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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Medizineraustausch’


In einer seiner frühen Erzählungen, „Die stählerne Kehle“, schildert Michail Bulgakow, im Brotberuf Arzt, was einem jungen Mediziner so durch den Kopf gehen kann:
Und so war ich also auf mich allein gestellt. Um mich das Novemberdunkel mit kreiselndem Schnee, das Haus zugeweht, das Heulen des Winds im Kamin. All die 24 Jahre meines Lebens hatte ich in einer riesigen Stadt verbracht und immer geglaubt, Schneestürme heulten nur in Romanen. Nun stellte sich heraus, daß sie tatsächlich heulen. Die Abende sind hier ungewöhnlich lang, die Lampe spiegelte sich unter ihrem blauen Schirm im schwarzen Fenster, und ich kam ins Träumen, als ich so auf den Fleck blickte, der linker Hand von mir leuchtete. Ich träumte von der Kreisstadt, vierzig Werst von mir entfernt. Wie gern wäre ich von hier dorthin entflohen. Dort gab es Strom, vier Ärzte, mit ihnen könnte man sich beraten, jedenfalls wäre es nicht so schrecklich. Aber von hier wegzukommen, war undenkbar, und bisweilen begriff ich auch selbst, daß eine solche Flucht kleinmütig wäre. Schließlich hatte ich ja genau deswegen an der medizinischen Fakultät studiert… „Aber wenn sie jetzt eine Frau mit einer schweren Geburt bringen? Oder, nehmen wir an, jemanden mit einer eingeklemmten Hernie? Was mache ich da bloß? Lassen Sie es mich doch bitte wissen! Vor 48 Tagen habe ich die Fakultät abgeschlossen – mit Auszeichnung, aber eine Auszeichnung ist das eine, ein Bruch etwas anderes. Einmal schaute ich zu, wie ein Professor eine solche eingeklemmte Hernie operierte. Ich saß im Amphitheater. Und nun rann mir beim Gedanken an den Bruch der kalte Schweiß in Strömen das Rückgrat hinunter. Abend für Abend saß ich in der gleichen Pose und goß mir Tee nach: Links von mir lagen alle Handbücher zur operativen Geburtshilfe auf dem Tisch, oben auf der Kleine Döderlein, rechts zehn verschiedene Bände zur operativen Chirurgie mit Zeichnungen. Ich räusperte mich, steckte eine Zigarette an, trank von meinem kalten schwarzen Tee…

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Ganz so dramatisch würden ihren Seelenzustand die Gynäkologin Natalia Denissowa und die Neurologin Olga Jaschina sicher nicht beschreiben, aber die zweiwöchige Hospitation an den Universitätskliniken – wieder dankenswerterweise vermittelt und finanziert vom Serviceklub Rotary – hat schon auch etwas von einem Praxisschock gegenüber dem, was sie aus dem Krankenhausalltag in Wladimir – gleich ob in der Abteilung für Schlaganfälle oder im Kreißsaal – kennen, zumal sie sich ohne Dolmetscherbetreuung auf Englisch verständigen müssen. Eine nützliche und wichtige Erfahrung bekunden die Gäste vom Regionalkrankenhaus der Partnerstadt freilich beim gestrigen Empfang im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, selbst im Brotberuf Krankenschwester, und den beiden Kollegen, dem emeritierten Chirurgen von Weltruf, Werner Hohenberger, und Jürgen Zeus, Internist i.R. und Stadtrat. Und eine Erfahrung, die man gern auch dem Pflegepersonal ermöglichen möchte. Also wieder ein Ergebnis des Austausches, das ausstrahlt auf andere Bereiche. Eben bereichernd.
P.S.: Die „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow sind 2009 in der Sammlung Luchterhand auf Deutsch erschienen. Bei obiger Übersetzung handelt es sich um eine Ad-hoc-Übertragung.

 

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Hier nun Fortsetzung und Ende des Reiseberichts, dessen erster Teil am 29. Dezember 2011 zu lesen war, wo es zur Einführung hieß: „Heute blicken wir wieder ein wenig zurück ins vielfältige Geschehen der Partnerschaft und lassen uns von Professor Ignaz Schneider an der Hand nehmen. Der Oberarzt an der Chirurgischen Klinik mit Poliklinik in Erlangen hat vom 26. Oktober bis 1. November gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Roswitha Ungar, sowie dem Ehepaar Michael und Gerda-Maria Reitzenstein, niedergelassener Frauenarzt bzw. Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, eine Reise nach Wladimir unternommen und einen Bericht angefertigt, der in zwei Teilen im Blog erscheint.“

Festtafel zur Begrüßung der Gäste

Am Abend fand das offizielle Begrüßungsessen für unsere Delegation in einem eleganten, stilvoll-modernen Restaurant statt. Neben den Ärzten der Klinik, Jewgenij Jaskin, Jelena Solowjowa, Roman Gorta und Magir Katschabekow (der ebenfalls als Dolmetscher geholfen hatte), waren mehrere Vertreter der Verwaltung des Krankenhauses und der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde mit ihren Ehefrauen anwesend. Von Anfang an bestand eine sehr herzliche und freundschaftliche Atmosphäre, die durch die persönlichen Gespräche zwischen den Gästen und den Gastgebern noch vertieft wurde. Bei den Tischreden kam erneut der Wunsch zum Ausdruck, dieser Erfahrungsaustausch werde vor allem eine Kooperation im medizinischen Bereich zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir befördern.

Ausflug nach Susdal mit Jelena Ljubar

An den darauf folgenden beiden Tagen, dem Freitag und dem Samstag, ließen es sich unsere Gastgeber nicht nehmen, uns ihr schönes Land zu zeigen. Am Freitag unternahmen wir mit Jewgenij Jaskin und Jelena Ljubar, einer fließend deutsch sprechenden Fremdenführerin, einen Ausflug nach Susdal, das gelegentlich als das russische Rothenburg o.d. Tauber bezeichnet wird. In der Tat sind die beiden Städte auch partnerschaftlich verbunden, und ein gelbes deutsches Straßenschild in Susdal weist den Weg in das 2.660 km entfernte Rothenburg o.d. Tauber. Uns begeisterten die zahlreichen, sehr schön renovierten Kirchen und Klöster, wobei uns vor allem der Hinweis faszinierte, daß man es sich früher leistete, jeweils eine größere Sommerkirche und eine kleinere und damit leichter beheizbare Winterkirche zu bauen. In seiner Blütezeit standen in Susdal insgesamt 40 Kirchen und Klöster, und man konnte leicht errechnen, daß auf 120 Einwohner ein Gotteshaus entfiel.

Ausflug nach Murom

Am Samstag folgte wiederum in Jewgenij Jaskins Wagen ein Ausflug nach Murom an der Oka. Dort wurden wir von seiner Kollegin, Tatjana Piwikina, der Leiterin des Städtischen Kinderkrankenhauses, begrüßt. Mit ihr zusammen besichtigten wir die Sehenswürdigkeiten des Ortes, darunter die berühmte Kathedrale des Dreifaltigkeitsklosters. Nach einem gemeinsamen Mittagessen wurde uns die große Ehre zuteil, von unserer Gastgeberin noch zu Kaffee und Kuchen in ihr Privathaus eingeladen zu werden. Die herzliche Verbindung zwischen Gästen und Gastgebern kam auch in den sehr persönlichen Tischreden zum Ausdruck, wobei beide Seiten daran erinnerten, daß die Generation der Eltern und speziell der Väter trotz der Schrecknisse des vergangenen Krieges in direkten zwischenmenschlichen Kontakten die Warmherzigkeit der russischen Bevölkerung kennengelernt hatte.

Gruppenbild mit Irina Chasowa und Tatjana Afanasjewa (3. und 4. v.l.)

Der Sonntagvormittag stand uns zur freien Verfügung. Wir konnten auf eigene Faust das Stadtzentrum von Wladimir mit seinen Sehenswürdigkeiten erkunden oder in den auch am Sonntag geöffneten Geschäften Reiseandenken einkaufen. Am Nachmittag und Abend trafen wir uns auf Initiative des Ehepaars Reitzenstein mit der früheren Leiterin der Gynäkologischen Abteilung der Klinik des Traktorenwerks, Natalia Afanasjewa. Das Ehepaar Reitzenstein hatte die Ärztin bei einem früheren Besuch in Wladimir kennen- und schätzengelernt, und mit Hilfe von Irina Chasowa, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, war es gelungen, den Kontakt wieder herzustellen. Frau Chasowa, die perfekt deutsch spricht, begleitete uns auch während unseres Besuches am Nachmittag, so daß die Eheleute Reitzenstein keine Schwierigkeiten hatten, ihre Eindrücke und Erinnerungen an den Besuch vor sieben Jahren auszutauschen.

Am Montag, den 31. Oktober, waren wir wieder in der Klinik. Wir trafen uns mit weiteren Kollegen und besprachen vor allen Dingen, wie die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir auf medizinischer Ebene weiter ausgebaut werden könnten. Wir knüpften Kontakte, um bei speziellen Problemen Befunde von russischen Patienten aus der Gegend von Wladimir gemeinsam erörtern zu können oder diesen Patienten ggf. eine Behandlung in den Erlanger Universitätskliniken zu ermöglichen.

Empfang bei Oberbürgermeister Sergej Sacharow (Mitte)

Trotz seines knappen Zeitplanes nahm sich Sergej Sacharow, der Bürgermeister von Wladimir, am Nachmittag eine halbe Stunde Zeit, um unsere Delegation im Rathaus zu begrüßen. Neben dem Stadtoberhaupt begrüßten uns weitere Vertreter der Stadtverwaltung, darunter auch Wladimir Sawinow, der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde. Wir unterhielten uns über Themen aus dem Gesundheitswesen und berichteten über unseren Erfahrungsaustausch mit den Kollegen im Rot-Kreuz-Krankenhaus. Der Bürgermeister zeigte sich sehr interessiert und bedauerte, daß wir ihm keine Photographien von unseren gemeinsam ausgeführten Operationen zur Verfügung stellen konnten. Nach der Überreichung von typischen Geschenken aus der Heimat der Gastgeber bzw. der Gäste endete der sehr herzliche Empfang im Rathaus von Wladimir. Mit einem Abendessen, bei dem neben unseren ärztlichen Kollegen wiederum der Gesundheitsreferent der Stadt Wladimir anwesend war, endete dieser sehr eindrucksvolle Aufenthalt in Wladimir. Beide Seiten betonten den Willen, ihr sehr herzliches Verhältnis zueinander ausbauen und damit auch die Möglichkeiten des Austausches auf dem medizinischen Gebiet in jeder Hinsicht verbessern zu wollen.

Am nächsten Morgen traten wir die Heimreise an. Bevor wir mit dem Bus zum Moskauer Flughafen losfuhren, kamen Jewgenij Jaskin und Roman Gorta ins Erlangen-Haus, um sich ganz persönlich von uns zu verabschieden. Nach alter russischer Tradition setzten wir uns für eine kurze Auszeit der Besinnung zusammen, bis wir dann schließlich in den bereitstehenden Bus stiegen, der uns nach Domodedowo brachte.

Wir flogen nach Hause mit reichlichen Eindrücken von guter Medizin, ausgeführt unter nicht immer einfachen Umständen, und waren tief beeindruckt von der Gastfreundschaft unserer russischen Gastgeber in Wladimir.

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