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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Pfadfinderaustausch’


Bei seinem Antrittsbesuch in Wladimir im September 2014 wurde Oberbürgermeister Florian Janik bei der Besichtigung des Zentrums für Natur- und Erlebnispädagogik „Blauer Himmel“ die Idee vorgetragen, gemeinsam mit Jugendlichen aus Erlangen einen Erlebnispfad zu bauen. Spontan für das Vorhaben begeistert, sagte der Gast zu, sich um die Sache persönlich zu kümmern und sprach, gesagt – getan, nach seiner Rückkehr Stadtrat Helmut Wening an, der den Pfadfinderstamm Asgard betreut. Hier nun der Bericht der Gruppe, die sich im Sommer auf die Reise in die Partnerstadt machte:

Der Pfadfinderstamm Asgard aus Erlangen reiste im Sommer 2015 mit einer neunköpfigen Gruppe nach Wladimir, um dort einen Erlebnispfad für die Einrichtung „Blauer Himmel“ zu bauen.

Ein Teil der Gruppe am Vorabend der Abreise

Ein Teil der Gruppe am Vorabend der Abreise

23. Juli: Es geht los! Wir treffen uns an unserem Pfafindergrundstück und sprechen noch einmal alles durch, wiegen unser Gepäck und drucken unsere Bordkarten aus. Mit Peter Steger und Wolfram Howein, unseren beiden Ansprechpartnern, informieren wir uns über Details und bekommen unsere Pässe samt Visa zurück. Doch leider stellte sich heraus: Adam, einer aus unserer Gruppe, dessen Visum aus einem uns nicht ersichtlichen Grund nicht rechtzeitig ausgestellt wurde, konnte wohl am nächsten Morgen nicht mitfliegen. Trotz dieser Enttäuschung schließen wir die Vorbereitungen erfolgreich ab und gehen erwartungsvoll auf den nächsten Tag schlafen.

Flughafen Zürich

Flughafen Zürich

24. Juli: Um fünf Uhr morgens setzen wir uns ins Auto. Wir werden freundlicherweise von einem Pfadfinder aus unserem Stamm zum Flughafen gefahren. Nach kurzer Zwischenlandung in Zürich kommen wir um etwa 17.00 Uhr Ortszeit am Flughafen Moskau-Domodjedowo an, wo wir von Benni und Jakob, die schon zwei Wochen vor uns abgereist waren, bereits erwartet werden. Sie machen uns mit Johannes, einem Studenten aus Jena bekannt, der in Wladimir ein Soziales Auslandsjahr macht. Johannes führt uns zu einem Kleinbus mitsamt Fahrer, der uns schließlich nach Wladmir bringt. Es ist eine lange, zähe Autofahrt auf einem Moskauer Highway, die schließlich durch eine Wagenpanne am Straßenrand zum Erliegen kommt. Nach zwei Stunden Zeitvertreib mit Singen und Spielen im Nirgendwo kommt endlich ein Ersatzfahrzeug, welches uns um 3.00 Uhr morgens völlig erschöpft in unserem Hostel abliefert.

Auf Erkundungstour in Wladimir

Auf Erkundungstour in Wladimir

25. Juli: Gut ausgeschlafen, machen wir uns nach dem Frühstück auf den Weg in die Wladimirer Innenstadt. Nach einer ausführlichen Besichtigung und fasziniert von den Unterschieden zu einer deutschen Großstadt, gehen wir in einer Shopping Mall einkaufen und lassen uns von der russischen Produktvielfalt faszinieren.

Die Asgard-Gruppe im Goldenen Tor

Die Asgard-Gruppe im Goldenen Tor

26. Juli: Johannes und Freddy fahren zurück zum Flughafen um Adam, der glücklicherweise sein Visum noch bekommen hat, und mit der nächsten Maschine nach Moskau geflogen ist, abzuholen.
Währenddessen macht der Rest der Gruppe eine Tour zur Kljasma, wo man den Nachmittag mit Spielen und Spaziergängen verbringt.

Willkommen im Blauen Himmel

Willkommen im Blauen Himmel

27. Juli: Auf nach Penkino! Um 10 Uhr morgens holt uns Johannes an unserem Hostel ab, und wir fahren, endlich vollzählig, nach Penkino zur Einrichtung „Blauer Himmel“, die zweiwöchige Aufenthalte für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien und mit geistigen Beeinträchtigungen anbietet. Dort angekommen, werden wir von den Erziehern freundlich empfangen, in unsere Wohnung geführt, und wir besprechen gleich mit Wasilij, dem für uns zuständigen Pädagogen, den Bau des Erlebnispfades.

Die Axt im Wald von Penkino

Die Axt im Wald von Penkino

28. Juli: Es geht an die Arbeit! Ein Teil der Gruppe macht sich am Vormittag auf den Weg in die Stadt, um Lebensmittel und Baustoffe zu kaufen. Unsere Baustelle ist vorzubereiten, das bedeutet von Unkraut zu befreien und zu ebnen. Die Mücken und das schwüle Wetter machen uns zu schaffen, doch am Ende des Tages wurden wir doch noch fertig und fielen müde ins Bett.

Die Arbeit am Erlebnispfad

Die Arbeit am Erlebnispfad

Die nächsten Tage verbrachten wir mit dem Bau des Erlebnispfades, der bis auf einige Kleinigkeiten planmäßig verlief.

Jeder legt Hand an

Jeder legt Hand an

1. August: Der Pfad ist fertig! Mit einer kleinen Eröffnungsfeier zusammen mit den Kindern und den Pädagogen weihen wir unser Werk ein und verabschieden uns schon einmal von der Einrichtung.

Der Pfad nimmt Gestalt an

Der Pfad nimmt Gestalt an

2. August: Früh fahren wir mit dem öffentlichen Nahverkehr in die kleine historische Stadt Susdal. Dort haben wir eine gute Unterkunft für uns gemietet. Wie sich herausstellt, ist der Ort sehr schön und wartet mit vielen Sehenswürdigkeiten auf.

