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Posts Tagged ‘Alexandrow’


So später der Schnee heuer fällt, so rechtzeitig, um den Winter auszutreiben. Während bei uns ab heute Schluß mit lustig ist, steuert der russische Karneval, bekannt als Butterwoche, seinem Höhepunkt entgegen. Bei allem ausgelassenen Treiben gilt allerdings der Grundsatz: Kein Fest ohne feste Regeln. Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“!) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Masleniza: Jeder Wochentag ist ein besonderer Tag

Der Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der heutige Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Masleniza mit dem Ensemble Rus in Erlangen 2016

Doch das heißt nicht, daß alles in Butter sei. Seit vergangenem Sonntag spitzt sich die Lage vor der Mülldeponie bei Alexandrow weiter zu. Da ganz offenbar entgegen allen Regeln und Verträgen weiterhin Abfälle aus Moskau ihren Weg in die Region Wladimir suchen und finden, nehmen seit Sonntag, dem „Tag des Verteidigers der Heimat“, Aktivisten unter dem Motto „Verteidiger der Mülldeponie von Alexandrow“ die anrüchige Sache selbst in die Hand und blockieren – 15 bis 60 Mann hoch – rund um die Uhr die Zufahrt. Durchgelassen werden nur Fahrzeuge mit einheimischen Nummern. Größere Konflikte gab es bisher nicht, die Moskauer Laster kehren zumeist mit ihrer unwillkommenen Fracht wieder um, aber die Behörden rufen dazu auf, die Sperrungen aufzuheben, weil sie vor allem nachts und wegen der winterlichen Straßenverhältnisse Unfälle fürchten. Außerdem solle man die gerichtlichen Entscheidungen abwarten.

Doch klein beigeben wollen die Verteidiger des Müllbergs nicht, zumal sie nach eigenen Angaben Unterstützer in Moskau haben, die Informationen über Abfalltransporte weitergeben. Man will den Gegner zermürben und mit spielerischer Taktik schlagen:

Es liegt allein in unseren Händen, konsequent zu bleiben und den Sieg mittels gesetzlichem Vorgehen zu erringen. Die Müllkutscher zeigen Nerven und machen unüberlegte Schritte, indem sie den Verkehr stören und damit negative Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wir sind stärker und härter, unser Stehvermögen reicht allemal, um sie am Schachbrett zu schlagen, so sehr sie uns auch in den Ring oder auf die Matte zerren wollen.

Wie auch immer die Sache weitergeht, das Thema wird die Agenda auch dieses Jahres bestimmen. Solange die Politik keine Lösungen bietet, könnten – auch hierzulande – all die kleinen Sünderlein ja mal bei sich anfangen und beim Müll fasten. Aber bitte nicht nur vor Ostern!

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Die 125 km bis in die nordwestlich von Wladimir gelegene 60.000-Seelen-Kreisstadt Alexandrow lohnen sich besonders in diesen Tagen. Noch bis zum 24. März ist in dem Gebäudekomplex der ehemaligen Residenz von Iwan dem Schrecklichen, der hier von 1564 bis 1581 hofhielt und wohl im unheiligen Zorn seinen Sohn und Thronfolger erschlug, eine Ausstellung zu sehen, die unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Leben“ das über Jahrzehnte gereifte Schaffen eines der gewiß größten russischen Künstler der Gegenwart zeigt.

Plakat zur Ausstellung „Auf der Suche nach dem Leben“

Jakow Jakowljew kam 1947 auf Sachalinsk in der Familie eines Generalmajors und Weltkriegsveteranen zur Welt und wurde 1952 heimlich in Moskau getauft. Kindheit und Jugend waren, bedingt durch die militärische Laufbahn des Vaters und die unregelmäßigen Versetzungen, geprägt durch ständige Ortswechsel, bis er 1965 das Studium der Architektur in Nowosibirsk aufnahm und fünf Jahre später, bereits als Dozent, heiratete. 1975 folgte die Aufnahme in den Russischen Künstlerverband mit Ausstellung vor allem seiner Graphiken auch im Ausland. Daneben half der bekennende Christ als Architekt und Ikonenrestaurator bei der Renovierung von Kirchen und Klöstern in der Region Nowosibirsk, bis Jakow Jakowljew 1983 nach Wladimir umzog.

