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Posts Tagged ‘Andrej Sirotkin’


Einiges Rußland

Der Wahlkampf in Wladimir hat eine Farbe: grün. Und er droht zu eskalieren, nimmt Formen einer Guerilla an. Nach einer nächtlichen Paintballattacke sind fast alle Portraits der drei Hauptkandidaten von Einiges Rußland, Andrej Sirtotkin, Sergej Sacharow und Jelena Owtschinnikowa, mit dunkelgrüner Farbe verunziert. Derart, daß die Tafeln wohl komplett ausgetauscht werden müssen, denn reinigen lassen sie sich nicht mehr. Man muß von einer geplanten Aktion ausgehen, ausgeführt mit einer gehörigen Portion Wagemut, denn der Politpartisaneneinsatz erstreckte sich auf das ganze Stadtgebiet. Beschossen – und in den meisten Fällen getroffen – wurden stets die Gesichter der Kandidaten. Die Partei stellt öffentlich die Vermutung an, hinter den Scharfschützen stünden Mitarbeiter der regionalen und kommunalen Verwaltung, die wegen der Antikorrutionskampagne von Einiges Rußland um ihre Posten fürchten. Aber denen wolle man das Fürchten erst noch lehren. Man lasse sich von derlei Drohungen nicht einschüchtern.

Auch die Gerichte werden weiter instrumentalisiert. Der selbsternannte oberste Korruptionsbekämpfer, Michail Babitsch, vorgestern im Blog kurz vorgestellt, verklagt Gouverneur Nikolaj Winogradow wegen dessen offenen Briefes, in dem er sich verleumdet sieht. Der Wladimirer Landesvater hatte den Duma-Abgeordneten öffentlich zur persona non grata ernannt. Nichts anderes als eine Kriegserklärung.

Unterdessen tauchen Zahlen auf, die den noch amtierenden Oberbürgermeister, Alexander Rybakow, dem die Wahlkommission die Teilnahme den Status eines Kandidaten entzogen hat, weiter diskreditieren. Eine Wladimirer Zeitung veröffentlichte Zahlen zum Vermögen des Stadtoberhaupts. Demnach soll er stolzer Besitzer sein von $ 308.000, € 444.000 und gut einer halben Million Rubel. Falsch, beeilt sich die Pressestelle des Rathauses mitzuteilen. Die Ersparnisse von Alexander Rybakow betrügen etwa 1.300.000 Rbl. (gegenwärtiger Kurs: 40 Rbl. – 1 Euro), die Dollar- und Eurozeichen habe man willkürlich vor die Zahlen gesetzt und damit das Gesamtvermögen in die Höhe getrieben. Der nächste Fall für die Richter.

Einzig unwidersprochen sind folgende Zahlen, die man nicht weiter zu kommentieren braucht. Es sind Zahlen, bekanntgegeben von der Wahlkommission der Stadt Wladimir, betreffend die laut Sparkasse der Russischen Föderation auf den Parteikonten eingegangen Wahlkampfspenden. Zum 1. Februar belief sich die Gesamtsumme auf 15.506.100 Rubel, von denen mehr als elf Millionen Rubel bereits ausgegeben waren. Die Spendenbeträge verteilen sich wie folgt:

Patrioten Rußlands – 3.100 Rbl.; Partei Jabloko – 5.000 Rbl.; Partei Gerechtes Rußland – 500.000 Rbl.; Partei LDPR (Wladimir Schirinowskij) – kein Eingang; Kommunistische Partei Rußlands – kein Eingang; Partei Einiges Rußland: 11.007.800 Rbl.

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Ein Wochenrückblick auf den anlaufenden Wahlkampf in Wladimir liefert Stoff Genug für mindestens eine politikwissenschaftliche Dissertation und verspricht für die nächsten Wochen noch so manch kurzweiliges Schauspiel.

