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Posts Tagged ‘Der Müll die Stadt und der Tod’


Passend zum gestrigen Weltumwelttag wurde am 5. Juni die aktuelle ökologische Rangliste für die 85 untersuchten Regionen der Russischen Föderation veröffentlicht. Das Gouvernement Wladimir kommt dabei auf Platz 53 zu liegen, eine Position, die – wer wollte das bestreiten? – verbesserungsfähig ist.

Der sogenannte Müllaufstand von Wolokolamsk. Quelle Tass

Ein weites Feld, die Umweltproblematik. Beschränken wir uns deshalb auf den Müll, der im Mai landesweit Schlagzeilen machte, als in Wolokolamsk die Menschen auf die Straßen gingen, weil sie nicht mehr dulden wollten, die Abfälle Moskaus vor der eigenen Haustür abgeladen zu bekommen. Als dann die Kippe auch noch zu brennen anfing und Atembeschwerden um sich griffen, war für viele das Maß voll, und es erging sogar eine Petition an den Präsidenten im Kreml. Angesicht von 200-fach erhöhten Schwefelwasserstoffwerten in der Luft schlossen die Behörden alle Schulen, einige Kinder lieferte man mit Vergiftungen ins Krankenhaus ein.

Treibgut in der Wolga, gesehen in Nischnij Nowgorod

Ebenfalls im Mai unternahm es in der Region Wladimir das Katastrophenschutzamt, 190 km Ufer von Gewässern von den Hinterlassenschaften der Zeitgenossen zu reinigen. Insgesamt kamen ungefähr 200.000 m³ Müll zusammen. Allein ein 250-Meter-Abschnitt brachte eine Ausbeute von elf Kubikmetern, darunter drei Dutzend Autoreifen.

Deponie bei Alexandrow, Quelle Zebra-TV

Und wenn man den Schamott eingesammelt hat, wohin damit? Es gibt neun Deponien in der Region, deren Zustand auch nach offizieller Lesart als kritisch zu bezeichnen sei. Bis 2026 sollen sechs Mülltrenn- und Recyclinganlagen gebaut werden. Doch wer zählt all die illegalen Schutthalden in den Datschensiedlungen, entstanden, weil niemand für die Beseitigung bezahlen will, all die Haufen an den Rändern der Dörfer und in der freien Natur?

Am Wegrand, gesehen in Kameschkowo bei Wladimir

Hinzu kommt nun auch noch der Mülltourismus aus Moskau, ein Korruptionsfall in Gus-Chrustalnyj, der wohl noch vieles in der Art von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Maria Fassbinder nach sich ziehen dürfte. In Alexandrow, schon ganz an der Grenze zur Region Moskau, regt sich massiver Widerstand gegen die Fuhren aus der hauptstädtischen Nachbarschaft, wo doch schon die eigene Deponie aus allen Nähten platzt und längst geschlossen werden sollte.

Bis das Gras darüberwächst, gesehen am Ortsrand von Kameschkowo

Aber es wird wohl noch schlimmer werden müssen, bis es besser wird, bis Gesellschaft und Staat verstehen, welch gewaltigem Problem man gegenübersteht. Es gibt kein Pfandsystem, alles, aber auch alles, was man kauft, kommt in Plastik verpackt daher, das kaum wiederverwertet wird. Das seinerzeit aus der Not geborene Rückgabe- und Sammelsystem aus Sowjetzeiten ist schon Anfang der 90er Jahre zusammengebrochen, um einem hemmungslosen Wegwerfmodus nach westlichem Vorbild Platz zu machen.