Erprobungsphase für den Pfad

Erprobungsphase für den Pfad

5. August: Nach zwei Tagen in Susdal inklusive einer kleinen Tageswanderung fahren wir nach Moskau, um dort unsere Reise ausklingen zu lassen. Wir haben uns dort in einem kleinen, schicken Hostel im Botschaftsviertel eingemietet.

Der Pfad ist fertig!

Der Pfad ist fertig!

6. August: Ein langer Tag in Moskau inklusive Märkten, Kirchen, Kreml, Gorkij-Park und vielem mehr geht zu Ende, wir machen uns auf den Weg zum Flughafen, von dem wir am nächsten Morgen über München zurück nach Nürnberg fliegen werden.

In Susdal

In Susdal

Allgemein war die Großfahrt für alle Reiseteilnehmenden eine Erfahrung, die wahrscheinlich noch ewig in Erinnerung bleiben wird. Insbesondere der Bau des Pfades.

Freddy Marthol

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Als Pfadfinder kommt man ganz schön rum in der Welt. So soll es ja auch sein bei einer internationalen Jugendorganisation, die sich vor allem auch der Völkerverständigung verschrieben hat. Und so verwundert es auch nicht weiter, sondern erfreut einfach nur, daß nun neben den Steinadlern aus Erlangen mit ihren nun schon traditionellen Austauschbegegnungen auch der Stamm Asgard, wie gestern hier berichtet, Fühlung mit Wladimir aufnimmt.

Patrick Opitz im Flutlicht des Skihangs in Wladimir

Patrick Opitz im Flutlicht des Skihangs von Wladimir

Patrick Opitz, ein Steinadler-Pfadfinder, ist nun vor einigen Wochen aus Rußland zurückgekommen, wo er im Januar und Februar einen ganzen Monat, wie sich das für einen Erlanger gehört, nicht nur seine Partnergruppe in Wladimir besuchte, sondern auch einen längeren Ausflug nach Dserschinsk machte. Dort nämlich gibt es ebenfalls Pfadfinder, die bereits am Austausch mit Erlangen teilgenommen haben und dem Besucher stolz den Artikel der Erlanger Nachrichten vom Sommer 2012 über das gemeinsame deutsch-russische Lager zeigen.

Patrick Opitz als "Ehrenvorsitzender" der Pfadfinder von Dserschinsk

Patrick Opitz als „Ehrenvorsitzender“ der Pfadfinder von Dserschinsk

Dserschinsk? Noch nie gehört? Eine Stadt, auf dreiviertel Weg von Wladimir nach Nischnij Nowgorod, gut doppelt so groß wie Erlangen, aber noch keine hundert Jahre alt, geplant und gebaut in Sowjetzeiten als Chemiestandort, u.a. für die Rüstungsindustrie und Raumfahrttreibstoffproduktion genutzt, und davon bis heute gezeichnet und ökologisch belastet, nicht von ungefähr partnerschaftlich verbunden mit Bitterfeld. Und nun also dank der Pfadfinder auch ein wenig mit Erlangen. Wie es sich eben oft ergibt in dieser wunderbaren Städtefreundschaft, allzeit bereit für neue Pfade und Wege.

Und hier noch einer von vielen möglichen Links zu den gemeinsamen Aktivitäten der Pfadfinder aus Erlangen und Wladimir: http://is.gd/rwtNr6

 

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Und dann war es wieder soweit! Wir hatten uns schon im Lauf der ersten Jahreshälfte 2014 intensiv vorbereitet, das dritte gemeinsame Sommerlager unserer jungen Partnerschaft zwischen dem Pfadfinderstamm Wladimir des Bundes Junger Russischer Pfadfinder und dem Pfadfinderstamm Steinadler Erlangen, Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder, steigen zu lassen. Die Zeltplätze waren reserviert, alle möglichen Tickets gekauft und viel Papierkram erledigt. Ende Juli sollte sich die Planung mit Leben erfüllen. Ab und zu war uns dabei schon etwas bange, weil sich das politische Verhältnis zur Russischen Föderation in diesem Jahr sehr wechselhaft und unberechenbar zeigte. Aber alle Bedenken waren verflogen, als wir unsere russischen Freunde am 30. Juli nach langer Fahrt am Erlanger Bahnhof in die Arme schließen konnten.

Als erstes gab es natürlich viel zu erzählen. Wie ging es z. B. dem ein oder anderen, der nicht mitkommen konnte? Dann war dieser oder jener Personennamen auf Facebook in Kyrillisch nicht lesbar, oder jemand hatte etwas Besonderes mitgebracht. Als erstes hieß es nun für alle – ganz ungewöhnlich für ein Pfadfindersommerlager – nach Hause zu den Familien der deutschen Pfadfinder, um dort eine Weile gemeinsam zu verleben. Neudeutsch heißt das neuerdings Home Hospitality. Die ersten Tage bis zum eigentlichen Lageranfang fand das Leben also in den Familien statt. Unsere russischen Freunde konnten den deutschen Ferienalltag miterleben und machten ganz individuelle Erfahrungen. Man traf sich nur zufällig bei einem Ausflug nach Nürnberg oder auch auf dem Annafest in Forchheim. Spannend wurde es auch, wenn ein Geburtstag anstand oder ein anderes Familienfest. Außerdem konnte man endlich mal mit dem russischen Freund zuhause in Ruhe Trampolin springen, Computer spielen oder einfach nur Inlineskates fahren.

Pfadfinder aus Wladimir und Erlangen

Pfadfinder aus Wladimir und Erlangen

Pfadfinderisch wurde es wieder am 2. August, als wir uns alle am Erlanger Bahnhof trafen. Dieses Mal, um zusammen mit der Bahn zum Jugendzeltplatz Sauloch bei Rödental, unweit von Coburg, zu fahren. Dort ging es gleich mit einem kleinen Pfadfinderhajk los, der von der Bahnstation Rödental-Mitte bis zum Zeltplatz führte. Für einige erwies sich der über zweistündige Marsch in brütender Hitze als Tortur. Aber so ist halt das Pfadfinderleben. Die nur lose am Rucksack angebundene Plastiktüte entwickelte sich zum Nervenkiller, oder die vier, von Mutti eingepackten dicken Pullover waren auf einmal viel schwerer als vorher! Nicht nur das Wandern – auch das Packen will gelernt sein.

