Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Anna Achmatowa’


Ein symbolisch aufgeladener Sonntag war das gestern in Erlangen. Der Aufruf des Deutsch-Französischen Instituts zur Solidaritätskundgebung mit den Opfern und Hinterbliebenen der Terroranschläge von Paris, ein Appell, dem etwa eineinhalbtausend Menschen folgten.

Fenster des Deutsch-Französischen Instituts

Fenster des Deutsch-Französischen Instituts

Ein Gedenken, das Rachel Gillio, die Leiterin der Kultureinrichtung, in ihrer berührenden Ansprache als Vermächtnis der Charlie-Hebdo-Redaktion unter das Motto „Vive le rire“ – „Es lebe das Lachen“ – stellte. Mit dem Humor haben Fanatiker aller Glaubensrichtungen ja bekanntlich so ihre Probleme. Man denke nur an die Regel des hl. Benedikt, der sagte: „Leichtfertige Späße aber und albernes oder zum Lachen reizendes Geschwätz verdammen wir allzeit und überall, und keinem Jünger erlauben wir, zu derlei Reden den Mund zu öffnen.“

Rachel Gillio, Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts

Rachel Gillio, Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts

Aber gerade die Franzosen halten sich da lieber an Aristoteles oder ihren Landsmann George Courteline, der neben Lustspielen den Aphorismus hinterließ: „Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor“. Richtig, weil er entwaffnend ist, weil er sich auf den Geist, den Esprit, den Witz stützt und Menschen wie Dinge, Dogmen wie Probleme in ihrer Vieldeutigkeit sieht.

Elisabeth Preuß bei ihrer Rede mit Bürgermeisterkollegin Susanne Lender-Cassens, Oberbürgermeister Florian Janik und Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender beider islamischer Moscheen in Erlangen

Elisabeth Preuß bei ihrer Rede mit Bürgermeisterkollegin Susanne Lender-Cassens, Oberbürgermeister Florian Janik, Dekan Peter Huschke und Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender der Islamischen Religionsgemeinschaft, des Dachverbandes beider Moscheen in Erlangen

Und weil er zur Meinungsfreiheit gehört, die man nur so lange hat, wie man sie sich nimmt und behauptet. Wo hätte die in Erlangen besser zum Ausdruck kommen können, als auf dem Hugenottenplatz, benannt nach den Franzosen, die nach den Schrecken der Bartholomäus-Nacht die Flucht ergriffen, – in einer gar nicht so fernen Zeit, als Christen Christen terrorisierten? Und wie in Erlangen, wenn nicht im versöhnenden Dreiklang von Bürgermeisterin, Elisabeth Preuß, im Vorstand des Deutsch-Französischen Instituts ebenso wie der Allianz gegen Rechtsextremismus, Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender beider islamischer Moscheen in Erlangen, und Oberbürgermeister, Florian Janik? Fraternité war das auf Fränkisch, über die Grenzen von Ländern, Sprachen und Religionen hinweg.

Im Westen nichts Neues?!  Kriegsspiel von Reinhold Knapp

Im Westen nichts Neues?! Kriegsspiel von Reinhold Knapp

Derweil ging ebenfalls gestern die Ausstellung „Im Westen nichts Neues?!“ zum Thema „1. Weltkrieg“ im Stadtmuseum zu Ende. Noch ein letztes Mal waren die eindrucksvollen Exponate zu sehen, vorgestellt und erläutert von den Erlanger Künstlern. Reinhold Knapp sieht den Krieg als Kartenspiel mit den Trümpfen M wie Macht, V wie Vergasung, F wie Flucht, wo der Neoimperialist Wladimir Putin, der selbsternannte Sammler sowjetischer Erde, dem letzten deutschen Kaiser gegenübergestellt ist, der – mit bekanntem Ausgang – seinem Reich einen Platz an der Sonne erkämpfen lassen wollte.