Alina Kabajewa mit Wladimir Putin

Ohne eine feste chronologische Reihenfolge einhalten zu wollen, sei der Schönen und dem Kandidaten der erste Auftritt überlassen. Kaum als Spitzenkandidat für die Stadtratswahlen am 13. März präsentiert, zeigt sich nämlich Andrej Sirotkin zusammen mit Alina Kabajewa, der skandalumwitterten Duma-Abgeordneten, die in der schwarzen Mercedeslimousine eigens nach Wladimir gekommen ist, um für ihren Sport, das Kunstturnen und ihre Partei, Einiges Rußland, zu werben. Der mehrfachen Weltmeisterin, wegen der Einnahme von Dopingmitteln auch schon einmal für ein Jahr gesperrt, wird nachgesagt, sie habe mit dem angeblich bereits heimlich geschiedenen Premierminister Wladimir Putin ein gemeinsames Kind und werde ihm bald das Ja-Wort geben. Verruchte Gerüchte, die so gar nicht zum Image des keuschen und asketischen Politikers passen und doch erklären könnten, warum er sich ausgerechnet mit Silvio Berlusconi so gut versteht. Aber zu all dem wollte die Vorzeigesportlerin natürlich nichts sagen, sie lobte den Nachwuchs und die Sportförderung in Wladimir und gab in jedem Fall dem noch weitgehend unbekannten Andrej Sirotkin etwas von ihrem hauptstädtischen Glanz ab. Und noch ein Stern stieg vom Sporthimmel herab, Wladimir zu beglücken: Olga Danilowa, mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin im Langlauf. Da sage noch jemand, Sport habe nichts mit Politik zu tun.

Alexander Rybakow

Ganz im Schatten der öffentlichen Gunst sowie der Achtung durch seine eigene Partei Einiges Rußland steht derweil der noch amtierende Oberbürgermeister. Vor die Wahl gestellt, als grauer Parteisoldat oder als wackerer Einzelkämpfer in die Kommunalgeschichte einzugehen, entschied er sich dafür, bei den Wahlen anzutreten, obwohl er bei den Primaries in seinem Kreis gegen den von ihm entlassenen ehemaligen Chef des Städtischen Eigenbetriebs Gorwodokanal, zuständig für Trink- und Abwasser, Wjatscheslaw Selenin, unterlegen ist, den er nun an den Urnen besiegen will. Das zeigt Kampfesmut. Und den wird er brauchen. Inzwischen übt seine Partei nämlich noch mehr Druch auf ihn aus. Sie behauptet öffentlich, die Rathausverwaltung habe Verträge mit einer Firma zur Stadtreinigung geschlossen, wo der Korruption Tür und Tor geöffnet seien. Nun stellt sie dem OB ein Ultimatum, das morgen abläuft, drohen gar mit personellen Konsequenzen. Eine neue Ausschreibung soll her, wo doch nach Meinung der Beamten seiner Administration alles rechtens sei. Mehr noch, das Vorhaben, nicht zum Kernbereich des Gorwodokanl gehörende Wirtschaftsgebäude zu privatisieren, stößt der Partei Einiges Rußland derart sauer auf, daß sie von Vetternwirtschaft spricht und den aus ihrer Sicht faulen Handel verhindern will. Derlei Transaktionen, so ihr Credo, dürfe man erst nach den Wahlen angehen, andernfalls es sehr danach aussehe, als wollte da noch rasch jemand seine Schäfchen ins Trockene bringen.

Im Stadtrat gibt es Streit um die Rückgabe einer ungenutzten Kirche an das Erzbistum, Alexander Rybakow sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, er mißachte die im Grundgesetz verankerten Rechte auf vergünstigte Nahverkehrsnutzung für Sozialhilfeempfänger in seinem Wahlkreis, worauf das Stadtoberhaupt postwendend ankündigt, dort eine Sonderlinie einzusetzen, dort, wo zufällig ja auch er selbst um die Gunst der Wähler buhlt… Und dann am Ende der Sitzung, die Alexander Rybakow noch einmal genutzt hat, um seine unbestreitbaren Erfolge darzulegen, nichts als vielsagendes Schweigen, keine Nachfragen, kein Lob, als wäre alles ins Off gesprochen. Unerwartete Unterstützung für den Noch-OB kommt da von Gouverneur Nikolaj Winogradow, der gerne von Einiges Rußland vorab darüber informiert worden wäre, daß man den eigenen Parteifreund fallenzulassen gedenke, und der nun fürchtet, es könne in anderen Kommunen ähnliche Pressionen geben.

