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Posts Tagged ‘Christoph Ostgathe’


Derzeit hält sich eine siebenköpfige Medizinerdelegation aus Erlangen in Wladimir auf, die vorgestern vom Leiter der Regionalen Gesundheitsbehörde, Alexander Kirjuchin, und seiner Stellvertreterin, Jelena Owtschinnikowa, empfangen wurde. Hauptthema des Treffens – die Palliativmedizin.

Empfang bei Alexander Kirjuchin

Die Homepage der zentralen Verwaltung aller medizinischen Einrichtungen des Gouvernements Wladimir berichtet ausführlich über den Empfang für die deutsche Delegation, die der Hausarzt und medizinische „Wladimir-Beauftragte“, Jürgen Binder, zusammengestellt hatte und über deren Programm noch im einzelnen zu berichten sein wird.

Medizinstudent Felix Wackerbauer, Christiane Schöllhammer und Christoph Ostgathe

Heute deshalb hier nur erste Eindrücke von dem Besuch, der hauptsächlich der Palliativmedizin galt, die in der Region Wladimir noch im Aufbau steckt. Erst 2013 eröffnete man in der Partnerstadt eine Palliativstation, 2015 und 2016 folgten dann weitere Einrichtungen in Murom, Sudogda, Sobinka und im Landkreis Gus-Chrustalnyj mit insgesamt 60 Betten, deren Zahl man bis 2020 verdoppeln will. Ziel ist es, zehn Betten für 100.000 Einwohner bereit zu halten, was in etwa auch dem Angebot in Erlangen entspräche, wo es derzeit zwölf Betten im Universitätsklinikum gibt.

Jürgen Binder, Irina Chasowa, Anette Christian und Stephan Horn

Allein die Station in Wladimir hatte im vergangenen Jahr mehr als 200 Patienten. Allerdings wird – im Unterschied zu Erlangen – noch kaum ambulante Hilfe angeboten, die in der Hugenottenstadt von etwa 500 Patienten jährlich in Anspruch genommen wird.

Anette Christian, Jelena Owtschinnikowa und Alexander Kirjuchin, Jürgen Binder, Christoph Ostgathe, Stephan Horn, Felix Wackerbauer, Thomas und Christiane Schöllhammer

Wichtigstes Ergebnis der Unterredung: Professor Christoph Ostgathe, Leiter der Palliativklinik an der FAU, sagte zu, den Austausch mit Wladimir fortzusetzen, und Hospitationen anzubieten. Dies wird dann sicherlich auch Gelegenheit geben, mit Unterstützung von Stadträtin Anette Christian, federführend in der ambulanten Palliativversorgung tätig, die häusliche Pflege in Wladimir besser zu organisieren.

Christoph Ostgathe mit seinen Wladimirer Kolleginnen auf der Palliativstation

Siehe hierzu auch: https://is.gd/xLCt8G

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In der Erzählung „Das Göttliche und das Menschliche“ von Lew Tolstoj schreibt ein zum Tode verurteilter Häftling an seine Mutter:

Den Tod fürchte ich nicht. Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, verstehe ich ihn nicht und glaube auch nicht an ihn. Denn falls der Tod wirklich die Vernichtung sein sollte, ist es dann nicht gleichgültig, ob man mit dreißig Jahren stirbt oder eine Minute früher oder später? Wenn es aber keinen Tod gibt, dann ist es völlig einerlei, ob man früher oder später stirbt.

Es sind diese ewigen Fragen, denen sich all jene stellen, die in der Palliativmedizin tätig sind und täglich entscheiden müssen, ob es ethisch geboten sei, alle ärztliche und technische Kunst aufzuwenden, um das Leben zu verlängern, oder ob man dem leidenden Menschen gerechter werde, wenn man, seinem Willen entsprechend, die letzte Phase vor dem Tod „nur“ noch lebenswerter macht. Fragen auch der unterschiedlichen Rechtsprechung, der kulturellen Verschiedenheiten, etwa im Umgang mit den Themen „Wahrheit“ und „Hoffnung“. Tobias Steigleder, Assistenzarzt und Koordinator für Lehre in der Palliativmedizin am Universitätsklinikum Erlangen, kennt diese andersartigen Ansätze: Patienten aus Mittel- und Westeuropa wollen in der Regel möglichst früh wissen, wie es wirklich um sie steht, während man im östlichen Kulturkreis oft wider besseres Wissen so handelt, wie es einem die Hoffnung eingibt, als wäre Heilung noch möglich. So sehr dies trennen mag, vereint weiß man sich im Bemühen um das Wohl des todkranken Menschen.

Christoph Ostgathe, Marina Krylowa, Margarita Makarowa und Tobias Steigleder

Auf Einladung von Professor Christoph Ostgathe, Leiter der Palliativmedizinischen Abteilung, hospitieren seit gestern Marina Krylowa, ärztliche Direktorin des Krankenhauses Jurjewez in Wladimir, und Margarita Makarowa, Oberschwester der dortigen Palliativabteilung, in Erlangen. Eine medizinische Premiere, denn bisher ist dieser Bereich zwischen den Partnerstädten nur seitens des Wladimirer Roten Kreuzes im Rahmen der Pflege abgedeckt worden. Nun soll endlich auch die ärztliche Seite zu ihrem Recht kommen, zumal die beiden Besucherinnen in Wladimir im Jahr 2013 Pionierarbeit mit der Einrichtung der ersten und bisher einzigen Palliativabteilung für fünfzehn Patienten geleistet haben.

Marina Krylowa und Margarita Makarowa

Es wird noch viel zu besprechen geben in dieser gemeinsamen Woche. Etwa die Notwendigkeit, auch in Wladimir ein Hospiz einzurichten und die häusliche Pflege auszubauen, denn bisher kann die Verweildauer auf der dortigen Palliativstation mangels Alternativen mehrere Wochen dauern, während die Patienten in Erlangen schon nach wenigen Tagen wieder entlassen werden, um zu Hause oder im Hospiz zu versterben, sollte keine Heilung mehr möglich sein. Im Bereich der Pflege will man viel voneinander lernen, freilich begrenzt vom unterschiedlichen rechtlichen Rahmen, wenn die russische Justiz etwa vorgibt, auch in medizinisch offensichtlich aussichtslosen Fällen und ggf. sogar gegen den Willen des Patienten noch Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten, wie das etwa auch in Italien der Fall ist. Oder auf dem Feld der psychologischen und „spirituellen“ Betreuung, wo in Erlangen alles möglich ist, von der Seelsorge über Musik- und Kunsttherapie bis zum Einsatz von speziell trainierten Hunden. Man wird sich jedenfalls gemeinsam auf die Suche nach Antworten, der Wahrheit machen und Lew Tolstoj mit seinem harten Urteil nicht bestätigen: „Bei dem Deutschen ist das Selbstbewußtsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern. Der Deutsche bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen.“

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