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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Wissenschaftsaustausch’


So gut sie inhaltlich vorbereitet war, so gut ist sie auch technisch – abgesehen von anfänglichen Störgeräuschen durch falsch positionierte Mikrophone –  gestern im Universitätsgebäude der Friedrich-Alexander-Universität in der Kochstraße 4 gelungen, die erste Videokonferenz zwischen Erlangen und Wladimir. Von 9.00 Uhr bis 11.45 Uhr tauschte man Kurzvorträge zum Thema „100 Jahre Russische Revolution – Deutsche und russische Perspektiven“ aus und vertiefte anschließend den vielfältigen Stoff in der Diskussion.

Die Initiative zu dieser Premiere ging von der russischen Seite aus, die sich auf dem Bildschirm auch in beeindruckender Aufstellung präsentierte. Irina Lapschina, Leiterin der Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte und habilitierte Historikerin, moderierte im sich rasch einspielenden Tandem mit Moritz Florin, ihrem Erlanger promovierten Kollegen vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, die Runde mit den abgesprochenen Themenblöcken.

Als Arbeitssprache hatte man Englisch gewählt, da auf Seiten Erlangens nicht alle über ausreichend Russischkenntnisse verfügten. Desto erstaunlicher der Vortrag von Alexej Andrianow auf Deutsch, wenn man einmal absieht vom flüssig-gewandten Wechsel zwischen allen drei Sprachen, den Moritz Florin an den Tag legte, oder vom gepflegten Russisch des Muttersprachlers Igor Biberman.

Wladimir zwischen Moskau und Gorkij

Das „mächtige Häuflein“ in Erlangen hatte sich gut vorbereitet mit einer Landkarte der Sowjetunion aus dem Jahr 1961, behängt mit Artikeln und Publikationen zum Thema, sowie einem kleinen Büchertisch, Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung der deutschen Öffentlichkeit mit der Oktoberrevolution. Nicht von ungefähr zeigte man diese „Leistungsschau“, denn allgemein herrscht der Eindruck vor, die russische Politik, Wissenschaft und Medienwelt habe dem Jahrhundertereignis eher stiefmütterliches Interesse entgegengebracht. Ob dem auch wirklich so sei, sollte schließlich zu einem der Leitmotive der Konferenz werden.

Klaus Dyroff grüßt Wladimir

Von Nikolaj Karamsin, dem Vater der russischen Geschichtsschreibung stammt der Satz „Das Volk ist ein scharfes Eisen, mit dem zu spielen gefährlich ist, und die Revolution ist ein offener Sarg für die Tugend ebenso wie für die Missetat.“ Er hatte die Französische Revolution vor Augen, aber gültig ist sein Aphorismus sicher nicht minder für das, was im Oktober/November vor 100 Jahren in Petrograd seinen blutigen Anfang nahm.

Heute, so Irina Lapschina in ihrer Einführung, sei die Bevölkerung in der Beurteilung der Ereignisse – ob Revolution oder Staatsstreich – geteilter Meinung: 46:46 stehen sich mit einer positiven bzw. negativen Haltung gegenüber. Und die Historiker hier wie dort? Das auszudiskutieren, genügen natürlich auch drei Stunden nicht, aber ein guter Anfang ist gemacht.

Moritz Florin im Dialog mit Irina Lapschina

Immerhin gelang es, in zwölf Blöcken im Wechsel neue Ansätze des Verständnisses und der Interpretation vorzustellen, weg von Sozialgeschichte, wie sie in der UdSSR vorherrschte, hin zu einer stärker subjektiven Wahrnehmung etwa in Karl Schlögels neuer Monographie „Das sowjetische Jahrhundert“, in neuen Bewertungen der Revolution durch zeitgenössische russische Forscher, die Entdeckung von Archivmaterial mit Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie derzeit in der Süddeutschen Zeitung publiziert, in der Rezeption von Erinnerungen des französischen Diplomaten Georges Maurice Paléologue, der Reportagen des amerikanischen Journalisten und Gründer der kommunistischen Arbeiterpartei in den USA, John Reed, oder der Memoiren des britischen Diplomaten, George Buchanan.

