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Posts Tagged ‘Der Idiot’


Seit 2003 pflegen Jena und Wladimir einen engen Jugendaustausch, der damals, vor 15 Jahren, mit dem EU-Projekt „Move Together“ mit Begegnungen einsetzte, die alle europäischen Partnerstädte einbezog. Derlei Programme laufen naturgemäß nach einer bestimmten Zeit aus, die Beteiligten gehen auseinander, die Treffen enden nach Abrechnung der Kosten in der Ablage. Nicht so zwischen Jena und Wladimir.

Im Botanischen Garten zu Jena

Cornelia Bartlau, damals noch Streetworkerin, heute Gleichstellungsbeauftragte, hatte im 1997 gegründeten Euroklub und deren Vorsitzenden, Jelena Guskowa, ein Wladimirer Pendant gefunden, das sich an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert zeigte. Und so entstanden neue Ideen, eigene Projekte wie der Freiwilligenaustausch, in dessen Rahmen vor sieben Jahren Iwan Nisowzew nach Thüringen gekommen war – und bis heute als Mittler zwischen den Städten und Menschen geblieben ist.

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Friedensfahrer Winfried Merkel

Zu den festen Programmen des Euroklub gehören landeskundliche Reisen, die per Bus dieses Mal bis in die Niederlande führen – nach dem Motto: gestern noch Jena, heute Amsterdam. Oder frei nach der russischen Redensart: im Galopp durch Europa.

Plenum

Dabei wollen die knapp 50 jungen Gäste nicht nur selbst möglichst viel von der Kultur und Geschichte vor Ort erfahren, sie stellen vielmehr überall auch ihre eigene Heimat vor. Und die heißt für einige in der Gruppe nicht nur Wladimir, sondern beispielsweise auch Wjasniki, eine Kreisstadt aus der Region, die mit ihren Naturschutzgebieten für sich einnimmt.

Jelena Guskowa, Iwan Nisowzew und Matthias Bettenhäuser

Wie wichtig Jena den Besuch im zehnten Jahr des Partnerschaftsdreiecks Erlangen-Jena-Wladimir nimmt, zeigt die Begrüßung durch Matthias Bettenhäuser, persönlicher Mitarbeiter und Leiter des Büros von Oberbürgermeister Albrecht Schröter, im Bürgertreff des Rathauses. Wie wichtig der Besuch ist, zeigen die politischen Umstände, die angesichts der aktuellen Eskalation mit der gegenseitigen Ausweisung von Botschaftspersonal mehr denn je auf die Volksdiplomatie setzen muß, gerade auch im „Deutsch-Russischen Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“. Schwere Zeiten für den Austausch, wenn hüben wie drüben neue Feindbilder entstehen. Da mag helfen, manches mit historischem Abstand zu sehen, etwa, wenn man die Fahrt von Erlangen nach Jena nutzt, um sich in die Anmerkungen zum Roman „Der Idiot“ von Fjodor Dostojewskij zu vertiefen. Da findet sich nämlich folgender Hinweis:

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Matthias Bettenhäuser

Heinrich Joh. Ostermann (geb. 1687 in Westfalen als Sohn eines Pastors) hatte als Jenenser Student seinen Gegner im Duell getötet, war nach Holland geflohen und dort 1703 in russische Dienste getreten. Er gewann Peters Vertrauen und machte sich verdient bei den Friedensschlüssen am Pruth 1711 und namentlich in Nystad 1721. (Geheimrat und Baron Ostermann) Nach Peters Tode 1725 ernannte ihn Katharina I. (1725-27) zum Oberintendanten des Hofes und zum Mitglied des Regentschaftsrates für Peters Enkel, den Knaben Peter II. Alexejewitsch, der aber schon 1730 starb. Die russische Adelspartei unter Führung des Fürsten Dolgorukij erhob hierauf Peters Nichte, die Witwe des Herzogs von Kurland, Anna Iwanowna (1730-40) auf den Thron und versuchte hierbei, die kaiserliche Allmacht zu beschränken. Der Versuch scheiterte an der Opposition der anderen, deutschfreundlichen Partei bei Hofe, und nach dem Sturz und der Verbannung der Russen kam es zur Bildung des Kabinetts, in dem Annas Günstling, Biron (von Bühren), Graf Ostermann und Generalfeldmarschall Münnich die Hauptrolle spielten. Anna ernannte (auf Ostermanns Rat?) ihren zweijährigen Großneffen als Iwan IV. (1740-41) zu ihrem Nachfolger; doch schon 1741 trat Peters jüngste Tochter, Elisabeth, auf und bestieg nach einer Palastrevolution den Thron (1741-62). Graf Ostermann wurde von ihr der Intrigen gegen ihr Thronfolgerecht beschuldigt, zum Tode durch das Rad verurteilt, auf dem Blutgerüst zur Verbannung nach Sibirien begnadigt, wo er 1747 in Berjosoff starb. Er stand im Ruf, ein kluger Staatsmann und geschickter Diplomat zu sein.

zitiert nach der Ausgabe des R. Piper & Co. Verlags, München, 1977

Gruppe aus Wjasniki

Geschickte Diplomaten brauchen wir heute zwischen unseren Ländern mehr denn je, Menschen, die verhindern wollen, daß die deutsch-russischen Beziehungen unter die Räder kommen oder unzerkaut im Rachen jenes Krokodils aus der gleichnamigen Erzählung – schon wieder – von Fjodor Dostojewskij landen, wie derzeit auf der Bühne des Theaters Jena zu sehen: https://is.gd/oQdLfJ

 

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Das Böse unter der Sonne gibt es leider nicht nur bei Agatha Christie, sondern auch in der Partnerstadt. Berichtet werden soll davon heute im Blog freilich in der Hoffnung darauf, das Neue Jahr möge weniger Opfer kosten, – und all die schlimmen Dinge sollen möglichst nur zwischen zwei Buchdeckeln stattfinden.

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Agatha Christie: Das Böse unter der Sonne

Von Januar bis November 2013 wurden im Gouvernement Wladimir 117 Morde registriert, immerhin ein leichter Rückgang gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr mit damals 147 Kapitalverbrechen. Hinzu kommen 57 Totschlagsdelikte und 32 Vergewaltigungen. Sechs Mordfälle sind noch ungelöst. Tröstlich die Aufklärungsquote von 98% bei Tötungsdelikten und von 96% bei Notzuchtfällen. Auffällig aber, daß die Zahl gemeldeter pädophiler Übergriffe von 15 im Jahr 2012 auf 50 gestiegen ist. Erklären kann man sich diesen Umstand durch die Verhaftung von Serientätern. Da ist der Fall eines Offiziers, bekannt als Familienmensch und Unternehmer, der jahrelang die ganze Region Wladimir nach Mädchen im Alter von neun bis dreizehn Jahren abgesucht hat, um ihnen Gewalt anzutun. Anhand von Videomaterial, das man bei ihm fand, geht man derzeit von 127 zum Teil weit zurückliegenden Verbrechen dieses einen Täters aus. Die Statistik beschäftigte auch der sogenannte „rechtgläubige Poet“, ein Pseudopriester, der ein Heim einrichtete, in das er drei Mädchen einlud, um sie orthodoxe Sittlichkeit zu lehren – und mutmaßlich von den „Feen und Musen“, wie er sie nannte, seine eher pathologischen denn platonischen Bedürfnisse befriedigen zu lassen.

Mord

Ausgerechnet er, ein weiterer Päderast und eine wegen Gewalt gegen ihr Kind angeklagte Mutter kamen nun kurz vor der Jahreswende aus dem Untersuchungsgefängnis frei und wurden bis zur Verhandlung unter Hausarrest gestellt. Möglich geworden aufgrund der Amnestie Wladimir Putins, die im Westen fast nur im Zusammenhang mit der Freilassung von Michail Chodorkowskij und der beiden Mitglieder von Pussy Riot wahrgenommen wurde. Die aber auch Anlaß bietet, einmal darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn der Präsident von der „Diktatur des Rechts“ spricht, deren Herrschaft er propagiert. Da heißt es aufgepaßt, denn schon Alexis de Tocqueville warnte: „Für jede Dikatur kommt der Moment der höchsten Gefahr, wenn sie versucht, sich zu bessern. Nur die höchste Staatskunst kann den Thron des Königs retten, wenn er sich nach langer Unterdrückung auf den Weg macht, das Los seiner Untertanen zu erleichtern.“

Kindesmißbrauch

Doch bleiben wir beim Kindesmißbrauch. Das „Wehe dem, der ein Kind kränkt!“ aus Fjodor Dostojewskijs Roman „Der Idiot“ wird wohl heute besser verstanden denn je. Die Ermittler zumindest meinen, die gestiegene Zahl von Fällen auch damit erklären zu können, daß die Öffentlichkeit für das Thema besser sensibilisiert sei, bei Übergriffen rascher mit Anzeige reagiere als früher. Und auch die Kinder selbst seien wachsamer geworden. Dennoch gehe man – wohl leider wie überall auf der Welt – von einer hohen Dunkelziffer aus.

Und noch einmal zurück zu den Morden, von denen hier nur einige bizarre Fälle aus der ganzen Region rekapituliert werden sollen: Da ist ein ehemaliger Polizist, der einen Rauschgiftsüchtigen in den Wald lockt, ihn dort an einen Baum fesselt und sich selbst und damit dem Tod überläßt; einer lädt seine Straßenbekanntschaft zu sich ein und wird vom Gast erstochen und darauf zerstückelt und im Keller eines Schuppens nebenan verscharrt; ein Mörderpärchen, Mann und Frau, Mitte 50, sie als Postbotin, verschafft sich Zugang in ein Haus, wo die beiden mit einem Beil eine Rentnerin und deren Tochter erschlagen und 48.000 Rubel, etwa 1.000 Euro Bargeld rauben; oder der 22jährige Timofej K., der nun für neun Jahre ins Gefängnis geht, weil er mitten in Wladimir ohne erkennbaren Grund einen geistig behinderten Mann mit einer brennbaren Flüßigkeit übergoß und ihn dann anzündete und wohl hätte verbrennen lassen, wenn es dem nicht selbst gelungen wäre, sich zu einem Brunnen mit Wasser zu retten. Und schließlich ist da noch jene filmreife Geschichte, von der im Blog bereits berichtet wurde: http://is.gd/yIJb9h. Doch damit genug von diesem blutigen Jahresrückblick.

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