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Posts Tagged ‘deutsch-russischer Ärzteaustausch’


Wieder ist eine prägende Persönlichkeit der Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten für immer gegangen. Klemens Stehr, von 1977 bis 1998 Direktor der Klinik mit Poliklinik für Kinder und Jugendliche der Universität Erlangen-Nürnberg, ist am 6. Oktober im Alter von 79 Jahren verstorben. Während seiner 21jährigen Leitungstätigkeit baute der Professor für Pädiatrie an seiner Wirkungsstätte die Neonatologie, Intensivmedizin, Kardiologie, Nierenkrankheiten mit Dialyse und Nierentransplantation sowie Onkologie mit Knochenmarktransplantation weiter aus. Seinem Spezialgebiet, der Infektiologie, insbesondere der Prävention durch Impfungen, und der Jugendmedizin galt sein großes Engagement. Da vor allem chronisch kranke Kinder bis zum Abschluß des Wachstums von Pädiatern betreut werden, benannte man konsequenterweise im Jahre 1985 das Erlanger Krankenhaus als erstes zusammen mit der Universitäts-Kinderklinik in Essen um in Klinik für Kinder und Jugendliche. Dies hatte Signalwirkung für viele andere Kliniken. Aber erst 1996 folgte die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde diesem Beispiel und heißt nun Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin.Seit 1989 war Prof. Stehr fast 10 Jahre Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Institutes in Berlin. Auch im Ruhestand blieb er ein gefragter Impfexperte. Für seine Tätigkeit wurde Klemens Stehr 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 1999 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden als „Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung für hervorragende Verdienste um den Freistaat Bayern und das bayerische Volk“.

Swetlana Makarowa und Klemens Stehr, September 2018 in Erlangen

Unter der Ägide von Klemens Stehr begann 1990 die Kooperation mit dem Kindernotfallkrankenhaus Wladimir, koordiniert und vorangetrieben von Dieter Wenzel, mit all den Lieferungen an Gerät – vom Labor über die Wasseraufbereitungsanlage bis hin zu Inkubatoren und Medikamenten – sowie den Schulungsangeboten und Hospitationen für das medizinische Personal aus der Partnerstadt. Was damals seinen segensreichen Anfang nahm, wirkt bis heute nach und fand einen harmonischen Höhepunkt, als im Vorjahr Swetlana Makarowa, ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses zur Verabschiedung von Wolfgang Rascher, dem Nachfolger von Klemens Stehr, nach Erlangen kam und noch einmal mit dem emeritierten Kollegen zusammentraf und für die bald dreißigjährige Unterstützung dankte.

Adolf Hüttl, Klemens Stehr und Peter Steger, April 2002 in Wladimir

Klemens Stehr zeichnete sich auch durch ein großes ehrenamtliches Engagement aus. Seit 1980 gehörte er als Gründungsmitglied dem Rotary Club Erlangen an, dem er im Jahr 2001/2002 als Präsident vorsaß. In diese Zeit fiel auch seine Reise nach Wladimir, begleitet von seinem rotarischen Freund und früherem KWU-Chef, Adolf Hüttl, mit dem Ziel, die Verbindungen zu dem damals eben erst gegründeten russischen Partnerklub auszubauen. Für seine besonderen Verdienste wurde der Kinderarzt von Rotary International die Paul-Harris-Fellow-Auszeichnung verliehen. Klemens Stehrs großer Beitrag zum Gelingen der Städtepartnerschaft bleibt unvergessen.

Einträge ins virtuelle Kondolenzbuch sind hier möglich: https://is.gd/9zBz2B

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Wenn sich zwei Berufskollegen treffen, dann redet man nicht selten über den gemeinsamen Beruf. Und wenn sich zwei Ärzte aus Wladimir und Erlangen treffen, dann tauscht man sich erst recht über berufliche Themen aus. So war es auch als Anfang des Monats der Augenarzt Kirill Solotorewskij zu einem zweiwöchigen Austauschbesuch aus der Partnerstadt nach Erlangen kam und sich mit Stadtrat Jürgen Zeus traf. Der Gast, der in der Augenklinik der FAU hospitierte, pendelt als Augenspezialist zwischen Moskau und Wladimir. In Moskau arbeitet er in einer Hornhautbank, und in Wladimir ist er in einer privaten Augenklinik tätig.

Wenn man die Gelegenheit hat, sich mit einem Ophthalmologen ohne Termindruck zu unterhalten, kann man auch über die Vor- und Nachteile der Brille reden. Es gibt sicherlich einige Nachteile beim Brillentragen wie beispielsweise, wenn man den Backofen aufmacht und den Kuchen sich näher anschauen möchte oder, wenn man im Regen mit dem Rad fährt. Demgegenüber kann man als Vorteil für das Brillentragen neben den ästhetischen Gründen auch die Tatsache werten, daß das Augenglas dem Träger einen klaren Blick verschafft.

Jürgen Zeus und Kirill Solotorewskij

Im Zuge des Gesprächs zwischen den beiden Ärzten kam heraus, daß die Brille medizinisch gesehen keine Schwäche darstellt und sogar cool sein kann. In einigen Kulturkreisen assoziiert man das Brillentragen manchmal mit Blindsein, und dies ist nicht selten negativ behaftet. Aber „schlimmer als blind zu sein, sei nicht sehen wollen“ soll Wladimir Lenin einmal gesagt haben. Für eine Augenlaseroperation müßten jedenfalls viel mehr Gründe vorliegen, als ein kurzfristig fehlender Durchblick in der Küche mit offener Backofentür.

