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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Medizinaustausch’


Wieder ist eine prägende Persönlichkeit der Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten für immer gegangen. Klemens Stehr, von 1977 bis 1998 Direktor der Klinik mit Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Erlangen-Nürnberg, ist am 6. Oktober im Alter von 79 Jahren verstorben. Während seiner 21jährigen Leitungstätigkeit baute der Professor für Pädiatrie an seiner Wirkungsstätte die Neonatologie, Intensivmedizin, Kardiologie, Nierenkrankheiten mit Dialyse und Nierentransplantation sowie Onkologie mit Knochenmarktransplantation weiter aus. Seinem Spezialgebiet, der Infektiologie, insbesondere der Prävention durch Impfungen, und der Jugendmedizin galt sein großes Engagement. Da vor allem chronisch kranke Kinder bis zum Abschluß des Wachstums von Pädiatern betreut werden, benannte man konsequenterweise im Jahre 1985 das Erlanger Krankenhaus als erstes zusammen mit der Universitäts-Kinderklinik in Essen um in Klinik für Kinder und Jugendliche. Dies hatte Signalwirkung für viele andere Kliniken. Aber erst 1996 folgte die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde diesem Beispiel und heißt nun Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.Seit 1989 war Prof. Stehr fast 10 Jahre Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Institutes in Berlin. Auch im Ruhestand blieb er ein gefragter Impfexperte. Für seine Tätigkeit wurde Klemens Stehr 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 1999 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden als „Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung für hervorragende Verdienste um den Freistaat Bayern und das bayerische Volk“.

Swetlana Makarowa und Klemens Stehr, September 2018 in Erlangen

Unter der Ägide von Klemens Stehr begann 1990 die Kooperation mit dem Kindernotfallkrankenhaus Wladimir, koordiniert und vorangetrieben von Dieter Wenzel, mit all den Lieferungen an Gerät – vom Labor über die Wasseraufbereitungsanlage bis hin zu Inkubatoren und Medikamenten – sowie den Schulungsangeboten und Hospitationen für das medizinische Personal aus der Partnerstadt. Was damals seinen segensreichen Anfang nahm, wirkt bis heute nach und fand einen harmonischen Höhepunkt, als im Vorjahr Swetlana Makarowa, ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses zur Verabschiedung von Wolfgang Rascher, dem Nachfolger von Klemens Stehr, nach Erlangen kam und noch einmal mit dem emeritierten Kollegen zusammentraf und für die bald dreißigjährige Unterstützung dankte.

Adolf Hüttl, Klemens Stehr und Peter Steger, April 2002 in Wladimir

Klemens Stehr zeichnete sich auch durch ein großes ehrenamtliches Engagement aus. Seit 1980 gehörte er als Gründungsmitglied dem Rotary Club Erlangen an, dem er im Jahr 2001/2002 als Präsident vorsaß. In diese Zeit fiel auch seine Reise nach Wladimir, begleitet von seinem rotarischen Freund und früherem KWU-Chef, Adolf Hüttl, mit dem Ziel, die Verbindungen zu dem damals eben erst gegründeten russischen Partnerklub auszubauen. Für seine besonderen Verdienste wurde der Kinderarzt von Rotary International die Paul-Harris-Fellow-Auszeichnung verliehen. Klemens Stehrs großer Beitrag zum Gelingen der Städtepartnerschaft bleibt unvergessen.

Einträge ins virtuelle Kondolenzbuch sind hier möglich: https://is.gd/9zBz2B

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In der vergangenen Woche endete das Praktikum, das Gesa Baum seit Anfang August am Rot-Kreuz-Krankenhaus in Wladimir absolvierte. Hier nun ihr Abschlußbericht.

Da sitze ich nun also am Flughafen Wnukowo in Moskau und warte bis das Boarding für meinen Rückflug nach Berlin beginnt. Schon heute abend bin ich, wenn alles gut läuft, wieder zurück in Deutschland – werde auf einmal keine Wörter mehr nachschlagen müssen, selber kochen und mich wieder an die Verspätungen der Deutschen Bahn gewöhnen (hier war jeder meiner Züge auf die Minute pünktlich!). Wahrscheinlich wird das alles ein ganz schöner Kulturschock. Aber das gehört wohl dazu.

