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Posts Tagged ‘deutsch-russische Versöhnung’


Im Rahmen des Projekts „Kriegskinder“ und passend zum heutigen Internationalen Frauentag veröffentlicht der Blog wieder einmal eine jener unglaublichen Geschichten, wie sie nur das Leben schreibt. Aber lesen Sie selbst!

Ich bin 1936 geboren und habe drei jüngere Schwestern; unsere sechsköpfige Familie wohnte seit 1939 in einem östlich gelegenen Vorort von Berlin. Dort erlebten wir die Kriegszeit, relativ unbeschadet; nur einmal trafen Brandbomben unser Haus, richteten aber zum Glück nur geringen Schaden an.

Anfang 1945 aber wurde die Situation bedrohlich – „Die Russen kommen!“ Auch wir Kinder spürten die nahende Gefahr: Meine Schwester und ich vergruben unsere kostbarsten Spielsachen zum Schutz im Garten…

Unser Vater war zu den Soldaten eingezogen, und unsere Mutter hatte unsere beiden jüngsten Schwestern bei Bekannten in einem Kinderheim im Harz in Sicherheit gebracht.

Beim Einmarsch der Sowjetarmee tat sich unsere Mutter mit einer Freundin zusammen (sie hatte zwei Töchter etwa im Alter meiner nächstjüngeren Schwester und mir) – zu sechst hockten wir nächtelang, zitternd vor Angst, im Keller, während unsere Häuser von den Soldaten geplündert und verwüstet wurden. Und eines Nachts erschien eine Schar lärmender Russen im Keller: „Frau, komm!“ Unsere Mütter weigerten sich. Und als die Situation immer bedrohlicher wurde, sagten sie schließlich in ihrer Angst und Hilflosigkeit: „Nein, wir kommen nicht. Dann erschießt erst die Kinder und dann uns!“ Da brachen wir Kinder in Todesgeschrei aus – und in meiner Erinnerung gibt es einen Filmriß…

Nächste Szene: Alles ist verändert, die Russen sitzen friedlich, deutlich gerührt an unseren Kinderbetten und zeigen uns die Bilder ihrer Kinder! Die Gefahr war gebannt.

Sabine und Barbara, Februar 1946, Ahrendsee

1946 floh unsere Mutter mit uns beiden Schwestern in den Westen in die Lüneburger Heide, wo sich unsere Familie komplett wieder zusammenfand; zuerst bei Freunden, da das aber zu eng wurde, bei einer weiteren Familie, die zwei Zimmer für uns abgab. Wir führten ein gutbürgerliches Leben. – Aber die Erinnerung an jene nächtliche tödliche Bedrohung durch die russischen Soldaten saß offenbar ganz tief in mir: Als ich etwa im Jahr 2005 unvermutet in einen auf Russisch gehaltenen Vortrag geriet, mußte ich fluchtartig den Saal verlassen – ich war von panischer Angst überschwemmt.

Einige Wochen später war mir klar: So kann und will ich nicht weiterleben! Auch Russen sind Menschen!

Über eine Einrichtung in Berlin, Kontakte – КОНТАКТ-КОНТАКТЫ e.V., die sich aktiv für Wiedergutmachung und Verständigung zwischen Deutschen und Russen einsetzt, bekam ich die Adresse eines früheren russischen Soldaten, der sich einen Briefwechsel mit jemandem aus Deutschland wünschte. So kam ich in Kontakt mit Anatolij aus Moskau. Im Lauf der Monate gewann der Briefwechsel an Herzlichkeit, wir gingen vom „Sie“ zum „Du“ über. Freilich kam in Ehrlichkeit auch gelegentlich die Vergangenheit zu Wort: Als ich Anatolij fragte, woher er seine Briefe auf Deutsch schreiben könne, antwortete er: „Habe ich Deutsch gelernt auf besondere Universität – war deutsche Kriegsgefangenschaft.“ Bewundernswert, wie er das ohne Groll schrieb; er war mit 24 Jahren in Berlin in Gefangenschaft geraten.

Allmählich wuchs in Anatolij und mir der Wunsch nach einer persönlichen Begegnung. So faßte ich für den Februar 2009 einen Besuch in Moskau ins Auge. (Mein erster und einziger Besuch in Rußland.) Mich begleitete meine Tochter, die dank ihres Slawistik-Studiums Russisch spricht. (Anm. d. Red.: Der Tochter, Uta Blumberg, verdanken wir auch diesen Bericht.)

Und dann durften wir beide einen Nachmittag lang – von 13 bis 17 Uhr – Gäste sein bei Anatolij und seiner Frau Galina. Eine unvergeßliche Begegnung! Der 88jährige Veteran und seine nur wenig jüngere Frau empfingen uns mit überwältigender Gastfreundschaft! In ihrer winzigen Wohnung, die neben Mini-Küche und WC nur aus einem einzigen Raum (zum Essen, Schlafen, Lesen!) bestand, erwarteten uns zwei üppige Mahlzeiten und liebevollste Geschenke, neben einem riesigen Pralinenkasten, zwei von Anatolij selbstgeschriebene Bücher und zwei großformatige, von Galina selbst gestaltete Wandbilder! Vertrauensvolle Gespräche waren möglich. Es herrschte eine ergreifende Atmosphäre von Freundschaft und Nähe.

Was für ein Geschenk!

Springorum 2

Anatolij und Sabine, Februar 2009, Moskau

Nach unserer Rückkehr aus Moskau setzte sich der herzliche Briefwechsel zwischen Anatolij und mir fort; er vertiefte sich noch, als seine geliebte Galina wenige Jahre später starb. Und kurz danach enthielt Anatolijs Brief den Satz: „Sabine, bitte komm nach Moskau – ich möchte Dich heiraten!“

Das habe ich natürlich freundlich abgelehnt, doch es tat dem Briefwechsel zum Glück keinen Abbruch.

Seit Anfang 2016 blieben Anatolijs Briefe aus; sein Leben wird zu Ende gegangen sein…

Aber mir bleibt die große Dankbarkeit dafür, daß ich diesen Menschen kennenlernen durfte – einen Russen, aber vor allem: einen Menschen!

Sabine Springorum, aufgezeichnet Oktober 2019

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Gestern hier im Blog der Friedensbrief des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelknogow, heute die Kranz-Friedenstour von Stefan Semken, der nach bisherigem Plan vom 2. Mai bis Mitte August mit zwölf Motorrädern 38 Städte anfahren wird, um im 75. Jahr des Kriegsendes die deutsch-russische Versöhnung sichtbar zu machen. Auch wenn eine Erlanger Delegation am 9. Mai einen eigenen Kranz in Wladimir niederlegen wird, könnte, so mit dem Initiator besprochen, die rollende Mission am 13. Mai, auf ihrem Weg von Nischnij Nowgorod nach Moskau, auch in der Partnerstadt einen Zwischenhalt einlegen und Ihren persönlichen Kranz niederlegen. Vielleicht aber haben Sie auch eine persönliche Bindung zu einem der anderen angefahrenen Orte. Doch lesen Sie erst einmal den Brief und vor allem den pdf-Anhang. Lesen Sie und staunen Sie, was persönliche Initiative alles an Gutem bewirken kann:

Florian Janik, Oberbürgermeister von Erlangen, bei seiner Ansprache am 9. Mai 2015 auf dem Platz des Sieges in Wladimir

Liebe Freunde der D-RU-Völkerverständigung,

mein Name ist Stefan Semken. Ich bin seit 60 Jahren Bremer und habe vor fast zwei Jahrzehnten meine Ehefrau und meine Zweitheimat hinterm Ural gefunden.

Dort halte ich mich jedes Jahr zwischen April und Oktober auf und widme mich der Völkerverständigung zwischen Rußland und dem Rest der Welt – momentan nicht der einfachste Job.

Freunde aus der ganzen Welt unterstützen mich dabei, wenn ich Charity-, Kultur- oder Sozialprojekte plane und verwirkliche. Die Russen danken es mir auf ihre Weise: Ich war der einzige Deutsche, der 2015 öffentlich am 9. Mai auf zwei Paraden sprechen durfte; über 500 Russen gaben mir ein Mandat, damit ich ihre Interessen vor dem EU-Parlament vertreten in einer Umweltschutzangelegenheit konnte, RU-TV-Interviews, etc. Bei Interesse finden Sie weitere Informationen auf meiner Webseite: www.d-ru-schba.jimdosite.com

Für das Jahr 2020 plane ich neun kleinere neue Völkerverständigungsprojekte. Hier soll aber nur bezüglich Projekt Nr. 9 die Rede sein, weil ich dieses ohne Hilfe aus Deutschland allein nicht verwirklichen kann. Es geht um eine Kranz-Friedenstour 2020, die uns nach Rußland, Weißrußland und Kirgistan führen wird.

Für diese Tour suche ich Personen, Firmen oder Vereine die auf den Schleifen genannt werden möchten. Mein Hamburger Freund, Jürgen Grieschat, und ich suchen deutsche Partner, die eine besondere Beziehung zu Rußland, Weißrußland oder Kirgistan und/oder zu der dortigen Bevölkerung haben. Durch uns soll Ihnen die einmalige Möglichkeit gegeben werden, zum 9. Mai 2020 in 45 Städten Rußlands und Weißrußlands der ansässigen Bevölkerung vor Ort Ihre Anteilnahme auszudrücken.

Eine ausführliche Tourbeschreibung ist als PDF angehängt.

Kurze Ergänzung: Es geht nicht um Geld – es geht um MITMACHEN! Zögern Sie bitte nicht, mich bei aufkommenden Fragen zu kontaktieren.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Idee unterstützen. Im Gegenzug garantieren wir, daß die Tour professionell, unpolitisch und in Demut durchgeführt wird.

Viele Grüße aus Bremen

Stefan Semken +49 421 2080 5212   ||   +49 1520 725 15 30

Kranz_Tour_RU 2020

P.S.: Fernmündlich und per E-Mail teilte Stefan Semken noch Details mit, die seine Mission weiter konkretisieren:

  • Vom Bürgermeister der Stadt Linz (A) bin ich beauftragt, einen Linz-Kranz in Nischnij Nowgorod abzulegen;
  • die Eberhard-Schöck-Stiftung macht mit;
  • die DIHK aus Berlin, vertreten durch Maxi Hülsen, informiert demnächst ihre über 900 D-RU-Alumni über meine Tour;
  • das ARD-Studio Moskau, vertreten durch Kristina Romanowa, will uns etwa drei Tage in und um Wolgograd begleiten; es sind Live-Übertragungen auf PHÖNIX am 9. Mai und ein Bericht im WELTSPIEGEL am 10. Mai geplant;
  • ein Abgeordneter des Bundestages wird als Privatperson neben vielen netten Menschen mehr aus Österreich, Rumänien, Italien, Ungarn und Deutschland erwartet.

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Das Datum 22. Januar 1942 hätte in meiner Todesanzeige stehen können: „19 Jahre alt, gefallen vor Moskau für Führer, Volk und Vaterland…“ Dabei wäre ich den Heldentod gar nicht gestorben, sondern ein Opfer der NS-Propaganda gewesen. Doch ein gütiges Schicksal hatte Einspruch eingelegt!

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow am 1. Dezember 2019

Noch am Vorabend hatten wir im Kameradenkreis an der Front diskutiert, ob man im Ernstfall in Gefangenschaft gehen solle. Anlaß war der Bericht eines gerade zu unserer Einheit gestoßenen Funk-Feldwebels, der um ein Haar den Partisanen in die Hände gefallen wäre. Wir alle waren uns einig in der uns immer wieder eingetrichterten Überzeugung: Die Russen machen keine Gefangenen! Schließlich habe man ja immer noch seine Waffe bei sich, mit der man Grausamkeiten durch Selbsttötung ausweichen könne!

Schon 15 Stunden später stand ich vor eben dieser Situation: Bei 42° C Kälte in etwas verstärkter Sommeruniform bezog ich nachts für zwei Stunden einen Horchposten. Da schnitt uns dreien eine Skipatrouille den Rückweg ab. Die halbe Nacht irrten wir in der eisigen Schneewüste umher, um unsere Einheit wiederzufinden.

Im Morgengrauen wurden meine beiden Kameraden von einem Trupp zu Pferde vor meinen Augen aufgegriffen. Etwa drei Stunden später bemerkte ich, wie ein Skitrupp auch meinen Spuren folgte, nun war die Zeit gekommen, sich Gedanken um die nächste – die letzte –  halbe Stunde zu machen. Die Diskussion am Vorabend war noch ganz lebendig. Flucht oder Verteidigung kamen nicht infrage. Mein Entschluß stand fest. es ging nur noch um das Wie! An meine Eltern, meine Heimat verbot ich mir, zu denken, denn das hätte mich von meinem Entschluß womöglich noch abgebracht.

