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Archive for the ‘Zivilgesellschaft’ Category


Unter diesem Titel machte gestern das Nachrichtenportal „Zebra-TV“ auf und veröffentlichte einen Bericht zum jüngsten Treffen des Forums Prisma:

Das April-Treffen des russisch-deutschen Diskussionsforums „Prisma: Wladimir-Erlangen“ wollte sich thematisch den Folgen der Pandemie und dem Übergang der Städte und ihrer Einwohner zurück zur Normalität widmen. Leider ist das Corona-Virus jedoch bisher nicht weit genug unter Kontrolle, um von einem Ende der Pandemie sprechen zu können; außerdem stand eine Debatte über die Folgen der Pandemie im Zusammenhang mit den anhaltenden Corona-Virus-Beschränkungen in beiden Ländern an.

Unter den gegebenen Umständen fand das Treffen im bereits gewohnten Fernmodus unter Einsatz des Internets statt.

Am 22. April 2021 um 16:00 Uhr Moskauer Zeit gingen die Teilnehmer des Diskussionsformats „PRISMA: Wladimir-Erlangen“ auf Sendung und versuchten, offen und objektiv einzuschätzen, wie die Menschen jeweils in ihrer Stadt mit den gegenwärtigen Schwierigkeiten zurechtkommen.

Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Steger

Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung, begrüßte die Mitglieder im Namen der russischen Seite mit dem Hinweis darauf, nicht nur die Pandemie beunruhige die Russen, sondern auch die instabile internationale Lage und insbesondere die sich verschlechternden Beziehungen zwischen Rußland und den westlichen Ländern. In diesem Zusammenhang stellte Wjatscheslaw Kartuchin allen Teilnehmern die akute und sogar leicht provokante Frage: „Wollen wir etwa nach Nord Stream 2, Sputnik V auch Prisma verbieten?“

Von der deutschen Seite begrüßte Gerda Reitzenstein die Runde mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Kontakte und Dialoge zwischen Menschen beider Länder und schlug vorausschauend vor, die von Wjatscheslaw Kartuchin gestellte Frage nach der weiteren Entwicklung unseres Diskussionsklubs später zu beantworten.

Prisma: Wimmelbild am Bildschirm

Dieses Mal freilich standen Berichte aus Wladimir und Erlangen im Vordergrund, die den Themen Bildung und Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitswelt widmeten.

Marina Sokolowa, Leiterin der Abteilung für Soziale und Geisteswissenschaftliche Disziplinen der Akademie, präsentierte die Ergebnisse einer Studie über die Selbstwahrnehmung von Studenten unter den Bedingungen der Pandemie und der Quarantäne. Die Studie zeigte, daß ihnen einerseits mehr Zeit für das Lernen und das Studium zur Verfügung stand, sie andererseits aber einen akuten Mangel an unmittelbaren Kontakt zu Freunden und Lehrkräften verspürten. Die gewonnenen Daten wurden von den Studenten selbst bestätigt, die an der Sitzung teilnahmen und sowohl positive Aspekte des Übergangs zum Fernstudium (Zeitgewinn, neue Möglichkeiten usw.) als auch negative Gesichtspunkte, vor allem die Abschaffung der gewohnten Formen der Kommunikation mit Gleichaltrigen, feststellten.

Alexander Illarionow, Marina Sokolowa, Roman Jewstifejew und der studentische Nachwuchs

Roman Jewstifejew, Professor der Politologie an der Akademie, hob die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeit und das Leben von Hochschullehrern hervor und bemerkte, die Akademie habe sich im allgemeinen der Herausforderung gestellt, indem sie den Bildungsprozeß und die Arbeit von Lehrern und Studenten ziemlich schnell ins Internet verlegt habe. Auftretende Schwierigkeiten und Probleme habe man auf technischer und organisatorischer Ebene umgehend gelöst. Gleichzeitig verursache die Umstrukturierung des Bildungsprozesses und seine Verlegung auf das Online-Format eine Reihe neuer Probleme, die mit der Erhöhung der Arbeitsbelastung der Lehrkräfte und den Veränderungen der Lehrmethoden, der Interaktionsformen und der Wissenskontrolle der Studenten zusammenhängen. Vor allem aber unterbreche der Übergang zum Fernunterricht den emotionalen und intellektuellen zwischenmenschlichen Kontakt.