Im Westen nichts Neues?! Überbleibsel des Krieges von Christian L. Hamsea

Im Westen nichts Neues?! Trouvaillen des Krieges von Reiner F. Schulz

Christian L. Hamsea stellte u.a. Fundstücke zu einem Ensemble des Grauens zusammen, Relikte des Tötens, Persönliches aus einer Periode der Entmenschlichung. Dabei ist er selbst fast schon hoffnungslos optimistisch und hat bei seinem Besuch in Wladimir vor einem halben Jahr mit den Kollegen gewettet, binnen eines Jahres werde die Visumpflicht zwischen Deutschland und der Russischen Föderation aufgehoben.

Errare humanum est von Christian L. Hamsea

Errare humanum est von Christian L. Hamsea

Realistischer ist da schon, daß der Kenner des menschlichen Irrtums im Sommer Künstler aus der Partnerstadt in seine Akademie bei Rom einladen und für ein paar Tage auch noch nach Erlangen bringen kann.

Im Westen nichts Neues?! Soldatenportrait von Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Soldatenportrait von Reiner F. Schulz

In vielen Genres zu Hause ist der ebenso partnerschaftserfahrene Reiner F. Schulz, von dem Installationen zu sehen waren, aber auch verfremdete Photos von Weltkriegssoldaten, Bilder, die den Schlachtfeldern ein Gesicht geben. Der Künstler reiste sogar eigens nach Frankreich, um an den Schauplätzen von damals zu arbeiten, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, zu sehen, wie seine Kunst wirkt, etwa die Stahlhelme, umschwebt von den Thanatonen, den Sendboten des Todes.

Im Westen nichts Neues?! Installation von Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Installation von Reiner F. Schulz mit Stahlhelmen und schwebenden Thanatonen

Und dann vier Lieder vom Krieg, zwei französische, zwei russische von einem Deutschen vorgetragen: ein großes Gesamtkunstwerk für den Frieden von Reiner F. Schulz.

Im Westen nichts Neues?! Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Reiner F. Schulz

Derweil gingen auch in Moskau Menschen auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit Charlie Hebdo und all den übrigen Terroropfern. Freilich wurden einigen – wegen einer Ordnungswidrigkeit – die „Je-suis-Charlie-Plakate“ abgenommen. Und in der Komsomolskaja Prawda erscheint heute ein Artikel, in dem die zwei Anschläge von Paris als Werk der USA bezeichnet werden, die damit Frankreich wieder fest in die „Antirussische Phalanx“ zwingen wollen, wie die Amerikaner übrigens, glaubt man dem Verschwörungstheoretiker, Alexander Schilin, einem Oberst i.R., auch schon die „Dienstmagd Obamas“, Angela Merkel, mit dem von ihnen gestifteten Brand im Chemiewerk bei Bremen am 9. September 2014 zur Raison und auf Kurs gegen Moskau gebracht haben sollen. Bei einem derartigen Maß an Zynismus weiß man freilich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.

Charlie-Hebdo-Kundgebung im Gorkij-Park, Moskau

Charlie-Hebdo-Kundgebung im Gorkij-Park, Moskau

Inzwischen flammen die Kämpfe in der Ostukraine wieder auf. Es fallen erneut Soldaten, fast unbemerkt von uns, als wäre das Erschütterungsmaß voll, die Solidaritätsgrenze überschritten. Mehr als eine Million Ukrainer auf der Flucht, fast fünftausend Todesopfer. Und kein Einsehen in Sicht! Heute so wenig wie damals, als Anna Achmatowa, die überragende russische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts, ihr Gedicht „2. August 1914“ schrieb, hier in der Übersetzung von Johannes von Günther:

Des Wacholderdurfts süße Herbe / steigt aus brennender Wälder Schoß. / Witwenjammer im Dorf will nicht sterben. / Die Soldatenfraun klagen ihr Los. // Daß der Himmel uns Regen schenkte, / schrie manch Bittgottesdienst ins Blau: / Aber rote Feuchtigkeit tränkte / jetzt warm die zertretene Au. // Leere, niedrige Himmel weilen, / doch des Betenden Stimme schwand… / Deinen heiligen Leib sie zerteilen, / und sie würfeln um dein Gewand.

