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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Gastronomenaustausch’


Wer in Wladimirs bester Lage mit Blick auf die weiten Kljasma-Auen und die schier unendlich hingebreiteten Wälder nächtigen will, kennt das Hotel, wer die russische Küche, meisterhaft zubereitet, in apart-geschmackvoller Atmosphäre genießen möchte, schätzt das Restaurant in der „Wosnesenkaja Sloboda“ – https://vsloboda.ru -, das führende Haus am Platz, gegründet und geführt von Anna Schukowa. Bayerns Innenminister, Joachim Herrmann, war hier vor viereinhalb Jahren zu Gast, zuvor schon hatte Professor Heinz Gerhäuser hier Quartier bezogen, erst im November gaben sich Dirk von Vopelius, Präsident der IHK Nürnberg, und Erlangens Wirtschaftsreferent, Konrad Beugel, hier die Ehre, und kaum eine offizielle Delegation aus Wladimirs Partnerstadt, die nicht hier bewirtet würde. So viel sie schon in ganz Europa und natürlich auch Deutschland auf der Suche nach guten Weinen oder kulinarischen Anregungen unterwegs war, nach Erlangen hatte es die Mutter von vier Söhnen noch nie geschafft.

Willkommen, Anna Schukowa!

Nun also endlich von Donnerstag bis zum Heiligen Abend die Premiere, die – das darf man jetzt schon sagen, ohne zu viel zu verraten – bei aller Kürze der Zeit den vielversprechenden Auftakt zu einer „Nouvelle Cuisine“ der Partnerschaft macht. Anna Schukowa firmiert nicht nur als Besitzerin und Geschäftsführerin der „Wosnesenskaja Sloboda“, sie leitet auch ein weiteres Feinschmecker-Restaurant in Susdal und sitzt dem Hotel- und Gaststättenverband der Region Wladimir vor. Gerade erst ist aus ihrer Feder das Buch „Ein Fest nach Rezept – Ihre Lieblingsspeisen von Köchen des Goldenen Rings“ in einer Auflage von 4.000 Exemplaren im Moskauer Verlag „Э“, ISBN 978-5-699-97473-3, erschienen.

Klaus Kobjoll mit Tochter Nicole und Anna Schukowa

Viel zu besprechen gab es da denn auch im „Schindlerhof“ zu Boxdorf, dessen Gründer, Klaus Kobjoll, dank seinen zahlreichen Publikationen auf Russisch und all den von ihm abgehaltenen Seminaren von Moskau über Nischnij Nowgorod bis Irkutsk natürlich schon lange auch Anna Schukowa als Leitstern gilt. Noch gibt es nur handschriftliche Notizen zu den Gesprächen, der Entwurf einer Rezeptur der Zusammenarbeit bleibt noch unter Verschluß, aber das Päckchen unter dem Christbaum der Partnerschaft verspricht allen Gourmets der deutsch-russischen Küche für das kommende Jahr viele köstliche Überraschungen. Es ist angerichtet!

Roadhouse Blues aus der Jukebox von Klaus Kobjoll

Anna Schukowa, gelernte Köchin mit einem Studienabschluß der Betriebswirtschaft in Moskau und einem Diplom der „Akademie für Tourismus“ in Wladimir, genießt übrigens bei aller Liebe zur Raffinesse und ihrem „kulinarischen Gen“ die bodenständige Küche, tradiert von Mutter und Großmutter noch aus der Kinderzeit in Orenburg, südlich des Urals, wo es keine Fertiggerichte gab, die bei der Hausfrau aus Passion übrigens bis heute nicht in den Topf kommen.

Guten Appetit, Anna Schukowa!

Ein weiteres Prinzip der Besucherin: Alles essen, gern auch Butter, Sahne, Fett, alles, was schmeckt. Nur eben in Maßen. „Vom Guten nur wenig“, wie das russische Sprichwort sagt. Das gilt auch für die Bratwurst, von der eine im Weckla zum genußvollen Mittagessen vollauf genügt. Bei der Diät versagt man sich keine Freude, ohne die Figur aus der Form geraten zu lassen.

Anna Schukowa und Benjamin Förtsch

Viel Wert legt Anna Schukowa, die mit ihrem Team schon den Titel „Chef a la Russe“ gewonnen hat, auf Nachhaltigkeit bei den Lebensmitteln, ihre Lieferanten kennt sie persönlich; weniger hatte sie bisher dieses Thema beim Betrieb ihres 22-Zimmer-Hotels im Auge. Doch da will sie nun vom Kreativ-Hotel „Luise“ lernen, dem Flaggschiff für ökologisches Wirtschaften in Erlangen: Einsparen von Müll und Energie, Einbeziehung von Natur in das Gastgewerbe, Verwendung von biologisch unbedenklichen und wiederverwertbaren Materialien, aber auch ein sozialer Umgang mit dem Personal, von der persönlichen Betreuung der Kunden ganz zu schweigen.

Frohe Weihnachten: Oberbürgermeister Florian Janik und Anna Schukowa

Erst zum Ausklang der Waldweihnacht dann findet Anna Schukowa Zeit, die Partnerstadt zu erkunden, die ihr ältester Sohn bereits mit der Schwimmschule und ihr Mann auf Geschäftsreise besucht haben, und trifft prompt auf einen verblüfften Oberbürgermeister, der zwar weiß, wie intensiv die Kontakte sind, sich dann aber doch wundert: „Sogar über die Feiertage noch Besuch aus Wladimir hier?“

Erlanger Waldweihnacht: Innenminister Joachim Herrmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, Anna Schukowa und Peter Steger

Und Anna Schukowa, wie schafft sie das alles? Im Vorwort zu ihrem Buch versucht sie eine ehrliche Antwort:

Wie ich das alles schaffe, weiß ich selbst nicht. Ich lebe einfach, arbeite, beschäftige mich mit den Kindern und im Haushalt, kümmere mich um meinen Mann, tue, was ich gerne tue und was mir besonderes Vergnügen bereitet – kochen.

Anna Schukowa 8

Weihnachtsbaum „Jolka“, gebastelt von Anna Schukowa

Aber das ist natürlich längst nicht alles: Die Frau des guten Geschmacks bastelt auch noch gern für Freunde, besonders zu Weihnachten. Sie selbst ist gestern wieder nach Wladimir abgereist, aber ihr süßer Gruß bleibt zurück – und das Versprechen, bald, im Frühling, wiederzukommen mit dem deutsch-russischen Rezept für die „Nouvelle Cuisine“ der Partnerschaft.

Bis dahin tröste uns der Roadhouse Blues von den Doors aus der Jukebox von Klaus Kobjoll: https://is.gd/Ff4LiC

 

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»Wie rein du hier alles hältst! Mein Gott, wie schmutzig und staubig es ist! Da, da, schau mal in die Ecken hinein – du tust gar nichts!« »Ich tu‘ nichts …« begann Sachar mit gekränkter Stimme, »ich gebe mir so viel Mühe, mir ist es um mein Leben nicht zu schade, ich staube ab und fege fast jeden Tag …« Er zeigte auf die Mitte des Fußbodens und auf den Tisch hin, an dem Oblomow zu Mittag aß. »Da, da«, sagte er. »Alles ist ausgefegt und zusammengeräumt, wie zu einer Hochzeit … Was wollen Sie noch?« »Und was ist das?« unterbrach ihn Ilja Iljitsch, auf die Wände und an den Plafond zeigend, »und das? und das?« Er wies auf das seit gestern herumliegende Handtuch und auf den auf dem Tisch vergessenen Teller, worauf eine Brotschnitte lag. »Nun gut, das werde ich abräumen«, sagte Sachar herablassend und nahm den Teller. »Nur das! Und der Staub an den Wänden und das Spinngewebe?« fragte Oblomow. »Das räume ich zu Ostern zusammen; dann putze ich die Heiligenbilder und nehme das Spinngewebe herab …« »Und wann staubst du die Bücher und die anderen Bilder ab? …« »Das mache ich vor Weihnachten: dann schaue ich mit Anissja alle Schränke durch. Wann soll ich denn jetzt zusammenräumen? Sie sitzen doch immer zu Hause.« »Ich gehe manchmal ins Theater und auf Besuch; dann …« »Wie kann man denn bei Nacht zusammenräumen!«

Vor dem Bayerischen Hof

Dmitrij Sorokin, Jekaterina Litwinowa und Kirill Iwanow vor dem Bayerischen Hof

Oblomow blickte ihn vorwurfsvoll an, schüttelte den Kopf und seufzte, während Sachar gleichgültig durch das Fenster blickte und gleichfalls seufzte. Der Herr schien zu denken: Bruder, in dir steckt ja noch mehr von einem Oblomow als in mir selbst, und Sachar dachte fast: du lügst! Du kannst hochtrabende und rührende Worte sagen; aber der Staub und das Spinngewebe kümmern dich im Grunde gar nicht.

»Verstehst du«, sagte Ilja Iljitsch, »daß durch den Staub Motten entstehen? Ich sehe manchmal sogar eine Wanze an der Wand!« »Ich habe auch Flöhe!« erwiderte Sachar gleichgültig. »Ist denn das schön? Das ist ja Schmutz!« Sachar schmunzelte über das ganze Gesicht, so daß das Grinsen selbst die Brauen und den Backenbart erfaßte, der sich seitwärts auseinanderschob, und ein roter Fleck sich über das ganze Gesicht vom Hals bis auf die Stirn hinauf ausdehnte. »Ist es denn meine Schuld, daß es auf der Welt Wanzen gibt?« sagte er mit naivem Erstaunen; »hab‘ denn ich sie ausgedacht?« »Das kommt durch die Unreinlichkeit«, unterbrach ihn Oblomow. »Was denkst du dir nur immer aus?« »Ich habe auch die Unreinlichkeit nicht ausgedacht.« »Bei dir laufen in der Nacht Mäuse herum, ich höre es.« »Ich habe auch die Mäuse nicht ausgedacht. Solche Geschöpfe, wie Mäuse, Katzen und Wanzen, gibt es überall viel.« »Warum gibt es denn bei anderen Leuten weder Motten noch Wanzen?«

Mit Ganni Dottori, General Manager, in der Küche des Hotels Bayerischer Hof

Mit Gianni Dottori, General Manager, in der Küche des Hotels Bayerischer Hof

Sachars Gesicht drückte Ungläubigkeit oder besser gesagt ruhige Zuversicht aus, daß so etwas nicht vorkommen könne. »Bei mir gibt’s immer viel davon«, sagte er eigensinnig, »man kann nicht auf jede Wanze aufpassen, man kann ihr in ihre Ritze nicht nachkriechen.« Und dabei dachte er wohl im stillen: Was wäre das auch für ein Schlafen ohne Wanzen? »Fege aus, nimm den Mist aus den Winkeln her aus, dann wird nichts da sein«, belehrte ihn Oblomow. »Man räumt auf, und morgen ist alles wieder voll«, sagte Sachar. »Es wird nicht voll sein«, unterbrach ihn der Herr, »das darf nicht sein.« »Es wird voll sein, ich weiß es«, gab der Diener nicht nach. »Und wenn es so ist, dann fege wieder aus!« »Was? Ich soll jeden Tag in alle Winkel hineinschauen?« fragte Sachar, »was ist denn das für ein Leben? Dann soll Gott lieber meine Seele holen!« »Warum ist denn bei anderen Leuten rein?« entgegnete Oblomow. »Schau mal zum Klavierstimmer vis-à-vis hinüber: Es ist eine Freude, das zu sehen, und sie haben nur ein einziges Mädchen …« »Und wo sollen diese Deutschen auch Mist hernehmen?« erwiderte plötzlich Sachar. »Schauen Sie sich einmal an, wie sie leben! Die ganze Familie nagt die ganze Woche an einem einzigen Knochen. Der Rock geht von der Schulter des Vaters auf den Sohn über und vom Sohn wieder auf den Vater. Die Frau und die Töchter tragen kurze Kleider und verstecken immer ihre Füße wie die Gänse… Wo sollen sie den Mist hernehmen? Bei ihnen gibt’s das nicht, daß ganze Haufen von abgetragenen alten Kleidern jahrelang in den Schränken liegen oder sich im Winter eine ganze Ecke von Brotrinden ansammelt wie bei uns. Sie lassen nicht einmal eine Rinde unnütz herumliegen; sie machen sich daraus Zwieback und essen das zum Bier!« Sachar spuckte sogar aus, während er von einer so knauserigen Lebensweise sprach.

Mit Georg Ritter in der Küche des Gasthofes Zur Einkehr

Jekaterina Litwinowa, Dmitrij Sorokin und Kirill Iwanow mit Georg Ritter in der Küche des Gasthofes Zur Einkehr

Appetit bekommen, den Roman „Oblomow“ weiterzulesen, dessen von Iwan Gontscharow ersonnener Held hier einen müßigen Streit mit seinem Diener Sachar ausficht? Wer dieses Schlüsselwerk der russischen Literatur aus dem 19. Jahrhundert noch nicht gelesen hat, darf sich auf einen Hochgenuß freuen und kann ganz nebenbei viel über die russische Seele erfahren und ihren deutschen Gegenpol – und findet vielleicht einmal den Weg in das gleichnamige Edelrestaurant in der Innenstadt von Wladimir, von dem ein dreiköpfiges Team ausgezogen ist, um das Wesen der fränkischen Gastronomie zu erkunden.

Mit Jana Güthlein im Gasthaus Zur Einkehr

Dmitrij Sorokin, Jekaterina Litwinowa, Jana Güthlein und Kirill Iwanow im Gasthaus Zur Einkehr

Viele Einsichten werden sie dieser Tage nach ihrem Schnupperpraktikum wieder zurücknehmen in ihre Heimat: das ausgefeilte Catering-System des Nägelhofs, die hohe Kunst des Service im Hotel Bayerischer Hof, die bodenständig-herzliche Gastlichkeit im Wirtshaus Zur Einkehr. Aber auch die Vorteile des deutschen Berufsbildungswesens, das Traditionsverständnis in Familienbetrieben und die Vielfalt der Küche. Dinge, die den drei Gästen in Wladimir – noch – fehlen, weil, wie sie meinen, die meisten russischen Gastronomen nur den schnellen Rubel im Auge haben, deshalb beim in der Regel nur angelernten Personal sparen und eine Einheitsküche bieten, die oft eher ungeschickt die Vorbilder aus Japan oder Europa zu kopieren versucht. Ausnahmen wie Oblomow bestätigen diese Regel. Und junge Leute wie dieses Trio haben ja auch das Zeug dazu, etwas zu ändern. Vielleicht gleich nach ihrer Rückkehr, spätestens aber beim Gegenbesuch aus Erlangen. Aber Vorsicht! Die russische Oblomowerei und der deutsche Schlendrian haben schon so manchen guten Vorsatz auf dem Absatz kehrt machen lassen.

Bleibt, Dank zu sagen an Amil Scharifow für die Bilder und die Betreuung der Gäste!

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