Das Bild der Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem, gezeichnet im Bericht der deutschen Kollegin, Oxana Kirej, Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der Friedrich-Alexander-Universität, erwies sich als den russischen Verhältnissen erstaunlich ähnlich. Dies wurde auch von den deutschen Studierenden selbst bestätigt, die eine kurze Vorstellung ihrer Sicht gaben. Die deutschen Universitäten setzen übrigens im Gegensatz zu den russischen noch immer auf Fernstudium. Es ist  nicht verwunderlich, wenn Pädagogen und deutsche Studenten bei all den Vorteilen des Fernstudiums die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Vorlesungs- und Seminarräume äußern.

Der Vortrag von Axel Fronek, Mitarbeiter der Siemens AG, beschäftigte sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsplatz am Beispiel seiner Firma. Durch die Versetzung einiger Mitarbeiter in das sogenannte „Home Office“, konnte das Unternehmen den härtesten Restriktionen standhalten. Außerdem habe sich diese Praxis bewährt und Siemens plane, sie auch nach der Pandemie fortzusetzen und gleichzeitig die Anzahl der Arbeitstage pro Woche vor Ort im Betrieb von fünf auf drei oder vier zu reduzieren.

Roman Jewstifejew

Alle übrigen Mitglieder nahmen aktiv an der Diskussion der Berichte teil. Es gab berechtigte Hinweise auf die wichtige Rolle des Gesundheitspersonals während der Pandemie, insbesondere der Krankenschwestern, auf die Probleme der Rentner in der Zeit der Quarantäne usw. Als roter Faden zog sich durch alle Präsentationen die Hoffnung, man werde alle Schwierigkeiten überwinden werden und Möglichkeiten finden, um zum direkten Kontakt und zur direkten Kommunikation zurückkehren zu können. Natürlich erhofft man sich von der Impfung der Bevölkerung einen großen positiven Effekt, der in beiden Ländern, wie zu befürchten steht, jedoch noch nicht so schnell eintreten dürfte, wie wir es uns wünschen würden. Zum Abschluß des Treffens vermeldete Peter Steger, Partnerschaftsbeauftragter der Stadt Erlangen, übrigens die positive Nachricht, wonach der sächsische Ministerpräsident nach einem Gespräch mit dem russischen Gesundheitsminister den Kauf von 30 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs gegen das Corona-Virus angekündigt habe.

Ein solches Beispiel der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern unterstützt die Hoffnung auf eine gemeinsame positive Zukunft nach der Pandemie.

Gleichzeitig haben wir uns mit Blick auf die digitale Welt selbst verändert und verändern uns weiterhin rasant. Das Wichtigste ist, bei all den Veränderungen nicht unsere einzigartigen menschlichen Qualitäten und den Wunsch aufzugeben, uns gegenseitig zu verstehen. Dies ist es, was uns auch in der kalten und rationalen digitalen Welt erlaubt, menschlich zu bleiben.

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Am heutigen bundesweiten Gedenktag für die Opfer und Angehörigen der Corona-Pandemie pflanzte Oberbürgermeister Florian Janik, unterstützt von Christoph Kintopp (Stadtgrün) und Peter Steger (Partnerschaftsbeauftragter), am Bohlenplatz, unweit vom Bibelgarten, einen amerikanischen Amberbaum als Zeichen der Anteilnahme sowie der Hoffnung. Eine Geste, die ausdrücklich auch für alle Verstorbenen und deren Angehörigen in den Partnerstädten gilt, von denen jede auf ihre Weise unter COVID-19 zu leiden hat. Hören und sehen Sie dazu hier die Ansprache von Oberbürgermeister Florian Janik.

https://www.youtube.com/watch?v=gyYgFU6Hodg

Alleine in Wladimir verstarben in den letzten Monaten drei Männer an den Folgen der Infektionskrankheit, die über Jahre die Partnerschaft prägten: der Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, der Arzt Michail Tjukarkin und der Künstler Wladimir Rusin. Ihnen und ihren Angehörigen gehören heute unsere Gedanken besonders.

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2017 verbrachte Max Firgau in Wladimir ein Auslandssemster. Eine Erfahrung, die ihn weit über das Studium hinaus mit der Partnerstadt bis heute verbindet. Wie sehr, zeigt diese Geschichte einer deutsch-russisch-amerikanischen Freundschaft, die das Zeug zu einer völkerverbindenden irdischen Osterbotschaft hat.

Eine beliebte Bar im Zentrum Wladimirs trägt den Namen 4Brewers (4Пивовара). Dort gibt es nicht nur 20 verschiedene Biersorten vom Hahn sowie Burger, Fingerfood und Nürnberger Bratwürstchen (zumindest werden sie in der Speisekarte als solche betitelt), sondern auch Merchandising wie Gläser, Bierfilzerl und Sticker im Design der Kneipenkette.

Schon vor einigen Jahren hatte ich ein solches Trinkglas – gerade Wände, aufgedrucktes Logo, 0,5l Bierfassungsvermögen –, welches leider eines Tages in ein paar ungeschickte Hände geriet und zu Bruch ging. Nachschub zu besorgen, gestaltete sich in mehrfacher Hinsicht als schwierig – zumal ich selbst 2019 zum letzten Mal in der Partnerstadt war. Aber nachdem immer noch viele Bande nach Wladimir und darüber hinaus reichen, sollte sich auch hier eine gleichsam praktische wie auch im Sinne der Städtepartnerschaft typische Lösung finden:

Mila Petrowa, die ich von meinem Auslandssemester 2017 als Kommilitonin kennengelernt hatte, und Andrew Calahan Morse, damals Englischlehrer im American Home, sind inzwischen als Paar unterwegs und 2020 gemeinsam nach Wien gezogen, wo Andrew über buddhistische Philosophie promoviert. Die erste Zeit in der gemeinsamen Wohnung währte erstmal nur ein paar Monate, weil Milas Schengen-Visum ablief und sie deshalb im Dezember 2020 wieder zurück nach Wladimir fuhr. In dieser Zeit fragte ich sie, ob sie nicht mal in einer freien Minute bei 4Brewers vorbeischauen könne, um zu sehen, ob es dort momentan Gläser gibt. Gesagt, getan, Mila kaufte mir zwei Gläser und hütete diese monatelang, bis sie endlich im März mit einem neuen Visum nach Wien reisen durfte. Wenig später erhielt ich ein kleines Paket mit einer illustren und sehr gut eingepackten Füllung.

Und wieder einmal bewies eine in Wladimir geknüpfte Freundschaft ihre Langlebigkeit – ausgedrückt durch zwei Biergläser. Prost!

Max Firgau

P.S.: Auch in Erlangen gingen Ostergrüße ein. Tatjana Krissanowa, Leiterin des Sprachlernzentrums am Erlangen-Haus, schickte gestern abend diesen Bilderstrauß – uns allen zur Freude:

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Jelena Ljosowa von Kljutsch-Media führte dieser Tage ein Interview mit der Gestalttherapeutin Tatjana Lobok, einer der Mitveranstalterinnen des No-Flower-Fests, von dem der Blog hier https://is.gd/MsJrwH berichtet hatte:

Die Banner in den App-Stores zeigen in üppigen Farben und Formen weibliche „Avatare“: Auch bei uns scheint sich das Marketing wie überall auf der Welt die feministische Strategie zu eigen gemacht zu haben. Frauen bestellen Taxis, Frauen shoppen bei einer Flaggschiff-Sneaker-Marke, Frauen zeichnen mit wasserfesten Stiften bunte Pfeile. Trend-Hype oder die bewußte Hinwendung des Planeten zur Anerkennung von Frauenrechten? Worin liegt das Wesen eines angemessenen Feminismus, und wo haben wir es mit offensichtlichen „Übergriffen“ zu tun, das versuchen wir zusammen mit der Gestalttherapeutin, Tatjana Lobok, herauszufinden, die eine private Praxis hat und als Psychologe in Wladimir mit Frauen in schwierigen Lebenslagen arbeitet. Wie kam der Feminismus in Ihr Leben?

Tatjana Lobok

Als ich jung war, interessierte ich mich für politische Bewegungen aller Art, und ich sah den Feminismus als eine dieser Bewegungen. Für mich und meine Freunde war dieser Bund um humanistische Ideen eine Möglichkeit, ein Gefühl der Gemeinschaft zu erleben und eine interessante Zeit zu haben. Was mich daran hinderte, ein wirkliches Verständnis von Feminismus zu bekommen, war, daß ich ihn als getrennt von meiner alltäglichen, realen Erfahrung von Diskriminierung, Sexismus und Gewalt sah. Das Thema der sozialen Ungerechtigkeit gegenüber Frauen kam erst in mein Leben und nahm klarere Formen an, als ich in meinen Beruf ausübte. In meiner Arbeit wurde ich mit vielen schrecklichen Geschichten von Gewalt und Mißbrauch der Macht von Männern über Frauen konfrontiert und mir wurde klar, wie viel Unvollkommenheit in unserer sozialen Struktur steckt. Mir wurde deutlich, daß der Status quo nur systemisch, auf der Ebene von Gesetzen und veränderten gesellschaftlichen Einstellungen verändert werden kann. Das ist genau das, was Feministinnen tun, und deshalb machte ich mich mit ihnen auf den Weg.

Welche Entdeckungen hat der Feminismus in Ihr Bewußtsein gebracht?

„Die große Entdeckung für mich war die Geschichte des Feminismus. Ich wurde in der Sowjetunion geboren, und in meiner Kindheit gab es so etwas wie „Ich bin ein Mädchen, also ist mir nicht alles zugänglich“ nicht. Und doch war es vor einem Jahrhundert nicht selbstverständlich, daß alle Menschen die gleichen Rechte haben. Mit der Zeit durchschaute ich das Problem und begeisterte mich für die Aktivitäten der Feministinnen, weil sie ein bis heute wichtiges Anliegen vertreten. Dank ihrer Kämpfe kann ich Eigentum besitzen, beruflich vorankommen, Lernstrategien wählen, mich scheiden lassen und uneheliche Kinder bekommen.

Was sind einige der Ungerechtigkeiten, die der Feminismus in Ihrer Arbeit bekämpft?

In meiner Praxis begegne ich verschiedenen Lebenssituationen, in denen sich Frauen befinden und aus denen sie aufgrund der Ungerechtigkeit des Systems nicht herauskommen. Ja, heute erklärt niemand offen, die Frau sei ein Mensch zweiter Klasse, aber es gibt viele Anzeichen für Ungleichheit. Zum Beispiel fehlt ein Gesetz gegen häusliche Gewalt. In meiner Arbeit begegne ich jeden Tag der Hilflosigkeit von Frauen ohne wirklichen Schutz vor dem Angreifer. Wenn es auf der legislativen Ebene keine Handhabe gibt, kann wenig gegen den Tyrannen unternommen werden. Der zweite Aspekt ist die oft abhängige Position der Frau nach der Geburt. Leider ist dies die Zeit, in der sie am verletzlichsten ist, was von einem Mann ausgenutzt werden kann, der seine Macht mißbraucht. Befürworter der Position „selbst schuld“ werden sagen: „Sie hätte sich doch vorher absichern, ein Bankkonto einrichten, mit einem Ehevertrag heiraten können!“ Aber seien wir mal ehrlich: Wie viele Menschen in breiten Gesellschaftsschichten tun das?

Im Frauenhaus stoßen wir auf viele Geschichten, die mit Gewalt zu tun haben, natürlich mehr emotional, mit Scheidung und Trennung von den Kindern. Oft stellt sich heraus, daß eine Frau den Mißbrauch nicht mehr ertragen kann, aber mittellos dasteht. Dann bekommt sie gleich zu hören: „Du hast keine Wohnung, du hast keine Arbeit, wie sollen wir dir dann Kinder geben?“ Eine solche abhängige Person kann von ihrem ehemaligen Partner in jeder Weise unter Druck gesetzt werden. Die Opfer befinden sich in einer ausweglosen Situation, ohne eigene Existenzgrundlage, ohne Unterstützerkreis und mit zerrüttetem Selbstwertgefühl.

Können Sie Beispiele für Widersprüchlichkeiten des Feminismus beschreiben?

Wenn man von Widersprüchen im Feminismus sprechen kann, dann ist es meiner Meinung nach die innere Misogynie, die in den Mädchen „eingebaut“ ist. Das sind Meinungen nach dem Motto „der Mann ist wertvoller“, „der Mann ist wichtiger“, „wenn er Kinder will, muß ich sie ihm gebären“, „unbedingt und immer in einem Paar bleiben“. Diese Frauen kommen zu mir, ohne zu verstehen, was mit ihnen los ist. Es scheint, es sei alles in Ordnung, ich habe eine Familie, einen Mann, Kinder, aber ich weine die ganze Zeit, verliere Gewicht, werde dick, schlafe nicht. Da fangen wir an, die Folgen der Geschlechtersozialisation ans Licht zu bringen.

Klischees wie „Kinder sind Frauenarbeit“ sind bei den meisten Menschen standardmäßig eingewoben, ebenso wie das historische Gedächtnis. Wie auf dem feministischen Festival in Wladimir gesagt wurde, „wir haben uns unsere Rechte genommen, aber wir haben nicht die Verantwortung abgelegt“. Einen Haushalt zu führen und gleichzeitig Kinder zu erziehen – das ist angesichts der Geschwindigkeit und Intensität unseres modernen Lebens sehr schwierig. Wieder einmal haben wir „vergessen“, daß der Haushalt eine „zusätzliche Belastung“ darstellt, die die Karriere einer Frau erschwert. „Revolutionär“ erscheint es da schon, wenn das Ehepaar alles in zwei Hälften teilt, beide „die Lage in der Küche im Auge haben“ und niemand unter der Knute steht.

Wenn wir schon beim anderen Extrem sind: Was halten Sie von radikalfeministischen Äußerungen?

Ich bin eher mißtrauisch gegenüber allen Formen von Bigotterie und rabiaten Äußerungen gleich welcher Art. Gleichzeitig hat der radikale Teil der feministischen Gemeinschaft gehandelt und „am lautesten geschrien“ und auf die Probleme aufmerksam gemacht, wie es sich für die Avantgarde aller Zeiten gehört. Aber es sind auch solche schrillen Sachen, die die Ideen des Feminismus in den Mainstream bringen, und Dinge, die einmal wild, seltsam oder absurd schienen, werden allmählich normal und verständlich. Wenn solche Aktionen dazu dienen, die Rechte aller Menschen, unabhängig vom Geschlecht, wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bin ich voll dafür. Ich kann mich an keine Fälle von Gewalt oder andere Vorfälle jenseits des Strafgesetzbuches erinnern, die von Feministinnen verursacht worden wären. Ich stehe dem intersektionalen Feminismus am nächsten. Das Prinzip der Intersektionalität stimmt mit meinen Werten überein, die ich als universell bezeichnen würde.

Welche der Haltungen teilen Sie nicht?

Tatjana Lobok

Ich teile nicht den radikalen Ableger des Feminismus, wo Frauen behaupten, sie seien in jeder Hinsicht besser als Männer, man solle sich mit „den Männern“ überhaupt nicht erst beschäftigen. Das ist schon eine ungesunde Bigotterie, die ich nicht zu akzeptieren bereit bin. Als Expertin sehe ich, daß Männer genauso unter dem patriarchalen Konstrukt leiden. Sie sind die gleichen Opfer von Geschlechterstereotypen der Art „ein Mann hat immer Recht“, „Männer weinen nicht“, „wenn du nicht gedient hast, bist du kein Mann“ und dergleichen.

Radikale Manifestationen des Feminismus sind mir in Wladimir nicht begegnet, im Gegensatz zur Dominanz von Sexismus und Misogynie. Wenn auch nur im Internet, wo ich ein paar Mal „Kommentaren“ dieser Art begegnete. Dies äußert sich in der Regel in harschen, unversöhnlichen Aussagen. Aber wenn es eine Diskussion über die weibliche Beschneidung gibt, denke ich, geht es nicht immer ganz sanft zu und mit einem Smiley ab. Wie auch immer, das Netz ist voll von gestörten Charakteren oder Trollen. Es ist ja eher eine private Angelegenheit.

Das feministische Benefizfestival in Wladimir, an dem ich mit meiner Praxis teilnahm, ist ein gutes Beispiel für eine korrekte Auseinandersetzung mit schwierigen und schmerzhaften Themen. Für mich war es wichtig, dass eine arbeitsfähige und freundliche Atmosphäre herrschte, Gespräche in angemessener Form geführt wurden, ohne Parolen „Alle Männer sind schuld!“

Wie arbeiten Sie als Expertin mit Problemen, die mit der Geschlechtersozialisation zusammenhängen?

Der Weg der Therapie ist lang, von sechs Monaten und mehr, wobei der größte Teil der inneren Arbeit zwischen den Sitzungen stattfindet. Allgemein ausgedrückt, stellen wir in Sitzungen die Sensibilität der Person für sich selbst und ihre Bedürfnisse wieder her und finden geeignete Wege, diese zu erfüllen. Denn im Kern der meisten Neurosen steht der Konflikt zwischen „Wollen“ und „Brauchen“. Wenn wir über die Arbeit mit Frauen im Kontext des Feminismus sprechen, ist dies in erster Linie die Arbeit mit der traumatischen Erfahrung von Gewalt. Und auch mit Geschlechterstereotypen und Rollenvorgaben, wie eine Frau zu sein habe, was eine Frau zu denken, zu tun und zu fühlen habe und was sie nicht dürfe. Wir überdenken diejenigen von ihnen, die nicht passen, die einer Frau im Weg liegen. Wir haben es mit Introjekten zu tun, Haltungen, die in der Kindheit unkritisch erlernt wurden. Zum Beispiel, ein gutes Mädchen höre auf die Eltern, falle niemandem zur Last, höre auf alle älteren und solle eine ausgezeichnete Schüler sein. Aber sie wächst zu einer Frau heran, die mit dem Anliegen zur Therapie kommt, die Rolle des „guten Mädchens“ sei ihr zu eng und schmerzhaft geworden. Aber sie kennt es nicht anders. Damals, als Kind, konnte sie nirgendwo hingehen, sie hatte nach dem Programm zu leben, das ihr die Eltern vorgaben. Im Erwachsenenalter hat sie nun die Möglichkeit und die Ressourcen, diese Einstellungen zu überdenken. Die Frau hat einen Entscheidungsspielraum, sie erforscht ihn in der Therapie, macht eine neue Erfahrung damit und beginnt, ihn in ihrem Leben zu praktizieren. In solchen Momenten höre ich nicht selten den Satz: „Ach, so hätte ich das also machen können?“.

