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Posts Tagged ‘deutsch-russische Aussöhnung’


Im August vergangenen Jahres besuchte Wiktoria Kossenjuk vom Sender „Belarus 1“ aus Minsk mit ihrem Team Erlangen, um ein Interview mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell zu machen, nachzulesen hier: https://is.gd/YDNfSi Im Anschluß fuhren die Gäste noch nach Gera, um mit dem mittlerweile verstorbenen Günter Kuhne zu sprechen, der ebenfalls einen Teil seiner Kriegsgefangenschaft in Wladimir verbracht hatte. Nun wurde die fast einstündige Reportage im Rahmen des Projekts „Ich ВОЙНА“ – „Ich bin der KRIEG“ am 10. Mai erstausgestrahlt und gestern im Internet vorgestellt. Leider nur auf Russisch, aber dennoch sehenswert!

Ganz kurzfristig, ausgerechnet im April, als noch die strengen Corona-Regeln galten, wandte sich Anna Kisseljowa von Russia Today an den Partnerschaftsbeauftragten im Erlanger Rathaus mit der Bitte um Vermittlung von Kontakten zu Kriegsveteranen. Wieder erklärte sich Wolfgang Morell bereit, Rede und Antwort zu stehen, dieses Mal zusammen mit Philipp Dörr aus Fränkisch Crumbach im Odenwald. Beide hatten übrigens zum 75. Jahrestag des Kriegsendes mit nach Wladimir reisen wollen. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, um den beiden Männern, kommentiert von Witalij Gurinowitsch aus der Partnerstadt, unter der Überschrift „Geheilte Wunden“ zuzuhören: https://deutsch.rt.com/kriegstrauma/chapter/5

https://deutsch.rt.com/static/kriegstrauma/img/share.webp

Wer mehr Zeit und Interesse mitbringt, mache sich mit allen sechs Kapiteln dieses Projekts https://deutsch.rt.com/kriegstrauma vertraut, das den Augenzeugen Gelegenheit gibt, vom Unsagbaren zu sprechen.

Das teuerste Kalenderblatt. 9. Mai 1945: Sieg Mai 9. Mittwoch Sieg. 9. Mai 1944: Einheiten der Roten Armee eroberten Sewastopol und befreite die Krim vollständig von den deutsch-faschistischen Okkupanten.

Leider noch nicht fertiggestellt ist das Material von Jekaterina Zwetkowa, die Ende November, Anfang Dezember mit ihrem Team und Nikolaj Schtschelkonogow gekommen war, um den Weltkriegsveteranen auf seiner wohl letzten Deutschlandreise zu begleiten. Es hakt noch an der Finanzierung auf russischer Seite, aber eine Lösung ist in Sicht. Noch etwas Geduld also, dann gibt es auch ihren Film unter dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu sehen geben. Und bis dahin kann man sich ja die beiden obigen Reportagen mit viel Gewinn ansehen – und diesen so gar nicht reißerischen Anreißer mit Bildern aus Erlangen, Baiersdorf, Jena, Berlin, Potsdam und Buchenwald: https://is.gd/nOTPzW

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Wäre nicht die Corona-Pandemie, hielte sich derzeit Oberbürgermeister Florian Janik an der Spitze einer fünfzehnköpfigen Delegation in Wladimir auf und spräche heute auf dem Platz des Sieges. Nun, da alles anders gekommen ist, legte das Stadtoberhaupt gestern, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und wandte sich mit folgenden Worten an die Partnerstadt:

Peter Steger und Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

Liebe Freundinnen und Freunde in Wladimir,

vor fünf Jahren durfte ich auf dem Platz des Sieges zu Ihnen sprechen. Heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes, wende ich mich aus Erlangen an Sie alle. Auch wenn die Corona-Krise uns gegenwärtig trennt, eint uns doch in dieser Zeit die gemeinsame dankbare Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus.

Dieser Kampf gegen eine menschenverachtende Ideologie forderte besonders aufseiten der Sowjetunion einen unermesslichen Blutzoll. Kein anderes Land hatte unter dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht mehr zu leiden als die UdSSR, kein Staat trug mehr zur totalen Niederlage des Deutschen Reiches bei. Und ungeachtet der schrecklichen Kriegsfolgen leistet auch niemand einen größeren Beitrag als die Russische Föderation zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren.

Ich betrachte es deshalb als ein Wunder der Geschichte, wie wir diese Bürgerpartnerschaft pflegen dürfen, die bereits 1983, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, von weisen Menschen hier wie dort begründet wurde. Ich bin darum dankbar für die zum Frieden und zur Verständigung ausgestreckte Hand, die wir gern ergreifen. Und ich freue mich, hoffentlich schon bald wieder in Ihre wunderschöne Stadt kommen zu können.

Ich lege heute diesen Kranz an den Gräbern nieder, wo die sterblichen Überreste von 271 russischen Soldaten ruhen, die in der Folge des 1. Weltkriegs in Erlangen verstarben. Ich tue dies in ehrender Erinnerung an die vielen Kriegsveteranen aus Wladimir, die bereits an dieser Gedenkstätte standen.

Ihnen allen, die den Krieg besiegt und den Frieden geschaffen haben, gilt nicht nur heute meine besondere Verehrung. Ihnen möchte ich an diesem Tag mit dieser Geste danke sagen für die Befreiung vom Nationalsozialismus und danke für 75 Jahre Frieden zwischen unseren Völkern. Unsere Verpflichtung ist es nun, diesen Frieden zu bewahren.

Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges und wünsche Ihnen ein schönes Fest des Friedens und des Guten.

Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

 

Дорогие друзья во Владимире!

Пять лет назад мне выпала честь выступить с речью на Площади Победы во Владимире. Сегодня, 75 лет после окончания Второй мировой войны, я обращаюсь к Вам всем из Эрлангена. И, несмотря на то, что сейчас нас разъединяет коронавирус, нас объединяет огромная благодарость за Победу над фашизмом.

Эта борьба против идиологии, направленной на уничтожении всего человеческого, потребовала особенно со стороны Советского Союза неизмеримых потерь. Ниодна другая страна не пострадала от уничтожающего всё на своём пути плана Барбаросса больше, чем Советский Союз, ниодно государство не внесло такого вклада в уничтожение Третьего Рейха как СССР. И, несмотря на ужасные последствия войны, ниодна другая нация не внесла такой вклад в мирное Объединение Германии 30 лет назад как Россия.

