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Posts Tagged ‘Andrej Nikolskij’


Eine Blitzumfrage in der Redaktion des Blogs ergab: Niemand hat auch nur eine Staffel von „Game of Thrones“ gesehen. Vom Hörensagen weiß man natürlich von der Unzufriedenheit mancher Fans dieser Serie mit dem Ausgang der Saga aus einem fiktiven Mittelalter, aber Hören und Sehen vergehen einem schon, wenn der Verdruß sogar die Partei „Kommunisten Rußlands“ ergreift und diese sogar eine Änderung des Schlusses fordern. Ganz nach dem Motto: Ende nicht gut, alles schlecht. Oder, wie das schon Wilhelm Busch dräute: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!

In Abstimmung mit der Parteispitze in Moskau hat sich nun jedenfalls der Vorsitzende des Regionalverbands der Kommunisten Rußlands in einem Brief an die Produzenten der Serie mit der Bitte gewandt, die letzte Folge wegen „einer nicht durchdachten Linie des Sujets, des Mangels an unerwarteten Wendungen und der stellenweise nicht richtig ausgearbeiteten schauspielerischen Leistung“ noch einmal zu drehen. Mehr noch:

Wir sind entsetzt darüber, wie unter Einsatz von kolossalen finanziellen und menschlichen Ressourcen die Macher der Serie im Wesen die Bitten der Fans ignorierten und den Weg einer trivialen Konzeption und eines Minimalismus von kreativen Ideen einschlugen. Wir meinten, Sie haben das Bild des Königs der Nacht nicht im vollen Umfang offenbart und das Schicksal von Daenerys sowie von John Snow und ihrer Freunde und Gefolgsleute auf nur niedrigem Niveau entwickelt. Nach dem Ausgang der letzten Folge bleibt ein Gefühl der Unzufriedenheit und des Mangels an einem Konzept, an logischen Schlüssen und einer moralischen Komponente. Es fehlt der umfassende und philosophische Blick auf die Helden und Ideen der Serie insgesamt.

Am besten wäre es, so der Verfasser des Schreibens, wenn man bei der geforderten Neuauflage die Kulturabteilung der Kommunistischen Partei der USA einbezöge. Auch erklärt der Brief, warum gerade Kommunisten diese Produktion so gerne sehen, denn hier könne man sehen, wozu monarchische Regimes führen können. Außerdem habe man wohl die aus den „Steuerabgaben einfacher amerikanischer Arbeiter und unterdrückter Neger generierten Mittel wahrscheinlich nicht in der gebührenden Weise verwendet“.

Politische Partei – Kommunisten Rußlands

Im Gespräch mit Zebra TV, das den Brief auch in voller Länge abdruckte, bestätigte Andrej Nikolskij, der Vorsitzende des Regionalverbands der Kommunisten Rußlands, das Schreiben per E-Mail an die Produzenten und Regisseure abgesandt zu haben, nicht als Provokation, wie er betonte, sondern als „politischen Kampf für die Rechte seiner Wähler, unter denen es nicht wenige Anhänger der Show gebe“.

P.S.: Die Partei besteht formal seit 2012 und versteht sich als Alternative zur Kommunistischen Partei, der sie gegenwärtig nicht zutraut, wieder an die Macht zu kommen. Selbst freilich blieben die Kommunisten Rußlands bisher bei allen Wahlen stets deutlich unter der Fünf-Prozent-Marke, sind also weder in der Staatsduma noch in Regionalparlamenten vertreten.

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Der zweite Teil des Romans „Friedhof der Kuscheltiere“ des Gruselgroßmeisters Stephen King beginnt so: „Die Ansicht, es gäbe irgendwelche Grenzen für das Grauen, das der menschliche Geist zu erfassen vermag, ist vermutlich irrig. Im Gegenteil: Es sieht so aus, als stellte sich, wenn die Dunkelheit tiefer und tiefer wird, ein Steigerungseffekt ein – die menschliche Erfahrung neigt, so ungern man es auch zugeben mag, in vieler Hinsicht zu der Vorstellung, daß, wenn der Alptraum schwarz genug ist, Grauen weiteres Grauen hervorbringt, ein zufälliges Unglück weitere, oft vorsätzliche Unglücke zeugt, bis schließlich die Schwärze alles zudeckt. Und die erschreckendste Frage dürfte sein, wieviel Grauen der menschliche Geist zu ertragen vermag, ohne seine wache, offene, unverminderte Gesundheit einzubüßen. Daß solchen Ereignissen eine eigene Komik innewohnt, versteht sich fast von selbst. Von einem bestimmten Punkt an wird alles fast komisch, und das kann der Punkt sein, an dem die geistige Gesundheit entweder obsiegt oder sich biegt und zusammenbricht, der Punkt an dem sich der Sinn eines Menschen für den Humor wieder durchzusetzen beginnt.“

Wladimir Lenin

Wladimir Lenin

Wenn die Ewiggestrigen der Kommunistischen Partei sich in Wladimir mit der Jungschar der Komsomolzen unter dem roten Banner zusammentun, um – wie unlängst geschehen – den 135. Geburtstag von Josef Stalin zu begehen, ist man an einem solchen Punkt angelangt, von dem der amerikanische Romancier spricht, wo man sich fragt, wieviel Grauen der menschliche Geist zu ertragen vermag.

Der Georgier, den Wladimir Lenin keinesfalls als seinen Nachfolger sehen wollte, profitiert derzeit von dem Lazarus-Effekt, der die russische Politik fest im Griff hat. Wenn selbst der Staatspräsident von der klugen Politik spricht, die zum geheimen Ribbentrop-Moltow-Zusatzabkommen geführt habe und in dessen Ergebnis Polen, das sich Adolf Hitlers Werben um einen gemeinsamen Angriff auf die Sowjetunion stets entzogen hatte, einen Zweifrontenkrieg über sich ergehen lassen mußte, von all den anderen Kollateralschäden zu schweigen, was will man dann erwarten von den heutigen Bekennern der sozialistischen Ideologie?

Versammlung vor der Büste von Josef Stalin

Versammlung vor der Büste von Josef Stalin

Der Ruf nach einem starken Mann ist wieder groß, nach einem, der durchgreift und alles richtet. Und der Herrscher im Kreml tut ja auch alles, um diesem Anspruch gerecht zu werden: Er widersteht dem feinseligen Westen, er holt zurück, was vermeintlich immer zu Rußland gehörte, er beantwortet Sanktionen mit Sanktionen, er eint das Vaterland – und läßt sich nichts gefallen.

In Wladimir gibt es einen Ort, wo der Prototyp des Tyrannen eine gruslige Heimstatt gefunden hat, einen Ort, von dem Stephen King sagen würde: „Drogensüchtige fühlen sich wohl, wenn sie sich Heroin in die Adern spritzen, und dennoch vergiften sie sich. Vergiften ihren Körper und ihr Denken. Dieser Ort kann die gleiche Wirkung haben.“ Dieser Ort liegt im Osten der Partnerstadt, im Vorgarten eines Unternehmers, der dort die Büsten aller Parteisekretäre der UdSSR aufgestellt hat, von Wladimir Lenin bis Michail Gorbatschow, mit Ausnahme von Georgij Malenkow. Zwar nicht immer in der chronologischen Reihenfolge, wie ein Lokaljournalist anmerkt, aber neben Josef Dschugaschwili alias Stalin findet sich Nikita Chruschtschow, ja, derjenige, der die Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen hatte und dessen Schenkung nun von Moskau für null und nichtig erklärt wird, und gleich darauf kommt Leonid Breschnjew, der den Ukrainer mit dem berühmten Schuh gestürzt hatte.

