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Posts Tagged ‘Alexander Newskij’


Im Jahr 1157 wählte die Volksversammlung in Susdal Andrej Bogoljubskij zum neuen Herrscher über die Nordöstliche Rus. Kein überragend bedeutendes Ereignis, wie man meinen mag, aber dieses Votum sollte den Grund für die künftige russische Staatlichkeit legen. Auf der obersten Stufe der Treppe zur Macht angekommen, blieb der Fürst freilich nicht stehen. Als neuer König des Nordostens vertrieb er viele der Bojaren, die vorher noch für ihn gestimmt hatten, ebenso wie nächste Verwandte und verlegte die Hauptstadt seines Reiches von Susdal nach Wladimir, wo nie irgendwelche Volksversammlungen stattgefunden hatten. Sein Ziel bestand nicht nur darin, Alleinherrscher zu werden, sondern auch Wladimir und den Nordosten als neues politisches Zentrum anstelle von Kiew zu proklamieren. Eben zu diesem Zweck wird an der Westgrenze der Stadt ein Tor aus weißem Muschelkalk errichtet, das man Goldenes Tor nennt.
Heuer werden es genau 855 Jahre seit der Bau vollendet wurde. Einer Legende nach stürzte der Bogen just im Augenblick der Fertigstellung des Tors in sich zusammen. Zwölf Menschen sollen dabei verschüttet worden sein. Daraufhin habe Andrej Bogoljubskij angeordnet, die wundertätige Ikone der Wladimirer Gottesmutter zu bringen. Nach einem Gebet und den Aufräumarbeiten habe man die Opfer lebend und unbeschadet geborgen. In Erinnerung an das Wunder soll der Fürst befohlen haben, über dem Tor eine Kirche zu bauen, die allerdings nicht bis in unsere Zeit erhalten blieb. Im Lauf der Jahrhunderte baute man das Gotteshaus immer wieder ab und um. Die heutige Kapelle auf dem Tor wurde Anfang des 19. Jahrhunderts geweiht. Gottesdienst feierte man dort allerdings nur in Einzelfällen.
Das Goldene Tor fungierte über all diese Zeit auf unterschiedliche Weise. Seit Ende des 18. Jahrhunderts befand sich hier das Zeughaus der Feuerwehr, im 19. Jahrhundert war in einem der nicht erhaltenen Anbauten sogar eine Polizeiwache mit Haftzellen eingerichtet, und es gab die Absicht, das Denkmal zu einem Wasserturm umzuwidmen. Nach der Oktoberrevolution diente das Kirchlein auf dem Tor schließlich als Wohnung, und erst 1958 zieht hierher aus einem Haus in der heutigen Nikitsker Straße die historische Ausstellung, die bis heute im Goldenen Tor zu sehen ist, das, dem Landesmuseum angegliedert, jährlich von mehr als 50.000 Touristen besucht wird.
1238, 74 Jahre nach Abschluß der Bauarbeiten, nehmen die Mongolen Wladimir im Sturm. Allerdings gelang es den Truppen von Batu Khan nicht, durch diese Befestigung in die Stadt einzudringen. Den Chroniken zufolge überwanden die Tataren den Festungswall etwas südlicher vom Tor. So stellte auch der Künstler Jefim Deschalyt den entscheidenden Vorstoß der Belagerer auf seinem Diorama dar, das heute im Goldenen Tor zu sehen ist. Allerdings fehlen bislang für diese Version die archäologischen Belege. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die Einnahme Wladimirs von Norden her erfolgte. Jedenfalls fanden Archäologen hier Spuren von Kämpfen aus jener schrecklichen Epoche. Wie auch immer, das Goldene Tor hielt wohl den Attacken stand. Immerhin erreichte das Bauwerk nach Einschätzung von Forschern eine Höhe von 30 Metern. Auch die Mauern waren mehrere Meter dick. Außerdem verfügte das Goldene Tor über zwei Verteidigungsplätze, oben, auf der Höhe der Kirche, und unten im Bogen. In jener Zeit konnten die Krieger leicht vom Verteidigungswall auf den unteren Kampfplatz gelangen.

Erwähnt werden sollte dabei, daß der Durchlaß im Torbogen früher deutlich niedriger lag als der Kamm des Verteidigungswalls. Eine Reihe von Historikern behauptet, ursprünglich sei diese Stadtmauer niedriger gewesen. In der Folge aber trägt man sie ab. So gab es Anfang des 20. Jahrhunderts noch den sogenannten Nikitiner Wall sowie einen Teich als Rest des alten Grabens. Doch vor fast einem Jahrhundert beseitigte man die Erdmauer endgültig und schüttete den Weiher zu. Verschwunden sind auch die Fresken, die von außen das Goldene Tor schmückten. 1989 machte man eine sensationelle Entdeckung: Forscher fanden unter dem Bogen Spuren von Wandmalerei aus dem 12. Jahrhundert. Unter diesen Fresken des 14-Meter-Bogens hielten viele Großfürsten Einzug in Wladimir. Das Goldene Tor diente nämlich nicht nur der Verteidigung und des Glaubens, vielmehr spielte es auch die Rolle eines Paradezugangs zur Stadt. Alexander Newskij und Dmitrij Donskoj zogen hier durch, um sich in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale zum Fürsten krönen zu lassen. Der letzte Moskauer Herrscher, der hierzu 1389 durch das Goldene Tor kam, war Wassilij I, der Sohn von Dmitrij Donskoj. Interessanterweise erinnern auch später noch die Herrscher von Moskau in ihren Titeln an Wladimir – und zwar noch vor der neuen Hauptstadt. So nannte sich der erste russische Zar, Iwan der Schreckliche, Großzar von ganz Rußland und Großfürst von Wladimir. Erst nach Wladimir folgten die weiteren Titel wie Großfürst von Moskau und Nowgorod etc. Offenbar unterstrich man damit, daß das neue Moskau in der unmittelbaren Nachfolge von Wladimir und jener Herrschaftsweise stand, die auf Andrej Bogoljubskij zurückgeht.

Warum nun aber Goldenes Tor? Diese Bezeichnung hängt mit der ideologischen Funktion zusammen. Das erste Tor mit diesem Namen baute man nämlich in Jerusalem, der Stadt, die damals die Christen für das Zentrum der Welt hielten. Nach christlicher Überlieferung wird Christus bei seiner Wiederkunft in die Stadt der Geretteten just durch dieses Goldene Tor schreiten. Einige Forscher meinen denn auch, Andrej Bogoljubskij habe Wladimir in seiner Politik der Stadtarchitektur Jerusalem, Byzanz und Kiew nachgeahmt, wo das erste Goldene Tor der Rus stand. Damit wollte er das politische Zentrum der in einzelne Fürstentümer zersplitterten Rus in den Nordosten verlegen, wo sich der Fürst nach der Vertreibung der Bojaren und Verwandten sowie die Auflösung der Volksversammlungen jene auf eine Person zugeschnittene Herrschaftsform schuf, die in der Folge den Grund für die Staatlichkeit des ganzen Landes legte.
Goldenes Tor 1
Auch wenn Wladimir seinen Hauptstadtstatus an Moskau abgeben mußte, bleibt doch das Goldene Tor in Erlangens Partnerstadt als Symbol der neuen Herrschaftsform und eines regelrechten Umbruchs in der russischen Geschichte. Eine weltliche Geschichte, die Andrej Bogoljubskij wohl bewußt mit der Heilsgeschichte verband. Das Goldene Tor sollte nämlich auch den Fürsten als Alleinherrscher und Stellvertreter Gottes symbolisieren. Dazu fügt sich das Baujahr, 1158 Jahre nach Christus im Jahr 6666 nach der Erschaffung der Welt. Die dreifache Sechs steht in der Bibel für das Tier der Apokalypse, und die Menschen lebten damals auch tatsächlich in Erwartung des Jüngsten Gerichts. Dieser Stimmung bediente sich Andrej Bogoljubskij geschickt, um seinen Anspruch auf die Rolle des ersten Fürsten unter allen übrigen Herrschern des Geschlechts der Rurikiden zu untermauern. Es ist also nicht damit getan, das Goldene Tor zu umrunden, um wieder nach Wladimir zu kommen, man sollte sich auch der vielgestaltigen Geschichte des unter dem Schutz der UNESCO stehenden Bauwerks bewußt sein, die von Jerusalem über Byzanz und Kiew bis in die Partnerstadt und weiter bis Moskau führt.
Unter Verwendung von Material des Senders TV6

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Was Sie über Wladimir wissen sollten:

Mariä-Entschlafens-Kathedrale mit Wladimir-der-Täufer-Denkmal

  1. Wladimir und Erlangen sind 1983 das erste Partnerschaftspaar zwischen der UdSSR und Bayern.
  2. Wladimir nannte sich früher Wladimir an der Kljasma und Wladimir hinterm Wald, um Verwechslungen mit der gleichnamigen Stadt im Südwesten des Russischen Reiches, Wladimir Wolynskij, in Wolhynien (heute Ukraine) gelegen, zu vermeiden.
  3. Wladimir ist eine der ältesten russischen Städte, doch bis heute streiten sich zwei Fürsten um den Titel des Gründervaters: Wladimir der Täufer im Jahr 990 und Wladimir Monomach im Jahr 1108.
  4. Wladimir war nach dem Fall Kiews und vor dem Aufstieg Moskaus vom 12. bis 14. Jahrhundert Hauptstadt des Russischen Reiches.
  5. Am Stadtrand von Wladimir liegt Sungir mit Ausgrabungen aus dem Jungpaläolithikum (25.000 bis 30.500 Jahre v.Chr.) und ca. 70.000 Funden aus der Frühzeit des Menschen.
  6. Die Wladimirer Gottesmutter, eine wundertätige und besonders verehrte Ikone, soll Moskau vor dem Angriff Tamerlans im Jahr 1395 gerettet haben, als er mit seinem Reiterheer ohne erkennbaren Grund bei Jelzo umkehrte, ohne weiter auf die künftige Hauptstadt vorzurücken, wo sich damals das Heiligenbild befand. Seither gilt die Wladimirer Gottesmutter als Schutzpatronin des ganzen Landes und kehrte nie mehr in die alte Hauptstadt zurück. Das Original ist heute in der Tretjakow-Galerie zu sehen.
  7. Der weltbekannte Ikonenmaler Andrej Rubljow gestaltete die berühmte Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir aus und schuf damit sein größtes zusammenhängendes Fresko, deren zentraler Teil das Jüngste Gericht darstellt, wo die traditionell so bedrohliche Szene sich in ein lichtes Fest des Triumpfes von Gerechtigkeit und Glorie verwandelt, ein Beleg für den spirituellen Wert des Menschen.
  8. Alexander Newskij, ein später heiliggesprochener Feldherr, regierte elf Jahre lang Wladimir und wurde dort auch im Weihnachtskloster begraben, bevor man seine sterblichen Überreste unter Zar Peter I nach Sankt Petersburg überführte. Der Großfürst wurde im Jahr 2008 beim Wettbewerb „Der Name Rußlands“ von Internetnutzern, Fernsehzuschauern und Radiohörern zum Sieger gewählt.
  9. Der italienische Architekt Aristotele Fioravanti baute in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts die Entschlafenskathedrale im Moskauer Kreml nach dem Vorbild der gleichnamigen Kirche in Wladimir.
  10. In Wladimir gab es früher fünf oder sogar sieben Tore. Heute steht nur noch das Goldene Tor, der Einlaß in das prächtige Innere der Stadt.
  11. In den 60er Jahren drehte Andrej Tarkowskij in Wladimir einen Film von Weltruf: „Andrej Rubljow“.
  12. In Wladimir gibt es drei Bauten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen: das Goldene Tor, die Demetriuskathedrale und die Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
  13. Einzigartig an der Demetriuskathedrale – ihre dekorative Fassadengestaltung. Der gesamte obere Teil ist wie von einem Teppich von Steinmetzarbeiten bedeckt, Figuren und Gestalten, die auch nach acht Jahrhunderten noch Rätsel aufgeben. Was bedeuten die galoppierenden Reiter, was sagt uns der auf einem Thron sitzende biblische König David, warum steigt Alexander der Große in den Himmel auf, wozu zeigt Herakles hier seine berühmten Heldentaten, welche Funktion haben die die Löwen, Vögel, Greife und Fabelwesen?
  14. Das Goldene Tor in Wladimir ist das einzige Denkmal, das drei Funktionen in sich vereint: Triumphbogen, Verteidigungsanlage und Turmkirche.
  15. Eine der bekanntesten Legenden der Stadt hängt mit dem Besuch von Zarin Katharina II im Jahr 1767 zusammen, die – nach der einen Version – mit ihrer Kutsche im Goldenen Tor steckenblieb, obwohl es fünf Meter breit ist, oder – wie eine andere Überlieferung behauptet – einfach die Durchfahrt fürchtete, weil das Gebäude in einem baufälligen Zustand war. Jedenfalls befahl die Herrscherin eine Renovierung und den Abriß des Teils vom Befestigungswall, der damals noch unmittelbar bis zu den Mauern des Goldenen Tors reichte, um ungehindert in die Stadt gelangen zu können.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Zusammengestellt von Jelena Ljubar und Nadja Steger. Fortsetzung folgt.