Amil Scharifow

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Mein zweiwöchiger Arbeitsbesuch begann Anfang November in der Neurologie des Universitätsklinikums Erlangen, deren Direktor, Professor Stefan Schwab, mich mit seinem Team gleich zur morgendlichen Konferenz einlud, wo man den Zustand der in den letzten Tagen eingelieferten Patienten besprach, neurovisualisierte Unterlagen zeigte und klärte, wie die Behandlung weiterzuführen sei. Anschließend erhielt ich Gelegenheit, das Krankenhaus zu besichtigen. Ein Assistent des Lehrstuhls nahm mich an der Hand und zeigte mir die Abteilungen und Stationen, erklärte mir die jeweilige Spezifik und beantwortete meine im Lauf der „Exkursion“ aufkommenden Fragen. Angesichts dessen, daß ich in Wladimir in der Abteilung für akute Störungen des zerebralen Blutkreislaufs arbeite, interessierte ich mich vor allem für die Strategie und Praxis der Behandlung von Patienten mit Schlaganfall. In der Stroke Unit machten der Stationsleiter und sein Team gemeinsam Visite, sahen sich die Kranken an, besprachen die weitere Behandlung und Rehabilitation sowie die Notwendigkeit weiterer diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen. Hier lernte ich die ganzen Arbeitsabläufe und die Zuständigkeiten auch des Pflegepersonals, der Physiotherapeuten und des gesamten Teams kennen. Für einige Tage hatte ich auch Gelegenheit, die Arbeit in der Aufnahme kennenzulernen, wo festgelegt wird, welchen Weg ein Patient mit seinen jeweiligen Erkrankungen des Nervensystems durch die Abteilungen nehmen soll, welche Behandlungsmethoden für Schlaganfallpatienten in Frage kommen, jeweils abhängig davon, wie schnell sie in die Klinik gebracht wurden. Auch die Arbeit mit dem Computertomographen zeigte man mir. Außerordentlich interessant für mich war auch der Besuch in der Reha-Abteilung des Klinikums am Europakanal, wo Patienten mit neurologischen Beeinträchtigungen verschiedener Art und Abstufung auf eine Rückkehr ins normale Leben vorbereitet werden.

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Zusammenfassend möchte ich bemerken: Der Besuch in Erlangen stellte für mich eine kolossale Erfahrung dar und bot mir Gelegenheit, zu sehen, wie das Gesundheitswesen in Deutschland „von innen“ funktioniert. Dieses Land mit seinem ausgesprochen hohen medizinischen Standard, seiner führenden Ausrüstung, seinem gewaltigen und unerschöpflichen technischen sowie mit seinem mächtigen intellektuellen Potential dient dem sich in der Hinsicht noch „entwickelnden“ Rußland als Eichmaß, als Beispiel, als „Admiralsschiff“. Ich meine, derartige Reisen von Ärzten helfen ihnen (uns) dabei, eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, in welche Richtung wir uns bewegen, woran wir arbeiten, worauf wir stärker unsere Aufmerksamkeit richten und wie wir die Prioritäten in diesem oder jenem Bereich des Gesundheitswesens besser setzen sollten, um nach dem Vorbild erfolgreicher Länder auch bei uns das medizinische Niveau und die Lebensqualität anzuheben. Derartige Reisen geben uns verschiedene Abläufe, Prozesse und Strukturen der Arbeit an die Hand, die wir in unseren Kliniken einsetzen und damit die Arbeit unserer Ärzte, Pflegekräfte und paramedizinischer Dienste optimieren können. An diesem Austausch sollten meiner Meinung nach neben Medizinern auch Leute aus der Medizinverwaltung teilnehmen, besonders Vertreter des Gesundheitsamtes der Region Wladimir. Ich hoffe jedenfalls sehr, daß man dieses Programm fortsetzt und Ärzte wie Krankenschwestern, wenn sie in diese gastfreundliche Stadt und an diese nicht minder gastfreundliche Klinik kommen, deren so wertvollen Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen vermittelt bekommen. Bei meiner Kollegin und mir hinterließ diese Reise einen gewaltigen Eindruck. Es war ungemein interessant! Ganz herzlichen Dank für die großartige Organisation, die angenehmen Bekanntschaften sowie die herzliche Aufnahme und Unterstützung!

Olga Jaschina

siehe auch: https://is.gd/jIQSh0

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Der Ärzteaustausch gehört heute zum Standardprogramm der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Aber alles hat seinen Anfang, und den machte bereits 1989 Michail Tjukarkin, der heute via Blog seinem Kollegen und Freund, Klaus-Georg Bregulla, zum 80. Geburtstag gratuliert und die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick auf die erste Begegnung nutzt.

Im September 1989 schickten mich mein Krankenhaus und die Stadtverwaltung Wladimir zum Erfahrungsaustausch mit den Universitätskliniken nach Erlangen. Man holte mich am Flughafen Frankfurt am Main ab, brachte mich in einem feinen Studentenwohnheim unter, stattete mich mit einem Fahrrad aus und stellte mich anderntags bei der morgendlichen Ärztekonferenz der Abteilung für Innere Medizin unter der Leitung von Professor Eckhard Hahn vor. Damals war ich 30 Jahre alt, hatte mich in der selbständigen Arbeit auf den Gebieten der Notfall-, Allgemein- und Gefäßchirurgie bewährt, spielte einigermaßen gut Fußball und Eishockey, beherrschte als Autodidakt mehr schlecht als recht die deutsche Sprache und interessierte mich brennend für englischsprachige Medizin. Und ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Landesgrenzen der UdSSR. Als das Auditorium der deutschen Ärzte nach meiner Vorstellung durch Professor Hahn mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfte (wie man mir später erklärte, war das als Zeichen einer besonderen und großen Ehre zu verstehen), war ich drauf und dran, den Raum zu verlassen (damals war ich noch etwas wunderlich und hasenherzig). Im weiteren wußte ich gar nicht, worüber ich mich mehr verwundern sollte, über das ausgesprochen hohe Niveau der Arbeitsorganisation, der Ausstattung der Klinik oder über die herzliche Aufnahme, die ich seitens der Kollegen und des ganzen Personals erfuhr. Ich sah schon 1989 an der Klinik Behandlungsweisen und Medizintechnik (Werner Matek), die es bis heute in vielen Moskauer Krankenhäusern oder unserem Regionalkrankenhaus in Wladimir so nicht gibt.