Bischof Innokentij, Patriarch Kirill und Erzbischof Tichon

Nach dem Tod seiner Frau, neun Jahre später, ließ sich der Vater von zwei Töchtern zum Diakon und später zum Priester weihen und wurde noch im gleichen Jahr in den Diözesanrat aufgenommen, zuständig für Bau- und Restaurierungsaufgaben. Wenige Monate später schon übertrug man dem Geistlichen die Aufgabe des spirituellen Rats im Fürstinnenkloster, und 1997 nahm er als Mönch den Namen Innokentij an, nachdem ihn Erzbischof Jewlogij zwei Jahre zuvor bereits zu seinem Generalvikar ernannt hatte.

Bischof Innokentij in seinem Atelier

Genau ein Jahr darauf die Erhebung in den Rang eines Hegumen (Igumen) und der Abschluß seines theologischen Fernstudiums. Ende 2005 geht P. Innokentij als Abt des Alexander-Klosters nach Susdal und wird 2007 in den Rang eines Archimandriten erhoben. 2011 schließlich die Bischofsweihe, der Abschied von Wladimir, die Übernahme der Diözese Nischnetagil und Jekaterinenburg im Ural – und am 14. Mai 2018 die Rückkehr in die Region Wladimir auf den Bischofsstuhl von Alexandrow, zuständig auch für die Kreise Jurjew-Polskij, Kirschatsch und Koltschugino.

Stilleben eines Künstlers

Über all die Jahre seines kirchlichen Werdegangs blieb der Geistliche stets Künstler mit einem Blick auf das Metaphysische, auf die Kostbarkeit des Augenblicks, oft festgehalten in asketisch anmutenden Kompositionen.

Was das Spätwerk besonders auszeichnet, ist die Grenzüberschreitung, das Zusammengehen von Photographie und Graphik, das Übereinanderlegen verschiedener Schichten, das Durchscheinen einer anderen Welt hinter dem ersten Eindruck. Subtil, feinnervig, vieldeutig und polyphon, ganz im Geist der Ikone, gedacht als Fenster in den Himmel, ins Jenseits.

Neben nachgerade prototypischen Portraits finden sich im Œuvre immer wieder Landschaften mit der sprichwörtlichen Weite der russischen Ebene, mal menschenleer, wie im Moment der Schöpfung, dann wieder belebt mit Figuren, die ihre Arbeit verrichten, immer schlicht, ohne Anmutungen von Heroismus oder auch nur einer ausgeprägten Individualität. Bisweilen freilich gestattet sich der Künstler ein Selbstbildnis in der Arbeit zu verstecken oder einen Kollegen anzudeuten. Oder er zitiert andere Meister wie Marc Chagall.

P. Innokentij auf Motivsuche

Selbst deutet der spirituelle Künstler beim Atelierbesuch nicht so gerne die Botschaften seiner Werke; für sich selbst und aus sich selbst heraus sollen sie sprechen, und die Interpretation bleibt dem Betrachter überlassen. Daran tut wohl auch die Blog-Redaktion gut und beläßt es bei folgenden Bemerkungen:

Vitrine mit den Katalogen der beiden bisherigen Ausstellungen in Erlangen

Jede Begegnung mit dem Künstler-Bischof darf man als Geschenk des Himmels erleben. Wenn es die Gegenwart Gottes auf Erden gibt, dann in der Aura eines Menschen wie Pater Innokentij.