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Wenn der Begriff „verheerend“ verwendet werden kann, dann hier, in Wolgograd, wo während der 200 Tage andauernden Kämpfe nicht nur Menschen und Gebäude keinerlei Schonung erfuhren, sondern auch die Natur einer ganzen Großstadt nahezu ausgelöscht wurde. Eine einzige Pappel hat das Toben der Waffen überstanden und überragt heute die Heldenallee.

Wolgograd 15

Was muß sich zwischen Verdun und Wolgograd alles an Vernichtungswillen aufgestaut haben! Und wie wenig hatten gerade die Deutschen aus den Lektionen der Geschichte des Ersten Weltkriegs gelernt. Es mußte wohl alles noch viel schlimmer kommen als damals, bevor es endlich nach der Kapitulation und der Vernichtung des Dritten Reiches besser werden konnte.

Wolgograd 16

Man könnte meinen, wer je an diesem Ort war, von dem laut Führerbefehl „kein Stein auf dem anderen bleiben“ sollte, wo mindestens eine halbe Million Rotarmisten ihr Leben ließen und mit dem hier erstmals angewendeten Erlaß 227 „Keinen Schritt zurück“ oft nur zwischen dem sicheren „Heldentod“ oder der Exekution wählen konnten, wer je die Stätten der gegenseitigen Zerfleischung besucht, sollte für alle Zeiten verstanden haben „Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um“ und die Waffen ein für allemal ruhen lassen.

Wolgograd 17

Wie schmerzlich ist es da, den 1957 errichteten „Brunnen der Freundschaft“ von Russen, Weißrussen und Ukrainern zu sehen, einer Völkerfreundschaft, die angesichts der augenblicklichen politischen Lage wohl für lange Zeit zerbrochen bleibt. Undenkbar damals nach dem Krieg, den man gemeinsam gegen den Feind geführt hatte, der allein hier in Stalingrad mindestens 120.000 Mann verloren hatte, unvorstellbar noch vor 25 Jahren, als man sich friedlich auf die Selbständigkeit der einstigen Sowjetrepubliken geeinigt hatte.

Wolgograd 18

Zum Wiederaufbau der Ruinenstadt gehörte auch diese Triumphtreppe, angelegt, damit Josef Stalin sie bei seinem zweiten Besuch nach dem Sieg (kurz nach der Niederlage der 6. Armee war er schon einmal in „seinem“ Stalingrad zu Gast) von der Wolgapromenade aus hinaufschreite. Doch der Generalissimus erlebte die Fertigstellung nicht mehr.

Wolgograd 19

Andere Wiederaufbauten sind jüngeren Datums wie die Johannes dem Täufer geweihte Kirche, die als erster Steinbau aus der Mitte des 17. Jahrhunderts das einstige Zarizyn, wie Wolgograd damals noch hieß, das Stadtbild prägte, von den Sowjets zunächst geschlossen, dann gesprengt wurde, um an ihrer Stelle ein Restaurant zu errichten… Die Besatzer nutzten das Fundament des Gotteshauses zur Einrichtung eines Stützpunkts, und erst seit den 90er Jahren kommen wieder Gläubige zum Gebet hierher.

Wolgograd 20

Kein Ort in Stalingrad war so lange und so heftig umkämpft, wie der Mamjew-Hügel, überragt von der Mutter-Heimat-Figur, wo die zentrale Gedenkstätte für die Opfer und Sieger der Schlacht eingerichtet wurde, wo 35.000 Verteidiger der Stadt ihre letzte Ruhe fanden. Von September 1942 bis Januar 1943 stürmten die Rotarmisten gegen die von der Wehrmacht gehaltene Anhöhe über der Wolga, benannt nach dem Tataren-Khan Mamaj.

Wolgograd 21

1959 schon hatten die Arbeiten an dem Ensemble begonnen, das 1967 von Generalsekretär Leonid Breschnjew eröffnet wurde. 58 Meter hoch ragt die Mutter Heimat mit Schwert, allein das weitgehend unter die Erde verlegte Fundament der Statue ist 16 Meter hoch, um die 5.500 Tonnen Beton und 2.400 Tonnen Stahlkonstruktion tragen zu können.

Wolgograd 22

Der Weg hinauf ist getragen von Trauer und Schmerz, führt durch die nachgebildeten Ruinenmauern, voller Inschriften und Details von Figuren sowie Szenen aus der Schlacht.

Wolgograd 23

Auf der Mauer ein lebensgroßer Rotarmist, der gewissermaßen über die Zeit wacht und das Gedächtnis wachhält.

Wolgograd 24

Erinnert wird dabei nicht nur an die Soldaten, sondern auch an die vielen Krankenschwestern, die ihrerseits oft Opfer der Kämpfe wurden.

