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Posts Tagged ‘Dinah Radtke’


Noch einmal kurz zurück zu dem Treffen in Berlin zum Thema „Teilhabe für Menschen mit geistigen Behinderungen in der Kommune“, angelegt als „praktische Konferenz“, also in Form von Arbeitsgruppen, wo Möglichkeiten besprochen wurden, wie man Sozialzentren vor Ort einrichten kann, die eine möglichst gelungene Inklusion von Menschen mit schweren Einschränkungen zum Ziel haben. (Siehe: https://is.gd/d6FWrQ) Wie wichtig man diese Fragen gerade auch in Wladimir nimmt, zeigt die Teilnahme von Roman Alexandrow, dem Direktor des Jugendzentrums, das sich auf diesem Feld stärker engagieren will.

Jurij Katz, Roman Alexandrow, Arina Alstut und Jürgen Ganzmann mit zwei der Redaktion unbekannten Damen in der Mitte

Jurij Katz, Gründer von Swet, einer der landesweit ersten, unserer Lebenshilfe vergleichbaren Initiative für Eltern mit zumeist schwerbehinderten Kindern, nutzte den Besuch in der Hauptstadt gestern auch noch zu einem Arbeitstreffen im Zentrum für Selbstbestimmtes Leben, das er, damals noch geleitet von Dinah Radtke, bereits seit 2008 kennt. Ungläubig erinnert er sich noch an seinen Disput von damals mit der heutigen Ehrenbürgerin, die darauf beharrte, nur jemand mit einer Behinderung könne und solle Beratung für Menschen mit einem Handicap leisten, während der Gast aus Wladimir vor allem auf der Qualität der Konsultation bestand, die nicht vom Grad der persönlichen Einschränkung abhänge. Beide blieben damals bei ihrer Position, und beide hätten sich seinerzeit wohl nicht vorstellen können, daß heute das Zentrum von Jürgen Ganzmann geleitet wird, der zwar weiß Gott viel Erfahrung mitbringt, aber keine eigene Behinderung erkennen läßt.

Jurij Katz, Rainer Keßler, Albina Alstut und Axel Ebinger

Heute sei man da tatsächlich flexibler, meint denn auch Rainer Keßler, der als Leiter der Offenen Behindertenarbeit, freilich weiterhin meint, eine persönliche Betroffenheit erleichtere den Zugang zu Menschen mit einer ähnlichen Behinderung. In der Verwaltung freilich könne man aber – so wie Albina Alstut als Teamleiterin und dank ihrer Russischkenntnisse Verbindungsfrau zu Wladimir – auch als jemand ohne Einschränkungen arbeiten. Stichwort „arbeiten“. Jurij Katz bringt ein neues Projekt ins Gespräch: Einen inklusiven Jugendaustausch zwischen den Partnerstädten. Eine durchaus aufwendige Sache, die hier wie dort viel Vorbereitung braucht. Aber versuchen will man es auf jeden Fall, und schon im Dezember will man die Entscheidung treffen. Ganz im Sinne der „praktischen Konferenz“ in Berlin – etwas zum Anpacken.

Siehe auch: https://is.gd/GRGutg

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Dinah Radtke, Ute Schirmer, Ruth Sych, Jelena Owtschinnikowa, Elisabeth Preuß in Dreycedern

Am Freitag die Vernissage mit Natalia Kolpakowa im Rot-Kreuz-Zentrum, gestern am späten Vormittag die Eröffnung der Ausstellung „Einblicke“ mit Illustrationen der Fußmalerin Alewtina Sinowjewa und des gehbehinderten Stanislaw Katkow in Dreycedern. Diese eindringlichen Zeugnisse einer einzigartigen künstlerischen Zusammenarbeit – der Blog hat darüber bereits mehrfach berichtet – waren noch bis vor kurzem im Alten- und Pflegeheim Etzelskirchen zu sehen und schmücken nun für einige Wochen den Saal des Hauses der Gesundheit am Altstädter Kirchplatz. Die gut 50 Sitzplätze waren alle besetzt, als Dinah Radtke, Mitgründerin des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben, gemeinsam mit Bürgermeisterin, Elisabeth Preuß, die Gäste begrüßten und nicht nur in das Leben und Werk des Wladimirer Künstlertandems einführten, sondern auch von eigenen Begegnungen mit behinderten und älteren Menschen in der Partnerstadt berichteten. Das freilich kann und tut niemand besser als Ute Schirmer und Ruth Sych,die beide nicht nur das Alten- und Pflegeheim in Wladimir bestens kennen und dort vielfache Hilfe geleistet haben, sondern auch die Ausstellung zusammengetragen haben. Aber auch Jelena Owtschinnikowa läßt in ihrem Grußwort, in dem sie einen großen Dank für die humanitäre Hilfe Erlangens ausspricht, keinen Zweifel daran aufkommen, wie sehr ihr die Sache der Behinderten in ihrer Stadt am Herzen liegt. Sie hat sogar selbst als Ärztin zwei Jahre lang in dem Alten- und Pflegeheim Dienst getan und kennt das Werk von Stanislaw Katkow bestens, von seinen eher düsteren Anfängen bis zu dem lebensbejahenden Schaffen, beseelt von dem Glück, das Heim als seine Familie zu begreifen.

Elisabeth Preuß, Jelena Owtschinnikowa und Dolmetscherin Ludmila Kondratenko

Im Gespräch mit Dinah Radtke und Elisabeth Preuß erst läßt die Referentin für Soziales aber erst erkennen, wie nah ihr das Thema Behinderung geht. So nah, daß sie auf Anraten ihres Mannes nun nicht mehr nur als Ärztin, sondern als Politikerin für die Rechte behinderter Menschen kämpft. Ja, berichtet sie, es gebe in Wladimir noch viele Barrieren vor allem für Rollstuhlfahrer, die sich ohne Hilfe kaum selbständig in der Stadt bewegen können und sogar durchs Treppenhaus getragen werden müssen, weil die Lifte nicht behindertengerecht bzw. im Rollstuhl nicht erreichbar sind und nicht bis ins Erdgeschoß fahren. Aber nun laufe ein Programm, um alle öffentlichen Gebäude mit einer Rampe zu versehen, vor allem aber wolle man die Grenzen im Bewußtsein der Menschen einreißen. Dazu stelle man beispielsweise die Bücher von Stanislaw Katkow in den Schulen vor, damit die Kinder schon möglichst früh erfahren, wie wertvoll jedes Leben, wie viel inneres Glück auch bei einer äußeren Behinderung möglich ist. Der letzte Besuch von Dinah Radtke in Wladimir liegt viele Jahre zurück. Nun scheint es an der Zeit, den Austausch wieder aufzunehmen. Die Voraussetzungen dafür waren nie besser.

Raspew in der Hugenottenkirche

„Wenn es noch eines Beweises für das Gelingen der Partnerschaft Erlangen – Wladimir bedurft hätte, dann wurde er mit diesem überwältigenden Konzert geliefert“, rief Bürgermeisterin Birgitt Aßmus am Abend in der Hugenottenkirche aus und fuhr fort: „Jetzt haben wir die Weite der russischen Steppe mit dem Herzen erlebt.“ Vielleicht kann man ja den Auftritt der Partnerchöre Raspew und Vocanta nur vom Finale her beschreiben, als die beiden Dirigenten, Natalia Kolesnikowa und Joachim Adamczewski, sich an den Händen hielten, sich in den Armen lagen, sich feiern ließen von einem begeisterten Publikum, das so zahlreich selten gesehen ward in diesem Gotteshaus. Vielleicht sollte man ja auch nur die Stimmen sammeln, die einem entgegenschlugen, nachdem die Chöre verstummt: „Phänomenal!“ – „Ein Klangwunder!“ „So etwas haben wir hier noch nie gehört!“ „Die Partnerschaft auf einem neuen Höhepunkt!“

