Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Alexander Juswik’


Nicht nur für viele Erlanger, gleich ob alteingesessen oder zugezogen, bedeutete die Privatbrauerei Kitzmann einen Teil der Identität ihrer Heimat. Bier und Erlangen: eine jahrhundertealte Tradition – und nun mit Peter Kitzmann die letzte Generation. Was das bedeutet, wird man wohl erst mit einiger Zeit Abstand so richtig begreifen.

Dietmar Hahlweg, Gennadij Adrijanow, Igor Schamow und Richard Heindl beim Fränkischen Fest, gesehen von Wladimir Filimonow

Für Wladimir stand Kitzmann stellvertretend für die Qualität des fränkischen, des bayerischen, des deutschen Biers. Nicht mehr und nicht weniger. Viele kamen überhaupt erst dank Kitzmann auf den Geschmack, denn das Brauen gehörte nicht eben zu den Stärken der sowjetischen Getränkeindustrie. Und so waren denn auch die zehntausend Liter Kitzmann-Bier, die im September 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir kostenlos ausgeschenkt wurden, eine Probe, die im kollektiven Gedächtnis der Partnerstadt fortlebt.

Partnerschaftskrug Wladimir

Natürlich gab es auch Versuche, das Bier aus Erlangen nach Wladimir zu exportieren. Doch Zoll und Transportkosten standen dem entgegen, wohl auch der ökologisch zu begrüßende Umstand, daß Kitzmann sein Bier einzig im Mehrwegsystem, also abgefüllt in Flaschen und Fässern, abgab, was die Fuhren doppelt teuer gemacht hätte.

Sportlehrergruppe aus Wladimir bei Kitzmann

Aber immerhin holte sich Alexander Juswik, ein Jungunternehmer aus Wladimir, das Rüstzeug bei Kitzmann, um sein eigenes Bier vor Ort zu brauen. Und natürlich besuchten fast alle Delegationen und Gruppen Gaststätten und Keller, wo der Gerstensaft nach Erlanger Rezeptur ausgeschenkt wurde, manche baten – immer wohlgelitten – gar um eine Führung durch die Brauerei, vom Sudhaus bis zur Abfüllanlage.

Jochen Buchelt, Florian Janik, Olga Dejewa, Petra „Willy“ Paulsen und Peter Kitzmann

Erst vor zweieinhalb Jahren beging man auch im Hause Kitzmann die 500 Jahre Reinheitsgebot, und Bürgermeisterin, Olga Dejewa, nahm natürlich an den Festivitäten teil und trank auf das Wohl von Peter Kitzmann, der nun nach drei Jahrhunderten seinen Betrieb verkaufen mußte. Ja, auch die Kulmbacher werden dann in Erlangen weiterhin Bier brauen. Aber es ist dann eben kein Kitzmann-Bier mehr. Schade, jammerschade! Und ein großer Dank an Peter Kitzmann für alles, was er Wladimir Gutes getan. Es bleibt unvergessen – wie die süß-bittere Erinnerung an den ersten Schluck Bier.

Read Full Post »


Erlangen, das erfährt jeder Besucher beim geschichtlichen Rückblick, galt noch im 19. Jahrhundert als Bierstadt. Bis in die USA exportierten die 18 lokalen Brauereien und genossen mancherorts in der Neuen Welt sogar unter dem Begriff „Erlanger“ einen Ruf wie heute etwa das „Pilsener“. Tempi passati, wie man heute weiß. Die Besitzer der Sudhäuser und ihre Braumeister verschliefen den Fortschritt, verpaßten den Anschluß an die technische Entwicklung der Kühlaggregate, verloren den Wettbewerb. Bis auf die Familienbrauerei Kitzmann und abgesehen von der erfolgreichen Wiedergründung der Steinbach Bräu sowie dem geplanten Genossenschaftsbetrieb Bürgerbräu.

Geschichte der Klostermälzerei

Geschichte der Klostermälzerei

Auch die Klosterbrauerei im Ortsteil Frauenaurach stellte nach gut 250 Jahren ihre Bierproduktion ein, blieb aber, umgewandelt in eine Mälzerei, im Unterschied zu fast allen übrigen Traditionsbetrieben zumindest als Zulieferer für das Braugewerbe erhalten.

Brauhofgasse

Brauhofgasse

Stadtführer zeigen Besuchern diese Ecke Erlangens selten. Dabei gäbe es gerade hier, in der Brauhofgasse, im Schatten der Klosterkirche, viel zu sehen und zu erfahren. Von den prächtigen Fachwerkhäusern, vom einstigen Lust- und Jagdschloß des Markgrafen und vom Amtshaus, wo das heimatkundliche Museum von fränkischem Brauchtum erzählt.