Wolgograd 25

Fast die Hälfte der 230.000 eingekesselten Soldaten der Wehrmacht geriet in Gefangenschaft. Dieses Umstandes gedenkt man auch auf dem Mamajew-Hügel, wenn auch mit satirischem Unterton: „Die Okkupanten wollten die Wolga sehen, die Rote Armee zeigte sie ihnen…“

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Erschütternd die Tafeln mit den Namen der Gefallenen Vaterlandsverteidiger. Eine endlose Abfolge von Namen mit Geburts- und Sterbejahr. Der Tod kann hier buchstäblich beim Namen gerufen werden.

Wolgograd 27

Um die vielen, die bis heute ohne Namen geblieben sind, trauert diese Pietà, das Gesicht des Toten verhüllt als Zeichen für seine Unbekanntheit, seine Allgemeingültigkeit.

Wolgograd 28

Bilder und Eindrücke, die unvergessen bleiben für alle, die je hier waren und spüren, wie viele Schritte wir noch aufeinander zugehen müssen.

Wolgograd 29

Einen dieser Schritte hat nun ein Unternehmer aus Wolgograd getan, als er in Erlangen, wo er sich behandeln ließ, von der Idee erfuhr, den Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ins Russische zu übersetzen. In Wladimir sitzt bereits ein Team an der Arbeit, und die Honorare dafür kommen aus Wolgograd. Kann Versöhnung besser gelingen.

Wolgograd 30

Eine späte Versöhnung auch mit dem christlichen Glauben über den Dächern von Wolgograd. 2002 legte man den Grundstein für die Allerheiligen-Kirche im Schatten der Mutter-Heimat-Skulptur, hier, wo einst Josef Stalin, in seiner Jugend Zögling eines Priesterseminars, den „neuen Menschen“ ohne Gott hatte schaffen wollen, hier wo Menschen einander so unendlich viel Leid angetan haben, hier, wohin man auch heute noch alle zu einer Klausur einladen sollte, die da meinen Krieg in der Welt führen zu müssen, hier, wo das Wort des Wladimirer Großfürsten Alexander Newskij wahr wurde: „Wer zu uns mit dem Schwert kommt, kommt durch das Schwert um.“

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Es ist derzeit wie in einem politischen Déjà-vu, wenn man sich so manche Äußerung ansieht, die über die Wladimirer Medien verbreitet werden. Man könnte meinen, die Einleitung zu „Homo Sowjeticus“ von Joseph Novak, 1962 auf Deutsch im Scherz Verlag erschienen, sei eine aktuelle Momentaufnahme, wenn man liest: „Der Eiserne Vorhang trennt nicht nur verschiedene Länder und politische Herrschaftssysteme, er trennt auch voneinander verschiedene Arten des Denkens sowie der Wahrnehmung und Auslegung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Verschiedenartig sind auch die Vorstellungen vom Menschen und vom Sinn des Lebens. Sogar die Lebensart und die Einstellung des Menschen zu sich selbst und seiner Umgebung sind diesseits und jenseits des Vorhangs anders.“

Dabei hatte vor 25 Jahren alles so vielversprechend, so friedfertig-verbrüderungsbereit begonnen. Die Sowjetunion entschied sich gegen das von Egon Krenz beklatschte chinesische Modell auf dem Platz des Himmlischen Friedens und ließ zunächst die DDR ziehen, die deutsche Einheit geschehen, löste den Warschauer Pakt auf, ermöglichte ein fast unblutiges Ende ihrer eigenen Existenz. Moskau anerkannte völkerrechtlich bindend die neuen Staaten als „nahes Ausland“, garantierte ihre territoriale Unversehrtheit, übernahm sogar so manche Altlast bis hin zu den einst gemeinsamen Atomwaffen, die man ja nun nicht mehr zu brauchen glaubte im obsoleten Widerstreit mit dem einstigen imperialistischen Klassenfeind. Die Menschen interessierten sich für die dunklen Seite ihrer Geschichte, überall war Aufbruch spürbar, Parteien bildeten sich, Pluralität entstand, ein Land entwickelte sich, vor dem sich niemand mehr zu fürchten brauchte, das sich als gleichberechtigter Partner und Freund auf der Bühne der Weltpolitik Sympathie erwarb und Aufnahme in die G 7 und WTO fand, eine diplomatische Vertretung bei der NATO erhielt; ein Land war entstanden, dessen diplomatische Erfahrung bei der Bekämpfung des internationalen Terrornetzwerkes ebenso gefragt war wie etwa bei den Gesprächen über das Atomprogramm Nordkoreas.

Albrecht Dürer: Melancholie

Albrecht Dürer: Melancholie

Und nun all das: Aufkündigung von Mitgliedschaften, Partnerschaften, Kooperationen, stattdessen gegenseitige Sanktionen, Drohkulissen vor dem Hintergrund eines Konflikts, der weit über die Krim und die Ostukraine hinaus die Beziehungen Rußlands zur Welt belastet und das nicht zuletzt an Syrien unnachgiebig statuierten Exempel der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ad absurdum führt. Ein Konflikt der auch die Menschen in der Partnerstadt bewegt und eine Stimmung erzeugt, die ebenso schockiert wie provoziert. Es vergeht nämlich kaum ein Tag, wo nicht jemand das Schlachtroß sattelt und gen Westen zieht, vor allem gegen das „Land mit den drei Buchstaben“, wie die USA pejorativ verhüllt genannt werden. Dabei handelt es sich keineswegs um plump plappernde Proleten, vielmehr sind es prononcierte Protagonisten aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Gesellschaft, die sich unaufgefordert aufgerufen fühlen, öffentlich die vaterländischen Werte gegen Faschismus und Freidenkerei zu verteidigen – und sich dabei doch gerieren, wie das schon Alexander Gribojedow in seinem Stück „Verstand schafft Leiden“ köstlich zu karikieren wußte: „Bin immer gern zu Diensten, doch widert Liebedienerei mich an!“