Для меня стало чудом истории то, что сегодня мы можем поддерживать побратимство между нашими гражданами. Это – партнёрство, которое началось в 1983 году, ещё во времена Холодной войны, это – связи, которые были заложены мудрыми людьми здесь и там. Поэтому я так благодарен за этот мир, за это взаимопонимание между нами, за эту протянутую руку дружбы, которую мы приняли с такой радостью. И я надеюсь, что уже очень скоро снова смогу приехать в Ваш прекрасный город.

Сегодня я возлагаю венок на могилы 271 русского военнопленного, умершего в Эрлангене во время и после Первой мировой войной. Я делаю это в память о многочисленных ветеранах из Владимира, которые столько раз стояли здесь, вспоминая своих боевых товарищей. Вам всем, победившим войну и сохранившим мир, моё искреннее уважение и почтение. Этим жестом я благодарю Вас за освобождение мира от фашизма и говорю спасибо за 75 лет мира между нашими народами. Наша обязанность сегодня – сохранить его.

С Днём Победы! С праздником мира и добра!

Doch damit nicht genug. Die Partnerschaft kann COVID-19 zwar am unmittelbaren Austausch hindern, hat aber nicht das Zeug, alle Verbindungen abbrechen zu lassen, wie folgendes Projekt beweist:

Gestern hätte in Wladimir nämlich auch eine Ausstellung der Kunstvereine beider Partnerstädte mit dem Titel „Sieg über den Krieg – Erinnerungen“ eröffnet werden sollen. Nun ist sie hier wie dort und überall auf der Welt im Internet zu sehen, und Nils Naarmann stellt das Projekt im Video kurz vor:

Zu sehen ist die Ausstellung hier auf der Homepage des Kunstvereins Erlangen https://is.gd/K6cVm6 sowie des Künstlerverbands Wladimir https://izo33.ru – noch das ganze Jahr und rund um die Uhr. Eine ausführlichere Besprechung des Projekts folgt noch.

Sieg über den Krieg 1

Amil Scharifow und Nils Naarmann

Aber kein Fest ohne Lieder. Deshalb zu guter Letzt für heute noch ein Ständchen im Sitzen mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell, der mit seiner musikalischen Einlage seine Kameraden in Wladimir grüßt.

Und noch eine Zugabe: Wolfgang Morells Freund, Nikolaj Schtschelkonogow, erwidert den musikalischen Gruß und berichtet – freilich auf Russisch – von seinen Begegnungen in Deutschland. Besser kann deutsch-russische Verständigung wohl kaum gelingen… Mit einem Klick hier https://is.gd/bVLgUH sind Sie dort in Wladimir.

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Gestern vor 75 Jahren feierte jemand seinen letzten Geburtstag, der unendlich viel Leid über die Welt gebracht hatte. Doch das Böse siegte nicht. Gestern wurde die Friedensbotschaft von Wolfgang Morell, einem Weltkriegsveteranen, fertiggestellt – mit einem Freundesgruß an die einstigen Feinde.

Wolfgang Morell

Alles auf Russisch, aber vielleicht auch für die deutschsprachige Blog-Gemeinde als Zeitzeugnis sehenswert: https://is.gd/FKzdaz

 

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Heute ein weiteres Schicksal aus der Reihe „Kriegskinder“, dieses Mal mit den Erinnerungen von Heide Mattischeck, ehemalige Stadträtin und Abgeordnete des Bundestages, die man als Hebamme der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir bezeichnen darf.

Die Menschen in Deutschland und in weiten Teilen Europas leben seit mehr als 70 Jahren in Frieden. Sie erleben Kriege in vielen Teilen der Welt nur aus zweiter Hand – in Afrika, in Asien, im Nahen Osten – ohne Aussicht auf dauerhaften Frieden. Wir lesen in der Zeitung vom Elend der Kinder und Frauen, die von Kriegshandlungen immer wieder in besonderer Weise betroffen werden, und sehen dies alles auf dem Bildschirm. Wir haben Mitgefühl mit ihnen, fühlen uns aber hilflos und sind es auch.

Das nationalsozialistische Deutschland hat mit dem Zweiten Weltkrieg beinahe ganz Europa ins Chaos und Elend gestürzt – mit 60 Millionen Toten, zerstörten Städten, mit Flucht und Vertreibung. Europa lag danieder – materielle, aber vor allem menschliche Verluste mußten verkraftet werden. Der Neuanfang war schwer, die Schuld, die Deutschland an Krieg und Holocaust zu tragen hatte, mußte aufgearbeitet werden. Trotz aller Schwierigkeiten ist es in den Nachkriegsjahren gelungen, den Grundstein für jetzt 75 Jahren Frieden in Europa zu legen. Das zeigt, daß es möglich sein kann, zu versöhnen und aus Krieg und Niederlage Frieden zu schaffen.

Wir sind froh, daß unsere Kinder, Enkel und Urenkel Krieg und dessen Folgen nicht aus eigener Erfahrung erleben müssen. Wir, die zwischen 1928 und 1945 geboren wurden, haben am eigenen Leib erfahren, was Krieg, Bombenangriffe und die Suche nach Schutz in Kellern oder Bunkern, was Flucht oder Vertreibung, was der Verlust von Angehörigen, von Eltern oder Geschwistern bedeutet. Auch wenn diese, unser ganzes Leben prägenden Ereignisse sehr lange her sind, sind sie doch nicht vergessen. Sie sind Teil unseres Lebens.

Heide Mattischeck, links im Bild, mit ihrem Vater und dem Bruder.

Ich bin im Mai 1939, also kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges in Berlin geboren. Meine Eltern waren erst kurz zuvor aus Stettin in Pommern nach Berlin gezogen. Mein Vater hatte den Beruf eines Optikers erlernt und Gelegenheit bekommen, in Berlin bei einer renommierten Optiker-Firma seinen Meister zu machen. Der Beginn des Krieges machte alle Pläne zunichte, bald wurde mein Vater zum Kriegsdienst eingezogen – zuerst in Polen, später in der Sowjetunion.

Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater – die wenigen Urlaubswochen reichten nicht aus, um ein Bild von ihm aus dem Gedächtnis abrufen zu können. Ich kenne meinen Vater nur aus Erzählungen meiner Mutter und anderer Angehörigen. Es gibt auch nur wenige Bilder – in jenen Jahren waren Photos eher selten. Die meisten davon sind – wie auch die Briefe, die er an meine Mutter geschrieben hatte – in den Kriegswirren verlorengegangen. Ein kleines bescheidenes Holzkästchen mit einer typisch polnischen Schnitzerei – das ist das einzige, von dem ich weiß, daß mein Vater es einmal in der Hand hielt.

