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Posts Tagged ‘deutsche Wiedervereinigung aus russischer Sicht’


Beim heutigen Festakt zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen – Jena um 18.00 Uhr im Redoutensaal mit Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen – herzliche Einladung an alle! – wird die Dokumentation „Wege zueinander“ vorgestellt. Enthalten darin ist auch ein Artikel des Professors für Politologie, Autors und Bloggers Roman Jewstifejew aus Wladimir, der mit seinem subjektiven Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands hier sein Podium findet:

Roman Jewstifejew

Als jemand, der 25 Jahre in der UdSSR und 25 Jahre in Rußland lebte, insgesamt also mehr als ein halbes Jahrhundert, habe ich die Möglichkeit, darauf zurückzublicken, wie die russische Gesellschaft den Prozeß der Vereinigung der beiden Deutschlands aufnahm. Dabei kann man, wie ich meine, mindestens drei Etappen definieren, wie dieses so außerordentlich wichtige, gesamteuropäische Ereignis aus russischer Sicht gewertet wird.

Die erste Etappe von 1988 bis 1998 kann man als Übergang vom Gefühl des Mitwirkens an einem großen Ereignis hin zu einer gewissen Enttäuschung bezeichnen. Ende der 80er Jahre glaubte man in der UdSSR, die Geschehnisse in Deutschland seien nur der Auftakt zu noch bedeutenderen Ereignissen im eigenen Land. Der Glaube war groß, die Träume, die sich für die europäischen Nachbarn erfüllt haben, müßten auch zur Verwirklichung aller Sehnsüchte der Sowjetmenschen führen. Dabei träumte man von ebenso einfachen wie widersprüchlichen Dingen: Leben und Konsum sollten so sein wie im „idealen Westen“. Damals meinten die Leute, man brauche sich nur vom planwirtschaftlichen Parteisystem befreien, und dann werde sich alles von selbst ergeben. Der geheimnisvolle und unbekannte Markt werde es schon richten, wie das einst Adam Smith postuliert hatte.

Eben deshalb zeigten die Sowjetbürger Ende der 80er Jahre nicht nur viel Anteilnahme, sondern freuten sich aufrichtig mit den Deutschen über die Möglichkeit, ihren langgehegten Traum von einer geeinten Nation zu verwirklichen. Darüber hinaus konnte man diese Vereinigung für sich genommen als mächtigen außenpolitischen Schlag ins Kontor des sowjetkommunistischen Systems verstehen, dessen längst alle schon überdrüssig waren. Es bedurfte scheinbar nur noch eines Schlags von innen, um das Modell zum Einsturz zu bringen und zu erleben, wie an seiner Stelle auf wunderbare Weise eine neue staunenswerte Welt entsteht.

Bekanntermaßen vereinten sich die beiden Deutschlands, während die UdSSR zerfiel, ohne daß diese neue staunenswerte Welt entstanden wäre. Im Gegenteil: Anfang der 90er Jahre erlebte Rußland eine der tragischsten Perioden seiner Geschichte, als die Wirtschaft ebenso zusammenbrach wie das Sozialsystem oder die Bereiche Bildung und Wissenschaft. Eine gewisse Zeit verlor denn auch das Thema der Wiedervereinigung Deutschlands an Bedeutung, an seine Stelle traten die inneren Probleme des Überlebens. Doch Mitte der 90er Jahre hatten sich die Menschen ein wenig von den Erschütterungen erholt und begriffen nun, daß man die Wiedervereinigung Deutschlands insgesamt als großen Erfolg der deutschen Nation zu betrachten hatte, während es um das neue, unabhängige Rußland viel schwieriger stand. Dessen ungeachtet entwickelten sich die Beziehungen zu Deutschland damals recht freundschaftlich. Der Umstand, dass Rußland und seine Regionen Unterstützung seitens des deutschen Volks erhielten, ließ in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in der russischen Gesellschaft ein Gefühl der Enttäuschung und sogar Verärgerung mit Blick auf die eigenen Probleme und Mißerfolge aufkommen, gerade auch vor dem Hintergrund dessen, was die europäischen Nachbarn erfolgreich zuwege brachten.

In der zweiten Etappe von 1999 bis 2008 sucht sich diese Frustration einen Ausweg und Lösungsansatz in den Bereichen Politik, Kultur und Ideologie. Allmählich – und nicht nur unter dem Einfluß der Staatsmacht – nehmen die Russen gegenüber der sie umgebenden Welt einen aggressiveren und feindseligeren Standpunkt ein. In der Gesellschaft reift ein greifbares Unbehagen wegen der Stellung, die Rußland nach der Transformation einnimmt, die doch ihrem Wesen nach den Übergang vom kommunistischen System zum demokratischen Modell hätte leisten sollen. Doch die Ergebnisse dieses Transits hatten sich für die Mehrheit der Russen als ganz unkenntlich erwiesen. In dieser Situation entwickelten sich nun bei einem Teil der Bevölkerung nicht nur eine UdSSR-Nostalgie, sondern auch recht starke Gefühle des Ressentiments an der Schwelle zum Revanchismus bei den extremen Anhängern der Wiedergeburt des Großmachtdenkens.

In diese Etappe fallen zwei bedeutende Erklärungen des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin. 2005 charakterisierte der den Zerfall der UdSSR als die „größte geopolitische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts“. Zwei Jahr später hielt er auf der Sicherheitskonferenz in München eine scharfe Rede, voller Vorwürfe an die westlichen Partner und mit der Definierung der neuen Position Rußlands in der Welt als Großmacht, die danach strebt, in dieser Welt zu einem Machtzentrum zu werden. Diese Worte gründeten nicht nur in der persönlichen Sicht des Präsidenten, sondern er brachte damit die bei einem großen Teil der Russen wiedergeborenen Großmachtgefühle zum Ausdruck.

Die dritte Etappe ab 2009 beschreitet dann festen Schrittes den Weg des Ressentiments. Dabei ist es schwierig zu sagen, wer voranging und wer den Anstoß gab: Putin der Gesellschaft oder die Gesellschaft Putin. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung jedenfalls in den Ereignissen von 2014 auf der Krim. Durchaus möglich, daß eines der Motive der Kremlstrategen darin zu finden ist, eine eigene erfolgreiche „Wiedervereinigung“ zu erreichen, wie das Deutschland Ende der 80er Jahre gelungen war. Es ist dies auch die Zeit, wo die Idee vom russischen Volk als dem „zerstreutesten“ Volk dieser Welt aufkommt. Sprich, dieses durch Staatsgrenzen geteilte und zerstreute Volk müsse man im Rahmen eines Landes wiedervereinen. Und zur Lösung dieses Problems seien fast alle Mittel recht. Ich halte mir hier mit dem „fast“ ein Hintertürchen offen, denn auf offizieller Ebene beschreibt sich die Politik Rußlands als voll und ganz übereinstimmend mit dem internationalen Recht. Doch die tatsächliche Umsetzung dieser Politik versteht ebensowenig wie die die öffentliche Mehrheitsmeinung das internationale Recht als eine Instanz, die in Fragen der nationalen Wiedergeburt / Revanche eine übergeordnete Rolle spielt.

So kommt es, daß die Vereinigung einer Nation, die in der Politik Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große Rolle spielte, Anfang des 21. Jahrhunderts ihre russische Spezifik zu gewinnen beginnt. Diese Prozesse sind natürlich überlagert von wirtschaftlichen und politischen Besonderheiten Rußlands, von den eigenen Schwächen und einigen unangenehmen Zügen. Insgesamt, kann man sagen, verfestigt sich in den Köpfen der Russen in dieser Etappe die Frage danach, warum es den Deutschen – und das auch noch mit voller Rückendeckung der UdSSR – möglich war, sich zu vereinen, während dem russischen Volk dies verwehrt bleibe.

Ich weise darauf hin, daß diese Frage so noch nirgendwo formuliert wurde, vielmehr leite ich sie ab aus der gegenwärtigen Atmosphäre in der Gesellschaft, wie ich sie empfinde. Deshalb auch mein Hinweis im Titel auf den subjektiven Charakter meiner Gedanken, die keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Doch eine ähnliche Idee äußerte Putin in dem Interview, das er kürzlich Oliver Stone gab: „Die Hauptsache liegt darin, daß sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 25 Millionen Russen über Nacht im Ausland wiederfanden, und das ist wirklich eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.“

Es ist offensichtlich, wie der Staatspräsident auf die Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts abhebt, als eine Nation wieder zusammenfand, während die andere zu einem „zerstreuten“ Volk wurde. Diese Logik Putins kommt in großen Teilen einer Bevölkerung entgegen, die jene Katastrophe, die Suche nach neuer Orientierung, die Enttäuschungen, das Ressentiment und neue, bisher ganz unbestimmte Hoffnungen auf die Entstehung einer russischen Nation durchlebt hat.

Das moderne Rußland betrachtet Deutschland natürlich schon lange nicht mehr als Feind, als potentiellen Gegner, vielmehr blickt Rußland auf seiner Suche nach einem würdigen Leben unentwegt nach Westen und vergleicht seine neueste Geschichte mit den Entwicklungen der europäischen Staaten. Dabei sind die Russen sehr empfänglich für alle Fälle, die sie als Phänomene historischer Ungerechtigkeit empfinden. Ich hoffe, daß das Zusammenleben auf dem europäischen Kontinent und die aktive Zusammenarbeit uns ein besseres Verständnis füreinander und die Lösung aller schwierigen Probleme zwischen unseren Ländern ermöglichen.

Roman Jewstifejew, aus dem Russischen von Peter Steger

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