Wie ist es zu erklären, daß Walentina Borodina, die Vorsitzende des Regionalen Unternehmerinnenverbands, dieser Tage bei einem Forum über die Rolle der Väter in Familie und Erziehung die Invektive verlautbart: „Der Westen vergiftet unsere Jugend mit Drogen und Alkohol. Wir müssen die jungen Leute im Geist des Sieges von vor 70 Jahren erziehen.“? Vielleicht sollte die Geschäftsfrau sich einmal über die recht konkreten Pläne der Zusammenarbeit zwischen den Suchtberatungsstellen der Partnerstädte informieren… Wie ist es möglich, daß die Maulhelden von Wladimir Schirinowskijs Liberaldemokratischer Partei am Tag der Nationalen Einheit im Schatten der Mariä-Entschlafens-Kathedrale unwidersprochen fordern können, nach der Krim und der Ukraine solle sich Rußland nun endlich auch Alaska zurückholen? Wie kommt es dazu, daß sogar durchaus liberal gesonnene und humanistisch gebildete Menschen die Auffassung vertreten, die Krim habe „schon immer“ zu Rußland gehört, und die Ukraine, der 1994 in Budapest der Kreml Bestandsgarantie in ihren Grenzen zugesichert hatte, schon allein wegen der unterschiedlichen Völker und Sprachen kein richtiger Nationalstaat sei? Was bitte ist dann Rußland mit seinen mehr als 100 Völkern? Wie existieren Staaten wie das zweisprachige Kanada und Italien, das dreisprachige Belgien, die viersprachige Schweiz, das vielsprachige Indien oder sogar das Deutschland mit seinen Sorben und Dänen als nationale Minderheiten? Deutsche Fragen ohne Antworten auf Russisch.

Und doch, die Fragen müssen weiter gestellt werden. Etwa, warum man sich immer weiter in den Gipfeln der Hyperbolik versteigt und postuliert, ohne Wladimir Putin gebe es kein Rußland. Etwa, warum man so gar keinen Selbstzweifel zulassen und die Reihen immer fester geschlossen halten will? Etwa, warum man einem nun wahrlich postheroisch auftretenden Europa mit einem zwanghaften Kult des Heldischen und der dräuenden Demonstration von Macht und Kraft begegnet. Etwa. warum man meint, gleichgeschlechtliche Paare seien schuld an einer negativen demographischen Entwicklung – obwohl es die eine ohne die anderen in Rußland sehr wohl gibt.

Fjodor Tjutschew

Fjodor Tjuttschew

Schon der Lyriker Fjodor Tjuttschew schwärmte im 19. Jahrhundert vom großrussischen Imperium, das vom Nil bis zur Newa, von der Elbe bis China, von der Wolga bis zum Euphrat und vom Ganges bis zur Donau reichte. Der Dichter und Diplomat an der Gesandtschaft des Russischen Reiches in München sah darin wohl eher ein literarisches Bild für die allumfassende Kultur der Russen. Doch die heutige Politik Moskaus? Sie wendet sich dem Osten zu, wie das schon Großfürst Alexander Newskij tat, der das Angebot auf Unterstützung gegen die Tataren seitens des Papstes ausschlug und seinem Land lieber das 300jährige Joch der Goldenen Horde auferlegte, um nur ja nicht zur „römischen Provinz“ zu werden. Sie wendet sich China zu, das für Rußland nicht mehr als die Rolle eines Rohstofflieferanten zu bieten hat, dafür aber sicher beredt zu allen völker- und menschenrechtlichen Verletzungen schweigen wird, solange nicht eigene Interessen – man denke nur zurück an den Grenzkonflikt 1969 zwischen Amur und Ussuri – ins Machtspiel kommen.

Wladimir Sorokin

Wladimir Sorokin

In einem Zeit-Interview findet der schon mal als „Staatsfeind“ gebrandmarkte Schriftsteller, Wladimir Sorokin, eindringliche Worte: „Ich habe den Eindruck, wir treten in die letzte Phase dieses Staates ein. Es erinnert alles an die Agonie eines Todkranken. Ein großer Organismus stirbt und verfällt plötzlich in Aggression, greift nach der Krim, der Ukraine. Wachsende Paranoia, eine große Angst vor der Revolution, vor der fünften Kolonne, vor einem Maidan-Aufstand in Moskau. Man sieht das an den staatlichen Kanälen. Daraus fließt ein unaufhörlicher Strom des Hasses auf den Westen, auf die Ukraine, auf die fünfte Kolonne. Die Russen hatten niemals mit der Ukraine Krieg geführt. Man schießt sich doch ins eigene Knie. Diese Absurdität ist eine von heute.“ Und er ergänzt, selbst Breschnew und Stalin wären geschockt von dem, was da gerade passiert.

Der ideologische Nachfolger dieser Parteisekretäre wagen sich übrigens längst wieder aus der Deckung, wenn am 7. November, dem Tag der Oktoberrevolution, Wjatscheslaw Titkin im Namen des Verbands der sowjetischen Offiziere der Region Wladimir, öffentlich einräumt, russische Soldaten der Reserve kämpften auf der Seite der Volkswehr in Donezk und Lugansk. Sie täten dies, weil die „Ukraine ein gescheiterter Staat ist mit einer Krise in den Köpfen und Seelen eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung.“ Und Rußland? – „Das Zentrum der wiedererstehenden UdSSR.“

Man könnte dies als Politfolklore Ewiggestriger abtun. Doch das wäre zu einfach gedacht in einem Staat, dessen Präsident den Zerfall der Sowjetunion als die größte politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, dessen Oberhaupt gerade erst sogar die Werbung für Seperatismus im eigenen Land unter Strafe gestellt und verlustreich Krieg gegen die Abspaltung Tschetscheniens geführt hat. Wie lange scheinen da die dreizehn Jahre zurückzuliegen, als Wladimir Putin im Bundestag zu Berlin auf Deutsch verkündete: „Die Welt befindet sich in einer neuen Etappe ihrer Entwicklung. Wir verstehen: Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima, und ohne dieses Vertrauensklima ist kein einheitliches Großeuropa möglich. Heute sind wir verpflichtet, zu sagen, daß wir uns von unseren Stereotypen und Ambitionen trennen sollten, um die Sicherheit der Bevölkerung Europas und die der ganzen Welt zusammen zu gewährleisten.“ Und dann unter Beifall der Abgeordneten: „Unter der Wirkung der Entwicklungsgesetze der Informationsgesellschaft konnte die totalitäre stalinistische Ideologie den Ideen der Demokratie und der Freiheit nicht mehr gerecht werden. Der Geist dieser Ideen ergriff die überwiegende Mehrheit der russischen Bürger. Gerade die politische Entscheidung des russischen Volkes ermöglichte es der ehemaligen Führung der UdSSR, diejenigen Beschlüsse zu fassen, die letzten Endes zum Abriß der Berliner Mauer geführt haben. Gerade diese Entscheidung erweiterte mehrfach die Grenzen des europäischen Humanismus, so daß wir behaupten können, daß niemand Rußland jemals wieder in die Vergangenheit zurückführen kann.“

