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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Künstleraustausch’


Zum siebten Mal in Folge fand im August das Künstlertreffen in Jelisejkowo bei Petuschki statt, wohin alljährlich der Kunstverein der Region Wladimir einlädt. Immer wieder auch Gäste aus Erlangen, heuer, wie bereits berichtet, Dieter Erhard. Nicht von ungefähr finden diese Begegnungen in dem kleinen Dorf statt, gut 70 km südlich von der Partnerstadt gelegen.

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Plakat zum 7. Freiluft-Künstlertreffen zu Ehren von Isaak Lewitan und zum 25. Lewitan-Festival

Hier, genauer im Nachbardorf Gorodok, machte nämlich auch schon Isaak Lewitan im Mai 1891 Station und quartierte sich in der Datscha des Historikers Wassilij Kljutschewskij am Ufer der Pekscha ein.  Im Jahr darauf schuf der Maler hier sein wohl berühmtestes Werk, die „Wladimirka“, zu der dem Künstler die Idee kam, als er nach der Jagd mit Freunden auf die alte Wladimirer Landstraße stieß. Die Chaussee zog sich bis an den Horizont, rechts und links von ihr die weiten Felder und Waldstreifen.

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Skulptur auf dem Gelände des Isaak-Lewitan-Museums

Der Anblick erschütterte den Künstler, denn vor seinem inneren Auge sah er all die unglückseligen Menschen, die auf dem Weg in Fußfesseln via Wladimir bis nach Sibirien in die Verbannung zu laufen hatten. Das Gemälde entstand wie in einem Atemzug und gilt seither als Meilenstein nicht nur in der russischen Kunstwelt, sondern auch in der Geschichte des Landes. Bis heute liest man aus dem Bild den Wunsch heraus, Willkür zu überwinden und Veränderungen hin zu mehr Freiheit zu ermöglichen.

Dieter Erhard und Igor Tschernoglasow

Dieter Erhard und Igor Tschernoglasow

Im Herbst 1982 kam Isaak Lewitan dann selbst schon als Verbannter. Der Ukas des Zaren über die Ausweisung der Juden aus Moskau betraf auch den Künstler, der erst im Dezember des Jahres wieder in die Metropole zurückkehren durfte. Das Exil nutzte er freilich kreativ und schuf in den wenigen Monaten 17 Gemälde, Etüden und Skizzen (z.B. „Am See“, „Weg“, „Mondnacht im Dorf“, „Zug unterwegs“, wo die Landschaft um Gorodok, Jelisejkowo und Kosterjowa Modell stand.

Igor Tschernoglasow und Anatolij Denissow

Igor Tschernoglasow und Anatolij Denissow

Hundert Jahre später entstand dann die Idee, hier ein Museum einzurichten, das an das Schaffen des großen Meisters erinnern sollte. Lokale Künstler und Heimatforscher taten sich zum „Lewitan-Komitee“ zusammen, das sich mit dem Erbe des Malers und der Einrichtung eines Museums beschäftigte. Zunächst stellte man das Popkow-Haus in Gorodok unter Denkmalschutz, wo Isaak Lewitan 1892 gelebt und gearbeitet hatte nach ihm schon eine Straße benannt war. 1990 dann begann man mit dem Bau des Museums.

Isaak Lewitan, Skulptur von Igor Tschernoglasow

Isaak Lewitan, Skulptur von Igor Tschernoglasow

1992 dann feierte man den 100. Jahrestag des Aufenthalts von Isaak Lewitan hier und beschloß, regelmäßig Künstlertreffen abzuhalten, an denen auch Kunstwissenschaftler aus Moskau und anderen russischen Städten teilnahmen.

Künstlerfreunde von Dieter Erhard: Igor Tschernoglasow, Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Künstlerfreunde von Dieter Erhard: Igor Tschernoglasow, Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Leider brannte dieses Gebäude 1999 unter bis heute nicht geklärten Umständen ab. Doch die Lewitan-Freunde beschlossen darauf, ein neues Museum im Nachbardorf Jelisejkowo zu eröffnen, mehr noch: dort auch ein Gästehaus für Künstler einzurichten, wovon der Meister selbst schon geträumt hatte. Hier sollte ein Ort der Begegnung mit der Natur und Kollegen entstehen, ein Ort der Inspiration und des Austausches, wo man die künstlerischen Ergebnisse der Treffen sammeln würde.

Im Künstlerhaus

Im Künstlerhaus

Es fand sich in dem Unternehmer Wladimir Kosjarumow sogar ein Mäzen, der bereit war, das Künstlerzentrum zu finanzieren. Der Verehrer des Werks von Isaak Lewitan hatte schon vorher immer wieder Künstler zu sich nach Jelisejkowo geladen und ihnen Gelegenheit gegeben, einige Zeit in Ruhe zu arbeiten, wozu er eine Volksschule aus dem frühen 20. Jahrhundert restauriert hatte.

Im Künstlerhaus

Im Künstlerhaus

Heute ist hier das Isaak-Lewitan-Museum untergebracht, wo Kopien der Werke zu sehen sind, die der Künstler im Gouvernement Wladimir geschaffen hat. Zum Fundus gehören außerdem einige persönliche Gegenstände und Photographien des Landschaftsmalers. Nebenan liegt das große Holzhaus im russischen Stil, das Wassilij Kosjarumow 2008 erbaut hatte und wo heute Arbeiten von Künstlern aus der Region Wladimir, aus Moskau, Sankt Petersburg, Kaluga, Rjasan, Lipezk und eben auch aus Erlangen zu sehen sind. 2009 besuchten übrigens die Urenkel von Isaak Lewitan den Komplex.

Malstunde im Freien

Malstunde im Freien

Igor Tschernoglasow, Vorsitzender des Kunstvereins der Region Wladimir und in Erlangen-Tennenlohe mit zwei Skulpturen prominent vertreten, schuf für das Museum eigens ein Lewitan-Denkmal.

Dieter Erhard und sein Stein "Run 2016"

Dieter Erhard und sein Stein „Run 2016“

Und nun steht der Stein mit den Kopffüßlern von Dieter Erhard hier und erwartet spätestens im nächsten Sommer die nächsten Gäste aus Erlangen.

Mehr zu der Arbeit von Dieter Erhard unter: https://is.gd/H51PPG – und mehr zu Isaak Lewitans „Wladimirka“ unter: https://is.gd/LxqEdN

 

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Während sich in den Erlanger Nachrichten derzeit Leserbriefschreiber in der Selbstproklamation zu Herolden der schweigenden Mehrheit üben und einen offenbar lange angestauten Furor gegen die angeblich dem gesunden Geschmack von Tennenlohe widerstrebende Skulpturenwelt des Dieter Erhard austoben, nimmt der Künstler derzeit an einem Symposium für Bildhauer des Wladimirer Kunstvereins teil. Auf Einladung von Igor Tschernoglasow, dem Vorsitzenden der Organisation, der selbst auf Initiative seines Erlanger Freundes bereits zwei Skulpturen in Tennenlohe geschaffen hat. Nun also, bei seinem zweiten Besuch in Wladimir – der erste liegt sechzehn Jahre zurück -, ein Kunstwerk von Dieter Erhard für Wladimir.

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Den Stein für den „Run 2016“ hatten die Gastgeber gestellt, seine Metallfiguren, die uns alle auf der Welt symbolisieren, die wir mit großen Köpfen und ohne Bauch und Körper den politischen Anführern hinterherrennen, brachte der Erlanger Künstler vorgefertigt im Gepäck mit. Nun steht die Skulptur aus Kalkstein und Edelstahl mit einer Höhe von 2,5 m und einem Gewicht von 2,5 t vor dem Museum in Jelissejewo, Region Wladimir, wo zehn Tage lang 14 russische Künstler zusammen mit Dieter Erhard an jenem Ort arbeiteten, wo Isaak Lewitan unter anderem sein berühmtes Gemälde „Wladimirka“ schuf.

 

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Der Besuch von Dieter Erhard in Wladimir war überfällig. Denn was hat der 2009 mit dem Erlanger Ehrenbrief für Kultur ausgezeichnete Schöpfer des Skulpturenparks Tennenlohe nicht schon alles an Projekten mit den russischen Künstlern ins Leben gerufen: die Skulpturen von Igor Tschernoglasow und Jurij Iwatko, die Bemalung von Trafhäuschen mit Sergej Jermolin und Anatolij Denissow, die Kunstaktion mit Praktikantinnen aus Wladimir bei den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf, den Freundschaftsring am OBI-Kreisel in der Kurt-Schumacher-Straße, um nur die wichtigsten Stationen zu nennen.

Irina Chasowa und Dieter Erhard

Irina Chasowa und Dieter Erhard

Nun wird man in Wladimir ein Urteil über die Kunst des Dieter Erhard und seine Kopffüßler fällen. Sicher auch dort nicht allfällig und einhellig, aber gewiß nicht in dem Geist und Ton jener, die wieder einmal den Sinnspruch bestätigen: nulla poeta in patria!

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Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens hätte den gestrigen Termin für die Enthüllung der Skulptur „Das letzte Opfer“ von Jurij Iwatko  in Tennenlohe gar nicht besser wählen können, fiel er doch zusammen mit dem 70. Jahrestags des ersten Abwurfs einer Atombombe auf von Menschen bewohntes Gelände, genauer die japanische Stadt Hiroshima. Der Künstler aus Alexandrow, der einstigen Residenzstadt Iwans des Schrecklichen, in der Region Wladimir gelegen, will seine Metallkonstruktion nämlich als Bild gedeutet sehen, das den letzten Menschen darstellt, der, eingezwängt in den Käfig seiner Lebensumstände, auf dieser Welt der „schlimmsten denkbaren Tragödie, der äußeren Gewalt durch Kriegseinwirkung, zum Opfer fällt.“ Sein Wunsch deshalb, wie er den anwesenden Gästen erklärt: „Möge kein Mensch mehr in Kriegen zu Schaden kommen, möge mit dieser Skulptur die Gewalt an Menschen ein Ende finden. Und mögen alle in der Arbeit ihre eigene Phantasie entdecken und die Skulptur, wie immer wieder geschehen, ruhig als Engel oder Vogel deuten. Kunst soll ja vieldeutig sein.“

Enthüllung der Skulptur "Das letzte Opfer" durch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens

Enthüllung der Skulptur „Das letzte Opfer“ durch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens

Jurij Iwatko hatte sich schon vor seinem Eintreffen von dem Thema „Natur und Krieg“ packen lassen, so vom Projektleiter, Dieter Erhard, mit Blick auf die jahrzehntelange militärische Nutzung des Tennenloher Forsts vorgegeben, wo die Arbeit des russischen Künstlers Teil der Skulpturenachse werden soll, die voraussichtlich im Oktober eröffnet wird. Fünf Entwürfe hat der Bildhauer mitgebracht: zwei für Stein, zwei für Metall und eines für eine Verbindung beider Materialien. Nun also diese Metallfigur mit der klaffenden Öffnung in ihrer Mitte, durchdrungen von einem langen Rohr, zu verstehen als die tödliche Wunde. Entstanden in ungezählten Stunden schweißtreibender Arbeit seit dem 8. Juli, so meisterhaft, wie vielfach bekundet, daß kaum jemand glauben kann, der Künstler habe tatsächlich noch nie vorher ein Schweißgerät in Händen gehalten. Doch genau so ist es, und niemand weiß das besser als Dieter Erhard, der seinem Lehrling mit der Überreichung von einem Paar Schweißerhandschuhen Anerkennung und Respekt zollt und mit dem Andenken gewissermaßen den Meisterbrief überreicht.