Michael Herzog zum Thema „Martin Luther und Wladimir Lenin“

Interessant auch der Einblick in die Stoffvermittlung in russischen Lehrbüchern, in eine große Ausstellung im Landesmuseum Wladimir oder die umfangreiche Berichterstattung deutscher Printmedien und TV-Reportagen wie der Sendung „Zarensturz – Ende der Romanows“ im ZDF oder „Die Künstler und die Revolution“ auf Arte. Kurios die Parallelen, die sich – an manchem wirren Haar – herbeiziehen lassen zwischen 500 Jahren Reformation und 100 Jahren Revolution.

Die Technik überlistet von Sonja Ruppik und Cornelia Götschel

In der Diskussion stellte sich rasch eines heraus: Man kann und will über alles sprechen, weder hier noch dort gibt es Tabuzonen oder vorgestanzte Auffassungen, die ja Friedrich Schiller immer so fürchtete:  „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Auch nicht zum mehr diskutierten als rezipierten Spielfilm „Mathilde“, der in russisch-orthodoxen Kreisen – auch in Wladimir – so viel Wirbel ausgelöst hatte und die gestrige Runde so gelassen ließ; auch nicht zur Frage, warum denn nun die Kreml-Politik die Rote Revolution im Jubiläumsjahr so unter den Scheffel stellt. Eine Wladimirer Studentin mutmaßt denn auch, man wolle wohl angesichts der Präsidentschaftswahl im März niemanden auch nur in Gedanken auf die Barrikaden bringen. Ein eher geringes Risiko so die russische Meinung dazu, zumal ja auch nur wenige den Aufrufen der Kommunisten zu ihren Kundgebungen folgten.

Werner Landmann, Sonja Ruppig, Cornelia Götschel, Igor Biberman, Moritz Florin, Andreas Beckert, Klaus Dyroff und Michael Herzog

In Abwandlung eines Ausspruchs von Zarin Katharina II – „Ihr Philosophen habt es gut. Ihr schreibt auf Papier, und Papier ist geduldig. Ich unglückliche Kaiserin schreibe auf der empfindlichen Haut von Menschen.“ – könnte man sagen, die Oktoberrevolution hat die Haut von Millionen von Menschen gegerbt, die Narben und Verletzungen werden wohl noch lange weitervererbt. Da braucht es dann schon eine gute Erklärung für die Frage, warum neuerdings in der russischen Forschung der Begriff „Große Revolution“ auftauche. Vielleicht, so eine Deutung aus Wladimir, weil damit das gesamte Jahr 1917 gemeint ist, das Zusammenwirken der bürgerlichen Revolution im Februar mit dem bolschewistischen Umsturz im Oktober. Da besteht aber sicher noch Klärungsbedarf zwischen den Debattanten, die es sicher nicht bei dieser ersten Videokonferenz bewenden lassen, zumal – wie es sich für jede anständige Konferenz gehört – eine Zusammenstellung und Publizierung der Beiträge vorgesehen ist und man auch schon ein Wiedersehen realiter im Sommer plant.

S. auch: https://is.gd/t6UFpQ und https://is.gd/PkRADg

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Das Jahr ist noch nicht zu Ende, aber ein erstes Fazit darf man schon ziehen und dabei auf einen besonderen Glücksfall der Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft hinweisen: den Austausch des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU mit der Staatlichen Universität Wladimir. Im Ergebnis der Exkursion einer neunzehnköpfigen Gruppe aus Erlangen mit der Lehrstuhlleiterin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg und Wladimir Ende Mai bildete sich nicht nur die Studenteninitiative „Kommunalka“, sondern die russische Seite schlägt nun auch zum Thema „Die Russische Revolution. Russische und deutsche Perspektiven.“ eine Videokonferenz vor, die am Freitag, den 8. Dezember, um 9.00 Uhr im Regionalen Rechenzentrum der FAU, Martensstraße 1 starten und bis 12.00 Uhr dauern soll. Geplant ist die Diskussion – übrigens auf Englisch und Russisch, wobei ggf. für Übersetzung gesorgt wird – als Synopsis von Publikationen und Interpretationen in beiden Ländern zum „Roten Oktober“.