Im Oktober 1941 wurde mein Bruder geboren. Wie die meisten Frauen mit kleinen Kindern wurde meine Mutter mit uns wegen der zunehmenden Bombenangriffe evakuiert. Man schickte uns in die Nähe von Posen. Dort erhielt meine Mutter im September 1943 die Nachricht vom Tod ihres Mannes, meines Vaters, der in Saporoschje in der Ukraine gefallen war. Sie kehrte mit ihren Kindern zurück nach Stettin zu ihren Eltern. Auch diese Stadt wurde heftig bombardiert. Viele Nächte verbrachten wir im Luftschutzkeller – ich habe vage Erinnerungen an das Heulen der Sirenen, die uns weckten und in den Luftschutzkeller hasten ließen. Bei einem dieser heftigen Angriffe, am 6. Januar 1944, wurde unser Haus von einer Bombe getroffen, wir überlebten, aber mein Großvater, der noch einmal nach oben in die Wohnung gegangen war, ist ums Leben gekommen. Ich habe bis heute das Bild in meinem Kopf, wie wir – wohl auf der Fläche eines Lastwagens – durch die brennende Stadt gefahren wurden. Ein Bild, das immer wieder auftaucht, wenn ich heute flüchtende Kinder in den weltweiten Kriegsgebieten sehe.

Dietmar Hahlweg, Heide Mattischeck und Ursula Rechtenbacher, 2009 in Kosbach

Das letzte Kriegsjahr verbrachten wir in Hinterpommern, in Zarnglaff, Kreis Cammin, auf dem kleinen Bauernhof eines Bruders meines Großvaters. Im Frühjahr 1945 rückte die Front näher, es kamen Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen, die in den kalten Winterwochen westwärts unterwegs waren. Es gab keinerlei Vorbereitungen für die Zivilbevölkerung, die sich vor der anrückenden Sowjetarmee in Sicherheit bringen wollte. Der Direktor des großen Kalkwerks in unserem Dorf ergriff die Initiative und stellte einen Zug mit Loren, die dem Transport von Kalk dienten, zusammen, in dem die einheimische Bevölkerung und die Flüchtlinge zusammengepfercht Platz fanden. Die Fahrt Richtung Swinemünde ging nur langsam voran und fand unter Beschuß statt. Auch daran habe ich eine vage Erinnerung. Aus dem schriftlichen Bericht des Direktors, der mir vorliegt, weiß ich, daß der Zug letztendlich bis Dänemark fuhr, das zu diesem Zeitpunkt noch von den Deutschen besetzt war. Wir verließen den Zug noch in Pommern, um nach Stettin zu gelangen. Es war ein langer, beschwerlicher Weg über mehrere Tage zu Fuß: meine Großmutter mit ihren schon 70 Jahren, meine Mutter mit zwei kleinen Kindern, für die irgendetwas Essbares und ein Schlafplatz für die Nacht gefunden werden mußten. Ein Schicksal, das meine Familie mit Millionen von anderen Familien teilte.

Wir erreichten Stettin und später Berlin, wo wir unsere Wohnung unzerstört vorfanden. Die Nachkriegsjahre waren entbehrungsreich. Darunter litten besonders die Frauen, die, auf sich allein gestellt, unter heute unvorstellbaren Bedingungen für das Nötigste sorgen mußten. In unserem Haus mit zwölf Familien waren die meisten Väter nicht aus dem Krieg zurückgekommen.

Dankbar muß man erwähnen, daß die Siegermächte, besonders die US-Amerikaner, sehr viel geholfen haben, die materielle Not zu lindern. Viele Hilfsorganisationen in den USA versorgten Kinder in Deutschland mit einer täglichen warmen Mahlzeit – eine unermeßliche Hilfe in großer Not.

Meine Familie mußte ein weiteres Opfer betrauern. Meine Großmutter erfuhr 1947 von einem Mitgefangenen ihres Sohnes, daß er in einem sowjetischen Gefangenlager bei Neubrandenburg gestorben war – an Hunger und Krankheit. Ich habe zusammen mit meinem Bruder die dortige Gedenkstätte Fünfeichen besucht – auf einem Stein ist der Name meines Onkels zu lesen. Für meinen Vater und meinen Großvater gibt es keinen Ort, der an sie erinnert. Deshalb haben wir auf dem Grabstein meiner Großmutter und Mutter die Namen meines Großvaters und Vaters eingravieren lassen.

Kaum eine Familie hat der furchtbare Krieg verschont. Millionen Familien in vielen Teilen der Welt leiden heute unter Krieg, Flucht und Vertreibung, es ist kein Ende abzusehen. Wir, „die Kinder des Krieges“, wie Ludmilla Bundina uns nennt, sind zutiefst von dem Wunsch nach Frieden geprägt. Die vielen internationalen Kontakte nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders die Städtepartnerschaften waren ein wichtiger Schritt zu Verständigung und zu einem dauerhaften Frieden: zunächst Partnerschaften mit Frankreich und dann weitere mit Städten in ganz Europa.

Heide Mattischeck, 3. v.l. neben Bürgermeisterin Wera Sorina und Oberbürgermeister Michail Swonarjow in Wladimir 1983 mit Stadtrat Claus Uhl und Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg sowie Peter Millian, der das Bild machte.

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es zaghafte Versuche, auch mit Städten in der UdSSR Partnerschaften aufzubauen. Erlangen gehörte zu den ersten Städten, die die Initiative ergriffen. Die jetzt schon fast vierzigjährige Partnerschaft mit Wladimir ist eine Erfolgsgeschichte, trotz damaliger Systemunterschiede. Und ungeachtet der auch heute beileibe nicht immer spannungsfreien Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland. Ich hatte das große Glück, den Anfang dieser Freundschaft miterleben zu dürfen, die ersten vorsichtigen Kontakte zu knüpfen. Von diesem ersten Besuch in Wladimir im Sommer 1983 ist mir ein Erlebnis bis heute im Gedächtnis geblieben: Beim Besuch eines Arbeitererholungsheims bei Wladimir kam es zu einem persönlichen Gespräch mit dem damaligen Stadtoberhaupt von Wladimir, Michail Swonarjow, über die deutsch-russische Vergangenheit: Es stellte sich heraus, daß unsere beiden Väter zur gleichen Zeit in derselben Gegend ihr Leben verloren hatten. Es war ein bewegender Moment, der uns auf dieser sehr persönlichen Ebene den Irrsinn jenes Krieges, jeden Krieges, erneut verdeutlichte. Diesen Augenblick habe ich nie vergessen.