Operation in Wladimir

Wie waren sie also, diese sechs Wochen in Wladimir? Lehrreich. Im Krankenhaus entwickelte sich bald eine Alltagsroutine: Morgens Ärztekonferenz, danach Visite, Eingriffe und Operationen. Sweta, eine der Ärztinnen, kümmerte sich besonders um mich: Sie nahm sich bei der Visite Zeit, mit mir gemeinsam die Patientinnenakten durchzugehen, Labor- und Untersuchungsergebnisse zu erklären und die Behandlungsoptionen zu erläutern. Das war besonders spannend, wenn ich vorher oder nachher bei den jeweiligen Operationen dabei sein durfte – so bekam ich die Gelegenheit, den ganzen Behandlungspfad mitzuverfolgen. Doch damit nicht genug: Nach einiger Zeit durfte ich sogar hin und wieder bei Operationen assistieren! Keine Angst, natürlich legte ich nicht selber Hand an, sondern hielt Haken oder (im Falle einer Laparoskopie) die Kamera; aber schon das war für mich als jemand, die in drei Jahren Studium vor allem theoretisches (Halb-)Wissen angehäuft hatte, ein Riesenschritt in Richtung Praxis! Dabei wurde mir auch klar, was für ein handwerklicher Beruf die Medizin sein kann: Um Eingriffe routiniert und zügig durchzuführen, braucht es neben einem fundierten fachlichen Hintergrund eben auch Jahre an praktischer Erfahrung. Jaja, es liegt noch ein langer Weg vor mir…, ein spannender.

Gesa Baum in Susdal

Was mich allerdings irritierte, war der manchmal doch recht harsche Umgangston Patientinnen gegenüber, die Ängste oder Bedenken wegen einer Behandlungsoption äußerten. Das Arzt-Patientenverhältnis scheint hier hierarchischer zu sein als in Deutschland. Doch das stört die meisten anscheinend nicht – regelmäßig werden die Ärztinnen und Ärzte von dankbaren Patientinnen mit Alkohol, Pralinen und Blumen beschenkt.

Gesa Baum – Geburtstag in Wladimir

Mit dem Team auf Station und Zuhause bei Irina führte ich immer wieder Gespräche über die gesellschaftliche und politische Situation in unseren Ländern. Mich erschreckte, wie in den Köpfen vieler Menschen hier der Kalte Krieg noch gar nicht vorbei zu sein scheint: Wenn es um den Ukraine-Konflikt oder die schwierige wirtschaftliche Situation ging, bekam ich oft Sätze zu hören wie: „Die USA sind an allem schuld“. Einige, vor allem Jüngere, sehen das Ganze pragmatischer: Die machtpolitische Lage habe sich in den letzten Jahren zu Ungunsten der Russischen Föderation verschoben; da sei es logisch, wenn gerade Europa sich mehr zu den USA hin orientiere und die eigenen Bündnispartner weniger würden. Sprachen lernen – vor allem Englisch und Deutsch – ist angesichts der mangelnden Perspektiven bei heimischen Unternehmen für junge Menschen ein wichtiges Thema. Auch die Meinungen zu Deutschland sind vielfältig: Einerseits werden Technik, Ordnung und Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bewundert; andererseits hatte ich das Gefühl, regelrecht bemitleidet zu werden für die große Anzahl an Flüchtlingen, die angeblich „die deutsche Kultur“ bedrohen. Entwicklungen wie die Einführung der Homo-Ehe und die zunehmende Debatte über Geschlechterrollen werden in den russischen Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht: So schaffte es die Meldung, eine Mutter in Deutschland habe versucht, ihre Tochter in einen Knabenchor zu klagen, doch tatsächlich in eine nationale Nachrichtensendung! Es gibt noch eine Menge weiterer Themen, über die ich viele unterschiedliche und überraschende Einstellungen hörte, so zum Beispiel die jüngsten Proteste in Moskau, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an Stalin – doch das alles auszuführen, würde leider den Rahmen dieses Berichts sprengen. Festzuhalten bleibt: Einfache Wahrheiten sind rar.