Der übrige Nachmittag wurde zum Zelt- und Lageraufbau verwendet, denn die 35 Teilnehmer brauchten ja eine Plane über dem Kopf, und Hunger hatten ja schließlich auch alle. Im Handumdrehen standen fünf weiße Alex-Zelte und eine große, schwarze Küchen-Jurte. Gekocht wurde standesgemäß auf Holzfeuer. Unser Lagerplatz lag auf einer Lichtung mitten im Wald und hatte eine sehr idyllische Atmosphäre. Nur vereinzelt konnte man Jugendliche auf benachbarten Lagerplätzen hören. Abends vor dem Lagefeuer teilten wir unsere Erfahrungen, die wir während der Home Hospitality gemacht hatten. Wir hatten auch, wie es in der Partnerschaft schon Tradition ist, Sketche vorbereitet, die das Geschehene auf eine witzige Art aufbereiteten und gar nicht übersetzt werden brauchten. Jedoch waren wir an diesem Abend einfach zu müde und verschoben die Sketche auf einen nachfolgenden Singeabend.

Gemeinsames Kochen im Lager

Gemeinsames Kochen im Lager

In den nachfolgenden Tagen blieben wir hauptsächlich auf dem Lagerplatz und widmeten uns unterschiedlichen Aktivitäten, wie zum Beispiel dem Lagerbau und Geländespielen. Aus Ästen und Stämmen wurden ein großer Tisch für das Frühstück und kleine Bänke für die Lagerfeuerrunden zusammengebaut. Das vermutlich beliebteste Geländespiel war ein an das Brettspiel Stratego angelehntes Strategiespiel. Es handelt vom verdeckten Widerstand Robin Hoods und seiner Gefährten gegen Prinz John und dessen Schergen. Wenn man einem Gegenspieler im Wald begegnete, konnte man nie wissen, mit wem man es zu tun hatte. Konnte man sein Ziel besser erreichen, indem man sich zu erkennen gab oder verdeckt weitermachte? Diese Frage hatte im Spiel jeder selbst zu beantworten. Neben den Geländespielen gehörte auch Bogenschießen zu den praktizierten Disziplinen. Immerhin stand das Sommerlager ja unter dem Motto „Robin Hood“. Bei all den Aktivitäten, konnte es jedoch im Eifer des Gefechtes passieren, daß der Spaß wichtiger war und Robin Hood oftmals nur die zweite Geige spielte. Es ist kaum jemandem aufgefallen ….

deutsch-russische Freundschaft im Pfadfinderlager

deutsch-russische Freundschaft im Pfadfinderlager

Abwechslung vom waldigen Lagerleben brachte der Ausflug nach Coburg. Wir wanderten, diesmal mit deutlich weniger Gepäck, vom Zeltplatz nach Rödental-Mitte und fuhren mit der Bahn nach Coburg. Im Sinne des Lagermottos hätte dieser Ausflug wohl einem Ausritt nach Notthingham entsprochen. Da wir uns in unseren russischen und deutschen Pfadfinderkluften zeigten, wäre es für den Sheriff von Nottingham sicherlich ein Leichtes gewesen, uns festzunehmen und uns für immer im Kerker verschwinden zu lassen. Glücklicherweise war der Sheriff gerade im Urlaub, und wir waren es auch.

Kennenlern-Spiele im Lager

Kennenlern-Spiele im Lager

Danach kam der russische Tag. Unsere Freunde aus Wladimir übernahmen das Zepter in der Küche und legten auch das Tagesprogramm fest. Es gab Borschtsch zum Mittagessen, was einige deutsche Teilnehmer schon kannten, weil unsere russischen Freunde schon während der Home Hospitality Borschtsch-´Kochen „geübt“ hatten. Später an diesem Tag erhielten drei deutsche Lagerteamer nach russischer Tradition und Zeremonie einen Pfadfindernamen. Details der Zeremonie sind nur den Namensträgern selbst bekannt. So viel sei gesagt, die Namensvergabe entbehrt jeder Vorankündigung. Es kann einen sogar dann treffen, wenn man friedlich im Schlafsack schlummert.

deutsch-russische Begegnung auf dem Loreley-Felsen

deutsch-russische Begegnung auf dem Loreley-Felsen

Mit Wiesbaden brach der dritte Lagerabschnitt nach der Home Hospitality und dem Zeltlager an. Wir fuhren mit dem größeren Teil der Gruppe mit der Bahn bis St. Goarshausen, wo wir den Loreley-Felsen und St. Goar besuchten. Der andere Gruppenteil, vorwiegend mit deutschen Teamern, fuhr nach Wiesbaden auf den Jugendnaturzeltplatz am Freudenberg, um dort zum zweiten Mal ein Zeltlager aufzuschlagen. Die Loreley-Reisenden trafen am Abend des 9. August sichtlich müde auf dem Lagerplatz ein, wo wir alle zusammen den Tag mit einem gemütlichen Grillabend am Lagerfeuer abschlossen. Auf dem Jugendnaturzeltplatz pflückten wir sogar Tomaten und Erdbeeren, um sie als Salat beziehungsweise Nachtisch zuzubereiten.