Alle Macht den Räten! 1917 Beginn einer neuen Ära.

In kurzen Vorträgen, nicht länger als fünf Minuten, wollen die Studenten der Partnerstädte ein aktuelles Buch, einen Zeitungsartikel oder Film, eine Ausstellung, Konferenz oder Dokumentation zum Thema vorstellen. Einige Beiträge stehen schon fest. So wird Moritz Florin, Koordinator der Veranstaltung und Akademischer Rat am Lehrstuhl, zu der Plakatausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“ sprechen, die in ganz Deutschland in Schulen und an anderen öffentlichen Orten gezeigt wurde, siehe: https://is.gd/7d5BEN. Klaus Dyroff hat eine Reihe von Zeitungsartikeln zum Thema zusammengestellt, die er allen Teilnehmern in Form eines Readers zur Verfügung stellt.

Es lebe die große sozialistische Oktoberrevolution!

Thematisiert werden können aber auch die aktuellen Fernsehdokumentationen zu dem epochalen Ereignis, etwa „Der letzte Zar“ – siehe https://is.gd/i5neff, wo unter anderem Matthias Stadelmann, Professor am Lehrstuhl von Julia Obertreis, zu sehen ist. Als Stoff bieten sich aber auch neue Bücher deutscher Historiker an, darunter Martin Aust, Gerd Koenen und Karl Schlögel. Zur Lektüre und Vorbereitung empfohlen auch „Rußland 1917“ aus der Feder des Erlanger Emeritus, Helmut Altrichter. Darüber hinaus befassen sich mit dem Jahrestag die Publikationen „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Berlin 2017“, die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“ sowie das kürzlich erschienene Heft aus der Reihe „Geo-Epoche“. Angesprochen werden können jedoch auch durchaus heikle Themen wie der Film „Mathilde“, zu dessen Resonanz in der russischen und insbesondere der Wladimirer Öffentlichkeit auch der Blog berichtete: https://is.gd/t6UFpQ

Das Land den Bauern, die Betriebe den Arbeitern! – Demonstration der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation am 7. November 2017 in Wladimir.

So frei die Wissenschaft, so offen die Teilnahme – auch ohne Immatrikulation. Wer also an der Videokonferenz – gleich ob aktiv mit einem eigenen Beitrag oder als Gasthörer – teilnehmen möchte, melde sich bei moritz.florin@fau.de an, auch um zu erfahren, in welchem Raum die Veranstaltung stattfinden wird.

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Erst im August hatte Dmitrij Makejew seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, nun ist er gestern verstorben. Einen sanften Mann verliert Wladimir, einen klugen Mittler des Ausgleichs, einen bedachten Historiker, der aus der Geschichte gelernt hatte, wie wichtig Versöhnung und Austausch zwischen den Völkern sind. In der Region Moskau geboren, kam der Wissenschaftler 1977 nach Wladimir, um zunächst als Dozent am Pädagogischen Institut zu lehren, wo er sich rasch zum Prorektor emporarbeitete, bevor er 1988 die Leitung der Hochschule – 1993 zur Staatlichen Pädagogischen Universität erhoben und 2011 mit der Polytechnischen Universität zur Wladimirer Staatlichen Universität verschmolzen – bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 übernahm.

Altrektor Dmitrij Makejew, Florian Janik und Ansor Saralidze, Rektor der Universität Wladimir, Herbst 2014