Moderne Technik

Moderne Technik

Inmitten all dieser Dorf- und Stadtgeschichte von Aufstieg und Verfall, aber auch von Tradition und Moderne findet sich das Familienunternehmen Klostermalz Wirth, das Geschäftsführer Stephan Bergler mit der Jahresproduktion von 10.000 Tonnen zu den kleineren Herstellern des Grundstoffs für jedes Bier rechnet. Aber mit bester Qualität.

Malz für Wladimir

Malz für Wladimir

Mit einer Qualität, die so auf dem russischen Markt noch nicht zu haben ist. Jedenfalls nicht im engen Segment des Weizenmalzes. Jedenfalls nicht, wenn man ein Premiumbier brauen möchte, jenseits des Massengeschmacks. So wie Alexander Juswik in der Region Wladimir, im Landkreis Susdal mit bestem Quellwasser.

Malz für Wladimir

Malz für Wladimir

Seit August 2012 beliefert die Klostermalz Wirth GmbH die Brauerei von Alexander Juswik, der mit Hilfe der Partnerschaft Ende der 90er Jahren zunächst den Wladimirer städtischen Busverkehr mit einer neuen Flotte ausstattete und nach mehr als zehn Jahren umsattelte. Wieder mit beratender Unterstützung aus Erlangen.

Verladung

Verladung

Begonnen hat es damals vor fast zwei Jahren mit 430 Säcken à 50 kg. Gegen Vorkasse und im Halbjahresrhythmus. Man kannte sich ja noch nicht, und für Stephan Bergler war dies auch der Einstieg in das Ostgeschäft, die erste Erfahrung überhaupt mit Lieferungen ins Ausland jenseits der EU. Heute liefert die Klostermalz Wirth GmbH mit einer gewissen Routine – die ganzen Zollbestimmungen kennt man inzwischen – nicht nur nach Wladimir, sondern auch nach Litauen, wo man ebenfalls die fränkische Qualität zu schätzen weiß.

Stefan

Braumeister Matthias Ströbel und Geschäftsführer Stephan Bergler mit der Fracht

Alle drei Monate etwa fährt jetzt – so wie erst gestern wieder – ein Sattelschlepper am Ende der Brauhofgasse vor und wird mit jeweils 22 Ballen, Bigpack genannt, à 800 kg Weizenmalz beladen. Insgesamt fast 18 Tonnen, etwa eine Tagesproduktion für die Frauenauracher. Wenn man weiß, daß zur Herstellung von einem Hektoliter Bier 17 kg Malz gebraucht werden – je die Hälfte Gersten- und Weizenmalz -, gibt das eine Vorstellung vom Ausstoß der Wladimirer Brauerei. Anfang der 90er Jahre importierte Rußland übrigens noch um die 400.000 Tonnen Malz p.a.; mittlerweile produziert man aber vor Ort genug Gerstenmalz für die Großbrauereien. Wer aber, wie Alexander Juswik, dem besonderen Genuß verpflichtet ist und Kunden hat, die auch gern ein wenig mehr für ihren Durst zu zahlen bereit sind, bleibt dem fränkischen Qualitätsgebot verpflichtet und braucht auch keine Vorkasse mehr zu leisten: „Inzwischen vertrauen wir einander“, sagt Stephan Bergler, „obwohl ich noch nie in Wladimir war.“ Aber das will der Unternehmer bald ändern. Und schon in wenigen Wochen will eine Mitarbeiterin von Alexander Juswik nach Erlangen kommen. In ihrem Urlaub mit ihrem Mann. Beim Geschäft geht es eben nicht immer nur ums Geld. Besonders nicht, wenn die Städtepartnerschaft im Spiel ist.

Mehr zu Alexander Juswik und seinem Bier unter: http://is.gd/qzRrW6

 

Read Full Post »


Wenn Gäste aus Wladimir nach Erlangen kommen, gehört der Genuß des fränkischen Bieres, vorneweg der Brauereien Kitzmann und Steinbach, zum Pflichtprogramm. Erlanger die nach Wladimir kommen, hatten es mit der Auswahl des Gerstensaftes etwas schwieriger. Doch das ändert sich nun. Alexander Juswik, der einst mit Erlanger Hilfe das Wladimirer Busnetz aufgebaut hat, ist nun Brauer und hat in der Nähe von Susdal mit Hilfe der GEA Brewery Systems GmbH aus Kitzingen eine Brauerei aufgebaut. Da es bisher an Erlanger Verkostern seines Bieres fehlt, sei hier aus dem russischen Blog birra.ru zitiert:

Alexander Juswik in Erlangen

Alexander Juswik in Erlangen

Unser heimischer Biermarkt hat eine Besonderheit, die mich ganz unglücklich macht. Ungeachtet des Überflusses an Sorten, ist es ausgesprochen schwierig, etwas Passendes und Originelles zu finden. Es ist, als hätten sich die russischen Minibrauereien verschworen, nur ein und dasselbe Bier zu brauen und überall unterschiedliche Etiketten draufzukleben. Es ist, als fürchteten sie das Risiko, jenseits vom „hellen und ungefilterten“, nach dem Reinheitsgebot gebrauten Bier, bestehend aus „Malz der ersten Ernte mit schmackhafter und nahrhafter Hefe“ zu produzieren.

Jusberg 1

Zum Verzweifeln öde. Immer, wenn ich auf einer Flasche den Hinweis auf das „Reinheitsgebot“ finde, möchte ich am liebsten die Flucht ergreifen, denn, liebe Braumeister, das ist noch längst kein Unterpfand für gutes Bier, das schmeckt. Und nach der Verkostung eines weiteren „Meisterstücks“ aus einer „neuen Superbrauerei mit moderner Anlage und jahrhundertealten Traditionen des Bierbrauens“ bin ich immer wieder bereit, mich auf die Seite des Staates zu stellen, der angeblich das „Brauereigewerbe umbringt“. Ich persönlich brauche ein solches Gewerbe nicht.

Jusberg 3

Warum ich das alles schreibe? Wäre da nicht das wirklich schöne Design einer Flasche „Jusberg Weißbier“ gewesen, wäre ich bestimmt an diesem Bier vorbeigegangen, denn schon wieder eine Neuheit einer heimischen Minibrauerei hätten meine Geschmacksrezeptoren sicher nicht ausgehalten. Doch in diesem Falle haben sich die Leute offensichtlich Mühe bei der Gestaltung ihrer Marke gegeben, und ungeachtet des stolzen Preises von 65 Rubel nahm ich ein paar Flaschen „Jusberg Weißbier“ mit. Ein Kauf, den ich durchaus nicht bedauere.

Jusberg 4

Vorab noch etwas zu den Preisen. Ich bin kein Anhänger der Theorie, wonach es eine Preisobergrenze für im Inland gebrautes Bier gebe. Wenn das Bier in Qualität und Geschmack überzeugt, kann es ruhig mehr kosten, und die Frage, wo es von wem gebraut wurde, tritt in den Hintergrund. Wozu auch Geld ausgeben für ausländisches Bier, wenn ich die Möglichkeit habe, vielleicht mit einem kleinen Aufschlag einen einheimischen Produzenten zu unterstützen? Das rate ich, uns allen zu tun, wenn denn das Bier es verdient. Wenn nun aber das einheimische Bier teurer ist als das importierte, müssen wir es schon auf den Prüfstand stellen, was hiermit geschehen soll:

Jusberg 6

Das Bier aus der Region Wladimir, von der „Susdaler Brauerei“ mit Sitz in Wladimir produziert, ist nun schon seit drei Jahren auf dem Markt, aber erst seit einigen Monaten auch in Moskau zu haben. Die Geschäftsleitung meint wohl, mit der Qualität des Bieres – ungeachtet des Preises – auch in der Hauptstadt eine Nische besetzen zu können. Eine, wie ich meine, richtige Entscheidung, denn der Geschmack der Moskauer Bierfreunde ist feiner ausgeprägt als bei den Biertrinkern in der Provinz.

Die Brauerei Jusberg hat zwei Sorten im Angebot: „Münchner“ und „Weizen“, und beide sind in der Hauptstadt erhältlich. Uns soll hier mehr das Weißbier interessieren, das, wie bereits bemerkt, allein schon von seinem Äußeren her über die Maßen anspricht. Die schlanke Form, das eingeprägte Wappen und zwei fingerbreite Verschlankungen machen die Flasche unverwechselbar und richtig griffig. Und der Inhalt? Wasser, Malz, Hopfen, Hefe. Wer es genauer wissen will, bekommt die exakten Angaben auf dem Etikett geliefert. Richtige Hunde sind sie, diese Designer!