Jelena Owtschinnikowa, Joachim Adamczewski, Natalia Kolesnikowa, Birgitt Aßmus

Vielleicht genügt auch, was Natalia Kolesnikowa in ihrem bewegten Dankeswort zum Ausdruck brachte: „Was wir heute erlebt haben, ist ein beglückender Zusammenklang der Herzen. Wir haben gemeinsam eine gewaltige Orgel des Verstehens, der Liebe, des Miteinanders zum klingen gebracht. Wir sind gekommen, um Euch mit unserer Musik unsere Kultur und unsere Seele zu bringen, nun erleben wir, wie alles zu einem wunderschönen Ganzen zusammenwächst. Danke für dieses Fest der Musik und der Freundschaft!“ In der Tat: Schon am Vormittag, als Raspew die Ausstellungseröffnung musikalisch gestaltete, spürten viele, wie ihnen Schauer über den Rücken liefen. Doch wie wollte man beschreiben, was da am Abend singend zum Klingen und Schwingen gebracht wurde? Versuchen wir es dennoch.

Joachim Adamczewski und Natalia Kolesnikowa

Der Abend lebte und bebte im harmonischen Widerstreit der Kontraste. Joachim Adamczewski tat gut daran, mit Vocanta gewissermaßen das „Vorprogramm“ für Raspew zu singen. Anders wären die so unterschiedlichen Chortraditionen gar nicht so bewußt geworden: Hier ein lichtdurchstrahlter Säulengang, wo sich jedes filigrane Fragment, kunstreich ausgeleuchtet, in den großen Dienst des Gesamtbaus einfügt, dort ein wuchtiges Schloß aus Stimmen, die wie Ikonen von innen heraus leuchten und einen Blick hinein gewähren in das Geheimnis des Glaubens, in das Hell des Himmels, in die Größe und Weite der Seele. Birgitt Aßmus hatte schon recht mit der Steppe. Der Abend hatte etwas von einer musikalischen Reise durch die Endlosigkeit – fast möchte man sagen Ewigkeit – Rußlands: die glaubensschweren liturgischen Gesänge, die melancholischen Volkslieder, die ausgelassenen Harlekinaden, die versonnenen Romanzen und beschwingten Walzer… Und dann das Finale, dem man ein nie enden wollendes ad libitum anfügen möchte: verzaubernd innige Sätze aus der Heiligen Liturgie des Johannes Chrysostomos von Peter Tschajkowskij, vorgetragen gemeinsam von Raspew und Vocanta unter dem Dirigat eines, wie Natalia Kolesnikowa später beim Empfang im Calivnsaal sagen sollte, von Gott geküßten Joachim Adamczewski.

Alexander Nikolskij (Mitte) mit seinen Freunden

Doch der Abend wäre nicht gelungen, die Partnerschaft wäre nicht gelungen, wenn es nicht auch diese kleinen Begegnungen am Rande noch gäbe. Die Begegnungen von alten Freunden wie Rudolf Schloßbauer mit Alexander Nikolskij, die einander seit den ersten Gastspielreisen von Raspew kennen, wie Sieglinde Pätzold mit Alexander Nikolskij, die seit Jahren einen regen Briefwechsel unterhalten, wie Kurt Reiter, der Alexander Nikolskij beim 25jährigen Partnerschaftsjubiläum 2008 zu sich nach Hause geholt und nun den Auftritt von Raspew beim heutigen Gottesdienst in St. Sebald arrangiert hat.

Peter Steger, Jelena Owtschinnikowa, Birgitt Aßmus, Dietmar Hahlweg

Und der Abend wäre nicht gelungen gewesen, wenn da nicht der Vater der Partnerschaft, Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, mit Jelena Owtschinnikowa zusammengetroffen wäre. Wann, wenn nicht nach einem solchen Konzert, kann der Begründer der Städtefreundschaft sehen, wie gelungen sein Werk ist! Und Jelena Owtschinnikowa verspricht ihm denn auch, daß das neue Team an der Spitze der Wladimirer Stadtverwaltung alles tun werde, um die Partnerschaft noch mehr zur Entfaltung zu bringen. „Mein Herz ist voller Erlangen“, bekannte sie – und: „Ich komme bestimmt schon bald wieder und freue mich jetzt auf Vocanta.“ Ja, freue dich, Wladimir! Anfang April kommt Vocanta. Zu einem neuen Zusammenklang der Herzen.

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