Kleinvieh macht auch Mist, gesehen in Wladimir, unweit vom Bahnhof

Hauptstraßen und Plätze sind heute ebenso wie Bahnhöfe oder andere öffentliche Anlagen oft fast pingelig gepflegt. Doch schon wenige Schritte abseits kann einen das schiere Heulen überkommen. Reist man übers Land oder will man sich im Wald die Beine vertreten, vermag man die Augen nicht davor verschließen: Die Plastikflut erscheint unaufhaltsam. Es kann einem passieren, ein Geräusch unter den Füßen zu hören, das man zunächst für das Knacken von Ästen hält, doch es sind PET-Flaschen, über die schon Gras gewachsen ist. Man möchte sich nicht ausmalen, was all die Weichmacher und sonstigen Bestandteile eines Tages in der Vegetation und im Grundwasser anrichten. Vielleicht begreift man es erst, wenn die Pilze und Beeren nicht mehr genießbar sind.

Für die Schließung der Deponie! Für das Leben! Demonstration in Alexandrow. Quelle Zebra-TV

Hätte die Umwelt-Redaktion des Blogs das Sagen, käme die ökologische Frage ganz nach oben in der Agenda der russischen – und natürlich auch deutschen und weltweiten – Politik, und beginnen würde sie beim Müll, in erster Linie mit dessen Vermeidung – und sei es mit drastischen Steuern und drakonischen Strafen. Bisher ist das Denken der Russen – ähnlich wie das der Amerikaner – geprägt von der unendlichen Größe des Landes, wo eigentlich ja auch Platz für jede Art von Unrat sein sollte. Aber die Fläche ist dennoch begrenzt, während jeden Tag immer noch unbeschränkt mehr und mehr Dreck und Abfall hinzukommt. Quousque? Wir wissen was wir tun und tun es trotzdem. Nachhaltig falsch.

Wie viel auf diesem ja weltweit verwahrlosten Feld auch in Erlangen noch zu tun bleibt, ist hier unter dem Eintrag vom 3. Juni zu sehen und nachzulesen: https://is.gd/Dlyc6c

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Was man früher einmal Alchemie nannte,  praktizieren heute die Betreiber von Mülldeponien und ihre Patrone aus der Politik. Leider bisweilen zum ruinösen Nachteil von Mensch und Umwelt überall auf der Erde. Auch in der Region Wladimir.

Fischsterben

Das Thema Müll kommt dort nicht aus den Schlagzeilen. In der vergangenen Woche haben erzürnte Anwohner der Deponie Marinskij die Zufahrt blockiert, weil bereits Kolonnen von LKWs den Abfall aus Kameschkowo und bald von allüberallher herankarren, obwohl die Betriebsgenehmigung noch gar nicht erteilt, die Anlage noch nicht fertig ist und niemand kontrolliert, was da so alles illegal abgekippt wird. Nur eines ist klar: Die Abwässer der bisher nicht isolierten Müllhalde fließen ungeklärt in einen Weiher, der bereits als ökologisch tot gilt, und in den entgegen allen Vorschriften nur 50 Meter entfernten Fluß Tschjornaja, ein Laichgewässer unter anderem für den Graskarpfen, in Rußland auch Weißer Amur genannt, das bei Kowrow in die Kljasma mündet, aus der wiederum vielerorts Trinkwasser gewonnen wird – mit aufwendigen Klärmethoden. So ist das eben: Was vorne reinkommt, muß hinten wieder raus. Und irgendwo dazwischen treiben nicht nur die toten Fische, sondern es verenden sogar die Biber.

Wilde Müllkippe im Wald

Der Sache hat sich nun der Wladimirer Sender TV 6 angenommen und sieht sich prompt einer Gegendarstellung der Regionalverwaltung ausgesetzt, in der es heißt: „Am vergangenen Freitag berichtete der Sender TV 6 über angebliche Gewässerverschmutzungen im Bereich der Deponie von Marinskij. Dergleichen geschieht nicht, wie hier öffentlich erklärt wird.“

