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Posts Tagged ‘22. Juni 1941’


Zu Ehren der Gefallenen und Vermißten des Großen Vaterländischen Krieges entzündete man gestern auf dem Platz des Sieges in Wladimir 78 Kerzen. Tatjana Oserowa erinnerte mit folgendem Text an die Schrecken des Krieges, mit dem die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die UdSSR überzogen hatte:

Können Sie sich vorstellen, was wir in unserer Nachkriegskindheit für Träume hatten? Alle Erwachsenengespräche drehten sich ja um ihn, um den Großen Vaterländischen Krieg, der so viele Verwandtenschicksale verkrüppelt, uns die liebsten und besten Angehörigen genommen hatte. Wir nahmen diese Familienerzählungen regelrecht mit ganzem Herzen auf. Und wenn in den Kinderspielen und Kinderzeichnungen diese Thema der Russen und Deutschen noch immer fortlebt, wenn bis heute in den Alben rotbesternte Flieger den Himmel durchkreuzen und Panzer mit dem faschistischen Hakenkreuz herumfahren, wie war das dann erst zu unserer Zeit!

Wie wir Pioniere uns da unsere Heldentaten an der Front vorstellten. Was wir uns da für Schliche einfallen ließen, um das rote Banner zu retten, den Feind in eine Falle zu locken, die Partisanen vor einer tödlichen Gefahr zu warnen. Weil einfach alle Filme, Bücher und Erzählungen in den Lehrbüchern davon handelten. Die Jungs in unserer Klasse fragten in den Büchereien ausschließlich nach Geschichten über den Krieg und Späher, es gab kein anderes Thema für sie.

Der Traum, der mich in der Kindheit verfolgte und quälte ging so. Unsere Stadt wird von den Deutschen eingenommen, alle Angehörigen sind bereits tot. Ich, das kleine Mädchen, bin alleine und verstecke mich in einem Schuppen hinter Holzscheiten, unter einem Heuhaufen. Dann kommen die Deutschen herein und prüfen mit ihren Bajonetten, ob da nicht jemand zu finden sei. Die scharfe Klinge trifft mich, aber wunderbarerweise gelingt es mir, mit einem Tuch das Blut an ihr abzuwischen. Sie gehen wieder… Ich bin gerettet, bleibe am Leben! Aber ich möchte nichts mehr, als von dort davonlaufen – mit einem wilden Schrei des unerträglichen Schreckens und Grauens.

So litten die Kinder der Kriegszeit, von den Erwachsenen Kriegsteilnehmern ganz zu schweigen. Sie blieben auch in ihren Träumen noch lange im Krieg, kämpften weiter Seit an Seit mit ihren Angehörigen, die in den Krieg gezogen waren und nicht mehr zurückkehrten.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Gouverneur Wladimir Sipjagin am 22. Juni 2019 im Gespräch auf dem Platz des Sieges

Eine jener wunderbaren Wendungen der Geschichte: Die Autorin heiratete später den Deutschdozenten Genrich Oserow, der die Städtepartnerschaft maßgeblich gestalten half, und ihre Tochter Natalia sollte, engstens mit Erlangen verbunden, zu einer der führenden Germanistinnen Wladimirs werden.

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für uns, auch für Sie – so lauteten am 22. Juni 1941 um 4.30 Uhr in Moskau die Worte von Wjatscheslaw Molotow an Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, den deutschen Außenminister in Moskau, nachdem dieser dem damaligen Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare und späteren Außenminister die Mitteilung gemacht hatte, der Führer habe befohlen, der durch die UdSSR und England bestehenden Bedrohung „mit allen zur Verfügung stehenden Machtmitteln entgegenzutreten“. Da hatte der größte Vernichtungs- und Eroberungskrieg aller Zeiten bereits begonnen.

Niemand mache mehr den Fehler, die Worte von Faschisten und Nationalsozialisten nicht ernst zu nehmen. Adolf Hitler hatte alles schon in „Mein Kampf“, und 1939 verkündete er öffentlich:

Alles was ich unternehme, ist gegen Rußland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen, und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.

Alles, was wir heute unternehmen, muß auf den Frieden gerichtet sein. Nie mehr ein so großes Unglück!