Jusberg 7

Der Alkoholgehalt liegt bei 13,1%, die Stammwürze bei 4,9%. Allerdings konnte ich das Herstellungsdatum nirgendwo finden, das ja eigentlich unbedingt auf der Flasche angegeben sein sollte. Das Bier hat eine Farbgebung wie Honig, die weiße Krone kommt wunderbar locker dahergeschäumt. Es war für mich ein regelrechtes Kindervergnügen, das Bier ins Glas zu schenken. Der Geschmack ist ganz so, wie er sein soll bei einer Weißen: Banane, Nelke, Weizen, Heu. Hinreißend weich, voller Farbe, ölig und an Honig erinnernd. Da kann man sich für die Brauer nur freuen und ihr Produkt genießen. Und dann der Abgang ganz so, wie er sein soll: ein wenig hopfig, ein wenig bitter, anhaltend und ohne unangenehme Überraschung. Wir haben es also mit einem Weißbier zu tun, das keinen Vergleich mit einem deutschen Produkt scheuen muß, es dürfte einigen deutschen Sorten sogar überlegen sein. Das einzige Minus: Das Bier scheint nicht ganz gereift, ein wenig zu jung. Es ist, als komme die Fülle des Geschmacks, die man nach all den Aromen und der äußeren Gestalt erwartet, erst noch zur Entfaltung. Es gibt keine ausgeprägten Akzente, denn man wollte wohl ein Bier für alle und für jeden brauen. Deshalb ist alles ein wenig vorhanden, und es ist nicht möglich, so etwas wie das Eine aus der Tonleiter der Geschmacksabstufungen herauszuschmecken. Das Bier ist süffig, voll im Geschmack, nur ist nicht ganz klar, wodurch es einem besonders im Gedächtnis bleiben sollte. Vielleicht durch die Gesamtheit seiner Qualitäten. Aber all meine Mäkeleien müssen verstummen vor dem abschließenden Urteil: Dieses Bier ist ein echter Durchbruch für unsere heimischen Produzenten. Wenn man noch ein wenig am Geschmack bastelt, kann man es getrost auch nach Deutschland exportieren. In jedem Fall hat dieses Weißbier das Zeug, den russischen Markt zu erobern. Und das ist doch auch schon mal was.

Nun bleibt das erste Urteil der Erlanger Bierfreunde abzuwarten. Durstige Freiwillige vor! Mehr zu Alexander Juswik unter: http://is.gd/ZFjwII

Read Full Post »


Vor eineinhalb Jahren war Alexander Juswik das letzte Mal in Erlangen. Seither hat sich viel getan, wovon heute ein wenig die Rede sein soll. Was damals, im Februar 2010, noch ein gewagter Plan schien, von dem nicht einmal der Blog zu berichten wagte, ist heute bereits so weit gediehen, daß man von einem Wladimirer Wirtschaftswunder sprechen kann.

Alexander Juswik, Peter Kitzmann, Natalia Machnjowa, Ilja Golubowskij

Der Jurist hatte als Jungunternehmer Ende der 90er Jahre aus dem Stand und mit Unterstützung aus Erlangen eine gewaltige Busflotte aufgebaut, von der er sich vor zwei Jahren trennte, um das Fach zu wechseln und unter die Brauer zu gehen. Gründlich und risikobereit, wie Alexander Juswik ist, setzte er sich seither nicht nur theoretisch intensiv mit dem Bereich auseinander, sondern ließ auch rasch Taten folgen. Wenn diese zum Erfolg führen – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln -, wird schon im Frühsommer nächsten Jahres eine Brauerei in Tschirikowo, einem bisher unscheinbaren Dorf im Kreis Susdal, ca. 30 km von Wladimir entfernt, eröffnet, wo so gut wie alles Gute – von der Technik bis zu Hopfen und Malz – aus Bayern kommt. Sogar einen Braumeister aus Passau hat man angeworben. Nur das Wasser wird aus eigenen fünf Quellen gewonnen, für die Aufbereitung freilich sorgt eine Ionentauscheranlage wiederum aus Deutschland. Nichts überläßt Alexander Juswik dem Zufall, um im Premiumsegment des russischen Biermarkts den fünf großen ausländischen Konzernen die Stirn zu bieten, die zu 80% die Regale in den Supermärkten füllen und die Gastronomie beliefern. Teils mit aufgekauften lokalen Sorten im Billigbereich, wo man vom Reinheitsgebot nicht viel wissen will, teils mit teuerer Importware. Dabei ist auf dem russischen Biermarkt noch viel nach oben hin offen: Gerade einmal knappe 70 Liter werden pro Kopf und Jahr getrunken. Die neue Brauerei mit einem ausbaufähigen Jahresausstoß von zunächst 50.000 Hektolitern will da ganz neue Wege gehen. Zum einen sollen zwei eigene Sorten angeboten werden, gebraut nach dem Reinheitsgebot, und zum andern will man Bier importieren. Natürlich nur das beste. Und das kommt aus Erlangen, der einstigen Bierhauptstadt Deutschlands: Eine Blindverkostung unter russischen Kennern des Gerstensaftes, so Alexander Juswik, habe nämlich ergeben, daß Kitzmann-Bier besser sei als alle anderen getesteten Marken. Ein gewichtiges Argument, Möglichkeiten einer Belieferung durch die Erlanger Privatbrauerei zu besprechen. In Milwaukee soll es ja noch heute genügen, ein „Erlanger“ zu bestellen, um ein gutes Bier gezapft zu bekommen. Wer weiß, vielleicht bringt die Bedienung dem durstigen Gast in einem Wladimirer Lokal schon bald auf dessen Wink hin ein „Kitzmann“. Prosit!

