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Posts Tagged ‘6. Armee’


Am 22. August stellte Günther Liebisch, selbst einst Kriegsgefangener (s. https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/06/16/versohnung-in-minden-menschen-unter-menschen), im Blog die Frage nach der Zahl der Lager in Wladimir, ihrer Lage und ihrer Schließung. Witalij Gurinowitsch, der Organisator der Ausstellung „Deutsche Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern“, die 1995 in Erlangen gezeigt wurde, kann dazu folgende Angaben machen. 

ul. Traktornaja mit von Kriegsgefangenen erbauten Häusern

Im Winter 1943 begann die Einrichtung zweier Lager, des Offizierslager Nr. 160 in Susdal und des Lagers Nr. 190 im Zentrum von Wladimir. Zur gleichen Zeit etwa wurde das Militärlazarett in Kameschkowo zum Hospital für Kriegsgefangene umfunktioniert. Schon im Februar 1943 trafen hier die ersten Gefangenen aus Stalingrad ein, wohl die schwierigste Periode, waren doch fast alle Ankömmlinge krank, geschwächt, verwundet, auch von Unterernährung gezeichnet. Die Transporte, mit denen sie aus den Frontlagern transportiert wurden, ließen sich schlecht beheizen, so daß viele Gefangene Erfrierungen hatten, wenn sie nicht sogar schon den Kältetod gestorben waren. Im Frühjahr trafen schließlich im Lager Nr. 160 die Generäle und Offiziere der 6. Armee mit Feldmarschall Friedrich Paulus an der Spitze ein. Für sie wurden gute Bedingungen geschaffen, niemand von ihnen mußte arbeiten, es gab die Möglichkeit, Briefe und sogar Pakete via Rotes Kreuz in Empfang zu nehmen. Anders, schlechter, freilich erging es denen, die in die Arbeitslager kamen. Insgesamt wurden dem Lager Nr. 190 32 Außenstellen in Betrieben, beim Torfabbau, beim Holzfällen und auf Baustellen in der ganzen Region, überall dort eingerichtet, wo Arbeitskräfte, vor allem Männer, fehlten. In den Folgejahren durchliefen 34.000 Kriegsgefangene aller Nationalitäten, also auch neben Deutschen und Österreichern vor allem Rumänen und Italiener, diese Lager, die 1946 mit 10.000 Mann ihre höchste Auslastung erreichten. 

ul. Assatkina

Die zentrale Lagerabteilung Nr. 190 befand sich in Wladimir auf dem Gelände des heutigen Betriebs „Elektropribor“, wo schon zu Kriegszeiten ein Elektrowerk stand, also an der Kreuzung der Straßen uliza Mira und uliza Baturina. Noch vor dem Krieg hatte man hier mit dem Bau einer Fabrik begonnen, und die Gefangenen brachte man in diesen Neubauten unter. Das Lager faßte mehr als 1.000 Mann, die alle beim Bau des Traktorenwerks mithelfen mußten. Interessanterweise standen die Baubaracken für die russischen Arbeiter, die man aus dem Umland angeheuert hatte, auf der anderen Straßenseite. Wie ältere Mitarbeiter des Betriebs sich später erinnerten, unterschied sich das Alltagsleben der Arbeiter von dem der Lagerinsassen nur dadurch, daß die Gefangenen von einem Zaun umgeben waren, übrigens ohne Stacheldraht. Unweit der Gebäuden für das Traktorenwerk errichteten die Kriegsgefangenen auch Werkswohnungen, die einen ganzen Stadtteil an den Straßen ul. Assatkina, ul. Mododjoschnaja und ul. Traktornaja neu entstehen ließen. 

Himmelfahrtskirche

Die zweite Lageraußenstelle befand sich am Ende der heutigen ul. Studentscheskaja. Die dortigen Gefangenen waren in der Ziegelei eingesetzt, wo das Baumaterial für das Traktorenwerk und andere Infrastrukturobjekte produziert wurde. Dann gab es die Filiale Nr. 9 in der Himmelfahrtskirche, ganz im Zentrum der Stadt, unweit vom Goldenen Tor. Die dortigen Gefangenen wurden zu Arbeiten in der ganzen Stadt herangezogen und asphaltierten 1943 die Straßen im Zentrum Wladimirs.  

Innenministerium

Schließlich war da noch die Außenstelle Nr. 10 in einem Hinterhof an der Hauptstraße der Stadt, links vom heutigen Hotel Wladimir. Wer hier untergebracht war, wurde zu Arbeiten auf Baustellen des Innenministeriums herangezogen. So errichteten die hiesigen Gefangenen unter anderem das große klassizistische Gebäude mit der Säulenfront in der Stadtmitte, bis heute die Zentralstelle des Innenministeriums mit seiner Filiale für das Wladimirer Gouvernement. Doch sie bauten auch Häuser in den Straßen rund um den Hauptmarkt der Stadt.  

Witalij Gurinowitsch

Geschlossen wurden die Lager alle im Sommer 1949. Zu der Zeit setzte man bereits viele der ehemaligen Bauarbeiter in der Produktion des Traktorenwerks ein. Als die schließlich auch Ende des Jahres die Heimreise antreten konnten, kam es in den Werkhallen wegen der fehlenden Arbeitskräfte und Fachleute zu einigen Ausfällen. Es gab sogar Fälle, wo bereits für den Heimtransport vorgesehene Kriegsgefangene nochmals anpacken mußten, um die Stockungen und Störungen zu beheben. 

Von den einstigen Lagern ist heute nicht mehr viel zu sehen, aber unter kundiger Führung lassen sich noch immer viele Spuren der Kriegsgefangenen entdecken. Und über ihre Arbeit wird man nur Gutes zu hören bekommen.

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