Read Full Post »


Russische Sprache

„Я русский бы выучил только за то, / что им разговаривал Ленин.“ Man muß es nicht unbedingt mit dem großen Futuristen und kraftvollen Dichter der Revolution, Wladimir Majakowskij, halten, der in seinem berühmten Gedicht über die russische Sprache begeistert ausruft: „Ich würde das Russisch allein schon erlernen, / weil Lenin die Sprache gebraucht.“ Diesen bereits nach Personenkult klingenden Pathos verwendet heute freilich niemand mehr, wenn er für das Russische wirbt. Da geht es nüchterner zu, pragmatischer. Hören wir doch einmal hinein in die Rede, die der russische Botschafter in Berlin, Wladimir Kotjonow, am 20. April 2010 hielt, als das Russomobil auf seine Fahrt durch Deutschland geschickt wurde, das ja erst vor kurzem auch in Erlangen Station gemacht hatte:

Seit Jahrhunderten stand der deutsche Sprachraum in enger kultureller Wechselbeziehung mit Rußland. Die Begeisterung für geistige Errungenschaften des jeweiligen Volkes war der Faden, der uns seit jeher verbunden hat, und der auch in den schwierigsten Phasen unserer Geschichte nie gänzlich abriß. Nicht nur Russen empfanden die kulturelle Begegnung als anregend, fruchtbar und beiderseitig gewinnbringend. Viele Deutsche standen bekanntlich im Dienste russischer Zaren als Diplomaten, Erzieher und Universitätsprofessoren. Deutsche Philosophen und Künstler fühlten sich von der russischen Sprache und ihrer immensen Gestaltungskraft angezogen und herausgefordert. Heute ist bei uns das Interesse für die deutsche Sprache nach wie vor groß. Bei der letzten Volkszählung haben 2,9 Mio. Menschen in Rußland angegeben des Deutschen mächtig zu sein. Über vier Millionen Menschen in der Russischen Föderation lernen derzeit die Sprache Goethes und Kants. Das heißt, jeder vierte, der Deutsch außerhalb Deutschlands studiert, tut es in Rußland .Somit belegt Deutsch im Fremdsprachenunterricht den zweiten Platz hinter Englisch, deutlich vor Französisch. Wie sieht es aber in der umgekehrten Richtung aus?

Reinhard Beer, Leiter Sprachenabteilung VHS

In Deutschland haben kürzlich etwa sechs Millionen Menschen angegeben, Russisch zu können. Rein rechnerisch herrscht also das ungefähre Gleichgewicht. Die Zahl der Deutschen, die heute Russisch als Fremdsprache studieren, ist aber um das 25fache niedriger als umgekehrt. Es sind etwa 150 Tausend Menschen. Allerdings besteht etwa die Hälfte davon aus den Auswanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, also aus Muttersprachlern. Die andere Hälfte bilden größtenteils Menschen, die noch zu den DDR-Zeiten Russisch als Pflichtfach hatten. Erfreulicherweise ist es in den letzten zwei Jahren zumindest gelungen, die Anzahl der Russischinteressenten zu stabilisieren. An den Schulen ist sogar der Trend zur Einführung des Russischen als Wahlfach aufzuweisen

Gründe, Russisch zu lernen, gibt es mehr als genug! Ich werde nur einige erwähnen.

Russisches Alphabet

Sprachkenntnisse sind der Schlüssel zum Völkerverständnis. Schon geringe Sprachkenntnisse bauen Brücken zu den Menschen und wecken Bewunderung bei ihnen. Und wenn es um die zwei zahlenmäßig größten Nationen Europas geht, hängt davon in der Tat sehr viel ab. Der zweite Grund ist die Kultur und Literatur des Landes, deren Reichtum, Ausdrucksstärke und unglaubliche Dynamik am besten in der Originalsprache zu erschließen sind. Der dritte Grund ist rein pragmatischer Natur. Auch wenn unser Land von der Wirtschaftskrise nicht verschont blieb, sind wir mittlerweile auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. Unser Land wird als Markt- und Wirtschaftsstandort immer attraktiver. Eine Stelle in der Moskauer Niederlassung wird bei deutschen Unternehmen längst nicht mehr als Exil, sondern als Beförderung gesehen. Bereits heute agieren 6.500 deutsche Unternehmen in Rußland, über 1.000 davon haben ihre Filialen im Land eröffnet. Sie alle brauchen qualifizierte Mitarbeiter.

Christine Loibl, Sprachenreferentin, Bayer. VHS-Verband

Hinzuzufügen bleibt, daß gerade auch die so lebendige Partnerschaft Erlangen – Wladimir gar nicht genug Mitstreiter gewinnen kann, die zumindest Grundkenntnisse in beiden Sprachen haben. Wir sind an der VHS Erlangen noch weit davon entfernt, die Zahlen des Erlangen-Hauses in Wladimir zu erreichen, wo um die 200 vor allem junge Menschen Deutsch lernen, aber das Russische ist in Erlangen immerhin die am meisten unterrichtete „seltene Fremdsprache“. Und seit kurzem ist die VHS Erlangen Sprachprüfungszentrum für Russisch, das zweite in Bayern nach Freising. Gerade sind die Russisch-Deutschen Wochen so erfolgreich zu Ende gegangen, die ja auch intensive Sprachkurse für Anfänger und Fortgeschrittene im Programm hatten. Ab Montag starten die regulären Kurse. Wählen Sie das passende Angebot für sich ab Seite 314 unter  http://issuu.com/vhserlangen/docs/vhs_erlangen_2011. Die erste Stunde ist frei, dient der Orientierung. Schauen Sie sich also um und hören Sie hinein in diese „große und mächtige Sprache“, wie die überragende Lyrikerin Anna Achmatowa das Russische genannt hat. Viel Erfolg!

Read Full Post »


Dmitrij Kantow

In Wladimir ist er schon lange kein verkanntes Genie, kein Geheimtip mehr, hier schätzt man die Lyrik des Russischlehrers, der mittlerweile auch Priester des Erzbistums Wladimir im Fach Altkirchenslawisch unterrichtet. Und doch ist es für die Öffentlichkeit eine Überraschung, daß Dmitrij Kantow, der erst mit 42 Jahren zu schreiben begonnen hat, soeben von der renommierten Literaturzeitschrift „Swesda“ aus St. Petersburg mit dem diesjährigen Dichter-Preis ausgezeichnet wurde. Kenner freilich haben damit durchaus gerechnet, stellen sie doch Dmitrij Kantow auf eine Stufe mit Alexander Kuschner, der über den Wladimirer Kollegen einmal gesagt hat: „So wie er, schreibt heute niemand mehr, kann niemand mehr schreiben.“

Nun ist Dmitrij Kantow der erste Wladimirer Träger der Auszeichnung, die im fünften Jahr vergeben wird, dotiert mit dem stattlichen Preisgeld von $ 50.000. Mit der Ehrung verbunden ist das Recht, der Jury zur Auswahl des Preisträges für das nächste Jahr vorzusitzen. 

Die „Swesda“ wurde im Dezember 1923 in Leningrad gegründet und bot auch in Sowjetzeiten erstaunlich viel Raum für kritische Geister, entwickelte im Bereich Literatur und Kultur fast so etwas wie eine Meinungsführerschaft ohne allzu enge ideologische Grenzen. Besonders verpflichtet sah man sich den Autoren, die mit dem Kommunismus nicht konform gingen und dennoch im Lande blieben. So fanden hier Dichter von Weltrang ihr Forum: Anna Achamatowa, Boris Pasternak, Olga Berggolz, Wassilij Schukschin, Osip Mandelstamm, Alexej Tolstoj, Nikolaj Sabolotskij, Jurij Kasakow… Später kamen Alexander Solschenizyn und Josef Brodskij hinzu. Die Zeitschrift machte aber auch Namen wie Antoine de Saint-Exupéry oder Isaak Singer erstmals dem russischen Leser in Übersetzung zugänglich. Unter den auch in Deutschland bekannten Schriftstellern, die zu den ständigen Autoren der „Swesda“ gehören, findet sich übrigens auch Boris Strugazkij.

Damit auch der deutsche Leser nachvollziehen kann, warum und wofür Dmitrij Kantow den angesehenen Preis erhielt, anbei sein Gedicht „Облака“ – „Wolken“ in einer Übersetzung von Peter Steger.