Gruppenbild mit Künstler: Alexandra Wunderlich

Gruppenbild mit Künstler: Alexandra Wunderlich, Jelena Jermakowa, Rosie Zahn, Susanne Lender-Cassens und Jurij Iwatko

Grund aber auch, allen zu danken, die das Werk gemeinsam mit Dieter Erhard erst möglich gemacht haben: der Stadt Erlangen, vertreten durch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens und Stadträtin Alexandra Wunderlich, dem Kunstkreis Tennenlohe und „den vielen Menschen, die immer wieder vorbeikamen und uns nicht verdursten ließen, die uns Kirschen brachten oder Kuchen, den Nachbarn, die auch an den Wochenenden das Schweißen und Klopfen ertrugen – und ganz besonders Jelena Wassiljewa, die dem Künstlerehepaar einen ganzen Monat lang in Eltersdorf eine gastliche Bleibe bot.

Jurij Iwatko und sein "Letztes Opfer"

Jurij Iwatko und sein „Letztes Opfer“

Susanne Lender-Cassens hatte es in ihrem Grußwort gesagt: „Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa haben sich schon bei ihrem ersten Besuch, im Dezember vergangenen Jahres, in Erlangen verliebt und wollten unbedingt wiederkommen.“ Nun sind sie wieder da, und ihre Liebe zu Erlangen und den Menschen hier ist noch viel tiefer geworden. Der Abschied am Montag wird schwerfallen. Wen wundert es da, wenn jetzt schon die Frage kommt: „Was steht denn im nächsten Jahr als Partnerschaftsprojekt an? Ich bin wahnsinnig gern wieder dabei. Wenn ich als Künstler wieder etwas für die Partnerschaft tun kann, gebt mir Bescheid. Ich komme!“

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Das Angebot gestern, mit der Gruppe des Erlangen-Hauses nach Regensburg zu fahren, schlug das Künstler-Ehepaar, Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa, schweren Herzens aus: „Noch zu viel zu tun!“ Auch am Sonntag, wo zwar die Arbeit ruhen soll… Doch wer wollte dem Schöpfergeist gebieten!

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko

Tatsächlich legt sich der Bildhauer noch nicht fest, was die Fertigstellung seiner Skulptur angeht: „Immer diese Furcht im Nacken, am eigenen Anspruch zu scheitern, die Zeitvorgaben nicht einhalten zu können, der Idee nicht gerecht zu werden…“ In der Tat ist der Erwartungsdruck groß. Noch nie zuvor hat das Mitglied des Wladimirer Kunstvereins im Ausland gearbeitet, noch nie sich an Edelstahl versucht, noch nie ein Schweißgerät verwendet. Immer wieder deshalb der verführerische Gedanke, wie leicht doch alles von der Hand ginge, hätte er das Werk aus dem gewohnten Werkstoff, einem Stein, heraushauen können.

Jurij Iwatko

Jurij Iwatko

Dabei ist die Konstruktion nun schon unerwartet weit vorangeschritten. Ungezählte Schweißnähte halten das „Letzte Opfer“ zusammen, der Rahmenkäfig erweist sich als stabil, nur noch der rechte Arm fehlt – und das eine oder andere Detail wie jene Querstange, die, einer Waffe gleich, durch die Öffnung, die Wunde, die Verletzung dringen soll. Bei Wind ist dann, wie Passanten schon jetzt berichten, ein Heulen, ein Klagen, ein Stöhnen zu hören, die Röhren geben dem stummen Schrei eine elementare Stimme, hauchen der schwebenden Figur ein flüchtig-schmerzliches Leben ein. So ist das mit guter Kunst, sie entwickelt in der Interaktion mit ihrer Umwelt eine eigene Sprache, unabhängig vom Wollen ihres Schöpfers.

Jelena Jermakowa

Jelena Jermakowa

Fast unbemerkt, im Schatten der Skulptur, entwirft derweil Jelena Jermakowa, wenn sie nicht gerade Metall poliert und ihren Mann berät, Skizzen der Umgebung rund um den Skupturenpark in Tennenlohe und unterhält sich mit den vielen Besuchern, die immer wieder auch etwas zu Essen und zu Trinken bringen, Einladungen aussprechen und natürlich sehen wollen, was da im Werden sei. Wer nun aber den Weg in den Stadtsüden scheut, hat Gelegenheit, die beiden und viele weitere Gäste aus Wladimir am kommenden Donnerstag kennenzulernen, beim Russischen Abend ab 18.00 Uhr im Club International der Volkshochschule, Friedrichstraße 17. Da wird sogar Jurij Iwatko die Arbeit ruhen lassen.

Mehr zur Intention des Bildhauers unter: http://is.gd/9BDMaO

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Heute nun die Fortsetzung des Künstlertagebuchs, dessen erster Teil hier zu finden ist: http://is.gd/XkD0X8, zusammengestellt von Christian Hamsea.