Auf einer Waldlichtung trat ich mir ein Loch in den Schnee, setzte mich auf den Rand und nahm meinen Karabiner 98k nach dem Entsichern zwischen die Beine. Erst im letzten Moment, als die ersten „Russen“ ca. 5 m entfernt waren, drückte ich auf den Abzug…  Nichts… Völlige Verwirrung! Auf ein energisches „Ruki werch!“ hob ich die Hände, in der einen noch das Versager-Gewehr. Ein älterer „Mongole“ nahm es mir dann ruhig aus der Hand, legte mir seine auf die Schulter und sagte mir etwas im Tonfall Beruhigendes. Ich hatte es ausschließlich mit „Schlitzaugen“ zu tun, die bei uns für besonders grausam gehalten wurden… Ein normales Verhör mit einem Wörterbuch schloß sich an, ohne Gewaltanwendung, ohne Haß, pure Neugier, Gelächter über meine spärliche Bekleidung. Von den 25 R6-Zigaretten, die man mir abgenommen hatte, bekam ich noch etwa zehn zurück, nach Verteilung der übrigen an die Raucher! Eine wahrhaft anständige Behandlung, wie ich sie auch später noch auf weiten Strecken, besonders im Wladimirer Militärkrankenhaus und im Spezialhospital Nr. 388 für lungenkranke Kriegsgefangene in Moschga / Kasan erfuhr.

Die grauenhaften Verhältnisse an der Front, vertieft durch eklatante Mängel bei Bekleidung, Ausrüstung und Treibstoffversorgung, die abenteuerliche Art, wie ich „dem kriegerischen Geschehen entzogen worden war“ und der überraschend friedliche Empfang durch den Feind brachten mich schon nach Tagen, Wochen und Monaten der Besinnung zu Erkenntnissen, die das eingeübte Freund-Feindbild allmählich wanken ließen… In diesem Sinne hier noch einige Gedanken zum Thema „Frieden“:

In meinem ersten Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk trat im August 1942 ein deutscher Hauptmann mit der damals noch völlig unrealistischen Forderung nach einem unverzüglichen Friedensschluß auf. Er erntete (verhaltene) Buhrufe! Welche ungeheuren Verluste wären uns und der Welt erspart geblieben, wäre es damals wirklich zu einem akzeptablen Frieden gekommen!  Doch es bedurfte erst der totalen Niederlage, weiterer Millionen Toter und ungezählter Ruinenstädte, bis uns der Friede von außen aufgezwungen wurde!

In Deutschland und in der Welt hat vor 75 Jahren der Frieden Einzug gehalten, aber nicht überall gehalten. Noch vor Verheilen der alten Kriegswunden flammen in fast allen Teilen der Welt erneut Kriege und Bürgerkriege auf, die ein erschreckendes Maß angenommen haben, auch wenn sich – selten genug, wie für Libyen – Anfangserfolge für eine Befriedung andeuten.

Wir müssen in Deutschland jetzt erleben, wie die leid- und opfervollen Erfahrungen schon bei der zweiten und dritten Generation in großem Umfang verblaßt oder vergessen sind. Hier hat die Generation der Zeitzeugen in vielen Familien im Zuge einer Verdrängung zu wenig an Erlebtem vermittelt, während dieser „Stoff“ an den Schulen oft nur halbherzig unterrichtet wird. Und tatsächlich berichtete ja auch Julia Obertreis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa, bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Russisch-Deutschen Woche, sie müsse in den ersten Semestern in Sachen Zweiter Weltkrieg vielfach fast bei Null beginnen.

„Ohne die Völker lassen sich Kriege nicht führen“, lautete bis heute unsere Überzeugung. So kam der „Friede in Bewegung“ und ergriff unsere Städtepartnerschaften, die all die Absurdität von Kriegen beispielhaft aufzeigen. Nun sehen wir allerdings eine Entwicklung heraufkommen, welche die Bedeutung der Volksdiplomatie in kriegerischen Auseinandersetzungen schrittweise herabsetzen wird: Cyberkrieg, Drohneneinsatz, alles Entwicklungen, die es den ja von einer elementaren Friedenssehnsucht geleitet Menschen noch schwerer machen werden, sich für die Bewahrung des Friedens zusammenzuschließen und stark zu machen. Es könnte künftig noch größerer Staatskunst bedürfen, den Frieden gegen Unvernunft, Eroberungslust, Rachgier und Raffgier zu verteidigen! An dieser Stelle möchte ich meiner gefangenen Kameraden gedenken, denen das Glück der Heimkehr nicht mehr beschieden war.

Wolfgang Morell

Siehe u.a.: https://is.gd/ZSoFyA

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Gestern verstarb im Alter von 95 Jahren Pawel Mochow, der sich im Juni 1941 freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatte und nach Abschluß der zweijährigen Panzerfahrerausbildung an die Front ging. Vielfach dekoriert nahm der spätere Oberst an der Befreiung der Ukraine, Polens und der Tschechoslowakei teil. Den Sieg über die Wehrmacht erlebte er, verwundet, in Prag. Geboren 1923 in der Region Rjasan, diente Iwan Mochow noch in Rumänien, Moldawien, Moskau, Alma-Ata, am Aralsee und Bajkonur, bevor er sich 1970 in Wladimir niederließ und hier seinen Ruhestand genoß.

Iwan Mochow und Wolfgang Morell am 22. Juni 2011

1991 übernahm Pawel Mochow die Leitung des Wladimirer Veteranenvereins im Stadtteil Leninskij, 2005 wählte man ihn zum Vorsitzenden des Verbands der Frontkämpfer. Er war einer, die das Erinnern an die Schrecken des Krieges wachhielt – im Gespräch mit der jungen Generation und im Austausch mit den einstigen Feinden, den Veteranen aus Erlangen.

Wolfgang Morell, Iwan Mochow, Sergej Sacharow, Andrej Schochin, Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Preuß am 22. Juni 2011 auf dem Platz des Sieges

Ob öffentlich auf dem Platz des Sieges oder im privaten Gespräch, Pawel Mochow streckte den Deutschen immer die Hand zur Versöhnung aus und wünschte sich ein enges Bündnis zwischen beiden Ländern, um gemeinsam gegen die Vormacht der USA bestehen zu können. Auch wenn diese Hoffnung zu seinen Lebzeiten nicht mehr in Erfüllung ging, hat sich der Veteran in vorderster Front große Verdienste um die Verständigung zwischen Russen und Deutschen erworben. Wenn Wladimir morgen in der Kasaner Kirche auf dem Platz des Sieges von dem einstigen Rotarmisten Abschied nimmt, trauern mit den Angehörigen auch seine Freunde in Erlangen.

 

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Es war keine Erholungsreise, die mich in der Karwoche nach Wladimir und Nischnij Nowgorod geführt hatte, eher die beeindruckende Wiederkehr in ein Land, das mir mit seinen Menschen tief verbunden bleibt. Dabei war es sicher ein Risiko, in meinem fortgeschrittenen Alter, mit 95 Jahren, noch eine so lange Fahrt anzutreten. Manche zweifelten sogar an meiner Vernunft, aber die Erwartung, viele meiner Freunde und vor allem meine alte Freundin Schanna aus Zeiten der Kriegsgefangenschaft wiederzusehen, und das Angebot, mich auf den Wegen zu stützen und zu unterstützen, wischte alle meine Bedenken hinweg. Allen Helfern und Helferinnen herzlichen Dank! Meinen Entschluß habe ich nicht bereut, es war die Reise meines Lebens!

Wolfgang Morell und das Landschaftsbild der Schüler bei der Buchvorstellung in Wladimir

Das Echo, das ich bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ aus der Feder von Peter Steger erhielt, und das gestickte russische Landschaftsbild, das mir eine kleine Schülergruppe überreichte, haben mich sehr berührt. das hat mir altem Mann gutgetan! Die große Anzahl der Besucher und ihre Aufmerksamkeit deuten auf ein ungewöhnliches Interesse an den Lebensverhältnissen der deutschen Kriegsgefangenen hin. Ich hatte den Eindruck, die Kriegszeit stecke den Russen noch tief „in den Knochen“, während sie bei uns als „abgehakt“ gilt… Dennoch, von feindlicher Haltung habe ich nichts gespürt, trotz der offiziellen Linie der Regierung. Einige entschiedene Äußerungen aus dem Publikum in dieser Richtung bestätigten das.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, Schauspieler, Rose Ebding und Wolfgang Morell. Photo: Hans-Joachim Preuß

Eine kleine Episode: Mit einem befreundeten älteren Offizier stieg ich in einen Bus. Der Veteran zeigte dem Schaffner als Frontkämpfer seinen Ausweis, der ihm freie Fahrt gewährte. Der Schaffner nickt: „Frontkämpfer!“ – und mit Hinweis auf mich: „Und der?“ – Der Freund: „Auch Frontkämpfer“ –  Ich: „Aber auf der anderen Seite!“ Der Schaffner: „Ach, das spielt heute keine Rolle mehr.“ Ich hatte auch freie Fahrt.

Wolfgang Morell und Rose Ebding, hinter ihm rechts stehend, mit der Truppe in Nischnij Nowgorod. Photo: Hans-Joachim Preuß

Am beeindruckendsten – geradezu aufwühlend, war das Erleben des Theaterstückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ nach Motiven des gleichnamigen Buchs von Peter Steger. Wer hat schon Gelegenheit, sich selbst in seiner Vergangenheit auf der Bühne zu sehen! In dramatischen Situationen oder solchen, die ans Herz gehen, von einem großartigen Team von Lehrerinnen und Schülern des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod auf die Bretter gezaubert. Bewundernswert die schauspielerische Leistung der Jugendlichen. Der Termin für die Premiere war mit Rücksicht auf den Terminplan unsere Delegation beträchtlich vorverlegt worden (russisch-deutsche Improvisation!).

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa. Photo: Rose Ebding

Der Höhepunkt meiner Reise war das Treffen mit Schanna, die ich als siebzehnjähriges Mädchen kennengelernt hatte und nun als siebenundachtzigjährige Frau wieder in die Arme schließen konnte. Da sind auf beiden Seiten viele Tränen geflossen… Wir erinnerten uns wieder der gemeinsamen Stunden, in denen ich von ihr mit Akkordeon-Begleitung manches Volkslied, manche von Michail Glinka vertonte Romanze nach einem Text von Alexander Puschkin oder Michail Lermontow erlernte, um sie dann gemeinsam zu singen. Jetzt waren unsere Stimmen brüchig geworden… Einige Lieder kann ich noch heute auswendig.

Von einem Fernsehteam begleitet, suchte ich all die Orte auf, die wir damals besucht hatten. Für einen gemeinsamen Erinnerungsgang war Schanna jetzt aber leider zu schwach.

Wolfgang Morell mit dem Schauspielerpaar, das ihn und Schanna in jungen Jahren darstellt. Photo: Hans-Joachim Preuß

Allen, die am Zustandekommen und an der Durchführung dieser großartigen Reise beteiligt waren, sage ich herzlichen Dank, allen voran Peter Steger, dem guten Geist auf deutscher Seite und Witalij Gurinowitsch, seinem unermüdlichen und fachkundigen Gegenstück. Eine tiefgefühlte Dankbarkeit empfinde ich gegenüber Rose Ebding. Sie hatte die Idee zu dem Theaterstück, machte die Interviews mit den Erlebnisträgern und war die treibende Kraft bei der Verwirklichung. Ihr Gatte, Hans-Joachim Preuß, zeichnete in seinem Blog unter https://is.gd/N1OPff ein lebendiges Bild der Reise.

Wolfgang Morell

Die schönste deutsch-russische Liebesgeschichte kann man hier nachlesen: https://is.gd/3DVrjV

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Liebe Leser des Blogs Erlangen-Wladimir,

geht es Ihnen auch so wie mir? Spüren Sie auch nach dem Lesen der Beiträge von Peter Steger, die modernen Medien, auch „soziale“ Medien genannt, könnten dieses positive Adjektiv wirklich verdienen? Gerade in einer Zeit, in der die Gefahr besteht, eine rechtsextreme Partei könnte in den Bundestag gewählt werden, an dem Rednerpult, an dem Friedenspolitiker wie Hans-Dietrich Genscher für Verständigung und Gerechtigkeit argumentierten, dürften eine Frau Petry oder ein Herr Gauland sprechen, sind Blogs wie der von Peter Steger nicht mit Gold aufzuwiegen. Die Berichte über den Besuch von Oberbürgermeister Florian Janik in Wladimir und der Präsentation des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und dessen szenischer Darstellung durch die Schüler aus Nischnij Nowgorod sind Momente höchsten Glücks und des Verstehens, wie der technische Fortschritt der Menschheit dienen kann.

Elisabeth Preuß und Anastasia Sacharowa

Der Bericht über die Vorstellung der russischen Ausgabe dieses Kompendiums über Völkerverständigung, Geschichtslernen und Menschenliebe ruft aber auch die Bürgermeisterin in mir auf den Plan. Es drängt mich, niederzuschreiben, wie sehr auch eine Stadtverwaltung davon profitiert, wenn ihre Mitarbeiter nicht „Dienst nach Vorschrift“ machen, sondern Weitblick, Lust, Interesse und Kreativität mitbringen. Peter Steger hat keinen Job, der ihm die Miete und einen satten Bauch sichert. Peter Steger hat seine Berufung gefunden. Wir haben in ihm nicht nur einen umsichtigen Mitabeiter im Sachgebiet „Städtepartnerschaften“ sondern einen „Botschafter für Freundschaft, Kultur und Austausch“, der in Stoke-in-Trent in England ebenso wie in Cumiana im Piemont, im thüringischen Jena, in Brüx und Komotau ebenso wie in Riverside in Kalifornien und eben in Wladimir konsequent für Versöhnung arbeitet.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

Wie in der Familie von Peter Steger hat jede Familie in Erlangen ihre eigene Geschichte während des Dritten Reiches, auch die mehr als 30% Familien mit einer Migrationsgeschichte, denn soviel ist sicher: Nicht jeder hat Kinder, aber alle haben Eltern, und die hatten auch wieder Eltern. Mein Vater und mein Bruder haben in Bundesarchiven geforscht und nicht nur Angenehmes über unsere Vorfahren in Erfahrung gebracht.

Anna Makarowa, Elisabeth Preuß, Irina Chasowa und Anna Selichowa

Aus der Geschichte lernen: Dazu gibt es so viele Möglichkeiten. Das wichtige ist, DASS wir lernen. Aus der eigenen Familiengeschichte ebenso wie aus Büchern, Zeitungen und Filmen.

Elisabeth Preuß, Peter Steger und Wolfgang Morell, 22. Juni 2011 in Wladimir, Platz des Sieges

Was den Blog von Peter Steger aber so unersetzlich macht, sind dessen Geradlinigkeit, Vielfältigkeit und immer wieder die Demut vor der Erkenntnis, welche unfaßbare Katastrophe die Wahl in Deutschland im Jahr 1933 über die Welt gebracht hat. Darum ist den Schlußworten von Peter Steger in seiner Wladimirer Rede vom Montag in der Karwoche 2017 nichts hinzuzufügen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!

Elisabeth Preuß

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Für alle, die am vergangenen Dienstag nicht die Gelegenheit hatten, in Wladimir an der Vorstellung der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ teilzunehmen, hier die Rede des Autors zu diesem Anlaß – allerdings ohne all die gewählten Zitate aus dem Sammelband – zum Nachlesen:

Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr über Ihr Kommen und das Interesse an meinem Buch über kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten in Wladimirer Lagern.

Peter Steger und Witalij Gurinowitsch

Bevor wir zum Inhalt des Buches kommen, einige Worte zu mir selbst. Wie viele Deutsche meiner Generation wurde ich in einer Familie geboren, wo Krieg und Faschismus noch präsent waren, dabei mit ganz unterschiedlicher Prägung. Mein Großvater mütterlicherseits, Albert Leicht, ein Bauer aus Baden-Württemberg, verbot es seinen Kindern, in die Hitler-Jugend einzutreten und setzte sich selbst für französische Kriegsgefangene ein. Er wurde deshalb mehrfach verwarnt und entging nur knapp der Deportation in ein KZ. Nach dem Krieg lag sein Dorf in der französischen Zone, und auf Vorschlag der befreiten Gefangenen ernannte man ihn zum Bürgermeister. Später wurde er für drei Perioden wiedergewählt.

Theresia und Albert Leicht mit ihren Kindern Franz, Maria und Aloisia sowie der Schwiegertochter Anna mit ihren Enkeln Reinhard (am Tisch) und Doris, Peter sowie Elsbeth, 1962

Ganz anders die Seite des Vaters, Leonhard Steger, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und sich davon die Möglichkeit versprach, seinen kleinen Bauernhof verlassen zu können und beruflich Erfolg zu haben. Er nahm am Unternehmen Barbarossa teil, erkannte bald das verbrecherische Element dieses Krieges, ging deshalb aber nicht in den Widerstand, desertierte auch nicht, erlitt aber einen moralischen Zusammenbruch. Auch wenn er kein Held wurde, wollte er doch etwas gutmachen und erzog mich von Kindesbeinen an im Geist der Völkerverständigung und vor allem des Respekts und der Liebe gegenüber den Russen.

Leonhard und Aloisia Steger mit ihren Kindern Peter und Doris, 1959

Nach vielen Umwegen studierte ich schließlich Slawistik und begann genau vor 30 Jahren meine ehrenamtliche Arbeit für die Partnerschaft Erlangen – Wladimir, bevor ich drei Jahre später fest im Rathaus angestellt wurde und seither diese großartige Verbindung betreuen darf. Von Beginn an lag mir die Aussöhnung der Veteranen besonders am Herzen. Deshalb regte ich auch 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni die erste Reise von zwölf Frontkämpfern aus Erlangen in Wladimir an. Die Begegnungen waren überwältigend – Igor Schamow und Nikolaj Schtschelkonogow können das bestätigen -, und bald schon kam es zu Gegenbesuchen. Wenige Jahre später dann die Ausstellung über Gefangenenlager in der Region Wladimir, darauf mit dem Veteranen Fritz Wittmann die Arbeit an dessen Erinnerungsband „Rose für Tamara“, den wir auch ins Russische übersetzten.

