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Posts Tagged ‘Andrej Filinow’


Heute soll einmal wieder Anatolij Gawrilow zu Wort kommen, der hier schon vielfach zitierte Wladimirer Großmeister der epigrammatischen Literatur. Ohne weitere Kommentare:

Wolfram ist härter als Molybdän.
Das Leben des Spechts spielt sich am Baum ab.
Molybdän ist härter als der Specht, aber weicher als Wolfram.
Doch der Specht ist härter als der Baum.
Der Suchtberater entgegnet, Wodka sei härter als Wolfram, als Molybdän, als der Specht und als der Baum.

***

Sie kamen von wo weiß wo her.
Die Stadt endete.
Gefrorene Steppe.
Einer hielt öfter an, blickte in den Sternenhimmel und forderte den andern auf, die Schönheit der Schöpfung auf sich wirken zu lassen.
Der andere meinte, sie sollten lieber gehen, da sie von Wölfen umgeben seien.

***

In seinen Gedichten spürt man die Liebe zum Heimatland.
In seinen Gedichten spürt man eine nicht eben tiefe Liebe zum Heimatland.
In seinen Gedichten findet sich fast keine Liebe zum Heimatland.
In seinen Gedichten findet sich kein Wort über das Heimatland.
Nur Schneesturm, Laterne und Apotheke.

***

Er bot an, seine neue Abhandlung über den Sinn des Lebens zu besprechen.
Alle schwiegen, fürchteten, etwas zu sagen.
Doch auch zu schweigen war gefährlich.

***

Ich bin Kompositionslehrer.
Das ist, wenn man Klänge zur Musik vereint.
Ich bin gegen Kunstgriffe, Kniffe und kalte Meisterschaft.
Musik darf nicht gefällig sein und einlullen.
Ich fordere von den Schülern Kompromißlosigkeit.
Sie verstehen mich nicht, fürchten und hassen mich. 

***

Rom ist eine großartige Stadt.
Da schaust du dir die Augen aus dem Kopf.
Wer nicht in Rom war, hat die Welt nicht gesehen.
Alles richtig, nur hat man mir die Brieftasche geklaut.

***

Auf einen Kommentar hin korrigiert sich der Autor in der ihm eigenen, offenen Weise: „Offenbar bringe ich da etwas durcheinander. Das ist mir in Mariupol passiert, wo ich zwei Mal ausgeraubt wurde.“ – Und dann ein weiterer Kommentar von Andrej Filinow, auch kein Unbekannter für Blog-Leser, auf Facebook: „Genau so ist es, Anatolij Nikolajewitsch! Im Gedränge der U-Bahnstation Termini hat man mir die Brieftasche geklaut, was den Eindruck der Vatikanischen Pinakothek im allgemeinen und der Schule von Athen im besonderen erheblich minderte… Erst ein doppelter Grappa half meinem Interesse an der Kunst wieder auf.“

***

Entscheidet vor Ort.
Quasselt mich nicht schwindlig.
Unterdrückt jeden Widerspruch.
Wer sind die denn mit ihren Ansprüchen.
Lest die Geschichtsbücher.
Ich will nicht drohen,
aber ihr werdet das noch bereuen.

***

Felder, Waldstreifen, Schluchten.
Der Taxifahrer ist schweigsam.
Es ist dunkel.
Nur dort irgendwo durch die stillen Straßen
streunt eine Harmonika.
Einfach so weiterfahren, immer weiter.
Aber es ist Zeit zum Aussteigen.

***

Der Blick aus dem Fenster auf den Roten Platz.
Ein gewaltiges Arbeitszimmer, ein Ruheraum, eine Sekretärin.
Nichts zu tun, kein Soll.
So soll es sein.

***

Ein Überschuß der Einnahmen gegenüber den Ausgaben.
Alle Verdächtigen verhören.
Widersprüchliche Aussagen.
Es heißt, er könne sich bei den Eltern verstecken.
Sie sagten aus, er sei keinesfalls bei ihnen.
Er trat ein - eine Bruchbude, Ofenheizung, Geschirr und der Rest.
Hinterm Vorhang steht jemand.
Er zog den Vorhang zurück - niemand.
Er ging hinaus in die Steppe: Schneesturm, niemand.
Die Fahndung läuft weiter.
Jemand meint, er könne sich als Schwachsinnigen ausgeben, als Trommler, Fiedler, Flötenspieler.
Die Kräfte lassen bereits nach.

***

Man muß in Erfahrung bringen, was sie zu tun vorhaben.
Die Sache ist ernst, geheim und nicht ungefährlich.
Er hat sich als reicher Tourist in einem feinen Hotel einquartiert.
Tagsüber - Observierungen, abends - Restaurants, Bekanntschaften und der Rest. 
Die Observierungen führen zu nichts Konkretem:
Ob nun s i e etwas zu tun vorhaben oder auch nicht.
Die Zeit vergeht, ohne Ergebnisse.
Durchaus beunruhigend.

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Heute unternehmen wir mit Andrej Filinow, Intendant des Wladimirer Lokalsenders und Schöngeist, eine Erkundungsreise durch den Kreis Susdal in der Region Wladimir, vorbei an Kirchen, die wie Zahnstummel aus der Landschaft ragen und in sich das Gedächtnis an verlorene Fresken tragen, und Feldern, die sich bis zum Himmel spannen. Alles noch gesehen, bevor gestern sintflutartiger Regen mit Sturmböen über das weite Land hinwegfegte und sogar Kreuze von den Kirchtürmen holte.

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Manchmal nimmt einem die Chronologie des digitalen Alltags die Entscheidung aus der Hand. Da überlegt also die Kulturredaktion des Blogs seit Tagen, wann sie denn Original und Übersetzung eines Sonetts von Andrej Filinow, Dichter und Intendant des Staatlichen Wladimirer Lokalsenders, veröffentlichen solle. Und dann zeigt der Autor gestern selbst in seinem Facebook-Profil das neueste Werk aus seiner Feder. Da gibt es dann also kein Zögern mehr: Tag der Arbeit hin, orthodoxes Ostern her, der Blog zeigt sich heute wieder einmal von seiner lyrischen Seite.

Andrej Filinow: Gedichte aus verschiedenen Jahren
Lexikon

Ein Lexikon ist voller Sinn und Worte.
Das gilt wohl auch für unsre Zeit.
Wo alles schnell geht, immer forte,
die Muttersprache man entweiht.

Bewahre sie an Tor und Pforte,
sei sie zu schützen stets bereit.
Denn sie gehört nicht auf Aborte!
So war und ist es weit und breit.
 
Die Ignoranz pfeift aus den Löchern.
Das Wort am Seidenfaden hängt,
mit seinem Sein ins Leben drängt.

Denn Gold und Silber sind nur blechern,
wenn wir nicht rein und reich mehr sprechen,
der Schatz der Sprache nicht verfängt.

Übersetzung: Peter Steger



ЛЕКСИКОН 

Как много смыслов в лексиконе! 
И в наши суетные дни,
У века мутного в полоне 
Храни родной язык, храни.  

И даже «журналист в законе» 
«Пургу» какую ни гони –
Нет, наш язык не «двинет кони»!
Так есть и было искони. 

Невежеством сквозит из окон, 
Но помни: слово - это кокон 
Всей сущей жизни испокон.  

Гордись не серебром и златом  –
Пусть будет чистым и богатым 
И твой, и общий лексикон.

