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Posts Tagged ‘Alexander Illarionow’


Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Am 17. Juni 2014 wurde in den Räumen der VWA Nürnberg das Kooperationsabkommen zwischen der Außenstelle Wladimir der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation und unserer Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie besiegelt. Am 14. Februar 2015 reisten wir – Christine Berg, Geschäftsführerin, und Prof. Dr. Wilfried Berg, stellvertretender Studienleiter – zu einem ersten wissenschaftlichen und kulturellen Austausch in Erlangens Partnerstadt.

Knapp drei Stunden nach dem Start in Frankfurt a.M. landeten wir gegen 16 Uhr (Ortszeit) in Moskau.

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Dort erwarteten uns der Dekan unserer Partnerakademie, Alexej Kudrjawzew und Aljona Abramowa, PR-Managerin der Hochschule. In einem nagelneuen schwarzen VW- Multivan

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brachte uns der Chef-Fahrer der Akademie in knapp drei Stunden an unser Ziel, das Erlangen-Haus in Wladimir.

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Eine sportliche Leistung, wenn man den Stau berücksichtigt, der uns in der Nähe des Flughafens wegen Brückenbauten eine halben Stunde gekostet hatte.

Autofahren ist auf den im Umfeld des Flughafens auf bis zu zehn Spuren ausgebauten Fernstraßen eine echte Herausforderung. Permanente Spurwechsel von allen Seiten und überraschende Spurts und Stops fordern höchste Aufmerksamkeit. Blinker werden nur in Notfällen eingesetzt, in denen effektiv kein Platz zum Ausscheren ist. Gleichzeitig gilt es, die vielen Zebrastreifen (die sehr ernst genommen werden), die zahllosen Überwachungskameras, Polizeiposten und die Notarztwagen im Blick zu behalten: Die rasen mit Blaulicht und Sirenen in der „Rettungsgasse“ an den Leitplanken des Mittelstreifens entlang. Die Landschaft kann man erst wahrnehmen, wenn man den Einzugsbereich der 13-Millionen-Metropole Moskau hinter sich gelassen hat: Eine endlose schneebedeckte Ebene, geprägt von Birkenwäldern und Kiefern; und immer wieder erscheinen bunte Datschen und Holzhäuser mit kunstvollem Schnitzwerk an Fenstern und Giebeln.

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Ein unvergeßliches Erlebnis ist die erste Begegnung mit der Stadt Wladimir, deren „Goldenes Tor“ uns schon von weitem begrüßte. Die kilometerlange Prachtstraße und die sie säumenden historischen Bauten waren zu Jahresbeginn bunt beleuchtet. Die Schneedecke auf den Wiesen und Parks am Kreml gab einen stimmungsvollen Hintergrund. – Bei einem Late Dinner mit Wiktor Malygin im Restaurant „Barin“ genossen wir den herzlichen Empfang in Rußland.

Wiktor Malygin als Gastgeber

Wiktor Malygin als Gastgeber

Nach einem Frühstück mit Quarkkuchen und anderen russischen Spezialitäten im Erlangen-Haus wurden wir am folgenden Tag durch die weltweit einmalige „Museumsstadt“ Susdal geführt, deren wichtigste Bauensembles seit 1992 Unesco-Weltkulturerbe sind. Susdal, im Jahre 1024 erstmals urkundlich erwähnt, führt uns schlagartig vor Augen, wie wenig man bei uns über Rußland weiß. Russische Geschichte beginnt nicht erst mit Zar Peter dem Großen, und russische Baukunst läßt sich nicht auf die Paläste in Petersburg und den Kreml in Moskau reduzieren.

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Bis zum Jahr 1170 war Susdal russische Hauptstadt, wurde dann von Wladimir abgelöst, dessen Rolle 1328 Moskau übernahm, als Großfürst Iwan Kalita seine Residenz dorthin verlegte. In dem 1352 großartig angelegten Erlöser-Euphymios-Kloster

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finden sich Mausoleum und Denkmal des „Susdaler Helden“, des Fürsten Dmitrij Poscharskij,

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der an der Spitze einer Volksbewegung im Jahre 1612 die polnischen Besatzer aus dem russischen Reich vertrieb. – Ein ganz besonderes Erlebnis war in diesem Kloster in dichtem Schneegestöber das Konzert der 19 Glocken auf der Glockengalerie.