Mehr zu Alexander Juswik, der, von der Brauereimesse in Nürnberg kommend, gestern mit seinem Vertriebsleiter Ilja Golubowskij und der Dolmetscherin Natalia Machnjowa Erlangen besucht hat, unter: http://is.gd/zikkjh.

Read Full Post »


Spätestens seit Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis 1989, damals noch Wirtschaftsreferent im Kabinett von Dietmar Hahlweg, eine Unternehmerdelegation nach Wladimir führte, werden zwischen den Partnerstädten auch Geschäfte gemacht.  Mal nur als Absichtserklärung, mal mit handfestem Ergebnis, mal kurzlebig, mal mit langfristiger Perspektive. Aus diesem ersten Besuch entstand übrigens die Spedition „Transmoroz“, das erste Gemeinschaftsunternehmen, das bis heute seine LKWs durch ganz Europa rollen läßt, nachzulesen im Eintrag vom 25. Juli 2009.

Alexander Juswik

Alexander Juswik ist nun zwar noch nicht so lange mit von der Partie, aber auch er brachte buchstäblich Bewegung in die Wirtschaftsbeziehungen der Partnerstädte. Am 6. August 1998 schickte er seine ersten fünf Busse auf die Linien des Wladimirer öffentlichen Personennahverkehrs. Gerade einmal 21 Jahre alt war er damals, ein Jungunternehmer wie aus dem Lehrbuch. Es dauerte nicht lange, bis er sich klar darüber wurde, daß mit dem veralteten Fuhrpark, der zur Verfügung stand, kein Staat zu machen war. Der städtische Busbetriebshof hatte schon Anfang der 90er Jahre erste gebrauchte  Fahrzeuge bei den Erlanger Stadtwerken angekauft. Nach der Auflösung des Wladimirer Kommunalbetriebs übernahmen private Busunternehmen im Auftrag der Stadt die Linien. Walerij Golubjew war einer dieser Pioniere, der über die Vermittlung von Erlangen erste gebrauchte Busse auch direkt beim Hersteller Neoplan kaufte. Doch Alexander Juswik blieb es vorbehalten, diesen Geschäftszweig zu einer wahren Blüte zu führen. Als er Ende 2000 mit einem großen Auftrag und wenig Geld, aber ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben seines Oberbürgermeisters, Igor Schamow, nach Erlangen kam, gelang es ihm fast im Handstreich, das Vertrauen seiner fränkischen Partner zu gewinnen, die ihm im Zusammenspiel zwischen Stadt, Stadtwerken und Sparkasse Zahlungsaufschub gewährten. So rollte das erste Dutzend gebrauchter Busse der ESTW AG schon wenige Wochen später, Anfang 2001, gen Wladimir und fuhr dort Rubel für Rubel ein, bis die Schuld nebst Zinsen nach Jahresfrist vereinbarungsgemäß getilgt war. Seither – und das ist das große Verdienst von Alexander Juswik – genießen die Partner aus Wladimir grundsätzlich einen Vertrauensvorschuß.