Так низко белеют они                                            
Над выступом горного склона,                       
Что можно погладить с балкона,                  
Лишь руку вперед протяни!                               

И мысль возникает о том,                                  
Насколько искусственен все же                     
На фоне их купол с крестом,                              
И шпиль с полумесяцем — тоже.                     

Честнее признать, что пока
Еще ничего здесь не ясно…                                  
Но как хороши облака!                                          
Как сделаны — просто прекрасно!                  

So niedrig hängen sie und weiß, / die Kuppe des Bergs sie umstreichen, / sind fast mit der Hand zu erreichen / und ziehen so zart ihren Kreis.

Man denkt unwillkürlich daran, / wie kunstvoll sie doch gestaltet, / im Kreuz und im Kuppelgespann, / hinein in den Halbmond gefaltet.

Vielleicht tut auch durchaus recht, / wer sagt, nichts sei klar hier beschrieben… / Doch schön sind die Wolken, so echt! / Geschöpfe, so herrlich, zum Lieben!

Read Full Post »


Der heutige Weltfrauentag, der zurückgeht auf eine Anregung der deutschen Sozialistin Clara Zetkin und auf Geheiß von Wladimir Lenin seit dem 8. März 1921 zu Ehren des Streiks von Arbeiter- und Soldatenfrauen am 8. März 1917 begangen wird, lädt ein, etwas Landeskunde zu betreiben und den Unterschieden beim Geschlechterkampf zwischen Deutschen und Russen nachzuspüren. In den gut 100 Jahren der Emanzipationsbewegung sind in beiden Ländern revolutionäre Dinge zwischen Mann und Frau in Gang gekommen, die zuallermeist jedoch schon so selbstverständlich geworden sind, daß man sie fast für naturgegeben hinnimmt. Aber gibt es da nicht – zumindest bei uns – noch etwas Trennendes?

Die Erlanger Nachrichten liefern dazu das Leitmotiv mit dem Artikel, der die Überschrift „Programm nur für Frauen“ trägt, wo die Veranstaltungen fürs Halbjahr des Frauenzentrum vorgestellt werden. Und im Veranstaltungskalender für heute findet man einen „Frauenbrunch“, wo man vergeblich nach einer Einladung für Männer sucht. Frauen bleiben also unter sich, Männer haben draußen zu bleiben. Leben wir in einer Gesellschaft der Geschlechtertrennung?

Leider gewinnt man in Deutschland am Internationalen Frauentag den Eindruck, die Deutungshoheit in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter hätten schmallippige Apologetinnen einer Seperationspolitik an sich gerissen. Gräben werden ausgehoben, über die längst Brücken gebaut sind. Hände werden ausgeschlagen, die nur darauf warten, ergriffen zu werden. Wie sollen unter derartigen Voraussetzungen Männer verstehen, wo es Frauen zwickt und zwackt? Wäre es nicht hilfreich, wenn Männer im unmittelbaren Gespräch mehr davon erfahren könnten, was von ihnen erwartet wird? Stattdessen gibt es noch immer hermeneutische Veranstaltungen wie Bürgerinnenversammlungen oder internationale Frauenkonferenzen, zu denen Männer nicht einmal als Dolmetscher zugelassen sind. Und das in Zeiten, wo sogar die ursprünglich doch stark patriarchalisch geprägten Service-Klubs wie Rotary und Lions längst die frauenfeindlichen Bastionen geräumt haben und für Vertreterinnen des anderen Geschlechts offenstehen. Ob sich dazu auch Soroptimist und Zonta, die internationalen Service-Klubs für Frauen, eines Tages durchringen werden? Wäre doch denkbar, daß auch Männer sich für die Ächtung der Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane oder das Verbot der Zwangsehe einsetzen – und vielleicht auch für noch so manche andere Lösung von allgemein menschlichen Problemen.

Stattdessen bleiben die Männer draußen vor der Tür. Immer mit dem klammheimlichen Anwurf, man könnte ja doch einer dieser Unholde und Sittenstrolche sein, ein Macho oder Bierdümpfel. Mann steht demnach qua Geburt auf der falschen Seite, auf der Seite des potentiellen und mutmaßlichen Täters. Und solange das so bleibt, wird der 8. März in Deutschland immer Angelegenheit von feministischen Zirkeln bleiben, ohne jeden Mehrwert für das soziale und gesellschaftliche Miteinander.