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– Ein Erlebnis ganz anderer Art war der Besuch der Holzkirchen,

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der Bauernhäuser und die Besichtigung der Schneeskulpturen in Susdal.

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Der „Rosenmontag“ stand ganz im Zeichen des wissenschaftlichen Austauschs mit der Führung der Akademie, mit ihren Lehrkräften und ihren Studierenden. In Fernsehinterviews wurden die Themenbereiche und die Erwartungen aufgezeigt. In einem bis in den späten Mittag dauernden und von Wiktor Malygin übersetzten Vortrag über „Verwaltung in Deutschland“

Vortrag Wilfried Berg

Vortrag Wilfried Berg

erhielten die Teilnehmer im vollbesetzten großen Hörsaal

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einen ersten Eindruck von den Besonderheiten einer Mehrebenen-Verwaltung im föderalistischen Verfassungsrahmen der Bundesrepublik Deutschland. In einer lebhaften Diskussion ging es dann um Probleme der Finanzverteilung zwischen Bund und Ländern und um die Kontrolle der öffentlichen Ausgaben, aber auch um die rechtliche Stellung der Staatsanwaltschaft im Verhältnis zu Richtern und Politik. Großes Interesse fanden die Frage nach der Bedeutung des Föderalismus für die kulturelle Entwicklung und das Thema Pressezensur und danach, inwieweit Korruption in Deutschland als Problem empfunden wird. Schließlich war auch das Verhältnis zwischen staatlicher Verwaltung und kommunaler Selbstverwaltung ein Thema, das noch intensiv rechtsvergleichend bearbeitet werden sollte.

Wilfried und Christine Berg

Wilfried und Christine Berg. Photo: Tv-Sender Zebra.

In einer am Nachmittag des folgenden Tages angesetzten Podiumsdiskussion mit Lehrkräften der Akademie wurde deutlich, wie viele Vorurteile abgebaut werden müssen und welch große Aufgaben noch vor uns liegen. So wurde gefragt, ob aus der Überschrift: „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“ hergeleitet werden könne, das Grundgesetz sei nicht von Deutschland, sondern von den Westmächten „für“ Deutschland geschaffen worden. Diskutiert wurden ferner das Verfahren der Wiedervereinigung 1989/90, aber auch die Problematik politischer und wirtschaftlicher Sanktionen und die Rolle von Frauen in der Politik. Auch Alina, die Tochter des Akademiedirektors, die Deutsch lernt, beteiligte sich an der Diskussion und wünschte sich nähere Informationen über die Stadt Nürnberg, den Sitz unserer VWA.

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Der Nachmittag des 16. und der Vormittag des 17. Februar waren der Besichtigung der Kulturdenkmäler Wladimirs gewidmet. Besonders faszinierend war die Präsentation der Ende des zwölften Jahrhunderts errichteten Demetrius-Kathedrale mit ihren romanischen Bögen, ihren Reliefs aus weißem Kalkstein und dem Kreuz auf einer Mondsichel

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oberhalb der vergoldeten Kuppel. In wohl einmaliger Weise sind in den Reliefs biblische Motive und Symbole aus der griechischen Mythologie verarbeitet. – Ein festlicher Höhepunkt war die Besichtigung der Maria-Entschlafens-Kathedrale –

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ebenfalls aus dem zwölften Jahrhundert – mit ihren kostbaren Reliquien und mit der prachtvoll-barocken Ikonostase. – Ein ganz besonderes und ganz anders geartetes Erlebnis von russischem Land und russischer Kultur war die Wanderung bei strahlender Sonne durch das tief verschneite Naturschutzgebiet in Bogolubovo zur Mariä-Schutz-Kirche am Nerl und der Besuch des dortigen Nonnen-Klosters

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mit einem von geradezu himmlischem Gesang begleiteten Gottesdienst. Überhaupt waren wir tief beeindruckt von der Religiosität der Bevölkerung

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– und nicht nur der Alten. Wann immer unser Fahrer in die Nähe einer Kirche kam, schlug er dreimal das Kreuz. – Obwohl es sicher nicht wenige Arme gib, haben wir keine Bettler gesehen. In Deutschland, Österreich und noch mehr in Frankreich und Italien werden die Eingänge der meisten öffentlichen Gebäude von Bettlern oft geradezu belagert.