Erlangen wurde dem aufstrebenden Unternehmer freilich bald zu klein, sprich es gab keine gebrauchten Busse mehr zu kaufen. Seine Partner bei den ESTW, Hardo Frühwald und Klaus Matthes, empfahlen ihn deshalb bei der VAG in Nürnberg und öffneten ihm deutschlandweit die Türen der Gebrauchtbushändler, während er seine Mechaniker zur Fortbildung nach Erlangen schickte. Am Ende waren es 110 Busse, die der Firma „Wladawtolinija“ von Alexander Juswik gehörten. Und wenn heute Fachleute sagen, der ÖPNV sei in Wladimir besser organisiert als in anderen russischen Städten, dann hat dieser Erfolg auch einen Namen, nämlich den von Alexander Juswik. Aber am Ende? Ja, denn vor wenigen Monaten hat er seine Flotte am Stück verkauft, um sich mehr seinen Geschäften im Bereich Gewerbeimmobilien widmen zu können. Doch kann ein Geschäftsmann wie er schon im Herrgottsalter am Ende sein, sich zur Ruhe setzen? Natürlich nicht. Schon seit Jahren kooperiert der Wladimirer, der im Erlangen-Haus fleißig Deutsch paukt, mit den Wirtschaftsprüfern und Rechtsberatern von Rödl und Partner in Nürnberg, längst hat er ein Jahresvisum, das ihn flexibel reisen läßt, und für die nähere Zukunft schmiedet er wieder große Pläne, die, wenn alles klappt, das öffentliche Leben in Wladimir ebenso verändern werden wie seine deutschen Busse. Die fränkischen Partner für das Vorhaben, davon konnte er sich jetzt überzeugen, stehen jedenfalls schon bereit. Doch davon mehr demnächst in diesem Blog.

Read Full Post »


Wieder einmal rächt sich der Umstand, daß es in Rußland bis dato kein recht funktionierendes Instrumentarium gegen Monopole gibt. Jetzt hat es den Wladimirer öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) getroffen. Der Busgigant „BigAwtoTrans“ hat den einzigen verbliebenen Konkurrenten, „Wladawtolinija“ übernommen. In Geschäftskreisen nennt man den Abschluß historisch, und in der Tat hat es bislang in der Partnerstadt keinen vergleichbaren Handel gegeben. Über die Gründe für die Übernahme schweigen sich beide Seiten bisher aus.

Awtandil Biganow, Direktor der Unternehmensgruppe „BigAwtoTrans“, versichert zwar, es werde sich für die Kunden nichts ändern, und die Beschäftigten könnten bei ihm weiterarbeiten. Seinerseits fürchtet er die ohnehin zahnlosen Wettbewerbshüter nicht und verweist darauf, es gebe ja immer noch zwei oder drei Konkurrenten. Aber Skepsis ist angebracht. Die genannten Anbieter spielen de facto kaum eine Rolle, so gut wie alle Linien sind nun in der Hand von „BigAwtoTrans“, und was das bedeuten kann, mußte die Stadtverwaltung 2002 schon einmal schmerzlich und blamabel erleben. Man wollte damals nämlich auf einer einträglichen Linie einen Wettbewerber zulassen, doch Awtandil Biganow ließ sich seine Kreise nicht stören: Er wies seine Fahrer an, die Strecke lahmzulegen, kein Bus bediente mehr die Linie, und schon machte das Rathaus einen Rückzieher. Man kann das Erpressung nennen.

Alexander Juswik

Alexander Juswik

Voraussagen lassen sich in jedem Fall steigende Preise und ein ruppiger Umgangston. Im übrigen ist die Übernahme auch ein Verlust für die Städtepartnerschaft. Über ein Jahrzehnt hinweg haben die VAG und die ESTW in Nürnberg und Erlangen eng mit Alexander Juswik, Chef von „Wladawtolinija“ zusammengearbeitet. Den Großteil seiner gut 70 Busse von Mercedes und MAN hat er entweder direkt hier oder dank der Vermittlung seiner fränkischen Partner bei deutschen Großhändlern gekauft. Am Anfang seiner Karriere stand sogar ein von den Stadtwerken bei der Sparkasse Erlangen eingefädelter Kredit zum Ankauf seiner ersten Busse, der fristgerecht und in vollem Umfang zurückbezahlt wurde. Die 2006 gedrehte Reportage „Spasibo Erlangen“ von Thomas Rex, Bayerischer Rundfunk, zeigte den Jungunternehmer noch als ein Paradebeispiel der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten. Nicht unterschlagen bleibe, daß Alexander Juswik stets bereit war, für seine Erlanger Freunde Busse kostenlos oder für einen symbolischen Preis zur Verfügung zu stellen, wenn größere Bürgergruppen in Wladimir zu Besuch waren.

In jedem Fall geht eine Ära zu Ende. Neue, rauhere Zeiten brechen an, wenn die Großen nicht mehr nur die Kleinen fressen, sondern sich sogar andere Große einverleiben.