Wir konnten feststellen, wie sich die ganze Organisation des Sommerlagers im Vergleich zu den vorhergehenden Camps enorm vereinfacht hatte. Das deutsch-russische Team war nun eingespielt, und Entscheidungen konnten schnell getroffen und jeder Lagerteilnehmer auch schnell informiert werden. Dies lag größtenteils daran, dass einige der russischen Teamer mittlerweile sehr gut Deutsch sprechen. In den Jahren der Partnerschaft haben sie sehr gute Fortschritte gemacht. Somit löste Deutsch Englisch als erste Kommunikationssprache zunehmend ab. Die effizientere Organisation erleichterte nicht nur die zeitkritischen Wanderungen, um beispielsweise noch einen Zug zu erwischen, sondern auch die Zeitplanung des Tagesgeschehens insgesamt. So entstand beispielsweise ein offenes, einstündiges Frühstück, um unterschiedlichen Gewohnheiten gerecht zu werden. Denn russische Teilnehmer bevorzugten ein spätes, kurzes Frühstück und deutsche ein frühes, langes Frühstück. Die Organisation des gemeinschaftlichen Frühsports dagegen lag beispielsweise völlig in russischer Hand.

russ.-orth. Kirche in Wiesbaden

russ.-orth. Kirche in Wiesbaden

Am 10. August wollten wir die russisch-orthodoxe Grabeskirche St. Elisabeth auf dem Wiesbadener Neroberg besichtigen. Leider kam uns der „Ironman“ dazwischen. Aufgrund der Verkehrsabsperrungen und Umleitungen während dieses Sportevents war die Wiesbadener City von der Grabeskirche regelrecht abgetrennt. Wir konnten weder mit dem Bus noch mit dem PKW zur Grabeskirche gelangen. Somit blieb uns nur ein Fußmarsch auf den Neroberg. Dies nutzten einige Teilnehmer, um andere Sehenswürdigkeiten in Wiesbaden der Grabeskirche vorzuziehen. Nichtsdestoweniger erfreuten sich einige von uns an dem herrlichen Anblick der Kirche und einer wunderbaren Aussicht auf Wiesbaden. Anschließend legten wir russische Erde aus Wladimir auf dem Grab von Graf Wladimir Chrapowizkij nieder, der sich im 19. Jahrhundert in Wladimir als Bauherr einen Namen gemacht hatte und als Namenspatron für unsere russischen Freunde auch heute noch eine große Rolle spielt. Am Nachmittag nahm die ganze Gruppe am Tag der offenen Tür im Schloß Freudenberg teil. Zahlreiche wissenschaftliche Experimente, vorwiegend aus den Bereichen Optik und Mechanik, warteten auf uns. Es war die letzte Gelegenheit vor dem Abreisetag, zusammen spielerisch aktiv zu sein. Am Abend wurde gemeinsam gesungen, und wir tauschten letzte Geschenke aus. Für Traurigkeit war kein Platz, denn wir hatten wieder einen Sack voller Ideen für die nächste Begegnung.

Am Grab von Wladimir Chrapowizkij

Am Grab von Wladimir Chrapowizkij

Nach einem weiteren, gelungenen Sommerlager in unserer jungen Partnerschaft, hoffen wir auf eine erneute Begegnung mit unseren russischen Freunden auf dem kommenden Pfingstlager 2015 des Landesverbandes Bayern des BdP, zu welchem insgesamt ungefähr 600 Teilnehmer und mehrere ausländische Gäste erwartet werden.

Dieses deutsch-russische Sommerlager war möglich, dank der freundlichen Unterstützung der Stiftung für Deutsch-Russischen Jugendaustausch, des Rotary Clubs Erlangen, des Stadtjugendrings Erlangen sowie der Bürgerstiftung Erlangen.

Jochen Dörring

 DRJA Logo

Mehr zum Grab von Wladimir Chrapowizkij in Wiesbaden und seiner Rolle in der Geschichte der Region Wladimir unter: http://is.gd/79be0P

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„Gerade jetzt, in dieser so schwierigen gesamtpolitischen Situation können wir unsere russischen Freunde doch nicht im Stich lassen“, meint Jürgen Zeus von Rotary Erlangen, der in seiner langjährigen Stadtratsarbeit von Beginn an besonders die Partnerschaften mit Jena und Wladimir unterstützt, und fährt beim gestrigen Treffen fort: „Die Welt hört nicht an den Staatsgrenzen auf. Wir fördern deshalb gern schon im dritten Jahr den Austausch der Pfadfinder aus Erlangen und Wladimir, weil wir da sowohl international als auch lokal die Jugendbegegnungen, die Freundschaft über die Grenzen hinweg und die Völkerverständigung fördern können.“ Und dann ansatzlos und ohne Zögern die Erklärung: „Wir lieben Wladimir!“ Ein Bekenntnis, mit dem der Arzt in Ruhestand, der auch schon viel Hilfe für die Wladimirer Kinderpsychiatrie und den Blauen Himmel vermitteln konnte, seinen rotarischen Freunden sicher aus dem Herzen sprach, von denen stellvertretend für alle nur genannt werden sollen: Präsident Karl Köhler, der mit einer katholischen Pilgergruppe den strengen Winter und auf einer Bürgerreise den heißen Sommer in Wladimir erlebte; Heinz Gerhäuser, der 2001 den Vertrag zwischen seinem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen, der FAU und der Universität Wladimir initiierte und ein beispielloses Programm des Studentenaustausches in Werk setzte; Werner Hohenberger, der als weltweit renommierter Professor und Direktor der Chirurgischen Klinik in Wladimir bereits einen Vortrag gehalten und erst jüngst wieder mit der Abgabe der fast 200 Krankenhausbetten die Partnerstadt unterstützte; schließlich Altoberbürgermeister Siegfried Balleis, dem Wladimir nachgerade ein Goldenes Zeitalter der Partnerschaft zu verdanken hat.