 

Russische Grußkarte zum 8.MärzEine ganz andere Entwicklung hat der Tag in Rußland genommen. Von den Sowjets eingeführt und jahrzehntelang mißbraucht zur Vorführung auf internationaler Bühne von zupackenden Frauen im Straßen- und Schienenbau oder in Bergwerken, die sich, geborgen im Schoß einer für alles und alle sorgenden Ideologie, als die emanzipiertesten Frauen aller Länder verstanden, hat der 8. März heute in Rußland ein freundlich lächelndes Gesicht, in etwa vergleichbar mit dem westlichen Muttertag. Am Weltfrauentag kauft Iwan Iwanowitsch Blumen für die ihm nahestehenden Frauen, macht kleine Geschenke, gibt sich Mühe, möglichst aufmerksam gegenüber dem schönen Geschlecht zu sein. Ausgleichende Gerechtigkeit könnte man das nennen, denn erst vor wenigen Tagen, am 23. Februar, ließen sich ja die Herren der Schöpfung von der Damenwelt umwerben und umgarnen (s. Blogeintrag vom gleichen Tag). Und auf Ausgleich ist auch die Empanzipation in Rußland angelegt. Nicht, daß Iwan Iwanowitsch nie die Hand gegen eine Frau erheben würde – auch in Wladimir geht es leider nicht ohne Frauenhaus! -, aber abgesehen von dem wohl nie ganz zu vermeidenden Problem der Gewalt fühlen sich russische Frauen rundum gleichbereichtigt und emanzipiert.

Das findet sogar in der Sprache ihren Niederschlag. Während hierzulande sicher der Augenblick nicht fern ist, wo es politisch korrekt sein wird, von Fußgängerinnen- und Fußgängerzonen und Radfahrerinnen- und Radfahrerwegen zu sprechen (merkwürdigerweise bleiben Totschläger, Ganoven und anderes Gelichter grundsätzlich rein maskulin konnotiert), haben im Russischen die weiblichen Endungen eher etwas Despektierliches an sich. Keine Ärztin, die etwas auf sich hält, würde sich врачиха, also Ärztin nennen lassen. Sie ist und bleibt, ihrem Beruf entsprechend, Arzt. Und der Arzt hat nichts mit dem Genus zu tun, sondern ist eine allgemeingültige Berufsbezeichnung. Und das gilt in allen Bereichen und Sparten – von der Werkbank bis zur Kultur. Am überzeugendsten brachte das Anna Achmatowa, die große Stimme der russischen Lyrik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zum Ausdruck, als sie darauf bestand: „Ich bin keine Dichterin, sondern Dichter!“ Ist das nicht echtes Selbstbewußtsein, anders als unser läppischer Drang und Zwang zu einer penetranten Redundanz, um nur ja darauf hinzuweisen, daß auch die weibliche Hälfte gemeint ist?

Vielleicht sollte man für die deutsche Frauenbewegung einen aus DDR-Zeiten altbekannten Spruch umwandeln in: „Von Rußland lernen, heißt lächeln lernen.“ Verstanden haben dies übrigens die Kavaliere von den IG-Metall-Senioren aus Erlangen und Jena, die vor einem Jahr am Weltfrauentag in der thüringischen Partnerstadt gemeinsam Rosen an Passantinnen verteilten. Das sollte man auch einmal in Erlangen versuchen. Vielleicht wird’s dann wieder ein bißchen leichter zwischen Mann und Frau, diesen ewigen Gegenpolen, die bei aller Antagonie doch nicht ohne einander auskommen können und wollen.

P.S.: Wer Lust auf den „russischen“ Frauentag bekommen hat, besuche die Deutsch-Russischen Begegnungen am kommenden Dienstag um 19.30 Uhr im Club International der VHS, Friedrichstraße 17, wo ein wenig nachgefeiert werden soll. Was von den Männern erwartet wird, dürfte jetzt klar sein.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: