Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Boris Nezmzow’


Ob es nun, wie laut Angaben der Polizei 7.500 oder nach Schätzungen der Veranstalter sowie russischer und ausländischer Medien fast 25.000 Menschen waren, die gestern auf Moskaus Straßen an den ersten Todestag des Oppositionspolitikers, Boris Nemzow, erinnerten, sei dahingestellt. Bemerkenswert aber: Erstmals haben die staatlichen Medien über die friedlichen Protestveranstaltungen berichtet, und das, ohne den ermordeten ehemaligen Gouverneur von Nischnij Nowgorod und stellvertretenden Ministerpräsidenten unter Boris Jelzin, als Volksfeind und Vaterlandsverräter zu beschimpfen. In Zeiten, wo jeder Abweichler vom Kreml-Kurs Gefahr läuft, zumindest der „Fünften Kolonne“ zugerechnet und als „Agent des Westens“ enttarnt zu werden, der seine Silberlinge aus dem Ausland erhalte, darf man das nachgerade als Geste der Verständigung sehen und als Zeichen für einen inneren Frieden begreifen, den man dem Land von Herzen wünschen möchte.

Ermordet für die Freiheit

Ermordet für die Freiheit

In Wladimir war das Häuflein derer, die sich aus Anlaß des Attentats auf den eloquenten Sprecher der Andersdenkenden im Stadtpark versammelt hatten, überschaubarer, leichter durchzuzählen. Zusammengekommen war die Trauergemeinde an der „Speakers‘ Corner“, wo dank einem Erlaß des damaligen Gouverneurs, Nikolaj Winogradow, seit 2013 Demonstrationen und Kundgebungen ohne behördliche Genehmigung gestattet sind.

Zum Gedächtnis

Zum Gedächtnis

Gestört fühlten sich die Veranstaltungsteilnehmer in ihrer freien Meinungsäußerung nur durch den Lärm von Schneeräumfahrzeugen, die in unmittelbarer Nähe ihren unaufschiebbaren Auftrag erfüllten, der freilich nicht länger dauerte als die Kundgebung selbst. Viele fühlten sich deshalb an den Besuch von Michail Kassjanow erinnert, der in der ersten Amtszeit von Wladimir Putin Ministerpräsident war und nun für das „Andere Rußland“ steht. Als der nämlich am 11. Februar zu einer Pressekonferenz nach Wladimir kam, wurde er – medienwirksam – von einer Riege eierwerfender Gegner seines „Westkurses“ und einem defekten Kipper empfangen, die vereint den Zugang zum Veranstaltungsort erschwerten.

Gedenkveranstaltung für Boris Nemzow in Wladimir

Gedenkveranstaltung für Boris Nemzow in Wladimir

Gestern blieben im Schatten des Riesenrades derartige Provokationen mit fliegenden Lebensmitteln aus, sieht man einmal ab von dem einsamen Vertreter der radikal-nationalistischen „Volksbefreiungsbewegung“, die in jüngster Zeit immer wieder mit ähnlichen Plakaten vor den Redaktionen oppositioneller Wladimirer Medien auftaucht und die Öffentlichkeit über die „zersetzende Wirkung“ der „im Sold des Westens“ stehenden Journalisten aufklärt.

Boris Nemzow 1

Willst du den Maidan, dann fahr nach Magadan. Verräter der Nation sind die Fünfte Kolonne. Haut ab aus Rußland!

Nochmals: Nichts ist der russischen Gesellschaft mehr zu wünschen, als eine Kultur der politischen Toleranz, eine Versöhnung mit sich selbst, besonders im Hinblick auf die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen. „Wer Mord und Schmerz sät, kann nicht erwarten, Liebe und Freude zu ernten“, galt schon für Pythagoras. Sich gegenseitig zu Feinden zu erklären, einander buchstäblich ins Visier zu nehmen, endet denn auch so, wie vor einem Jahr geschehen. Möge es nie mehr solch blutige Jahrestage geben!

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: