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Posts Tagged ‘deutsch-russische Kriegsveteranen’


Heute vor 100 Jahren wurde Leonhard Steger in Hartenstein / Mfr. geboren

Der Frontsoldat Leonhard Steger ist nach dem Krieg nie mehr nach Rußland zurückgekehrt, aber er war bis zu seinem Tod im Jahr 2005 in Gedanken bei jeder Reise seines Sohnes Peter dabei und erlebte die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir als spätes Wunder der Geschichte, an dem er selbst noch mitwirken konnte mit vielen Spenden für die humanitären Hilfsaktionen oder so symbolisch schönen Gesten wie dem Empfang für den Wladimirer Veteranenchor 1992 mit selbstgeschmierten Broten und Salz.

Leonhard Steger

Leonhard Steger

Aus Anlaß seines Jubiläums und anstelle eines Nachrufes gibt es heute im Blog leicht gekürzt das „Grußwort des Beauftragten für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, Friedensveteran mit langjähriger Nahkampferfahrung in Freundberührung mit Rußland“ aus dem Sammelband „Rose für Tamara“ zu lesen, 2001 von Fritz Wittmann und Peter Steger herausgegeben.

Leonhard Steger mit Kamerad in russischem Dorf

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet Slawistik mit Schwerpunkt Russisch studiert habe. Je nach Situation und Fragesteller antworte ich dann mehr oder weniger lapidar, daß ich damit das Erbe meines Vaters angetreten habe.

Sacharino, September 1942, Vernichtung für Mensch und Tier!

Mein Vater, Jahrgang 1919, war in seiner Jugend rasch in den Bann der nationalsozialistischen Verführer geraten und sah schon bald in einer militärischen Laufbahn den einzigen Ausweg für sich. Seine Eltern, die einen kärglichen Bauernhof in Hartenstein, Mittelfranken, bewirtschafteten, erkannten wohl Intelligenz und Begabung des einzigen Sohnes, konnten aber nicht das Schulgeld aufbringen, um ihm den Berufswunsch Lehrer zu erfüllen. Stattdessen wurde er in das ungeliebte Metzgerhandwerk gedrängt und gezwungen, seine Bildung selbst in die Hand zu nehmen.

Soldatengräber

Persönliche Enttäuschungen sowie mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten und Verzweiflung über die ärmlichen Lebensverhältnisse machten ihn anfällig für die Verheißungen und Aufstiegsversprechen der Reichswehr. Rasch fand er Gefallen an Disziplin und Hierarchie, bewährte sich als Ausbilder und trat der Waffen-SS bei. Als er im Elsaß vom „Unternehmen Barbarossa“ erfuhr, meldete er sich freiwillig an die Ostfront und machte zunächst als Kundschafter, später als Panzeroffizier den gesamten Feldzug bis zur Schlacht bei Kursk sowie den Rückzug mit. Sieben Verwundungen – einen Granatsplitter trägt er noch immer im Kopf – überlebte er, aber das Erschrecken und Grauen über die Grausamkeiten des Krieges wirken bis heute schmerzlich nach. Wie viele seiner Altersgenossen kam er moralisch gebrochen nach Hause, mußte sich einige Zeit vor den Alliierten verstecken und bekam erst Ende der 50er Jahre mit der Gründung einer Familie wieder Boden unter die Füße.

Leonhard Steger im Tarnanzug

Meine Kindheit ist geprägt von den Erzählungen des Vaters über die Kriegserlebnisse. Den Brjansker Wald kenne ich, als hätte ich dort selbst die Wölfe heulen hören; die Stalinorgel saust mir um die Ohren, als wäre ich selbst von ihr mit Beschuß belegt worden; ich habe den Geruch der russischen Katen in der Nase; der Geschmack der Schokolade, aus der eisernen Ration, eingetauscht gegen Tabak, hängt mir in den Zähnen; ich sehe die erhobenen Arme der Gefangenen, unter eigener Lebensgefahr wieder freigelassen; ich spüre den Todeshauch von Fleckfieber; ich sehe die brennenden Panzer und Strohdächer; ich kaue das mit Muschiks geteilte Brot; ich stehe am Grab der unbekannten Kameraden und unschuldigen Feinde. In allen Erzählungen war das Generalthema: „Die russischen Menschen sind gut; sie haben uns, die Angreifer, immer als Menschen behandelt und das wenige, das sie hatten, mit uns geteilt.“

Leonhard Steger beim Spähtrupp

Als ich dann ins Gymnasium kam, sollte ich Russisch lernen. Eine Estin aus Reval, die in einem Nachbarort lebte und zu der ich – ohne Führerschein – einmal die Woche mit dem Traktor fuhr, unterrichtete mich zwei Jahre lang mit Lehrbüchern aus der DDR, doch pädagogisches Geschick auf der einen und Lerneifer auf der anderen Seite hielten sich in engen Grenzen, so daß ich über die Anfangsgründe der Fremdsprache kaum hinausgelangte. Und als ich dann die Schule wechselte und wir später nach Hersbruck zogen, brach der Unterricht ganz ab. Dennoch hatte ich unter meinen Schulkameraden meinen Spitznamen weg: Iwan.

Leonhard Steger mit Granatsplitter im Lazarett

„Die Zukunft liegt in Rußland! Lerne Russisch, und Du hast die Zukunft!“ Diese Aufforderungen fielen in der Pubertät und Adoleszenz mit all ihren Aufbäumungen und Revolten, Irrwegen und Verwirrungen auf unfruchtbaren Boden, doch der Keim war gelegt. Als es galt, sich für ein Studienobjekt an der Universität Bamberg zu entscheiden, fiel die Wahl auf Anglistik und Slawistik. Mit dem Russischen mußte ich wieder ganz von vorne beginnen, noch unsicher, ob ich bei der Sache bleiben würde. Doch nach der ersten Sowjetunionreise 1983, ermöglich vom Vater, war für mich die Gewichtung klar: Russisch wurde mein Hauptfach, Herz und Verstand galten der Kultur, der Literatur und den Menschen der Sowjetunion. Die Entscheidung war damals nicht einfach, Slawistik galt als „Orchideenfach“ ohne Aussicht auf praktische Anwendung. Doch das konnte ich durch Begeisterung für die Sache ausgleichen.

Leonhard Steger verabschiedet einen Kameraden

1987 erfuhr ich von der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir und meldete mich als ehrenamtlicher Dolmetscher. Meine Feuertaufe erlebte ich mit Michail Firsow, dem Leiter des Folklore-Ensembles RUS auf der Bühne der Stadthalle in Erlangen, wo ich dessen fünfzehnminütigen Vortrag ohne Punkt und Komma über das Programm seiner Truppe völlig unvorbereitet zu übersetzen hatte. Seither kann mich nichts mehr schrecken. Rasch wuchs ich in die Städtepartnerschaft hinein, erfuhr Förderung von den Verantwortlichen im Rathaus und trat Ende 1989 in die Dienste des Bürgermeister- und Presseamts.

Leonhard Steger

Von Beginn meiner Arbeit an habe ich mich besonders dem Gedanken der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen verpflichtet gefühlt. Und so war es mir denn auch ein Herzensanliegen, die Veteranen der Partnerstädte zusammenzuführen. Der 50. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die UdSSR erschien mir hierfür der geeignete Anlaß. Es bedurfte einer langwierigen und sensiblen Vorarbeit, um die Idee, zu diesem traurigen Jubiläum, Kriegsteilnehmer aus Erlangen nach Wladimir einzuladen, Gestalt annehmen zu lassen. In Jakow Moskwitin, einem Oberst der Sowjetarmee und dem Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbands, fand ich schließlich einen Menschen, der bereit war, die Hand auszustrecken. Unter Leitung von Stadtrat Heinrich Pickel, der als einer der ersten seinerzeit über den Bug gesetzt hatte, reisten darauf zehn Veteranen aus Erlangen nach Wladimir.

Leonhard Steger, 2. v.l., beim Suppefassen

Was dort an menschlich Bewegendem geschah, hat alle Mitwirkenden und Zeugen tief beeindruckt und geprägt. Ich persönlich rechne diese Begegnungen voller Versöhnungs- und Verständigungsbereitschaft zu meinen wichtigsten Erlebnissen überhaupt und schöpfe daraus eine nie versiegende Kraft für meine weitere Arbeit. Eine Kraft, die mich darauf verpflichtet, alles in meinen Kräften Stehende daran zu setzen, das Netz der Partnerschaft zwischen den Menschen beider Städte so eng und fest zu knüpfen, daß kein Vorurteil, keine Ideologie, keine Parole es mehr würde zerreißen können.

Leonhard Steger mit Kameraden zu Pferde

Die Feinde von einst mußten erkennen, daß sie gar nichts gegeneinander hatten. Der Krieg wurde nun auch in den Köpfen und Herzen besiegt. Es kam zu Gegenbesuchen in Erlangen, der Veteranenchor aus Wladimir trat in der Partnerstadt auf, der Bayerische Soldatenbund organisierte Reisen, das Wladimirer Museum präsentierte eine Ausstellung zum Thema „Deutsche Kriegsgefange in Wladimirer Lagern“, der Veteran Nikolaj Schtschelkonogow verfaßte seine großartige „Erlangen-Hymne“, die VHS Erlangen veranstaltete eine Podiumsdiskussionen zum Unternehmens Barbarossa, es erschienen „Rose für Tamara“ und „Komm wieder, aber ohne Waffen“, im Blog gibt es eine eindrucksvolle Serie von Erinnerungen deutscher und russischer Kriegsveteranen.

Im Morast von Rumänien

Seit dem Juni 1991 trage ich voller Stolz den Ehrentitel „Junger Veteran“. Wenn ich mich also nicht glücklich nennen darf, wer dann? In dem Land, an dessen Brandschatzung mein Vater teilgenommen hatte, habe ich ungezählte Freunde, durfte das Erlangen-Haus mit aufbauen, im Auftrag der Erlanger viel Gutes tun – und das Vermächtnis meines Vaters erfüllen. Dafür danke ich allen, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin, und denen, die mich so sein lassen, wie ich bin.

Rückzug

Unmittelbar an das Vorwort schließt sich folgendes Gedicht aus meiner Feder an:

Kapitulation

Sie kamen… / um zu siegen – / und blieben / oft nur liegen / auf jenem Feld / der Ehre, / auf daß man ihn vermehre: / den Ruhm / von Volk und Land, / des Glückes Unterpfand.

Und wer nach Haus / gekommen, / war fremd, vor Scham benommen. / Die Wunden / heilten nie, / auch wenn man / sie verzieh, / sie schmerzen immer wieder, / grad jetzt im Mai, / wo Ginster blüht und Flieder.

Die Sünden ihrer Väter / verbüßen noch viel später / die Söhne, / die nicht wissen, / was dem verweinten Kissen / vom Vater anvertraut, / dem das Gewehr war Braut.

Sie tragen keine Schuld, / doch schulden sie Geduld / sich selbst, dem Sieger / und dem Täter, / sonst werden sie Verräter / an sich und ihrer Zeit, / die endlich scheint bereit, / das Wort „vergib“ zu sprechen / und mit dem Haß zu brechen.

Danke für alles, was Du mir gegeben, mein Vater!

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Im Oktober 2015 reiste Moritz Nestor mit einer fränkisch-schweizerischen Delegation von Psychiatern und Psychologen nach Wladimir und machte so auch Bekanntschaft mit der Städtepartnerschaft und dem Versöhnungswerk zwischen Deutschen und Russen, als dessen Protagonisten man zweifelsohne Fritz Wittmann sehen darf. Nun ist im Blog https://naturrecht.ch ein Beitrag erschienden, der hier nicht fehlen soll:

Moritz Nestor, 3. v.l.

Am 2. Januar 2001 erschien unter der Schirmherrschaft des damaligen Oberbürgermeisters von Erlangen, Dietmar Hahlweg, dem Initiator der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, die erste Auflage des einzigartigen Buchs „Rose für Tamara“ von Fritz Wittmann. Der Autor verfaßte dieses Buch in Zusammenarbeit mit Peter Steger, dem Städtepartnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen. Der bewegende Untertitel des pensionierten Lehrers aus Baiersdorf lautet: «Bei einer russischen Umarmung spürt man selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit.» Einer, der es am eigenen Leibe erfahren hat, schreibt so.

Fritz und Elisabeth Wittmann

Das Buch enthält die Erinnerungen von Fritz Wittmann und weiteren zehn ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen, die Jahre nach dem Krieg in Lagern der russischen Stadt Wladimir und in anderen Lagern der UdSSR lebten.

Das östlich von Moskau hinter der Front gelegene Wladimir wurde im Sommer 1941 nach dem Einmarsch der Wehrmacht zur Lager- und Lazarettstadt umfunktioniert. Als der deutsche Vormarsch im Winter vor Moskau gestoppt wurde, verschlug es die ersten Erlanger als Kriegsgefangene nach Wladimir.

