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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Wissenschaftsaustausch’


Bereits Anfang März war es zu einem ersten Kennenlernen zwischen Matthias Wrede, Professor und Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Sozialpolitik, an der Friedrich-Alexander-Universität und dem Lehrstuhl für Management und Marketing an der Universität Wladimir gekommen. Beide Seiten interessierten sich besonders für die Auswirkungen der Pandemie auf die lokale und regionale Wirtschaft.

Nun fand am Donnerstag letzter Woche die erste, ganz der Ökonomie gewidmete Videokonferenz zwischen den beiden Hochschulen statt, zu der sich ein etwa dreißigköpfiges Auditorium dazuschaltete. Seitens der FAU als Referent noch dabei Andreas Mense, der über die räumliche Ausbreitung von COVID-19 sprach, während Matthias Wrede die Kreditvergabe des Bankenwesens in Zeiten der Pandemie vorstellte.

Die Wladimirer Seite präsentierte die erstaunlich gute Entwicklung in der Region, weitgehend zurückzuführen auf einen Wirtschaftsgipfel mit vielen Anreizen für das produzierende Gewerbe, zur Sprache kamen aber die Zukunft des Finanzsystems und das gegenwärtige Verhalten von Aktionären.

Man hatte sich viel zu sagen und will nun die Skripten austauschen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen…

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Seit dem Sommersemester 2019 studiert Iwan Lawrentjew aus Wladimir an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Gerontologie. Nun steht seine Masterarbeit an, zu der er eine Umfrage (s. Ende des Berichts) macht. Ihm fehlen für die Studie besonders noch ethnische Deutsche und Menschen, die aus Westeuropa stammen. Nehmen Sie sich also bitte heute nicht nur Zeit zur Lektüre des Blog-Eintrags, sondern auch zum Ausfüllen des Fragebogens.

Iwan und Maria Lawrentjew

Nach eineinhalb Jahren geht mein Studium zu Ende, und es ist Zeit mit der Masterarbeit zu beginnen. Bevor man einen Dozenten kontaktiert, sollte der Student sich überlegen, mit welchem Thema er sich auseinandersetzen möchte und die entscheidende Frage klären, ob es genug Literatur zu dem geplanten Thema gibt, denn es wäre sehr erbärmlich beim Erstellen des theoretischen Teils der Masterarbeit festzustellen, in der Sache sei bisher zu wenig geforscht worden.

Sobald man sich für ein bestimmtes Thema entschieden hat, kann man einen Dozenten suchen, der die Masterarbeit betreut. Hier ist wichtig zu beachten, einander gut zu kennen und schon einmal zusammengearbeitet zu haben, da die Chemie passen sollte. Falls der Dozent seine Zustimmung gibt, bittet er ein Exposé zu schreiben, wo du deine zukünftige Masterarbeit skizzierst: Einleitung, Forschungsstand, Forschungskonzept, Zielsetzung, Fragestellung und Methodik. Am Ende solltest du eine Hypothese aufstellen, die du in deiner Masterarbeit entweder beweist oder widerlegst. Das Exposé hilft dem Dozenten, einen Überblick darüber zu bekommen, was du genau vorhast, es kann aber auch für dich sehr hilfreich sein, weil du da deine Arbeitsplanung ersichtlich machst, und während des Schreibens kann du dich gut orientieren, wo du dich momentan befindest und was noch zu machen ist, oder wieviel Zeit du noch übrig hast. In der Regel hat jeder Student in Vollzeit bis zu sechs Monate Zeit für die Masterarbeit, in Teilzeit macht das neun Monate aus.

Ich wollte schon am Anfang meines Studiums eine empirische Studie durchführen und das Thema mit älteren Personen mit Migrationshintergrund verbinden, weil ich selber aus Wladimir stamme und mich einfach interessiert, wie sich Migranten 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Deutschland eingelebt haben.

Dann kam die Pandemie und die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen. Das Thema lag förmlich auf der Hand. Es galt nur noch, eine gute Fragestellung zu entwickeln und die Betreuung zu klären.

Anja Beyer

Meine Wahl fiel auf Anja Beyer, Dozentin am Institut für Psychogerontologie (IPG) der Friedrich-Alexander-Universität, die schon viele Masterarbeiten erfolgreich betreut und vor kurzem promoviert hat. Ich besuchte ihre Seminare, und ihre Arbeitsmethode gefiel mir recht gut. Entscheidend für mich war auch, sie tagsüber anschreiben und schnell eine Antwort bekommen zu können, was bei den Betreuern, die eine eigene Praxis haben oder noch an einem anderen Lehrstuhl unterrichten, nicht immer der Fall ist.

Am IPG werden neben klassischen Seminaren und Vorlesungen regelmäßig kostenlose Kurse angeboten, wo man alles über Datenerhebung und Auswertung erfahren kann. Solche Lehrveranstaltungen sind vor allem für diejenigen Studenten sehr nützlich, die eine empirische Studie durchführen und mehr über statistical software wie Limesurvey, SPSS, PSPP erfahren wollen.

Für mich, einen Studenten mit pädagogischer Ausbildung, war Statistik ein Fremdwort. Deswegen war dieser Kurs ein Desiderat.

Im Folgenden möchte ich kurz auf das Thema meiner Masterarbeit eingehen.