Am 22. Juni 2011 sprach Wolfgang Morell, der soeben seinen 97. Geburtstag feierte, als erster deutscher Kriegsteilnehmer in Wladimir auf dem Platz des Sieges bei der Gedenkfeier zum Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR und wandte sich in russischer Sprache mit folgenden Worten an die in den frühen Morgenstunden versammelten Menschen:

Wolfgang Morell, Iwan Mochow, Sergej Sacharow, Andrej Schochin, Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Preuß, 22. Juni 2011

Liebe Wladimirer, liebe Freunde,

als letzter wendet sich an Sie ein deutscher Zeitzeuge jenes verhängnisvollen Tages vor 70 Jahren, der uns den Anlaß für diese Gedenkstunde gibt. Ich hatte damals gerade das Gymnasium abgeschlossen und wartete auf meine Einberufung. Ich erinnere mich noch ganz klar an den 22. Juni 1941. Es war ein strahlender Sonntag, noch früh am Morgen, als mich meine Mutter mit dem Ausruf weckte: „Jetzt greifen die Unseren Rußland an.“

Ein lastendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Ungefähr gegen 8.00 Uhr trat unser Propagandaminister Goebbels im Radio auf und behauptete, die Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine sogar die Mehrheit – glaubte ihm. Wir, meine Familie, wir glaubten ihm nicht! Warum?

Mein Bruder, damals Soldat bei der Artillerie an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen, hatte unter anderem die Aufgabe, das Schußfeld im Osten zu dokumentieren. Wir waren also informiert über den Gang der Dinge… Doch was ich damals noch nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. Die Gefangennahme war für viele Soldaten an der Ostfront, so auch für mich, etwas, das man sich in den dramatischsten Farben ausmalte. Ich verdanke mein Leben nur dem Versagen meines Karabiners!

Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald. Zu meinem Glück brachte man mich ins Militärhospital nach Wladimir, das damals in der Lunatscharskijstraße lag. Hier pflegte man mich innerhalb von sechs Monaten wieder gesund, als wäre ich einer von den eigenen Leuten, ein Rotarmist. Deshalb sage ich voller Überzeugung: In Wladimir hat man mir das Leben zurückgegeben! Hier vollzog sich auch die Kehrtwende – von Mißtrauen und Feindschaft hin zu Verständigung, Partnerschaft und Freundschaft. Für mich liegt ein tiefer Sinn darin, daß ausgerechnet die Stadt, deren Bewohnern ich für immer zu Dank verpflichtet bleibe, eine Partnerschaft mit meiner Heimatstadt Erlangen pflegt.

Wir haben hier voll der Achtung der Opfer gedacht, die jener unglückselige Krieg auf beiden Seiten forderte. Bitte lassen Sie uns an dieser Stelle gerade auch besonders der Kameraden beider Seiten gedenken, die in Gefangenschaft ums Leben kamen und jetzt die ewige Ruhe gefunden haben. Danke!

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Das russische Generalkonsulat in München hatte zum feierlichen Empfang geladen. Der Nationalfeiertag heißt „Tag Russlands“. Der 12. Juni erinnert an die staatliche Unabhängigkeit und wird seit 1994 begangen. In vielen Städten des Landes feiert man der Tag parallel zum Stadtfest, so auch in Nischnij Nowgorod, wo die neue Bürgermeisterin, Jelisaweta Solomon, mich zu den Feierlichkeiten einlud, als ich vor kurzem meinem Vater dort einen Besuch abstattete.

Elisabeth Preuß in Nischnij Nowgorod im Mai 2017

Vielerlei Vergnügungen wurden geplant, so auch ein Auftritt des Theaters der Gehörlosenschule „Piano“. Wir trafen die talentierten Protagonisten bei einer Probe auf der Bühne hoch über der sommerlichen, in der Sonne glitzernden Wolga. Leider konnte ich diese Einladung nicht annehmen, da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder seit zwei Tage zuhause im Rathaus sein würde.

Pantomimentheater „Piano“

Die Bevölkerung allerdings begeht mit viel mehr Herzblut den 9. Mai, den Tag des Sieges, jedes Jahr ein großes Fest. Zurecht gedenkt man der mehr als 50 Millionen Toten, die der von den Nationalsozialisten über die Welt gebrachte Krieg allein in der Sowjetunion kostete.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß, die beiden Botschafterinnen der Partnerschaft im Dezember 2015, Bahnhof Wladimir

Am 13. Juni folgten die Vertreter vieler Nationen der Einladung von Generalkonsul Sergej Ganscha nach München in den „Bayrischen Hof“, und ich nutzte diese Gelegenheit, um dem Generalkonsul von dem beeindruckenden Unterfangen „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu erzählen. Das Werk von Peter Steger liegt ja seit einigen Monaten auch in russischer Übersetzung vor, der Blog hat über die Präsentation in Wladimir berichtet. Die Erzählungen, Interviews und Bilder der Veteranen unserer beider Völker, die sich einst als Feinde gegenüber standen und sich jetzt im Rahmen der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir treffen: Dieses Buch ist ein Jahrhundertwerk. Ich weiß nicht, ob mir als Laie in Sachen Literatur dieses Wort zusteht, für mein Gefühl aber greift jedes andere Wort zu kurz.

Elisabeth Preuß und Sergej Ganscha

Glücklicherweise (aber nicht zufälligerweise) hatte ich bei meiner Fahrt nach München sogar je ein Exemplar der deutschen und der russischen Ausgabe dabei und konnte dies dem Generalkonsul als Geschenk überreichen. Es ging ihm wie vielen, denen ich von diesem Werk erzähle: Zuerst Staunen, dann Freude steht in den Augen des Beschenkten. Wer dieses Buch liest und verinnerlicht, für den ist Krieg zur Unmöglichkeit geworden.

Elisabeth Preuß

Wjatscheslaw Gadalow

Erlangens Botschafterin in Wladimir, Irina Chasowa, vertrat unterdessen am gestrigen Tag der Erinnerung und Trauer die deutsche Seite, als einige wenige Zeitzeugen zusammen mit vielen Kindern des Überfalls der Hitlertruppen auf die Sowjetunion vor 76 Jahren gedachten.

Gedenkstein

Ort des Gedenkens: der Freundschaftsbaum, ganz in der Nähe vom Platz des Sieges am 22. Juni 2011 im Beisein von Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell auf Initiative von Wjatscheslaw Gadalow gepflanzt, der sich bis heute um die kleine Eiche kümmert, dem Frieden zwischen Deutschen und Russen gewidmet. Siehe: https://is.gd/QTIWH5.

22. Juni 3

Gedenken an der Friedenseiche

Hier zumindest und mit diesen Menschen ist Krieg wirklich zur Unmöglichkeit geworden.

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Auch heute, 74 Jahre nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“, versammelten sich wieder Veteranen und Jugendliche im Morgengrauen auf dem Platz des Sieges in Wladimir, um des grauenvollen Ereignisses zu gedenken, das als Vernichtungskrieg des Dritten Reiches gegen den „jüdischen Bolschewismus“ begann und mit der Kapitulation Deutschlands endete. Die allgemeinen Fakten sind bekannt. Aber was bedeutet diese Geschichte des Schreckens für Wladimir?

Radiomeldung am 22. Juni 1941 in Moskau

Radiomeldung am 22. Juni 1941 in Moskau

In den ersten Kriegstagen herrschten, wie überall im Land, Verzweiflung, Schock, aber auch die Überzeugung, den Sieg erringen zu können. Es gab sogar Überlegungen zu einer Revolution und proletarischen Solidarität der sowjetischen und deutschen Arbeiter. Im Puschkin-Park versammelten sich schon am Abend des 22. Juni 1941 Tausende von Menschen, wo die Worte von Wjatscheslaw Molotow, dem Außenminister der UdSSR, wiederholt wurden:

Wir wissen sehr wohl, daß dieser Krieg uns nicht vom werktätigen deutschen Volk aufgezwungen wurde, das selbst leidet und auf seinen Schultern die ganze Last des zweiten imperialistischen Krieges trägt. Der Krieg wurde der Sowjetunion von der außer Rand und Band geratenen Clique deutscher Nazi-Herrscher und vom blutrünstigen Henker Hitler aufgezwungen, die gegen das Vaterland der Proletarier aller Welt ins Feld gezogen sind.