Die Kandidaten stehen inzwischen für die Kommunalwahl fest. Sechs Parteien und 162 Einzelkandidaten sind für den 13. März zugelassen. Sechs Bewerber ergibt das insgesamt pro Sitz im Stadtrat. Auffällig an der Zusammensetzung der Kandidatenliste ist übrigens eine Verschiebung der Gewichte. Früher stark mit Wissenschaftlern besetzt, dann von Wirtschaftsbossen geprägt, könnte das Gremium in Zukunft von Stadtwerkern dominiert werden. Vielleicht, weil sie unter einer neuen politischen Führung ihre Felle davonschwimmen sehen? Dann hätte Einiges Rußland doch recht und zugleich ein neues Problem – oder: neuer Stadtrat, alte Probleme.

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Sich um Kinder zu kümmern, macht sich für Politiker immer und überall gut, besonders in Zeiten des Wahlkampfes. Man darf durchaus ein gewisses Kalkül unterstellen, wenn sich jetzt in der heißen Phase der Kampagne die Partei Einiges Rußland besonders um den Nachwuchs des Landes bemüht und daraus hoffentlich, wenn sie an der Macht bleibt, woran nicht zu zweifeln ist, ein Staatsziel macht, das auch auf kommunaler Ebene verfolgt wird. In diesen Tagen jedenfalls ist es eine wahre Freude zu beobachten, was sich so alles tut zu Gunsten der lieben Kleinen.

Grigorij Anikejew

Da ist zunächst das Internet-Zentrum, gesponsert vom reichsten Mann der Region, Grigorij Anikejew, der für Einiges Rußland in der Staatsduma in Moskau sitzt. Eingerichtet nach den neuesten technischen Standards bis hin zur ergonomischen Sitzhaltung, bietet das Zentrum Platz für bis zu 18 Kindern, die hier unter Aufsicht und Anleitung den Umgang mit dem weltweiten Netz erlernen sollen. Mehr als 400 junge Nutzer können so – übrigens kostenlos – im Monat auf „sicheren“ Seiten surfen. Und schon bald soll das zweite Zentrum dieser Art eröffnet werden – mit 42 Plätzen.

ABC-Schützen

Welche Rolle Wladimir im russischen Sport spielte und noch immer spielt, ist häufiges Thema des Blogs. Jetzt schlagen aber Politiker Alarm wegen der Nachricht, jedes zweite Kind habe Gesundheitsprobleme. Diese zu lösen, wird die alte Weisheit vom gesunden Geist in einem gesunden Körper wiederentdeckt. Und wieder kümmert sich Einiges Rußland um die Sache und macht daraus das landesweite Projekt „Vom Hinterhof zur Olympiamedaille“, als dessen regionaler Koordinator seitens der Partei just Andrej Sirotkin, von dem gestern hier die Rede war, erstmals in Erscheinung tritt. Unter dem Motto „Der Weg nach Sotschi“ wollen sich gleich mehrere Schulen der Initiative anschließen, zumal Einiges Rußland jeder Schule einen eigenen Sportplatz in Aussicht stellt. Parallel dazu verläuft eine Aufklärungskampagne mit dem Titel „Schulen der Gesundheit“, wo alles, was Krankheiten vorbeugt, in den Unterricht eingebaut werden soll, von Bewegungselementen bis hin zur ausgewogenen Ernährung. A propos Ernährung: 80% der Wladimirer Schüler erhalten eine warme Mahlzeit.

Mehr zu Grigorij Anikejew unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/05/19/am-gelde-hangt-zum-gelde-drangt

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Die heiße Phase des Wahlkampfs hat in Wladimir begonnen. Die Parteien stellen ihre Kandidaten vor und lassen sie ihre Trümpfe auspacken. Betrachten wir heute einmal die beiden großen Widersacher, Einiges Rußland und die Kommunisten, die wohl beide am 13. März das Gros der Stimmen unter sich aufteilen werden.

Andrej Sirotkin

Die Kremlpartei macht dabei eine Punktlandung, überraschend wie der Absprung von Fallschirmjägern hinter der Front. Zu bekämpfen hat sich Einiges Rußland vor allem vorgenommen die Korruption bei den kommunalen Eigenbetrieben und deren privaten Ausgründungen, wo man eine nimmersatte Krake am Werk sieht. Ins Feld ziehen soll der bisher in der politischen Arena noch weitgehend unbekannte Andrej Sirotkin, der die Troika der Spitzenkandidaten unerschrocken anführt. Nicht verwunderlich, wenn man weiß, daß der Oberst und Chef einer paramilitärischen Spezialeinheit Träger von zwei Tapferkeitsmedaillen ist. An seiner Seite Jelena Owtschinnikowa, ärztliche Leiterin von gleich zwei Krankenhäusern, und Sergej Sacharow, Geschäftsmann und Abgeordneter der Regionalduma, von dem treue Blog-Leser bereits einiges wissen. Wer von den dreien, die übrigens alle aus Wladimir stammen, nach den Wahlen welchen Posten im Rathaus bekleidet, soll erst nach dem Votum der Bürger festgelegt werden, in jedem Fall aber wird nichts ohne dieses Trio gehen: ein beherzter Ober als Haudegen im Kampf gegen Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft, eine rührige Medizinerin als Herzdame und soziales Gewissen sowie ein weltoffener Geschäftsmann und gewiefter Politprofi als Bube, der noch zum Aß werden könnte.

Jelena Owtschinnikowa

Auffällig, wie klar sich Einiges Rußland von eigenen Mitgliedern abgrenzt, die aus dem Umfeld der städtischen Eigenbetriebe als Einzelkandidaten auftreten, weil sie von der Partei nicht aufgestellt wurden. Offen wird gemutmaßt, diesen Personen gehe es mehr darum, im Stadtrat eine gewisse Immunität zu genießen als sich um das Wohl Wladimirs zu kümmern. Das Prinzip Berlusconi soll sich aber nicht durchsetzen. Dies zu verhindern, hat man Andrej Sirotkin angeworben. Aber nur eines ist und bleibt sicher: Der bisherige Oberbürgermeister, Alexander Rybakow,wird nach seiner zweiten Amtszeit wechseln, möglicherweise auf einen der freiwerdenden Sitze in der Regionalduma.

Artjom Markin

Bei den Kommunisten hingegen war ein Holpern und Stolpern zu beobachten. Eben noch hatten sie stolz Jewgenij Durnjew, Trainer von Torpedo Wladimir, als aufgehenden Stern am roten Himmel präsentiert, da ist sein Licht auch schon wieder verloschen. Der populäre Sportler, der dem Dreigestirn der Kommunisten prächtigen Glanz verliehen hätte, hat seine Kandidatur zurückgezogen, auf Druck von oben, wie Alexander Sinjagin, 1. Sekretär des Regionalverbands der Kommunisten, meint: „Jewgenij Durnjew kam zu mir, entschuldigte sich und sagte, er wolle ein ehrlicher Mensch bleiben, könne aber in der Situation und in seiner Position nicht zu seinem Wort stehen, um Schaden von seiner Mannschaft abzuwenden.“ Dazu muß man wissen, daß der Kapitän von Torpedo, Dmitrij Wjasmikin, im anderen politischen Lager an prominenter Stelle steht… Aber das kann die kampferprobten Genossen nicht erschüttern. Als Nachrücker präsentieren sie nichts anderes als eine kleine Sensation: Artjom Markin. Dem Direktor des Wladimirer Zentrums für Chormusik und Chefdirigenten des Symphonieorchesters sagte man bisher – wenn überhaupt bei ihm von Politik die Rede sein konnte – ein gewisse Nähe zu Einiges Rußland nach. Und nun diese Volte! Gewiß nicht die letzte. Das Rennen ist eröffnet.

Mehr zu Sergej Sacharow unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/12/16/volkspartei-einiges-rusland

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