Die Pandemie hat nicht nur neue Probleme mitgebracht, sondern auch die schon vorhandenen Herausforderungen durch Lockdown, Ausgangssperre, Reiseverbot signifikant verschärft, eine davon stellt die Einsamkeit dar.

Ziel meiner Masterarbeit ist, mit Hilfe von standardisierten Fragebögen Daten zu Einsamkeit, sozialer Isolation und Lebenszufriedenheit zu erheben und festzustellen, inwieweit sich Personengruppen mit verschiedenen Migrationshintergründen voneinander unterscheiden.

Dabei gehe ich von der durch soziale Forschungen mehrfach belegten Annahme aus, wonach ältere Menschen aus dem osteuropäischen Raum eine schlechtere soziale Einbettung und Wohnungssituation sowie niedrigere finanzielle Ressourcen aufweisen, die wiederum zentrale Risikofaktoren für soziale Isolation und Einsamkeit bedingen. Dem gegenüber steht der Umstand, wonach diese Personen untereinander sehr gut vernetzt sind.

Allerdings ist auch die Tatsache zu berücksichtigen, wonach die Befragung unter den Bedingungen des Lockdown stattfindet, der die gewohnte alltägliche Lebensführung stark betrifft.

Methodik

Eine der ersten und dabei zentralen Aufgaben bestand darin, einen Fragebogen zu erstellen, damit Daten zu der Fragestellung erhoben werden können. Ich wollte nicht das Rad neu erfinden und übernahm deshalb bekannte standardisierte Instrumente: die UCLA Loneliness Scale zur Erhebung von Einsamkeit, die Lubben Social Network Scale zur Erfassung sozialer Isolation, FLZM zur Erhebung von Lebenszufriedenheit und weitere Parameter, die Daten zu Geschlecht, Alter, Bildungs- und Familienstand abfragen sollen.

Die Befragung wird sowohl in Papierform, als auch in Online-Format stattfinden, damit möglichst viele Personen daran teilnehmen können. Je nachdem, wie jemand mit dem Computer umgeht, kann man sich entweder für Online oder die Papierform entscheiden. Der Link zu Online Befragung wurde bereits an den Vorsitzenden der Franconian Society, Frank Gillard, den Seniorenclub Erlangen und an Mitglieder der hiesigen russischen-orthodoxen und jüdischen Gemeinde verschickt und von ihnen per E-Mail, in WhatsApp-und Telegramgruppen weitergeteilt. Außerdem liegen in den obengenannten Gruppen Fragebögen in Papierform aus, damit Personen, die an Online-Befragung nicht teilnehmen können, Gelegenheit erhalten, den Papierfragebogen auszufüllen und in eine Urne einzuwerfen, womit auch auf die Anonymität und Vertraulichkeit der Befragung gewährleistet ist Für die Befragungsdurchführung sind zwei Monate geplant, danach werden die erhobenen Daten in SPSS ausgewertet.

Nun meine Bitte, wenn Sie mindestens 50 Jahre alt sind, an der Studie teilzunehmen oder die Links weiterzuleiten. Sie würden mir damit sehr helfen.

für Deutsch: https://www.ipg.phil.fau.de/lime2/index.php/485938?lang=de
für Russisch: https://www.ipg.phil.fau.de/lime2/index.php/329241?lang=ru

Iwan Lawrentjew

Mehr zu dem angehenden Gerontologen: https://is.gd/VEC3wy

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Ein Jahr nach seinem letzten Besuch in Erlangen https://is.gd/Eky8I7 veröffentlich nun Wiktor Baraschkow in der russischen Fachzeitschrift für Religionswissenschaften seinen Artikel über moderne Sakralkunst in Deutschland. Dem Text ist eine kurze Zusammenfassung auf Englisch vorangestellt.

Wiktor Baraschkow bei seinem ersten Besuch in Erlangen 2018

Ein weiteres schönes Zeugnis für die vielfältige akademische Zusammenarbeit der Partnerstädte:

Барашков В.В._Религиоведение_2020_2_109-120

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Ja, wer hätte das gedacht! Trotz Pandemie und Reisewarnungen, trotz Rückholaktionen und Quarantänebestimmungen sind zwei Studentinnen aus Wladimir seit Anfang März in Erlangen und bleiben noch bis Ende des Semesters, also bis Anfang August. Sie vermissen natürlich den üblichen Lehrbetrieb, den ungezwungenen Umgang mit Kommilitonen aus aller Welt, doch andererseits erleben sie nun dank dem Programm „Erasmus +“ die Partnerstadt auf eine ganz außergewöhnliche und sicher einmalige Art und Weise.

Jekaterina Ragusina und Polina Foliforowa

So jung die beiden angehenden Germanistinnen sind – 22 Jahre -, so viel an Erfahrung bringen sie schon mit: Teilnahme am Projekt Mix-Tour in Jena oder an den Deutsch-Russischen Jugendforen in Hamburg und München sowie ehrenamtliche Mitarbeit im Euro-Klub Wladimir. Nun suchen die Gäste auch in Erlangen einen Praktikumsplatz, der es ihnen ermöglicht, mehr Einblick in Arbeit und Leben der Menschen in Erlangen zu erhalten.

Amil Scharifow, Polina Foriforowa und Jekaterina Ragusina

Da bietet sich schon einmal an, nicht nur TV Мы ein erstes Interview zu geben, sondern selbst zu Handy und Notizblock zu greifen und kleine Reportagen für die Daheimgebliebenen zu drehen. Wie sich das anläßt, ist hier im Gespräch auf der Parkbank in Erlangen

und da auf der Reise nach Regensburg zu sehen:

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Wenn sich später einmal jemand mit der Historie dieser deutsch-russischen Städtepartnerschaft beschäftigen sollte, wird das Projekt von Jewgenij Arinin, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Religionswissenschaften an der Staatlichen Universität Wladimir, sicher besondere Aufmerksamkeit erfahren. Seit gut 15 Jahren nämlich kooperiert der Gelehrte schon mit dem Lehrstuhl für Religions- und Missionswissenschaften an der FAU, und seit Anfang 2018 untersucht er, interdisziplinär unterstützt von Natalia Markowa, Dekanin des Instituts für Geisteswissenschaften, Irina Pogodina, Leiterin des Lehrstuhls für Finanzrecht, und dem Soziologen Dmitrij Petrosjan, den Komplex „Philosophie und Religionskunde als globales Projekt: die deutsche und russische Jugend im Religionsdialog“, ein Vorhaben, das die Russische Stiftung für Grundlagenforschung in Moskau fördert. Im Fokus dabei – die Frage, wie sich im Laufe des Austausches und der Begegnungen die sozialen und religiösen Werte von Jugendlichen aus den Partnerstädten entwickeln und verändern. Diese Woche schloß das Team nun die Forschungsarbeiten in Erlangen ab; im März will man die Fortsetzung des Projekts beantragen. Durchaus mit der Aussicht auf Erfolg, denn längst ist die Untersuchung über den engen Rahmen der Städtepartnerschaft hinausgewachsen: von Astrachan bis Archangelsk und von Ulan-Ude bis Moskau erhebt man Daten, und die Befragung von Jugendlichen soll im nächsten Jahr noch weiter intensiviert werden, möglichst auch unter Einbeziehung der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Elisabeth Preuß, Witalij Galkin, Natalia Markowa, Irina Pogodina, Jewgenij Arinin und Dmitrij Petrosjan

Dmitrij Petrosjan äußerte denn auch beim Empfang am Mittwoch im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Elisabeth Preuß die Hoffnung, die Datenbasis im nächsten Schritt zu erweitern, denn sogar innerhalb der russischen Städte gebe es große Unterschiede bei der Rolle von religiösen Werten. Archangelsk sei sehr stark säkular geprägt, erläutert Jewgenij Arinin, während Wladimir als eher rechtgläubig orientiert gelte, Kasan stärker in Richtung Islam ausgerichtet und Ulan-Ude vom Buddhismus bestimmt sei. Eine Kurzfassung der Ergebnisse präsentierte der Blog bereits Anfang des Monats unter: https://is.gd/zPbFN3, seit gestern liegt der Redaktion auch die umfangreiche Gesamtuntersuchung – auf Russisch – vor, die allen Interessierten zur Verfügung gestellt werden kann.

Morgen reisen nach getaner Arbeit die Gäste wieder nach Hause zurück und schließen für dieses Jahr den Besucherreigen aus der Partnerstadt mit den besten Wünschen von Elisabeth Preuß für die nächste Etappe des Projekts, das in der Historie der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir schon jetzt eine Ausnahmestellung einnimmt.

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Eindrücke über meinen Aufenthalt an der FAU

Als Dozentin an der Staatlichen Universität Wladimir besuchte ich im Rahmen des Programms „ERASMUS + Staff Mobility for Teaching“ vom 11. bis 15. November 2019 die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Mein Aufenthalt diente der Vertiefung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit und dem Austausch von Wissen und Erfahrung zwischen unseren Hochschulen.

Ich besuchte die Universitätsstandorte in Erlangen und Nürnberg. Erlangen ist eine kleine und gemütliche Stadt. Beeindruckt haben mich die kleinen Bürgerhäuser, die wunderbaren Parkanlagen und die vielen einladenden Restaurants und Cafés. Alles wirkte ruhig und aufgeräumt. Auf dem Marktplatz wurden schon Vorbereitungen für die Weihnachtszeit getroffen; die Stimmung ist teilweise feierlich und voller Vorfreude. Die Lehrkräfte der Universität waren alle sehr freundlich, höflich und hilfsbereit.

Evelina Winter und Olga Kossowan

Ich wurde vom Städtepartnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen, Peter Steger, sowie von der ERASMUS-Hochschulkoordinatorin an der FAU, Bianca Köndgen, und Evelina Winter, Mitarbeiterin des Lehrstuhls Didaktik des Deutschen als Zweitsprache, herzlich begrüßt. An der Universität war eine sehr interessante Ausstellung zum Thema „Fernweh“ zu sehen.

Nürnberg machte auf mich den Eindruck einer schönen und lebhaft pulsierenden Stadt. Die Atmosphäre im Stadtzentrum war beinahe feierlich zu nennen: strahlende Kaufhäuser und lebhafte Cafés, gut gelaunte Menschen, Glockengeläut auf dem Hauptmarkt.

Im Mittelpunkt meines Aufenthalts stand aber das Kennenlernen des Lehrstuhls Didaktik des Deutschen als Zweitsprache und seiner Lehrstuhlinhaberin, Prof. Dr. Magdalena Michalak. Ich hatte Gelegenheit, an ihrem Seminar zum Thema „Sprache im Fachunterricht“ sowie an ihrer Vorlesung mit der Bezeichnung „Erwerb des Deutschen als Zweitsprache“ teilzunehmen. Dargestellt wurden u.a. Lehrstrategien und didaktische Ansätze für die zukünftigen Lehrkräfte. Beide Veranstaltungen waren äußerst interessant und bereichernd, auch wegen der vielfältigen Erfahrungen und Kreativität.

Olga Kossowan

Ich selber hielt einen Vortrag zum Thema „Language Awareness – Welche sprachlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen dem Russischen und dem Deutschen?“ Die Studenten hörten aufmerksam zu und beteiligten sich aktiv. Sie waren besonders interessiert zu erfahren, wie in Wladimir Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird.

Insgesamt war der Besuch für mich in jedweder Hinsicht ein Gewinn. Der fachliche Erfahrungsaustausch war sehr angenehm, und zugleich haben die beiden mittelfränkischen Städte viel Kultur, Lebensart und neue Eindrücke geboten.

Frau Winter hat mir im Rahmen einer interessanten Stadtführung durch Nürnberg das größte Felsenkellerlabyrinth Süddeutschlands gezeigt. Der Weg führte zum Dürerkeller, der den Einwohnern Nürnbergs im 2. Weltkrieg als Luftschutzbunker gedient hatte. Dieser Besuch vermittelte Eindrücke von der Geologie des Nürnberger Burgberges sowie von der Herstellung und Lagerung von Bier. Abgeschlossen wurde dieser Rundgang bei einem Besuch der Nürnberger Hausbrauerei Altstadthof, die ein gutes Rotbier braut und seit einigen Jahren auch Whisky herstellt.

Olga Kossowan

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen bedanken, die zur Ermöglichung und zum Gelingen meines Besuches an der FAU im Rahmen des ERASMUS+ Programmes beigetragen haben. Insbesondere gebührt mein Dank Magdalena Michalak, Evelina Winter, Bianca Köndgen und Peter Steger.

Olga Kossowan

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Jelena Woronzowa, Fakultät für Geschichte an der Staatlichen Universität Moskau, und Jutta Schnabel, Physikerin an der FAU sowie Kopf und Herz des Jugendaustausches zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir, legten, unterstützt von Iwan Wikulow, Philosophische Fakultät der Staatlichen Universität Wladimir, einen Artikel zum Thema „Interaktion der Jungend im interkulturellen Umfeld: Erfahrung einer soziologischen Untersuchung“ vor, der heute als weiteres Zeugnis der fruchtbaren Hochschulkooperation zwischen den Partnerstädten in der deutschen Übersetzung von Peter Steger auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Jugendaustausch Erlangen-Wladimir

Anmerkung: Der Artikel betrachtet die vorläufigen Ergebnisse einer Untersuchung zu den Wertvorstellungen von russischen und deutschen Jugendlichen, die am Austausch zwischen Erlangen und Wladimir teilnahmen. Der dazu ausgearbeitete Fragebogen enthielt eine Reihe von Blöcken mit Fragen aus der Weltweiten Werte-Erhebung, was erlaubte, die Resultate mit den Daten der großangelegten Untersuchung von 2011 für die Russische Föderation und von 2013 für Deutschland zu vergleichen. Auf der Grundlage der gesammelten Daten machen die Autorinnen den Versuch, die Spezifik jugendlicher Einstellungen in den jeweiligen Gruppen herauszuarbeiten.

Um die weltanschaulichen Einstellungen und religiösen Vorlieben der russischen und deutschen Jugendlichen, die am Austausch teilgenommen hatten, zu erfassen, hatte die Forschungsgruppe einen Fragebogen vorbereitet. Die Befragung erfolgte in beiden Sprachen auf der kostenfreien deutschen Internetplattform Face Africa, was es ermöglichte, papierfrei und rasch die erhobenen Daten zu verarbeiten. Etwa 30 umfangreiche Fragen, ausgerichtet an der Weltweiten Werte-Erhebung (World Values Survey), waren zu beantworten, für die deutsche Seite auf der Grundlage der Formulierungen und Daten der Umfrage aus dem Jahr 2013 und für die russischen Jugendlichen auf der Basis der analogen Erhebung aus dem Jahr 2011.

Unser Fragebogen https://is.gd/TKlpkt konzentrierte sich auf die Festigung von weltanschaulichen Haltungen mit der Ausrichtung auf die Religiosität, weshalb folgende Fragegruppen enthalten waren: Einbezogenheit in die Interaktion mit einer Gruppe, Beziehung zu universellen Werten, Politik und Gesellschaft, Religiosität, Selbstwahrnehmung. Über die grundlegenden biographischen Fragen zu Geschlecht und Alter hinaus wurde auch die Frage nach der religiösen Selbstidentifizierung gestellt. Hinsichtlich dieser Frage ist folgender Vorbehalt zu machen: In Rußland ist die religiöse Zugehörigkeit dieser oder jener Person völlig unreglementiert, in den allermeisten Fällen fehlen formale Kriterien einer Mitgliedschaft oder sie spielen für die jeweilige Person keine entscheidende Rolle. So kann also jemand angeben, orthodox zu sein, ohne zur Kommunion zu gehen oder sich als festes Mitglied einer Gemeinde zu bezeichnen. In Deutschland hingegen wird noch immer eine besondere Kirchensteuer erhoben, die dieser oder jener Kirche / Gemeinde zugutekommt. Wer diese Steuer nicht bezahlt, gehört formal nicht mehr zu dieser oder jener Gemeinde, wird in ihren Listen nicht geführt. Allerdings bedeutet die Weigerung, diese Steuer zu bezahlen – ein derzeit lebhaft diskutiertes Thema in der deutschen Öffentlichkeit -, nicht unbedingt, daß man deshalb nicht dennoch religiös sein könne. Diese Menschen können durchaus ihre religiösen Einstellungen beibehalten, allerdings wollen sie nicht mehr zu diesen oder jenen religiösen Institutionen gehören.

Im Lauf des Austausches zwischen Wladimir und Erlangen wurden im April des Jahres 19 deutsche und 20 russische Teilnehmer aus der Studentengruppe befragt. Dabei bezeichneten sich die russischen Jugendlichen zu über 50% als „orthodox gläubig“ (landesweit liegt dieser Wert bei etwa 60%), in der deutschen Gruppe hingegen erklärten sich mehr als 65% zu Gläubigen (Katholiken oder Protestanten), während in Deutschland insgesamt 65% der Bevölkerung sich als konfessionslos bezeichnet. Die Daten zu unseren deutschen Teilnehmern unterscheiden sich also deutlich von der Gesamtheit der Datenlage zu Deutschland.

Zu beobachten ist derweil ein höherer Wert bei den russischen Jugendlichen hinsichtlich der Religiosität: Während 60% der Russen insgesamt und fast 50% der von uns befragten Jugendlichen sich als religiös bezeichnet, sind es auf deutscher Seite nur 40% insgesamt bzw. 30% unter den Jugendlichen.

Paradoxerweise scheinen die russischen Jugendlichen toleranter gegenüber Vertretern anderer Religionen zu sein – und das obwohl gemeinhin davon ausgegangen wird, Deutschland sei stärker auf tolerante Einstellungen ausgerichtet. So verstehen sich mehr als 80% der befragten Studenten aus Wladimir als tolerant gegenüber Vertretern anderer Religionen und Konfessionen, während das nur 50% der deutschen Studenten aus Erlangen tun. Insgesamt aber nimmt aus beiden Gruppen nur eine zu vernachlässigende Zahl eine extreme Haltung bei der Frage nach der einzig akzeptablen Religion ein

Die Analyse des Fragenblocks zum Thema Politik gestattet die Aussage, daß die deutschen Teilnehmer insgesamt ein höheres Interesse an politischen Fragen zeigen (90% vs. 30% der russischen Studenten), sich als Träger demokratischer Werte bezeichnen und sich überwiegend als zufrieden mit den herrschenden Umständen erklären.

Die russischen Jugendlichen neigen nicht dazu, ihr Land für demokratisch zu halten: In Rußland hält sich – im Gegensatz zu Deutschland – die Neigung zu einem „starken Führer“. Sie fühlen sich ungeschützt (50% antworten, ihre Rechte werden „eher nicht gewahrt“, während weniger als 10% der Deutschen das so sehen).

Die Jugend insgesamt könnte man als Träger von universellen und kosmopolitischen Werten bezeichnen. Überwiegend zeigen das jedenfalls die Antworten der deutschen Teilnehmer (90% vs. 65% der russischen Jugendlichen).

Hinsichtlich der Selbstidentifizierung demonstriert die deutsche Jugend mehrheitlich eine Nähe zu den Werten der persönlichen Entwicklung, der Entfaltung der eigenen Individualität u.s.w. So zeigen sich mit der Einschätzung „Ich halte mich für ein autonomes Individuum“ mehr als 80% der deutschen Befragten einverstanden, während es auf russischer Seite nicht einmal 50% sind.

Interessant ist es, diese Angaben den religiösen Selbstidentifizierungen gegenüberzustellen.

Religiöse Überzeugungen

Религиозные убеждания

Ich halte mich für ein autonomes Individuum  Я ситаю себя автономным ндивидом Trifft völlig zu Совершенно согласен Trifft eher zu Скорее согласен Trifft eher nicht zu Скорее не согласен Абсолютно не согласен
Keine Religionszugehörigkeit 7 1 3 1
католичество, röm.-kath. 6 4 1 1
протестантизм, ev. 2 2 1 0
православние, russ.-orth. 1 2 2 4

Die Tabelle zeigt, daß die Werte des autonomen Individuums mehrheitlich von den Befragten geteilt werden, die sich als konfessionslos bezeichnen. Unter den russischen Jugendlichen erreicht die Zahl an Personen, die sich negativ hinsichtlich der individualistischen Werten zeigen, ihr Maximum.

Schließlich ist die Anhängerschaft gegenüber einem Traditionalismus in etwa gleich stark bei den Katholiken und Orthodoxen vertreten, während die Protestanten und Konfessionslosen dem Wert der Tradition eher ablehnend gegenüberstehen.

Religiöse Überzeugungen Религиозные убеждания Für mich ist es wichtig, der Tradition zu folgen Для меня важно следовать традиции Trifft auf mich sehr zu Очень похоже на меня Trifft auf mich zu Похоже на меня Trifft in gewisser Weise auf mich zu  Чем-то похоже на меня Trifft kaum auf mich zu Немного похоже на меня Не похоже на меня Совсем не похоже на меня
Ни к какой религии konfessionslos 0 1 1 1 4 5
католичество röm.-kath. 0 4 3 0 2 3
протестантизм ev. 0 1 0 1 0 1
православние russ.-orth. 0 3 3 3 1 0

So kann die Befragung eine Reihe von Unterschieden zwischen den Teilnehmern an diesem deutsch-russischen Austausch konstatieren. Vor allem sticht der höhere Anteil an Religiosität bei den russischen Jugendlichen ins Auge, aber auch das Gefühl mangelnden Schutzes und eines Mißtrauens gegenüber der Politik bei gleichzeitiger Bewahrung einer Unterordnung unter die Tradition und einer minimalen Neigung zu den Werten des Individualismus. Für die deutschen Teilnehmer ist ein hohes Interesse an Politik ebenso charakteristisch wie das Vertrauen in den Staat, die Betonung der persönlichen Entwicklung und der demokratischen Werte.

Der Fragenblock zur Gruppenarbeit und zu den universellen Werten bedarf einer weiteren Messung anhand der Ergebnisse einer Teilnahme der gleichen Studenten am nächsten Austausch. Eine derartige wiederholte Befragung erlaubt es, herauszufinden, inwieweit sich die Wertevorstellungen und grundlegenden Einstellungen über das andere Land im Lauf der Teilnahme am Austausch ändern.

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Welchen Beruf ergreifen? Die klassische Frage, die jeden Schüler belastet, der von einer erfolgreichen Zukunft träumt. Und wenn dann bis zum Abschluß nur noch eineinhalb Jahre bleiben, erhalten die Gedanken über den späteren Berufsweg eine gewisse Priorität.

Iwan Seliwjorstow und Olga Serdjuk

Iwan Seliwjorstow geht in die 10. Klasse des Gymnasiums Nr. 23 in Wladimir. Er ist ein ganz normaler Teenager, der sich für Sport und Musik begeistert sowie Sprachen (Englisch und Deutsch) lernt. Seinen beruflichen Werdegang sieht Iwan schon ganz klar vor sich. Er interessiert sich für Chemie und Biologie. Deshalb wählte er auch als Schwerpunkt im Unterricht der 10. und 11. Klasse der allgemeinbildenden Schule die Fächerkombination „Chembio“. Dies half ihm dabei, in die faszinierende Welt des Studentenlebens an der Wladimirer Staatlichen Universität einzutauchen. Labors, Auditorien, Lehrstühle, „Paare“, wie man die Lehreinheiten an der Hochschule nennt. Dies alles ermöglichte es ihm, das Nahen des neuen Lebens als Erwachsener zu erfahren.

Da Iwan am Erlangen-Haus Deutsch lernt, interessierte ihn die Frage, wie denn das Studium an den Universitäten in Deutschland aussehen könnte, erst recht, wo es doch in der Partnerstadt Erlangen die FAU mit ihrem Weltruf gibt. Dank der altbewährten Partnerschaft beider Städte und der aktiven Unterstützung durch Peter Steger im Bereich des Austausches auf den Gebieten der Kultur und Bildung erhielt Iwan die Möglichkeit, in die FAU hineinzuschnuppern. Und so machte sich der Schüler in den Herbstferien – in der vergangenen Woche – auf den Weg nach Erlangen.

Zunächst einmal: Iwan kam zum ersten Mal nach Deutschland. Erlangen empfing ihn mit herrlich warmem Wetter, anheimelnden und sauberen Gassen, historischen Gebäuden – und mit dem Lächeln der Menschen. Was ihm ebenfalls sofort ins Auge fiel, waren die vielen medizinischen Einrichtungen, alles Unterabteilungen der Universitätskliniken, schöne, lichte und moderne Gebäude, eher futuristischen Bauten oder Hotels ähnlich. Erst nach einem längeren Spaziergang durch die Stadt begriff er, daß die Hörsäle und Verwaltungseinrichtungen der FAU über ganz Erlangen verteilt sind, daß es hier nicht nur einen zentralen Campus gibt, sondern daß das studentische Leben historische Gebäude ebenso erfüllt wie hochmoderne Bauten. Und dann begriff er auch noch, daß der ihm seit der Kindheit bekannte Begriff Siemens ganz direkt mit dieser außergewöhnlichen Stadt verbunden ist. Überhaupt gewann er einen erstaunlichen Eindruck von Erlangen. Ebenso altehrwürdig wie modern, ein Magnet für junge Leute, die hungrig darauf sind, für sich einen Platz in der Zukunft zu finden, einen Platz in einem Beruf, der jungen Leuten ein großes Potential zur Selbstverwirklichung bietet.

Almut Ruyter und Iwan Seliwjorstow

Am Tag darauf kam es zu einem Gespräch an der Naturwissenschaftlichen Fakultät, den Nadja und Peter Steger liebenswürdigerweise organisiert hatten, und wo Iwan mit Fachleuten aus den Fachbereichen Biologie und Chemie sprechen konnte, immer begleitet von Polina Timofejewa, einer Studentin der Wladimirer Staatlichen Universität, die derzeit an der FAU ein Semester absolviert. Das erste Treffen erfolgte mit Olga Serdjuk. Sie kommt aus Rostow am Don und hat einen Doktortitel in der Chemie. Sie erzählte von ihrem eigenen Weg zum Beruf, davon, wie sie die Entscheidung traf, der Arbeit wegen nach Erlangen zu kommen, und schließlich, der wichtigste Punkt, was man sich unter der Arbeit eines Chemikers in Deutschland vorzustellen habe, welche praktischen Möglichkeiten es hier gebe, die praktische Anwendung einer Ausbildung im Bereich Materialchemie oder Pharmazeutik umzusetzen oder in welchen Etappen man in Deutschland in den Fächern zum Profi wird, welche Bedeutung berufliche Kompetenzen und Kontakte besitzen.

Iwan Seliwjorstow und Susanne Morbach

Das nächste Treffen fand im Büro von Almut Ruyter statt. Die promovierte Chemikerin berät zum Bachelor-Studiengang im Bereich Chemie und Molecular Science. Das Studium läuft auf Deutsch. Es geht um eine bodenständige Ausbildung in der biologischen medizinischen Chemie. Einsatz nach dem Studium: Industrie, Behörden, Forschung. Sie berichtete ausführlich über das Propädeutikum, also die Vorbereitung der Studenten auf einen individuellen Ausbildungsweg je nach eigenen Interessen. Schließlich traf Iwan noch Susanne Morbach (Studiengangskoordinatorin Department Biologie). Die promovierte Wissenschaftlerin berät zum Bachelor-Studium im Bereich Biologie. Dabei war von besonderem Interesse, daß in Deutschland das Biologiestudium am Ende auf eine konkrete Spezialisierung zuläuft: Paläontologie, Botanik, Genetik u.s.w. Und dann gibt es da noch all die Besonderheiten beim Bachelor in der Biologie…

Ein großer und erkenntnisreicher Tag für Iwan. Die Städtepartnerschaft macht die Welt unserer Jugend weiter und vielschichtiger, erfüllt sie mit Interaktion und Kontakten in Bildung und Wissen. Die Zukunft liegt in der Hand der Jugend!

Und dann ist da noch Weihnachten, auf das sich Erlangen bereits vorbereitet. Am 1. Dezember feiert man den 1. Advent. Die Weihnachtsmärkte sind in dieser Weltgegend besonders farbenprächtig. Der Geist des nahenden Weihnachtsfestes schwebte jedenfalls bereits über der Stadt…

 Iwan Seliwjorstow

Anm. der Redaktion: Der Bericht stammt vom Vater, der den gleichen Vornamen wie der Sohn trägt. Iwan Seliwjorstow ist Arzt und koordiniert den Medizineraustausch, den Rotary fördert. Siehe: https://is.gd/is4YRk

 

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Am Mittwoch und Donnerstag wählte der 2001 von Gerhard Schröder und Wladimir Putin ins Leben gerufene Petersburger Dialog erstmals Erlangen für ein Treffen. Die Plattform ist als bilaterale Tagung angelegt, die sich gesellschaftlichen Zeitfragen und Problemen der deutsch-russischen Beziehungen widmet. Teilnehmer sind Experten und Multiplikatoren aus allen Bereichen der Gesellschaft beider Länder. Der Dialog fungiert auch als Ideengeber für konkrete Projekte. Durch die Einbeziehung von zentralen Institutionen und nichtstaatlichen Organisationen, die sich mit den deutsch-russischen Realien befassen, werden bestehende Netzwerke gestärkt und neue Konzepte entwickelt.

In Plenar- und Arbeitsgruppensitzungen werden die Schlüsselthemen der deutsch-russischen Beziehungen diskutiert. Zwischen den Jahrestagungen erörtert man bei weiteren Treffen der zehn Arbeitsgruppen konkrete Fragestellungen im kleinen Kreis. Just ein solcher kleinerer Kreis der Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“ besuchte nun mit 17 Jugendlichen und Geistlichen von theologischen Fakultäten aus Sankt Petersburg, Moskau und Jekaterinburg das Institut für Kirchengeschichte an der FAU, wo Hacik Gazer, Inhaber der Professur für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens, das Arbeitsprogramm koordinierte.

Das erste Ziel der Gäste war natürlich die Synodalbibliothek, die Erlanger Schatzkammer der russisch-orthodoxen Spiritualität mit ihren gut 6.000 Bänden in russischer und kirchenslawischer Sprache. „Hier atmen wir den Geist unseres Glaubens“, meinte denn auch einer der Theologiestudenten.

Doch es ging natürlich auch um Fragen der Wissens- und Glaubensvermittlung, der Forschung und Lehre sowie des internationalen Austausches. In diesen Bereichen bietet sich der Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens mit seinen vielfältigen Verbindungen – von Armenien bis Österreich, von Serbien bis Rußland – natürlich besonders für neue wissenschaftliche Projekte an.

P. Wassilij (Christian Felmy) und Hacik Gazer

Eine besondere Rolle spielte der Lehrstuhl übrigens auch beim Zustandekommen der Städtepartnerschaft mit Wladimir. Als nämlich 1982 auf die Anfrage von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg ein Jahr zuvor in Moskau die Sowjetische Botschaft in Bonn Erlangen vorschlug, Verbindung zu Wladimir aufzunehmen, hatte niemand in der Lokalpolitik eine Vorstellung von der einstigen Hauptstadt des vorzaristischen Russischen Reichs. Also wandte man sich in jenen Zeiten, als es noch kein Internet gab, an Fairy von Lilienfeld, die damalige Inhaberin der Professur, die als profunde Kennerin der russischen Orthodoxie überzeugend erklären konnte, welches historische Juwel Wladimir darstellt. Seither begleitet der Lehrstuhl auch unter den Nachfolgern der vor zehn Jahren verstorbenen Theologin – ihrem ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Karl Christian Felmy, und Hacik Rafi Gazer – die Städtepartnerschaft.

P. Wassilij (Christian Felmy)

Besonders interessant für die Gäste – die Begegnung mit Prof. em. Karl Christian Felmy, der nicht nur perfekt Russisch spricht, sondern auch die russisch-orthodoxe Konfession angenommen hat und in der Nürnberger Gemeinde als Geistlicher wirkt. Aber auch das gestrige Treffen mit Dekan Josef Dobeneck und Jutta Schnabel vom Verein Nadjeschda, federführend beim interkonfessionellen Jugendaustausch mit Wladimir, nutzte die Gruppe im Rathaus für Fragen von der Rolle des Religionsunterrichts gerade auch für muslimische Kinder bis hin zum Zusammenwirken von Staat und Kirche.

Die Gruppe des Petersburger Dialogs mit Jutta Schnabel und Josef Dobeneck (ganz links im Bild) mit Hacik Gazer (ganz rechts im Bild)

Und natürlich standen die Projekte des Lehrstuhls für Religionswissenschaften der Universität Wladimir mit der FAU im Fokus des Petersburger Dialogs in Erlangen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen…

Hier noch zwei Links zum Thema: https://is.gd/q5wGYU und https://is.gd/LVUKbl

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Es gehört zu den Glücksfällen der Städtepartnerschaft, wenn nach einem wie auch immer bedingten Ausscheiden einer prägenden Persönlichkeit aus dem aktiven Austausch die Nachfolge gelingt. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Fortsetzung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit Wladimir im Bereich Erlebnispädagogik, initiiert vom mittlerweile emeritierten Werner Michl, und nun fortgeführt von Cosimo Mangione und Wolfgang Wahl. Siehe hierzu: https://is.gd/Vxfr7P

Cosimo Mangione und Wolfgang Wahl, beide Professoren an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm Nürnberg, folgten einer Einladung der Staatlichen Alexander-und-Nikolaj-Stoletow-Universität und reisten vom 15. bis 20. Oktober nach Wladimir, um an einer wissenschaftlichen Tagung teilzunehmen. Das Thema der Tagung lautete „Psychological support and social assistance of a person during crisis periods“. Tagungssprachen war Russisch und Deutsch. Die Vorträge wurden jeweils synchron übersetzt.

Cosimo Mangione am Rednerpult

Organisiert wurde die Veranstaltung von Olga Filatowa, Leiterin des Lehrstuhls für die Psychologie der Persönlichkeit und Fachpädagogik an der Universität Wladimir. Neben den Nürnberger Wissenschaftlern waren auch Kollegen aus Polen, der Tschechischen Republik, von der Hochschule Linz, aus der Schweiz und natürlich aus der Russischen Föderation selbst mit dabei. Zwei Tage lang tauschten sich die Fachleute aus Forschung und Praxis zu ganz unterschiedlichen Aspekten der Krisenbewältigung aus. Spannende Einblicke in die klinisch-psychologische Arbeit vor Ort gaben Psychologinnen der regionalen Psychiatrischen Klinik von Wladimir. Ein Teil der Tagung fand dort sowie am Zentrum für Sprachpathologie und Neurorehabilitation statt.

Die beiden Nürnberger Hochschullehrer nutzten den Aufenthalt gleichzeitig dazu, Einrichtungen der Behindertenhilfe vor Ort zu besichtigen. Jurij Katz führte durch die Räumlichkeiten von „Swjet“ in Wladimir und Susdal. Ein hoher Stellenwert wird in diesen betreuten Wohnformen auf die Selbstbestimmung der Bewohner gelegt.

Behindertengerechtes Gästehaus der Selbsthilfeorganisation Swet in Susdal

Insgesamt, so fassen beide ihre Eindrücke zusammen, sind vor allem die finanziellen und räumlichen sowie materiellen Rahmenbedingungen für soziale und psychotherapeutische Arbeit vor Ort schwieriger als in vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Die Fachkräfte gleichen dies aber umsomehr mit persönlichem Engagement und Kreativität aus. Beeindruckt waren die Gäste auch von der außergewöhnlichen Gastfreundschaft und dem großen persönlichen Einsatz der Organisatoren, die das Treffen für beide zu einem ganz besonderen Erlebnis werden ließen. Zahlreiche Studenten waren den Tagungsgästen als Betreuer und persönliche Übersetzer zur Seite gestellt.

Im August 2020 ist in Wladimir und Susdal eine internationale „Sommeruniversität“ geplant, bei der unter anderen auch eine Studentengruppe aus Nürnberg teilnehmen wird.

Wolfgang Wahl

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