Überwältigt waren wir von der Gastfreundschaft unserer Partner-Akademie. Wir wurden in sieben ganz unterschiedlichen Restaurants bewirtet – vom „Max-Bräu“

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bis zum Luxuslokal „Panorama“ beim festlichen Abschiedsbankett. Unsere ursprüngliche Sorge, wir könnten den russischen Trinkgewohnheiten nicht gewachsen sein, hatten wir schnell vergessen. Stets standen reichhaltige und vielfältige Vorspeisen auf dem Tisch,

Die Gastgeber: Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Alexander Illarionow

Die Gastgeber: Wjatscheslaw Kartuchin, Wiktor Malygin und Alexander Illarionow

bevor der Wodka gereicht wurde. Und dessen Wirkungen wurden durch reichlich Wasser und Säfte gemildert. Exzellent und phantasievoll waren die Desserts mit Kaffee und einer großen Tee-Auswahl. Etwas überrascht hat uns die stets laufende Musikunterhaltung, – in vielen Lokalen ergänzt durch Fernsehshows auf Bildschirmen an allen Wänden.

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Ganz besonders angetan waren wir von dem großen Interesse aller unserer Gesprächspartner an Deutschland, an seinen Landschaften, seinen Sitten und Gebräuchen und seiner Sprache. Wir haben das Gefühl, als sei Rußland uns bisher viel fremder, als Deutschland unseren russischen Partnern. Dieser Eindruck mag seine Gründe in den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert und in ihren Folgen haben. Umso wichtiger ist es, endlich zu beginnen, unsere Defizite abzubauen und zu erfahren, was die Menschen in Rußland bewegt, damit wir in Freundschaft miteinander leben können. Den Anfang haben wir jetzt gemacht. Im Oktober erwarten wir unsere Partner bei uns in Franken. Alina, die Tochter von Direktor Kartuchin, wird dabei sein. Die russisch-deutsche Freundschaft geht in die nächste Generation. Aber diese Hoffnung ruht nicht allein auf Alina. Als wir den Kreuzsaal des Erzbischöflichen Palastes in Susdal besichtigten, sammelte sich allmählich eine ganze Schulklasse um uns. Die Kinder hatten deutsche Töne gehört. Sie lernen in der 5. Klasse Deutsch und wollten mehr hören, nicht von ihren Lehrern, sondern von Deutschen.

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Einer der viel für den Aufbau einer neuen deutsch-russischen Freundschaft getan hat, ist Peter Steger. Ohne ihn hätte es die Partnerschaft zwischen unseren Akademien in Wladimir und Nürnberg nicht gegeben. Wir danken ihm!

Text: Wilfried Berg; Bilder: Christine Berg

Und hier hat alles begonnen: http://is.gd/2X03Xk

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Stets einsatzbereit, wenn es um Wladimir geht: Felix Wasel, der bereits vor zwei Jahren in seiner Doppelfunktion als ehrenamtlicher Mitarbeiter des BRK Erlangen-Höchstadt und hauptberuflicher Feuerwehrmann in Erlangen die Partnerstadt besucht hat. Gennadij Brajt und Pjotr Ponassenko von der Organisation „Retter“ kennen und schätzen ihn seit damals und schließen ihn buchstäblich in ihre Arme, bevor der gemeinsame Arbeitstag beginnt.

