooren wird kein Mensch mehr etwas wissen: Im Kalugischen hingegen ziehen sich die Forste über Hunderte, die Moore über Dutzende von Werst hin, der edle Birkhahn ist noch nicht ausgerottet, die gutmütige Doppelschnepfe kommt noch häufig vor, und das geschäftige Rebhuhn erfreut und erschreckt mit seinem jähen Aufschwirren Jäger und Hund. Herbert Wotte

Iwan Turgenjew auf der Jagd. Gemälde von Nikolaj Dmitrijew-Orenburgskij.

Die stets impulsiv-emphatische Kritikerin Elke Heidenreich ist bei Erscheinen der Neuübersetzung der „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Iwan Turgenjew in einen wahren Jubel ausgebrochen:  „Peter Urban hat das Buch wieder zum Leben erweckt. Das ist plötzlich ganz klar und schön zu lesen.“ Man darf annehmen, daß sie die 1981 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar erschienene Übertragung von Herbert Wotte nicht zu Rate gezogen und erst recht nicht zum russischen Original gegriffen hat. Es wären ihr nämlich sonst Unstimmigkeiten aufgefallen: Etwa daß da bei Peter Urban in der Erzählung „Chor und Kalinytsch“ gleich auf der ersten Seite vom „Orlovschen Gouvernement“ die Rede ist, obwohl es ein solches weder gab noch gibt und im Original wie in der Übersetzung von Herbert Wotte vom Gouvernement Orjol gesprochen wird. Etwa daß da in der Neuübersetzung der Leser mit dem nichtssagenden Begriff „Plätze“ alleingelassen wird, ohne die im Russischen angefügte Erläuterung, es handle sich dabei um einen in der Region gebräuchlichen Terminus für mit dichtem Strauchwerk bestandene Gegenden. Etwa daß da ohne ersichtlichen Grund und entgegen jeder ornithologischen Ordnungsliebe die eigenständige Art der Doppelschnepfe zu einer Sumpfschnepfe mutiert oder der dem Rebhuhn eigene Schwirrflug plötzlich flatterig wird. Besonders aber daß man unausgesprochen dem staunenden Leser vormacht, der Birkhahn habe im Gouvernement Orjol einfach mal die Umzugskartons gepackt. Der „edle Birkhahn“ ist nämlich im Gouvernement Kaluga nicht „nicht weggezogen“, sondern „nicht ausgerottet“. Gemeint ist, er kommt dort noch vor, brütet dort noch, hat dort noch sein Revier.

Wozu diese literarische Exegese, wozu dieser Übersetzungsvergleich? Nicht um zu beweisen, daß auch hochgelobte Meister ihrer Zunft in die Irre gehen können und man sich – wenn möglich – stets ans Original halten oder zumindest ältere Übertragungen nicht gleich ins Antiquariat verbannen sollte. Die Gegenüberstellung ergab sich eher zufällig, weil es in Fragen der Jagd immer lohnt, zu Iwan Turgenjew zu greifen.

Auerhahn

Und um die Jagd, genauer die Vogeljagd, geht es denn eben heute: Auch in den Wäldern und Strauchdickichten der Region Wladimir ist der edle Birkhahn noch nicht ausgerottet. Aber sein Bestand ist stark dezimiert, ebenso wie das Vorkommen des Auerhahns. Beide hat die oberste Jagdbehörde deshalb nun unter Schutz gestellt. In den nächsten drei Jahren darf der Birkhahn nur noch zur Balzzeit mit streng limitierter Lizenz bejagt werden, der Auerhahn genießt gar eine Schonzeit von fünf Jahren. Die Karawane der Trophäensammler vor allem aus Westeuropa, wo die Rauhfußhühner schon weitgehend ausgerottet und nicht einfach nur weggezogen sind, wird weiter nach Osten und Norden ziehen und dort für die Dezimierung der Bestände Sorge tragen, um in einigen Jahren auch wieder bei Wladimir auf die Pirsch zu gehen. Als weiterführende Literatur sei empfohlen „Das Lied vom Finken und vom Jägersmann“ von Wilhelm Busch, in dem es heißt:

„Er legt die Büchse ans Gesicht / Und schießt vom Baum den armen Wicht, / Der liegt nun da und zappelt sehr, / Vom Monde singt er nimmermehr.“

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An der Tesa

Eine gute Wendung nimmt es mit dem Kljasminsko-Luchskij Naturschutzgebiet in der Region Wladimir. Der Protest der Umweltschützer vor Ort, aber auch die Einschaltung von Staatsduma, Word Wildlife Fund und Europaparlament – ja, so wichtig ist diese Sumpf- und Waldlandschaft in den Auen der Kljasma – hat ein Einlenken von Gouverneur Nikolaj Winogradow bewirkt, der vor fast einem Jahr zwei Drittel der Fläche aus der strengen Schutzzone herausnehmen und zum Pufferbereich machen wollte. Für viele der Dutzende Tierarten, die sich alle auf der Roten Liste tummeln, hätte diese Entscheidung möglicherweise das endgültige Verschwinden aus einem der letzten Rückzugsgebiete bedeutet.

Wisent

Der Widerstand der Ökologen und der Öffentlichkeit tat das Seine. Bereits jetzt ist festgelegt, daß sich an den Schutzgrenzen nichts ändert. Bei den nun anberaumten Anhörungen ist nur noch zu klären, wie die einzelnen Zonen sich genau zueinander verhalten, wie sie am besten bewahrt werden können. Ilja Wachromejew vom Lehrstuhl für Botanik, Zoologie und Ökologie an der Staatlichen Universität Wladimir freut sich jedenfalls schon jetzt darüber, daß „der gesunde Menschenverstand doch noch gesiegt hat“. Um diesen Sieg zu erringen, waren im vergangen Jahr aber einige Expeditionen in das Gebiet bei Wjasniki notwendig, wo 100 km östlich von Wladimir der Luch in die Kljasma mündet. Viele Expertisen werden noch angefertigt, viele Fachleute werden sich noch streiten, aber die Hauptsache ist: Das Naturschutzgebiet bleibt in seinen ursprünglichen Grenzen erhalten

Biberspuren

Es geht um 21.000 ha, die bereits 1978 am Zusammenfluß von Kljasma, Luch, Uwod und Tesa im Grenzgebiet der Gouvernements von Wladimir und Iwanowo zum Naturschutzgebiet erklärt worden waren. Entstanden ist es aus den bereit 1935 eingerichteten Schutzzonen für Biber und Wassermaulwurf bzw. Desman, eine einzigartiger Kleinsäuger, der nur noch in wenigen Rückzugsgebieten Rußlands und in den Pyrenäen in zwei Unterarten vorkommt. Das Sumpfgebiet zählt 67 Seen mit einer Fläche von 5 bis 45 ha, 19 kleinere mit weniger als einem Hektar Fläche und an die einhundert Tümpel und Weiher, zusammen mehr als 440 ha Ausdehnung. Hinzu kommen die vielen kleinen fischreichen Flüsse, die alle am Südrand des Gebiets in die Kljasma münden. 73% der Fläche sind von Mischwäldern und Lichtungen bedeckt. Ein wahres Dorado findet sich hier für Botaniker, die hier sogar die Wassernuß entdecken können, eine Pflanze, die hierzulande fast als ausgestorben gilt.

Wassermaulwurf

Nicht minder vielfältig zeigt sich die Tierwelt mit dem wunderlichen Wassermaulwurf, gefolgt vom Biber, Baummarder, Fischotter, Elch, Dachs, Hermelin, Fuchs und Wildschwein, um nur einige zu nennen. Die Liste wäre aber unvollständig ohne die Wisente, die sich von hier aus, seit 1996 vom WWF betreut, wieder in ihrer ursprünglichen Heimat verbreiten können. Besonders reich auch die Vogelwelt mit Schelladler, Sumpfweihe, Habicht, Sperber, Auer- und Birkhahn, Reb- und Haselhuhn, Wachtel, Wald- und Doppelschnepfe, Bekassine, Ringeltaube und der Wachtelkönig mit seinem so schön lautmalerischen lateinischen Namen crex crex. Im reichlich vorhandenen Wasser tummeln sich Hecht, Rotauge, Schleie, Brachse, Aland, Karausche, Gründling, Quappe, Zander, Barsch und Kaulbarsch, um nur die wichtigsten Arten zu nennen.

Angemerkt sei aus aktuellem Anlaß, daß auch Erlangen so seine liebe Not mit der Erhaltung von Naturschutzgebieten hat. Just heute soll in der Staudtstraße gegen den Bau des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts demonstriert werden, weil Umweltschützer fürchten, damit gehen wichtige Rückzugsgebiete für gefährdete Arten verloren. Und man erinnert sich an den Biber im Kreis Höchstadt, der sogar Landrat Eberhard Irlinger auf den Plan gerufen hat. Da könnte man fast auf den Gedanken kommen: Von Wladimir protestieren lernen, heißt siegen lernen.

Mehr zur Vorgeschichte unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/04/23/ein-federstrich-gegen-die-umwelt

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