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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Kulturaustausch’


Für eine der vielen Begegnungen im Rahmen des Austausches mit Wladimir begänne jetzt allmählich die Hochphase der Vorbereitung: den Besuch des Kinderensembles von „Rus“. Statt dessen hier nun ein Rückblick des Gründers und Künstlerischen Leiters der Gruppe, Witalij Antonow, Preisträger vieler allrussischer und internationaler Festivals sowie des russischen Kulturministeriums, Verdienter Künstler Rußlands. 

1995 besuchte unser Tanz- und Gesangskinderstudio „Rus“ zum ersten mal das wunderschöne Erlangen. Damals waren wir noch eine ganz neue Kulturtruppe, gegründet 1989 von seinem künstlerischen Leiter, Witalij Antonow, der bis heute dem Ensemble vorsteht. Da es unsere erste Auslandsreise war, bereiteten wir uns gewissenhaft und mit allem Ernst auf die Tournee vor und studierten sogar das Volkslied „Wohl unter Linden“ ein.

Gabriele Lindner, Dieter Meiner, Witalij Antonow und Hildegard Meiner

Als wir dann in Erlangen ankamen sahen wir uns einem ganzen Gebirge von lächelnden Gesichtern gegenüber und erlebten ein derartig freundschaftliches Willkommen, daß wir angenehm schockiert waren. Und diese Freundlichkeit der Erlanger begleitete uns über die ganzen zehn Tage unseres Aufenthalts hinweg bei unseren Auftritten wie bei den vielen Ausflügen mit ihrer Fülle an Interessantem für die Kinder ebenso wie für die erwachsenen Betreuer, Musiker, Gesangspädagogen und Tanzlehrer.

Ein Wimmelbild u.a. mit Michail und Lydia Petrow, Nikolaj Litwinow, Fritz Wittmann, Witalij Antonow, Leonhard Plack und Brunhilde Hummich

Wir traten in Schulen auf, spielten in Altersheimen, in Konzertsälen, auf Kirchweihen und wo auch sonst noch. Dabei kamen wir viel mit den Einheimischen zusammen und hatten auch einen Empfang im Rathaus bei Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg. Übrigens kam, als mir im Juli 2004 die Auszeichnung „Verdienter Künstler Rußlands“ verliehen wurde, als eines der ersten Gratulationsschreiben ein Brief von Oberbürgermeister Siegfried Balleis, ein Dokument, das ich bis heute dankbar aufbewahre.

Dolmetscherin Nadja Loktjewa und Witalij Antonow

Bei den vielen Ausflügen in die Umgebung mit all ihren alten Burgen kamen wir auch nach Nürnberg, wo wir den großartigen Tiergarten besuchten, wo uns besonders das Delfinarium beeindruckte. Geleitet wurden diese Touren von Karl Heinz Lindner, einem Profi in solchen Dingen und besonders aufmerksamen Menschen. Dabei kam es natürlich auch zu vielen Überraschungen und Entdeckungen. Besonders im Gedächtnis ist mir ein Vorfall in Nürnberg geblieben, als unser Fahrer den Bus an einem Ort abstellte, wo das, wie sich später herausstellte, verboten war. Als wir abends nach unseren Unternehmungen zurückkamen, war unser Bus weg. Man hatte ihn abgeschleppt. Karl Heinz fuhr zur Polizei, wo er eine Strafe in Höhe von 500 DM bezahlen mußte, bevor man uns den Bus zurückgab. Dabei wäre die Strafe noch höher ausgefallen, wenn die Polizei nicht, weil wir aus Erlangens russischer Partnerstadt kamen, einen Nachlaß eingeräumt hätte. Diese und all die anderen Kosten unseres Aufenthalts trugen die Stadtverwaltung Erlangen und der Stadtverband Kultur, dessen Leiter Karl Heinz Lindner damals war.

Lydia Petrow, Witalij Antonow und Karl Heinz Lindner

In Erlangen selbst nahm uns Lydia Petrowa unter ihre Fittiche. Sie fuhr, häufig begleitet von Herbert und Brunhilde Hummich, im Bus mit, spazierte mit uns durch die Stadt, erzählte und zeigte alles. In jeder Hinsicht ist sie eine ganz liebe, gutherzige, gesellige und wunderbare Frau, ein hochanständiger und einfühlsamer Mensch. Wir sprechen noch immer oft von ihr in den höchsten Tönen. Unsere Gruppe schätzte sich jedenfalls sehr glücklich, sie und ihren Mann, Michail Petrow, damals in Erlangen kennengelernt zu haben.

Witalij Antonow mit Dominik und Peter Steger

Eingeladen aber hatte uns Peter Steger, der auch für unser Programm insgesamt verantwortlich zeichnete. Ich kenne Peter schon sehr lange, mehr als 25 Jahre. Er ist ein stets pünktlicher, aufmerksamer und guter Mensch, immer einsatzbereit, in Maßen streng und dabei nie ungerecht. Man könnte ihn als einen Menschen mit feinem Geschmack charakterisieren. Aber trifft das nicht auf alle echten Franken zu? Wir unterhalten jedenfalls eine besondere Beziehung zu ihm. Dank ihm wurden die Verbindungen zwischen unseren Partnerstädten über all die vielen Jahre hinweg ausgesprochen freundschaftlich und warmherzig.

Witalij Antonow und seine Frau Swetlana mit Michail Firsow

Nach dieser ersten Reise kam ich als Mitglied anderer Delegationen noch öfter nach Erlangen und verspürte dabei immer die große Gastfreundschaft der Deutschen. Einige Jahre nach unserer ersten Tournee kamen wir noch einmal mit dem Kinderstudio in unsere geliebte Partnerstadt, wo uns vor allem Angelika Balleis einen unvergeßlichen Pizza-Abend schenkte. Bei all den vielen weiteren Gastspielen von Frankreich und Italien bis Österreich und Slowenien, die wir später gaben, bleiben doch die Eindrücke aus Erlangen prägend, denn hier begann für uns alles.

Nun hatten wir zusammen mit Peter Steger für diesen Sommer die dritte Erlangen-Tour für die Kinder-Rus geplant. Doch die Umstände, die derzeit die ganze Welt auf den Kopf stellen, lassen es nicht zu. Wir lassen uns aber die Hoffnung nicht nehmen, diesen Besuch später nachholen und noch einmal Gast in unserer geliebten Partnerstadt sein zu können.

Antonow Möhrendorf

Auftritt in Möhrendorf

Nochmals herzlichen Dank an alle, die uns noch kennen, in Liebe und Hochachtung für unsere deutschen Freunde!

Witalij Antonow

Als kleiner Trost für die entgangenen Auftritte hier drei Mitschnitte von Konzerten der singenden, tanzenden und musizierenden Kinder: https://yadi.sk/i/22Kl_6xlhIkYKQ und https://yadi.sk/i/U7SO8yF7FVEnhg sowie https://yadi.sk/i/RPsBunxed7RJiQ, angesagt von Witalij Antonow

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Sie kann natürlich in Zeiten des Corona-Virus mit ihrem Märchenkoffer auch nicht mehr in die Kindergärten und Familien, aber Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko tritt regelmäßig – ohne leibhaftiges Publikum – in der Regionalbücherei in Wladimir auf und überträgt ihre Vorführungen ins Internet. Nachdem die Künstlerin während der Russisch-Deutschen Wochen Anfang des Jahres jung und alt in Erlangen verzaubert hatte, schickt sie nun ein Video mit deutschen Untertiteln, das wir als Gruß aus ihrem Märchenreich verstehen dürfen, als Trostbotschaft in schwerer Zeit von einer Frau, die von sich sagt: „Ich glaube an Wunder!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Sie sind nur einen Klick von dieser Wunderwelt entfernt. Gute Reise! https://yadi.sk/d/-lITqKQJfTsfug

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Im Mai vergangenen Jahres erlebte das Universal-Quartett des Baßisten, Rainer Glas, mit Gilbert Yammine am Kanun, dem Holzbläser, Hubert Winter, und der Schlagzeugerin, Carola Grey, bei ihrem ersten Auftritt beim Wladimirer Jazz-Grom-Festival, wie das so klingen kann, wenn man sich ganz spontan verstärkt von dem inspirierten Streicherduo, Andrej Schewljakow und Anastasia Lemper, sieht. Offenbar eine Erfahrung, die eine großartige Idee entstehen ließ, die nun gestern abend im vollbesetzten Markgrafentheater auf schlichtweg meisterhafte Weise künstlerische Wirklichkeit wurde.

Elisabeth Preuß und Rainer Glas

Es ist, als hätte es Rainer Glas, schon am Vorabend nach den beiden Proben geahnt: „Das wird ein ganz besonderes Konzert!“ Recht sollte dieser Schamane des Jazz behalten – und das nicht nur wegen all der Erstaufführungen, sondern weil da zwei Quartette wie magisch miteinander verschmolzen, ineinander aufgingen, einen phantastischen Klangkörper bildeten, nun ergänzt von Wladimirer Seite durch Igor Starowerow und Sergej Suworow, Violine und Cello, sowie Andrej Lobanow und Alberto Diaz, Trompete und Piano, seitens Erlangen.

Rainer Glas

So zurückhaltend man mit Hyperbeln sein sollte, hier ist, warum es nicht vorwegnehmen, kein Superlativ zu gewagt. Sagen wir es mit den Worten eines Mannes aus dem Publikum, das am Ende mit stehenden Zugaben drei Zugaben erklatschte: „Ich habe jetzt schon man ein Konzert des Ensembles Universal besucht, und ich komme ja auch immer wieder gern, aber der heutige Abend war einmalig, war definitiv der beste!“

Andrej Schewljakow, Igor Starowerow, Anastasia Lemper und Sergej Suworow

Die Ehre des Introitus gab sich das Wladimirer Quartett mit der stimmigen Einführung in das Thema des Abends: „Orient meets Russia“. Alexander Borodin und Alexander Glasunow, zwei russische Komponisten, auf deutschen Bühnen eher selten zu hören, ließen ahnen, was da noch kommen sollte. Auch wenn die Gäste da, im 19. Jahrhundert erst Atem schöpften und noch streng-gediegen klassisch zu Werke gingen, bevor es hineinging in den Jazz des 20. Jahrhunderts und den Cross-Over unserer Zeit.

Hubert Winter

Den Jazz-Ton gab dann der Wahl-Nürnberger Andrej Lobanow an, dessen Karriere in Nowosibirsk begonnen hatte. Seine Jazz-Arrangements der drei russischen Volkslieder von der einsamen Birke auf dem weiten Feld, von der unermeßlichen Steppe und einem Kutscher, der dort im Schneesturm umkommt, sowie schließlich von den Moskauer Abenden, die gern bis Mitternacht dauern, blieben immer erkennbar am Original und führten doch schon hinaus in jenes musikalische Universum, das sich nun öffnen sollte und wo man glaubt, es könne nicht mehr weitergehen, wo dann aber doch die Instrumente immer neue Räume entdecken, oft am Rand des noch Spielbaren, manchmal auch schier darüber hinaus.

Rainer Glas und Carola Grey

Nach der Kunstpause, bestens präpariert, der Block, den man insgesamt mit „Oriental Mood“, einem der Arrangements des Saitenzauberers, Gilbert Yammine, überschreiben könnte, der in Andrej Schewljakow sein kongeniales Gegenstück gefunden hatte. Was da an verzaubernden Klangscharaden zu hören war, hörte sich an, als hätten das Doppelquartett schon eine jahrelange gemeinsame Bühnenerfahrung. Dabei handelte es sich um die wichtigste Premiere dieses Abends, wie Rainer Glas voll Vorfreude ankündigte: „Wir hören uns jetzt nach zwei Proben in der Studioenge selbst zum ersten Mal im großen Saal.“ Und was da zu hören war, wird als Meisterstück in die Geschichte des musikalischen Austausches zwischen Erlangen und Wladimir eingehen. Da spielte zusammen, wer zusammengehört!

Sergej Suworow, Igor Starowerow, Anastasia Lemper, Andrej Schewljakow, Carola Grey, Hubert Winter, Rainer Glas und Gilbert Yammine

In der dritten und abschließenden, unvorbereiteten Zugabe zeigte sich das besonders. Nichts war vorher abgesprochen, keiner konnte wissen, wann sein Solo kommen würde, und dann erklang doch jede Stimme noch einmal mit unbändiger Kraft genau da, wo sie hingehörte. Weltmusik eben auf unerhörtem Niveau. Schade nur, daß der Blog nichts als dürre Worte zur Hand hat, hoffnungslos der so mit Leben aufgeladenen Musiksprache unterlegen. Aber es gibt ja die famosen Bilder von Othmar Wiesenegger, und bald schon ist das Konzert in voller Länge auf youtube nachzuhören.

Einer muß den Anfang machen: stehende Ovationen für das Ensemble, gesehen von Thorsten Hulke

Jetzt darf man hoffen, daß diese so universelle Zusammenarbeit eine Fortsetzung findet. Es bräuchte halt in Erlangen eine Akademie für Weltmusik, wo sich die Musiker nicht groß um die Finanzierung ihrer Projekte kümmern müssen. Das künstlerische Potential ist, angereichert durch die Städtepartnerschaft mit Wladimir, vorhanden. Bis dahin aber, werden die beiden Formationen sicher wieder andere Wege des Zusammenwirkens finden.

Alberto Diaz

Noch ein Nachsatz zu dem Pianisten Alberto Diaz, mit dem Rainer Glas schon lange zusammenarbeitet. „Was hat ein Kubaner mit Rußland zu tun?“ fragte er denn auch und gab gleich selbst die Antwort: „Ganz einfach, seine Musiklehrerin stammte aus der Sowjetunion, und als sich die auflöste, blieb die Pädagogin in Havanna und strietze ihren Schüler, bis der lernte, so zu spielen, wie er jetzt spielen kann.“ Da schließt sich dann auch wieder der Kreis zu Andrej Schewljakow, dessen Eltern, wie der Sohn ebenfalls Geiger, auch schon auf der Insel unterrichteten und dort die russische Schule vertraten. Besseres kann es eben kaum geben für die Musik, als diese Mischung aus strenger Disziplin und überbordender Spielfreude.

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Am Donnerstag war von dem „Projekt Friedensvioline“ im Kulturteil der Erlanger Nachrichten ausführlich zu lesen, und bereits am 11. Januar hatte der Blog von dieser einzigartigen Idee berichtet: https://is.gd/7SdC9u Was damals noch als Idee im Raum stand, nimmt nun Gestalt an und zeigt Gesicht. Zunächst in Person von Alfred Binner, einem Geigenbauer, aus einer Bubenreuther Familie stammend, dessen preisgekrönte Meisterwerkstatt in Großenseebach pro Jahr etwa ein Dutzend Violinen und Celli verlassen – in alle Welt. Besonders auch in Richtung Osteuropa, wo sich viele junge Talente kein hochwertiges Instrument leisten können. Im Gespräch mit einem Freund, der nach dem Verkauf seines Hauses etwas Gutes tun wollte, war so die Idee entstanden,  eigens angefertigte und von einem Mäzen finanzierte Geigen und Celli nach Bulgarien und Rumänien zu bringen, wo mittlerweile schon vierzehn solcher Spender-Instrumente aus Franken erklingen und von einer so in jungen Jahren geförderten Musikerin als Zeichen des Danks sogar ein Alfred-Binner-Wettbewerb ins Leben gerufen wurde. Auf Vermittlung von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß kam es dann noch vor der Jahreswende zu dem denkwürdigen Gespräch mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, wo die Idee entstand, eine solche Geige zum 75. Jahrestag des Kriegsendes als „Friedensvioline“ an ein Nachwuchstalent in Wladimir zu überreichen.

Alfred Binner, Olaf Kühne und Andrej Schewljakow

Hier kommen nun das zweite Gesicht ins Spiel, Olaf Kühne, ein Melomane, der sich kein Violinkonzert entgehen läßt und gerne helfen will, auch in Wladimir den Nachwuchs zu fördern. Sein Instrument ist bereits im Werden, und gemeinsam mit Alfred Binner will der Mäzen im Mai die Geige in der Partnerstadt übergeben. Doch wem? Bei der Suche wird der dritte im Bunde helfen, Andrej Schewljakow, Musikdozent an der Universität der Partnerstadt, dessen Vater, Walerij Schewljakow, der Jury des regionalen Jugend-musiziert-Wettbewerbs „Goldener Bogen“ vorsitzt, wo man als ersten Preis die Friedensvioline ausloben könnte. Aber warum im Optativ? Konkrete Planungen laufen schon, und die musikalische Verständigung kommt auf Touren: Geigenbauer und Mäzen besuchten bereits den Jazz-Abend am Donnerstag in der Volkshochschule mit Rainer Glas und Andrej Schewljakow, und auch das Konzert morgen, um 18.00 Uhr im Markgrafentheater, mit dem Quartett aus Wladimir und dem Universal Ensemble – Sounds of the Orient & Russia – werden sich die beiden nicht entgehen lassen. (Hierzu s. auch Kulturteil der Erlanger Nachrichten vom heutigen Samstag!)

Familie Eva, Gertraud und Gerhard Lohse mit ihren Freundinnen, Nadeschda Sidorowa und Olga Lisizyna, Febr. 2016

Zum Gesamtbild fehlen aber noch einige Gesichter. Pizzicato klingt zwar immer wieder verzaubernd, aber bei der Geige handelt es sich doch wesentlich um ein Streichinstrument. Und das erweckt erst der richtige Bogen zum Leben. Wenn das nicht zum Kalauern einlädt: Da soll also ein Wettbewerb unter dem Motto „Goldener Bogen“ klären, wer den Bogen raus hat, den ihrerseits eine ganze Familie aus Erlangen mit langjährigen Verbindungen zu Wladimir spenden wird, Eva Lohse und ihr Mann, Matthias Schmid, sowie ihre Eltern, Gertraud und Gerhard Lohse. Erst damit ist der goldene Bogen der Partnerschaft so richtig geschlagen. Doch jetzt schon ein DANKE an alle.

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Seit gut zwei Jahren geht wladimirpeter mit Facebook fremd, wo auf https://is.gd/Dlyc6c ein kleiner Artikel über Kirill Wedernikow erschien, dessen von der Volkshochschule angekaufte Arbeit einen Handzettel zur Werbung für die Veranstaltungsreihe „Studium generale“ ziert. Nun veröffentlichte der Wladimirer Künstler eine Stellungnahme hierzu, die es verdient, hier in Übersetzung wiedergegeben zu werden:

Kirill Wedernikow reagierte spontan auf diese Publikation mit den Worten: „Das ist SEHR wichtig für mich!“

Vor ungefähr einem Jahr fand in Erlangen (Deutschland) die Eröffnung der Ausstellung (R)Evolution in der Volkshochschule statt. Bevor ich die Einladung zur Teilnahme erhielt, hatte ich durchaus seltsame Mißgeschicke wegzustecken. Das eine ums andere Mal verweigerte man mir die Möglichkeit, Monumentalarbeiten in meiner Heimat, der Region Wladimir, zu verwirklichen. Mal ging es ums Geld, mal kam Druck durch kritische Worte, wonach ich alles andere als ein Künstler sei. Und das, obwohl es damals schon Straßenkunst von mir in Petersburg, Nischnij Nowgorod oder Astrachan gab. Alles Situationen, die ganz gewöhnlich sind für die Kunstwelt! Doch damals nahm ich mir mein Mißlingen sehr zu Herzen.

Und da kam die Ausstellung (R)Evolution! Es drängt mich gleich, einige Worte zu Erlangen zu sagen, wo das alles geschah. Ungeachtet dessen, daß sie eher klein ist, überwältigt Wladimirs Partnerstadt mit ihrer Zahl an wissenschaftlichen Forschungsinstituten und Hochschulen. Natürlich war denn auch das entsprechende Publikum anwesend. Ohne auf Einzelheiten der Ausstellung selbst und der teilnehmenden Menschen einzugehen, kann ich mit Überzeugung sagen: Alles fand auf höchstem Niveau statt! Einfach und lakonisch gesagt! Neben allem anderen gab es einen Runden Tisch, an dem ich mit Kulturschaffenden über die Kunst und über Rußland sprach. Gar nicht so wenige meiner Arbeiten blieben dort, in Deutschland. All das ist zweifellos sehr wichtig für mich. Aber noch wichtiger und wohl die Hauptsache ist jener Impuls der deutschen Kultur und Philosophie, den ich erhielt. Etwas, das ich jetzt in meinem Werk verarbeite. Im Raum irgendwo zwischen Industrieschloten und verfallenen gotischen Gotteshäusern…

Kirill Wedernikow: Ohne Titel, 2019/20

Und dann verweist der Künstler auf den Artikel „der Kollegen“: https://is.gd/BC2Z9s, wobei er auch diesen Eintrag im Blog hätte erwähnen können: https://is.gd/oj42Mw

Kirill Wedernikow: Festmahl der Könige, 2019

Anlaß genug, neben der Gruppe Andersartig und dem Kunstverein Tennenlohe in Zusammenarbeit mit Dieter Erhard wieder einmal besonders der Volkshochschule, namentlich Jutta Brandis, für den unschätzbaren Beitrag zur Städtepartnerschaft und insbesondere für die künstlerische Entwicklung von Kirill Wedernikow zu danken.

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Heute beginnt mit dem Russischen Gabelfrühstück um 11 Uhr im Club International der Volkshochschule die zweite Halbzeit der 10. Russisch-Deutschen Wochen. Grund genug, noch einmal zurückzublicken auf das, was bereits hinter uns liegt.

Jakow Orlowskij

Nach den Vorträgen von Julia Obertreis und Peter Smolka, von denen hier bereits die Rede war, entführte der seit 22 Jahren in Erlangen lebende Landvermesser Sibiriens, Jakow Orlowskij, sein begeistertes Publikum im überfüllten Historischen Saal auf eine Zeitreise. Begleitet oft nur von einem Theodolit aus Jena, zog der Geodät aus Leningrad jahrzehntelang durch die Taiga und Tundra Sibiriens, um die unendlichen Weiten des Landes festzuhalten und eine Karte anzufertigen, die erst 1985 fertig wurde und heute in Zeiten von GPS als obsolet gilt.

Jakow Orlowskij und sein Theodolit

Vergnüglich-unterhaltsam schilderte das älteste Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Erlangen seine Forschungsreisen voller Anekdoten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Forschertrupp sieht in einem Fluß einen Bären, der sich an den Fischen gütlich tut. Ein Mitarbeiter des Sammlers der Geodaten meint zu wissen, wie man das Raubtier auch ohne Gewehr unschädlich machen könne: Man brauche nur viel Lärm zu machen. Davon bekomme der Bär Durchfall und anschließend einen Herzinfarkt. Die Probe aufs Exempel folgte, doch das Experiment verlief nicht nach Plan. Anstatt sich in die Büsche zu schlagen, um seinen Darm zu entleeren und anschließend dort zu verenden, stürmte der Bär auf die Störenfriede zu, die nun ihrerseits Reißaus nahmen, Fersengeld gaben, sich die Hosen vollmachten und sich gerade noch auf eine Anhöhe retten konnten, die zu besteigen dem Tier wohl nicht der Mühe wert schien.

Das Forschungsboot „Der Schrecken von Tschukotka“

Kurzum: Es hatte niemand zu kommen bereut, und dies war sicher nur der erste und nicht der letzte Vortrag des Landstreichers von Sibirien, wie er sich in einem Telegramm an seine Tochter selbst nannte.

Reinhard Beer und Othmar Wiesenegger

Dann die Impression von Othmar Wiesenegger, Vorsitzender des Foto- und Videokreises Siemens und Wladimir-Freund, dem die Blog-Redaktion eine Vielzahl von Bildern verdankt, übrigens auch in diesem Beitrag. Seine Freundschaft mit dem Kollegen aus der Partnerstadt, Wladimir Fedin, währt zwar erst drei Jahre, mündete aber schon in einer persönlichen Ausstellung mit Arbeiten des Erlangers in Wladimir und bietet einen Fundus, aus dem sich ein kurzweiliges Abendprogramm zusammenstellen läßt: angefangen von seinen geliebten „lost places“ bis hin zu Kirchen und Klöstern, Kindern und kyrillischen Buchstaben, die es ihm besonders angetan haben.

Mastermind der Russisch-Deutschen Wochen, Reinhard Beer, Othmar Wiesenegger und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich kaum eine Veranstaltung entgehen lassen will

Dann gestern das große Experiment für die Kleinen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Russisch-Deutschen Wochen findet sich auch etwas für Kinder im Programm: zwei Märchen aus dem Koffer von Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, ein Geschenk ihrer Großmutter, in dem all die Geschichten leben, die diese vor langer Zeit auf ihren Reisen durch die weite Welt von guten Leuten geschenkt bekommen hatte. Wie würde das ankommen? Würde überhaupt jemand kommen?

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Thorsten Hulke

Die Generalprobe hatte bereits im Kinderkrankenhaus stattgefunden, in ganz kleiner Runde: zwei Jungs, eine Mutter, ein Vater und eine Krankenschwester. Ganz nach dem Geschmack der Gäste, denn zu Hause treten sie auch gern im Familienkreis auf. „Je weniger Distanz zwischen Bühne und Zuschauern, desto besser“, so lautet das künstlerische Credo der Puppenspielerin, die erst vor drei Jahren – nach einer Kariere als TV-Journalistin – ihre Berufung entdeckte und nun mit Denis Malinin, der Bongo und das Tamburin schlägt, die Flöte, Maultrommel und die Balalaika spielt, ihre Premiere in Deutschland erlebt.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Gestern morgen dann im Club International zunächst auch noch ein überschaubares Publikum, ein knappes Dutzend einschließlich der drei Kinder. Gut zum Aufwärmen bei dem Märchen aus dem hohen Norden Rußlands, wo der schwarze Rabe den Vogeleltern ihr einziges Wiegenlied raubt, ohne das ihr Küken nicht einschlafen kann. Gut zum Warmspielen, wenn der Vogelpapa, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, nach beschwerlicher Reise über das Eismeer den musikalischen Schatz zurück ins Nest holt, bevor sich dann bei der Nachmittagsvorstellung mit dem Märchen von der kleinen Waise Findling, die ein alter Jäger bei sich aufnimmt und die als einzige den Hirsch mit dem silbernen Zauberhuf zu Gesicht bekommt der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Wie von Zauberhand. Der Bann ist gebrochen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Nicht nur bei den Kindern, die am Ende des Stücks Frage um Frage stellten! Eine Großmutter besuchte sogar beide Vorstellungen und erkundigte sich nach Geschichte und Herkunft der Instrumente und Märchen, andere freuten sich über die Filzstiefelchen, die Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko nach dem „Vorhang“ verteilte. Interaktiv, diese Märchen, präsentiert, wie das bisher niemand in Wladimir macht.

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Aber die Gäste aus Wladimir saßen auch selbst einmal im Publikum, gestern abend im Theater Kuckucksheim bei We are the Champions – Mir senn die Größdn, eine fränkische Viecherei von Helmut Haberkamm. Es soll ja in Erlangen noch Leute geben, die noch nie von diese Musentempel in der Scheune gehört haben, obwohl es hier, in Heppstädt, hinter Hemhofen, seit 30 Jahren Schauspiel für Kinder und Erwachsene gibt, das man nur als unbeschreiblich-einzigartig bezeichnen kann. Die russischen Gäste meinen denn auch, sie brauchten noch mindestens 27 Jahre, um dieses Niveau zu erreichen: „Uns fehlen nicht nur die deutschen, sondern sogar die russischen Worte“, so ihr Urteil unisono, „um auszudrücken, wie begeistert wird sind. Unglaublich!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Benjamin Seeberger, Denis Malinin, Lukas Seeberger und Stefan Kügel

Aber Stefan Kügel, Gründer und Kopf von Kuckucksheim, der zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft mit seinem Familienensemble schon einmal in Wladimir gastierte, hat ja seinerzeit auch klein angefangen, mit einem ganz ähnlichen Koffer voller Geschichten, Gedichten, Flausen und Einfällen. Und jetzt freut sich der Altmeister der Bühne darüber, daß in Rußland auch eine freie Szene entsteht, wie er sie kennt, sogar, wie die Besucherin aus der Partnerstadt erzählt, mit internationalen Festivals und mit einem wachsenden Publikum – zumindest in den großen Städten, wo es eine Gegenbewegung zu den großen staatlichen Kultureinrichtungen gebe.

Stefan Kügel, Denis Malinin, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Lukas und Benjamin Seeberger

Auch wenn es Stefan Kügel – er hatte am Vormittag noch eine Kindervorstellung – nicht mehr schaffte, eines der beiden Märchen aus Wladimir zu sehen, hat sich da eine künstlerische Freundschaft ergeben, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Igor Rjaschtschenko, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Und nun ist es an der Zeit, Irinas Mann zu danken. Igor Rjaschtschenko besuchte im Sommer des Vorjahrs mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus den Deutschkurs an der Volkshochschule und erwähnte im Gespräch die Profession seiner Frau. Da war es dann nicht mehr weit zur Idee, ihr „Theater aus dem Koffer“ zu den Russisch-Deutschen Wochen einzuladen, zu einer Premiere. Zu einer gelungenen!