Pjotr Ponassenko, Felix Wasel, Gennadij Brajt vor dem Erlangen-Haus

Früh am Morgen beginnt der Arbeitstag auch an der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst, direkt dem Präsidenten der Russischen Föderation unterstellt. Wer etwas werden will als Beamter, macht hier seine Verwaltungsausbildung und nimmt alle drei Jahre an Fortbildungskursen teil. Seit zwei Jahrzehnten gibt es diese Hochschule, deren Besuch und Abschluß freilich nicht zwingend in die Amtsstuben führen muß, denn die drei Fakultäten – Recht, Wirtschaft und Verwaltung – bieten den derzeit 4.500 Studenten auch beste Chancen für eine Karriere in der Wirtschaft. Sogar bis in die Raumfahrt kann von hier aus aufsteigen, wovon nicht nur die Rakete auf dem Vorplatz der Akademie, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit dem „Sternenstädtchen“ bei Moskau zeugt.

Wissenschaftlicher Neustart für Wiktor Malygin, ganz rechts.

Einen Neustart macht hier ein alter Bekannter und Träger der Partnerschaft. Wiktor Malygin, bis zur Fusion der beiden Wladimirer Universitäten vor zwei Jahren Rektor der Pädagogischen und Geisteswissenschaftlichen Universität und dann Leiter der Fremdsprachenabteilung an der neugeschaffenen Hochschule, hat nun zwar nicht das Fach, aber den Arbeitgeber gewechselt und ist seit Anfang des Monats an der Akademie zuständig für Russisch, Deutsch, Englisch und Franzöisch. Ihm zur Seite steht übrigens ebenfalls ein verdienter Mitstreiter der deutsch-russischen Freundschaft: Alexander Illarionow, Direktor für Wissenschaftliche Arbeit und früherer Bürgermeister von Susdal, der Partnerstadt von Rothenburg. Nun sucht die Akademie nach einer Hochschule in Deutschland, die zu ihrem Profil passen könnte, denn bisher hat man nur mit China und den USA einen regelmäßigen Austausch. Doch das wird sich hoffentlich bald ändern.

Larissa Wyssozkaja, Dieter Rossmeissl, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus, Gabriele Kopper, Anna Makarowa, Natalia Judina.

Enger sollen auch die Kontakte zum Institut für Kunst an der Staatlichen Universität werden. Larissa Wyssozkaja, die Dekanin, kann sich da viele Formen der Zusammenarbeit vorstellen und wird von Prorektorin Natalia Judina darin voll unterstützt. Aber auch die Gäste lassen sich von der Begeisterung anstecken, und wenn die Deutsche Botschaft in Moskau rasch genug ein Visum ausstellt, kann schon am 2. Oktober ein erster Kontakt zu der Design-Szene der Metropolregion Nürnberg hergestellt werden. Dieter Rossmeissl, Referent für Kultur, Jugend und Freizeit, jedenfalls lädt schon einmal herzlich ein.

Larissa Wyssozkaja mit einem ihrer Ensembles

Ein erstaunlich vielseitiges Konzertprogramm schließlich überzeugt alle: In dem Kontakt ist Musik drin. Von der Klassik bis zu Jazz-Standards feinster Güte. Was hier an Talentförderung betrieben wird, macht staunen und Lust auf Austausch mit Ensembles und Bands aus Erlangen, möglichst schon im Jubiläumsjahr 2013. Ideen gibt es schon viele. Und wenn es nach den neuen Freunden geht, wird aus denen auch etwas. Das haben sie sich versprochen.

Gabriele Kopper, Birgitt Aßmus, Dieter Rossmeissl, Oberschwester Swetlana Dsjuba, Alexander Bersenjew und Ursuala Lanig vor dem Kleinbus, gespendet von Lions Erlangen und Stiftung Lichtlblick.

Versprochen sind auch neue Kontakte für Alexander Bersenjew, den Chefpsychiater der Region Wladimir, und seinen Blauen Himmel, das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik. Wenn der Arzt im November nach Erlangen kommt, soll er möglichst viele Einrichtungen kennenlernen, wo mit Kindern gearbeitet wird, die an psychischen Erkrankungen leiden oder in ihrer Entwicklung verzögert sind.

Gruppenbild mit Kinder im Blauen Himmel

Wie gut die Betreuung der Kinder im Blauen Himmel ist, erleben die Gäste spätestens beim Treffen mit der Gruppe, die gerade Tanz und Bewegung auf dem Programm hat, bevor es wieder hinaus in die Natur oder in die Werkstatt geht. Von einem der letzten Ausflüge in den Wald haben die Kinder übrigens eimerweise Steinpilze in den Blauen Himmel gebracht. Kein Wunder, wenn da der Abschied nach zwei Wochen Aufenthalt in dem Zentrum jedes Mal jedem schwerfällt.

Im Märchenzimmer des Pionierpalastes

Kinder und ihre krative Entwicklung stehen auch im Zentrum des Pionierpalastes, wo sich Dutzende von Gruppen zusammenfinden, die alle ein Ziel haben: ihre Talente möglichst vielseitig zu entwickeln. Vom Modellbau über Tanzen bis zur Botanik, vom Kleinzoo bis zur Geschichtswerkstatt findet man alles nur Denkbare aus den Bereichen Kultur, Sport, Gesellschaft oder Technik. Ein Labor der Möglichkeiten nicht nur für Kinder und Jugendliche – 4.000 sind es, die hier von 90 Fachkräften betreut werden -, sondern auch für die Zusammenarbeit mit Erlangen, zumal hier die technischen Voraussetzungen auf 11.000 m² Fläche gegeben sind, um alles von Theateraufführungen bis zu Konzertveranstaltungen auszuprobieren.

Dieter Rossmeissl, Gabriele Kopper, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus und Irina Tschistjakowa vor der Rosenkranzkirche

An den Gästen aus Erlangen wird im Anschluß an den Besuch gleich auch noch ein neues Programm getestet. Irina Tschistjakowa, deren Arbeit hier im Blog unter der Rubrik „Deutsche in Wladimir“ in der Kategoriewolke zu finden ist, hat mit ihrem Arbeitskreis von bis zu 70 an der Stadtgeschichte interessierten Jugendlichen eine Route durch Wladimir erstellt, die zu den vielen, meist unbekannten Wirkungsstätten von Deutschen führt. Darunter viele von Deutschen erbaute Häuser, aber auch das einzige noch erhaltene Lagergebäude, wo deutsche Kriegsgefangene untergebracht waren, die Auferstehungskirche. Viel Material für das Thema „Deutsche in Wladimir“, demnächst in Ihren Blog vorgestellt. Versprochen! Und – ja, die Premiere dieser Tour von Irina Tschistjakowa ist gelungen und kann in Serie gehen.

Ursula Lanig, Gabriele Kopper, Birgitt Aßmus, Itrina Tschistjakowa und Dieter Rossmeissl. vor der Auferstehungskirche.

Doch der Tag ist noch lange nicht zu Ende. Im Erlangen-Haus werden die Gäste von Jugendlichen erwartet, die im August in Erlangen waren – auf Einladung des Jugendparlament – und dort Bürgermeisterin Birgitt Aßmus ein Wiedersehen versprochen haben. Weit über die vorgesehene Zeit hinaus bleibt man zusammen, um Fragen zu diskutieren: junge Familien und deren Förderung, Jugend und Politik, Frauen und Beruf… Genug Stoff für eine Fortsetzung des Dialogs.

Jugendtreff im Erlangen-Haus

Ein gelungener Tag, ein gelunges Programm, so das einmütige Fazit nach dem ersten Tag. Das freut natürlich auch die Gastgeber. Besonders Kirill Kowaljow.

Gabriele Kopper, Kirill Kowaljow, Irina Chasowa, Ursula Lanig, Birgitt Aßmus, Dieter Rossmeissl.

Der Stadtrat, zuständig für den Ausschuß Jugend, Kultur, Sport,  Religion, Soziales und Bildung, kennt Erlangen noch nicht aus eigener Anschauung, hat aber im Juni an dem Kongreß des Deutsch-Russischen Forums in Stuttgart teilgenommen und dort gemeinsam mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, die Zusammenarbeit vorgestellt. Nun hat er von Bürgermeisterin Birgitt Aßmus die offizielle Einladung erhalten, und man wird Kirill Kowaljow wohl schon bald in Erlangen erwarten dürfen. Ein gelungener Tag eben mit viel Ausblick auf eine gemeinsame Zukunft.

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