Read Full Post »


Rolf Wurzschmitt und Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg beim Empfang einer Fachdelegation aus Jena. Photo aus dem Archiv der Erlanger Nachrichten.Mit diesem Stichwort wird der Name Rolf Wurzschmitts, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, für immer verbunden bleiben. Was sich dahinter verbirgt, läßt sich freilich nicht nur mit Stichworten wiedergeben…

 

Einweisung für die THW-Mannschaft beim KesseltransferVersetzen wir uns einmal in die Zeit Anfang der 90er Jahre zurück. In der russischen Partnerstadt gab es damals nicht nur katastrophale Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und sonstigen Artikeln des täglichen Bedarfs – sogar Streichhölzer waren nur auf Bezugsschein zu bekommen! -, auf die Erlangen ebenso großzügig wie erfolgreich mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“ reagierte. Gewaltige Probleme gab es auch mit dem maroden System der Fernwärme, das Schuld daran trug, daß ganze Häuserblocks in Stadtteilen frieren mußten. 1991 erreichte Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg ein Hilferuf seines Kollegen Igor Schamow, und schon nach wenigen Tagen war eine Lösung gefunden. Der Unternehmensbereich Medizin der Siemens AG ließ sich damals gerade an das Fernwärmenetz der Erlanger Stadtwerke anschließen, was zwei noch voll funktionstüchtige Heizkessel überflüssig machte. Rasch wurde man sich einig, daß die Aggregate nach Wladimir gehen sollten. Doch um eine derartige Großaktion zu bewerkstelligen, benötigt man starke Partner. Der Transport ließ sich ja noch mit Hilfe einer ganzen THW-Eskorte und zweier Tieflader organisieren, auch wenn das aus verschiedenen Gründen noch kurz vor Weihnachten 1991 im tiefen russischen Winter mit all seinen Widrigkeiten geschehen sollte. Aber wie die Kessel demontieren, vor Ort wieder aufbauen und später warten? Undenkbar ohne die Erfahrung der Erlanger Stadtwerke. Rolf Wurzschmitt, der 2003 in den Ruhestand verabschiedete Vorstandsvorsitzende, war es, der grünes Licht für einen Fachaustausch gab, der seinesgleichen sucht. Koordiniert von Abram Dyck, dem russischsprachigen Leiter des Heizkraftwerks Erlangen, und seinem Kollegen, Wladimir Kuwschinow, setzte eine rege Reisetätigkeit von Monteuren und Ingenieuren ein, die bald lernten, mit der deutschen Technik ebenso sicher umzugehen wie mit der eigenen.

Ankunft der Kessel in WladimirDennoch ebenso erstaunlich wie erfreulich, daß schon 2003 das „Kesselhaus Erlangen“ eingeweiht werden konnte, das bis heute im Südwesten Wladimirs seinen Dienst tut und neben Wohnhäusern auch eine Schule mit Wärme versorgt. Grund genug für die Robert-Bosch-Stiftung die Aktion „Wärme für Wladimir“ der Erlanger Stadtwerke im Jahr 2003 mit einem Ehrenpreis auszuzeichnen.

Doch bei einem Haus beließ es Rolf Wurzschmitt nicht. Auch das Erlangen-Haus ist ihm zu großem Dank verpflichtet. Während der zweieinhalbjährigen Renovierungsarbeiten unter Leitung von Helmut Eichler und Kira Limonowa entsandte er Monteur um Monteur in die Partnerstadt, die fachkundig Hand anlegten. Damit nicht genug: Von Werkzeug bis zu Baumaterialien, alles, was man so brauchen kann, machte sich dank Rolf Wurzschmitt auf den 2.500 km langen Weg nach Wladimir. 

Gleichzeitig entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit im Bereich Trinkwasser mit dem Wladimirer Gorwodokanal unter Igor Filippow. Manch wichtige Erfahrung ging da hin und her, Freundschaften entstanden. Freundschaftlich entwickelte sich auch Rolf Wurzschmitts Verhältnis zum Wladimirer Lokalfernsehen, dessen Chefredakteur Leonid Skakunow, leider mittlerweile ebenso verstorben wie Igor Filippow, mit Unterstützung des Förderers aus Erlangen eine ganze Serie über Erlangen drehen konnte, thematisch weit gespannt von der Landwirtschaft bis zur Kraftwerkstechnik. Es waren just diese Reportagen, die den vielen Wladimirern erst einen umfassenden Einblick in das Alltagsleben der deutschen Partnerstadt vermittelten, war und ist es doch noch immer – vom Visum bis zu den Kosten – recht aufwendig zu reisen. Ein Beitrag zur Partnerschaft von Rolf Wurzschmitt, den man erst richtig zu würdigen weiß, wenn man sich bewußt macht, wie groß der Informationshunger der Russen nach all den Jahrzehnten der Verteufelung des Westens war und wie wenig Kenntnis man über die täglichen Freuden und Sorgen der einstigen Klassenfeinde hatte.