Kraft eines Sondererlasses wurde in der Region der Kriegszustand ausgerufen, und schon am 24. Juni 1941 galt in Wladimir eine nächtliche Ausgangssperre mit Verdunkelung; darüber hinaus gab es zeitliche Einschränkungen für die Arbeit und Vergnügungsveranstaltungen. Gleichzeitig zog man im Gouvernement gut 300.000 Mann ein. Mehr als 134.000 von ihnen kehrten nicht mehr von der Front zurück.

Tag der Erinnerung und Trauer

Tag der Erinnerung und Trauer

Mit dem Vorrücken des Feindes wurden in 160 Städten landesweit – darunter auch in Wladimir, Kowrow, Murow, Alexanderow und Gus-Chrustalnyj – Verteidigungskomitees gegründet, die vor Ort ggf. die Kampfhandlungen koordinieren sollten. Ab Herbst 1941 waren im Raum Wladimir täglich mehr als 200.000 Menschen im Einsatz, um einen Befestigungs- und Verteidigungsring zu errichten. Allein um Wladimir herum zog sich ein 130 km langes Bollwerk. Ein Hinweis darauf, daß man sich nicht so sicher war, die Hitler-Truppen vor Moskau aufhalten zu können. Zugleich nahm die Region ungezählte Flüchtlinge auf und wurde zur Durchgangszone für all jene, die Moskau in Richtung Ural verließen und später wieder zurückströmten.

Krieg 3

Unsere Sache ist die rechte. Der Feind wird geschlagen. Der Sieg ist unser!

Die große Leistung Wladimirs in jenen Jahren war es, mit einer Einwohnerzahlt von gerade einmal 60.000 Menschen in 18 eigens eingerichteten Hospitälern etwa 250.000 Verletzte aufzunehmen. Hinzu kamen insgesamt wohl an die 30.000 Kriegsgefangene, die von 1943 bis 1949 in insgesamt 34 Lagern, über die ganze Region verteilt, untergebracht wurden. Einige wenige verurteilte Kriegsverbrecher saßen bis 1955 im Wladimir Zentral-Gefängnis ein.

Nikolaj Schtschelkonogow und Philipp Dörr am 8. Mai 2015

Nikolaj Schtschelkonogow und Philipp Dörr am 8. Mai 2015

Nicht anders als historisch ist aber zu nennen, daß die Wladimirer bereits vor mehr als drei Jahrzehnten den einstigen Feinden die Hand zum Frieden und zur Versöhnung reichten und seither die Verständigung suchen, das Miteinander anbieten. Ein Wunder der Geschichte, dem wir Deutsche gerade am heutigen Tag besonders verpflichtet sind.

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„Noch ganz klar erinnere ich mich dieses Tages, des 22. Junis 1941“, schreibt Wolfgang Morell, geboren 1922 in Breslau. „Es war ein strahlender Sonntag und noch früh am Morgen, als mich meine Mutter mit dem Ausruf weckte: Jetzt greifen wir Rußland an!“

Frontkämpfer Iwan Mochin und Wolfgang Morell am 22. Juni 2011, 4.00 Uhr, Platz des Sieges in Wladimir

Frontkämpfer Iwan Mochow und Wolfgang Morell am 22. Juni 2011, 4.00 Uhr, Platz des Sieges in Wladimir

Ein beklemmendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Gegen 8 Uhr war unser Propaganda-Minister Goebbels im Radio zu hören. er behauptete, die deutsche Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine, sogar die Mehrheit – glaubten ihm. wir – meine Familie – glaubten ihm nicht. Warum? Mein Bruder, damals Artilleriebeobachter an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen hatte seit Wochen u.a. die Aufgabe, das örtliche Schußfeld im Osten zu dokumentieren. der Krieg war auf unserer Seite also in Vorbereitung. wir daheim waren auf diese Weise informiert über den Gang der Dinge. Was ich damals nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. die Gefangennahme durch die Russen war 1942 für einen deutschen Soldaten etwas vollkommen Unvorstellbares. Ich verdanke mein überleben nur dem Versagen meines Karabiners! Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald schwer. man brachte mich zum Glück nach Wladimir in ein Militärkrankenhaus. Im Petersburger Archiv ist noch heute die Krankengeschichte nachzulesen, in der meine zweite Rettung dokumentiert ist. Es liegt für mich ein tiefer Sinn darin, daß gerade jene Stadt, in der mir das Leben wiedergegeben wurde, heute eine so erfolgreiche Partnerschaft mit meiner zweiten Heimatstadt Erlangen pflegt.

Wolfgang Morell

Oberbürgermeister Sergej Sacharow gratuliert Wolfgang Morell auf Schloß Atzelsberg am 11. Juni 2012 zu dessen 90. Geburtstag

Oberbürgermeister Sergej Sacharow gratuliert Wolfgang Morell auf Schloß Atzelsberg am 11. Juni 2012 zu dessen 90. Geburtstag

Acht Jahre später als Wolfgang Morell wurde Jurij Schikanow in Moskau geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er unter Stalins Schreckensherrschaft in einem Lager am Polarkreis, zusammen mit der Mutter, während sich der Vater dem Zugriff der Schergen hatte entziehen können. In die Hauptstadt kehrte er erst zurück, als der Krieg bereits begonnen hatte, und wurde eingeschult. Der spätere Schriftsteller hatte aber anderes im Sinn als die Schule. Mit einem Freund schmiedete er Pläne, wie sie schnellstmöglich an die Front kommen konnten, ein Traum, der alle Jungs in der Sowjetunion damals beschäftigte, denn der Krieg konnte ja schneller zu Ende sein, als sie eingezogen würden. Im Winter 1941 wurde dann die Schule ohnehin geschlossen. Gern hätte er beim Löschen auf den Dächern geholfen, wo die Brandbomben der Deutschen eingeschlagen hatten. Aber man ließ ihn nicht. Er sei noch zu klein. Und das obwohl die Zeitungen voll waren mit Berichten von Pionieren, die Heldentaten vollbrachten. Immer häufiger war auch von den „Söhnen der Regimenter“ zu lesen. Der Schüler wider Willen schlug sich selbständig fast bis zur Front durch, sprang auf einen Transportzug auf, wurde aber entdeckt und auf freiem Feld wieder abgesetzt. Wieder zu Hause versuchte er immer wieder auf legalem Weg, Soldat zu werden. Und als dann der Krieg 1945 zu Ende war, blieben ihm nach eigener Erinnerung nur Tränen und Enttäuschung über den versäumten Einsatz. Bis dem Jüngling ein mitleidiger Offizier eine Zeitung mit einer Anzeige gab, in der die 5. Moskauer Artillerie-Einheit um Rekruten warb. Jurij Schikanow wurde genommen und blieb bis zu seiner hochdekorierten Entlassung bei der Sowjetarmee.

Jurij Schikanow

Jurij Schikanow

Zwei Schicksale, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Schicksale zweier Menschen aber, die auf ihre Weise ihr Streben und Trachten ganz in den Dienst der Versöhnung und Verständigung stellten, die Hand ausstreckten, Freundschaften schlossen, für den Frieden warben.

Angesichts der aktuellen Ereignisse könnte man befürchten – vergebens: Wladimir Schirinowskij, für seine zerebralen Totalausfälle berüchtigt, verglich schon die ersten zaghaften Maßnahmen Kiews gegen die Willkürakte der Separatisten im Osten des Landes mit dem Überfall von Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion. Wer nun meint, damit sei man auf der dunklen Talsohle des geistigen Abgrunds angelangt, irrt und hört verwirrt: „Erst als Soldat erweist sich der Russe als Russe!“ Originalton von Dmitrij Rogosin, immerhin seines Zeichens Vizepremier. Ob das die Knaben von Eduard Markin auch so sehen oder die Tänzer von Nikolaj Litwinow oder all die Ärzte, Sportler und Künstler, Schüler und Studenten, die in Erlangen auftreten, Praktika absolvieren, Freundschaften pflegen? Der echte Russe nur als Soldat denkbar? Die Russen haben fürwahr eine andere Politik verdient!

Der Weltkriegsveteran, Nikolaj Schtschelkonogow, und der Friedenspolitiker, Dietmar Hahlweg, am 8. Mai 2010 in Wladimir

Der Weltkriegsveteran, Nikolaj Schtschelkonogow, und der Friedenspolitiker, Dietmar Hahlweg, am 8. Mai 2010 in Wladimir

Doch der erschreckenden Beispiele gibt es noch mehr: Die Regeln der Diplomatie verbieten es, den Namen des Wladimirer Politikers zu nennen, der da proklamierte, als es noch „nur“ um die Krim ging, er werde als erster mit einer Kalaschnikow den bedrängten Landsleuten in der Ukraine zur Hilfe eilen. Nun sitzt er zwar noch immer zu Hause, aber die geistige Brandstiftung tut ihr Werk, und die russischen wie ukrainischen Mütter und Bräute haben allen Grund, um ihre Söhne und Männer zu bangen. Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti platzierte eine Stellenanzeige im Netz: „Gesucht werden Panzerfahrer in der Ostukraine.“ Und Alexander Dugin, der Apologet seines in Abgrenzung zum moralisch verwerflichen Westen propagierten Neo-Eurasismus läßt keinen Zweifel daran, wes Ungeistes Kind er ist, wenn er twittert: „Töten, töten, töten! Und es darf keine weiteren Gespräche geben. Das sage ich als Professor.“ Wer so zu den Fahnen ruft, sollte auch bereit sein, morgen mit der Trikolore die Zinksärge zu drapieren.

Und wie soll man verstehen, wenn Texte des deutschen Historikers Sebastian Stopper als extremistisch eingestuft werden, weil sie angeblich das Andenken an die Partisanen des Zweiten Weltkriegs beschmutzen, indem sie Statistiken in Zweifel ziehen, die so manchen Erfolg gegen die deutschen Besatzer in den Wäldern von Brjansk frisiert haben, um der Obrigkeit zu gefallen? Dabei gilt doch Alexander Solschenizyns Wort für alle Seiten im Krieg: „Wer die Gewalt zu seinem Prinzip macht, muß die Lüge zu seinem Prinzip erwählen!“

Gerade am 22. Juni möchte man fragen: Wann macht sich Rußland endlich vom Krieg frei? Wann definiert es sich nicht mehr nur durch den Sieg gegen den Faschismus? Wann entkommt es den eigenen Legenden und Lebenslügen? Die Veteranen auf beiden Seiten hatten doch so gehofft und alles dafür getan, daß es nie mehr Kriegsheimkehrer geben möge! Sie hatten glauben wollen, die letzten Schlachten geschlagen zu haben.

Rußland: Uns gehört die ganze Welt. Im Hintergrund ein nicht weiter entzifferbarer Aufdruck mit Sewastopol

„Rußland – Uns gehört die ganze Welt.“ Im Hintergrund ein nicht weiter entzifferbarer Aufdruck mit Sewastopol.

Doch das Leichengift der UdSSR, deren Untergang Wladimir Putin für die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts hält, hat sein Wirkung nicht verloren. Wie anders könnte sonst eine solche Aufschrift auf ein T-Shirt gelangen: „Rußland – Uns gehört die ganze Welt“. Gab es da nicht einmal ein unsäglich nationalistisches Lied, in dem es hieß:

Es zittern die morschen Knochen
der Welt vor dem roten Krieg.
Wir haben den Schrecken gebrochen
für uns war´s ein großer Sieg.
Wir werden weiter marschieren,
wenn alles in Scherben fällt,
und heute gehört uns Deutschland
und morgen die ganze Welt

Man möchte das Schandlied nicht weiter zitieren. Besser ist es da schon, den exilierten Nobelpreisträger Joseph Brodsky zu Wort kommen zu lassen, der 1980 in seinem Aufsatz „Über die Tyrannei“ wohl universal gültig sagte: „Die durchschnittliche Dauer einer Tyrannei beträgt fünfzehn, höchstens zwanzig Jahre. Werden es mehr, gerät sie unausweichlich zu einem Monstrum. Man bekommt dann jene Sorte Grandeur, die sich im Führen von Kriegen oder durch Terror im Inland äußert, oder beidem.“ Die Freunde Rußlands wünschen sich freilich eine andere Größe, nämlich jene moralische Kraft eines exkommunizierten Lew Tolstoj, der radikal-christlich gefordert hatte, dem Bösen nicht zu widerstehen. Die Größe, dem kleinen und zu Unrecht pauschal als „faschistisch“ verleumdeten Nachbarn, dem slawischen Brudervolk, die Hand zu reichen, das 1994 seine Atomwaffen in dem Glauben nach Rußland verlagert hat, Moskau werde dafür die territoriale Integrität des jungen Staates garantieren. Die Grandeur wünschen sie an diesem für alle Völker der Sowjetunion, auch und gerade für die Ukrainer oder Weißrussen, so traumatischen Gedenktag, die ausgestreckte Hand zu ergreifen – bevor noch mehr Unheil angerichtet wird. In Rußlands Namen. Und in Rußland, wenn die Desperados – hoffentlich unverrichteter Dinge – eines Tages aus der Ostukraine zurückkehren – mit all ihrer aggressiven und aufgepeitschten Wut im Bauch.

Mehr zum Thema und insbesondere zum Denken und Wirken von Wolfgang Morell unter: http://is.gd/IV8E83

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Der kollektiven Erinnerung Deutschlands ist der 22. Juni 1941 fast entfallen. Dabei steht dieses Datum für die Steigerung der Unmenschlichkeit ins Unermeßliche, steht dieses Datum für den Beginn und das Ende des barbarischsten Feldzuges in der Menschheitsgeschichte, steht dieses Datum für ein Leid, das nie vergessen werden darf, das uns Deutschen die überlebenden Opfer aber längst verziehen haben. Welch eine zivilisatorische Leistung! Verstehen werden wir weder das Unternehmen Barbarossa, das heute vor 71 Jahren seinen unseligen Anfang nahm, noch den Faschismus insgesamt, der die ganze Welt ins Elend zu stürzen drohte. Und doch versucht es vor allem die Kunst, die Literatur immer wieder, das Wesen dieses Alptraums begreiflich zu machen. Der Roman „Leben und Schicksal“ von Wassilij Grossman, nach zehnjähriger Arbeit vom Autor 1974 in der Sowjetunion – natürlich vergeblich – zur Veröffentlichung angeboten und erst 1980 in Lausanne auf Russisch erschienen, gehört zu den Werken, denen das gelingt. Das Kapitel 51 aus Teil 1 des Romans mag das vor Augen führen:

22. Juni 1941. Menschen in Moskau erfahren über Rundfunk vom unerklärten Krieg Deutschlands gegen die UdSSR.

Eine Rechenmaschine führt mathematische Berechnungen durch, erinnert an historische Ereignisse, spielt Schach, übersetzt Bücher aus einer Sprache in die andere. Sie übertrifft den Menschen in seiner Fähigkeit, mathematische Aufgaben schnell zu lösen; ist Gedächtnis ist untadelig.

Gibt es eine Grenze für den Fortschritt, der die Maschine nach dem Bild und Ebenbild des Menschen erschafft? Offenbar gibt es diese Grenze nicht.

Man kann sich die Maschine der zukünftigen Jahrhunderte und Jahrtausende vorstellen. Sie wird Musik hören, Malerei beurteilen, selbst Bilder malen, Melodien erschaffen, Verse schreiben.

Gibt es eine Grenze für ihre Vollkommenheit? Wird sie dem Menschen gleich werden, ihn übertreffen?

Die Nachbildung des Menschen durch die Maschine wird immer neue Zuwächse an Elektronik, Gewicht und Fläche erfordern.

Kindheitserinnerungen… Glückstränen… Trennungsschmerz… Freiheitsliebe… Mitleid mit einem kranken jungen Hund… Ängstlichkeit… mütterliche Zärtlichkeit… Todesgedanken… Trauer… Freundschaft… Liebe zu den Schwachen… unvermutete Hoffnung… eine glückliche Lösung… Schwermut… grundlose Fröhlichkeit… plötzliche Bestürzung…

Alles, alles wird die Maschine reproduzieren! Doch die Fläche der ganzen Erde wird nicht ausreichen, um diese Maschine aufzustellen, die sich in Umfang und Gewicht in dem Maße bis ins Unendliche vergrößert, wie sie die Besonderheiten des Verstandes und der Seele des durchschnittlichen, unauffälligen Menschen nacherschafft.

Der Faschismus hat zig Millionen Menschen vernichtet.

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