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Posts Tagged ‘deutsche Kriegsveteranen in Wladimir’


Gestern nacht gegen drei Uhr schlief Günter Kuhne ebenso unerwartet wie friedlich und ohne Schmerzen in Gera für immer ein. Dabei hatte doch der so lebensfrohe und kregle Weltkriegsveteran Anfang Dezember noch seinen russischen Kameraden, Nikolaj Schtschelkonogow, zum „sozialistischen Wettbewerb“ herausgefordert, um gemeinsam mit dem einstigen Feind die 100 Jahre vollzumachen und sich noch mindestens einmal wiederzusehen. Nun wird es bei diesem letzten Treffen vor gut drei Monaten bleiben.

Günther Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow, Dezember 2019

Der Thüringer, Günter Kuhne, wie sein Freund aus Wladimir Jahrgang 1926, gehörte zu der Generation, die als Kanonenfutter an die bereits verlorene Front geschickt wurden, zunächst in die trügerische Adrennenoffensive, dann, nach einer Zwischenstation in Remagen und bei Hannover, verwundet ins Hilfslazarett Rostock, das er im März 1945 verließ, um im Sportlazarett von Neustrelitz, Brandenburg, eine Reha zu machen. Der Angehörige der Hitler-Jugend Waffen-SS ging noch an zwei Krücken, als er vom Stabsarzt gemustert und mit den von abgrundtiefem Zynismus zeugenden Worten „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“ für tauglich erklärt wurde. Mit einem zusammengewürfelten Haufen wurde der Kriegsversehrte von Nauen bei Berlin aus ohne Stammeinheit Richtung Oder verfrachtet, um die längst verlorenen Rückzugskämpfe bei Halbe zu unterstützen. In dieser schlimmsten Kesselschlacht nach Stalingrad standen 2.100.000 Rotarmisten gerade einmal 200.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber. Marschall Georgij Schukow hatte die Kapitulation angeboten, aber General Theodor Busse lehnte ab und setzte auf die 4. Panzerarmee. „Doch wir hatten keine Chance!“ erinnerte sich Günter Kuhne. „Im Kessel bin ich zum Glück in Gefangenschaft geraten!“ Immerhin noch besser, als zu den 30.000 toten deutschen Soldaten zu gehören, die auf dem Schlachtfeld blieben, ohne den Vormarsch der Roten Armee aufhalten zu können.

Günter Kuhne, August 2016 in Erlangen; ganz links im Bild sein Kamerad, Philipp Dörr, ebenfalls Kriegsgefangener in Wladimir

Bis Juli 1948 arbeitete Günter Kuhne in der Schlosserei des Traktorenwerks in Wladimir, bevor er an den Wolga-Don-Kanal weitergeschickt wurde, von wo er Anfang 1950 in die Heimat zurückkehrte. Ohne Groll gegen die Sowjets („Russen“ zu sagen, war in der DDR jener Tage nicht opportun), von Beginn an zur Aussöhnung bereit, auch wenn die niedrigen Mannschaftsgrade, zu denen er ja gehörte, nie in den aus seiner Sicht ohnehin zweifelhaften Genuß kamen, in die den Parteibonzen vorbehaltenen Zirkel der offiziellen deutsch-sowjetischen Freundschaft aufgenommen zu werden.

Günter Kuhne, März 2016 in Jena

Nach der Friedlichen Revolution, deren Früchte Günter Kuhne gern gegen Kritik verteidigte, betätigte er sich im Veteranenverband und nahm dann auch früh Kontakt zum Kreis der Wladimirer Kriegsgefangenen um Friedhelm Kröger auf, wo er sich mit seinem verschmitzten Humor nur Freunde machte. Klagen war nicht seine Sache. Nur ein Umstand verdroß ihn sehr: Das völlige Desinteresse von Schulen seiner Heimatstadt an einer Begegnung mit ihm als Zeitzeugen. Und nun ist es zu spät dafür… Umso freudiger ergriff der Versöhner unserer Völker jede Gelegenheit – etwa bei der Vorstellung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in Jena oder bei den Interviews mit Schülern an der Franconian International School in Erlangen -, seine Lebenserfahrung und seine Mission mitzuteilen: „Haltet Freundschaft mit den Russen, bewahrt den Frieden, es gibt nichts, was kostbarer wäre!“

Günter Kuhne hat nun seinen ewigen Frieden gefunden. Seine Mahnung sollten wir zeit unseres Lebens beherzigen. Und das mit dem „sozialistischen Wettbewerb“? Der Geraer war ein guter Verlierer, und er hätte wohl mit einem schelmischen Lächeln gesagt: „Nicht traurig sein, man kann nicht immer gewinnen. Ich bin dankbar für mein glückliches Leben. Es hätte ja schon vor 75 Jahren zu Ende sein können, damals in jenem Loch, in das man mich schickte…“

Mehr zum Verstorbenen, der nun seiner Frau folgt und einen Sohn hinterläßt, im Blog u.a. hier https://is.gd/sg1uul und da https://is.gd/XAsPKG

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Wegen technischer Probleme kann heute der geplante Bericht nur verspätet und ohne den Hauptteil erscheinen. Sobald das Problem behoben ist, wird der Beitrag – hoffentlich noch im Lauf des Tages – ergänzt.

Wichtigstes Ziel der Städtepartnerschaft ist und bleibt die Völkerverständigung. Nicht von ungefähr steht deshalb das Motto „Bürgerpartnerschaft“ im Zentrum. Jährlich gibt es gut einhundert Austauschprogramme auf den unterschiedlichsten Ebenen. Regelmäßig veranstaltete Bürgerreisen schaffen ein Klima der Offenheit und Verständigung über alle Grenzen hinweg. Unsere Schule nimmt auch am Austausch mit dem Emmy-Noether-Gymnasium teil. Jährlich fahren die Kinder aus unserer Schule nach Erlangen. Ich selbst war schon zwei Mal in unserer deutschen Partnerstadt. Höhepunkt dieser Kontakte sind dabei Diskussionen und Jugendabende oder sportliche Begegnungen.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Ich bin überzeugt, die Partnerschaft Erlangen-Wladimir ist der beste Beweis dafür, daß gute Taten keine Grenzen, keine Nationalität kennen. Einfache Menschen (darunter auch Jugendlichen) können vieles leisten, viele Probleme lösen. Ehrenamtliche Initiativen sind unverzichtbar für das Gelingen der Städtepartnerschaft. Als Beispiel dazu dient hoffentlich auch das Projekt ,,Ein Blick in die Vergangenheit”, das ich gemeinsam mit meiner Lehrerin Ludmila Mironowa im Jahr 2008 erstmals in Erlangen präsentierte.

Die Städtepartnerschaft ermöglichte die Begegnung deutscher und russischer Kriegsveteranen. Einst standen sie einander auf feindlichen Frontlinien gegenüber und beschossen sich gegenseitig. Jetzt sind sie in unseren Partnerstädten zu Botschaftern des Friedens geworden. 2001 erschien die erste Auflage des Buches „Rose für Tamara“. Zehn Veteranen aus ganz Deutschland, die in Wladimir in der Gefangenschaft waren, erzählten über ihre Erfahrung und erinnerten sich mit viel Liebe und Dankbarkeit an die Hände der russischen Frauen, die ihnen das Leben gerettet hatten. Das Treffen mit deutschen Veteranen und deren Erinnerungen an die menschlichen Berührungen der einstigen Kriegsfeinde war wirklich ein Ereignis für uns Schüler. Ich bin selbst der Meinung, das Gute  müsse über das Böse die Oberhand  gewinnen.

 

Alexej Aljochin

 

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67 Jahre ist es nun her, seit das Dritte Reich, dessen Rechtsnachfolge die Bundesrepublik Deutschland angetreten hat, kapitulierte. Großadmiral Karl Dönitz, seit dem 30. April 1945 Nachlaßverwalter des faschistischen Terrorregimes, verkündete am 7. Mai 1945: „Am 8. Mai um 23 Uhr schweigen die Waffen.“

Günther Liebisch, Paul Hütter, Günter Kuhne, Philipp Dörr im Jagdschloß Walkenried

An jenem 7. Mai 1945 hatte Generaloberst Alfred Jodl als Chef des Führungsstabes der Wehrmacht im Hauptquartier von General Dwight D. Eisenhower in Reims die bedingungslose Gesamtkapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet, womit der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell beendet war. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 wurde auf Drängen Josef Stalins im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst die Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde wiederholt. Im Beisein von Marschall Georgij Schukow unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht, das Dokument. Sieger und Besiegte saßen an verschiedenen Tischen: Eine bewußte Demütigung als Folge des Vernichtungskriegs, den Adolf Hitler gegen die Sowjetunion hatte führen lassen.

Werner Martin, Anni Liebisch, Fritz und Elisabeth Wittmann, im Hintergrund Friedhelm Kröger.

Heute sitzen die Veteranen aus beiden Ländern – und besonders den Partnerstädten – längst wieder an einem Tisch und haben sich ausgesöhnt. Auch der Kreis um Friedhelm Kröger traf sich am Wochenende wieder, dieses Mal in Walkenried, Südharz, wohin Günther und Anni Liebisch eingeladen hatten. Ihr Motto folgt dem von Fritz Wittmann niedergeschriebenen „Aufruf zum Frieden“:

Werner Martin und Paul Hütter

Laßt uns einen Friedensbund gründen, / den Weltbund der kleinen Leute, / die bereit sind, Sorgen und Nöte zu teilen / und ihr Leben zu leben zu gemeinsamer Freude. / Auf daß wir nie wieder Knetmasse werden, / ein Potential, das die Großen nicht schonen, / und uns nie wieder treiben lassen / als willfährige Herden vor die Kanonen. / Wir sollen gemeinsam der Opfer gedenken, / die gestorben sind im Krieg / und wollen die Geburt von Kindern feiern / als völkerverbindenden Sieg.

Kurt Seeber vor dem „Goldenen Tor“ von Walkenried.

Wenn da nur nicht die traurige Erkenntnis von Günther Liebisch wäre: „Es wird so viel Geschichte studiert und gelehrt, nur lernt eben niemand aus der Geschichte.“ Dennoch gilt für diese Männer der Trinkspruch: „Auf die alten Veteranen! Nein, auf die letzten! Es darf nie mehr neue geben!“

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