2003 am Hotel „Goldener Ring“ in Wladimir, die Medizindelegation mit Thomas Seltmann, Steffen Lanig, Brigitte Mugele, Michael Reitzenstein, Jürgen Binder und Michail Tjukarkin

Am siebten Tag meines Auslandsaufenthalts teilte man mir mit, ein gewisser Medizinprofessor namens Klaus-Georg Bregulla wolle mich treffen. Am Abend holte mich dann mit seinem Auto ein etwa fünfzigjähriger energischer Mann mittlerer Größe am Wohnheim ab und brachte mich im Dunkeln zu seinem Haus. Der riesige Schäferhund Pepper legte mir derart freundschaftlich die Vorderpfoten auf die Brust, daß ich mich beinahe zur ewigen Ruhe gelegt hätte. Doch der Gastgeber hauchte mir rasch neues Leben ein.

Oberschwester Anna Reswowa, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, 2017

Ungeachtet meiner damals noch unbeholfenen und armseligen Sprachkenntnisse schwankte ich in meiner Begeisterung hin und her zwischen der Bewunderung für des Professors ungewöhnlich weiten medizinischen Horizont (er war der dritte Gynäkologe europaweit und der erste, der in Deutschland erfolgreich das In-Vitro-Fertilisations-Programm einführte, und hatte an dem Abend auch noch berühmte Kollegen aus Ost-Berlin, darunter von der Charité, zu Gast) und der ihm eigenen Herzensbildung und Gastfreundschaft. In diesen nun fast 30 Jahren der Bekanntschaft ließ ich jedenfalls nie etwas auf ihn kommen und versuchte, mich seiner würdig zu erweisen. Manchmal nenne ich Klaus-Georg Bregulla und seine göttliche Frau Uschi meine zweiten Eltern (ohne jede Blutsverwandtschaft) und Lehrer. Ich freue mich, bis heute mit Erlangen nicht nur diese menschlichen und fachlichen Werte zu verbinden, sondern auch eine solche Freundschaft mit Kollegen in Deutschland pflegen zu können.

Michail Tjukarkin

 

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In einer seiner frühen Erzählungen, „Die stählerne Kehle“, schildert Michail Bulgakow, im Brotberuf Arzt, was einem jungen Mediziner so durch den Kopf gehen kann:
Und so war ich also auf mich allein gestellt. Um mich das Novemberdunkel mit kreiselndem Schnee, das Haus zugeweht, das Heulen des Winds im Kamin. All die 24 Jahre meines Lebens hatte ich in einer riesigen Stadt verbracht und immer geglaubt, Schneestürme heulten nur in Romanen. Nun stellte sich heraus, daß sie tatsächlich heulen. Die Abende sind hier ungewöhnlich lang, die Lampe spiegelte sich unter ihrem blauen Schirm im schwarzen Fenster, und ich kam ins Träumen, als ich so auf den Fleck blickte, der linker Hand von mir leuchtete. Ich träumte von der Kreisstadt, vierzig Werst von mir entfernt. Wie gern wäre ich von hier dorthin entflohen. Dort gab es Strom, vier Ärzte, mit ihnen könnte man sich beraten, jedenfalls wäre es nicht so schrecklich. Aber von hier wegzukommen, war undenkbar, und bisweilen begriff ich auch selbst, daß eine solche Flucht kleinmütig wäre. Schließlich hatte ich ja genau deswegen an der medizinischen Fakultät studiert… „Aber wenn sie jetzt eine Frau mit einer schweren Geburt bringen? Oder, nehmen wir an, jemanden mit einer eingeklemmten Hernie? Was mache ich da bloß? Lassen Sie es mich doch bitte wissen! Vor 48 Tagen habe ich die Fakultät abgeschlossen – mit Auszeichnung, aber eine Auszeichnung ist das eine, ein Bruch etwas anderes. Einmal schaute ich zu, wie ein Professor eine solche eingeklemmte Hernie operierte. Ich saß im Amphitheater. Und nun rann mir beim Gedanken an den Bruch der kalte Schweiß in Strömen das Rückgrat hinunter. Abend für Abend saß ich in der gleichen Pose und goß mir Tee nach: Links von mir lagen alle Handbücher zur operativen Geburtshilfe auf dem Tisch, oben auf der Kleine Döderlein, rechts zehn verschiedene Bände zur operativen Chirurgie mit Zeichnungen. Ich räusperte mich, steckte eine Zigarette an, trank von meinem kalten schwarzen Tee…

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Ganz so dramatisch würden ihren Seelenzustand die Gynäkologin Natalia Denissowa und die Neurologin Olga Jaschina sicher nicht beschreiben, aber die zweiwöchige Hospitation an den Universitätskliniken – wieder dankenswerterweise vermittelt und finanziert vom Serviceklub Rotary – hat schon auch etwas von einem Praxisschock gegenüber dem, was sie aus dem Krankenhausalltag in Wladimir – gleich ob in der Abteilung für Schlaganfälle oder im Kreißsaal – kennen, zumal sie sich ohne Dolmetscherbetreuung auf Englisch verständigen müssen. Eine nützliche und wichtige Erfahrung bekunden die Gäste vom Regionalkrankenhaus der Partnerstadt freilich beim gestrigen Empfang im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, selbst im Brotberuf Krankenschwester, und den beiden Kollegen, dem emeritierten Chirurgen von Weltruf, Werner Hohenberger, und Jürgen Zeus, Internist i.R. und Stadtrat. Und eine Erfahrung, die man gern auch dem Pflegepersonal ermöglichen möchte. Also wieder ein Ergebnis des Austausches, das ausstrahlt auf andere Bereiche. Eben bereichernd.
P.S.: Die „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow sind 2009 in der Sammlung Luchterhand auf Deutsch erschienen. Bei obiger Übersetzung handelt es sich um eine Ad-hoc-Übertragung.