In all diesen Jahren spielte Dmitrij Makejew eine herausragende Rolle in der Geschichte der Städtepartnerschaft: Als regionaler Vorsitzender des Verbands der Völkerverständigung handelte er in einer Nachtsitzung im Hotel Kljasma mit Rudolf Schwarzenbach, dem großen Mentor dieser Kontakte, die Formulierungen für die Charta der Städtepartnerschaft aus, 1985 begann unter seiner Ägide der Austausch mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, und ebenfalls in diese Zeit fiel der Anfang seiner Freundschaft mit Klaus Wrobel, dem Direktor der Erlanger Volkshochschule, die er auch selbst immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen besuchte. Überhaupt war er der große Kommunikator, erklärte hier wie dort auf Podien und in Seminaren die gesellschaftlichen wie politischen Unterschiede und scheute auch vor der Herausforderung nicht zurück, 1997 mit dem Erlanger Kollegen, Michael Stürmer, russische Sorgen und Befürchtungen angesichts der Nato-Osterweiterung zu diskutieren. Dabei behielt er stets die Verdienste von Mitstreitern in der Sache der Verständigung im Blick und verlieh dem Begründer der Städtepartnerschaft und damaligen Oberbürgermeister Erlangens, Dietmar Hahlweg, 1995 die Ehrendoktorwürde; zwei Jahre später ging die Auszeichnung an Klaus Wrobel.

Wir trauern um Dmitrij Makejew

Es ist still in den letzten Jahren um den ohnehin eher in sich gekehrten Gelehrten geworden, Alter und Gesundheit forderten ihren Tribut. Aber seine besonnene Stimme bleibt hörbar als jene, die ganz zu Anfang des wissenschaftlichen Austausches zwischen Wladimir und Erlangen so vornehm-vernehmlich erklang und bis heute alle Begegnungen durchdringt, in ihnen allen schwingt. So schwer der Verlust, so traurig die Melodie der Threnodie, so beglückend das Vermächtnis: Wenn am Dienstag der Patriarch der Partnerschaft zu Grabe getragen wird, steht – welch eine Fügung des Schicksals! – in der Trauergemeinde auch eine vierköpfige Studentengruppe des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde am Sarg. Ein Abschied, der verpflichtet.

Mehr zu den Leistungen des Verstorbenen hier: https://is.gd/v3BEku

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Von Island bis Marokko und von Österreich bis Kuba sind sie der Einladung des Referats für Internationale Angelegenheiten der Friedrich-Alexander-Universität gefolgt, am ersten Erasmus-Plus-Treffen teilzunehmen, das eine ganze Woche lang jene zusammenführt, die an den Partnerhochschulen für den Austausch zuständig sind. Aus Wladimir zu dem Seminar angereist ist Nadeschda Troschina, promovierte Dozentin am Lehrstuhl für Journalistik und stellvertretende Leiterin der Abteilung für Internationale Zusammenarbeit an der Universität in der Partnerstadt.

Bianca Köndgen

Sehr zur Freude von Bianca Köndgen, im Referat für Internationale Angelegenheiten der FAU stellvertretende Leiterin und zuständig für alles, was mit den Erasmus-Programmen zu tun hat. Ihr Fazit klingt denn auch zuversichtlich: „Demnächst können wir wieder für einen Gaststudenten einen Platz anbieten, und der wissenschaftliche Austausch mit Wladimir ist auf einem guten Weg.“

Das Auditorium

Das sieht die Besucherin nicht anders und stellt den Gastgebern ein hervorragendes Zeugnis für das Arbeitsprogramm aus: „Alle meine besten Erwartungen sehe ich hier übertroffen. Die Leidenschaft für die Sache des Austausches spüre ich hier überall.“

Nadeschda Troschina und Günter Leugering

Das könnte so auch Günter Leugering, Vizepräsident der FAU für Internationales, von den Gästen gesagt haben, denn seine gestrige Begrüßung für die Runde, die bisher in Nürnberg getagt hatte und heute ihre Arbeit abschließt, stand ganz im Zeichen der Leidenschaft, ohne die sich gerade auch in dem für Forschung und Lehre so wichtigen interkulturellen und wissenschaftlichen Austausch nichts bewegen lasse. Desto wichtiger diese erste Begegnung jener, die für den internationalen Dialog der Hochschulen brennen – hier wie andernorts, besonders aber in Erlangen und Wladimir.

