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Posts Tagged ‘Annenkirche Sankt Petersburg’


Gestern abend wurde in der protestantischen Annenkirche zu Sankt Petersburg mit einem außergewöhnlichen Konzert die Ausstellung „Schöpfung“ des Wladimirer Künstlers, Kirill Wedernikow, eröffnet und per youtube im Netz übertragen. Trotz einiger technischer Mängel war auch am Bildschirm die magische Atmosphäre dieses Ortes und natürlich des auch in Erlangen bekannten Meisters zu spüren. Hier nun eine kleine Einführung mit dem Versprechen des Blog-Kulturredakteurs, Pablo Kandis-Malinskij, weitere Artikel zu liefern, immer im zeitlichen Spannungsfeld zwischen vita brevis und ars longa.

Der Mensch und die Welt. Der Mensch in der Welt. Die Welt im Menschen. Die Welt des Menschen. Der Weltmensch… Welch eine Vielfalt von Variationen der Verbindung dieser Wörter. Sie alle beschäftigen die Menschheit seit Jahrhunderten. Die Geheimnisse der Schöpfung zu erraten, ist uns nicht gegeben, aber wir werden immer danach streben, sie zu verstehen.

Als Künstler wählt man seinen Weg, das Streben nach der Wahrheit erfolgt in vielfacher Hinsicht intuitiv, ohne Logik. Aber die im Bewußtsein entstehenden und auf die Leinwand übertragenen Bilder erklären die Welt nicht weniger tiefgründig als die Theorien der Wissenschaften.

Ein Bild… Mit seiner Hilfe kann man ABbilden ebenso wie HERAUSbilden. Wenn man als Künstler die Welt nur abbildet, bleibt man nur Spiegel, ein unbeteiligter Betrachter. In dem Fall steht man so wenig mit der Welt in Verbindung wie der Atheist aus dem bekannten Gedicht von Josef Brodskij, der die Welt Gottes, „im Dorf lebt nicht in den Ecken“ nur in Augenschein nimmt.

Wenn man freilich als Künstler nur herausbildet, darstellt, gebiert er das Bild von innen heraus. Dies ist das Alter ego des Autors. Doch es fehlt ihm dann immer noch die Verbindung zur Welt, sein Werk erschließt sich nur ihm selbst.

Abbildung und Darstellung müssen ineinander aufgehen, erst so spricht der Künstler über das Bild mit der Welt, mit uns, und wir kommunizieren mit ihm. Zustande kommt das, wenn im Künstler die Reflexion erwacht. Nicht jene, von der heute so oft unsere Psychologen sprechen, sondern die, welche die Helden Shakespeares und Dostojewskijs in sich trugen, also die Reflexion, über die A. L. Toom schrieb: „Ein zur selbständigen Reflexion befähigter Mensch kann sich geistig aus der Umwelt befreien“. Die im Bewußtsein widergespiegelte äußere Welt treibt die Arbeit der inneren Welt an. Widerspiegelung und Darstellung interagieren, Makrokosmos und Mikrokosmos verbinden sich, Mensch und Welt werden eins. So entstehen dann geniale Werke, die uns als Entdeckung erschüttern.

Es scheint, wenn es schon die Gemälde von El Greco und Leonardo gibt, gebe es auch bereits Antworten auf die ewigen vermaledeiten Lebensfragen. Ja und nein. Die Großen zeigten uns bereits durch ihre bloße Existenz, daß der Weg zur Wahrheit möglich sei. Zugleich begreifen wir, daß ihn jeder ganz für sich zu gehen hat, da er nur zu einem Drittel durch die Abbildung erleuchtet ist, aber zu zwei Dritteln der Darstellung gewidmet ist.

Warum beginne ich mit diesen seltsamen Überlegungen mein Gespräch über das Werk des Künstlers Kirill Wedernikow? Wahrscheinlich weil ihn selbst ebendiese Fragen beschäftigen. Der Weg eines Künstlers gleicht einer Spirale, die sich nach oben dreht, vielleicht aber auch nach unten, denn wer weiß schon, wo sich in der Endlosigkeit oben und unten befinden. Doch diese Spirale strebt einem Punkt zu. Ob der etwas abschließt, oder ob da eine neue Spirale beginnt, bleibt offen. Eines nur kann man sicher festhalten: Der Weg entlang der Spirale führt nicht nur nach vorne, sondern er dreht sich auch im Kreis, will sagen, kehrt um, vom Sein zum Schaffen und vom Schaffen zum Sein.

Jetzt fügen sich 14 Bilder zu einem durch und durch logischen System, auch wenn sie zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Malweisen entstanden. Der Künstler betastete sein Thema, ließ von ihm ab, kehrte nach einer bestimmten Zeit zu ihm zurück.

Und wir kehren – versprochen! – schon bald zu diesem so außergewöhnlichen Künstler zurück, den wir im Mai – so die Hoffnung gegen alle Corona-Szenarien – wieder in Erlangen begrüßen können.

Bilder: Dmitrij Smirnow

P.S.: Zur Erinnerung: Hier hatte alles zwischen Kirill Wedernikow und Erlangen begonnen: https://is.gd/WOpuWi

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