Gesa Baum 10

Gesa Baum

Und dann war da ja noch der kulturelle Teil: In Wladimir selbst bestaunte ich viele der altehrwürdigen Kirchen und Klöster, den prachtvoll blühenden Patriarchengarten sowie die Gemäldegalerie. An meinem Geburtstag überraschte mich meine Gastfamilie mit einem Ausflug nach Susdal, das vor 800 Jahren gemeinsam mit Wladimir Hauptstadt der Rus war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine große Dichte von Kirchen gesehen zu haben! Wortwörtlich alle paar Schritte tauchte die nächste im Blickfeld auf – wirklich erstaunlich.

Kasan

Ein weiteres Highlight meines Aufenthalts war ein Wochenendtrip nach Kasan: Zunächst kam es mir ein wenig verrückt vor, wenn mir von allen Seiten gesagt wurde, ich müsse unbedingt in diese 600 km entfernte Stadt fahren. Für deutsche Verhältnisse ist das ja nicht gerade um die Ecke. Doch die Reise lohnte sich: In der Hauptstadt der Republik Tatarstan entdeckte ich ein meine Stereotypen wohltuend durcheinanderbringendes Gastland: Eine prachtvolle Moschee inmitten des Kremls als Symbol des friedlichen Zusammenlebens von Russisch-Orthodoxen und Muslimen; Minarette, Zwiebeltürme und westlich anmutenden Straßenzüge aus der Zeit von Katharina der Zweiten, die mich an St. Petersburg erinnerten.

Mütterchen Wolga

Nicht zu vergessen: Mütterchen Wolga, bei deren Anblick man fast traurig werden kann vor lauter Schönheit und Weite. Eine Woche später nahmen Sweta, die oben bereits erwähnte Ärztin, und ihr Freund mich mit auf die riesige Flugshow und -messe „MAKS“ am Moskauer Flughafen Schukowskij. Obwohl ich mit dem Kriegsgerät, das dort ausgestellt wurde, nicht viel anfangen konnte, war ich doch schwer beeindruckt von der riesigen Masse an Menschen, die sich dort versammelte, um waghalsige Flugmanöver zu bestaunen. Unter der Woche versuchte ich hin und wieder abends, Irinas Enkelin Dascha bei ihren Deutsch-Hausaufgaben zu helfen. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich über deutsche Grammatik weiß: Wie wird zum Beispiel das Perfekt gebildet?! Schon ein wenig peinlich. Das zu begreifen, bestärkte allerdings meine Hochachtung vor Dascha, die trotz aller Untiefen der deutschen Sprache gut vorankommt und sich nicht entmutigen lassen will. Irina und Dascha führten mich im Gegenzug in die Welt des sowjetischen Films ein: „Iwan Wassiljewitsch ändert den Beruf“, „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und natürlich der absolute Klassiker „Ironie des Schicksals“, eine dreistündige Liebeskomödie, die jedes Jahr an Silvester gezeigt wird (dagegen bei uns zehn Minuten „Dinner for One“…). Diese und weitere Filme haben tatsächlich so einen Kultstatus erreicht, daß auch jüngere Menschen sie schauen und viele Zitate daraus zu bekannten Redewendungen geworden sind.

Gesa Baum 11

Gesa Baum in Susdal

Das letzte Wochenende verbrachte ich wie das erste: Auf der Datscha mit Irina, ihrem Mann Wiktor und dem Kater Wassja; mit Banja, gutem Essen und Sanddornpflücken im blühenden Garten. Die sechs Wochen, die am Anfang so reichlich schienen, waren (wie das immer so ist) schneller und schneller geschrumpft, bis es schließlich unerwartet plötzlich hieß: Abschied nehmen.

Wie ich sie hasse, diese ollen Abschiede. Von Menschen, die mich so berührt haben mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Offenheit, ihrer Bereitschaft, mich, eine wildfremde Medizinstudentin aus Deutschland, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, einfach so.

Sweta und Wiktor auf der Datscha

Was bleibt also? Dankbarkeit. Wehmut. Fragen über Fragen. Neugier. Und die Idee, nächstens mein Medizinstudium für ein Jahr Slawistik zu unterbrechen. Wer weiß, was für Langzeitfolgen dieses Praktikum noch haben wird?

Gesa Baum

Siehe auch: https://is.gd/62LsfM

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Mein Wladimir-Abenteuer begann eigentlich schon auf dem Weg hierher. Da ich vorher in Weißrußland war, konnte ich nur von Minsk aus nach Moskau fliegen (der belarussisch-russische Grenzübertritt auf dem Landweg ist für Deutsche verboten). Vom Flughafen aus machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof Kurskaja, von wo mein Zug nach Wladimir abfahren sollte. Alles klappte fabelhaft; ich hatte dort sogar noch Zeit, mir eine russische SIM-Karte zu besorgen. Ging also in Ruhe zum Bahnsteig, ließ entspannt noch eine dieser ungezählten Gepäckkontrollen über mich ergehen, um den Zug betreten zu dürfen – und bemerkte in dem Moment, als ich einsteigen wollte, daß mein Paß verschwunden war. Schock. Blitzschnell schoß mir durch den Kopf, daß ich den Ausweis wohl in dem Laden, wo ich die SIM-Karte gekauft, liegen gelassen hatte. Hoffentlich – wenn er stattdessen aus meiner Tasche gefallen war… Lieber nicht drüber nachdenken. Und noch weniger darüber, daß in zehn Minuten mein Zug abfahren würde; höchstwahrscheinlich ohne mich, da ich, um in den Bahnhof hinein- und wieder herauszukommen wieder Gepäckkontrollen vor mir hatte, ganz zu schweigen von der Suche nach dem Laden in diesem Chaos von Menschenmassen… Es war 21 Uhr, um 23 Uhr erwartete mich Irina, die Krankenschwester, bei der ich wohnen würde – der gegenüber ich eh schon wegen der späten Verbindung ein schlechtes Gewissen hatte. All diese Gedanken liefen zum Glück nur in meinem Hinterkopf ab, mein Frontalkortex schaltete dagegen auf „Machen“. Ich also rein in den Bahnhof, verirrt, wieder raus, anderer Eingang. Nach unten, in den Laden gestürmt, peinlich betretener Verkäufer überreicht mir meinen Paß. Schaue auf die Uhr: 21:07 – 21:08 Abfahrt des Zuges. Hoffnungslos. Nur um es zumindest probiert zu haben, renne ich mit letzter Kraft nach oben auf den Bahnsteig. Und da geschieht das Wunder: Der Mann an der Gepäckkontrollstation tritt einfach zur Seite und ruft mir „Renn!!“ hinterher. Der Schaffner, der gerade zur Abfahrt pfeifen will, zieht mich in den Zug, die Türen schließen sich hinter mir. Eine andere Schaffnerin neben mir lächelt mich an, gemeinsam atmen wir erleichtert auf. Ich kann nicht fassen, daß es tatsächlich noch geklappt hat – ich sitze im Zug nach Wladimir!

Dort angekommen, erwartete mich direkt eine Überraschung: Statt, wie erwartet, schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen, eröffnete mir Irina, diese unglaublich herzliche Frau, daß wir morgen zu ihrem Mann auf die Datscha fahren, weil sie das immer so macht am Wochenende. Die Datscha… Was hatte ich nicht schon für unzählige Geschichten gelesen und gehört über diesen angeblich russischsten aller russischen Orte! Und ich kann wahrhaftig nicht sagen, enttäuscht worden zu sein. Gleich am Abend ging es in die Banja (russische Sauna), zum Schluß Abklopfen mit Birkenzweigen. Nachdem der Kreislauf so ordentlich in Schwung gekommen war, wartete ein fürstliches Essen mit Freunden auf uns, wobei ein wenig Wodka und eingelegte Gurken natürlich nicht fehlen durften… Am nächsten Tag gab es gleich noch ein Festgelage; zwischendurch durfte ich den traumhaften Garten von Irina und ihrem Mann bestaunen. Wer immer beim Stichwort „Osteuropa“ Plattenbauten vor Augen hat, denen sage ich: Besucht eine Datscha, und Eure Vorstellung wird sich um 180 Grad wenden. Schönheit ist gar kein Wort dafür. Ehrlich.

Nun aber zum Hauptgrund meines Aufenthaltes hier: Mein Praktikum im Rotkreuz-Krankenhaus. Schon seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen diesem Krankenhaus und Erlangen. Michail Tjukarin, der Arzt, der meinen Aufenthalt hier organisiert, erzählte mir, er sei schon 1989 zum ersten Mal in die deutsche Partnerstadt gereist! Das Rot-Kreuz-Krankenhaus ist ein Haus der Akutversorgung – hier werden keine elektiven Operationen durchgeführt, sondern man kann sich hier melden, wenn dringend eine Behandlung benötigt wird. Ich bin jetzt mittlerweile seit einer Woche auf der gynäkologischen Abteilung. Hierher kommen zum Beispiel Patientinnen, die eine Eileiterschwangerschaft haben oder wegen eines Myoms (gutartiger Muskeltumor) in der Gebärmutter an Blutverlust und Schmerzen leiden. Insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Ärzteteam auf der Station, von denen ca. vier in einer Schicht arbeiten.

Gesa Baum mit „ihrem Kind Natascha“ in Minsk

Neu für mich: Jeder Morgen beginnt mit einer Konferenz, zu der sich alle Mediziner des Krankenhauses versammeln und verlesen, welche Neuaufnahmen und Entlassungen es auf ihren Stationen gab. Danach geht es an den meisten Tagen in den OP: Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch (wenige kleine Löcher in den Bauch, durch die Kamera und Instrumente gesteckt werden) durchgeführt. Praktisch für mich: Ich kann bequem im Sitzen auf dem Bildschirm verfolgen, was geschieht und mir in Ruhe Fragen an die Fachleute überlegen, die stets bereitwillig antworten. Überhaupt bin ich überrascht, wie sehr man sich um mich kümmert: Gefühlt alle zwei Minuten werde ich gefragt, ob ich heute denn genug gegessen habe (habe ich – ich mußte mir schon Turnschuhe kaufen, um dem Kalorienüberfluß wenigstens ein bißchen einzudämmen) und sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte sind immer offen für einen kleinen Plausch – egal, ob es dabei um bei mir zu füllende medizinische Wissenslücken, deutsche Flüchtlingspolitik oder um die Frage geht, warum Russen in der Öffentlichkeit eigentlich nie lächeln.

So viel also zu meiner ersten Woche in Wladimir. Wie man hoffentlich aus diesem Bericht merkt, fühle ich mich sehr wohl und bin immer wieder baff über die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich freue mich schon auf den kommenden Monat und bin gespannt, was ich noch entdecken werde: Im Krankenhaus, auf Ausflügen – aber vor allem bei den Menschen.

Gesa Baum

P.S.: Mehr zu Gesa Baum ist hier zu lesen: https://is.gd/0uxwaV, und zu den Urgründen der Medizinkontakte mit Michail Tjukarkin geht es da zurück: https://is.gd/R0NBBa

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Wenn sich zwei Berufskollegen treffen, dann redet man nicht selten über den gemeinsamen Beruf. Und wenn sich zwei Ärzte aus Wladimir und Erlangen treffen, dann tauscht man sich erst recht über berufliche Themen aus. So war es auch als Anfang des Monats der Augenarzt Kirill Solotorewskij zu einem zweiwöchigen Austauschbesuch aus der Partnerstadt nach Erlangen kam und sich mit Stadtrat Jürgen Zeus traf. Der Gast, der in der Augenklinik der FAU hospitierte, pendelt als Augenspezialist zwischen Moskau und Wladimir. In Moskau arbeitet er in einer Hornhautbank, und in Wladimir ist er in einer privaten Augenklinik tätig.

Wenn man die Gelegenheit hat, sich mit einem Ophthalmologen ohne Termindruck zu unterhalten, kann man auch über die Vor- und Nachteile der Brille reden. Es gibt sicherlich einige Nachteile beim Brillentragen wie beispielsweise, wenn man den Backofen aufmacht und den Kuchen sich näher anschauen möchte oder, wenn man im Regen mit dem Rad fährt. Demgegenüber kann man als Vorteil für das Brillentragen neben den ästhetischen Gründen auch die Tatsache werten, daß das Augenglas dem Träger einen klaren Blick verschafft.

Jürgen Zeus und Kirill Solotorewskij

Im Zuge des Gesprächs zwischen den beiden Ärzten kam heraus, daß die Brille medizinisch gesehen keine Schwäche darstellt und sogar cool sein kann. In einigen Kulturkreisen assoziiert man das Brillentragen manchmal mit Blindsein, und dies ist nicht selten negativ behaftet. Aber „schlimmer als blind zu sein, sei nicht sehen wollen“ soll Wladimir Lenin einmal gesagt haben. Für eine Augenlaseroperation müßten jedenfalls viel mehr Gründe vorliegen, als ein kurzfristig fehlender Durchblick in der Küche mit offener Backofentür.

Amil Scharifow

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Mein zweiwöchiger Arbeitsbesuch begann Anfang November in der Neurologie des Universitätsklinikums Erlangen, deren Direktor, Professor Stefan Schwab, mich mit seinem Team gleich zur morgendlichen Konferenz einlud, wo man den Zustand der in den letzten Tagen eingelieferten Patienten besprach, neurovisualisierte Unterlagen zeigte und klärte, wie die Behandlung weiterzuführen sei. Anschließend erhielt ich Gelegenheit, das Krankenhaus zu besichtigen. Ein Assistent des Lehrstuhls nahm mich an der Hand und zeigte mir die Abteilungen und Stationen, erklärte mir die jeweilige Spezifik und beantwortete meine im Lauf der „Exkursion“ aufkommenden Fragen. Angesichts dessen, daß ich in Wladimir in der Abteilung für akute Störungen des zerebralen Blutkreislaufs arbeite, interessierte ich mich vor allem für die Strategie und Praxis der Behandlung von Patienten mit Schlaganfall. In der Stroke Unit machten der Stationsleiter und sein Team gemeinsam Visite, sahen sich die Kranken an, besprachen die weitere Behandlung und Rehabilitation sowie die Notwendigkeit weiterer diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen. Hier lernte ich die ganzen Arbeitsabläufe und die Zuständigkeiten auch des Pflegepersonals, der Physiotherapeuten und des gesamten Teams kennen. Für einige Tage hatte ich auch Gelegenheit, die Arbeit in der Aufnahme kennenzulernen, wo festgelegt wird, welchen Weg ein Patient mit seinen jeweiligen Erkrankungen des Nervensystems durch die Abteilungen nehmen soll, welche Behandlungsmethoden für Schlaganfallpatienten in Frage kommen, jeweils abhängig davon, wie schnell sie in die Klinik gebracht wurden. Auch die Arbeit mit dem Computertomographen zeigte man mir. Außerordentlich interessant für mich war auch der Besuch in der Reha-Abteilung des Klinikums am Europakanal, wo Patienten mit neurologischen Beeinträchtigungen verschiedener Art und Abstufung auf eine Rückkehr ins normale Leben vorbereitet werden.

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Zusammenfassend möchte ich bemerken: Der Besuch in Erlangen stellte für mich eine kolossale Erfahrung dar und bot mir Gelegenheit, zu sehen, wie das Gesundheitswesen in Deutschland „von innen“ funktioniert. Dieses Land mit seinem ausgesprochen hohen medizinischen Standard, seiner führenden Ausrüstung, seinem gewaltigen und unerschöpflichen technischen sowie mit seinem mächtigen intellektuellen Potential dient dem sich in der Hinsicht noch „entwickelnden“ Rußland als Eichmaß, als Beispiel, als „Admiralsschiff“. Ich meine, derartige Reisen von Ärzten helfen ihnen (uns) dabei, eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, in welche Richtung wir uns bewegen, woran wir arbeiten, worauf wir stärker unsere Aufmerksamkeit richten und wie wir die Prioritäten in diesem oder jenem Bereich des Gesundheitswesens besser setzen sollten, um nach dem Vorbild erfolgreicher Länder auch bei uns das medizinische Niveau und die Lebensqualität anzuheben. Derartige Reisen geben uns verschiedene Abläufe, Prozesse und Strukturen der Arbeit an die Hand, die wir in unseren Kliniken einsetzen und damit die Arbeit unserer Ärzte, Pflegekräfte und paramedizinischer Dienste optimieren können. An diesem Austausch sollten meiner Meinung nach neben Medizinern auch Leute aus der Medizinverwaltung teilnehmen, besonders Vertreter des Gesundheitsamtes der Region Wladimir. Ich hoffe jedenfalls sehr, daß man dieses Programm fortsetzt und Ärzte wie Krankenschwestern, wenn sie in diese gastfreundliche Stadt und an diese nicht minder gastfreundliche Klinik kommen, deren so wertvollen Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen vermittelt bekommen. Bei meiner Kollegin und mir hinterließ diese Reise einen gewaltigen Eindruck. Es war ungemein interessant! Ganz herzlichen Dank für die großartige Organisation, die angenehmen Bekanntschaften sowie die herzliche Aufnahme und Unterstützung!

Olga Jaschina

siehe auch: https://is.gd/jIQSh0

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Der Ärzteaustausch gehört heute zum Standardprogramm der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Aber alles hat seinen Anfang, und den machte bereits 1989 Michail Tjukarkin, der heute via Blog seinem Kollegen und Freund, Klaus-Georg Bregulla, zum 80. Geburtstag gratuliert und die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick auf die erste Begegnung nutzt.

Im September 1989 schickten mich mein Krankenhaus und die Stadtverwaltung Wladimir zum Erfahrungsaustausch mit den Universitätskliniken nach Erlangen. Man holte mich am Flughafen Frankfurt am Main ab, brachte mich in einem feinen Studentenwohnheim unter, stattete mich mit einem Fahrrad aus und stellte mich anderntags bei der morgendlichen Ärztekonferenz der Abteilung für Innere Medizin unter der Leitung von Professor Eckhard Hahn vor. Damals war ich 30 Jahre alt, hatte mich in der selbständigen Arbeit auf den Gebieten der Notfall-, Allgemein- und Gefäßchirurgie bewährt, spielte einigermaßen gut Fußball und Eishockey, beherrschte als Autodidakt mehr schlecht als recht die deutsche Sprache und interessierte mich brennend für englischsprachige Medizin. Und ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Landesgrenzen der UdSSR. Als das Auditorium der deutschen Ärzte nach meiner Vorstellung durch Professor Hahn mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfte (wie man mir später erklärte, war das als Zeichen einer besonderen und großen Ehre zu verstehen), war ich drauf und dran, den Raum zu verlassen (damals war ich noch etwas wunderlich und hasenherzig). Im weiteren wußte ich gar nicht, worüber ich mich mehr verwundern sollte, über das ausgesprochen hohe Niveau der Arbeitsorganisation, der Ausstattung der Klinik oder über die herzliche Aufnahme, die ich seitens der Kollegen und des ganzen Personals erfuhr. Ich sah schon 1989 an der Klinik Behandlungsweisen und Medizintechnik (Werner Matek), die es bis heute in vielen Moskauer Krankenhäusern oder unserem Regionalkrankenhaus in Wladimir so nicht gibt.

2003 am Hotel „Goldener Ring“ in Wladimir, die Medizindelegation mit Thomas Seltmann, Steffen Lanig, Brigitte Mugele, Michael Reitzenstein, Jürgen Binder und Michail Tjukarkin

Am siebten Tag meines Auslandsaufenthalts teilte man mir mit, ein gewisser Medizinprofessor namens Klaus-Georg Bregulla wolle mich treffen. Am Abend holte mich dann mit seinem Auto ein etwa fünfzigjähriger energischer Mann mittlerer Größe am Wohnheim ab und brachte mich im Dunkeln zu seinem Haus. Der riesige Schäferhund Pepper legte mir derart freundschaftlich die Vorderpfoten auf die Brust, daß ich mich beinahe zur ewigen Ruhe gelegt hätte. Doch der Gastgeber hauchte mir rasch neues Leben ein.

Oberschwester Anna Reswowa, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, 2017

Ungeachtet meiner damals noch unbeholfenen und armseligen Sprachkenntnisse schwankte ich in meiner Begeisterung hin und her zwischen der Bewunderung für des Professors ungewöhnlich weiten medizinischen Horizont (er war der dritte Gynäkologe europaweit und der erste, der in Deutschland erfolgreich das In-Vitro-Fertilisations-Programm einführte, und hatte an dem Abend auch noch berühmte Kollegen aus Ost-Berlin, darunter von der Charité, zu Gast) und der ihm eigenen Herzensbildung und Gastfreundschaft. In diesen nun fast 30 Jahren der Bekanntschaft ließ ich jedenfalls nie etwas auf ihn kommen und versuchte, mich seiner würdig zu erweisen. Manchmal nenne ich Klaus-Georg Bregulla und seine göttliche Frau Uschi meine zweiten Eltern (ohne jede Blutsverwandtschaft) und Lehrer. Ich freue mich, bis heute mit Erlangen nicht nur diese menschlichen und fachlichen Werte zu verbinden, sondern auch eine solche Freundschaft mit Kollegen in Deutschland pflegen zu können.

Michail Tjukarkin

 

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In einer seiner frühen Erzählungen, „Die stählerne Kehle“, schildert Michail Bulgakow, im Brotberuf Arzt, was einem jungen Mediziner so durch den Kopf gehen kann:
Und so war ich also auf mich allein gestellt. Um mich das Novemberdunkel mit kreiselndem Schnee, das Haus zugeweht, das Heulen des Winds im Kamin. All die 24 Jahre meines Lebens hatte ich in einer riesigen Stadt verbracht und immer geglaubt, Schneestürme heulten nur in Romanen. Nun stellte sich heraus, daß sie tatsächlich heulen. Die Abende sind hier ungewöhnlich lang, die Lampe spiegelte sich unter ihrem blauen Schirm im schwarzen Fenster, und ich kam ins Träumen, als ich so auf den Fleck blickte, der linker Hand von mir leuchtete. Ich träumte von der Kreisstadt, vierzig Werst von mir entfernt. Wie gern wäre ich von hier dorthin entflohen. Dort gab es Strom, vier Ärzte, mit ihnen könnte man sich beraten, jedenfalls wäre es nicht so schrecklich. Aber von hier wegzukommen, war undenkbar, und bisweilen begriff ich auch selbst, daß eine solche Flucht kleinmütig wäre. Schließlich hatte ich ja genau deswegen an der medizinischen Fakultät studiert… „Aber wenn sie jetzt eine Frau mit einer schweren Geburt bringen? Oder, nehmen wir an, jemanden mit einer eingeklemmten Hernie? Was mache ich da bloß? Lassen Sie es mich doch bitte wissen! Vor 48 Tagen habe ich die Fakultät abgeschlossen – mit Auszeichnung, aber eine Auszeichnung ist das eine, ein Bruch etwas anderes. Einmal schaute ich zu, wie ein Professor eine solche eingeklemmte Hernie operierte. Ich saß im Amphitheater. Und nun rann mir beim Gedanken an den Bruch der kalte Schweiß in Strömen das Rückgrat hinunter. Abend für Abend saß ich in der gleichen Pose und goß mir Tee nach: Links von mir lagen alle Handbücher zur operativen Geburtshilfe auf dem Tisch, oben auf der Kleine Döderlein, rechts zehn verschiedene Bände zur operativen Chirurgie mit Zeichnungen. Ich räusperte mich, steckte eine Zigarette an, trank von meinem kalten schwarzen Tee…

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Ganz so dramatisch würden ihren Seelenzustand die Gynäkologin Natalia Denissowa und die Neurologin Olga Jaschina sicher nicht beschreiben, aber die zweiwöchige Hospitation an den Universitätskliniken – wieder dankenswerterweise vermittelt und finanziert vom Serviceklub Rotary – hat schon auch etwas von einem Praxisschock gegenüber dem, was sie aus dem Krankenhausalltag in Wladimir – gleich ob in der Abteilung für Schlaganfälle oder im Kreißsaal – kennen, zumal sie sich ohne Dolmetscherbetreuung auf Englisch verständigen müssen. Eine nützliche und wichtige Erfahrung bekunden die Gäste vom Regionalkrankenhaus der Partnerstadt freilich beim gestrigen Empfang im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, selbst im Brotberuf Krankenschwester, und den beiden Kollegen, dem emeritierten Chirurgen von Weltruf, Werner Hohenberger, und Jürgen Zeus, Internist i.R. und Stadtrat. Und eine Erfahrung, die man gern auch dem Pflegepersonal ermöglichen möchte. Also wieder ein Ergebnis des Austausches, das ausstrahlt auf andere Bereiche. Eben bereichernd.
P.S.: Die „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow sind 2009 in der Sammlung Luchterhand auf Deutsch erschienen. Bei obiger Übersetzung handelt es sich um eine Ad-hoc-Übertragung.

 

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