Andrej Filinow

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Am 3. März bereits verstarb, wenige Wochen vor seinem 94. Geburtstag, Johann Adam Stupp, Ehrenvorsitzender des Erlanger Kunstvereins, dem die Städtepartnerschaft, angeregt vom Journalisten Axel Mölkner, die erste Gemeinschaftsausstellung von vier Wladimirer Künstlern verdankt. Im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung im November 1992 schreibt er selbst:

Freundschaftliche Beziehungen zu den bildenden Künstlern unserer russischen Partnerstadt Wladimir bestehen nun schon seit einer Reihe von Jahren. Wir erinnern uns dankbar an die Ausstellung von Malerei, Graphik und Plastik aus Erlangen in Wladimir 1986. Im darauffolgenden Jahr konnten wir einen Maler aus Wladimir – es war Kim Britow – im Rahmen der Wladimirer Kultur- und Sporttage als Gast bei uns begrüßen. Wir hoffen zuversichtlich, daß diese Begegnungen in beiden Partnerstädten fortgeführt werden können.

Johann Adam Stupp

Und Andrej Filinow, heute Direktor des Staatlichen Wladimirer Lokalsenders, der damals die Gruppe als Journalist begleitete, erinnert sich:

Erlanger Nachrichten, 24./25. Oktober 1992

Vor fast dreißig Jahren… Damals taten Wladimir und Erlangen, wenn ich es richtig sehe, mit dem Austausch von Kulturschätzen einen der ersten und ausgesprochen erfolgreichen Schritte in der Volksdiplomatie aufeinander zu. Ich meine jene Ausstellung mit Arbeiten von Wladimirer Graphikern in Erlangen, organisiert unter Mitwirkung des Kunstvereins und persönlich von Johann Adam Stupp, die zu einer ausgezeichneten Visitenkarte unserer altrussischen Stadt zu einer Zeit wurde, als sich die partnerschaftlichen Beziehungen, angetrieben von dem glänzenden Russisten und großartigen Organisator, Peter Steger, erst so richtig zu entfalten begannen. Mit glühendem Enthusiasmus halfen ihm und den Künstlern die jungen Journalisten, Axel Mölkner von den „Erlanger Nachrichten“ und der Autor dieser Zeilen, Andrej Filionow, damals Mitarbeiter der Lokalzeitung „Mestnoje Wremja“ („Ortszeit“). Die Zusammensetzung der Ausstellungsteilnehmer erwies sich als einzigartig. Vorneweg mit den Arbeiten von zwei bereits damals anerkannten Meistern, Pjotr Dik und Boris Franzusow. Letzterer konnte nicht mit nach Deutschland kommen, weil er bereits todkrank war, aber seine Arbeiten, die zu den allerbesten Beispielen der russischen Graphik gehören, fanden viel Raum in der Ausstellung. Aus seinem Schaffen in der Technik der klassischen Radierung bildete sich eine eigene Schule heraus. Aber auch die damals noch jungen und später mit dem Titel „verdiente Künstler Rußlands“ ausgezeichneten Anatolij Denissow und Jurij Tkatschow erhielten die Möglichkeit, ihr reiches Können zu zeigen. Diese klassische Tradition umschatteten großartig die tiefgründigen, emotionalen und philosophisch aufgeladenen Pastelle von Pjor Dik. Der Umstand, daß er ethnischer Deutscher war, brachte eine besondere Note in die Betrachtung seiner Arbeiten und zeugte von der schon seit langer Zeit wirkenden gegenseitigen Durchdringung der russischen und deutschen Kultur, zweier großer europäischer Völker. Aber diesem Austausch wohnte noch eine weitere interessante Synergie inne: Die Arbeiten der Künstler wurden im Katalog von Gedichten des Autors dieser Zeilen in der Übersetzung von Peter Steger kommentiert. Ein weiterer Beweis dafür, wie eng Kunst und Literatur unsere Völker verbinden. Dieses Ereignis hinterließ jedenfalls in den Herzen der Teilnehmer (leider weilen Pjotr Dik und Boris Franzusow bereits nicht mehr unter uns, und nun ist dieser Tage auch Johann Adam Stupp von uns gegangen) die farbenfrohesten Erinnerungen und wurde auf viele Jahrzehnte zum Unterpfand der guten Beziehungen zwischen den Partnerstädten.

Johann Adam Stupps Hoffnung sollte sich erfüllen: Es folgten ungezählte weitere Ausstellungen in Zusammenarbeit der Kunstvereine Erlangen und Wladimir, auch längere Aufenthalte hier wie dort, um vor Ort an Kulturprojekten mitzuarbeiten. Den bisherigen Höhepunkt erlebte die Partnerschaft in dieser Hinsicht vor einem Jahr, als sich die beiden Verbände darauf vorbereiteten, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes eine gemeinsame Ausstellung in Wladimir zu zeigen, die dann freilich wegen Corona nur virtuell gezeigt werden konnte.

Eine besonders enge und freundschaftliche Verbindung entstand zwischen Pjotr Dik und dem Erlanger Kunstfreund. Auf Initiative von Johann Adam Stupp verlieh im Jahr 2000 dem Wladimirer Graphiker denn auch den Hauptpreis des Rußlanddeutschen Kulturpreises in der Kategorie Kunst. Zweifellos ein Höhepunkt auch für die Partnerschaft insgesamt. Auch mit Percy Gurwitz verband den Verstorbenen viel, denn seine Frau stammte, ebenso wie der Wladimirer Gelehrte, aus Riga.

Der Dichter

Er sieht so manches lang voraus,
sobald es ihn zu sprechen drängt.
Kaum macht man sich etwas daraus,
man ihn am liebsten gleich erhängt.
Andrej Filionow

Im gemeinsamen Vorwort zum Ausstellungskatalog schreiben Axel Mölkner und Andrej Filinow ein Wort des Dankes, das heute noch Gültigkeit besitzt und deshalb abschließend hier zitiert werden soll:

Vielen in Erlangen gebührt für ihre Unterstützung Dank. Die Ausstellung ermöglicht hat der Kunstverein und sein Vorsitzender, Adam Stupp. Bei der Stadt Erlangen haben sich der Partnerschaftsbeauftragte, Peter Steger, der die Gedichte mit viel Liebe übersetzte, und Kulturreferent Wolf-Peter Schnetz für die Ausstellung eingesetzt. Für die finanzielle Unterstützung durch die Siemens AG haben sich Rita Werneyer und Jörg Hahn stark gemacht; beim OBI Baumarkt Franken sorgte dafür Hermann Gumbmann.

Ausstellungseröffnung im Palais Stutterheim: Johann Adam Stupp, Jelena Prokofjewa, Andrej Filinow und, fast verdeckt, Jurij Tkatschow. Im Hintergrund: Hermann Gumbmann, Axel Mölkner, Natalia Oserowa und Anatolij Denissow

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Eigentlich wäre ich heute zum 75. Jubiläum des Tags des Sieges in Wladimir. Ich hätte eine Delegation aus der Partnerstadt Erlangen begleitet. Vor genau 25 Jahren, am 9. Mai 1995, war ich zum 50. Jahrestag des Kriegsendes auch in Wladimir. Eine von fünf Reisen dorthin in den 90ern, auf der ich viel gelernt habe über Rußland und die Russen. Dafür profitiere ich bis heute und bin sehr dankbar dafür. #niewiederkrieg hat für mich damals eine sehr klare Bedeutung bekommen. Und ich spüre bis heute eine sehr enge Verbindung nach Wladimir und zu den Freunden dort. Deswegen habe ich ein paar alte Dias zum 9. Mai herausgesucht.

So schrieb gestern der Journalist Axel Mölkner-Kappl auf Facebook und fügte dann in einer Notiz für die Blog-Redaktion hinzu:

Ich spüre in diesen Tagen, wie wichtig es ist, daß wir dahinreisen – sobald es die Gelegenheit dazu gibt. Ich freue mich drauf.

Diesen Erinnerungsschatz will der Blog gerne zu heben helfen. Deshalb hier eine Abfolge von Aufnahmen, die ein Vierteljahrhundert alt, aber auch von ungeahnter Aktualität sind.

An bekannten Gesichtern auf dem Bild zu sehen: Andrej Filinow, Journalist und heute Intendant des Lokalsenders Wladimir, Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Peter Steger; der Herr, der sich zu dem Kind umdreht, ist Jurij Fjodorow, Vater der Partnerschaft auf russischer Seite. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 11

Andrej Filinow mit seiner Frau Tatjana am 9. Mai 2019

Gabriel Lisiecki vom Erlanger Bürgermeister- und Presseamt und Dietmar Hahlweg legen am Platz des Sieges einen Kranz nieder.  9. Mai 1995

 

Rechts im Bild der Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkongow. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 7

Der 50. Jahrestag des Großen Sieges. 9. Mai 1995

Ganz bewußt zum 50. Jahrestag des Kriegsendes wurde vor 25 Jahren als Zeichen des Friedens und der Verständigung in Wladimir das Erlangen-Haus eröffnet. Auch hierzu hat Axel Mölkner-Kappl ein Dia ausgegraben und digitalisiert.

7. Mai 1995: Peter Steger, die beiden Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow, sowie Tatjana Garischina, die erste Leiterin des Erlangen-Hauses; dahinter Percy Gurwitz, Jurij Fjodorow, Frank Hoffer, Deutsche Botschaft Moskau, Gouverneur Jurij Wlassow und Nikolaj Winogradow, Vorsitzender der Regionalduma

Und wenn wir schon bei Botschaften sind. Elisabeth Preuß, die – man kann es kaum anders sagen – eine Seelenverwandtschaft mit Wladimir verbindet, nahm in den letzten Stunden ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin auf bewegende Weise Abschied vom Erlangen-Haus. Sicher nur in ihrer politischen Funktion. Sicher nicht als Wahl-Wladimirerin. Aber hören und sehen Sie selbst:

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Gedichte sind wie Wein. Sie wollen reifen. Deshalb auch erst heute im Blog die Verse von Andrej Filinow, Intendant des Staatlichen TV-Senders Wladimir, die nach einer Deutschlandreise Ende September entstanden und im Oktober nach Erlangen gelangten.

Andrej Filinow

Köln

Der Himmel ist auch hier gerade, / nur was in Köln so schlimm erscheint: / Der Häuserhaufen unter Schwaden, / durchsticht mit Nadeln ihn vereint.

Blick höher drum als Türme bieten: / Gleich wachsen, dort hinaufgeträumt, / empor die Gotikstalagmiten -, / Gewitterwasser strömt und schäumt.

Der Himmel wird nicht grundlos blaß, / der Rhein fließt weiter ohne Eile, / auf Hohenzollern ist Verlaß, / behelmter Brückenschutz mit Weile.

Doch unsre Zeit, wie stets, vergeht, / verläßt uns, ohne umzukehren, / und nur des Wassers Duft besteht / und kann in Köln sich siegreich wehren.

 

Rüdesheim

Gleich, wie viel von dieser Luft wir atmen, / unsren Lungen ist es nie genug. / Zu den Traubenhängen eingeladen, / schippern wir den Rhein entlang im Zug.

Weite Wege braucht man hier nicht gehen, / wenn man auf den Wellen sich bewegt. / Pfefferkuchenhäuschen gibt’s zu sehen, / hier im Rheingau sich das Leben regt.

Auf den Hügeln Spielzeugtürme ranken, / für das Auge eine Schwelgerei, / Burgen, wo die Fürsten gerne tranken / zum Gewisperspuk der Loreley.

Jeder Atemzug läßt dich verstehen, / was der Rausch der Trauben mit uns macht. / Nicht umsonst ließ Goethe sich hier sehen, / hat den goldnen Herbst hier zugebracht.

Und im Schäumen all der Menschenstimmen / öffnet sich dir plötzlich hier ein Land, / frei von tönernem Koloßgeklingel, / nur mit einem Weinglas in der Hand.

 

Cochem

Oh, ging’s durch die Gruppe raunend, / einfach hin und weg, / zogen wir durch Cochem staunend, / welch ein schöner Fleck.

Ob nun Rosen, ob Mimosen, / alles war erblüht: / Unterwegs entlang der Mosel / wirkte nichts bemüht.

Wie in Cochem ist das Leben, / dafür gibt’s kein Wort! / Ewig schon scheint hier der Reben / und der Gnade Ort.

Hinter Fensterchen und Türen / hört man keinen Krach. / Wege durch das Fachwerk führen / unterm Schindeldach.

All die Türmchen, all die Spitzen / sehen wir so gern. / Gerne blieben wir hier sitzen, / wo die Hast so fern.

Blieben in der Burg hier wohnen, / Hand am Schwert und Beil. / So kann sich das Leben lohnen, / so wär’s richtig geil!

aus dem Russischen von Peter Steger

Um noch kurz zu postludieren: Nichts gegen Rhein und Mosel, aber Andrej Filinow, dessen Sender schon viel über die Partnerschaft berichtet hat, sollte demnächst einmal nach Franken kommen und einen Zyklus über seine lyrischen Eindrücke von der Partnerstadt Erlangen an der Regnitz verfassen.

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Unter dem Nom de Guerre „gatta felice“ ist sie per E-Mail zu erreichen, und ihren Blog nennt sie „Bewohnte Insel für freie Menschen“, wo der Leitspruch gilt: „Die Minderheit hat immer recht“. Die Journalistin Natalia Nowoschilowa ist alles andere als Mittelmaß und schon gar keine Mitläuferin, eher eine Aristokratin der Demokratie, stets zum Widerspruch bereit, bekannt in Wladimir und weit darüber hinaus als Widersacherin jeder politischen oder administrativen Einschränkung der Freiheitsrechte. Sie demonstriert im Notfall auch allein gegen Willkür, sie vertritt die Partei der Volksfreiheit, die 2011 gar nicht erst zu den Duma-Wahlen zugelassen war, und sie personifiziert Amnesty International in der Partnerstadt. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Gerd-Bucerius-Menschenrechtspreis, schrieb sie – bis sie sich vor einigen Jahren mit den Chefredakteuren überworfen hatte – für zwei Lokalzeitungen in Wladimir und saß – ein Zeichen für seine durchaus liberale Gesinnung – auf Vorschlag von Ex-Gouverneur, Nikolaj Winogradow, zwei Wahlperioden lang in der Zivilgesellschaftlichen Kammer der Region Wladimir, einem ehrenamtlich besetzten Gremium, das der Politik auf die Finger sehen soll. Aus Enttäuschung über die, wie sie meinte, allumfassende Vormacht der Kreml-Partei Einiges Rußland, gab sie diese Kontrollfunktion allerdings im Oktober vergangenen Jahres auf.

Natalia Nowoschilowa im Februar 2012: Nieder mit der Selbstherrschaft!

Natalia Nowoschilowa im Februar 2012: Nieder mit der Selbstherrschaft!

Und nun läßt sie wohl alle Hoffnung auf Besserung fahren und gibt ganz auf. Auch wenn Natalia Nowoschilowa, die sich vor gut einem Jahr noch mit Heide Mattischeck, der ehemaligen Bundestagsabgeordneten, getroffen hatte, im TV-Interview angibt, in letzter Zeit keinen besonderen Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein, erträgt sie als entschiedene Kritikerin des Kremlkurses auch und gerade in der Ukraine-Krise das öffentliche Klima nicht mehr, wo sich Abweichler rasch als Angehörige der „Fünften Kolonne“ und „Mietlinge des Westens“ gebrandmarkt sehen, während das Volk selbst, wie es Jus Aleschkowskij in seinem erschütternden Roman „Die Hand“ den monologisierenden Henker sagen läßt, „ohne Murren diese faulige und zotig-verlogene Propaganda schluckt“.

