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Posts Tagged ‘Butterwoche’


Spät kam er in diesem Jahr, der Winter, und schon wurde er gestern wieder ausgetrieben. In Wladimir und überall zwischen Ostsee und Ochotskischem Meer.

Futa-Bolina, die Fußball-Strohpuppe mit den Austragungsstädten der WM

Die „Butterwoche“, auf Russisch „Masleniza“, endet immer am Sonntag und steht für den Beginn des Frühjahrs, den Eintritt in die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern und die gegenseitige Vergebung von Schwächen, Fehlern und Sünden. In Wladimir, für den Zeitraum der Fußballweltmeisterschaft zur Kulturhauptstadt ernannt, stand das Fest aber auch schon ganz im Zeichen des runden Leders

Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Zeichen des Fußballs

Zentrale Figur des Treibens aber ist die Strohpuppe, die zum Höhepunkt des Volksfestes in effigie für den Winter verbrannt wird. Aus ihrer Asche – so der Überlieferung – solle bald schon die neue Saat aufgehen.

Feierlaune in Wladimir

Ein Schauspiel, das Jahr für Jahr viele Menschen aller Generationen anlockt und sogar in Gefängnissen veranstaltet wird, geht es doch auch und gerade um die symbolische Tilgung von Schuld.

Vor der Toren der Stadt Wladimir

Der Winter freilich behält Wladimir laut Wetterbericht noch bis mindestens Anfang März fest im Griff, mit weiterem Schnee und nächtlichen Temperaturen bis zu unter 20° C Frost. Wie gesagt, spät kam er in diesem Jahr der Winter, und noch später wird er wohl erst wieder gehen.

Die Puppe brennt in Susdal

Mehr zur Bedeutung der „Butterwoche“ unter: dfd https://is.gd/u4pJau

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Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man weiß, daß die Ostslawen schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter austrieben und das Frühjahr begrüßten.

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Der heutige Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikten Ablauf des Rituals halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber gestaltet sich der russische Karneval in geregelteren Bahnen als hierzulande das närrische Treiben und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Um in unseren Breiten zumindest kulinarisch die Butterwoche mitfeiern zu können, bietet sich an, nach russischem Rezept Pfannkuchen zu backen. Dazu ist es nur nötig, beim Rühren der gesalzenen Eier bis zu einer leichten Schaumbildung ein Glas kochendes Wasser und darauf etwa die gleiche Menge Kefir dazuzugeben, bevor man das Mehl einstreut (etwas Soda nicht vergessen), alles klumpenfrei vermischt, ein wenig zuckert und einige Sonnenblumenöl darübertropfen läßt. Ein russischer Pfannkuchen sollte möglichst dünn und von beiden Seiten gleichmäßig gebacken sein, golden wie die Sonne, für die er ja ursprünglich steht.

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Die genußvolle „Butterwoche“ mit all den leckeren Pfannkuchen und deren noch köstlicheren Füllungen ist vorüber, der Winter ist mit der öffentlichen Verbrennung der „Baba“, einer weiblich gestalteten Strohpuppe – im Russischen ist der Winter ebenso wie der Frühling femininen Geschlechts – ausgetrieben, und man hat einander am gestrigen „Sonntag des Verzeihens“ all die großen und kleinen Versehen und Vergehen vergeben. So gestärkt und getröstet, rüstet sich der orthodoxe Christenmensch für Ostern und nimmt von heute an bis zum 30. April die strengen Gebote der „Großen Fastenzeit“ auf sich, die einen Verzicht auf Fleisch und Fisch, Milchprodukte und Eier vorsehen, fast also eine vegane Diät fordern, wären da nicht die beiden Feiertage – Verkündigung des Herrn und Palmsonntag -, an denen zumindest der Verzehr von Fisch gestattet ist. In dem zeit- und weltumspannenden Großroman „Der Perser“ von Alexander Ilitschewskij liest man dazu eine seherische Passage:

Winteraustreiben

Winteraustreiben

Zum Ritual des Jüngsten Tages gehörte es, daß Lose geworfen, Tauben zum Himmel aufgelassen, diverses Geflügel und ein glückliches Lämmchen geopfert wurden. In traditionellen Viehzüchtergesellschaften war beim Schlachten – für die Kinder eines der wenigen großen Schauspiele – die Vorfreude auf das Fest und die Gelegenheit, sich satt essen zu können, allzeit mit dem Gedanken verbunden, daß ein Tier hierfür sein Leben lassen mußte. Ein unergründliches Mysterium; ich bin überzeugt, daß man früher oder später davon abkommen wird. Die Zukunft wird vegetarisch sein. Aber noch hat das Opfer seinen Sinn…

Ob überhaupt eines Tages und wann das Schlachtopfer auch in der seßhaft-urbanen Gesellschaft seinen behaupteten Sinn verliert, sei einstweilen dahingestellt, aber das Fastenopfer gibt immerhin Gelegenheit, ein schlichtes russisches Rezept vorzustellen. Versuchen wir es heute mit dem Krautbratling.

Krautbratlinge

Krautbratlinge

Wir benötigen dazu einen Kopf Weißkraut (ca. 1 kg), je 100 g Mehl und Gries, eine Zwiebel, Kräuter und Gewürze, zwei Knoblauchzehen und etwas Pflanzenöl, möglichst geruchsfrei. Den in große Stücke geschnittenen Kohl kocht man in Wasser mit ein wenig Salz weich, läßt ihn abkühlen und hobelt ihn dann in der Küchenmaschine fein, gibt die gehackten Kräuter sowie die Gewürze, Mehl und Gries hinzu. Die Masse sollte daraufhin ein wenig stehen, damit der Gries aufgehen kann. Nun gibt man den Rest des Mehls (kann auch Paniermehl sein) dazu, formt mit den Händen die Bratlinge und gibt sie gleich in die Pfanne mit heißem Öl. Gereicht werden die goldgelben Leckerbissen mit Salat oder Kartoffelbrei. Ein leichter Einstieg jedenfalls in die mutmaßlich vegetarische Zukunft.

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Während im slawischen Bruderzwist Menschen für ein von Selbstherrschern usurpiertes „moralisches Recht“ geopfert und wenige Tage alte internationale Vereinbarungen schon wieder zynisch gebrochen werden, um einer aus sich heraus nicht überlebensfähigen, selbsternannten und pseudostaatlichen Krebszelle das künstliche Überleben zu sichern, endet hierzulande die närrische Zeit im Zeichen des Aschekreuzes und treibt in Rußland die Butterwoche ihrem Höhepunkt entgegen: dem Fest des gegenseitigen Verzeihens am kommenden Sonntag, nach dem die vorösterliche Fastenzeit beginnt.

Wiktoria Dawydowa

Wiktoria Dawydowa

Vor der zeremoniellen Reinigung und der Einstimmung auf die Passion des Herrn lassen es die Russen aber noch einmal so richtig krachen. Mit ausgelassenem Feiern, Besuchen bei Freunden und einer Küche, die in allen weltlichen Genüssen – außer den fleischlichen – nur so schwelgt. Traditionell gehören jetzt zu jeder Tages- und Nachtzeit Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch, in allen denkbaren Varianten, mit allen möglichen Zutaten von Honig über gesüßte Kondensmilch und Marmelade bis hin zu Kaviar oder Pilzen. Der Grundstoff sei dabei stets der gleiche, meint Wiktoria Dawydowa aus Wladimir, die derzeit im Rathaus ein Praktikum absolviert und nun zum ersten Mal fern der Heimat an einem Herd steht.

Bliny à la Wiktoria

Bliny à la Wiktoria

Für drei Personen nimmt die Fremdsprachenstudentin einen halben Liter Milch, einen halben Teelöffel Salz, ein Ei und ca. 300 g Mehl. Statt in Butter bäckt sie die Pfannkuchen gern in Sonnenblumenöl, aber nur mit ganz wenig davon, damit die Bliny nicht zu fett und dick werden. Sie hat es mehr mit der schlanken Linie. Aber das möge jeder so halten, wie es der Geschmack eingibt. Verkehrt machen kann man eigentlich nicht viel. Nur zu wenig! Denn Butter und Milch und all die anderen Köstlichkeiten tierischer Abkunft sind dann für den orthodoxen Christenmenschen ab Montag nächster Woche tabu – bis zum Fest der Auferstehung des Friedensfürsten. Womit wir dann doch wieder bei der allzu diesseitigen Einleitung wären, die nicht eben appetitfördernd wirkt. Aber dafür kann die Pfannkuchenbäckerin aus Wladimir nun wirklich nichts.

Mehr zur Butterwoche hier im Blog unter: http://is.gd/LVgLXf mit einem animierenden Gruß aus Wladimir unter: http://is.gd/ZZqgTf. Und dann zum Vomitorium mit diesem Link http://is.gd/EsUWUh, der den Beschuß von Debalzewe durch die Separatisten (sie reklamieren das Städtchen als ihr „Stalingrad“!) während der nun endgültig hinfälligen „Waffenruhe“ zeigt und hören läßt, wie lustig das ein russischer TASS-Journalist findet. Leider auch ohne Russischkenntnisse verständlich, was der Krieg aus Menschen machen kann.

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Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man daran denkt, daß man auch hier schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter ausgetrieben und das Frühjahr begrüßt hat. Während die Narren und Jecken am Rhein und am Main längst wieder in Sack und Asche gehen, treibt der russische Fasching seinem tollen Höhepunkt entgegen. Doch der Reihe nach.

Butterwoche

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der österlichen Fastenzeit noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Butterwoche

Der Montag ist der „Rüsttag“, wo die Buden aufgebaut werden, die ersten Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit die Kraft genug hatten, für für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt.

Butterwoche

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikte Ritual halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber verläuft der russische Karneval in geregelteren Bahnen und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

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