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, Aufnahme: Othmar Wiesenegger

Der Vorhang ist übrigens noch nicht endgültig gefallen: Für Kurzentschlossene gibt es noch Restplätze beim deutsch-russischen Brücken e.V. in der Luitpoldstr. 45 um 15 und 16 Uhr, und dann ist da noch morgen exklusiv ein Auftritt um 10.00 Uhr in der Heinrich-Kirchner-Schule. Wo es den Koffer halt so hinträgt…

Kontakt: https://www.facebook.com/rusfairytale

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Aus dem virtuellen Nirgendwo zwischen dem Absender, der Band Impvlse, und dem Empfänger, der Kulturredaktion des Blogs, tauchte erst gestern ein Tourbericht der Extraklasse auf, dessen Lektüre man sich angelegen lassen sein sollte. Das rockt richtig auch mit Worten!

Am 17. November 2018 standen wir auf der Hauptbühne im E-Werk und konnten unser Glück kaum fassen. „Der diesjährige Publikumspreis geht an – IMPVLSE!“ Dieser Satz löste in uns eine Achterbahn der Gefühle aus. Zwischen Traum und Wirklichkeit fielen wir uns in die Arme und anschließend in die unserer Liebsten. Der Publikumspreis. Eine Reise nach Wladimir, Rußland. Und damit eine Reise in ein Abenteuer.

Aber der Reihe nach: Wir sind IMPVLSE, eine Progressive Metalcore Band aus dem Großraum Nürnberg, gegründet 2017 und inzwischen schon halbwegs routiniert darin, Shows in der Region zu spielen. Im Jahre 2018 faßten wir schließlich den Entschluß, am Newcomer-Festival der Stadt Erlangen teilzunehmen. In der ersten Runde für das Finale qualifiziert, waren wir natürlich bereits total happy, wollten aber auch im Finale nochmal unser Bestes geben. Nach einer unserer besten Shows standen wir dann schließlich da: Der Publikumspreis in unseren Händen und Endorphine in den Blutbahnen. Bereit für eine Reise nach Wladimir.

Impvlse und Meloco am Flughafen Domodjedowo in Moskau

Fast ein Jahr Wartezeit mit viel Organisationsarbeit und einer Menge Durcheinander war nötig, doch dann hoben wir gemeinsam mit der Band Meloco Richtung Osten ab. Meloco hatten den Publikumspreis des Newcomer Festivals vor fünf Jahren gewonnen und durften schon damals ihre Wladimir-Reise antreten. Da sie seitdem den Kontakt zu ihren neuen russischen Freunden und Fans sowie zum Erlanger Kulturamt gehalten hatten, trugen sie die Frage an uns heran, ob es ok wäre, wenn sie sich uns für ein Wiedersehen mit allen russischen Beteiligten anschließen würden. Für uns war das kein Problem, und es sollte sich während der Reise immer wieder herausstellen, wie cool die Jungs von Meloco drauf waren und wie gut sie sich noch in Wladimir auskannten. Nun ging es also mit dem Flieger ab in Richtung Moskau. Kaum hatten wir russischen Boden unter den Füßen, wurden wir bereits herzlich von Andrej, dem Gitarristen der Band Abandoned Land, am Flughafen empfangen. Wir kannten ihn bereits flüchtig, da die Gruppe 2018 als russische Gastband nach den deutschen Finalisten beim Newcomer Festival spielen durfte. Für das ultimative „Tourgefühl“ hatte Andrej einen großen Transporter organisiert, mit dem er uns nach Wladimir bringen wollte, wo wir die nächsten Tage nächtigen würden. Während wir seinen Geschichten über Land und Leute lauschten, ging es durch russische Wälder auf holprigen Straßen raus aus dem actiongeladenen Verkehr der Hauptstadt und hinein in die beschauliche Welt von Wladimir.

Nachdem wir unsere Sachen im Hostel abgeladen hatten, war der erste Halt ein Pub, wo wir gemeinsam zu Abend aßen und die Unterhaltungen aus dem Bus vertieften. Anschließend ging es in die Bar Drugoj, in der wir am kommenden Tag unseren Gig spielen würden. Um sich darauf schon einmal einzustimmen, wurde bei ein-zwei Bierchen (oder Wodka) schon mal etwas auf der Akustikgitarre geklimpert. Bereits da bekamen wir eine leise Ahnung davon, mit wie viel Begeisterung die Russen der Musik nachgingen und mit wie viel mehr sie diese feierten. Am nächsten Tag führte uns der Weg erneut in Stadtzentrum, wo uns Ilja, seines Zeichens Frontmann der Band Metamorphis, durch Wladimir führte und uns allerhand Anekdoten über seine Heimat erzählte.

Impvlse und Meloco in Wladimir

Wladimir hat wirklich eine schöne Innenstadt mit prächtigen Kirchen und typisch russischen Fassaden, in der wir uns wie echte Touries fühlten und fleißig Bilder von uns und den Sehenswürdigkeiten machten. Zum Mittagessen suchten wir ein deutsches Restaurant auf, wo wir uns mit mäßig authentischen Spezialitäten verköstigen ließen. Danach zeigte uns Ilja noch das Tonstudio, das seine Bandkollegen und er sich aufgebaut hatten, und abends kehrten wir in die Bar vom Vortag zurück. Nachdem dort die lokale Band Bosphorus Night das Publikum schon einmal mit einer Runde energiegeladenem Glam Rock in Schwung gebracht hatte, betraten wir schließlich mit Schweißperlen auf der Stirn die Bühne. Der erste Gig fernab der Heimat. Wie würde wohl das Publikum auf uns reagieren? Würden sie unsere Musik mögen? Unseren Stil?

Impvlse auf der Bühne

Spätestens als nach den ersten Takten schon einige anfingen zu headbangen, waren diese Zweifel wie fortgeblasen. Die Anspannung fiel immer mehr von uns ab, und wir begannen, die neue Umgebung zu genießen. Nach jedem Song beteiligten sich immer mehr Leute im Publikum trotz des ungewöhnlichen Bar-Settings am Headbangen und Moshen, und als sie nach der Show dann auch noch in Scharen auf uns zukamen, um Selfies zu machen, Merch zu kaufen oder Autogramme zu holen, waren wir mehr als überrumpelt von so viel positivem Zuspruch und Akzeptanz. Der Hauch vom Rockstarfeeling des Tourlebens war perfekt. So also fühlte sich das an!

Impvlse auf der Bühne

Eine lange Nacht und viele interessante Gespräche später fuhren wir gemeinsam mit Andrej nach Murom, einer abgelegeneren Stadt, ca. 130 Kilometer südwestlich von Wladimir. Wir erhielten auch hier, wie am Tag zuvor in Wladimir, eine kleine Stadtführung von den netten Kollegen der anderen Bands und besuchten dann einen Musikstore, wo wir nach Herzenslust herumstöbern konnten. Anschließend kehrten wir zum Mittagessen ein und wärmten uns bei ein paar Suppen auf. Entgegen unserer Erwartungen war es überhaupt kein Problem, auch als Vegetarier nicht zu verhungern. Als Veganer hatte man zwar schlechtere Karten, aber man kann ja auch mal beide Augen zudrücken für ein paar Tage. Schließlich waren wir an diesem Mittag nicht das erste Mal beeindruckt von und dankbar für die russische Gastfreundschaft und die phänomenale Kochkunst. Maxim von der Band Ragged Jeans hatte seinen Lieblingswodka dabei und bestätigte ein Stückweit das russische Klischee, indem er bereits zu dieser Tageszeit munter die Schnapsgläser neben unseren Tellern füllte. Frohen Mutes ob der gefüllten Bäuche, besuchten wir anschließend die Location, in der wir an diesem Abend unseren zweiten Gig spielen sollten. Die Halle war deutlich größer und daher quasi nicht vergleichbar mit der Bar vom Vorabend. Dafür sollte dieser Abend mit insgesamt sechs Band allerdings auch randvoll gefüllt werden mit vielen verzerrten Gitarren, hingebungsvollem Gesang und gnadenlosen Drumbeats. Demzufolge gaben zuerst vier russische Locals ihre Shows zum besten und heizten der Menge bereits ab 18 Uhr ordentlich ein. Aufgrund des frühen Beginns dauerte es allerdings einige Stunden, bis das Publikum in vollem Ausmaß in den Club Empire fand – was strenggenommen eine Schande war, da alle vier heimischen Bands eine wirklich professionelle und vor allem mitreißende Show über die Bühne schmetterten. Mit der Zeit fanden aber zum Glück immer mehr Zuschauer den Weg nach drinnen und ließen sich nach Ragged Jeans, Metamorphis, Fatal Niivistrel und Abandoned Land auch von uns deutschen Bands die Horchlappen versohlen. Die größere Bühne gab diesmal deutlich mehr Bewegungsfreiheit, die wir natürlich gerne nutzten. Das Publikum war zwar nicht ganz so zahlreich wie am Vorabend, und wir hatten während der Show mit ein paar technischen Ausfällen zu kämpfen, aber wir hatten trotzdem unfaßbaren Spaß. Als wir auch in Murom unser Werk getan hatten und direkt nach der Show unser Equipment von der Bühne räumen wollten, wurde wir abermals von begeisterten Konzertgängern überrannt, die sich Unterschriften oder Selfies sichern wollten. Darüber hinaus konnten wir aber zum Glück – wie am Vortag – auch einige vertieftere Gespräche auf Englisch führen, in denen wir aus erster Hand erfahren durften, wie aufgeschlossen und wohlwollend sich das russische Volk uns Fremden mit unserer eigenwilligen Musik gegenüber zeigte. Entgegen der Empfehlung von Andrej, diese Nacht lieber etwas ruhiger angehen zu lassen, teilten wir uns nach der Rückfahrt in Kleingruppen für den Besuch diverser Bars in Wladimir auf und fanden uns erst um 2, 5 oder gar 7 Uhr morgens wieder am Hostel.

Impvlse und Meloco in Murom

Auch wenn am nächsten Tag mehr Zeit zum Ausschlafen eingeplant war, wurde also noch weniger geschlafen als zuvor. Entsprechend erschöpft begaben wir uns zur Mittagsstunde in unseren „Tourbus“ und machten uns auf den Weg zum letzten Gig in Kowrow. Nachdem wir das Ortsschild passiert hatten, wurde schnell klar: Diese Stadt war deutlich industrieller geprägt und ließ eine gepflegte, einladende Innenstadt leider vermissen. Unsere Gastgeber waren sich dessen offenbar durchaus bewußt, weshalb sie hier gar keine Stadtführung eingeplant hatten. Deswegen ging es direkt zur Location, dem Club Arsenal, wo wir, durch die Erlebnisse der vergangenen zwei Abende fast schon nostalgisch gestimmt, unser Equipment aus dem Transporter luden. Innen fanden wir eine Halle vor, die dem tristen Stadtbild draußen ein heimeliges Interieur entgegenzusetzen verstand. Die zentrale Bühne wurde umgeben von zwei Treppen, die zu Zuschauerrängen und zum Backstage-Bereich im Obergeschoß führten, einer Bar und einer Art Restaurant-Bereich mit Stühlen und Eßtischen, an denen wir uns auch sofort bewirten ließen. Während wir also gemeinsam unsere Pizza aus der clubeigenen Küche genossen, sorgten die Soundchecks der anderen Bands für eine etwas andere Art der Hintergrundmusik – so könnten wir gern jedes Mittagessen abhalten. Mit gefüllten Bäuchen waren schließlich auch wir an der Reihe und durften erfreut feststellen, daß der Mischer den Sound auf der Bühne so klar und definiert gebacken bekam, wie wir ihn schon lange nicht mehr genießen durften. Perfekte Rahmenbedingungen für eine perfekte Show also. Und die sollte es auch werden. Bevor wir aber unsere vorerst letzte internationale Show spielen konnten, traten wieder die vier russischen Bands auf die Bühne und durften sich diesmal von Anfang an über ein zahlreiches Publikum freuen. Zwischendurch hatten wir unter anderem im Backstage-Bereich genügend Zeit, uns mit den russischen Bandmitgliedern zu unterhalten und (mehrmals) auf die erfolgreichen Abende anzustoßen. Spätestens hierbei wurde uns bewußt, was für eine kleine Familie wir in der kurzen Zeit schon geworden sind. Man konnte sich quasi endlos miteinander unterhalten – nicht nur über Musik. Stand die Sprachbarriere hier manchen Bandmitgliedern im Wege, wurden ihre Kollegen auch am dritten Abend nicht müde, die nötige Dolmetscher-Arbeit zu leisten, damit sich jeder beteiligen konnte. Schon als die letzten Klänge unseres Intros verstummten und wir die ersten Noten spielten, schlugen uns die Energiewogen des Publikums entgegen, und wir spielten uns eifrig die Finger bzw. Stimmbänder wund. Die Technik blieb zuverlässig, der Sound genial und vor allem das Publikum schwer begeistert. „Gelungener Abschluß“ wäre eine Untertreibung für diesen Abend. Mit tiefster innerer Zufriedenheit begaben wir uns von der Bühne und zum Merch Stand, wo weitere tolle Gespräche und sogar eine Portion Pommes auf uns warteten, die uns ein Zuschauer ausgab. Wir ließen uns Zeit und verabschiedeten uns gebührlich von allen Beteiligten, die uns nicht mit nach Wladimir begleiten würden. Der Abend sollte aber noch lange nicht vorbei sein, denn Jason, unser Leadgitarrist, würde auf der Heimfahrt um 24 Uhr Geburtstag haben, was selbstverständlich gefeiert werden wollte. So wurden ein letztes Mal viele Bierchen und Wodkashots gekippt, und wir ließen es uns im voll besetzten Bus mit unseren russischen und deutschen Freunden gut gehen.

Meloco und Impvlse im Land des Russischen Bären

In Wladimir verabschiedeten wir uns von Ilja & Co, tauschten Handynummern aus und überreichten unsere kleinen Gastgeschenke sowie ein wenig Merch an alle, die uns in den letzten Tagen besonders unterstützt hatten. Auch im Hostel feierten wir weiter und ließen den Abend noch lange ausklingen. Am nächsten Morgen fühlten wir uns fast schon routiniert im Umgang mit der Müdigkeit, die aus den gestrigen Eskapaden resultierte. Andrej kam sogar noch einmal zum Hostel, um uns eine gute Reise zu wünschen, was den Abschied zwar nicht gerade erleichterte, aber versüßte. Nach der kurzen Wachphase, in der wir unsere Sachen sowie uns selbst in den Bus packten, folgten schläfrige vier Stunden, die sich deutlich kürzer als die Hinfahrt anfühlten. Am Moskauer Flughafen angekommen, brauchten wir erst einmal über eine Stunde für das Einchecken des Sondergepäcks, da das Personal gefühlt jeden Fehler bei der Etikettierung machte, den man sich vorstellen konnte. Daher wurde der Plan, noch schnell mit dem Zug ins Stadtzentrum zu fahren, um zumindest kurz den Roten Platz zu sehen, schnell wieder verworfen. Demnach verbrachten wir die nun ohnehin schon verkürzte Wartezeit damit, die kleinen Restaurants und Essensstände am Flughafen reich zu machen, indem wir die letzten verbleibenden Rubel gegen deren Dienstleistungen eintauschten. Im Flugzeug Richtung Heimat war die Stimmung weiterhin verschlafen – wie bereits dem ganzen Tag über. Durch das unfreiwillig komische Animationsvideo der Airline, das den Passgieren die Sicherheitshinweise näher bringen sollte, erreichte die Laune jedoch wieder ein kurzzeitiges Hoch. Darüber hinaus war der diesmal durchaus schmackhafte Flugzeugfraß der einzige Trost über die Realität, die sich langsam in unseren Köpfen breit machte: Unser Abenteuer war nun bereits vorbei. Schade eigentlich. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, die überwiegende Emotion in diesen Momenten, die wir gute 10.000 Meter über dem Boden verbrachten, sei Ernüchterung gewesen. Natürlich wären wir gerne noch länger geblieben, aber alles, was wir durch diese Reise mitnehmen konnten, sollte die Frist unseres Aufenthalts weit überdauern. Die neu geknüpften Freundschaften und die gewonnenen Erinnerungen haben sich in unsere Köpfe und Herzen gebrannt und werden uns immer mit einem Lächeln an unsere Wladimir-Tour zurückdenken lassen.

Impvlse und Meloco vor ihrem Hostel in Wladimir

Unser tiefster Dank gilt daher allen, die dieses Abenteuer für uns möglich machten und/oder sogar selbst mit von der Partie waren. Das Amt für Soziokultur die Stadt Erlangen hat ganze Arbeit geleistet für die Organisation, ebenso wie die russischen Bandmitglieder, die dafür bestimmt nicht weniger Mühe und Zeit investiert haben. Alles hat reibungslos funktioniert, was es uns ermöglichte, uns voll und ganz auf das für uns neue Land, dessen Mentalität und vor allem auf dessen Menschen einzulassen. Was wir vorgefunden haben, war ein bodenständiges Völkchen, das interessiert, weltoffen und herzlich mit uns umging und sich wiederum unglaublich dankbar für das Interesse auf unserer Seite zeigte. Wir kommen gerne wieder nach Rußland und insbesondere Wladimir!

Impvlse

Und wer’s nicht glaubte, schlage hier nach: https://is.gd/KkF8Sg

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