Der Friedenskreis von Fritz Wittmann

Im Vorwort zur zweiten Auflage des Buches von 2008, dem 25jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, schreibt der Baiersdorfer Erste Bürgermeister, Andreas Galster: «Ja, es gab viele schreckliche Erlebnisse. Aber hatten die deutschen Soldaten nicht erst den Schrecken in ein Land gebracht, das keinen Krieg wollte? Und mußten sie nicht mit Rache und Haß rechnen? Um so erstaunlicher, mit wieviel Mitgefühl und Anteilnahme seitens der Bevölkerung und teilweise sogar der Bewacher und Befehlshaber, vor allem aber des Krankenhauspersonals die Kriegsgefangenen behandelt wurden. Eben davon erzählen die Autoren des Sammelbandes, der von Fritz Wittmanns humanem Geist und ungebrochenem Willen zur Versöhnung geprägt ist. In Wladimir war man übrigens von diesem Friedenswerk so angetan, daß man es bereits 2002 in russischer Übersetzung und ergänzt durch Erinnerungen von russischen Zeitzeugen veröffentlichte.»

Der Autor hat dafür den ersten Preis des Deutsch-Russischen Forums für Bürgerengagement erhalten. Es sollte eine „menschliche Feindberührung“ sein, schreibt Fritz Wittmann. Ein Projekt, das ihm gelungen ist.

Vor allem besticht das Buch den Historiker durch eine Geschichtsschreibung „fernab von allen Klischees und Feindbildern, aber auch ohne jede Beschönigung und Geschichtsglättung“. Eine Rarität an Objektivität und Sachlichkeit, gepaart mit Menschlichkeit und Völkerfreundschaft, fernab von Auftragsgeschichtsschreibung.

Still wird man beim Lesen, sehr still. Ein Buch, das in jeden Politik- und Geschichtsunterricht gehört. Und man wünscht sich, es würden diese Veteranen der Wehrmacht, die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges, mehr respektiert. Sie wissen, was Krieg in Rußland heißt, sie waren in Stalingrad, und sie kennen das russische Volk aus ureigener Erfahrung – als Soldaten und als Gefangene. Und zwar so gut wie keiner von den Eliten in Regierungsverantwortung, die den Respekt vor dem Krieg verloren haben und dabei sind, uns erneut in den Krieg zu treiben.

Moritz Nestor

Restexemplare des Buches sind noch gegen 10 Euro zu beziehen über peter.steger@stadt.erlangen.de

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Während sich die Gäste des Erlangen-Hauses, zufrieden mit ihrem Arbeitsprogamm, für die Abreise um zehn Uhr morgens rüsten, erzählt Wjatscheslaw Gadalow die Geschichte des Baums der Freundschaft, eine wundervolle Wendung, wie sie nur die bisweilen schier romanhaften Zeitläufte der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir zu berichten weiß. Was hier in wenigen Worten wiedergegeben wird, liefert nämlich genug Stoff für eine große Erzähung der deutsch-russischen Versöhnung.

Abschied vom Erlangen-Haus mit Swetlana Schelesowa, Marlene Wüstner, Josef Weber, Helmut und Tatjana Eichler, Elke Sausmikat, Irina Chasowa, Dietmar Hahlweg und Jürgen Ganzmann

Abschied vom Erlangen-Haus mit Swetlana Schelesowa, Marlene Wüstner, Josef Weber, Helmut und Tatjana Eichler, Elke Sausmikat, Irina Chasowa, Dietmar Hahlweg und Jürgen Ganzmann

Wjatscheslaw Gadalow, der erst vor kurzem seinen 80. Geburtstag feiern konnte, weiß nur wenig davon, was sein Vater im Krieg erleben mußte. Zu schrecklich, um es zu erzählen, berichtete er immer nur, zu furchtbar, um die drei Söhne und die Frau damit zu belasten. Seine Erinnerungen nahm er mit ins Grab. Bekannt ist nur, daß er zwei Mal schwer verwundet wurde. Zunächst verlor er wegen eines Kopfschusses sämtliche Zähne, die durch eine Stahlprothese ersetzt wurden, die er zeit seines Lebens trug. Zurück an der Front vor Moskau, traf ihn wieder ein feindliches Geschoß, das ihn den rechten Arm kostete, ihn, der in Schuja, einer Stadt in der Region Iwanowo, Fahrräder montierte und reparierte.

Michail Gadalow mit seinen drei Söhnen, Wiktor, Wladimir und Wjatscheslaw

Michail Gadalow mit seinen drei Söhnen, Wiktor, Wladimir und Wjatscheslaw

Als der Invalide im Mai 1942 zu Fuß zurückkehrte, erkannte der Sohn, der gerade Kartoffeln pflanzte, in dem „alten Mann mit schwerem Gang“ den Vater erst, als ihn die Mutter voll Freude umarmte und ins Haus bat. Trotz Armprothese begann der Kriegsversehrte, der gern sang und selbst Lieder und Gedichte schrieb, bald wieder zu arbeiten, übernahm die Leitung einer Fahrradwerkstatt, betrieb eine kleine Landwirtschaft und forstete später große Kahlschlagsflächen auf, die längst wieder im Schatten tiefer Wälder liegen. Einmal im Jahr macht sich Wjatscheslaw Gadalow auf den Weg zu diesen Forsten, wo er am Straßenrand einen Gedenkstein für den Vater mit der Bitte gesetzt hat, die Bäume nicht zu fällen, und wo er immer wieder Blumen vorfindet.

Der Baum der Freundschaft

Der Baum der Freundschaft

Die Liebe zu den Bäumen ist wohl vom Sohn auf den Vater übergegangen. Jedenfalls war es Wjatscheslaw Gadalow, der die Idee hatte, am 22. Juni 2011 zum 70. Jahrestag des Überfalls der Hitler-Truppen auf die Sowjetunion, gemeinsam mit deutschen Kriegsveteranen einen Baum der Freundschaft zu pflanzen. Und tatsächlich kamen zu diesem Anlaß des gemeinsamen Gedenkens Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell, den man nach der Gefangennahme im Dezember 1941 vor Moskau nach Wladimir gebracht hatte, in die Partnerstadt, um die Eiche mit den russischen Freunden ganz in der Nähe vom Platz des Sieges in die Erde zu setzen. Doch kurz darauf kam Wjatscheslaw Gadalow für einige Zeit ins Krankenhaus. Nach seiner Entlassung fand er das Bäumchen in einem erbärmlichen Zustand vor. Niemand hatte sich um den Setzling gekümmert, fast vertrocknet war er, und überhaupt hätte man die Eiche ja wohl besser einen Monat vorher gepflanzt. Aber den Gedenktag verlegt man ja schließlich nicht.

Wjatscheslaw Gadalow und der Baum der Freundschaft

Wjatscheslaw Gadalow und der Baum der Freundschaft

Jeder andere hätte nun wohl einfach bis zum nächsten Frühjahr gewartet und dann einen neuen Baum gesetzt. Nicht so Wjatscheslaw Gadalow: Er grub das Bäumchen aus und päppelte es mit Spezialdünger so lange, bis es wieder austrieb, fast so wie der Alte in dem Film „Opfer“ von Andrej Tarkowskij. Ein Holzgitter sollte die Eiche vor der Witterung und Vandalismus schützen, und zum Mai diesen Jahres war der Baum schon so kräftig, daß er seinen zweisprachiges Gedenkstein erhielt, der am Vorabend des Tages des Sieges von den beiden Oberbürgermeistern, Sergej Sacharow und Florian Janik, im Beisein des Kriegsveteranen, Philipp Dörr, enthüllt wurde, partnerschaftlich und zu gleichen Teilen finanziert von Erlangen und Wladimir.

Wjatscheslaw Gadalow und seine Pläne für den Platz des Sieges

Wjatscheslaw Gadalow und seine Pläne für den Platz des Sieges

So glücklich Wjatscheslaw Gadalow darüber ist, den Baum der Freundschaft und damit ein Symbol der Versöhnung gerettet zu haben, das die nächsten 300 Jahre weiter wachsen wird, so entschlossen ist er auch, das ganze Umfeld der Gedenkstätte neu zu gestalten. Einen ganzen Landschaftsplan hat er dafür entwerfen lassen, für dessen Umsetzung er kämpfen möchte, damit die Eiche auch so richtig zur Geltung komme.

Wjatscheslaw Gadalow, Nikolaj Schtschelkonogow und Philipp Dörr bei der Enthüllung des Gedenksteins für die Eiche der Freundschaft

Wjatscheslaw Gadalow, Nikolaj Schtschelkonogow und Philipp Dörr bei der Enthüllung des Gedenksteins für den Baum der Freundschaft

Was für eine Geschichte, zu der auch gehört, daß alle drei Brüder des Vaters gefallen sind! Zu der auch gehört, daß Wjatscheslaw Gadalow der letzte Zeuge des Absturzes eines deutschen Kampffliegers in seiner Kindheit ist und gerne noch erforscht hätte, wer in der Maschine saß… Eine Geschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist…

Siehe auch http://is.gd/vYMMX0 und http://is.gd/ZslyrS

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