Heide Mattischeck

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Gestern nacht gegen drei Uhr schlief Günter Kuhne ebenso unerwartet wie friedlich und ohne Schmerzen in Gera für immer ein. Dabei hatte doch der so lebensfrohe und kregle Weltkriegsveteran Anfang Dezember noch seinen russischen Kameraden, Nikolaj Schtschelkonogow, zum „sozialistischen Wettbewerb“ herausgefordert, um gemeinsam mit dem einstigen Feind die 100 Jahre vollzumachen und sich noch mindestens einmal wiederzusehen. Nun wird es bei diesem letzten Treffen vor gut drei Monaten bleiben.

Günther Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow, Dezember 2019

Der Thüringer, Günter Kuhne, wie sein Freund aus Wladimir Jahrgang 1926, gehörte zu der Generation, die als Kanonenfutter an die bereits verlorene Front geschickt wurden, zunächst in die trügerische Adrennenoffensive, dann, nach einer Zwischenstation in Remagen und bei Hannover, verwundet ins Hilfslazarett Rostock, das er im März 1945 verließ, um im Sportlazarett von Neustrelitz, Brandenburg, eine Reha zu machen. Der Angehörige der Hitler-Jugend Waffen-SS ging noch an zwei Krücken, als er vom Stabsarzt gemustert und mit den von abgrundtiefem Zynismus zeugenden Worten „Sie brauchen nicht laufen können, Hauptsache Sie können im Loch stehen und schießen!“ für tauglich erklärt wurde. Mit einem zusammengewürfelten Haufen wurde der Kriegsversehrte von Nauen bei Berlin aus ohne Stammeinheit Richtung Oder verfrachtet, um die längst verlorenen Rückzugskämpfe bei Halbe zu unterstützen. In dieser schlimmsten Kesselschlacht nach Stalingrad standen 2.100.000 Rotarmisten gerade einmal 200.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber. Marschall Georgij Schukow hatte die Kapitulation angeboten, aber General Theodor Busse lehnte ab und setzte auf die 4. Panzerarmee. „Doch wir hatten keine Chance!“ erinnerte sich Günter Kuhne. „Im Kessel bin ich zum Glück in Gefangenschaft geraten!“ Immerhin noch besser, als zu den 30.000 toten deutschen Soldaten zu gehören, die auf dem Schlachtfeld blieben, ohne den Vormarsch der Roten Armee aufhalten zu können.

Günter Kuhne, August 2016 in Erlangen; ganz links im Bild sein Kamerad, Philipp Dörr, ebenfalls Kriegsgefangener in Wladimir

Bis Juli 1948 arbeitete Günter Kuhne in der Schlosserei des Traktorenwerks in Wladimir, bevor er an den Wolga-Don-Kanal weitergeschickt wurde, von wo er Anfang 1950 in die Heimat zurückkehrte. Ohne Groll gegen die Sowjets („Russen“ zu sagen, war in der DDR jener Tage nicht opportun), von Beginn an zur Aussöhnung bereit, auch wenn die niedrigen Mannschaftsgrade, zu denen er ja gehörte, nie in den aus seiner Sicht ohnehin zweifelhaften Genuß kamen, in die den Parteibonzen vorbehaltenen Zirkel der offiziellen deutsch-sowjetischen Freundschaft aufgenommen zu werden.

Günter Kuhne, März 2016 in Jena

Nach der Friedlichen Revolution, deren Früchte Günter Kuhne gern gegen Kritik verteidigte, betätigte er sich im Veteranenverband und nahm dann auch früh Kontakt zum Kreis der Wladimirer Kriegsgefangenen um Friedhelm Kröger auf, wo er sich mit seinem verschmitzten Humor nur Freunde machte. Klagen war nicht seine Sache. Nur ein Umstand verdroß ihn sehr: Das völlige Desinteresse von Schulen seiner Heimatstadt an einer Begegnung mit ihm als Zeitzeugen. Und nun ist es zu spät dafür… Umso freudiger ergriff der Versöhner unserer Völker jede Gelegenheit – etwa bei der Vorstellung des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in Jena oder bei den Interviews mit Schülern an der Franconian International School in Erlangen -, seine Lebenserfahrung und seine Mission mitzuteilen: „Haltet Freundschaft mit den Russen, bewahrt den Frieden, es gibt nichts, was kostbarer wäre!“

Günter Kuhne hat nun seinen ewigen Frieden gefunden. Seine Mahnung sollten wir zeit unseres Lebens beherzigen. Und das mit dem „sozialistischen Wettbewerb“? Der Geraer war ein guter Verlierer, und er hätte wohl mit einem schelmischen Lächeln gesagt: „Nicht traurig sein, man kann nicht immer gewinnen. Ich bin dankbar für mein glückliches Leben. Es hätte ja schon vor 75 Jahren zu Ende sein können, damals in jenem Loch, in das man mich schickte…“

Mehr zum Verstorbenen, der nun seiner Frau folgt und einen Sohn hinterläßt, im Blog u.a. hier https://is.gd/sg1uul und da https://is.gd/XAsPKG

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Die Veröffentlichung eines Briefes ist immer so eine Sache. Es gilt ja gerade auch für den Blog das Fernmeldegesetz. In der Redaktion gab es deshalb durchaus kontroverse Ansichten beim Eintreffen des Schreibens des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelkonogow. Doch bei der folgenden Epistel aus Wladimir handelt es sich um ein Zeitzeugnis, um nicht zu sagen um ein Manifest, das nicht im Ordner „Persönliches“ verschwinden sollte. Urteilen Sie selbst.

Lieber Peter!

Lassen Sie mich der Führung Ihrer herrlichen Stadt und Ihnen persönlich für die Organisation einer meiner weiteren Reisen zu Ihnen, für die Fahrt nach Erlangen, meine aufrichtige und herzliche Dankbarkeit aussprechen. Alles ereignete sich so rasch und unerwartet.