Leonhard Steger, Winter 1941/42 an der Ostfront

Die vielen Begegnungen mit den einstigen Feinden, die nun zu Freunden geworden waren, regten mich an, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen zu sammeln. Spät begann ich damit, aber gottlob nicht zu spät, auf eigene Initiative und Rechnung etwa ab 2009 ganz Deutschland von Nord bis Süd, von Ost bis West zu bereisen, um die ehemaligen Kriegsgefangenen zu treffen. Bis nach Österreich und in die Schweiz führte mich mancher Weg, sogar auf dem Flughafen von Los Angeles traf ich einen Veteranen zum Gespräch. Die Erlebnisse und Gespräche haben mich tief geprägt, zumal manche dieser Männer nach Jahrzehnten erstmals offen über ihre Erfahrungen in Gefangenschaft berichteten.

erste Erlanger Veteranendelegation 1991 in Wladimir

Zunächst veröffentlichte ich das Material in meinem Wladimir-Blog, doch bald schon wurde mir klar, daraus müsse ein Buch werden. Was dann zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Erlangen publiziert werden konnte, war nur möglich dank der Hilfe meiner Frau Nadja, vieler Helfer und Mitautoren sowie Sponsoren. Besondere Ermutigung erfuhr ich in dieser Zeit von Witalij Gurinowitsch, der als Zeitgeschichtler die Materie kennt wie kaum ein anderer und wichtige Texte und Hintergrundinformationen zum Buch beisteuerte. Ihn darf man wohl auch den Vater der russischen Ausgabe nennen, die wir heute vorstellen.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten 2003 auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle, Erlangen

Nicht möglich aber wäre die heutige Veranstaltung ohne einen ganz außergewöhnlichen Menschen geworden, Stanislaw Gadyschew aus Wolgograd, den ich schmerzlich vermisse. Der Geschäftsmann ließ sich in Erlangen wegen einer unheilbaren Tumorerkrankung behandeln. Als Enkel eines Stalingrad-Kämpfers nahm er großen Anteil an dem Buch, wollte unbedingt die russische Fassung noch erleben und gab ganz spontan 3.000 Euro für die Übersetzung. Ich konnte ihn im letzten Sommer noch in Wolgograd besuchen und zumindest vom Beginn der Arbeiten an der russischen Fassung berichten. Wo immer sein Geist jetzt sein mag, dieser Tag ist sein Tag!

Stanislaw und Marina Gadyschew mit der Hospitantin Anastasia Bytschkowa aus Wladimir in Erlangen, 2016

Das Buch, aus dem ich nun einige Zitate vortragen möchte, ist mein persönliches Geschenk an großartige Menschen, an Veteranen, die in sich den Krieg besiegt haben und natürlich an Ihre Stadt, an alle Wladimirer, denn es ist ja doch Ihrer aller Geschichte, die hier in vielen Facetten und Brechungen vor dem Vergessen bewahrt bleibt. Nicht als wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als Kompendium von Erinnerungen, die etwas Wichtiges in sich tragen und uns vermitteln: den menschlichen Erfahrungsschatz, wie Humanität auch in barbarischen Zeiten gelebt werden konnte – während des Krieges und in der Lagerzeit hier in Wladimir. Einige wenige im Buch waren übrigens nicht hier in Gefangenschaft, aber sie haben ihre Spuren in der Städtepartnerschaft hinterlassen und gehören deshalb auch zu Ihnen, den Freunden in Wladimir, die mit diesem Buch ein zutiefst menschliches Zeugnis der Vergangenheit in Händen halten. Viel Freude damit.

Bevor ich mit den Zitaten beginne, lassen Sie mich aber noch zwei Männer begrüßen, denen ich tief und dankbar verbunden bin: Wolfgang Morell aus Erlangen, einem der ersten Gefangenen in Wladimir, dem man hier im Hospital das Leben gerettet hat, und Richard Dähler aus Zürich, einer der Sponsoren meines Buches, der mit seiner Doktorarbeit ein Standardwerk über japanische Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern geschrieben hat. Ich kann Ihnen nur allen empfehlen, im Anschluß an die Veranstaltung mit den beiden das Gespräch zu suchen. Beide sprechen nämlich auch ausgezeichnet Russisch!

Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Ich möchte schließen mit der Hoffnung, der Veteran Günther Liebisch möge nicht recht behalten, wenn er sagt, die Menschen seien unfähig, aus der Geschichte zu lernen. Auch wenn die weltpolitische Lage weniger Anlaß zur Zuversicht gibt, möchte ich doch uns allen wünschen, künftige Generationen brauchen keine Bücher dieser Art mehr zu schreiben, dies waren die letzten Veteranen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Peter Steger

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