Rote Nelken für Josef Stalin zu seinem 135. Geburtstag

Rote Nelken für Josef Stalin zu seinem 135. Geburtstag

Doch all diese roten Potentaten von einst und erst recht deren Nachfolger verblassen im Schatten von Josef Stalin, dessen Rolle bei der Industrialisierung des Landes, beim Sieg gegen das Dritte Reich oder in der Nachkriegsperiode der junge Genosse, Andrej Nikolskij, lobte, um dann zu fordern, man müsse „das Grab Stalins von dem Müll reinigen, den man dort abgeladen habe.“ Wahrscheinlich meint er damit die Gerüchte vom Gulag, von Zwangsarbeit, von Massenhinrichtungen. All diese Verleumdungen.

Auch der Stadtrat, Boris Owertschuk, gab sich die Ehre und berichtet von seiner Militärzeit im Kaukasus. Er habe da einen ehemaligen Offizier kennengelernt, der sich als Taxifahrer durchs Leben schlug – und Stalinbüsten sammelte. Da ist doch auch ein Wort des Dankes an den Geschäftsmann angebracht, der das Gedenken an die Sowjetunion in Stein bewahrt. Etwas, wozu Stephen King gesagt hätte: „Es ist dieser verdammte Ort. Das ist ungesund. (…) Morbide ist das und sonst nichts!“

Anatolij Lebedjew und Josef Stalin

Anatolij Lebedjew und Josef Stalin

Zum stimmungsvollen Bild gehören natürlich auch einige Verse, die der Führer aller Völker aus seiner Jugendzeit zur Erbauung der Nachwelt hinterlassen hat, vor allem aber die Eloge, die Anatolij Lebedjew, Sekretär der Regionalgruppe der Kommunistischen Partei, verlauten ließ. Zitate gefällig?

Unsere Sowjetunion hatte Glück. Stalin hat aus dem Nichts heraus, sogar aus einem Minus heraus einen Staat geschaffen und ihn zur höchsten Blüte der Entwicklung gebracht, bis zur Atomwirtschaft. Das erkannte sogar Churchill an. – Sogar dieser Medwedjew, der Präsident war und Staatsoberhaupt, auch der hat schon einmal anerkannt, daß wir leider auf Kosten dessen leben, was vor uns geschaffen wurde. Sogar dieser liberale Politiker hat das zugegeben, wo wir jetzt die Staatspleite haben, schon die dritte Staatspleite. Begreifen Sie, was das für ein Widerspruch ist: Die liberale Wirtschaft zerstört das Land, aber er ist für die liberale Wirtschaft.

Und dann wird es so richtig deftig-heftig:

Es heißt immer, das Verdienst des Präsidenten sei es, die Krim angeschlossen zu haben. Aber womit steht jeder positive Schritt in Zusammenhang? Damit, daß es dem Land zumindest ein wenig besser geht, das Leben besser wird. Aber wie ist es bei uns? Kaum unternimmt jemand etwas, schon wird es zwangsläufig schlimmer!

Die gespenstisch-morbide Rede mit roter Nelke und mehrmaligen Verneigungen vor dem Idol in Stein ist hier für die zu sehen, die des Russischen mächtig sind: http://is.gd/GtYQC1

Nikita Chruschtschow

Nikita Chruschtschow

Dem sei nur ein kurzer Dialog aus Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ zwischen einem Lageraufseher und einem Gefangenen entgegensetzt: „Wie lange sitzt du?“ – „25 Jahre.“ – „Wofür?“ – „Für nichts.“ – „Du lügst. Für nichts sitzt man zehn Jahre!“

Aber zurück in die Gegenwart. Die birgt offenbar Potential für Proteste. Jedenfalls hat Mitte des Monats eine Gruppe von Soziologen aus Moskau Menschen in Wladimir als typisch für den europäischen Teil des Landes und in Gus-Chrustalnyj als charakteristisch für eine Kleinstadt in der Depression nach ihrer Stimmung gefragt. Im Ergebnis zeigt sich, daß zu den bekannten Objekten der „sozialen Aggression“, den Staatsdienern und Migranten, ein dritter Komplex dazugekommen ist, der äußere Feind in Form des Westens.

Leonid Breschnjew

Leonid Breschnjew

In der Tendenz glauben die Menschen bisher noch den offiziellen Medien. Aber nur hinsichtlich der Außenpolitik. Was die russischen Realien angeht, verlassen sie sich lieber auf eigene Erfahrungen und alternative Informationsquellen aus dem Internet. Nach wie vor genießt der Präsident mit bis zu 80% ein hohes Maß an Zustimmung, allerdings offenbar hauptsächlich deshalb, weil er als alternativlos erscheint. Die beiden größten Ängste sind ein möglicher Krieg und eine hohe Inflation. Offenbar erinnert man sich auch an die Krise von 1998, als in den Provinzstädten, auch in Wladimir, Hungerstreiks, Arbeitsniederlegungen, Straßensperrungen an der Tagesordnung waren. Politische Proteste drohen zwar laut der Umfrage in Wladimir derzeit nicht unmittelbar, aber die Wahrscheinlichkeit für spontane Manifestationen gegen eine sich verschlechternde Wirtschaftslage habe deutlich zugenommen.

Jurij Andropow

Jurij Andropow

Doch auch diese vermeintlich unpolitische Haltung birgt Sprengstoff. Einerseits vertraut kaum jemand den Oppositionsparteien, andererseits traut auch kaum mehr jemand der herrschenden Partei Einiges Rußland zu, die Krise zu meistern. Was es bedeutet, wenn es in der Politik gar keine Kräfte mehr gibt, von denen man glaubt, sie könnten etwas verbessern, mag man sich lieber nicht ausmalen. Die Umfrage kommt jedenfalls zu dem Schluß, die Menschen in der Provinz konzentrierten sich in der Krise – wie schon 1998 – vor allem auf ihr persönliches Überleben.

Das sieht Gouverneurin Swetlana Orlowa freilich alles wesentlich entspannter und mahnt zur Ruhe als erster Bürgerpflicht, wenn sie sagt:

Natürlich gibt es einige Dinge, an denen gearbeitet werden muß. Natürlich meine ich das, was da die USA veranstalten mit ihren Sanktionen. Unser Präsident hat dazu in aller Ruhe und Würde alles gesagt. Die Leute sollen jetzt nur nicht in Panik verfallen. Sie brauchen keine Grütze, keinen Reis sackweise kaufen, sonst fliegen später in den Wohnungen und Häusern nur die Motten herum. Wir haben von allem genug. Rußland ist ein starker und mächtiger Staat. Wir haben einen starken und professionellen Führer, unseren Präsidenten Rußlands. Wir haben eine höfliche und mächtige Armee. Wir haben von allem genug, um uns selbst zu schützen. Aber die Welt muß mit Rußland rechnen, weil Rußland immer die Ehre, die Gerechtigkeit und die Ordnung verteidigt hat.

Konstantin Tschernenko

Konstantin Tschernenko

Im sogenannten „Neurußland“ schafft man unterdessen weiter Fakten, wie das Pressezentrum in Luhansk bekannt gibt:

Ja, wir passen uns der russischen Gesetzgebung an. Weil Rußland uns unterstützt und wir gleichzeitig verstehen, wie schwer es für uns wäre, weiter bei der Ukraine zu bleiben. Aber das bedeutet nicht, daß wir blind diese Dokumente kopieren: Wir nehmen uns das Beste, was es in der Russischen Föderation gibt und in Republiken wie Weißrußland und der Krim.

Lew Tolstoj liest ja leider offenbar niemand mehr in Rußland, sonst wüßte man: „Je größer der Staat, desto falscher und grausamer sein Patriotismus.“

Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschow

Dafür weiß sich der Volksmund Rat, wenn er sagt: „Wir sind nicht in Panik. Die Leute auf den Straßen klagen gemäßigt und fluchen friedlich.“ – Oder: „Sobald es wieder besser um die Wirtschaft steht, kaufe ich mir eine neue Gitarre. Die alte taugt nicht mehr, um in den Unterführungen zu spielen. Für den Sound gibt niemand mehr auch nur einen Rubel.“ – Und in Anspielung auf Kuba: „Wer weiß, in 50 Jahren nennen die USA vielleicht die Sanktionen gegen Rußland einen Fehler.“

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