Aber auch dabei ließ es Rolf Wurzschmitt nicht bewenden. Er vermittelte regelrechte Großspenden für die humanitäre Hilfe, machte die Erlanger Stadtwerke selbst zu einem Sponsor der Partnerschaft und ließ es sich auch im Ruhestand nicht nehmen, als Mäzen für den Kulturaustausch mit Wladimir – stets bescheiden im Hintergrund agierend – aufzutreten, wobei ihm stets besonders der Knabenchor von Eduard Markin am Herzen lag.

Aber war da nicht noch etwas? Wer nach Wladimir reist und dort den ÖPNV nutzt, kommt, ob er es nun weiß oder nicht, in den Genuß einer ganz besonderen Frucht der Zusammenarbeit zwischen den Erlanger Stadtwerken und dem Wladimirer Busbetriebshof. Den gibt es zwar in der Form längst nicht mehr, weil die Linien inzwischen alle privatisiert sind, aber für die rußlandweit beispielhafte Regelung des innerstädtischen Busverkehrs stand wiederum niemand anders als Rolf Wurzschmitt Pate. Und wieder müssen wir zurück in die Zeit Anfang der 90er Jahre, als die Ikarus-Busflotte in Wladimir allmählich in ihre rostigen Einzelteile zerfiel und aus Ungarn kein Nachschub mehr zu bekommen war. Igor Schamow griff in bewährter Weise zum Telephon, Dietmar Hahlweg nahm ab, und Rolf Wurzschmitt schalte sich wieder hilfsbereit und sachkundig ein. Zunächst war es nur ein halbes Dutzend gebrauchter Busse, der Firmen MAN und Mercedes, die mit Wladimirer Fahrern am Steuer und vollgepackt mit Reifen und Ersatzteilen sowie sonstigen technischen und humanitären Hilfsgütern zum Freundschaftspreis gen Osten rollten. Dann ging es Schlag auf Schlag. Bus um Bus wurde abgeholt, bis eines Tages Klaus Matthes, zuständig für die Abwicklung, verkünden mußte: „Jetzt sind 26 Busse vom Hof gegangen,wir haben bei der VAG keine mehr, die wir abgeben könnten.“ Mittlerweile hatten sich mit beratender Hilfe aus Erlangen Privatunternehmer erfolgreich um den Betrieb der Linien beworben. Für die nun stellten die Stadtwerke den direkten Kontakt zu Neoplan, MAN und Mercedes sowie bundesweit operierenden Händlern für gebrauchte Busse her.In Wladimir entstand ein Ersatzteillager, und die beiden Jungunternehmer Walerij Golubjew – er ist später einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen – und Alexander Juswik bauten sich regelrechte Busimperien mit Fahrzeugen auf, die heute ausschließlich aus Deutschland stammen. Sogar ein von der Erlanger Sparkasse und von Rolf Wurzschmitt befürworteten Kredit für den Ankauf der Busse kam einmal ins Spiel, – auf Heller und Pfennig und mit allen Zinsen pünktlich zurückbezahlt von Alexander Juswik, der mittlerweile sogar mit einem großen Anwaltsbüro in Nürnberg kooperiert. So entstand aus der Hilfe zur Selbsthilfe neben Wirtschaftsförderung für beide Seiten auch ein Klima des gegenseitigen Vertrauens.

Rolf Wurzschmitt ist ein Großer dieser Städtepartnerschaft. Er hatte für alle Nöte immer ein offenes Ohr und fand für jedes Problem eine zupackende und unbürokratische Hilfe, stets großzügig, stets hilfsbereit. Und eigentlich müßte hier auch noch das hohe Lied seiner nicht minder effektiven und umfassenden Unterstützung für die Partnerschaft mit Jena erklingen, aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte. Was immer er in den Partnerstädten angepackt hat, ist jedenfalls gelungen und bleibt unvergessen. Bleibt nur noch im Namen all der vielen, die dem Engagement des Jubilars so viel zu verdanken haben, ganz herzlich zu gratulieren und zu hoffen, daß Rolf Wurzschmitt doch noch einmal zurückkehrt an die Stätten seines so positiv nachwirkenden Schaffens. Man vermißt ihn dort! Er hat mehr als nur Wohnungen warm werden lassen, er hat die Herzen der Menschen erwärmt.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: