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Posts Tagged ‘Dietmar Hahlweg’


Heute gibt es drei Geburtstage zu feiern: den elften des Blogs, den 79. von Heinrich Niemann, Ehrenprofessor der Staatlichen Universität Wladimir, und den 80. von Wolf Peter Schnetz, der sich 1981 zusammen mit Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, wie er selbst einmal sagte, in der Verständigung und Aussöhnung mit der Sowjetunion und Rußland „auf dem richtigen Weg“ sah. Als wie richtig sich dieser Weg der Annäherung und des Austausches erweisen sollten, konnten sich damals nicht einmal diese beiden großen Visionäre des deutsch-russischen Dialogs vorstellen. Aber sie machten sich auf diesen Weg, unbeirrt und zielstrebig, ungeachtet aller Hindernisse, nachlesbar hier im Archiv des Blogs: https://is.gd/EPfXgC

Wolf Peter Schnetz

In einem Gespräch mit dem Granden der Städtepartnerschaft, Wiktor Malygin, Germanistikprofessor, Vorsitzender des Freundeskreises Wladimirer Schauspielhaus und Vorstandsmitglied des Erlangen-Hauses, um nur einige Funktionen zu nennen, meinte Wolf Peter Schnetz: „Am Ende blieben vielleicht ein paar Gedichte.“ Auch wenn er durchaus nicht nur nebenher poetisch verdichtete Prosa schreibt, war und bleibt die Lyrik wesentliche Ausdrucksform des promovierten Germanisten aus Regensburg, der im Ruhestand in seine Heimat zurückkehrte und in seiner Zeit als Referent von 1973 bis 2000 das Kulturleben Erlangens prägte wie niemand sonst – mit den internationalen Schriftstellertreffen, dem Poetenfest, dem Comic Salon, dem Figurentheaterfestival…

Manche Menschen schlägt man mit ihren eigenen Worten, einen Lyriker ehrt man am besten mit seinen eigenen Versen, mit Gedichten wie diesem, übertragen von seiner bereits verstorbenen Kollegin aus Wladimir, Julia Alexandrowa:

September

An solchen Tagen saß ich oft / in alten Gärten. Ein leichter Wind. / Septemberlicht. Den Schatten sah ich wandern / unter Apfelbäumen…

В такие дни сидел я часто / в садах старинных. Лёгкий ветер / и свет сентябрский. Я движение теней / под яблонями видел…

Manchmal ein Brief

Manchmal ein Brief. / Federleicht / im sandweißen Umschlag, / leichter / als der luftigste Vogel, / wenige Gramm.

Aufgewogen / gegen / die Schwere der Welt, / ein freundlicher Gruß / aus der Ferne.

Ein Brief / kann Berge versetzen.

Иногда письмо

Иногда письмо. / Лёгкое, как пёрышко, / в белом, как песок конверте, / легче птицы в воздухе, / несколько граммов.

Защита от всех / тягот мира, / дружеский привет / издалека.

Письмо / может сдвигать горы.

Wiktor Malygin und Wolf Peter Schnetz, August 2018

So einen Brief schickte nun auch Wiktor Malygin an die Redaktion des Blogs:
Mein langjähriger, echter Freund, Wolf Peter Schnetz, begeht heute seinen 80. Geburtstag. Wir kennen uns seit längerer Zeit. In meinem Gedächtnis bleibt er auf immer als ein kluger, eleganter Mann, der nicht nur schön schreiben, sondern auch  ausdrucksvoll und überzeugend reden kann. Seine originellen und poetisch reichen Gedichte zitierte ich mehrmals für meine Studenten, und sie haben immer großen Anklang gefunden.
Lieber Freund! Bleib gesund und munter auf viele Jahre!

Dietmar Hahlweg und Wolf Peter Schnetz, 1981 in Moskau

Wer mehr über diesen vorausblickenden Wegbereiter der Partnerschaft und sein fortlebendes Werk der Volksdiplomatie erfahren möchte, gebe in der Suchfunktion des Blogs das Stichwort „Wolf Peter Schnetz“ ein, wer seine lyrische Welt entdecken möchte, greife am besten zur Anthologie „Täglich ein Wunder. Gedichte aus 40 Jahren.“
P.S.: Heute feiert noch jemand Geburtstag, eine Mitarbeiterin der Volkshochschule, die eher im Hintergrund der Partnerschaft mit Wladimir Gestalt gibt: Edith Kaluza, deren Portrait demnächst in Ihrem Blog folgt.

 

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Der Erfolg hat viele Väter. Die Mütter werden gern vergessen. Die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir ist – das bestätigte eben erst wieder der Regionalbeauftragte der Deutschen Botschaft in Moskau, Sebastian Reichle – so ein Erfolg mit vielen Vätern – zuvorderst Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Klaus Wrobel, Claus Uhl oder Wolf Peter Schnetz und Eike Haenel, um nur die Gründerväter zu nennen. Und es gibt eine Mutter dieses Erfolgs, Heide Mattischeck, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, zu dem der Blog ihr mit den besten Wünschen dieses Bild aus Bogoljubowo vor den Toren der Partnerstadt widmen will.

Bogoljubowo

Morgenstimmung in Bogoljubowo

Die aus Berlin stammende Wahlfränkin stand 1983 an der Seite von Dietmar Hahlweg bei der ersten Delegation aus Erlangen in Wladimir und stellte bei einer Zigarette im Zwiegespräch mit Michail Swonarjow, dem damaligen Stadtoberhaupt, eine Gemeinsamkeit fest, die sie mit dem Gastgeber zutiefst verband: Beide hatten den Vater im Krieg verloren, beide wollten vor allem eines, nie wieder Krieg zwischen Deutschen und Russen – und überhaupt nirgendwo. Dieser aus dem eigenen Erleben herrührende Friedenswille ist es denn auch, der die einstige Stadträtin und Bundestagsabgeordnete bis heute Freundschaft mit Wladimir halten läßt.

Dietmar Hahlweg, Heide Mattischeck und Ursula Rechtenbacher, 2009

Doch lesen Sie hier https://is.gd/TYWueA, was sie selbst über ihre Verbindung zu Wladimir schreibt. Ein zeitlos gültiges Zeugnis der großen alten Damen der Partnerschaft, ungeachtet einiger heute so nicht mehr gültigen aktueller Bezüge.

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Gestern nahm die Region Wladimir Abschied von ihrem ersten Gouverneur, verstorben am 9. Januar. Jurij Wlassow, am 22. Juni 1961 in der Nähe von Stawropol geboren, hatte 1983 in Moskau das Studium der Wirtschaftswissenschaften abgeschlossen und war, promoviert, zwei Jahre später, in die Partnerstadt gezogen, wo er zunächst an zwei Instituten arbeitete und begann, sich politisch zu betätigten. 1990 errang der Reformer bei den ersten demokratischen Wahlen einen Sitz im Stadtrat von Wladimir und wechselte ein Jahr darauf als Wirtschaftsreferent in das Kabinett von Oberbürgermeister Igor Schamow, bevor ihn kurz darauf, am 25. September 1991 Staatspräsident Boris Jelzin zum landesweit jüngsten Gouverneur ernannte. Der Aufstieg des vielversprechenden Nachwuchspolitikers war damit aber noch nicht zu Ende: 1993 wurde Jurij Wlassow in den Föderationsrat gewählt und dort kraft seines Amtes als Gouverneur im Januar 1996 bestätigt. Dann jedoch, im Dezember des gleichen Jahres, das jähe Aus, als bei den Wahlen sein kommunistischer Herausforderer, Nikolaj Winogradow, siegte, dem Jurij Wlassow auch vier Jahre später noch einmal unterlag.

Dietmar Hahlweg, Jurij Wlassow und Wladimir Panow, Mai 1995. Photo: Kurt Fuchs

Von Beginn seiner kommunalpolitischen Karriere an arbeitete Jurij Wlassow eng mit Erlangen zusammen, nahm 1991 am Verwaltungsseminar teil und holte sich manch wertvollen Rat von seinem fränkischen Kollegen, Siegfried Balleis, damals noch als Referent für Wirtschaft und Liegenschaften tätig. Auch als Gouverneur förderte der Marktwirtschaftler die Projekte der Städtepartnerschaft, insbesondere das Erlangen-Haus und den Medizineraustausch. In seine Amtszeit fällt auch die Rückgabe der Rosenkranzkirche an die wiedererstandene katholische Gemeinde.

