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Posts Tagged ‘Behindertenarbeit in Susdal’


Am 12. März feierte die „Lernwohnung“ der Selbsthilfeorganisation Swet in Susdal ihren ersten Geburtstag. Die Initiative, vergleichbar mit unserer Lebenshilfe, hat zwar ihren Sitz in Wladimir, eröffnete aber am 5. März vergangenen Jahres in Rothenburgs Partnerstadt ein Haus ein, in dem junge Erwachsene mit unterschiedlichen Behinderungen betreut wohnen und an die Selbständigkeit herangeführt werden.

Jurij Katz vor dem Haus in Susdal, September 2018

Swet erfährt ja schon seit seiner Gründung Anfang der 90er Jahre Unterstützung aus Erlangen, finanziell wie ideell und fachlich. Im Wladimirer Zentrum der Organisation gibt es zum Beispiel ein „Erlanger Zimmer“, eingerichtet mit Spenden aus der Hugenottenstadt. Auch die ersten Wohnungen für selbständiges Leben wurden mit Hilfe aus Erlangen eingerichtet. Doch das Haus in Susdal hat eine ganz besondere Geschichte, die bis ins Jahr 2002 zurückreicht, als die Barmherzigen Brüder Gremsdorf eine Projektförderung für den Blauen Himmel von der Aktion Sternstunden des Bayerischen Rundfunks erhielten, an der sich auch das Erzbistum Bamberg und weitere Sponsoren beteiligten. Man kaufte ein 3.000 qm großes Grundstück, zwischen Wladimir und Susdal gelegen, an, um dort ein Rehabilitationszentrum für Kinder aus der Psychiatrie aufzubauen. Doch die Pläne scheiterten am Widerstand der Anwohner im Dorf Barskoje Gorodischtsche (s. https://is.gd/cNN8b5), der Blaue Himmel fand in Penkino seine Heimstadt, und so entschied die Stiftung Lichtblick, die Liegenschaft der Organisation Swet zu überschreiben. Diese wollte zunächst hier ein Erholungsheim für Familien mit behinderten Kindern bauen, entschied sich aber schließlich zum Verkauf, um aus dem Erlös ein Haus in Susdal mit dem gleichen Zweck zu erwerben.

Baustelle am Haus in Susdal, September 2018

Nun also ist das Haus im Zentrum von Susdal seit einem Jahr bewohnt und gilt als das erste behindertengerechte und selbstbestimmte Hotel der ganzen Region, wenn nicht von ganz Zentralrußland.

Ljubow Katz und der Mädchenchor von Swet mit dem Geburtstagsständchen

Das Ehepaar Ljubow und Jurij Katz schreibt in einem Dankbrief an die Erlanger:

Das Haus steht Gästen offen und beherbergt behinderte junge Menschen, die ihre Selbständigkeit entwickeln, dient aber auch der sozio-kulturellen Rehabilitation. Behinderte Kinder werden ja oft von Alleinerziehenden betreut, 70% der Väter verlassen die Familie im Fall einer Behinderung des Kindes, 32% geben den Kontakte zu ihren Kindern ganz auf, und nur vier Prozent bezahlen Alimente. Da fehlt natürlich das Geld für einen Urlaub oder Aufenthalt in einem Sanatorium. Überdies erhalten Mütter mit behinderten Kindern gar keine Überweisung in ein Erholungsheim, weil da in aller Regel die Voraussetzungen für die jungen Gäste mit Einschränkungen fehlen. Einige der Kinder, die hierher nach Susdal kommen, hatten deshalb noch nie die Möglichkeit, ihren Wohnort zu verlassen. Und nun all die Sehenswürdigkeiten hier in Susdal – und die Möglichkeit, das selbständige Leben zu erlernen.

Geburtstagsfeier

Und weiter schreibt das Ehepaar:

Wir danken allen Freunden in Erlangen, allen anteilnehmenden Menschen dafür, geholfen zu haben, den Traum dieser ganz besonderen Kinder und Jugendlichen wahr werden zu lassen. Sie können jetzt reisen, einander begegnen, eine wunderbare Stadt besichtigen und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Und Irina Chasowa, Direktorin des Erlangen-Hauses, die unter den Ehrengästen war, ergänzt:

Wirklich großartig, was da mit der Hilfe aus Erlangen geschaffen wurde. Ein kleines Wunder für uns alle!

 

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Der Samstagvormittag gehört im Erlangen-Haus den Kindern. Ebenso erstaunlich wie erfreulich die Weiterentwicklung des pädagogischen Programms. Im August 2017 hatte Anna Lesnjak eine Fortbildung am Goethe-Institut in Moskau gemacht, und schon wenige Wochen später startete sie mit der Zwerglgruppe.

Man merkt es dem Großen Saal im Erlangen-Haus an: Das Unterrichtsmaterial zeigt spielerische Elemente, und die Lehrerin geht denn auch mit spielerischem Ernst ans Werk.

Man merkt es den Kindern an: kein Zwang, keine Unlust. Sie freuen sich auf den Unterricht und sind mit Eifer bei der Sache.

Wer erinnert sich noch, wie diese beiden Maskottchen heißen?

Mit einem Ball bringt Jekaterina Ussojewa alle ins Spiel. Wer ihn zugeworfen bekommt, stellt sich vor und wirft ihn dann weiter. Das ging gestern schwuppdiwupp, denn es waren nur fünf gekommen. Wo denn die andere Hälfte abgeblieben sei, fragt der Gast. „Die feiern noch den 8. Mai und die Butterwoche“, kommt prompt zur Antwort. Auch recht, wenn Festtage als Entschuldigungsgrund genügen.

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Jekaterina Ussojewa

Nachhilfe brauchen die Kleinen aber noch in Sachen Erlangen. Was das für eine Stadt ist, wo sie liegt, was sie mit Wladimir zu schaffen hat, wissen noch nicht alle. Aber, wer weiß, in fünf oder sechs Jahren kommt ja vielleicht schon die eine oder der andere per Schüleraustausch in die deutsche Partnerstadt und erinnert sich dann an diese kleine Einführung.

Peter Steger und die Zwerglgruppe

Während sich dann der Unterricht wieder dem eigentlichen Stoff – den Jahreszeiten und der Rechtschreibung – zuwendet, wartet draußen der tauende Rest des Winters.

Und wo könnte man den schöner erleben als in Susdal, wohin man für gerade einmal 100 Rubel in knapp einer Stunde mit dem Linienbus fahren kann – mit Stehplatz. Eng an eng, denn in Rothenburgs Partnerstadt gibt es etwas zu erleben: das Winteraustreiben, die Butterwoche, die Masleniza, den Höhepunkt des russischen Karnevals.

Von dem bunten Spektakel gibt es hier http://www.facebook.com/peter.steger.5492 mehr zu sehen.

Peter Steger und Sergej Skuratow

Besonders schön aber am Rand des Volksfestes: Freunde wiedersehen, wie den Bildreporter Sergej Skuratow, der die Partnerschaft seit Anfang der 90er Jahre mit seiner Kamera begleitet.

Sergej Sacharow und Peter Steger

Und natürlich Sergej Sacharow, Stadtdirektor von Susdal und bis vor dreieinhalb Jahren Oberbürgermeister von Wladimir, der sich den ganzen Nachmittag Zeit nimmt, um seine Wintermärchenstadt zu zeigen. Aber auch, was ihm besonders am Herzen liegt: das Wohl von behinderten Kindern, deren Zentrum die Stadtverwaltung nach Kräften unterstützt, etwa durch die teilweise Übernahme der Kosten für die Heizung oder des pädagogischen Personals. Ansonsten aber funktioniert die Einrichtung ganz ähnlich wie in Deutschland die Lebenshilfe.

Und dann der Höhepunkt: die Wohnung zum Lebenlernen. Eben erst eröffnet. Heute ziehen die ersten fünf behinderten Jugendlichen für zwei Wochen ein, um hier einzuüben, wie sie für sich selbst sorgen, ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Möglich wurde dies dank dem Engagement der Selbsthilfegruppe Swet, die ja seit ihrer Gründung vor einem Vierteljahrhundert eng mit Erlangen zusammenarbeitet und in Wladimir bereits Wohnungen dieser Art einrichten konnte – mit Unterstützung der fränkischen Freunde. So auch hier: Die Finanzierung des Projekts wurde möglich dank dem Verkauf eines Grundstücks – zwischen Wladimir und Susdal gelegen -, das aus Mitteln des Erzbistums Bamberg angekauft worden war, um dort eine erlebnispädagogische Einrichtung für behinderte Kinder zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde dann in Penkino unter dem Namen „Blauer Himmel“ verwirklicht, das Bauland blieb eine Brache und ging an die Organisation Swet, die ihrerseits dort ein kleines Kinderdorf errichten wollte. Als sich auch diese Pläne zerschlugen, fiel die Entscheidung für den Verkauf, und aus dem Erlös konnte nun in Susdal – mitten im Zentrum der Stadt, gegenüber dem Marktplatz, in bester Lage – ein ganzes Haus saniert und behindertengerecht eingerichtet werden.

Guten Morgen

Viele Umwege waren nötig, um an dieses Ziel zu kommen. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben. Jeder Morgen wird daran erinnern. Möge jeder Morgen ein guter Morgen für die jungen Gäste des Hauses werden!

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