Karl Köhler, Celine Scheurer, Jochen Dörring, Roman Belkin und Jürgen Zeus

Karl Köhler, Celine Scheurer, Jochen Dörring, Roman Belkin und Jürgen Zeus

Und nun die Unterstützung für den Pfadfinderaustausch und die Möglichkeit für Jochen Dörring vom Stammesrat der Steinadler, gemeinsam mit Celine Scheurer, die erst tags zuvor ihr Versprechen abgegeben hatte, und mit Roman Belkin, dem Leiter der Wladimirer Austauschgruppe aus Wladimir, vorzutragen, was im Miteinander der jungen Deutschen und Russen schon so alles geschehen ist, seit dem ersten Leitertreffen in Wladimir 2011, dem gemeinsamen Lager in Frauenaurach 2012, dem Gegenbesuch in Wladimir 2013 bis hin zum gegenwärtigen Aufenthalt von fast 20 Pfadfindern mit Familienunterbringung und Camp-Erlebnis bei Coburg und einem Ausflug nach Wiesbaden zum Grab von Fürst Wladimir Chrapowizkij, bevor es am 11. August wieder nach Hause geht. Ein Bericht, der Gemeinsamkeiten wie Unterschiede anspricht – und eher Unbekanntes: So wurde die Pfadfinderorganisation bereits vor 105 Jahren im Russischen Reich gegründet, auf Initiative von Zar Nikolaus II, der sich begeistert von der Lektüre von Robert Baden-Powell gezeigt hatte, dann aber in der Sowjetunion verboten – wie übrigens auch der deutsche Ableger im Dritten Reich – und erst 1991 wiederbelebt, übrigens im gleichen Jahr, als sich der Erlanger Stamm der Steinadler gründete. Seither, so Roman Belkin, der in Sudogda lebt und ehrenamtlich eine Pfadfindergruppe leitet und in Wladimir arbeitet, verhalte man sich politisch neutral, erlebe staatlicherseits keine Einschränkungen, suche aber die Nähe zur orthodoxen Kirche. Daher wohl auch der eine oder andere Unterschied, auf den Jochen Dörring hinweist: „Die Russen beten vor jedem Essen, sind viel stärker religiös geprägt als wir; Jungs und Mädchen schlafen in getrennten Zelten; sie halten das Totengedenken hoch und pflegen die tatsächlich ursprünglich von Baden-Powell so überlieferten „militärischen“ Traditionen wie etwa den Fahnenappell viel mehr, etwas das den deutschen Pfadfindern nach der Erfahrung des Faschismus abhandengekommen sei, nun aber gerade in der Begegnung mit Wladimir wieder auf Interesse stoße. Und so sieht der Vortragende denn auch in der Fahnenweihe durch den orthodoxen Priester Michail im Vorjahr denn auch als eine Art Initiation, als den Beginn dieser Pfadfinderfreundschaft, in die noch viele junge Menschen auch aus anderen Ländern einbezogen werden sollen. Und wo man so viel voneinander lernen könne: Beispielsweise die hierzulande fast vergessene, bei den russischen Freunden aber sehr lebendige Tradition, einander nach außen hin geheimzuhaltende Tiernamen zu geben. Oder die Sprache: „Zu Beginn war das Englische unsere Verkehrssprache, jetzt gehen wir immer mehr zum Deutschen über.“ Auch Roman Belkin hat Grundkenntnisse im Deutschen und will die nun rasch auffrischen und ausbauen, denn: „Wir stehen ja erst am Anfang des Austausches, und wir haben noch so viel vor!“ Bevor es wieder zurück ins Zeltlager bei Coburg geht, wo die Gruppe auf ihn wartet, fügt der Vater eines vierjährigen Sohnes im persönlichen Gespräch hinzu: „Wir sind das unserer Jugend schuldig, und ich hoffe, die Politik unserer Länder macht diese Verständigung nicht unmöglich.“ Alle wissen, wovon er spricht. Die aktuellen Ereignisse lasten auf allen, und eine Wladimirer Familie hat aus nachvollziehbaren aber gottlob noch unbegründeten Motiven heraus ihr Kind im letzten Moment an der Fahrt nach Deutschland nicht teilnehmen lassen. Nur ein Kind, aber eines zuviel!

Sehr viel mehr von diesem großartigen Austausch in Ihrem Blog unter: http://is.gd/0qeQPZ

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Dieses Mal ist die Zeit so gedrängt, sind die Ausflüge und Unternehmungen so eng getaktet, daß nicht einmal ein Termin für einen Empfang im Rathaus gefunden werden konnte. Kaum angekommen und auf die Familien in Erlangen und Herzogenaurach verteilt, schwärmten die Wladimirer Pfadfinder mit ihren Gastgebern vom Stamm der Steinadler schon wieder aus und fuhren am Samstag morgen zu einem Zeltlager nach Coburg.

Pfadfinder Bahnhof Erlangen

Pfadfinder Bahnhof Erlangen

Sogar eine Fahrt nach Wiesbaden steht auf dem Programm, wo die knapp 20 jungen Gäste auf dem russischen Friedhof eine Handvoll Erde aus der Heimat über das Grab eines hier bestatteten Landsmanns und Pfadfinders streuen wollen.

Pfadfinder Abfahrt nach Coburg

Pfadfinder Abfahrt nach Coburg mit Jochen Dörring, 2. v.l., dem Cheforganisator

Dennoch, zumindest im Blog wird es bald ein Wiedersehen mit der Gruppe geben – und mehr Anlaß, um von diesem so erfolgreichen Jugendaustausch zu berichten, der nun auch schon ins dritte Jahr geht und eine große Zukunft verspricht.

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Die Feder sträubte sich im letzten halben Jahr immer wieder und tut es heute besonders, am Tag 2 nach dem Abschuß des Passagierflugzeuges, mutmaßlich erfolgt durch die im russischen Namen agierenden Diversanten und Insurgenten im widerrechtlich von ihnen beanspruchten östlichen Teil der ohnehin schon so geschundenen und bereits um die Krim amputierten Ukraine; die Feder sträubt sich und fordert zumindest einen Tag der Trauer, einen Tag des Gedenkens an die fast 300 Opfer und deren ungezählte Angehörige, denen blindwütig tobende und abgrundtief böse Mächte zum Verhängnis wurden, die nicht einmal davor zurückschrecken, die Toten zu verhöhnen mit Verschwörungstheorien, wonach die ukrainische Luftwaffe eigentlich die russische Präsidentenmaschine habe abschießen wollen – oder, horribile dictu – die Passagiere seien bereits beim Abflug nicht mehr am Leben gewesen, und man habe mit dem gezielten Absturz die gerechte Sache der „Volksmilizen“ und „Befreier“ diskreditieren wollen, während der russische Staatsbürger Denis Puschilin, der „Sprecher“ des selbsternannten Parlaments der „Volksrepublik Donezk“, das Schiff der Marodeure bereits Richtung Moskau verlassen hat. Wofür das alles? So viel Leid und Schmerz, Tod und Haß! Die Feder sträubt sich. Und doch schreibt sie auch heute weiter, denn die Erlebnisse mit dem anderen Rußland der Städtepartnerschaft zeugen täglich von Begegnungen mit Menschen, denen man all diese völkerrechtlichen Kapitalverbrechen nicht anrechnen sollte, auch wenn sie, wie die Geschichte lehrt, eines unausweichlichen Tages einen schmerzlich hohen Preis für eine revanchistische Politik werden bezahlen müssen.

Christof Balslimke und Oliver Opitz

Christof Balsliemke und Patrick Opitz

Kehren wir also nach Wladimir zurück, wohin Patrick Opitz und Christof Balsliemke am liebsten gleich wieder hinfahren würden. Dabei waren die beiden Pfadfinder doch erst dort, vom 25. Juni bis 6. Juli, um Freunde zu besuchen und dabei auch letzte Gespräche über die für Anfang August geplante Reise einer Scout-Gruppe von Wladimir nach Erlangen zu führen.

Bolschoj Theater im Morgenlicht

Bolschoj Theater im Morgenlicht

Wer freilich, wie die beiden, einen Nachtflug wählt und erst gegen 3.00 Uhr morgens in Moskau landet, sollte Geduld mitbringen, vor allem, wenn man nicht mit dem Auto abgeholt wird, sondern mit der Bahn weiterfahren möchte. Mit ihrem Freund, Wlad Wesjolow, der die Gäste begleiten sollte, bestiegen sie deshalb einen Bus, der bis zur nächsten Metro-Station fuhr, wo es dann erst einmal warten hieß, bis die U-Bahn um 5.00 Uhr den Betrieb aufnimmt. Auf zum Roten Platz, um den Kreml herumgelaufen, Frühstück – und weiter zum Bahnhof und schließlich am Nachmittag Ankunft in Wladimir mit dem Erlangen-Haus als Anlaufstation, wo „wir herzlich begrüßt und von der Chefin mit Tee bewirtet wurden. Dazu gab es noch eine Einladung in einen Deutschkurs“, erinnert sich Patrick Opitz, „bevor es im Quartier beim Freund in die Falle ging“.

Auf dem Roten Platz im Morgenlicht

Auf dem Roten Platz im Morgenlicht

Zum Standardrepertoire der Pfadfinder gehörte früher die Schnitzeljagd. Die ist heute um eine virtuelle Variante erweitert, nennt sich Geocaching und stellt eine moderne Variante der Erkundung einer fremden Stadt dar, auf die man gern mal einen ganzen Tag verwendet, gerade in der Partnerstadt mit all ihren entdeckenswerten Schönheiten. Und wenn es mal regnet, kann man sich ja von Café zu Café und von Geschäft zu Geschäft bewegen oder sich spontan eine neue Tätowierung machen lassen.

Wlad Wesjol, Christof Balsliemke, Oliver Opitz, Oxana Russkich und Tatjana Kirssanowa auf dem Balkon des Erlangen-Hauses

Wlad Wesjolow, Christof Balsliemke, Patrick Opitz, Anna Russkich und Tatjana Kirssanowa auf dem Balkon des Erlangen-Hauses

Beide Pfadfinder kennen Wladimir von ihrem Besuch mit der Gruppe im Vorjahr, verlegen sich deshalb auch mehr auf die Entdeckung von neuen Seiten der Partnerstadt, etwa der aktuellen Ausstellung mit echten ägyptischen Mumien im Landesmuseum, vor allem aber dem Zusammensein mit Freunden, die zum Teil sogar eigens zum Wiedersehen aus Nischnij Nowgorod anreisen. Und dann „wieder Spiele, Spaß und viel gute Laune“. Oder – „schön zurecht gemacht mit Kluft und Halstuch“ – eine Führung durch das Erlangen-Haus mit anschließendem Plausch auf dem Balkon mit Irina Chasowa, der Geschäftsführerin und am Abend im Deutschkurs mit einer Art Speed-Dating, das Patrick Opitz so beschreibt:

Bahnhof Wladimir mit historischer Dampflok

Bahnhof Wladimir mit historischer Dampflok

Die Dozentin, Tatjana Kirssanowa, hat dazu ein kurzes Video laufen lassen, zur Erklärung. Dann hatte jeder einen Partner und zwei Minuten Zeit, um sich vorzustellen. Es wurde aber auch das Thema alle zwei Minuten geändert, z.B. Beruf, Familie, Urlaub usw. Es war sehr interessant. Es hat den Kursteilnehmern viel Spaß bereitet, mit Deutschen zu kommunizieren. Jeder im Kurs hatte etwas über Wladimir vorbereitet und uns anhand von Bildern die Stadt näher gebracht: Besonderheiten, Architektur, Geschichte usw. Es war sehr Spannend. Es hat uns sehr gefallen. Leider ging die Zeit zu schnell rum. Am Ende wurden uns noch Fragen gestellt über Erlangen, was Deutsche so Typisches machen… Dann bekamen wir noch als Geschenk russische Lebkuchen mit einer Apfel-Pfirsich-Füllung (sehr lecker!).

Oliver Opitz und Christof Balslimke im Kreis der Pfadfinder-Freunde

Patrick Opitz und Christof Balsliemke im Kreis der Pfadfinder-Freunde

Die Brüder und Schwestern vom Pfadfinder-Partnerstamm haben sich sehr gefreut, uns wiederzusehen, eine freudige Überraschung. Besprechung gehabt über die Deutschland-Reise und anschließend geredet und gelacht. Dabei wurden dann auch Gastgeschenke verteilt. Es war sehr schön, die Leute wieder zu treffen. Und als es schließlich unter Tränen wieder nach Hause ging, hat uns wieder Wlad begleitet. Obwohl er gerade einmal acht Monate Deutsch lernt, hat er uns die ganze Zeit betreut und für uns gedolmetscht: Ein klasse Bruder und Freund – und ein top Reiseführer.

Die Zeit ist schnell vergangen. Es war wunderschön. Ich sehne mich schon jetzt zurück nach Rußland.

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Will man etwas über das Schulwesen eines anderen Landes erfahren, sieht man sich am besten die Praxis an. An der scheiden oder bewähren sich alle akademischen Theorien und die unaufhörlichen Reformen. An der bewährt sich aber auch der pädagogische Erfolg der Lehrkräfte, und das besonders eindrucksvoll in der auch an grauen Wintertagen lichtdurchfluteten Heinrich-Kirchner-Schule, wo die Wladimirer Gäste, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa, gestern gleich zu Unterrichtsbeginn von der Leiterin, Susanne Schmid, begrüßt und von der Klasse 2 b mit der so eingängigen Schulhymne aus der Feder von Martina Heuser freudig eingestimmt wurden auf das, was da noch so alles kommen sollte. Da im Rathaus schon Bürgermeisterin Birgitt Aßmus wartete, blieb nicht eben viel Zeit für ein erstes Kennenlernen und einen Kurzbesuch in der Förderklasse, wo eine kleine Gruppe von Migranten-Kindern intensiv sprachlich auf die Einschulung vorbereitet wird. Dennoch Zeit genug, um all die vielen Ähnlichkeiten zu entdecken – sieht man sich doch auch in Wladimir ähnlichen Problemen mit Schülern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken gegenüber – und eine Gegeneinladung auszusprechen.

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Christa Schmid, Dagmar Trzcinski, Martina Heuser

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Susanne Schmid, Klassenlehrerin Dagmar Trzcinski, Martina Heuser und die 2b der Heinrich-Kirchner-Schule

Wenn es stimmt, daß, wie Fjodor Tjutschew, der vielzitierte Lyriker des 19. Jahrhunderts, meint, Rußland sich nicht mit dem Verstand begreifen lasse, weshalb man allenfalls daran glauben könne, dann gilt das sicher in besonderer Weise für das Schulwesen. Freilich für das föderale deutsche Pendant nicht minder. Gute zweieinhalb Stunden Zeit nahmen sich denn auch Birgitt Aßmus und Carmen Mahns, Leiterin des Schulverwaltungsamtes, sowie Jolana Hill, im Bürgermeister- und Presseamt u.a. Koordinatorin für außerschulische Bildungsprojekte und die Ehrenamtsbörse, um das eine oder andere zu verstehen, noch mehr aber intuitiv zu erfassen von all dem vielen, das Erlangen und Wladimir bei allen Unterschieden gerade auch im Schulwesen vereint: das Bemühen um interaktiven Unterricht, Qualitätskontrolle, Fortbildungsmaßnahmen für die Lehrkräfte, Einführung von Programmen wie „Computer statt Schulranzen“ – immer hoffentlich zum seelischen Wohl der Kinder. Um das, so die Leiterin des Amts für Bildung, Tatjana Kowalkowa, bemühe man sich besonders, weshalb vor allem in den Gesamt- und Ganztagsschulen Psychologen ein Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, für welchen Zweig sich ein Kind zu entscheiden hat.

Tatjana Kowalkowa 3

Carmen Mahns, Tatjana Kowalkowa, Birgitt Aßmus, Tatjana Artischtschewa und Jolana Hill

So ein Mitspracherecht hat übrigens auch der Elternbeirat, wie Tatjana Artischtschewa aus ihrer eigenen Praxis zu berichten weiß. Diesem Gremium, dem man auch noch angehören darf, wenn man gar keine Kinder mehr an der jeweiligen Schule hat, obliegen nicht nur Beratungspflichten, etwa bei wirtschaftlichen Umgang mit Haushaltsmitteln, sondern es übernimmt auch Aufsichtsfunktionen, entscheidet mit bei der Ernennung des Rektors und kümmert sich um Sponsoren. Und da kommt auch schon das Ehrenamt ins Spiel, das, diskreditiert durch die Sowjetzeit, wo man gewissermaßen zwangsverpflichtet war, kostenlos allerlei mehr oder weniger Gutes zu tun, heute erst wieder von unten her wachsen muß, wie Tatjana Kowalkowa meint. Dazu wünscht sie sich unbedingt einen Erfahrungsaustausch mit Erlangen und lädt die drei Gastgeberinnen denn auch kurzerhand nach Wladimir ein. Vielleicht, meint sie später, sollte man auch noch jemanden von Siemens oder der Universität mitnehmen. Warum? Weil diese Arbeitgeber inzwischen freiwillig Aufgaben übernehmen, die bis zum Zerfall der UdSSR alle Großbetriebe zu erfüllen hatten: die Bereitstellung von Krippen, Kindergärten und Ferienlagern. Mittlerweile sind diese Einrichtungen alle an die Kommunen gefallen – und häufig aus Geldnot zerfallen. Auch in Wladimir. Nur noch 7.000 der 28.000 Schüler konnte im vergangenen Jahr an einem Ferienprogramm teilnehmen. Dabei habe man doch in den Schulen das Ziel, den Kindern möglichst viele Angebote zu machen, unter denen sie frei wählen können. Nur eine Wahl bleibt ihnen – zumindest an den Ganztagsschulen – verwehrt: keine Wahl zu treffen, sprich ab- und herumzuhängen. Wieder mehr Disziplin soll einkehren – und Kontrolle. Nach massenweisen Mogeleien mit den Prüfungen wird jetzt landesweit das Abitur unter Online-Videoüberwachung abgelegt, die Klassenbücher werden ebenso ins Netz gestellt wie Eltern und Lehrer Zugriff auf die Daten der Kinder an mittlerweile zwei der fast 50 Wladimirer Schulen haben, die mit Chips ausgestattet sind, die den bargeldlosen Einkauf in der Mensa ermöglichen, aber auch registrieren, wann die Schule betreten und verlassen wird. Viel Stoff jedenfalls für den künftigen Erfahrungsaustausch.

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Das Kontrastprogramm der behüteten Welt der Waldorfpädagogik folgt auf ausdrücklichen Wunsch der russischen Besucherinnen am Nachmittag. Durch eine Welt, wo die Kinder angehalten sind, möglichst viel über die Erfahrung des eigenen Körpers aufzunehmen, möglichst alles in der Gemeinschaft zu gestalten, ohne viel Spielzeug oder gar Elektronik, dafür mit Eurhythmie, einem Leben in Harmonie. Immer nah bei den andern, bei sich selbst und bei der Natur. Helge Köhler, die sich noch einiges an Russisch-Kenntnissen von ihrer Nachkriegsschulzeit in Naumburg bewahrt hat, übernimmt die Führung durch den Kindergarten mit seinen drei Gruppen und die kleine Krippe mit zwölf Plätzen.

Waldorf-Kinderstube

Waldorf-Kinderstube

Und wer könnte das besser tun, als die ehrenamtliche Helferin, die von Beginn an dabei war, als vor etwa 40 Jahren das erste Haus da gebaut wurde, wo heute am Waldrand von Bruck ein ganzes Bildungszentrum mit gut 600 Schülern entstanden ist, die aus dem ganzen Großraum kommen. Helge Köhler lebt die ganze Weltanschauung, die hinter der Waldorf-Pädagogik steckt, erzählt den Kleinen im Kindergarten einmal die Woche Märchen, hilft bei der Bewegungsstunde, musiziert mit. Und sie hat eine besondere Beziehung zu Wladimir.

Krippe im Waldorfkindergarten

Krippe im Waldorfkindergarten

Als dort Anfang der 90er Jahre zunächst ein Kindergarten und später eine Schule für Waldorf-Pädagogik entstanden, suchte man eine „Mutter“, eine Schirmherrin in Erlangen. Helge Köhler ließ sich nicht lange bitten und beherbergte mittlerweile wohl alle Erzieherinnen von der Wladimirer Partnereinrichtung, eine Beziehung die bis heute anhält und in ihrer Dauer und Intensität im Bereich Bildung wohl einzigartig ist. Allenfalls noch vergleichbar mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, das schon seit Ende der 80er Jahre den Austausch mit der Wladimirer Universität pflegt.

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Nur ein einziges Mal hingegen war Helge Köhler mit ihrem vor fast zehn Jahren verstorbenen Mann selbst in Wladimir, um im Waldorfkindergarten vormittags mitzuarbeiten und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Im Herbst 1994 war das, kurz bevor auch Tatjana Kowalkowas Mann verstarb. An diese Zeit erinnert ein Photoalbum mit gesticktem Einband, in das nicht nur die Bilder von den verschiedenen Begegnungen eingeklebt sind. Es findet sich da auch ein besonderer, noch ungehobener Schatz der Partnerschaft, ein kleines Wunder, wie Tatjana Kowalkowa meint: ein Tagebuch, aus dem hervorgeht, daß das Ehepaar Köhler einen Abend lang auch bei der Besucherin zu Gast war.

Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

Wiederentdeckt: Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

„Das bin ja ich“, ruft Tatjana Kowalkowa baß erstaunt aus, „in meiner alten Küche!“ Und jetzt erst fällt es beiden wie Schuppen von den Augen. Und jetzt erst erklärt es sich, warum beide von Beginn an eine besondere Wärme in der Begegnung verspürten, erst jetzt wird verständlich, warum die Einladung nach Hause für beide Seiten etwas so Selbstverständliches hatte. „Als Unbekannte bin ich in dieses Haus gekommen und fühlte mich doch gleich daheim“, ringt die Besucherin überwältigt um Worte: „Und jetzt weiß ich warum!“ Da hat sich auf wunderbare Weise ein zwanzigjähriger Kreis geschlossen, den so viele gebildet haben und zu denen schon damals auch Tatjana Kowalkowa gehörte. Ganz wie es sich in dieser wundervollen Partnerschaft gehört!

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Das Wunder der Partnerschaft, davon kann man sich am Abend überzeugen, haben auch die Pfadfinder schon erlebt. Thomas Zeh faßt seine Wladimir-Erfahrung denn auch gleich in einem Satz zusammen: „Ich habe schon viel Erfahrung mit Pfadfindern aus aller Welt, aber noch nie ist man sich so schnell so nah gekommen wie mit unseren russischen Freunden.“ Deshalb will man nicht nur den Austausch fortsetzen. Es gibt noch weiterreichende Pläne: Tatjana Kowalkowa, die immer wieder betont, wie wichtig diese Art der Jugendarbeit sei, möchte an einer Schule ein Museum einrichten, wo die Geschichte der Pfadfinder und Pioniere gemeinsam dargestellt wird. Denn, so die Pädagogin, die sowjetischen Pioniere haben sich alles von den Pfadfindern abgeschaut, die ja vor der Revolution im Zarenreich schon recht aktiv waren. Hinzugefügt haben sie lediglich den ideologischen Überbau.

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Artischtschewa und Tatjana Kowalkowa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Und noch etwas wünscht sie sich: nichts weniger als die wunderbare Pfadfindervermehrung in Wladimir. Dafür will sie junge Erwachsene gewinnen, Schulen ansprechen – und gemeinsam mit den Erlanger Freunden Seminare veranstalten. Und wenn man Jochen Dörring und Thomas Zeh genau zuhört, könnte das auch etwas werden. Vielleicht auch mit Hilfe des Landesverbandes, wo es Fachleute für derlei Fragen gebe. Auf jeden Fall aber mit einer Patenschaft für neue Pfadfinderstämme. Und dann wird vielleicht auch wahr, was Tatjana Kowalkowa den jungen Steinadlern mit auf den Weg gibt: „Die Photos, die ich jetzt von Euch gemacht habe, zeigt Ihr möglicherweise, wenn Ihr selbst schon alt geworden seid, Euren Kindern und Enkeln, die dann hoffentlich noch immer Freundschaft mit den Pfadfindern von Wladimir halten.“

Weil er gar so schön ist, hier nochmals der Link zum Pfadfinderaustausch: http://is.gd/0qeQPZ. Aber auch ein Blick zurück in die Partnerschaftsgeschichte der Heinrich-Kirchner-Schule sei empfohlen: http://is.gd/js4jV4 und http://is.gd/ygWg9w

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