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Posts Tagged ‘Dmitrij Artjuch’


Wer zwei einzigartige Gemälde von Michail Schibanow aus der Wladimirer Welt des 18. Jahrhunderts sehen will, muß nach Moskau reisen, in die Tretjakow-Galerie. Zu sehen sind da die wohl ersten Beispiele einer realistischen Darstellung des Lebens abseits des Hofs und der Aristokratie, mit denen so gut wie jedes Lehrbuch über die Geschichte der russischen Malerei aufmacht: erstmals statt historischer Sujets, Pastoralen, Portraits hochgestellter Persönlichkeiten oder mythischer Gestalten – Szenen aus dem Alltag der einfachen Leute.

Michail Schibanow: Bauernmahl

 

Die eine Arbeit von 1774 stellt vier Erwachsene und einen Säugling dar, die andere, drei Jahre später entstanden, zeigt eine bäuerliche Gruppe während eines der Hochzeit vorangestellten Brauchs, der Verlobung. Beide Bilder sind signiert, das eine mit „Dieses Gemälde stellt Bauern der Susdaler Provinz dar. 1774 geschaffen von M. Schibanow.“, das andere mit „In der nämlichen Provinz geschaffen im Kirchdorf Tatarowo 1777 von M. Schibanow.“

Abschluß des Heiratsvertrages

 

Die Forscher sind sich sicher: Hinter jenem Tatarowo verbirgt sich Barkoje Tatarowo, mittlerweile mit dem für seine Lackminiaturarbeiten berühmten Mstjora im Landkreis Wjasniki, Gouvernement Wladimir, zusammengewachsen, wo nach dem Künstler auch eine Straße benannt ist. Von dem Maler weiß man freilich eher wenig, weder Ort noch Datum seiner Geburt oder seines Todes sind bekannt. Man nimmt allerdings an, er entstamme entweder einer Leibeigenenfamilie auf einem der Güter des Fürsten Grigorij Potjomkin-Tawridskij oder des Admirals Grigorij Spiridonow aus Pereslawl-Saleskij, wofür das Protrait von dessen Sohn aus dem Atelier Michail Schibanows spricht.

Katharina II

Als gesichert gilt allerdings, daß der Künstler im Auftrag von Fürst Potjomkin arbeitete und auch ein Portrait der Zarin Katharina II und ihres Favoriten, Alexander Dmitrijew-Mamonow, malte.

Detail aus dem „Bauernmahl“

Welche Laune des Schicksals den Künstler in das Gouvernement Wladimir brachte, ist wiederum Gegenstand von Mutmaßungen. Bleiben werden aber die beiden Arbeiten mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern einfacher Leute, die vor zweieinhalb Jahrhunderten lebten und so etwas wie einen enzyklopädischen Schatz darstellen, zeigen die Figuren doch Details der russischen Trachten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Forscher begeistern sich an der exakten Wiedergabe von Einzelheiten der Kleidung wie des Ablaufs einer Zeremonie, die genau dem entsprechen, was man aus schriftlichen Quellen über jene Zeit erfahren kann.

Detail aus dem „Abschluß des Heiratsvertrages“

Und der Betrachter? Er ist erfreut über die ausdrucksstarke Vielfalt der Gesichter und Gesten, die eine längst versunkene Welt auferstehen lassen und zurückführen an den Anfang dessen, was man später die Wladimir Malschule nennen sollte.

zusammengestellt nach Material von Dmitrij Artjuch

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Zwischen dem unlängst begangenen Tag des Gedächtnisses an die Opfer der Repressionen und dem morgen anstehenden Tag der Einheit des Volkes soll auch einmal die Geschichte eines Mannes erzählt werden, den der Wladimirer Journalist Dmitrij Artjuch den Henker aus dem Kreis Susdal nennt. Je nach Quelle soll der aus Gawrilowskoje stammende langjährige Leiter der Kommandantur des NKWD, also der Staatssicherheit, persönlich hingerichtet haben.
Wassilij Blochin