Natalia Nowoschilowa Anfang der 90er Jahre mit Andrej Filinow, dem heutigen Chefredakteur des Staatlichen Lokalsenders Wladimir

Natalia Nowoschilowa Anfang der 90er Jahre mit Andrej Filinow, dem heutigen Chefredakteur des Staatlichen Lokalsenders Wladimir

Natalia Nowoschilowa verläßt ihre Heimat, emigriert nach Bulgarien. Manch einer wird erleichtert aufatmen und ihr eine gute Reise wünschen. Aber vermissen werden in Wladimir ihre Stimme auch jene, denen sie aufrecht und unerschrocken die Stirn bot. Und fehlen wird sie allen als unbequeme Stimme des Gewissens, als eine Frau, in der die Idee der Freiheit aller Menschen zum Lebensprinzip geworden ist und die sich nun das Recht auf Selbstbestimmung ihres Wohnortes nimmt. Leider fern von Wladimir.

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Gestern trat das neue Mediengesetz in Kraft, das allen Parteien Rußlands das Recht einräumt, in den Massenmedien, vor allem bei Fernsehen und Rundfunk, gleich viel Zeit für die Berichterstattung zugeteilt zu erhalten. Im Hintergrund läuft unsichtbar also immer eine Uhr mit, die festhält, wie lange dieser oder jener Beitrag über eine bestimmte Partei dauerte. Tatsächlich hat die Zentrale Wahlkommission in Moskau sogar Computerprogramme für diese elektronische Erbsenzählerei entwickelt.

Was auf Landesebene mit telegenen Politakteuren noch einigermaßen realisierbar erscheint, wird in der Provinz zum Problem. Andrej Filinow, der Direktor des Wladimirer Staatlichen Lokalfernsehens, macht sich denn auch weniger Sorgen um die praktische Umsetzung des Gesetzes, vielmehr fragt er sich: „Können uns die Parteien auch genug inhaltliche Substanz bieten, um über sie zu berichten?“

Auch Vertreter der Kreml-Partei „Einiges Rußland“ weisen darauf hin, daß kleine Parteien mit wenig Mitgliedern und Funktionären natürlich weniger Gesetzesarbeit leisten können und damit per se inhaltlich ins Hintertreffen geraten. Daß aber auch eine „Volkspartei“ wie die KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation) im Abseits stehen kann, konstatierte Andrej Filinow unlängst bei einer Kundgebung der Nachfolger der KPdSU. Die hatten sich vor der Zentrale des Senders versammelt und beklagt, über ihre Aktivitäten werde zu wenig berichtet. Darauf gab der Chefjournalist kurz und bündig zurück: „Wenn es etwas von euch zu berichten gäbe, dann täten wir das auch. Aber ihr tut ja nichts, was für die Öffentlichkeit von Interesse wäre!“

Wie es beim Wahlvolk ankommt, wenn es nun zu jeder Frage die Meinung aller Parteien anhören muß und es jeder Hinterhofkongreß in die Abendnachrichten schaffen kann, bleibt in der Tat abzuwarten. Immerhin aber könnte das bisherige Meinungsmonopol der Partei „Einiges Rußland“ gebrochen werden. Aber dafür müssen die anderen auch relevante und attraktive Gegenmodelle entwickeln, die es wert sind nicht nur wegen der Einhaltung der Quote publiziert zu werden. Und – auch die Akteure der Oppositionspartei „Solidarität“ um Boris Nemzow müßte endlich eine mediale Plattform erhalten. Das täte der Demokratie in Rußland nicht nur medial gut! Dann wäre echte Gleichheit geschaffen. Oder gibt es auch da schon wieder solche, die gleicher als die anderen sind?

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