Damals bei dem Musikabend (am 6. September 2019 in Wladimir, Anm. der Redaktion) erinnerte ich einfach nur an die Absicht von Fritz Rösch, mich irgendwohin zu bringen. Aber ich hätte doch nicht im Ernst an eine solche Reise zu denken gewagt, und dann war ich ja auch ängstlich; schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Seit meinem Militärdienst auf dem Gebiet der DDR sind 62 Jahre vergangen, und in Erlangen war ich zuletzt vor elf Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert, eine phantastische Idee also.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Johanna und Paul Sander vor dem Konzert

Natürlich freute ich mich über die Maßen, noch einmal die Familien derer zu besuchen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben geschieden waren, unsere gemeinsamen Freunde wiederzusehen, all die Veteranen verschiedener Kategorien noch einmal zu treffen, mit der russischen Diaspora und den Freunden Rußlands in den vielen Städten zusammenzukommen und einen herzlichen Empfang auf allen Ebenen zu erleben.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Fritz Rösch und Ulrich Girschner

Ihnen allen wollte ich noch einmal meine tiefe Dankbarkeit aussprechen, ihnen die besten Wünsche der Veteranen aus Wladimir überbringen, die zu vertreten ich das Glück habe. Sie hegen größte Hochachtung für das Volk Deutschlands, vor seiner Kultur, seinen Sitten und Bräuchen, vor der internationalen Autorität des Landes. Wir sind für den Frieden, für die Freundschaft, für die Sicherheit der Völker, für die Ungestörtheit und das Glück der ganzen Menschheit.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschekonogow

Bei uns hat jetzt die aktive Vorbereitung auf die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes begonnen. Ich erinnere mich an die Maitage des Jahres 1945 und die ersten Begegnungen mit Zivilisten im Umkreis von Zerbst. Wie die Menschen da erleichtert aufatmeten, weil der Krieg endlich vorüber war. Heute komme ich jeden Tag mit Jugendlichen, Schülern und Veteranen zusammen. Sie fragen dann immer: „Wie war es denn dort, in Deutschland?“ Worauf ich vor allem auf diese erstaunlich umfangreiche Arbeit zu sprechen komme, die notwendig war, um meine Reise zu ermöglichen, die so warmherzig und gelungen verlief. Und sie wurde ja auch zu einem bezeichnenden Ereignis, einem Parameter für die Gründlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit, angelegt im Charakter der Deutschen. Das kam schon in der Nachkriegszeit klar zum Ausdruck: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Bitte übermitteln Sie nochmals allen-allen meine tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit für die herzliche und freundschaftliche Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. Offen gestanden, träumte ich nach meiner Rückkehr mehrere Nächte hintereinander von dieser Reise, und beim Aufwachen fühlte ich mich jedes Mal, als hielte ich mich noch in Deutschland auf. Erst nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, wurde mir klar, zu Hause im Bett zu liegen. Und dank allen Heiligen bewahren wir füreinander die Freundschaft.

Ich gebe zu und sehe ein, nur ein alter Mann zu sein, ein einfacher Mensch ohne große Bedeutung. Doch wenn diese Reise auch nur ein klein wenig dazu dienen sollte, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Städten und damit auch unserer beiden Völker, der Russen und der Deutschen, zu festigen, kann ich meinem Schicksal unendlich dankbar sein. Friede und Wohlergehen Ihnen allen und dem deutschen Volk eine blühende Zukunft.

Hochachtungsvoll, Nikolaj Schtschelkonogow (16.12.2019)

Nachzulesen ist das Protokoll der Reise des ehemaligen Rotarmisten nach Deutschland im Blog vom 28. November bis 7. Dezember 2019.

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Den emotionalen Höhepunkt setzte Nikolaj Schtschelkonogow gestern morgen zum Ende seiner fast zweiwöchigen Reise in die eigene Vergangenheit mit dem Besuch der Roten Kaserne in Potsdam, wo er von 1951 bis 1957 stationiert war. Hierher holte er nach Stalins Tod 1953 seine Frau nach, von hier aus wurde er zur Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 nach Berlin kommandiert, wo sich aber bei seinem Eintreffen die Lage bereits beruhigt hatte, und hier, im Militärkrankenhaus von Beelitz, in der einstigen Doktor-Koch-Klinik, kam sein Sohn zur Welt. Hier liegt der Grund für seine tiefe Verbundenheit mit den Deutschen, die sich übrigens, wie der Veteran betont, in all den sechs Jahren seiner Stationierung auch nur im Ansatz feindselig ihm gegenüber benommen hätten, ganz im Gegenteil, sogar Familienfreundschaften seien in jener Zeit entstanden, von denen Nikolaj Schtschelkonogow immer wieder gerne erzählt.

Jekaterina Zwetkowa, Andrej Maximow, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Maxim Lortschenko vor dem Hauptkomplex der Roten Kaserne in Potsdam

In dem riesigen Komplex der Roten Kaserne, benannt nach dem Baumaterial Klinker und entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, war ab 1948/1949 bis 1993 die Sowjetische bzw. Russische Armee einquartiert, und bot Platz für die ganze 34. Artillerdivision, in der Nikolaj Schtschelkonogow diente. Nach dem Abzug der Soldaten nutze die Stadt Potsdam – ähnlich wie das in Erlangen geschah – das Areal zur Neugestaltung eines ganzen Viertels mit Wohnungen, Büros und Forschungseinrichtungen.

Auf dem Weg zur Alexander-Newskij-Gedächtniskirche in Potsdam

Doch dann ging es schon hinauf zur Alexander-Newskij-Kirche, erbaut auf Anordnung König Friedrich Wilhelms III. in den Jahren 1826 bis 1829 als Manifest der engen Freundschaft von Preußen und dem Russischen Reich, auf dem Kappellenberg, unweit der Kolonie Alexandrowka, die eigens für die russischen Soldaten angelegt wurde. Heute ist sowohl die Siedlung als auch die Kirche, das älteste russisch-orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa, Teil des UNESCO-Welterbes.

Alexander-Newskij-Kirche in Potsdam

Der Schutzpatron wiederum steht in enger Beziehung zu Partnerstadt. Der einstige Großfürst von Wladimir wurde in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale beigesetzt, Peter I ließ aber die Gebeine des mittlerweile heiliggesprochenen Siegers über den Deutschherrnorden und dessen Drang nach Osten in seine neue Hauptstadt überführen, wo sie wohl auch bleiben werden.