Noch verbindet uns Deutsche und Russen viel mehr als uns trennen würde, vor allem in der Städtepartnerschaft, die sich Tag für Tag neu erfindet. Aber immer mehr politische Akteure lassen den Vorhang fallen, ziehen ihn zu. Noch zieht man die Brücke der Völkerverständigung nicht hoch. Aber Klima und Umfeld werden rauher und unwirtlicher. Es kommt jetzt darauf an, sich jetzt nicht entmutigen zu lassen von denen, die einem den Schneid abkaufen wollen, nicht von der Melancholie in die Depression zu verfallen. Es wird allerdings Courage brauchen, denjenigen in den Arm zu fallen, die schon eifrig für ihre Auftritte vor dem Eisernen Vorhang proben.

Wiktor Jerofejew

Wiktor Jerofejew

Lektüre-Empfehlung dazu das Interview von Wiktor Jerofejew, das der Autor des Romans „Moskauer Schönheit“ dieser Tage dem Sender Echo Moskwy gegeben hat: Jerofejew

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In diesen Januartagen, Anno 1248, schickte Papst Innozenz IV eine Bulle an Großfürst Alexander Newskij, den er mit „nobili viro Alexandro duci Susdaliensi“, also als „Edelmann und Fürst von Susdal“ ansprach. Inhalt des Sendschreibens ist ein Angebot an Alexander, sich, dem Beispiel seines verstorbenen Vaters Jaroslaw folgend, der römisch-katholischen Kirche anzuschließen und sich im bevorstehenden Kampf gegen das Mongolenheer an den Deutschherren-Orden in Litauen um Hilfe zu wenden. Gemeinsam und mit Gottes Hilfe, so der Heilige Vater, werde man sich den Tataren mannhaft entgegenstellen.

Alexander Newskij gilt als grimmig-unversöhnlicher Verteidiger der Rechtgläubigkeit und zählt nicht von ungefähr zu den großen Heiligen der russischen Orthodoxie. Doch schon ein gutes halbes Jahr später, am 15. September 1248, trifft aus dem Vatikan eine weitere Botschaft ein, aus der sich rückschließen läßt, daß die erste Bulle zumindest nicht ablehnend beantwortet wurde. Hier schreibt nämlich Innozenz IV an „Alexandro, illustri regi Nougardiae“, also an den „erlauchten Herrscher von Nowgorod“: „Du hast mit jeglichem Eifer darum gebeten, Dich als Glied zum einen Haupt der Kirche kraft aufrichtigen Gehorsams aufzunehmen, als dessen Zeichen Du vorschlugst, in Deiner Stadt Pleskau (Pskow) eine Kirche für die Lateiner zu errichten.“

Innozenz IV

Innozenz IV

Der Streit darüber, ob die Bullen tatsächlich an Alexander Newskij gerichtet waren und wie ggf. seine tatsächlichen Reaktionen darauf aussahen, hält unter den russischen Historikern an. Gesichert ist allerdings, daß der Großfürst in jenem heute so fernen Jahr nur selten in seinem Reich weilte, weil er in die Hauptstadt der Mongolen, nach Karakorum, gereist war, um sich dort die Wladimirer Fürstenwürde bestätigen und die Herrschaftsinsignien überreichen zu lassen. In seiner Vita heißt es, zwei römische Kardinäle hätten ihm die Botschaft des Papstes überbracht. Doch Alexander soll das Angebot, sich Rom anzuschließen, barsch mit den Worten zurückgewiesen haben: „Von Euch nehmen wir keine Belehrungen an.“

Alexander Newskij

Alexander Newskij

Wir wissen nicht, wie sich die Geschichte des russischen Reiches entwickelt hätte, wäre Alexander Newskij auf das Angebot aus dem Vatikan eingegangen. Klar ist nur, der Großfürst hat es vorgezogen, einen Pakt mit den Mongolen einzugehen, um seine Macht von Gnaden der Eroberer zu erhalten. Und er hat einen Ton im Umgang mit dem Westen und dessen „Belehrungen“ vorgegeben, der noch heute gern angeschlagen wird. Vielleicht ein jahrhundertelanges Mißverständnis, auf jeden Fall bis heute ungeklärt und strittig, wenn es um die Position von Rußland gegenüber Osten und Westen geht, wenn alle bisherigen Versuche scheiterten, das Schisma von 1054 zu überwinden. Schade, jammerschade, denn den Schaden tragen wir alle noch in uns. Geschichte vergeht eben nicht, sie lebt fort. Im Guten wie im Schlechten.

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Der 750. Todestag von Alexander Jaroslawitsch, 1252 bis 1263 Großfürst von Wladimir, nach seinem Sieg über die Schweden an der Newa mit dem Beinamen Newskij geschmückt, läßt in der Partnerstadt alle Kirchenglocken läuten. Dem von der russisch-orthodoxen Kirche 1547 heiliggesprochenen Herrscher des Mittelalters sind Prozessionen gewidmet, Gottesdienste, Gedenkfeiern, denn Alexander Newskij ist, wie es ein Journalist ausdrückt „alles für die Region Wladimir“. Viele hatten deshalb zu dem besonderen Anlaß für gestern oder heute auch mit dem Besuch von Patriarch Kirill gerechnet. Auf ihn wird man noch warten müssen, die Gläubigen werden auf das nächste Jahr vertröstet, wenn das Erzbistum sein eigenes rundes Jubiläum feiert, das neunhundertjährige.

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Trost finden die Rechtgläubigen freilich in Gestalt einer ganz außergewöhnlichen Ikone, die eigens aus dem Kirchdorf Worscha, etwa 30 km in Richtung Moskau gelegen, nach Wladimir gebracht wurde. Die denkwürdige Bewandtnis dieses Kultobjektes, das der Überlieferung nach eine Reliquie von Alexander Newskij in sich trägt, soll uns heute  besonders interessieren. Die geschnitzte Figur, für die orthodoxe Ikonographie gänzlich ungewöhnlich, ist mannshoch und stellt den Großfürsten als Mönch dar, angetan mit einer Schima, also einem Skapulier, das – wenn nicht erst auf dem Sterbebett – nur Ordensleute tragen dürfen, die ein außergewöhnlich gottgefälliges Leben führen. Um diese Devotionalie rankt sich eine Legende, die mit der von Peter I befohlenen Überführung der sterblichen Überreste Alexanders von Wladimir nach Sankt Petersburg in Zusammenhang steht.

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Am ersten Tag der Aktion, so heißt es, sei die Prozession anno 1723 von der Mariä-Geburts-Kirche aus, wo Alexander Newskij beigesetzt war, nicht einmal aus Wladimir herausgekommen. Es war, als sollte es nicht sein, als wollte Wladimir die Reliquie nicht herausgeben, als sträube sich der Heilige selbst, den Weg aus seinem Fürstentum in die neue Hauptstadt nehmen zu müssen. So verwundert es nicht, wenn anderntags die Überführung schon wieder ins Stocken geriet: Die Brücke über die Worscha war beim gleichnamigen Kirchdorf eingebrochen, kurz bevor sich ihr die Prozession näherte. Zur Erinnerung an diesen Vorfall wurde die Figur aus Zypressenholz in Auftrag gegeben. Aufgestellt wurde sie dann in der Heiligen-Dreifaltigkeits-Kirche zu Worscha, wo es fortan immer wieder zu Heilungswundern gekommen sein soll. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als die sogenannten Gottlosen, die ideologischen Bluthunde der Diktatur des Proletariats, noch das Sagen hatten, wurde die Kirche zerstört und geschlossen, doch der Gemeinde gelang es, die Heiligenstatue zu retten und vor den wütenden Bilderstürmern zu verbergen. Einer der Schänder soll aber noch – vergeblich – versucht haben, dem geschnitzten Heiligen einen Arm abzureißen. Für den Frevel, heißt es, habe der aber teuer bezahlt, denn von der Front sei der Ikonoklast mit nur einem Arm zurückgekommen.

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Aus dem Alexander-Newskij-Kloster in Sankt Petersburg wird es keine Rückkehr mehr nach Wladimir geben, aber eine kleine Reliquie soll ja auch in der Holzfigur aus Worscha enthalten sein. Und immerhin ist die jetzt in die einstige Hauptstadt der Rus gekommen. Ob sie da auch Wunder gewirkt hat, ist nicht überliefert. Aber das ist ohnehin Glaubenssache. Und wer es darauf ankommen lassen will, muß sich eben bequemen, die paar Kilometer bis Worscha zu pilgern.

Mehr zu der gar nicht unumstrittenen Bedeutung von Alexander Newskij hier im Blog unter: http://is.gd/9XzDoc und http://is.gd/TjtK55

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In diesen Tagen feiert Wladimir einen fürstlichen Geburtstag. Vor 900 Jahren wurde Andrej Bogoljubskij geboren. Wer dieser Herrscher war und was ihn mit Wladimir verbindet, wollen wir heute ein wenig untersuchen.

Büste von Andrej Bogoljubskij, angefertigt nach Totenschädel

Büste von Andrej Bogoljubskij, angefertigt nach Totenschädel

Andrej, dessen Beiname Bogoljubskij sich mit Gottlieb übersetzen läßt, gilt heute unter Historikern als der erste echte russische Staatsmann. Das war freilich nicht immer so. Bis zur Oktoberrevolution 1917 hatte man der Hauptstadtrolle Wladimirs im Russischen Reich keine besondere Beachtung geschenkt, man sah sie eher als eine Übergangsphase zwischen der „Mutter der russischen Städte“, Kiew, und der jetzigen Kapitale, Moskau. Historisch und politisch verständlich. Rußland als Staat verbindet man bis heute eng mit Moskau und ein wenig mit St. Petersburg, kaum mit Wladimir.

Doch Geschichte ändert sich und geht oft ungeahnte Wege. Kiew ist heute die Hauptstadt der Ukraine, ein Umstand, der Wladimirs Rolle ganz neu akzentuiert, wenn man die Bildung der Nord-Östlichen Rus, des Vorläuferstaats des Zarenreichs, betrachtet. Und siehe da, wenn man genau hinsieht, erkennt man, daß Wladimir Wiege und Zentrum dieses politischen Gebildes ist. Dies gewinnt besonders an Bedeutung im heutigen Rußland, das trotz durchaus ambitionierter außen- und innenpolitischer Ziele noch immer auf der Suche nach seinen Wurzeln, nach seiner Identität ist.

Ikone Andrej Bogoljubskij

Ikone Andrej Bogoljubskij

Hier kommt nun Andrej Bogoljubskij ins Spiel, der ins Werk gesetzt hat, was schließlich zur Schaffung des modernen russischen Staates führte: Er hat die Hauptstadt der Rus aus jenem Kiew nach Nordosten verlegt, nach Wladimir, gegründet von seinem Großvater, Wladimir Monomach, womit für die nächsten Jahrhunderte die politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Achse Rußlands bleibend verschoben wurde. Der Fürst muß – die Quellen lassen daran keinen Zweifel – eine komplizierte Persönlichkeit gewesen sein, was aber seine Entscheidung für Wladimir nur noch bedeutender macht. Geboren um 1111 – das genaue Datum läßt sich nicht mehr ermitteln – als zweiter Sohn von Jurij Dolgorukij, von dem erst dieser Tage im Blog die Rede war, hielt er sich bei aller ihm eigenen Streitlust aus dem Gezänk um den Kiewer Thron heraus und begab sich in den damals gerade erst von den Slawen besiedelten Nordosten, den sein Vater sich bereits zueigen gemacht hatte. Als Sitz wählte er Wladimir, nicht Susdal oder Rostow Welikij, wo es einen starken Bojarenstand gab, wo es ihm leichter fallen mußte, sich Stadt und Land untertan zu machen.