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Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt zu Fragen des Religionsunterrichts an Schulen der Russischen Föderation, betrieben vom Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität und dem Lehrstuhl für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatlichen Universität Wladimir geht dem Ende entgegen. Dieser Tage trifft sich in Erlangen, koordiniert von Wadim Schdanow als Gastgeber und Jewgenij Arinin als Verbindungsmann für die russische Seite, eine Gruppe von weiteren russischen Hochschulen, die an der Untersuchung beteiligt sind: Tatarstan, Burjatien, Moskau, Orjol und Archangelsk. An den beiden letzteren ist Jewgenij Arinin selbst Gastprofessor, und das Gewicht der Partnerstadt an der deutsch-russischen Wissenschaftskooperation beweist zusätzlich die Teilnahme des in Wladimir angesehenen Soziologen Dmitrij Petrosjan, der zum ersten Mal nach Erlangen gekommen ist.

Jelena Woronzowa, Julia Matuschanskaja, Ojuna Dorschiguschajewa, Jewgenij Arinin, Dmitrij Petrosjan und Wadim Schdanow

Bis zum Wochenende tagt man nun noch im Jordanweg am Fuße des Burgbergs, legt fest, welche Artikel zu welchen Themen wer zu der geplanten Monographie beisteuert, und es gibt neben den methodischen Fragen auch Raum für anekdotische Anmerkungen zu Geschichte und Gegenwart des Religionsunterrichts, von seinem Verbot zu Sowjetzeiten und der atheistischen Erziehung – Chemielehrer widerlegten da beispielsweise zum Ergötzen der Schüler den Glauben an die Transsubstantiation und andere Wunder, oder man zeigte maßlos überzeichnete Karikaturen und Hetzfilme von Vertretern der Konfessionen und Religionen – bis hin zum heutigen Versuch, den „heiligen Stoff“ wertneutral und mit Äquidistanz zu vermitteln. Was in einem orthodoxen Umfeld bei aller in Wladimir geübten Toleranz nicht immer gelinge, wie Jewgenij Arinin zu berichten weiß. So gab es erste Beschwerden muslimischer Studenten, weil in einer Vorlesung der Islam mit Terror gleichgesetzt worden sein soll. Oder da ist jenes muslimische Mädchen, das sich ausgegrenzt fühlt in einer christlich orthodox geprägten Klasse. Auch die grundsätzlichen Unterschiede des Religionsverständnisses zwischen dem in Glaubensfragen eher offensiv auftretenden Kaukasus und durchaus gemäßigten Auslegung des Korans in Tatarstan sollen noch analysiert werden. Schließlich bleibt noch eine Darstellung des Judentums im Religionsunterricht. Es wird dem Gast bei der Konferenz jedenfalls rasch klar: Da ist mit dem Ende des Projekts erst ein Etappenziel erreicht, der wissenschaftlichen Desiderate gibt es noch viele, und diese einzigartige Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir hat noch viele Ziele.

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Alexej Panfilow, Vizerektor für die Lehre, blickt mit Zuversicht in die Zukunft seiner Staatlichen Universität in Wladimir, hat sie doch einen entscheidenden Schritt in Richtung Ausbau ihrer landesweiten Bedeutung getan. In der russischen Bildungslandschaft vollziehen sich nämlich, wie der Professor für Gießereitechnik und Materialwissenschaften, gestern seinem Erlanger Kollegen, Professor Günter Leugering, erläuterte, tiefgreifende Veränderungen. Von den derzeit etwa eintausend Hochschulen, so der Gast, werden wohl am Ende des Reformprozesses gerade einmal einhundert Universitäten übrigbleiben: die beiden wissenschaftlichen Hochburgen in Moskau und Sankt Petersburg, die gewissermaßen außer Konkurrenz und autark agieren; das gute Dutzend Einrichtungen mit föderalem Status und herausgehobene Institute; sowie jene Stätten der Forschung und Lehre, die im Rahmen eines Wettbewerbs an ihrem Standort als „Stütze und Säule“ der Wissenschaft anerkannt sind. Wladimir hat sich diesen Titel erworben und gehört damit – derzeit als 33. Mitglied – zu dem ausgewählten Kreis der voraussichtlich 80 Universitäten, die in ihrer jeweiligen Region den Ton angeben. Mehr noch, so glaubt Alexej Panfilow: „Hier gilt – bestehen oder vergehen.“