21.08. Donnerstag

Unsere Arbeit wird ernster und nimmt Fahrt auf. Und unser arbeitsreicher Tag wird von Oleg mit einem köstlichen Plow gekrönt!

Festtafel nach arbeitsreichem Tag mit Anatolij Denissow

Festtafel nach arbeitsreichem Tag mit Anatolij Denissow

22.08. Freitag

Ein regnerischer und sehr kalter Tag in Jelisejkowo, den wir trotz allem genutzt haben, um uns mit den russischen Kollegen auszutauschen und ein paar neue Techniken zu erlernen. Am Abend erwartete uns ein usbekisches Taliban-Essen – Damlama. Igor Tschernoglasow, der landesweit berühmter Bildhauer, besuchte uns in unserem Camp und bekochte die komplette Mannschaft.

Hier kocht Igor Tschernoglasow persönlich

Hier kocht Igor Tschernoglasow persönlich

Dieser Abend wurde festlich mit vielen Toasts gefeiert,

23.08. Samstag

Am sonnigen Morgen hatten wir eine Fotosession mit allen Kollegen für den Katalog des Symposiums. Um die Skulptur von Lewitan versammelt, lächelten wir alle ganz fleißig in die Kameras.

Künstlerarbeit

Künstlerarbeit

Danach folgten alle ganz brav ihrer täglichen Arbeit, der Landschaftsmalerei.

Künstlerarbeit

Künstlerarbeit

Am Abend erwärmten sich die Damen der Mannschaft in der russischen Banja. Man merkt, daß der russische Winter schon ganz nahe ist, die Abende werden immer kälter.

Künstlerarbeit

Künstlerarbeit

24.08. Sonntag

Es gibt wieder leckere Bliny! Ludmila verwöhnt uns wie jeden Tag mit leckeren und sehr kalorienreichen Mahlzeiten, so daß wir Kraft haben, unseren Jetjudnik und die Leinwände durch die Felder und über die Wege zu tragen! Oder uns eher veranlaßt, genügend Mittagsschläfchen zu halten. Henrike nutzte heute die Gelegenheit, mit zwei Kollegen Moskau zu besichtigen; sie wird morgen in unsere kleine russische Welt zurückkehren.

Christian Hamsea

Galina Rytschkowa, Vorsitzende des Lewitan-Komitees, und Christian Hamsea

Am Abend genießen diesmal die Männer eine gemeinsame Runde in der Banja. Christian schaffte es sogar in die Lokalpresse.
Morgen geht’s nach Wladimir.

Im Einkaufszentrum von Wladimir

Im Einkaufszentrum von Wladimir

25.08. Montag

Henrike berichtet uns von ihrem Turboday in Moskau. Natalia Britowa und ihr Mann, Sascha, lieferten ihr Einblicke in den speziellen Moskauer Kunstbetrieb. Im Gegensatz zur deutschen Art der anonymen Jury lief für diese Jurierung der kommenden Ausstellung – Tag für Moskau – alles komplett öffentlich ab.

An den Fleischtöpfen des Globus in Wladimir

An den Fleischtöpfen des Globus in Wladimir

Ein kurzes Sightseeingprogramm mit Rotem Platz und Metro war vor der Heimreise im Stau noch drin. Aber nicht nur Henrike, sondern auch Christian und Uschi wurden an diesem Tag Highlights geboten. Für sie gab es eine kleine Sightseeingtour in Wladimir: Auch der Globus hat so einiges zu bieten. Zum Glück hielt Jordanka unsere Künstlerehre an diesem Tage hoch und arbeitete für vier.

Geistliches im Globus von Wladimir

Geistliches im Globus von Wladimir

26.08. Dienstag

Heute lockte uns das Wetter wieder, im Freien zu arbeiten. Die russischen Kollegen beeindrucken uns auch heute mit ihrem unermüdlichen Fleiß.

Künstlerfleiß

Künstlerfleiß

27.08. Mittwoch

Regen, Regen, Regen. Aber unser Gastgeber zaubert eine Exkursion nach Petuschki. Dort besuchten wir drei Museen, besonders beeindruckte uns das Petuch-Museum: Hähne in allen Variationen.

Hahn-Museum in Petschuki

Hahn-Museum in Petschuki

Das Museum über den berühmten Dichter Wenedikt Jerofejew, der den berühmten Roman „Moskau – Petuschki“ geschrieben hat, bot dagegen ernstere Kost.

Plakat zu Wenedikt Jerofejew

Plakat zu Wenedikt Jerofejew

Beim letzten Museum wurden die Männer gefordert. Dreschen kann halt nicht jeder. Doch vor der Pink Lady wollten sie sich keine Blöße geben.

Halle der Inspiration

Halle der Inspiration

Auch am Nachmittag wollte der Regen nicht aufhören. Eine Halle voll mit Allerlei bot uns einen inspirierenden Arbeitsraum.

28.08. Donnerstag

Juhu! Die Sonne scheint wieder. Doch unsere Arbeitswut wird unsanft von den Journalisten abgebremst. Ein Team des Regionalfernsehens stattet uns einen Besuch ab. Wir freuen uns sehr über dieses Interesse!

Rundblick

Rundblick

Eine Jury tritt plötzlich zusammen, und Arbeiten werden für die Sammlung ausgewählt. Es ist faszinierend, wie schnell die Entscheidungen getroffen werden. Nach 30 Minuten sind die Arbeiten verladen und fertig für den Transport  nach Wladimir zum Rahmen. Wolodja fährt sie hin, und wir kehren wieder zu unserem täglichen Kunstgeschäft zurück.

Früchte der Künstlerarbeit

Früchte der Künstlerarbeit

29.08. Freitag

Der Tag fängt langsam mit Kaffee an. Lumilas Frühstück steht bereit, aber wir warten auf die anderen. Nach dem Frühstück beginnen alle plötzlich, die Ausstellung aufzuhängen und auch die nicht ausgewählten Arbeiten in das „Haus der Landschaft“ hineinzutragen.

Christian Hamsea bei der Arbeit

Christian Hamsea bei der Arbeit

Christian zieht nochmals seine Arbeitskleider an und faßt seine Skulptur auf einen Granitfindling mit einem Stahlstift. Ein kraftvolles Unterfangen bei dem ein paar Kollegen anpacken müssen. Natürlich wird der Stein, jetzt endgültig in seiner Position, nochmals mit tschu-tschut (ein klein wenig) Wodka geweiht. Nach mehreren Erklärungen geben sich die russischen Kollegen und Gastgeber endlich zufrieden mit dem Sinn und dem Namen dieser abstrakten Skulptur: Eine Blume für Lewitan. Langsam entdecken sie das Lichtspiel auf der Steinoberfläche und beginnen das Werk zu mögen.

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Wolodja kommt mit den etwas zu „barock“ gerahmten Bilder zurück, und in etwa einer Stunde steht die ganze Ausstellung. Zum Abendessen spendiert Jordanka einen Abschiedswodka und bringt einen sehr schönen Trinkspruch auf die schöne Zeit aus, die sie hier verbracht hat. Eine Wassermelone wird noch rituell geschlachtet und in Ehren verzehrt.

Weihwässerchen für das Kunstwerk von Christian Hamsea

Oleg Modorow mit Weihwässerchen für das Kunstwerk von Christian Hamsea

30.08. Samstag – Lewitans Geburtstag

Schwere Wolken hängen über dem Land und auch die Furcht, das langerwartete Fest könne ins Wasser fallen. Um 8.00 Uhr fährt Oleg Jordanka nach Wladimir zum Bahnhof. Sie tritt heute ihre Heimreise an. Sie fahren sehr zeitig, da Wladimir wegen des Besuchs des russischen Patriarchen zum Hochsicherheitsraum erklärt wurde.

Künstlerarbeit

Künstlerarbeit

Es ist kalt, regnet stark, nur langsam trudeln die Besucher ein. Das Lewitan-Komitee bezieht Stellung im Haupthaus, es wird auch ein kleiner Markt mit Souvenirs aufgebaut, und ein paar Busse mit Schülern rangieren im Hof. Wahlkampf. Autos nebst Wahlkampfteam des lokalen Duma-Abgeordneten stehen auch auf dem Parkplatz. Das Wahlkampfteam bezieht Stellung in der Gartenlaube und schmeißt den Grill an. Auf der Freiluftbühne probiert ein Orchester bei strömendem Regen zu tönen.

Oleg Modorow im Interview

Oleg Modorow im Interview

Drinnen im Haus der Landschaft beginnt der offizielle Teil der Feier zu Ehren von Isaak Lewitan und der Teilnehmer am Symposium.

Der Duma-Abgeordnete hält seine Rede, und dann wird das Mikrofon einer Moderatorin übergeben. Sie führt in einer sehr poetischen Weise und in Versen durch die Veranstaltung. Ein langes Lobgedicht wird von drei Schülern rollenweise feurig vorgetragen. Ein Vokaltrio singt Lieder, und die Namen der Teilnehmer werden genannt. Der Abgeordneten überreicht die Diplome und Urkunden. Am Ende sprechen noch Oleg Modorow als Kommissar des Symposiums und Christian Hamsea ein paar abschließende Worte.

Christian Hamsea im Interview

Christian Hamsea im Interview

Der Regen hat aufgehört, und das große Feiern beginnt. Etwa 250 Besucher stellen viele Fragen an die deutschen Teilnehmer und deren Werke. Das große Team des Symposiums bezieht Stellung im Speisesaal, und bei einem Festmahl werden viele Trinksprüche und Herzlichkeiten ausgetauscht. Christian beginnt den ersten Trinkspruch, der allen in Erinnerung bleiben wird: ..Liter by Liter ( Little by Little) the Symposium ends…!“ Es ist ein gelungener Tag und ein schönes Fest geworden. Aber es schwingt auch die Traurigkeit des Abschieds im Raum.

Lohn der Künstlerarbeit

Lohn der Künstlerarbeit

31.08. Sonntag, Abschied von Jelisejkowo

Um 10.30 Uhr kommt die Limousine für Henrike für den Transfer zum Flughafen. Uschi und Christian werden sich noch paar Tage auf Olegs Datscha erholen.

Christian Hamsea und Oleg Modorow

Christian Hamsea und Oleg Modorow

Die Gewißheit einer Fortsetzung dieser alten Freundschaft zwischen den Künstlern aus Wladimir und Erlangen besteht, und der Wille, die Begegnung im nächsten Jahr in Erlangen zu wiederholen auch.

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Abschiedsmahl

Jelisejkowo auf ein Neues! Lewitan in Ehren!

Anmerkung: Am Sonntag wurde die Ausstellung „14-18-14 – Im Westen nichts Neues?!“ im Stadtmuseum Erlangen eröffnet. Zu sehen dort Arbeiten von Christian L. Hamsea, Reinhold Knapp und Reiner F. Schulz. Und nur noch dies Ende der Woche ist die Ausstellung „Pulverfässer 1914 / 2014“ in den Räumen des Kunvereins Erlangen zu sehen, mit Arbeiten aus Wladimir. Alles angeregt und begleitet von Reiner F. Schulz. Wenn es noch der Beweise für die Künstlerfreundschaft bedürfte…

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Es war am Abschiedsabend zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft, als Christian Hamsea im Kreis seiner Wladimirer Freunde und Kollegen sagte: „Wir haben schon Pläne für ein neues Projekt gemacht. Unsere Freundschaft endet nicht mit diesem Abend. Im nächsten Jahr sehen wir uns wieder.“ Und Wort gehalten haben die Künstler – und die Einladung der russischen Partner angenommen, vom 16. bis 31. August am Lewitan-Kunstfest teilzunehmen, das traditionell in Jelisejkowo, einem Dorf in der Nähe von Petuschki, ganz im Westen der Region Wladimir gelegen, stattfindet. Dem Ruf gefolgt sind die Mitglieder des Erlanger Kunstvereins: Christian Hamsea, Henrike Franz, Jordanka Sotirov und Ursula Krauss. Hier nun ihr russisches Tagebuch, genauer dessen Teil 1.

Ankunft Moskau, Flughafen Domodjedowo

Ankunft Moskau, Flughafen Domodjedowo

15.08. Freitag

Flughafen: ,,Kommen Sie zur Nachkontrolle, Herr Hamsea! “ hallte es über die Lautsprecher im Flughafen Nürnberg, kurz vorm Abflug. Der Bombencheck zeigte künstlerisches Interesse an Christian Hamseas Ölfarben. Beim Bodycheck wurde sogar das lang vermißte Taschenmesser wiedergefunden.

Eine halbe Stunde später kamen wir schließlich in Frankfurt an, und dann passierte erstmal gar nichts: Ein Gewitter hielt unseren Anschlußflug in Düsseldorf fest. Somit nutzten wir die letzte Möglichkeit, Whats App-Nachrichten zu checken und noch schnell einen Gruß nach Hause zu schicken.

Auf Umwegen zum Ziel

Auf Umwegen zum Ziel

Obwohl wir nicht über die Ukraine flogen, gerieten wir in Turbulenzen. Nach drei Stunden kamen wir glücklich in Moskau an, wo uns unsere Kollegen schon sehnlichst erwarteten. Der Empfang war traditionell mit Wodka und Sakuska. Ein nobles Marschrutka, ein Sammeltaxi der Regierung der Region Wladimir, verfrachtete uns auf Umwegen, den üblichen Stau umfahrend, nach ,,Nowhere“. Keiner wußte, wie der Ort heißt, wo das Symposium stattfinden sollte. Zum Glück gibt es ja Ortstafeln – Jelisejkowo. Um Mitternacht wurden wir noch mit einem herzlichen und deftigen Abendessen vom Hausherren, Wolodja, empfangen. Jetlagig und satt fielen wir schließlich in unsere Kojen.

Russische Landschaft pur

Russische Landschaft pur

16.08. Samstag

Russische Pünktlichkeit sollte man ernst nehmen! Zwei Stunden später als ausgemacht zum Frühstück zu erscheinen, verdiente zu Recht die Rüge unseres Gastgebers. Mit vollen Bäuchen, bei Tageslicht, sahen wir das Werk unseres Mäzens, wo wir die nächsten zwei Wochen arbeiten und leben werden – im Rahmen des berühmten Lewitan-Plein-Aire-Malerei-Symposiums.
Das Gelände unseres Gastgebers beträgt 25 Hektar, von denen drei bebaut, gestaltet und belebt sind mit: einem privaten Lewitan-Museum; einem Museum für Landschaftsmalerei; einem Ausstellungssaal; einer Speisehalle; einem Saunahaus; einem uralten Wohnhaus für die Künstler; Skulpturen; Blumenrondellen in bunt bemalten Autoreifen; sechs Jagdhunde; Katzen; und zuletzt mit einer Laube als zentralem Treffpunkt und Trinkhalle.

Die deutsch-russische Künstlergruppe

Die deutsch-russische Künstlergruppe

Wolodja, der Hausherr und Mäzen, lebt hier als zurückgezogener Unternehmer aus Moskau und verwirklicht seinen Traum, dem berühmten russischen Künstler Isaak Lewitan ein Denkmal zu setzen. Dafür scheut er weder Geld noch seine gesamte Energie.

Frederike Franz

Ursula Krauss, Henrike Franz und Jordanka Sotirov

Wir fühlen uns geehrt, an diesem berühmten Malerei-Symposium teilnehmen zu können und werden uns bemühen diesem mehr als gerecht zu werden. Immerhin bewegen wir uns hier unter russischen Kollegen, die sich Verdienstordensträger nennen können. Wolodja nutzt seine wenigen und guten Deutschkenntnisse, um uns die Kommunikation zu erleichtern.

Rekruten und der Sold

Rekruten und der Sold

Nun brachen wir auf, um uns mit Leinwänden auszustatten, die keinen Platz mehr im Koffer fanden. Also auf nach Wladimir! Nach zwei Stunden Stau trafen wir am Bankautomaten eine Kompanie Rekruten in der Stadt, die sich anstellten, um ihren Sold abzuheben.

Igor Tschernoglasow

Henrike Franz und Ursula Krauss im Atelier von Igor Tschernoglasow

Nach einer gefühlten Ewigkeit im Künstlerbedarfsladen gönnten wir uns eine Verschnaufpause im bekannten Café Bean im Einkaufszentrum der Altstadt. Jetzt fehlte nur noch das Steinwerkzeug für Christian. Wir suchten Igor Tschernoglasow im hiesigen Atelierhaus auf, einen berühmten Bildhauer (auch in Erlangen bekannt). Hamsea nimmt dankend dessen Werkzeug entgegen, vor allem Oleg Modorow, Christians Zimmergenosse freute sich auf die Ohrschützer, die er für die nächsten Nächte gut gebrauchen wird.

Oleg Modorow mit Gehörschütz

Oleg Modorow mit Gehörschütz

Die Heimfahrt wurde zu einer russischen Safaritour. Um den Stau zu vermeiden, wählten wir eine holprige Strecke übers Land, die sich jedoch als sehr inspirierend erwies, Landschaft pur!

Oleg Modorow mit Trinkspruch

Oleg Modorow mit Trinkspruch

Mit einem leckeren Abendessen, einschließlich Wodka, serbischer Rakia und fränkischem Quittenbrand feierten wir den Beginn unseres gemeinsamen Arbeitsaufenthaltes.

17.08. Sonntag

Am heiligen Sonntag beglückte uns Ludmila, die Schwester von Wolodja, mit einem exzellenten Frühstück – ganz nach russischer Art. Anschließend erkundeten wir erstmals unsere Umgebung, denn das Thema unseres Symposiums ist schließlich die Landschaft.

Willkommen in Jelisejkowo

Willkommen in Jelisejkowo

18.08. Montag

Horror-Day (Koschmar) in Wladimir: Im Erlangen-Haus haben wir vergeblich versucht, unseren Blog ins Netz zu stellen, doch auch nach vier Stunden kein Erfolg.

Christian Hamsea

Christian Hamsea, Jordanka Sortirov, Ursula Krauss und Henrike Franz vor dem Erlangen-Haus

Jedoch konnten wir wenigstens den kaputten Autoreifen von Oleg noch reparieren lassen.

Oleg Modorow und sein Autoreifen

Oleg Modorow und sein Autoreifen

19.08. Dienstag

Offizielle Eröffnung des Symposiums mit den örtlichen Würdenträgern. Auch wir steuerten durch Christian unseren Teil dazu bei. Danach begann die Arbeit, obwohl dieser Tag endlich ein Tag zum Sonnenbaden gewesen wäre, endlich wieder Temperaturen über 25° C. Henrike und Jordanka gehen mit Alexej und Swetlana zum Fluß. Alle folgen strikt den Anweisungen des Hausherrn: arbeiten, arbeiten, arbeiten.

Ursula Krauss im Künstlerdorf

Ursula Krauss im Künstlerdorf

20.08. Mittwoch

Exkursionstag mit dem Hausherrn als Leiter. Zuerst erfolgte im Museum vor Ort eine ausführliche Einführung in das Leben und Werk des berühmten Landschaftsmaler Lewitan. Dann ging es los! Wolodja überraschte uns mit seinen erstaunlichen Geschichtskenntnissen.

Exkursion

Exkursion

Ein Stück der historischen Straße nach Sibirien, auf der ungezählte Verurteilte in die Verbannung zogen. Von der Straße über eine alte orthodoxe Kirche bis hin zum ehemaligen Wohnhaus von Lewitan. Viele unterschiedliche Motive aus Lewitans Bildern zeigte uns Wolodja.

Henrike Franz, Jordanka Sotirov und Ursula Krauss

Henrike Franz, Jordanka Sotirov und Ursula Krauss

Zum Ende der Exkursion stellte sich zum Entsetzen unserer Gastgeber heraus, daß wir eine Ungläubige unter uns haben. Jordanka outete sich als Atheistin. Aber es liegen ja noch ein paar Tage vor uns, so daß die Möglichkeit noch besteht, sie zur Taufe zu überreden.

Exkursion

Exkursion

Nach dem Mittagessen folgte Teil 2 der Exkursion: Alte, verfallene Gemäuer versetzten uns in eine morbide Stimmung. Schloß und Familienkapelle des Grafen Woronzow und ein Besuch in einer ebenfalls verfallenen Kirche führten uns die einstige Pracht der Gegend vor Augen.

Auf dem Anwesen der Woronzows

Auf dem Anwesen der Woronzows

Was alles nach diesen ersten Eindrücken folgte, ist demnächst in Ihrem Blog im 2. Teil des Künstler-Tagesbuchs zu lesen.

 

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„Eine derart leidenschaftliche Rede von einem Politiker für Friede und Verständigung hätte ich nicht erwartet. Ich bin zutiefst von seiner Emotionalität beeindruckt und freue mich über sein Bekenntnis zur Partnerschaft“, bekannte Jurij Iwatko nach dem Grußwort von Florian Janik, der gestern abend die Eröffnung der Ausstellung „Pulverfässer 1914 / 2014“ zum Anlaß nahm, auf zwei ganz aktuelle Bezüge zum Motto der Veranstaltung hinzuweisen: Auf die bereits heute im Eilverfahren notwendige Aufnahme von etwa 300 Flüchtlingen aus der unzumutbar überfüllten zentralen Einrichtung in Zirndorf, die man zunächst notdürftig in Zelten unterbringen müsse. Aber auch auf den unerklärten und unerklärlichen Krieg im Osten der Ukraine.

Jurij Iwatko, Florian Janik und Jelena Jermakowa

Jurij Iwatko, Florian Janik und Jelena Jermakowa

Desto wichtiger die Teilnahme von Wladimirer Künstlern an der Ausstellung, desto wichtiger die gegenseitige Einladung zum Austausch und Dialog. Desto herzlicher auch der Beifall für Jurij Iwatko und seine Frau Jelena Jermakowa, also Florian Janik die russischen Freunde dem vielköpfigen Publikum vorstellte. Denn zumindest in den Räumen des Kunstvereins Erlangen will niemand Krieg. Auch und gerade nicht Jurij Iwatko, der im Gespräch mit Erlangens Oberbürgermeister seine zwei Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg verwundet wurden, und die Freunde, die traumatisiert aus dem Afghanistan-Krieg zurückkehrten. Deshalb auch sein Bekenntnis: „Das letzte, was ich will, ist Krieg. Krieg ist eine tragische Sackgasse. Friede der einzige Weg.“ Und zur aktuellen Situation in der Ukraine: „Jetzt ist es an der Zeit, nicht danach zu fragen, wer die Schuld an der Entwicklung trägt, sondern wie man die Gewalt aufhalten kann!“

Reiner Schulz und Jurij Iwatko mit der Skulptur "Requiem" von Igor Tschernoglasow

Reiner Schulz und Jurij Iwatko vor der Skulptur „Requiem“ von Igor Tschernoglasow aus Wladimir

In der von Reiner Schulz initiierten Ausschreibung zum Projekt wird George F. Kennan mit seinem berühmten Ausspruch zitiert: „Die politische und militärische Lage in Europa glich 1914 einem Pulverfaß, und es brauchte nur einen vergleichsweise kleinen Anlaß, um die europäische Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auszulösen.“ Was dann im Text folgt, widerlegt jeder Schuß im Osten der Ukraine auf dramatische Weise: „Heute ist die Feindschaft zwischen den Völkern in Europa überwunden, und Freundschaft ist gelebte Normalität. Kriege im damaligen Sinne sind unvorstellbar geworden. Aber auch heutzutage sind wieder Pulverfässer vorhanden, z.B. in der Wirtschaft und in der Finanzwelt.“ Wenn das nur so wahr geblieben wäre!

Karin Lippert und Michael Jordan

Karin Lippert vom Kulturprojektbüro und Zeichner Michael Jordan

Reiner Schulz macht denn auch in seiner Rede keinen Hehl daraus, kalt erwischt worden zu sein von der Entwicklung zwischen Rußland und der Ukraine, zwischen Ost und West. Aber auch enttäuscht worden zu sein, daß es nicht gelungen ist, Künstler aus Rennes zur Teilnahme an der Ausstellung zu gewinnen. Eigentlich nämlich war die Schau als eine künstlerische Trikolore gedacht; nun ist halt eben ein deutsch-russisches Projekt daraus geworden.

Katalog zur Ausstellung "Pulverfässer 1914 - 2014"

Katalog zur Ausstellung „Pulverfässer 1914 – 2014“

Und eines, das zu sehen lohnt! 53 Künstler, davon sechs aus Wladimir, haben mehr als einhundert Arbeiten aller denkbaren Techniken und Stilrichtungen eingereicht, 20 davon wurden von der Jury für die Ausstellung ausgewählt, aber sie alle sind in dem ansprechend gestalteten zweisprachigen (Dank und Lob an Anna Makarowa und Nadja Steger für die Übersetzungen!) Katalog enthalten, der für 10 Euro zu erwerben ist.

Stadträtin Ursula Lanig im Gespräch mit Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Stadträtin Ursula Lanig im Gespräch mit Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Jurij Iwatko ist zwar stolz, erstmals an einer Ausstellung in Europa teilnehmen zu können, aber gleich so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, entspricht dann doch nicht ganz seinem Naturell. Was er mit seiner Kunst ausdrücken will, das erklärt er freilich gern im persönlichen Gespräch anhand seines Triptychons „Schematische Anatomie der Aggression“. Teil 1, die „willkürliche Form“, zeigt ein Stück Leinwand, in Zinn gegossen, wo noch alle Formen unberührt, zu allem bereit wirken. Teil 2, „Eindringen“ oder „Invasion“, kündet mit dem gewaltsamen Vormarsch von Waffen gegen die Sphäre der Leinwand von der bevorstehenden Zerstörung, und Teil 3, „Spuren der Gewalt“, stellt den Betrachter vor das Chaos, wo die ursprüngliche Ordnung ebenso verloren scheint wie die Waffen zerbrochen sind: „Es kann keine Sieger geben“, so das Fazit des Künstlers. „Im Krieg verlieren alle!“

Beryll Höfling, Geschäftsführerin der Kulturstiftung, die das Projekt unterstützt hat, und Hannelore Heil-Vestner, ehemalige Vorsitzende des Kunstvereins Erlangen

Beryl Höfling, Geschäftsführerin der Kulturstiftung, die das Projekt unterstützt hat, und Hannelore Heil-Vestner, ehemalige Vorsitzende des Kunstvereins Erlangen

Nicht ungenannt sollen auch die Künstler aus Wladimir bleiben, deren Beiträge zum Projekt nicht (noch bis zum 27. September) in der Ausstellung  zu sehen, aber im Katalog zu entdecken sind: Jelena Sacharowa-Starowerowa mit dem Triptychon aus Emaille auf Holz „Frieden in Rothenburg“, „Frieden in Wladimir“, „Frieden für alle“; Anatolij Demjanow mit dem Diptychon „Der Kampf“ und „Die Konfrontation“ in Sepia auf Papier; Ludmila Chosjaschewa mit den beiden Papierarbeiten in Mischtechnik „Laßt ihn leben…“ und „Traum“ sowie Dmitrij Cholin mit den beiden Werken in Holz, Glas und Öl „Die Bezwingung“ und „Das Geheimnis“.

Hier der Video, den das Ehepaar aus Wladimir zur Eröffnung der Ausstellung gedreht hat: https://yadi.sk/i/35_P4Mk3bYD6i

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