Portrait Andrej Bogoljubskij

Portrait Andrej Bogoljubskij

Wladimir erhält unter Andrej Bogoljubskij den Status der Hauptstadt der Nordöstlichen Rus, was mit gewaltigen Bauten und ebenso gewaltigen Ausgaben für diese verbunden ist. Auf des Fürsten Geheiß hin entstehen die Kirchen aus Muschelkalk, denen die Region heute den Rang des Weltkulturerbes der UNESCO verdankt. Vorbilder für die Bauwerke waren übrigens die Königsschlösser von Speyer und Worms, die damals als architektonische Leitmodelle galten. Seine Residenz richtet Andrej in Bogoljubowo, am Zusammenfluß von Nerl und Kljasma ein, von wo aus sie der Verkehr auf den damals noch schiffbaren Wasserwegen gut kontrollieren ließ. Die von ihm begonnenen Bauten aus weißem Muschelkalk führte später sein jüngerer Bruder, Wsewolod III, Großes Nest wegen seines reichen Nachwuchses genannt, fort, doch danach riß diese Tradition ab.

Wichtig für Wladimir als Hauptstadt war die Anlage eines großen Kreises von Wehrstädten zum Schutz gegen Überfälle an den verwundbarsten Stellen, entlang der Flüsse und aus den waldfreien Gebieten. Es war denn auch just Andrej, der Moskau, die Gründung seines Vaters, damals ein Wehrdorf an der Moskwa, befestigte und ausbaute, und er war es, der 1169 Kiew einnahm und drei Tage lang plündern ließ. Ein Machtbeweis, der Wladimir entscheidende Autorität unter den anderen Fürstentümern verschaffte. Wladimir fiel die Rolle der Hauptstadt also nicht in den Schoß, die Position mußte politisch und ökonomisch erstritten werden im Kampf mit vielen Herausforderern, vor allem aber mit Kiew.

Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche an der Nerl

Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche an der Nerl

Andrej Bogoljubskij prägte aber auch die politische Kultur Rußlands – bis heute. Er wollte weg von der Kleinstaaterei – hin zu einem zentral geführten Reich, stark nach innen wie nach außen. Vergleichbar ist der Fürst deshalb durchaus mit Karl dem Großen, ohne den unser modernes Europa nicht denkbar wäre. Rußland seinerseits ist nicht vorstellbar ohne die machtpolitischen Vorgaben von Fürst Andrej, der sich nach Kiew unter anderem auch noch Nowgorod, Wyschgorod und das Bulgarenreich an der Wolga unterwerfen wollte und mit den Großen seiner Zeit – vor allem mit Friedrich II, Barbarossa genannt – freundschaftlich verkehrte. So erfolgreich er war, so viele Feinde schuf er sich unter den Bojaren und Fürsten. Und es waren just auch diese vielen Feinde, die dem von der russisch-orthodoxen Kirche später seliggesprochenen Staatsgründer ein grausiges Ende bereiteten.

Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche an der Nerl

Mariä-Schutz-und-Fürbitte-Kirche an der Nerl

Der Dauerkonflikt mit den Bojaren, die sich der Zentralmacht nicht unterordnen wollten, eskalierte Ende Juni 1174 in einer Verschwörung. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni dieses Jahres wurde Andrej Bogoljubskij in seiner Residenz in Bogoljubowo erschlagen. Der Legende nach haben sich die Attentäter zunächst Mut angetrunken und dann den Herrscher geweckt, wobei sich einer von ihnen als dessen Lieblingsdiener ausgab. Andrej ließ sich nicht täuschen, ahnte den Verrat, wollte zu seinem Schwert greifen, doch das war bereits vorher entwendet worden. Die Verschwörer drangen ein und schlugen den Fürsten, der sich nach Kräften zur Wehr setzte, nach einem Handgemenge nieder. Sie glaubten ihn tot, ließen ihn liegen und tranken weiter. Andrej allerdings kam wieder zu sich und suchte sich zu verstecken. Die Blutspur verriet ihn aber, die Mörder brachten ihr grausames Werk zu Ende, ließen den Leichnam im Hof liegen, die Fürstengemächer wurden geplündert… Beigesetzt  hat man Andrej Bogoljubskij später in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale von Wladimir.

Bogoljubowo

Bogoljubowo

Bisher stand Andrej Bogoljubskij immer im Schatten von Alexander Newskij oder dem apostelgleichen Wladimir Schöne Rote Sonne. Auch in Wladimir, wo beiden Denkmäler gewidmet sind, anders als Andrej Bogoljubskij, auf den sogar das Goldene Tor, das Wahrzeichen der Stadt, zurückgeht. Dabei wäre ohne ihn Erlangens Partnerstadt heute sicher nicht viel mehr als ein Marktflecken ohne besondere historische oder architektonische Bedeutung, ein Ort wie viele in Rußland, provinziell und kaum über die eigene Region hinaus bekannt. Wäre da nicht der Mongolensturm 1237/38 von Osten her über ganz Zentralrußland hinweggefegt – wer weiß! -, Wladimir könnte heute noch die Hauptstadt sein. Daß ausgerechnet die unbedeutende Wehrstadt Moskau, gedacht zur Verteidigung der Westflanke Wladimirs, sich mit den Eindringlingen würde arrangieren und so zur Metropole aufsteigen können, war nicht vorherzusehen.

Die Feierlichkeiten zum 900. Geburtstag von Andrej Bogoljubskij, zu denen auch der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche erwartet wird – seine Vorgänger hatten ja als Metropoliten von 1240 bis 1321 ihren Amtssitz in Wladimir -, bieten nun Anlaß, dem Fürsten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Pläne und Entwürfe für ein Denkmal gibt es bereits, es fehlt nur noch am lieben Geld dafür. Wichtiger aber: Wladimir besinnt sich wieder mehr auf seine Geschichte, seine so wichtige Rolle in den Zeitläuften des Russischen Reiches und auf den Mann, dem man all das verdankt.

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