Gottesdienst in der Alexander-Newskij-Kirche zu Potsdam

Aber wer wollte schon groß an diesen Reliquienraub denken, wenn doch, wie es der Himmel will, gerade an diesem Freitagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Übrigens war die Kirche auch damals, in den 50er Jahren, geöffnet. „Auch wenn ich, als Kommunist erzogen, kein gläubiger Mensch war“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „kam ich doch immer wieder hierher. Denn es ging uns materiell zwar recht gut, und wir fühlten uns wohl hier, aber Heimweh hatten wir doch alle, und da bot die Kirche uns ein Stück Rußland.“ Allerdings, und auch das gehörte zum Leben der Sowjetsoldaten: „In den Büschen, wo es zu dem einen oder anderen Stelldichein mit den Fräuleins gekommen sein mag, saßen gern auch Geheimdienstleute, um über die Moral der Truppe zu wachen.

Schloß Cecilienhof

Zu den festen Ausflugszielen gehörten natürlich auch Schloß Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, dessen viele Zimmer Nikolaj Schtschelkonogow noch heute fast alle beschreiben könnte. Für eine Besichtigung bleibt freilich ebensowenig Zeit wie für eine Führung durch Sanssouci.

Sanssouci

Aber es war ja auch keine touristische Reise für den Veteran. Er konnte sich seinen Herzenswunsch erfüllen: zum sechsten Mal nach Erlangen kommen, um Abschied von seinen deutschen Kameraden und Freunden zu nehmen, um noch einmal die wichtigsten Stationen seiner Zeit als Soldat in Deutschland zu besuchen, vor allem aber, um sein ganz persönliches Zeugnis für die russisch-deutsche Aussöhnung über die ungezählten Gräber hinweg abzulegen, um zu beweisen, daß man den Krieg in sich besiegen kann. Davon wird nun bald die Dokumentation von Jekaterina Zwetkowa berichten, die bereits im April fertiggestellt sein soll, um sie dann – möglichst mit Gästen aus Erlangen – zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir uraufzuführen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Nikolaj Schtschelkonogow will so lange nicht warten. Viel zu ungeduldig ist er dafür, zumal er keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen möchte. Und so wird er schon heute – im Geiste der Verständigung – von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Deutschland berichten und sicher einen Reisebericht schreiben, ganz im Sinne seiner Mission der Aussöhnung mit den einstigen Feinden. Welch ein großer Mensch!

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Nikolaj Schtschelkonogow erinnert sich noch genau, wie die Operation Bagration der Sowjetarmee, der Wehrmacht das Rückgrat brach, die Kampfmoral nahm, die letzte Hoffnung raubte, mit Moskau wenigstens noch einen Verhandlungsfrieden schließen zu können. Die Verluste waren nicht mehr auszugleichen. Und er, der 1925 im Ural geborene Bauernjunge, der ohne Vater aufwuchs und mit 15 Jahren als Mähdrescherfahrer bereits Verantwortung für sein ganzes Dorf trug und erst nach dem Krieg eine richtige militärische Ausbildung erhielt, er war dabei, als die Heeresgruppe Mitte aus Babrujsk vertrieben und versprengt wurde, als der Sturm auf Berlin seinen großen Anlauf nahm.

„Auch wenn wir auf dem Vormarsch waren, verlief nicht immer alles nach Plan“, erzählt der Veteran, den man nach seiner Ausbildung in der Ukraine nach Wladimir versetzte, von wo aus er dann sechs Jahre zum Dienst in die DDR geschickt wurde. „Es gab Situationen, wo die pure Panik ausbrach, wo Kameraden zitterten und schlotterten, Todesangst litten, den Leichengeruch nicht mehr aushielten, die verbrannte Erde Würgen verursachte. „Noch heute“, so bekennt Nikolaj Schtschelkongow dem eigens auf den Leipziger Ehrenfriedhof für die Sowjetarmee gekommenen Vizekonsul, Ilja Matwejew, zuständig für die Grabstätten in Thüringen und Sachsen, „noch heute wache ich manchmal auf und höre die Schreie, die Schüsse, spüre das Grauen des Krieges.“ Aber da ist natürlich auch die Freude über den Sieg, der Stolz auf die eigene Leistung, und da ist besonders seine persönliche Mission, alles zu erzählen, damit es in Zukunft keine neuen Kriegsveteranen gebe: sein Operation Frieden.

Gräberfeld auf dem Sowjetischen Friedhof Leipzig

Auf diesem Feldzug des Friedens und der Versöhnung ist der ehrenhalber zum Oberst ernannte einstige Hauptmann der Sowjetarmee nun von Erlangen aus via Jena und Leipzig in Berlin eingetroffen, wo er gestern gegen Mittag das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst besuchte. Man kann nur ahnen, was in Nikolaj Schtschelkongow vorging, als er durch die Räume des Hauses schritt, in dem vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde auf Betreiben der sowjetischen Seite ein zweites Mal unterzeichnet und das Ende des Dritten Reichs besiegelt wurde.

Nikolaj Schtschelkonogow vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst

Der Wladimirer Friedensbotschafter kam damals beim Sturm auf Berlin auch durch diesen Vorort und drang dann vor bis zum Hauptquartier der Gestapo – in einem verbissenen Häuser- und Straßenkampf. „Es gab Gebäude, die mehrmals am Tag den Frontverlauf veränderten, immer wieder neu eingenommen werden mußten“, weiß er zu berichten. „Es war schrecklich zu sehen, wie verzweifelt der Volkssturm um etwas kämpfte, das längst verloren war!“

Nikolaj Schtschelkonogow

Mehr als 300.000 Rotarmisten fielen bei der Operation Berlin, darunter viele an der Seite von Nikolaj Schtschelkonogow, der heute bedauert, damals nicht Tagebuch geführt zu haben. Aber auch so erinnert er noch unglaublich viel und hat zu dem Thema Hunderte von Vorträgen verfaßt und an einem Dutzend von Büchern mitgewirkt. Und nun begleitet ihn ja auf seiner Operation Frieden das Dokumentarfilm-Team von Jekaterina Zwetkowa. Wie gut, daß damit sein Wissensschatz bewahrt bleibt.

Nikolaj Schtschelkonogow vor einem Plakat aus den USA im Jahr 1942

Und so zeigt denn auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst Interesse nicht nur an dem Film, sondern an den Erinnerungen des Gastes aus Wladimir. Jedes Detail jener letzten Kriegstage ist hier von Belang, und in den zahlreichen Sonderausstellungen kommt auch jedes Zeugnis zur Wirkung. Welch ein Glücksort der deutsch-russischen Verständigung.

Eintrag von Nikolaj Schtschelkonogow im Gästebuch des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst

Natürlich gehört zum Berlin-Besuch auch der Gang zum Ehrenmal für die Sowjetarmee im Treptower Park. Und wenn Nikolaj Schtschelkonogow dort dann auch noch jemanden wie Dominik Steger trifft, den er schon als Kleinkind ins Herz geschlossen hatte, dann kann die Versöhnung über die Gräber und Generationen zwischen Russen und Deutschen nicht symbolischer zum Ausdruck kommen. Vielleicht aber versteht man die Kraft dieser Momente auch erst mit dem Abstand einiger Jahre…

Nikolaj Schtschelkonogow und Dominik Steger: Versöhnung über den Gräbern am Ehrenmal im Treptower Park

Ein ganz besonderer Moment erwartete Nikolaj Schtschelkonogow dann aber am Nachmittag in der Botschaft der Russischen Föderation: ein Empfang beim höchsten Diplomaten seiner Heimat.

Nikolaj Schtschelkonogow

Eine ganze halbe Stunde nimmt sich Sergej Netschajew für den Gast Zeit, erkundigt sich nach dem Stand der Entwicklung von Wladimir und der ganzen Region – und lobt die Partnerschaft mit Erlangen. Aber der Botschafter gibt dem Veteranen auch die Zeit, um von seinen Kriegserlebnissen und natürlich den freundschaftlichen Verbindungen zu den deutschen Kameraden zu erzählen und auf die Aktion „Hilfe für Wladimir“ zurückzublicken, wo er persönlich über die gerechte Verteilung der humanitären Lieferungen aus Erlangen an bedürftige Kriegsteilnehmer und ihre Familien wachte.

Nikolaj Schtschelkongow und Sergej Netschajew

„Ich hätte nie gedacht, als einfacher Mensch einmal eine derart hohe diplomatische Ehre zu erleben“, gestand Nikolaj Schtschelkonogow nach dem Empfang, bei dem er auch das mit einer Widmung versehene Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ überreichte. Und in der Tat: In all den Jahren der Städtepartnerschaft seit 1983 gab es derlei, ein Tête-à-Tête mit einem amtierenden russischen Botschafter, noch nie. Schön und verdient, daß nun diese Ehre dem Botschafter h.c. des Friedens und der Verständigung zuteilwurde.

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„Im Sommer 1945 brachte man uns hierher. Ich war damals ja noch ganz jung. Aber gesehen hatte ich schon viel Grauenhaftes beim Vormarsch auf Berlin. Berge von Haaren und Schuhen, ausgemergelte Männer, Frauen, Kinder. Immer wieder stießen wir auf solche Lager. Aber Buchenwald hat bei uns einen besonderen Namen, steht wie Auschwitz und Dachau für das ganze schreckliche KZ-System.“ An manchen Stellen ist es fast, als könnte Nikolaj Schtschelkonogow selbst die Führung durch die Anlage übernehmen.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jewgenij Sacharjewitsch, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa vor dem Modell des Arbeitslagers Buchenwald

„Aber das war damals schon noch ganz anders, wenige Monate nach der Befreiung durch die Amerikaner im April. Überall Stacheldraht, das Grauen greifbar. Und einige der Baracken blieben für uns geschlossen.“ „Da könnten“, fährt der Veteran fort, „schon die internierten Deutschen gesessen haben, die hier von den Sowjets als vermeintliche oder tatsächliche Nazis gefangen gehalten wurden.“ Bis 1950 blieb Buchenau also ein Ort des Schreckens, an dem, wenn auch nicht mehr durch willkürliche Erschießungen oder mittels Vernichtung durch Arbeit, 7.000 Deutsche an Hunger und Kälte starben. Dem gegenüber stehen freilich die hiesigen 56.000 Opfer des Nationalsozialismus, darunter alleine 15.000 aus der Sowjetunion.

Eingangstor zum Arbeitslager Buchenwald

Wenn hier die Steine sprechen könnten. Was hätten sie alles an Schicksalen zu erzählen von all den Menschen, die ihre Familien und Freunde nie mehr wiedersehen sollten, von all den Familien und Freunden, die nur ahnen konnten, was der Lagerinsasse zu erleiden hatte: schwerste Arbeit, Erniedrigungen, Schikanen, Hunger, Krankheit, Folter, Tod. „Jedem das Seine“, wie zynisch am Tor zu lesen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Kann und soll man gewichten hier? Wo geschah mehr Leid, wo war es erträglicher? Wer wollte das sagen. Und die Steine schweigen. Aber dann gibt es doch besonders grausame Orte, schier nicht zu ertragen. Etwa das Gelände der ehemaligen Reithalle und dem Pferdestall, von der Lagerleitung als „medizinische Einrichtung“ getarnt, wohin man Sowjetsoldaten brachte, um sie „untersuchen“ zu lassen. Nichts ahnend, da außerhalb des eigentlichen Lagers gelegen, gingen so 8.483 Rotarmisten in den Tod durch Genickschuß.

Iwan Nisowzew, Tatjana Jazkowa und Nikolaj Schtschelkonogow am Platz der Hinrichtung von 8.483 sowjetischen Soldaten und Offizieren

Da ist es gut, in Begleitung zu sein, sprechen zu können über das Unaussprechliche – mit den Landsleuten, Iwan Nisowzew, der jetzt schon seit acht Jahren in Jena lebt, und Jewgenij Sacharjewitsch, der zur Zeit als Freiwilliger aus Wladimir in der Euro-Werkstatt arbeitet und Buchenwald bereits von vorherigen Besuchen her kennt.

Nikolaj Schtschelkonogow in Buchenwald

Stets vor Augen hatten die Lagerinsassen – keine Frauen, aber einige Kinder – den Tod in Form der Verbrennungsanlage. Krematorium kann man das graue Gebäude nicht nennen, denn die sterblichen Überreste wurden natürlich nicht individuell in Urnen aufbewahrt und beigesetzt. Man wurde fast spurlos beseitigt. Und vorher, in der sogenannten „Pathologie“, entnahm man den Toten auch noch alles Wertvolle, wie zum Beispiel das Zahngold.

„Pathologie“ von Buchenwald

Vielleicht ist Buchenwald aber auch so ein symbolischer Ort, weil er ja in unmittelbarer Nähe zu Weimar liegt, der Stadt der deutschen Klassik. Der Beweis dafür, daß Bildung nicht unbedingt gegen Menschenverachtung hilft. Auch die Nazis kannten „ihren“ Goethe oder Schiller, gingen ins Theater, hörten Musik, schrieben Gedichte und Lebenserinnerungen. Es kann wohl nur die Herzensbildung sein, die Menschen gegen die Barbarei immunisiert. Aber welche Schule kann sich um die kümmern?

Opfertafel Buchenwald

Und für noch etwas steht Buchenau – oder gegen etwas: Gegen die Mär, wonach die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Schrecken der Lager haben wissen können. Wie dann ist es möglich, daß die gesamte Infrastruktur von Buchenwald – Wasser, Strom, Erschließung durch eine Straße – von Firmen und Behörden aus Weimar bewerkstelltigt wurde? Wie, wenn ein Betrieb dort in Geschäftsbeziehungen mit der SS stand und in deren Auftrag – gegen Rechnung – die Verbrennungsanlage baute? Ohne Zwang, einfach nur, um Geld zu verdienen – mit dem Tod.

Nikolaj Schtschelkonogow und Tatjana Jazkowa vor den Verbrennungsöfen in Buchenwald

Nikolaj Schtschelkonogow wollte noch einmal an diesen dunklen Ort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Die Regie der Reise wollte es, daß dieser Besuch auf seinen 94. Geburtstag fiel. Da darf natürlich eine freudige Überraschung nicht fehlen. Nach einem Stadtrundgang in Jena empfing den Jubilar der Frauenchor von Michael Berman.

Geburtstagstanz mit Nikolaj Schtschelkonogow

Eigentlich war ja nur eine kleine Probe angesetzt, aber dann wurde daraus doch ein fröhliches Fest mit deutsch-russischem Gesang und Tanz in der Multikulturellen Integrationsgruppe Jena. „Zu Tränen rührend“, bekannte der überraschte Veteran.

Nikolaj Schtschelkonogow und der Frauenchor von Michail Berman

Welch ein Ausklang dieses Tages. Auch davon sollten eines Tages die Steine erzählen, wenn sie denn sprechen könnten.

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„Mein ganzer Stolz war eine Praktica 2 von Zeiss, die ich nach meiner Militärzeit in der DDR mit nach Wladimir brachte“, erzählt Nikolaj Schtschelkonogow beim gestrigen Empfang Oberbürgermeister Thomas Nitzsche. „Alle hielten mich für einen weiß Gott wie bedeutenden Photographen.“ In all den sechs Jahren seines Dienstes hatte der Veteran freilich nie Gelegenheit, Jena kennenzulernen. Immer sah er die Saalestadt nur auf der Durchfahrt – etwa nach Weimar, an dessen beschauliche Gassen sich der Gast noch bestens erinnert.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Aber Nikolaj Schtschelkonogow ist es um mehr zu tun, als nur in Erinnerungen zu schwelgen: Er möchte auch in Jena seine Friedensbotschaft verkünden und zum Ausdruck bringen, für wie wichtig er das nun schon ins zwölfte Jahr gehende Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir hält.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Und der Gastgeber kann sich nur freuen über diese „so eindrucksvolle Persönlichkeit“, den Zeugen einer Zeit, die wir nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Kein Wunder, wie Nikolaj Schtschelkonogow betont, denn in beiden Ländern sind mehr als 80% der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg geboren.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

„Da ist es umso wichtiger“, betont der einstige Sowjetsoldat, an die Vergangenheit zu erinnern, das historische Gedächtnis zu bewahren. Und als Rüdiger Stutz beklagt, man habe auch in Jena viel zu lange gebraucht, um eine Gedenkstätte für das Außenlager Weimar und die Behelfsbaracken zu schaffen, von wo aus die aus ihren Häusern und Wohnungen vertriebenen Juden in den Tod geschickt wurden, sagt der Gast fast nachsichtig: „Besser spät als nie. Und so, wie ihr das macht, ist es gut. Meine Anerkennung!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Rüdiger Stutz

Und dann ist der lange Tag nach der Anreise aus Erlangen auch fast schon wieder vergangen. Doch eine Begegnung steht noch aus, die mit dem Altersgenossen Günter Kuhne in Gera. Eine Begegnung, an deren Ende der Thüringer sagen soll: „Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Günter Kuhne

Auch diese beiden standen an der Front einander unmittelbar gegenüber, der eine, der nach einer schweren Verwundung, noch an Krücken gehend, in die Schlacht bei Halbe geschickt wurde und dort in Gefangenschaft geriet, der andere, der mit seiner Einheit auf Berlin vorrückte. „Es hätte sein können, daß wir aufeinander schießen hätten müssen“, sagt Günter Kuhne, der im Traktorenwerk Wladimir als Maschinenschlosser eingesetzt war, „und jetzt können wir uns in die Augen sehen und umarmen. Man hat uns beiden die Jugend gestohlen, aber jetzt, im Alter, finden wir in der gemeinsamen Erinnerung und im Zusammentreffen Trost.“ So gelingen kann das freilich nur, wenn man die Maxime von Nikolaj Schtschelkonogow beherzigt: „Wir müssen uns an das Verbindende halten und dürfen nicht dauernd das Trennende betonen!“ Und dann rufen die beiden Veteranen noch einen sozialistischen Wettbewerb aus: Sie wollen 100 Jahre alt werden und natürlich einander wiedersehen. Mehr zu Günter Kuhne unter: https://is.gd/sg1uul

Günter Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow

Damit ist man fast schon beim Thema des Tages angelangt: Nikolaj Schtschelkonogow feiert heute in Jena seinen 94. Geburtstag. С днём рождения! Sicher mit der einen oder anderen angenehmen Überraschung im Programm. Doch es soll noch von einem anderen Programm die Rede sein.

Morgen stellt Alfred Binner beim gVe-Konzert „Die Rettung der Welt“ mit Igudesman & Joo in der Heinrich-Lades-Halle sein Projekt unter dem Motto von Claudio Abbado „Die Musik zeigt uns, daß Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen“ vor. Zur Gedenkfeier „75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus“ der Partnerstädte Erlangen und Wladimir sucht der Geigenbaumeister einen Sponsor für die „Friedensvioline“, die er als Zeichen der engen deutsch-russischen Verbundenheit einem jungen förderungswürdigen Talent als Leihgabe überreichen will. Im Mai soll diese Geste der Verständigung Wirklichkeit werden, und mitmachen können alle. Mehr dazu unter kontakt@binner-alfred.de

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