Deponie

Die Bilder der Journalisten, die zum Ort des Geschehens gefahren sind, sprechen eine andere Sprache, zeigen die einst malerischen Gestade eines Flusses, der seinen einstigen Bewohnern den Tod gebracht hat und seine giftige Fracht weiterträgt in das ohnehin schon stark belastete Kljasmabecken. Doch bei schockierenden Bildern belassen es die Reporter nicht, sie konfrontieren Gouverneur Nikolaj Winogradow mit der Ökokatastrophe und verlangen sein Eingreifen. Doch der behauptet, die Mißstände werden behoben und es gebe keine Alternative zu der Deponie. Die wiederum betreibt ein Oligarch, mit dem der Politiker laut TV 6 befreundet sein soll. Da liegt für den Sender der Verdacht der politischen Patronage nahe. Bevor das geklärt wird, ist aber nun die Staatsanwaltschaft am Zug, um der fortgesetzten Wasserverschmutzung Einhalt zu gebieten und herauszufinden, wie eine Deponie ohne Genehmigung in Betrieb genommen werden konnte.

Hast du dich freiwillig zum Subbotnik gemeldet?

Unterdessen will der Stadtrat Wladimir im Mai ein Gesetz zur Stadtreinigung erlassen, 270 Seiten dick und unter Mitwirkung von mehr als 20 Organisationen entstanden. Und dann ist da noch der Subbotnik, der freiwillige Kehr- und Fegetag, an dem geschätzte 30.000 Wladimirer am letzten Samstag teilgenommen haben, um die Stadt vom Winterdreck zu befreien. Schön und wichtig. Nur auch da ist noch immer nicht geklärt, wohin mit dem Müll, geschweige denn, daß er sortiert und gar wiederverwertet würde. Die sporadischen Aktionen von Schülern, Altpapier zu sammeln, muten da leider eher hilflos an. Wladimir und das ganze schöne Rußland haben endlich ein effektives Programm zur Vermeidung, Sortierung und Aufarbeitung von Haus- und Gewerbemüll verdient – und Politiker, die das umsetzen, bevor auch hier die Triade von Rainer Werner Fassbinder „Der Müll, die Stadt und der Tod“ gilt.

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Das pommesfarbene M prangt nun auch in Wladimir – seit dem Wochenende in bester Lage, farblich abgestimmt, mit Blick auf das Goldene Tor. Wem nun also von morgens 7.00 Uhr bis Mitternacht nach Fleischküchla, Buletten, Frikadellen oder Fleischpflanzerl gelüstet, findet, was das amerikanische Fastfood so alles zu bieten hat. Ausgehungert nach dem schwabbeligen Einheitsfutter, wie die Wladimir aber wohl nach Ansicht der Marktstrategen sein müssen, dürfte es zumindest in der Neugierphase schwierig sein, einen Platz auf den 110 Stühlen zu finden. Doch Essen der Art soll ja auch unterwegs, pardon „to go“, schmecken oder – noch cooler – im Auto. Immerhin hat man jetzt auch in Wladimir die Wahl, sich zwischen gutem und schlechtem Geschmack zu entscheiden.

Entscheiden muß sich nun aber auch bald der Müllkrieg zwischen Stadt und Gouvernement, für den das Schnellrestaurant sicher einige Tonnen mehr an Munition liefern wird. Seit dem 1. Oktober ist es Wladimir nämlich qua Anordnung der Regionalverwaltung verboten, die bisher genutzte Deponie weiter mit den städtischen Abfällen zu beschicken. Die Stadt sieht sich im Recht, weil eine Nutzungslizenz für die Halde bis zum Jahr 2016 vorliege, das Gouvernement besteht darauf, die Müllkippe werde im Bundesregister gar nicht geführt, könne also legal gar nicht betrieben werden. Zudem sei sie hoffnungslos veraltet und eigentlich schon seit Ende der 80er Jahre geschlossen. Nun soll es nach Meinung des Rathauses der Markt richten. Die drei privaten Mülltransportunternehmen werden sich schon eine der vier zur Verfügung stehenden Deponien aussuchen. Wahrscheinlich die günstigste, wo man für den Kubikmeter Müll gerade einmal 90 Rubel zu zahlen hat. Und das ist just jene, die geschlossen werden soll. Das Stück von Rainer Werner Fassbinder „Der Müll, die Stadt und der Tod“ könnte wohl überall spielen. Leider auch in Wladimir.

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