Peter Steger und Bischof Innokentij

Und dann: Kann es Zufall sein, daß der erste Eintrag des Blogs am 27. September 2008 https://is.gd/TlpyJY just diesem Künstler und seiner zweiten Ausstellung in Erlangen gewidmet war? Da liegt es nahe, eine dritte Ausstellung anzukündigen. Noch ohne Datum. Aber sie wird kommen, denn, wie der russische Volksmund sagt: „Gott liebt die Drei“.

Mehr Bilder aus dem Atelier und der Ausstellung sind hier auf Facebook zu sehen: https://is.gd/Dlyc6c

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Passend zum gestrigen Weltumwelttag wurde am 5. Juni die aktuelle ökologische Rangliste für die 85 untersuchten Regionen der Russischen Föderation veröffentlicht. Das Gouvernement Wladimir kommt dabei auf Platz 53 zu liegen, eine Position, die – wer wollte das bestreiten? – verbesserungsfähig ist.

Der sogenannte Müllaufstand von Wolokolamsk. Quelle Tass

Ein weites Feld, die Umweltproblematik. Beschränken wir uns deshalb auf den Müll, der im Mai landesweit Schlagzeilen machte, als in Wolokolamsk die Menschen auf die Straßen gingen, weil sie nicht mehr dulden wollten, die Abfälle Moskaus vor der eigenen Haustür abgeladen zu bekommen. Als dann die Kippe auch noch zu brennen anfing und Atembeschwerden um sich griffen, war für viele das Maß voll, und es erging sogar eine Petition an den Präsidenten im Kreml. Angesicht von 200-fach erhöhten Schwefelwasserstoffwerten in der Luft schlossen die Behörden alle Schulen, einige Kinder lieferte man mit Vergiftungen ins Krankenhaus ein.

Treibgut in der Wolga, gesehen in Nischnij Nowgorod

Ebenfalls im Mai unternahm es in der Region Wladimir das Katastrophenschutzamt, 190 km Ufer von Gewässern von den Hinterlassenschaften der Zeitgenossen zu reinigen. Insgesamt kamen ungefähr 200.000 m³ Müll zusammen. Allein ein 250-Meter-Abschnitt brachte eine Ausbeute von elf Kubikmetern, darunter drei Dutzend Autoreifen.

Deponie bei Alexandrow, Quelle Zebra-TV

Und wenn man den Schamott eingesammelt hat, wohin damit? Es gibt neun Deponien in der Region, deren Zustand auch nach offizieller Lesart als kritisch zu bezeichnen sei. Bis 2026 sollen sechs Mülltrenn- und Recyclinganlagen gebaut werden. Doch wer zählt all die illegalen Schutthalden in den Datschensiedlungen, entstanden, weil niemand für die Beseitigung bezahlen will, all die Haufen an den Rändern der Dörfer und in der freien Natur?

Am Wegrand, gesehen in Kameschkowo bei Wladimir

Hinzu kommt nun auch noch der Mülltourismus aus Moskau, ein Korruptionsfall in Gus-Chrustalnyj, der wohl noch vieles in der Art von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Maria Fassbinder nach sich ziehen dürfte. In Alexandrow, schon ganz an der Grenze zur Region Moskau, regt sich massiver Widerstand gegen die Fuhren aus der hauptstädtischen Nachbarschaft, wo doch schon die eigene Deponie aus allen Nähten platzt und längst geschlossen werden sollte.

Bis das Gras darüberwächst, gesehen am Ortsrand von Kameschkowo

Aber es wird wohl noch schlimmer werden müssen, bis es besser wird, bis Gesellschaft und Staat verstehen, welch gewaltigem Problem man gegenübersteht. Es gibt kein Pfandsystem, alles, aber auch alles, was man kauft, kommt in Plastik verpackt daher, das kaum wiederverwertet wird. Das seinerzeit aus der Not geborene Rückgabe- und Sammelsystem aus Sowjetzeiten ist schon Anfang der 90er Jahre zusammengebrochen, um einem hemmungslosen Wegwerfmodus nach westlichem Vorbild Platz zu machen.

Kleinvieh macht auch Mist, gesehen in Wladimir, unweit vom Bahnhof

Hauptstraßen und Plätze sind heute ebenso wie Bahnhöfe oder andere öffentliche Anlagen oft fast pingelig gepflegt. Doch schon wenige Schritte abseits kann einen das schiere Heulen überkommen. Reist man übers Land oder will man sich im Wald die Beine vertreten, vermag man die Augen nicht davor verschließen: Die Plastikflut erscheint unaufhaltsam. Es kann einem passieren, ein Geräusch unter den Füßen zu hören, das man zunächst für das Knacken von Ästen hält, doch es sind PET-Flaschen, über die schon Gras gewachsen ist. Man möchte sich nicht ausmalen, was all die Weichmacher und sonstigen Bestandteile eines Tages in der Vegetation und im Grundwasser anrichten. Vielleicht begreift man es erst, wenn die Pilze und Beeren nicht mehr genießbar sind.

Für die Schließung der Deponie! Für das Leben! Demonstration in Alexandrow. Quelle Zebra-TV

Hätte die Umwelt-Redaktion des Blogs das Sagen, käme die ökologische Frage ganz nach oben in der Agenda der russischen – und natürlich auch deutschen und weltweiten – Politik, und beginnen würde sie beim Müll, in erster Linie mit dessen Vermeidung – und sei es mit drastischen Steuern und drakonischen Strafen. Bisher ist das Denken der Russen – ähnlich wie das der Amerikaner – geprägt von der unendlichen Größe des Landes, wo eigentlich ja auch Platz für jede Art von Unrat sein sollte. Aber die Fläche ist dennoch begrenzt, während jeden Tag immer noch unbeschränkt mehr und mehr Dreck und Abfall hinzukommt. Quousque? Wir wissen was wir tun und tun es trotzdem. Nachhaltig falsch.

Wie viel auf diesem ja weltweit verwahrlosten Feld auch in Erlangen noch zu tun bleibt, ist hier unter dem Eintrag vom 3. Juni zu sehen und nachzulesen: https://is.gd/Dlyc6c

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Am 22. August 2011 stand im Blog zu lesen:

Niemanden, der ihn kennt, wird es verwundern zu hören, daß Archimandrit Innokentij, bisher tätig als Generalvikar der Erzdiözese Wladimir – Susdal, nun selbst zum Bischof ernannt wurde. Patriarch Kirill persönlich nahm die Weihe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vor und entsandte den Mönch Innokentij mit den Insignien eines Bischofs in den Ural, um dort die Diözese Nischnij Tagil, gute 100 km von Jekaterinburg entfernt, zu übernehmen.

P. Innokentij

Natürlich gratulieren dem Geistlichen alle Freunde in Wladimir und Erlangen, doch für die Partnerschaft ist sein Weggang ein schwerer Verlust. Niemand verstand es wie er, der erst nach dem Tod seiner Frau vor mehr als 20 Jahren Mönch wurde und vorher als Architekt und Künstler tätig war, zwischen Kirche und Welt zu vermitteln. Niemand hatte so viel Autorität wie er im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog. Und wer hätte die Orthodoxie besser als er auch in der Partnerschaft vermitteln können! Besonders auch durch seine künstlerische Arbeit und die Ausstellung, die er anläßlich des 25jährigen Partnerschaftsjubiläums 2008 im Stadtmuseum Erlangen zeigte. In Planung war bereits eine weitere Schau seiner Arbeiten. Doch dieses Vorhaben wird nun wohl wichtigeren Dingen geopfert werden müssen. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich. Uns bleibt da nur, dem Gesandten des Herrn viel Glück und viel Segen auf all seinen Wegen zu wünschen, die sich ja vielleicht doch auch einmal wieder auf der Landkarte der Partnerschaft abgebildet finden.

 

 

 

P. Innokentij und Erzbischof Jewlogij

Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Am 14. Mai beschloß der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche unter dem Vorsitz von Patriarch Kirill bei seiner Sitzung in Sankt Petersburg, P. Innokentij wieder in die alte Heimat zu versetzen, genauer in das Amt des Bischofs von Alexandrow und Jurjew-Polskij, in der Region Wladimir gelegen. Hier, im Herzen des Goldenen Rings, hatte der 1947  als Jakow Jakowljew auf Sachalin geborene Gottesmann bereits 1983 sein Zuhause gefunden – bis zur Versetzung in den Ural vor sieben Jahren.

Bischof Innokentij

An Wunder zu glauben, ist nicht jedermanns Sache, aber niemand, der Bischof Innokentij kennt – übrigens auch ein großer Mann der Ökumene und der Zusammenarbeit mit der Rosenkranzgemeinde in Wladimir – wird den Kopf schütteln, wenn man ihn als wundervollen Menschen bezeichnet. Deshalb darf man auch auf mindestens sieben fette Jahre des partnerschaftlichen Miteinanders mit diesem Mann hoffen, der es wie kaum einer versteht, dank seinem Wort und seiner Kunst die Menschen zusammenzuführen – ad maiorem dei gloriam.

Landschaft des Künstlers Jakow Jakowljew

Bleibt nur, Frohe Pfingsten zu wünschen. Alles Gute zu diesem Fest, das ja nicht nur an die Gründung der Kirche erinnert, sondern auch die Verständigung über Völker- und Sprachgrenzen hinweg darstellt, also sozusagen Pate für die säkulare Partnerschaftsarbeit steht. (Bildmaterial Zebra-TV)

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Im September vergangenen Jahres schuf er bei dem Skulpturensymposium in Erlanger Stadtteil Büchenbach die Holzfigur „Widerstand“, nun plant Jurij Iwatko für heuer seine Teilnahme am Tennenloher Kunstfest im August. Begleitet von seiner Frau, Jelena Jermakowa.

Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Das Künstlerehepaar aus Alexandrow, fast zwei Autostunden nordwestlich von Wladimir gelegen, teilt bei allen Unterschieden – sie arbeitet viel im Bereich Enkaustik, er kann auf ein großes Œuvre auf dem Gebiet der Bildhauerei verweisen – die Meisterschaft in der Graphik und Lyrik. Nun würden die beiden Mitglieder des Wladimirer Kunstvereins gern beide ihr Können in Erlangen zeigen, sie bei einer Werkstattveranstaltung die Enkaustik, er bei der öffentlichen Gestaltung seiner neuen Skulptur „Sisyphos“.

Sisyphos-Entwürfe von Jurij Iwatko

Die mythologische Figur, verdammt dazu, den Fels, der immer wieder hinabrollt, fortwährend nach oben zu tragen, versteht Jurij Iwatko universell als Symbol für den Kampf gegen die Gravitation und hat dafür bereits eine Reihe von Entwürfen vorbereitet. Für welchen er sich dann aber vor Ort entscheidet, steht noch nicht fest. Das wird auch vom Material abhängen, das die Veranstalter vom Kunstkreis Tennenlohe bereitstellen.

Jurij Iwatkos Lieblingsmotiv im Kreml von Alexandrow

Aus Erlangen kommen nur wenige Besucher nach Alexandrow. Schade eigentlich, denn die Kreisstadt im Gouvernement war von 1564 bis 1581 Residenz von Iwan dem Schrecklichen, Sitz der staatlichen Druckerei, der Ort, wo der Zar die Gesandtschaften aus aller Welt empfing, von wo aus er den Feldzug gegen Nowgorod in Gang setzte – und wo er im Jähzorn seinen Sohn Iwan erschlug. Von dieser Bluttat erschüttert, kehrte der Selbstgekrönte zurück in den Kreml von Moskau, wo er schon drei Jahre darauf starb und ein folgenschweres Machtvakuum hinterließ, das ein Jahrhundert später Peter der Große zu füllen wußte, nachdem er sich auf den „Deutschen Bergen“, ganz in der Nähe von Alexandrow, in der Kriegskunst geübt hatte.

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„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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Erstmals erhält ein Junge in der Russischen Föderation den Vornamen Putin. Auf Anregung des Großvaters von Rassul Dschurajew, eines erklärten Verehrers des Staatspräsidenten, haben die aus Tadschikistan stammenden und nach fünf Jahren in Moskau nun seit eineinhalb Jahren in einem Dorf bei Alexandrow in der Region Wladimir wohnenden Eltern die Namensänderung beantragt. Die Behörden, so berichten lokale Medien, fanden nach anfänglicher Skepsis keinen formalen Grund, dem Ansinnen nicht nachzukommen, und so wird der Kleine wohl bald als erster auf den Nachnamen des ersten Mannes im Staate hören müssen.

Putin Dschurajew und seine Eltern

Putin Dschurajew und seine Eltern

Sicher zumindest kurios diese Namensgebung, zumal man gespannt sein darf, welche Koseformen für Putin verwendet werden. Ein russischer Vorname steht nämlich nur formal im Ausweis; im richtigen Leben – je nach Alter, Umgebung und Situation – hören die Menschen aber auf ganz andere Varianten mit jeweils ganz unterschiedlichen Abstufungen der menschlichen Nähe. Um nur Wladimir als wohlfeiles Beispiel zu wählen. Den ruft man im Kindesalter gern Wowa, Wolodjenka oder Wowotschka, später Wolodja oder Wowtschik. Man versuche das einmal mit Putin. Oder doch lieber nicht?

Präsidiale Devotionaliensammlung der Familie Dschurajew

Präsidiale Devotionaliensammlung der Familie Dschurajew

Kuriose Eigennamen gab es übrigens besonders in der frühen Sowjetzeit und in der Periode des Personenkults, die unter Genosse Josef Stalin Stilblüten trieb in der Art von Stalen (zusammengesetzt aus Stalin und Lenin), Ninel (Akronym von Lenin), Stalij oder Stal (maskulines oder feminines Adjektiv des Pseudonyms von Josef Dschungaschwili), Stalber (zusammengesetzt aus Stalin und Berija) oder Wladlen (gebildet aus den Anfangssilben von Wladimir und Lenin). Noch nicht bizarr genug? Dann sei mit Ikki gedient, der russischen Abkürzung für Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationalen. Überliefert ist auch noch Nisercha, zu dechiffrieren als Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Zur Ehrenrettung der sowjetischen Eltern sei gesagt, daß derartige Wortungetüme eher selten Eingang in die Geburtsurkunden fanden, und spätestens seit der Machtübernahme durch Leonid Breschnjew und der schleichenden Entzauberung der Sowjet-Ideologie verschwanden all diese Kunstnamen aus den Registern, und die Kinder wurden wieder nach christlichen Märtyrern, griechischen Heroen, slawischen Helden, skandinavischen Adeligen, alttestamentarischen Gottesknechten genannt, bevor zunehmend auch westliche Vorbilder in Mode kamen.

Sowjetische Vornamen

Sowjetische Vornamen: Widlen – Große Ideen Lenins

Übrigens auch in Deutschland gibt es in dem Bereich Kuriosa: Vor einem Jahr ging der Vorname Angela Merkel durch die Medien. Ophelya Adé, aus Ghana geflüchtet, hatte ihre Tochter nach der deutschen Kanzlerin genannt – als Zeichen der Dankbarkeit und Anerkennung. Motive, die man durchaus auch der Familie aus Tadschikistan gegenüber dem russischen Präsidenten unterstellen darf. Dennoch eher fraglich, daß sich die beiden Vornamen durchsetzen. Den Kindern wird das nur recht sein.

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