Alexej Kutscherik, Günter Leugering und Alexej Panfilow

Um weiter gut bestehen und vorangehen zu können, braucht es aber auch internationale Partner wie die Friedrich-Alexander-Universität, mit der man vor 17 Jahren einen Kooperationsvertrag unterzeichnet hatte. Nicht nur für das Protokoll, sondern tatsächlich auch mit Leben erfüllt, wenn man an die Kontakte vom Bereich der Bildgebenden Verfahren über Umweltverfahrenstechnik bis hin zu Psychologie und Geschichte oder an den Studentenaustausch denkt. Dennoch lohnt es immer wieder, neue Impulse zu setzen. Etwas, worauf auch Günter Leugering als Professor für Angewandte Mathematik abzielt, der die beiden Universitäten gerade im Zusammenspiel mit der Städtepartnerschaft als Doppel sieht, das noch viele Felder gemeinsam bespielen könnte. Keinen Zweifel jedenfalls läßt er daran aufkommen, seinen Beitrag dazu leisten zu wollen.

Alexej Kutscherik und Alexej Panfilow am Bayerischen Laserzentrum

Wie gut das gelingen kann, zeigt das Beispiel der Zusammenarbeit des Bayerischen Laserzentrums in Erlangen mit dem Partnerinstitut in Wladimir, eine ebenfalls vertraglich festgelegte Zusammenarbeit, die besonders Alexej Kutscherik, dem austauscherfahrenen Akademischen Rat am Lehrstuhl für Physik und angewandte Mathematik, am Herzen liegt. Wenn die beiden Wissenschaftler nach intensiven Tagen in Erlangen heute wieder die Heimreise antreten, tun sie das, um bald schon wiederzukommen, weitere Delegationen zu entsenden und Gäste in Wladimir zu empfangen, mit denen sich neue Stützpfeiler und Säulen der gemeinsamen Forschung und Lehre errichten lassen.

Welch einen begabten Baumeister etwa Alexej Kutscherik abgibt, dessen wissenschaftlicher Werdegang eng mit Erlangen verbunden ist, zeigt dieser frühere Eintrag im Blog: https://is.gd/Bm3nVB

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Zum 10. Todestag von Rawus Chuduschewitsch Bagirow (29.08.1939 – 08.07.2007)

Ein Beitrag von Renate Winzen

„Ich kümmere mich um sie!“ Kurz entschlossen nahm der Regisseur Rawus Bagirow sich meiner an, als ich am ersten Tag meines Praktikums beim Staatlichen Fernsehen der Region Wladimir durch verschiedene Abteilungen des Senders geführt wurde. Das war im Oktober 1994, in jenen 90er Jahren, als das Leben dort überall im Land von verfallenden Strukturen, materieller Not und alltäglichem Überlebenskampf geprägt war. Löhne wurden monatelang nicht ausgezahlt, und wenn doch, so reichten sie kaum, um den alltäglichen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man behalf sich irgendwie, man half sich gegenseitig; so genau habe ich nie herausgefunden, woher die Leute damals ihr Essen nahmen, – und nicht allen gelang es, genug zum Essen zu haben. Das, was sie hatten, teilten sie gerne mit dem Gast – nein, sie teilten nicht, sie gaben dem Gast mehr, als sie sich selbst gönnten.

Renate Winzen (4. v.l.) mit dem TV-Team von Chefredakteur Leonid Skakunow (1. v.l.)

„Ich kümmere mich um sie!“ Gesagt – getan. Rawus Bagirow nahm mich unter seine Fittiche: Drehbuch-Konzeption, Dreharbeiten, Interviews, Filmschnitt – überall bezog er mich ein, erläuterte, lehrte, gab mir Raum für Fragen und Diskussionen. Aber da war noch mehr; manchmal sprach er mich auf Deutsch an, er interessierte sich für mein Land, die dortigen  Lebensumstände, die deutsche Kultur und Mentalität, – und er tat alles, damit ich mich im fernen russischen Ausland heimisch fühlen könne.

Er selbst hatte seine Heimat verloren, war aus akuter Gefahr geflohen vor dem Bürgerkrieg in Aserbeidschan. Unfreiwillig war er Tausende Kilometer entfernt von seiner Heimat, nicht wissend, ob er jemals zurückkehren könne, ohne eigenen Wohnraum, mit seiner Frau in einem Zimmer bei anderen Leute untergebracht… Wie anders war seine Situation hier im russischen Ausland als meine! Doch er blieb nicht bei sich stehen – leidenschaftlich setzte er sich für seine Mitmenschen ein: in seinen Filmen und in seinem Alltag.

Mitten im Zerfall gab es in diesen 90er Jahren auch Orte des Aufbruchs. Dazu gehörte das Staatliche Fernsehen Wladimir. Hier hatte man sich der Glasnost verschrieben; in engagierten Reportagen und Berichten setze man sich offen, ganz im Sinne der „Transparenz“, mit verschiedensten Themen auseinander.

Rawus Bagirow (im Vordergrund) bei Aufnahmen zur Umweltreihe „Perlenkette der Seen“

Rawus Bagirow lenkte in seinen Reportagen den Blick dahin, wo Menschen Ungerechtigkeit und Mißachtung erlebten. Es war ihm ein Herzensanliegen, Menschen die (neue?) Erfahrung von Wertschätzung und Gerechtigkeit zu ermöglichen.

Am Herzen lag im auch das, was er „den zweiten“ Blick“ nannte. Eines Tages eröffnete er mir, ich habe nun genug durch Hospitanz bei verschiedenen Filmen gelernt, es sei an der Zeit für mich, einen eigenen Film zu machen. Dafür schlug er eine Reportage über die Technische Universität Wladimir mit dem Ziel vor, Kooperationen zwischen der Hochschule und der Universität Erlangen-Nürnberg aufzubauen. Dabei regte er mich dazu an, nicht bei dem stehen zu bleiben, was sofort ins Auge fiel: armselige, veraltete Laborausrüstung;  ein Studenten- und Wissenschaftler-Alltag, in dem das Geld auch für das Essen knapp war; und das in einem Land, in dem das Leben geprägt war von ausbleibenden Lohnzahlungen, schlechter Infrastruktur und dem Kampf ums alltägliche Überleben.

Was könnte westliche Wissenschaftler dazu bringen, mit solch einer TU zusammenzuarbeiten und sich in ein solches Land zu begeben? Nein – über diesen ersten Blick hinausgehen und weiterfragen: Was sind das für Studenten, die unter solchen Bedingungen nicht aufgeben, sondern dranbleiben am Studium? Was sind das für Wissenschaftler, die der Forschung und der Studentenausbildung die Treue halten, obwohl vor allem an Hochschulen die Gehälter so niedrig sind, daß das Geld hinten und vorne nicht reicht? Welche Kraft treibt diese Studenten und diese Wissenschaftler an, – und ist nicht genau diese Kraft ein Faktor, weswegen es sich für westliche Kollegen lohnen kann, mit solchen Partnern zusammenzuarbeiten?

Rawus Bagirow wurde damit zum Initiator für den Aufbau von Kooperationen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zwischen der Staatlichen Universität Wladimir (ehemalige TU Wladimir) und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Strategie des „zweiten Blicks“ half immer wieder, systembedingte Wertungen und Irritationen zu überwinden.

Mit seiner freundlichen Achtsamkeit für seine Mitmenschen und mit seinem Humor und seiner Herzlichkeit hat er das Leben vieler Menschen bereichert, auch meines.

Sein Wirken umfaßt aber noch weit mehr.

Selbst heimatlos geworden, gab er anderen Heimat und das Gefühl, zu Hause zu sein.

Selbst Mißachtungen ausgesetzt gewesen, gab er anderen Respekt und Wertschätzung.

Selbst in hoch angespannter Lebenslage geraten, lag ihm das Wohlbefinden anderer am Herzen.

Dieser Weg verändert mehr als viele Protestaktionen. Dieser Weg bewirkt mehr als so manche Strukturmaßnahmen. Dieser Weg ist immer möglich, in der Städtepartnerschaft und darüber hinaus.

Danke, Rawus.

Siehe auch: https://is.gd/5QYkF7

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