Wassilij Blochin

Wassilij Blochin wurde 1894 in dem Kirchdorf bei Susdal in ärmlichen Verhältnissen geboren, arbeitete sich dann aber rasch ganz nach oben, wurde mit dem Leninorden, dem Rot-Banner-Orden und anderen Auszeichnungen dekoriert und stand fast drei Jahrzehnte lang der Einsatzzentrale des Ministeriums für Staatssicherheit vor. Eine rote Bilderbuchkarriere. Rot wie sein Parteibuch, rot wie das Blut seiner Opfer. Niemand ahnte wohl auch nur, wie der einstige Hirtenjunge es zu etwas gebracht hatte. Mit 15 Jahren arbeitete er als Maurer, mit 21 Jahren diente er bei der Roten Armee in Wladimir, zwei Jahre später, man schrieb das Jahr 1917, wurde er als Unteroffizier in den Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich geschickt, kam aber schon nach einem halben Jahr verwundet in sein Heimatdorf zurück, tat im Kreiswehrersatzamt des Nachbarorts Janjewo Dienst und trat in die Kommunistische Partei ein. Seine Laufbahn als Tschekist bgann 1921, als Wassilij Blochin über die Zwischenstation Stawropol nach Moskau kam, wo er „Sonderbefehle“ ausführte, sprich Todesurteile durch Erschießen vollstreckte.
Opferfriedhof bei Twer

Opferfriedhof bei Twer

Offenbar verrichtete Wassilij Blochin sein Henkershandwerk so sehr zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, daß er bereits 1926 die Kommendantur leitete. Unter sich hatte er ein spezielles Erschießungskommando, seine Unterschrift hat Tausende in der Lubjanka, dem Sitz des späteren KGB, in den Tod geschickt. Dabei ging er selbst stets mit „gutem Beispiel“ voraus und zeigte den jüngeren Kollegen, wie man das macht. Bis zu 200 Verurteilte soll er pro Nacht persönlich hingerichtet haben. darunter so bekannte Opfer des Stalin-Terrors wie die hohen Militärs Michail Tuchatschewskij, Ion Jakir und Ieronim Uborewitsch; sein ehemaliger Vorgesetzter, Nikolaj Jeschow; der Schriftsteller, Isaak Babel; der Regisseur, Wsewolod Meyerhold.
Zu Hause ahnte man nichts von dem blutigen Handwerk, dem der Sohn des Dorfes nachging. Nur sein Stubenmädchen, Alexandra Tichonowa – sie stammte selbst aus Gawrilowskoje und hatte ihn nach Moskau begleitet -, lüftete bei ihren Besuchen in dem Ort ein wenig den Vorhang und ließ durchblicken, wie grausam ihr Arbeitgeber war, der sich ansonsten als liebender Ehemann ausgab und großes Interesse für Pferdezucht zeigte.

Aber im Dienst war er gnadenlos: Im Frühjahr 1940 wurde in Kalinin, dem heutigen Twer, mehr als 6.000 gefangene Polen erschossen – unter dem Kommando von Wassilij Blochin. Dessen damaliger lokaler Kollege, Dmitrij Tokarjew, erinnerte sich später an die Methoden des Henkers aus dem Kreis Susdal: „Auf unserem Weg dorthin erblickte ich den ganzen Schrecken… Blochin hatte seine Spezialkleidung dafür: eine braune Lederkappe, eine lange braune Lederschürze, braune Lederhandschuhe mit Stulpen, die bis über die Ellbogen reichten. Das machte auf mich einen gewaltigen Eindruck. Ich hatte einen Henker vor mir!“

Es heißt, Wassilij Blochin habe immer zielsicher in den Kopf geschossen. Dabei soll er eine deutsche Walther den Pistolen aus sowjetischer Produktion den Vorzug gegeben haben, weil erstere nicht so schnell „heißlaufe“.

Blochin 3

Nikolaj und Natalia Blochin auf dem Friedhof des Donskoj-Klosters in Moskau

1953, nach Josef Stalins Tod, schickte man – „aus Gesundheitsgründen“ – den Scharfrichter aufs Altenteil. Er verlor seinen Rang als Generalmajor und das Anrecht auf eine Sonderrente. Anfang Februar 1955 verstarb er schließlich eines natürlichen Todes, an einem Infarkt. Aber es gibt auch Stimmen, wonach er selbst erschossen wurde. Man bestattete ihn neben seiner Frau, die ihn um zwölf Jahre überlebte, ganz in der Nähe des Krematoriums, wo viele seiner Opfer verbrannt worden waren, auf dem Friedhof des Donskoj-Klosters in Moskau. Postum erhielt er Ende der 60er Jahre seine aberkannten Orden und den Generalsrang zurück. So wird man weder den Opfern der Repressionen noch der Einheit des Volkes gerecht. Nach allem, was man weiß, hat niemand Wassilij Blochin gezwungen, die Pistole zu seinem Handwerkszeug zu machen. Es war seine Entscheidung für den Tod von so vielen. Nun ist es an der heutigen Generation, sich für die Täter oder die Opfer zu entscheiden.

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