Nicht von ungefähr fand denn auch die Aussegnung in der Darstellung-des-Herrn-Kirche statt, wo sich noch bis Anfang der 90er Jahre eine Tischlerei befunden hatte und die unter Jurij Wlassow als erstes von mehr als einhundert Gotteshäusern und 17 Klöstern wieder zur Nutzung an die Erzdiözese zurückging. Es waren Politiker wie Jurij Wlassow, die nach dem Kollaps der UdSSR und der sowjetischen Ökonomie nach ideologischen Vorgaben das Land vor dem Zusammenbruch bewahrten. Eine gar nicht zu überschätzende Leistung angesichts der damals herrschenden Not und der Notwendigkeit, innert kürzester Zeit alles komplett umzustellen. Da war es wichtig, Partner wie Erlangen an seiner Seite zu wissen, aber auch jemanden wie Wolfgang Kartte, dem es damals gelang, das Interesse der deutschen Politik und Wirtschaft für die Region Wladimir zu gewinnen, und der in seinem 1995 erschienenen Buch „Aufbruch zum Markt“ im Kapitel „Wladimir: die Probe aufs Exempel“ Jurij Wlassow mit den Worten zitiert:

Wir wollen die soziale Marktwirtschaft, und wir wollen zusammen mit Ihnen einen neuen Anfang machen.

Witwe Swetlana Wlassowa und Gouverneur Wladimir Sipjagin am offenen Sarg von Jurij Wlassow

Und sein Nachfolger im Amt, Wladimir Sipjagin, würdigte den Verstorbenen:

Den Anfang machen zu müssen, ist immer schwer, erst recht als erster Gouverneur nach den schweren Zeiten der Perestroika, als alles kaputt war und unsere Region darniederlag – ich komme ja von hier, lebte damals hier, sah alles mit eigenen Augen, verstehe, wie schwer er es hatte, diese Region aus den Ruinen zu herauszuholen und jeden Tag mit neuen Problemen konfrontiert zu werden, die er als Gouverneur zu lösen hatte. Dafür gebühren ihm Ruhm und Ehre.

Schwer hatte es Jurij Wlassow auch nach seiner Amtszeit, als ihm 1998 vorgeworfen wurde, er habe Mittel aus der Staatskasse in großem Umfang unterschlagen, unter anderem um damit eine Zahnarztrechnung zu bezahlen. Handschellen, Untersuchungshaft, Einzelzelle – und dann die Entscheidung des Gerichts, das die Anklage in allen Punkten zurückwies. Dennoch ein harter Schlag, der wohl die Rückkehr in die Politik für immer unmöglich machte.

Andrej Schochin, Oberstadtdirektor, beim Abschied von Jurij Wlassow

Die letzten zwei Jahrzehnte arbeitete Jurij Wlassow, der eine Frau und eine Tochter hinterläßt, in verschiedenen staatlichen Einrichtungen, trat aber öffentlich nicht mehr in Erscheinung, weshalb auch seine Krebserkrankung nur im Familien- und Freundeskreis bekannt war. Der Tod des Demokraten der ersten Stunde ist nun auch trauriger Anlaß, Dank zu sagen für jene wichtigen Grundlagen, geschaffen von Jurij Wlassow, auf denen die Partnerschaft sich bis heute weiterentwickelt.

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Was am Ende des Jahres herausgreifen, das stellvertretend für all die ungezählten Begegnungen in den zurückliegenden 365 Tagen zwischen Erlangen und Wladimir stehen könnte? Jede Wahl kann da doch nur willkürlich sein. Als besonders symbolisch für die enge Verbindung zwischen den Partnerstädten darf man aber zweifelsohne die Spendenaktion für die Reparatur des Tourneebusses von Igor Besotosnyj ansehen. Von den letzten Gastspielen mit dem dank der Unterstützung aus Erlangen wieder flotten Fahrzeug wohlbehalten nach Wladimir zurückgekehrt, schickte der Musiker nun ein Bild von sich und dem Spielzeugbus, den ihm Bürgermeisterin Elisabeth Preuß am 17. Dezember beim Auftaktkonzert überreicht hatte. Siehe: https://is.gd/rhKHMu – und die Vorgeschichte ist hier nachzulesen: https://is.gd/glDQmm

Igor 16

Igor Besotosnyj

35 Jahre Städtepartnerschaft mit einem ganzen Reigen von Veranstaltungen gehen heute zu Ende und versprechen für die Zukunft noch viel mehr Austausch, wohl auch in die Pflicht genommen von den Erlanger Nachrichten, die am 6. Dezember in ihrer Kritik des Festkonzertes in Herz Jesu mit dem Kammerchor Wladimir schrieben:

Sabine Kreimendahl und Tatjana Grin nach dem Festkonzert am 3. Dezember 2018

Welch’ ein Chor, welch’ ein Fest, welch’ eine Partnerschaft! Das bindet, das macht dankbar gegenüber allen Initiatoren und Helfern dieser Partnerschaft. Es ruft in die Pflicht, sich für diese Verbindung zwischen Erlangen und Wladimir einzusetzen. Das ist mehr als Eurovision, das ist humanistische Weltvision!

Dmitrij Tichonow, Eberhard Keilhack, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow nach dem Partnerschaftskonzert am 18. März 2018

Diese „humanistische Weltvision“ bewegte Dietmar Hahlweg vor 35 Jahren, in Zeiten des Kalten Krieges, die Versöhnung und Verständigung mit der Sowjetunion zu suchen. Er darf und soll sich heute, an seinem Geburtstag, darüber freuen, wie gut ihm und all jenen, die in seinem Geist handelten und bis heute wirken, dieses Friedenswerk gelungen ist. Ausdruck dafür ist sicher auch die Auszeichnung des vom Altoberbürgermeister inspirierten Gesprächsforums „Prisma“ und des „Wladimir-Blogs“ durch die Außenminister Heiko Maas und Sergej Lawrow am 17. September in Berlin.

Vor zwei Jahren schloß die Friedens-Apotheke aus Kundenmangel. Eingezogen in die Räume ist mittlerweile die Jugendkunstschule. Doch der erste Teil des Namenszugs blieb erhalten. Wer wohl die Idee dazu hatte? Preiswürdig und aller Ehren wert ist der Einfall ganz sicher – und das beste aller denkbaren Motive für den Jahresausklang und den Auftakt ins Neue Jahr. Dazu noch eine Erinnerung. Als im Juli 2016 zwei Jungs der U-14-Mannschaft von Torpedo Wladimir beim Partnerschaftsturnier an Masern erkrankten, wurden sie zunächst am Kinderklinikum behandelt und mit einem Rezept bedacht. Mit ihrer Betreuerin wollten sie dann die verschriebene Arznei in der Friedens-Apotheke kaufen. Doch als man dort erfuhr, die jungen Kunden seien aus Wladimir, hieß es: „Wenn die Kinder aus der Partnerstadt sind, gibt es die Medikamente umsonst.“

Mit Blick auf dieses Haus also allen Menschen – nicht nur in Erlangen und Wladimir sowie in all unseren Partnerstädten – ein friedliches und gesundes Neues Jahr.

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

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Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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Das ganze Ensemble Rus trauert um unseren Freund, den künstlerischen Leiter der Folkloregruppe Ihna. Lange vor dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer verstand es Eike Haenel als talentierter Organisator und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, über den Kulturaustausch die ersten Schritte zur Aufnahme von freundschaftlichen Verbindungen zwischen unseren Völkern zu unternehmen. Wir werden nie vergessen, wie es ihm im Frühjahr 1989, ungeachtet aller seinerzeitigen Einschränkungen, gelang, eine Gastspielreise für das Ensemble Rus durch ganz Deutschland (von Cuxhaven bis München) zu organisieren. Schon der Grenzübertritt von der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik Deutschland – wir kamen mit dem Bus aus Aussig an der Elbe, unserer böhmischen Partnerstadt – hatte es damals in sich: Das Umladen des Gepäcks und der Instrumente vom einen in den anderen Bus verlief per Hand und Pkw-Anhänger, weil es keine Einfahrtserlaubnis für die Erlanger Abholer gab. Später spielte unser Freund die entscheidende Rolle bei der Vermittlung des Kontaktes zur Konzertdirektion Schlote, mit der wir viele Jahre unsere Deutschland- und Europatourneen machten. Viel wichtiger aber als all dies: Für immer bleiben in unserem Gedächtnis das sonnige Lächeln und der vorausschauende Blick dieses lichtdurchströmten Menschen lebendig. Wir bewahren ihm ein würdiges Andenken und wünschen ihm die ewige Ruhe.

Nikolaj Litwinow, künstlerischer Leiter des Ensembles Rus

Eike Haenel, Nina Peschkowskaja, Dietmar Hahlweg und Nikolaj Litwinow, November 2017

Wladimirez und Ihna verbindet schon seit mehr als dreißig Jahren, seit 1987, eine enge Freundschaft. Wir sind Eike sehr dankbar dafür, denn er gab damals den Anstoß zu unserem Austausch. Er war ein ausgesprochen guter, anständiger und recht strenger Leiter… Wir hatten immer wieder Gelegenheit bei Proben seiner Ihna anwesend zu sein und konnten sehen, mit welcher Liebe und Warmherzigkeit die Mitwirkenden Eike begegneten. Was mich persönlich an unserem Freund immer besonders berührte, waren seine selbstlose Hingabe und Liebe zur Sache, die er erledigte. Er dachte sich keine Tänze aus, sondern er suchte sie anhand von historischem Material. Alles, was es da in der alten Zeit gab, übertrug er detailgetreu in sein geliebtes Ensemble. Auch unser Lieblingstanz, der „Schwerttanz“ wurde nach historischen Vorlagen rekonstruiert. Und dann war da noch dieser ganz eigene Wesenszug von Eike… Wenn er uns bei einer Probe zusah und ihm ein Tanz besonders gefiel, klatschte er nicht, sondern sagte still: „Noch einmal.“ Die Truppe war noch nicht zum Verschnaufen gekommen, aber er sagte es so, daß wir diese Nummer ohne zu murren wiederholten. Das konnte übrigens nicht nur bei Proben passieren, sondern geschah so sogar einmal bei einem Konzert in Erlangen. Wir werden unseren lieben Freund nie vergessen. Er war ein wirklich guter Mensch.

Mit viel Liebe für ihn, das Ensemble Wladimirez aus Wladimir

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Silvia und Landulf Jäger mit Nina Peschkowskaja, 2015 in Wladimir

Mit Eike Haenel, der einen Monat nach seinem 80. Geburtstag am vergangenen Sonntag verstarb, verliert tatsächlich nicht nur sein Ensemble den Gründer und ehemaligen Leiter, der Ihna vor 61 Jahren – in Worten: einundsechzig – zum tanzenden und klingenden Instrument der Völkerverständigung machte, sondern auch die Partnerschaft Erlangen-Wladimir hat einen Verlust zu beklagen, der schmerzt wie kaum ein anderer. Der aus Pommern stammende Impresario und Gastgeber für Ensembles aus aller Welt zeichnet zum einen verantwortlich für die – wie man heute sagen würde – Willkommenskultur des von ihm geprägten Freizeitamtes des Stadt Erlangen und nutzte zum andern bereits 1984 die Gelegenheit, mit einer Delegation des Stadtjugendrings in die noch unbekannte sowjetische Partnerstadt zu reisen. Zurück aus Wladimir kam Eike Haenel mit einer neuen Freundschaft, die ihn über drei Jahrzehnte mit Nina Peschkowskaja und deren Ensemble Wladimirez verbinden sollte, mit dem Ihna erst in diesem Jahr wieder gemeinsam auf Tournee war, dieses Mal im Baskenland. Welch ein Vermächtnis dieses großen Mannes der Aussöhnung zwischen Ost und West, welch ein Erbe, das wir antreten. Danke dafür, lieber Freund! Wir müssen es freilich erst noch erwerben, um es zu besitzen.

Die Trauerfeier findet am Freitag, den 23. November, um 15.00 Uhr im Bestattungshaus Utzmann, Marie-Curie-Str. 40, statt.

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Oft wird ja gefragt, warum bei all den augenfälligen Unterschieden ausgerechnet Erlangen und Wladimir Partnerstädte geworden sind. Die Antwort ist so einfach wie unbefriedigend. Man weiß es einfach nicht, denn auf das Angebot von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, ausgesprochen 1981 bei seinem Besuch in Moskau, kam der Vorschlag der Sowjetischen Botschaft in Bonn, Kontakt mit Wladimir aufzunehmen. Vielleicht findet ein Historiker eines Tages den Vermerk in den Archiven der KPdSU und des Außenministeriums der UdSSR, der erklärt, wer da warum Wladimir ins Spiel brachte. Wie richtig und gut es war, diese Verbindung einzugehen, braucht man heute ja niemandem mehr erklären. Dennoch immer wieder erstaunlich, welche Übereinstimmungen es gibt.

Wladimir beim Stadtfest, gesehen von Wladimir Fedin

Da wurde nämlich soeben eine Studie der Finanzuniversität bei der Regierung der Russischen Föderation zur Frage der Lebensqualität in Großstädten mit 250.000 bis 500.000 Einwohnern veröffentlicht, die Wladimir auf dem vierten Platz sieht, gleich nach Nischnewartowsk, Grosnyj und Surgut. Im Schnitt sind in den untersuchten Städten 82% der Menschen mit ihrem Erdendasein zufrieden, in Wladimir gar 88%. Die Nachbarstädte Iwanowo mit 74%, Jaroslawl mit 78% oder Rjasan und Nischnij Nowgorod mit je 82% bleiben da deutlich zurück. Sogar Moskau gibt sich mit nur 83% gegenüber Wladimir recht bescheiden. Sieht man sich die Rankings der letzten Jahre an, kann Erlangen da durchaus mithalten. Vielleicht auch ein Grund, warum es so gut läuft zwischen den Partnerstädten. Es gibt kein Glücksgefälle zwischen Kljasma und Regnitz.

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