 

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Man hat ihr schon so manchen hohen und höchsten Posten in der Verwaltung des Gesundheitswesen der Region Wladimir angeboten, aber, so Swetlana Makarowa, „ich kann doch meine Kinder nicht verlassen.“ Und so ist und bleibt die gelernte Pulmologin und Pädiaterin gern ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses, in dem junge Patienten aus dem ganzen Umland, so groß wie ganz Franken und die halbe Oberpfalz, bei schweren Erkrankungen medizinische Hilfe finden. Was ihr dabei besonders gefällt: An einem Tag in der Woche (einschließlich Nachtdienst) praktiziert sie selbst in ihrer Klinik, kennt also die Abläufe aus eigenem Erleben, sieht Schwächen und Stärken, weiß, wo Verbesserungen notwendig und möglich sind.

Wolfgang Rascher, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Um aber das Notwendige möglich zu machen, wendet sich Swetlana Makarowa an Erlangen, dessen Unterstützung sie seit Beginn der Aktion „Hilfe für Wladimir“ 1990 zu schätzen weiß, erst recht, seit sie vor elf Jahren zur Direktorin berufen wurde. An ihrer Seite hat sie dabei seit 1998 ihren Kollegen, Wolfgang Rascher, der bereits zwei Besuche in Wladimir hinter sich hat und dabei die Fortschritte vor Ort zu sehen bekam. Nun gibt er zwar Ende März endgültig die Leitung der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche an der FAU ab, verspricht jedoch: „Der Austausch geht weiter.“ Dafür steht auch jemand wie Patrick Morhart, ärztlicher Leiter der Neonatologie I, der seiner Besucherin erklärt, welche Geräte und Therapien man im Bereich der Hämodialyse für Früh- und Neugeborene einsetzt, etwas, das man bald auch in Wladimir einführen möchte. Darüber hinaus soll in der Partnerstadt eine ambulante Palliativversorgung für Kinder aufgebaut werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen seien zwar gegeben, aber es fehlten die Erfahrungen, meint die Kinderärztin, weshalb man gern die fast zehnjährige Expertise der deutschen Freunde nutzen möchte.

Wolfgang Rascher, Birgitt Aßmus, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Je länger die Gespräche am Montag dauern, desto mehr Ideen entstehen, und wenn man, wie etwa Stadträtin Birgitt Aßmus, über die Jahre beobachten konnte, wie positiv dieser Erfahrungsaustausch der Pädiater sich entwickelt, glaubt man auch an die baldige Umsetzung der Anregungen, die der Gast heute wieder mit nach Hause nimmt. Doch damit nicht genug, Swetlana Makarowa will auch Einblick nehmen in die Arbeit des Gesundheitsamtes, das am Tag ihres Besuches gerade vor 99 Tage ins Landratsamt eingezogen ist.

Swetlana Makarowa und Frank Neumann

Was Swetlana Makarowa von Frank Neumann, promovierter Mediziner aus dem Vogtland, der in Erlangen studierte und die Behörde seit Herbst 2015 leitet, erfährt, kennt sie so von der eigenen Gesundheitsadministration nicht: Man hat hier eigene Ärzte, die Untersuchungen machen und Gutachten erstellen, man entlastet die Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte, indem Assistenten die medizinischen Einschulungstests machen, man bietet anonyme Geburten und Schwangerschaftsberatung an… So viel wird hier anders gemacht, daß die Besucherin ihren Kollegen möglichst bald in Wladimir begrüßen möchte, um im größeren Fachkreis von seinen Zuständigkeiten zu berichten. Da gäbe es in vielen Bereichen – etwa bei der HIV-Problematik oder bei der TBC-Vorbeugung und Impffrage – Erfahrungen, die man nutzen könnte. Nützlich dabei könnten sicher auch die Russischkenntnisse des Gastgebers sein.

Christine Delfs, Swetlana Makarowa, Ulrike Rascher und Susanne Schmid

Christine Delfs muß in dieser Hinsicht dieses Mal passen. Bisher hatte sie in ihrer 4. Klasse an der Heinrich-Kirchner-Schule immer Kinder, die aus russischsprachigen Familien kamen. Nun ist da nur noch ein Junge, der aber selbst kein Russisch mehr spricht. Aber ausschlaggebend ist das ja nicht. Sie will ihre Aktion unbedingt fortsetzen, die sie 1999 mit Taschengeldspenden für das Kinderkrankenhaus Wladimir begonnen hatte und die mittlerweile mit dem Pausenverkauf von Leckereien aus der elterlichen Küche im Advent regelmäßig dreistellige Summen erbringt, mit denen Swetlana Makarowa bedürftige Patienten unterstützt oder Mal- und Bastelutensilien kauft. Denn es gehen immer wieder auch Bilder und Zeichnungen hin und her. Und wenn Christine Delfs eines Tages in Ruhestand geht, übernimmt diese Tradition – so vereinbarte man das im Beisein von Schulleiterin, Susanne Schmid – nach dem Motto „Familientradition verpflichtet“ Ulrike Rascher, Tochter des Professors für Kinderheilkunde. So schließen sich Kreise.

Soroptimist-Präsidentin Christine Faigle, Swetlana Makarowa, Rentia van Eldik und Doris Lang

So ein Kreis schließt sich auch beim Treffen mit den Schwestern von Soroptimist International, wo Swetlana Makarowa Mitglied ist. Der Serviceklub organisierte ja bereits die Ausstellung „Heimat“ mit dem Kinderkrankenhaus und richtete den ersten gynäkologischen Behandlungsraum für Mädchen in der Region Wladimir ein. Nun erhielt die Besucherin wiederum eine Spende für ihre Klinik, und schon im November will Doris Lang sich selbst ein Bild von der Partnerstadt machen und den Kontakt mit Soroptimist Wladimir ausbauen.

Susanne Lender-Cassens und Swetlana Makarowa

Am Ausbau dieser Verbindungen möchte auch Susanne Lender-Cassens verstärkt mitwirken. Bereits zu der Zeit, als sie noch als Krankenschwester am Universitätsklinikum arbeitete, schickte sie regelmäßig medizinisches Verbrauchsmaterial an das Kinderkrankenhaus. Nun versucht sie, dabei zu helfen, den Austausch von Pflegepersonal voranzubringen. Und Swetlana Makarowa kann der Bürgermeisterin auch schon eine erste Kandidatin benennen, die sie gerne für eine Hospitation nach Erlangen schicken würde. Und überhaupt – wen wundert das noch? – kann sie mit Stolz berichten, eine ihrer Krankenschwestern habe unlängst den ersten Preis bei einem regionalen Wettbewerb gewonnen. An Können und Motivation fehlt es da sicher nicht.

Christine Hetterle und Swetlana Makarowa

Woran es aber leider noch mangelt, ist eine Unterbringungsmöglichkeit für Eltern, deren Kinder – vor allem wegen onkologischer Erkrankungen – für einen längeren Zeitraum auf Station bleiben müssen. Zwar wurden mit Hilfe von Soroptimist einige Krankenzimmer und Räume für diese Bedürfnisse eingerichtet, aber es bräuchte etwas in der Art wie das Ronald-McDonald-Haus in Erlangen. Sicher ein noch langer Weg, aber, mit den Erfahrungen und Erläuterungen von Christine Hetterle im Gepäck, macht sich Swetlana Makarowa ermutigt und zuversichtlich heute auf die Heimreise. Wer, wie sie, erfolgreich die Bauchfelldialyse von Erlangen nach Wladimir übertragen hat, wird auch Behörden und Politik von der Notwendigkeit eines Gästehauses oder der Einführung einer palliativen Ambulanz für Kinder überzeugen.

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„Wie hätte ich denn da zu Hause bleiben sollen?! Da gab es doch gar keinen Zweifel“, erwiderte gestern Swetlana Makarowa mit ihrem so gewinnenden Lächeln die erstaunten Fragen, warum sie denn eigens den weiten Weg nach Erlangen auf sich genommen habe, um an der gestrigen Abschiedsfeier für Wolfgang Rascher teilzunehmen. „Wir haben in Wladimir ihm und seinem ganzen Haus unendlich viel zu verdanken, und dafür meine Verbundenheit zu zeigen, ist kein Weg zu weit.“

Wolfgang Rascher, Swetlana Makarowa und Dieter Wenzel

Die ärztliche Direktorin des Regionalen Kinderkrankenhauses in der Partnerstadt weiß, wovon sie spricht. Als Pulmologin nahm sie vor drei Jahrzehnten dort die Arbeit auf und erlebte 1990/91 als stellvertretende Leiterin der Klinik den Beginn der Aktion „Hilfe für Wladimir“, für ihr Haus koordiniert von Dieter Wenzel, mit all den Lieferungen von medizinischem Gerät, Medikamenten, Lebensmitteln, Verbrauchsmaterial, begleitet von Hospitationen und Fortbildungen an der Klinik mit Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Erlangen.

Swetlana Makarowa, Elisabeth Preuß und Florian Janik

Seit elf Jahren leitet sie nun selbst das Krankenhaus mit 325 Betten, wo Kinder aus der ganzen Region behandelt werden. Und das immer besser – seit der Zusammenarbeit Erlangen, die Erfolge von der Einführung der Peritonealdialyse bis zu den Standards bei der Krebstherapie aufzuweisen hat.

Swetlana Makarowa und Peter Steger

Aber, man merkt es der Pädiaterin an, es ist mehr als nur die materielle Hilfe und der Wissenstransfer, für den sie zu danken kam. „Es geht tiefer, viel tiefer“, betont sie denn auch in ihrem Grußwort, das sie auch an die Stadtspitze, prominent vertreten durch Oberbürgermeister, Florian Janik, und Bürgermeisterin, Elisabeth Preuß, die beide die Klinik in Wladimir und die kindermedizinische Erfolgsgeschichte kennen. Dieses „Tiefer“ darf man getrost Freundschaft nennen, Verbundenheit, die mit dem gestrigen Tag nicht endet. „Es geht weiter“, bestätigte diesen Eindruck der nach 20 Jahren im Amt des Klinikdirektors scheidende Wolfgang Rascher. „Und jetzt habe ich ja mehr Zeit, auch für Wladimir.“

Swetlana Makarowa und Wolfgang Rascher

Da fügt sich auch das Geschenk ins Bild, ein Gemälde des Goldenen Tors, als „Anerkennung für einen goldenen Menschen, der hoffentlich bald wieder kommt und durch das Goldene Tor in unsere Stadt tritt.“ Noch aber darf der Gastgeber nicht abtreten. Der bereits berufene Nachfolger bog im letzten Augenblick in eine andere Richtung ab, und so wird Wolfgang Rascher, dessen segensreichem Wirken die Erlanger Nachrichten gestern eine ganze Seite widmeten, noch bis März 2019 weiter die Geschicke seiner Klinik leiten.

Swetlana Makarowa und Klemens Stehr

Wenn schon der Nachfolger nicht im Publikum saß, dann doch der Vorgänger, Klemens Stehr, von 1977 bis 1998 Direktor der Klinik, unter dessen Ägide die Zusammenarbeit mit Wladimir ja begann, und der, bereits emeritiert, 2001 die Partnerstadt im Rahmen einer Rotary-Delegation besuchte. Für Swetlana Makarowa ein besonderer Tag, bewegend, tiefergehend…

Und hier geht es zum Reisebericht von Wolfgang Rascher: https://is.gd/9bQwhm

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Nach dem letztjährigen Medizin-Besuch der universitären Palliativmedizin mit Wladimir gestaltete sich der diesjährige Austausch etwas kleiner und weniger offiziell. Durch meine Bekanntschaft mit dem Allgemeinarzt Jürgen Binder und seiner Frau Heidi hatte ich schon öfter von den Fahrten in die Partnerstadt gehört, so natürlich auch von der letzten Reise, die ein Kommilitone begleitete. Die Nachfrage, ob ich denn dieses Jahr mitfahren möchte, freute mich umso mehr – wann kommt man schon einmal in die Russische Föderation. Eigentlicher Hintergrund der Fahrt war ein Sozialpraktikum einer dreiköpfigen Schülergruppe aus der Waldorfschule, wo Heidi Binder bis vor kurzem noch unterrichtete. Nachdem meine Mitreise beschlossene Sache war, bekam ich zügig den Kontakt zu Iwan Seliwjorstow, einem Radiologe aus Wladimir, der den vorhergehenden Medizinstudenten beherbergte und sich nun um ein Programm für mich kümmerte. Alsbald brachen wir schon auf, am 3. Juni in aller Früh stieg unsere kleine Delegation in den Flixbus Richtung Flughafen München und kam, im Gegensatz zum Vorjahr, ohne besondere Vorkommnisse in Moskau an. Unser erster Moskauaufenthalt dieser Reise gestaltete sich kurz: Airport-Express, Metro, Zug nach Wladimir. Die Schülergruppe, zwei Mädchen und ein Junge, wurden von ihren Gastfamilien in Empfang genommen, und Familie Binder und ich begaben uns in Richtung Erlangen-Haus.

Nächtliche Ankunft im Erlangen-Haus

8.30 Uhr Montag, ich mache mich auf den Weg Richtung Kreiskrankenhaus Wladimir. Iwan erwartet mich und führt mich kurz durch seine radiologische Abteilung, um mir darauf die Garderobe zu zeigen und mit den Worten „Du kommst ja wieder“ einen Klinikschlüssel in die Hand zu drücken. Anschließend begeben wir uns Richtung Traumatologie, in der ich am ersten Tag eingeteilt bin. Erste Auffälligkeit im Vergleich zu Deutschland: Die Gänge sind breit und leer, keine Visitenwägen oder sonstiges Mobiliar stehen herum. Auch die Krankenzimmer beschränken sich meist auf zwei bis vier Betten und weiter nichts, man möchte fast sagen karg. Nachdem mich Iwan, der übrigens Englisch und auch Deutsch spricht, an die Traumatologen übergeben hatte, wurde ich erst einmal zu Tee und Keksen ins Arztzimmer eingeladen. Dieses ist ein mittelgroßer Raum von vielleicht 25 qm voll aneinandergedrängter Holzschreibtische mit einem Schrank und einer kleinen Sofaecke. Nach kurzer Vorstellungsrunde gingen wir geradewegs Richtung Operationssaal, der sich als großer, gekachelter Raum mit breiter Fensterfront im obersten Stockwerk herausstellte. Daran angeschlossen gibt es an der einen Seite einen Vorraum mit integrierter Umkleide, Aufenthaltsraum und Materialienlager, an der anderen einen großzügigen Waschraum mit angeschlossener Sterilisationskammer. Im Saal selbst waren zwei Arbeitsplätze, ein Operationstisch und ein Endoskopietisch sowie die anästhesiologische Patienteneinleitung nebeneinander. Wenn möglich, werden hier alle Eingriffe in Rückenmarksanästhesie durchgeführt, des einfacheren Überwachungsaufwands wegen. Kurze Irritation erzeugen die geblümten sterilen Abdecktücher aus Baumwolle, die an Omas Tischdecken erinnern und mangels Klebefläche auch mal kurzerhand am Patienten festgenäht werden. Schon beim folgenden Punkt des OP-Plans durfte ich mit an den Tisch, eine Hüftendoprothese. Wenn man sich erstmal an die Blümchendecken und den wachen Patienten gewöhnt hat, ist der eigentlich Operationsablauf genau wie bei uns, von der Lagerung bis zur Prothese. Vor dem nächsten Eingriff geht es kurz zurück ins Arztzimmer, Tee trinken und Schokolade essen. So zeigte sich hier, wie im Grunde bei allen folgenden Erlebnissen in russischen Krankenhäusern, wie die russischen Pflegekräfte und Ärzte mit eingeschränkten Mitteln versuchen, das Beste herauszuholen. Nicht mangelt es dabei an medizinischem Material oder schlicht Geld. Eine abschließende Beurteilung kann und will ich mir gar nicht erlauben, die Statistik wäre natürlich sehr interessant. Bei den folgenden Krankenhausaufenthalten habe ich darüber hinaus gelernt, wie der russische Patient mitunter noch etwas mehr zu leiden hat, wenn Untersuchungen ohne Betäubung durchgeführt werden. Manchmal fällt auch eine Untersuchungsart für mehrere Wochen aus, weil es keine Ersatzteile für das entsprechende Gerät gibt. Doch genug von der Medizin.

Wolga und Oka in Nischnij Nowgorod

Wir haben auch das Land näher kennengelernt und waren drei Tage in Nischnij Nowgorod, einer Millionenstadt, wo Wolga und Oka zusammenfließen. Der obligatorische Besuch in der Klosterstadt Susdal stand natürlich auch auf dem Programm, für weitere Eindrücke in diese Richtung möchte ich auf die zahlreichen Einträge im Blog Erlangen-Wladimir verweisen.

Im Moskauer Kreml: Glockenturm Iwan der Große

Das mittlere Wochenende unseres Aufenthalts verbringen wir in Moskau und können freundicherweise bei dem Ehemann einer Kollegin von Heidi Binder wohnen, der für einige Jahre in Moskau arbeitet. Ausgestattet mit einem Anlaufpunkt 30 Fußminuten vom Kreml entfernt, können wir so leicht die Stadt erkunden und haben einen ausgesprochen freundlichen Reiseführer für die drei Tage. Vielen Dank noch einmal an David.

Nacht über Moskau

Zurück in Wladimir verbringe ich die zweite Woche bei einer Gastfamilie, Iwan und Alexandra, ein Feuerwehrmann und eine Krankenschwester. Ich darf das Kinderzimmer bewohnen, da ihre Tochter die Sommerferien mit der Oma auf der Datscha verbringt. Die beiden kümmern sich wirklich übermäßig gut, man bekommt schon fast ein schlechtes Gewissen, wenn man weiß von welchem Gehalt staatliche Angestellte hier leben müssen. Langsam, aber sicher, schickt die WM ihre Vorboten voraus. Schon in Moskau fielen die immer größer werdenden Touristengruppen aus aller Welt auf. Schließlich fallen unser letzter Abend und das Eröffnungsspiel der WM aufeinander, ein Grund für uns, mit allen Gastfamilien zum Public Viewing in Wladimir zu gehen und sie danach zum Abschiedsessen einzuladen. Beim Public Viewing gibt es hier übrigens Alkoholverbot – so kann man sich die Veranstaltung eher wie ein Familienfest mit vielen Essensständen und Sitzgelegenheiten für alle vorstellen.

WM-Auftakt in Wladimir

Abschließend möchte ich betonen, wie sehr mir die zwölf Tage gefallen haben. Einige Dinge waren so, wie ich es erwartet hatte, andere gar nicht. Vor allem im Gedächtnis bleibt die unglaubliche Gastfreundschaft mit der einem begegnet wird. Es gibt Pläne des allgemeinmedizinischen Lehrstuhls im nächsten Jahr eine Delegation nach Wladimir zu entsenden, ich kann nur jedem Kommilitonen, der auch nur ein klein wenig Interesse besitzt, raten sich anzuschließen und eine schöne Zeit in unserer Partnerstadt zu verbringen.

Fabian Frank

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Es gibt ungezählte Menschen in Wladimir, bei denen man sich nicht zu Gast, sondern zu Hause fühlt. Aber ein Besuch bei Guram Tschjotschjew trägt doch eine besondere Note. So oft man auch schon der Einladung des Orthopäden gefolgt sein mag, dieser Hohepriester der kaukasischen Gastfreundschaft hält immer wieder eine Überraschung parat, dieser Großmeister der Tischreden sprengt das eine um das andere Mal jede Vorstellung.

Peter Steger und Guram Tschjotschjew

So auch gestern abend, als er die Mappe der Stadt Erlangen mit dem Arbeitsprogramm für die erste große Ärztedelegation im April 1991 präsentiert. Der heutige 58jährige Professor von Weltruf war damals der jüngste in der Gruppe, aber wohl auch der lernbegierigste, der seine Deutsch-Lektionen bis heute beherrscht. Neben all dem Fachlichen – er bezeichnet sich als Vertreter der „deutschen Schule“ – lernte der Nordossete vor allem eines: die ethische Verantwortung gegenüber dem Patienten. Sein Lehrmeister damals am Waldkrankenhaus – Dietrich Hohmann, der, bereits 62 Jahre alt, eine junge Frau, die sich vor einen Zug geworfen und dabei alles gebrochen hatte, was sich nur brechen läßt, 26 Stunden lang operierte und rettete. „Nur um auszutreten oder eine Tasse Kaffee zu trinken verließ der Professor den OP“, erinnert sich der Gastgeber mit Bewunderung. „Und wie oft legen heute Ärzte schon nach zwei oder drei Stunden das Besteck beiseite und behaupten, es sei nichts mehr zu machen…“

Arbeitsprogramm für Ärztedelegation April 1991

 

Guram Tschjotschjew im Freundeskreis

Damals, in Erlangen, lernte der Hobby-Diätologe auch den Wert des Geldes schätzen. 120 DM erhielten die via Moskau und Prag per Bahn angereisten Gäste zur Begrüßung in einem Umschlag. Damals, vor fast drei Jahrzehnten, als es in Wladimir sogar Zündhölzer nur gegen Bezugsscheine gab, eine „phantastische Summe, für die alle anderen in der Gruppe kräftig einkauften.“ Guram Tschjotschjew hingegen, der sich sogar noch an die Stückelung des Betrags erinnert, schickte je einen Zehn-Mark-Schein an zwei Freunde, die bis heute die Banknoten als Talisman in ihrem Portemonnaie mit sich tragen. Und den Rest? Den steckte er in den Bau seines Hauses, in dem er heute all die Gäste aus Erlangen empfängt. Welch eine Investition in die Partnerschaft, in die Freundschaft!

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Von allen Medizinkontakten zwischen Erlangen und Wladimir erweisen sich die Verbindungen der Pädiatrie als die beständigsten. Seit 1990 im Kinderkrankenhaus die ersten Hilfskonvois eintrafen, besteht auch der ärztliche Austausch zwischen den Partnerstädten, und seit 1999 spendet auf Initiative von Christine Delfs, Lehrerin an der Heinrich-Kirchner-Schule, alle Jahre wieder in der Adventszeit ihr Taschengeld bzw. verkauft Leckereien in der Pause zu Gunsten der kranken Kinder in Wladimir. 300 Euro sind dieses Mal zusammengekommen, eine Rekordsumme, die vor allem auf der Krebsstation Freude machen soll, wie Swetlana Makarowa, ärztliche Direktorin des Krankenhauses, bei der Übergabe versichert.

Peter Steger und Swetlana Makarowa

Gebastelte, gezeichnete und gemalte kleine Kunstwerke gehen im Gegenzug als Dankeschön nach Erlangen. Aber auch schon als Grundstock für eine Ausstellung, die 2019 zum zwanzigjährigen Jubiläum der Aktion an der Heinrich-Kirchner-Schule zu sehen sein wird. Wie eng die kreative Bewältigung der Krankheit hier Erlangen und Wladimir verbindet, zeigen die vielen Bilder in den Korridoren, die 2008 im Rahmen des Projekts „Heimat“ entstanden, wo, unterstützt von Soroptimist International, Kinder Einblicke in ihre Vorstellung von Heimat gaben.

Weltkarte der Kinder mit Swetlana Makarowa und Peter Steger

Eine Freude für alles Sinne ist es mittlerweile, die Klinik zu besuchen: hell und farbenfroh die Gestaltung und patientenorientiert die Verwaltung. Vorbei die Zeiten der Warteschlangen. Bei der Anmeldung bekommt man zentral alle notwendige Auskunft bis hin zur Terminvergabe.

Anmeldung

Und die Ausstattung? Auch die mittlerweile auf modernstem Niveau. Dabei war man ohnehin immer vorne mit dabei. Etwa als – ebenfalls im Rahmen einer Aktion von Soroptimist International – 2001 hier ein gynäkologisches Behandlungszimmer für Mädchen eingerichtet wurde. Das erste seiner Art in der ganzen Region. Erst in jüngster Zeit gibt es diese Angebote auch andernorts, die Politik hat am Beispiel von Wladimir landesweit die Notwendigkeit solcher Beratungs- und Therapiemöglichkeiten für junge Frauen verstanden und handelt nun.

Gynäkologisches Behandlungszimmer für Mädchen

Nur ein großer Wunsch ist noch nicht erfüllt: das Perinatalzentrum für Wladimir. Zwar, so Swetlana Makarowa, sei man stolz, mittlerweile sogar Frühgeburten mit einem Gewicht von 450 Gramm gesund groß zu bekommen, aber es bleibe noch einiges in der Neonatologie zu tun. Möglichst gemeinsam mit den Kollegen aus Erlangen, von denen man schon so vieles gelernt und übernommen habe.

Heimat

Für diese Erfolge steht eine kontinuierlich sinkende Kindersterblichkeit. Auf 1.000 Geburten kommen statistisch nur noch fünfeinhalb Todesfälle. Schon ganz nah an den Daten für Deutschland, die bei etwa dreieinhalb Toten liegen – und weit entfernt von den fast zweistelligen Zahlen aus den 90er Jahren. Schön, wenn die Partnerschaft dazu – etwa mit den ersten Inkubatoren oder einem Rettungswagen – etwas hat beitragen können.

Heimat

Als Pjotr Dik im August 2002 in Worpswede während eines Studienaufenthalts unerwartet mit gerade einmal 63 Jahren verstarb, hinterließ der deutsch-russische Künstler seiner Witwe, neben all seinen Graphiken und Gemälden auch das gemeinsam erbaute Haus in Susdal. Von hier aus organisiert Kira Limonowa bis heute Ausstellungen ihres Mannes im ganzen Land.

Das Haus von Peter Dik

Aber hier, bei der Architektin des Erlangen-Hauses, gehen auch nach wie vor Musiker, Maler und Meister des Wortes ein und aus – wie die Lyrikerin Jekaterina Zwetkowa, die auch als Filmemacherin tätig ist und der italienisch-spanischstämmige Nicolas Celoro, in Paris geboren, und derzeit als Pianist auf russischen Bühnen zu erleben. Der kosmopolitsche Komponist arbeitet derzeit an einem Werk über Susdal. Bis zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaft mit Rothenburg im Sommer dürfte der Maestro die Arbeit zwar kaum abschließen, aber vielleicht ist sie ja später einmal in Erlangen zu hören. Bis dahin begnügen wir uns mit einem Epigramm von Jekaterina Zwetkowa:

Nicolas Celoro, Kira Limonowa, Jekaterina Zwetkowa und Peter Steger

Ich fand im Schreibtischfach auf einem Fetzen Papier die Notiz: Ich lebe, wenn ich Gedichte schreibe, einfach einer Eingebung folgend, schlicht in die Welt hineinhörend… Mehr noch liebe ich es, zu schweigen und in der Stille zu verharren. Und wenn man einen andern schätzt und mag, ist man mit ihm schweigend viel glücklicher, weil die Worte… Sie sind zu einer gewaltigen zerstörerischen Kraft geworden.

Blickfang in Susdal an der Kamenka

So soll denn auch dieser Bericht mit einem stillen Blick auf Susdal glücklich enden.

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