Derzeit erstellt Tatjana Lobok zusammen mit einer Kollegin einen Podcast „40±“, in dem sie sich mit dem Thema Midlife-Crisis bei Frauen auseinandersetzen. Ihre Hoffnung: Es möge bald einfach keine Zweifel mehr an der Gleichheit aller Menschen geben.

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Die überwältigende Mehrheit der russischen Frauen läßt es sich am 8. März weiterhin gefallen, in männlichen Festreden gefeiert, von ihren Partnern mit Blumen bedacht und von Politikern für ihre Qualitäten öffentlich wie privat mit Lob und Anerkennung überhäuft zu werden, um sich dann den Rest des Jahres wieder weitgehend auf sich alleine gestellt zu sehen.

Das Orga-Team; auf dem schwarzen T-Shirt zu lesen: Eine Kleinigkeit und doch angenehm!

Doch es regt sich Widerstand gegen diese Besitzstandswahrung von Stereotypen und Traditionen, Frauen, auch in Wladimir, beginnen damit, ihre Rolle nicht mehr als naturgegeben zu verstehen, sondern selbst zu definieren. Ein Podium für diese öffentliche Identitätsfindung bietet eine Veranstaltungsreihe, die sich über vier Tage im März hinzieht – von einer Ausstellung zum Thema „Zärtlichkeit als Strategie“ über „Sechs Geschichten, wie Frauen Kreativität und Unternehmertum vereinbaren können“ bis hin zu einer Lesung mit Oxana Wasjakina – „Eva wurde nicht aus einer Rippe, sondern durch Notzucht geschaffen“ – unter dem Titel „Kurze Einführung in die feministische Poesie“.

Freiheit, Gleichheit, Mutterschaft. – Weibliche Solidarität.

Die Eröffnungsveranstaltung am 8. März war mit ihren Kurzvorträgen und interaktiven Spielen schon einmal gut besucht und füllte das Spendenkonto zu Gunsten des Frauenhauses. Bereits im Vorjahr hatte sich die Initiative gebildet, die genug vom „Fest der lieben Damen“ hat, sondern lieber über sich, die Ausbildung, die Kariere, die Selbstverwirklichung, über Sex und Feminismus sprechen und dabei auch noch Spaß haben will.

Die konservative Reaktion: „Mit tiefster Betrübnis müssen wir feststellen, daß die Frauenfrage keine originellen Züge trägt, wir hören von den Frauen keine wirklichen Forderungen, sondern nur die Imitation ausländischer Ideen und Phantasien, die mit der Realität nichts zu schaffen haben.“

Die Gruppe glaubte schon 2020 daran, nicht allein zu sein, und veranstaltete den ersten Abend in Wladimir unter dem Motto „No Flowers Party“ für alle, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung – ohne Sexismus, Stereotype und „die schöne und bessere Hälfte der Menschheit“.

Weniger glauben die Veranstalterinnen und Referentinnen an Wunder. Die derzeitige Politik im Lande sei eher rückwärtsgewandt und propagiere das traditionelle Frauenbild, man müsse also mehr denn je für Gleichberechtigung qua Gesetz kämpfen und natürlich etwas gegen „die Kakerlaken tun, die durch viele männliche Köpfe rennen“.

So berichtete eine Besucherin, an der Berufsfachschule erzähle man den jungen Frauen noch immer, sie sollten sich doch lieber auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten und das Arbeiten den Männern überlassen. Und eine andere ergänzte, sie höre immer wieder, wie gut es sei, möglichst viele Jungs in der Klasse zu haben, weil man andernfalls im Vergleich zu den übrigen Klassen den Wettbewerb verlieren würden.

Man darf gespannt sein, wie sich das Fest in den kommenden Jahren positioniert. Mehr dazu erfahren wir vielleicht schon im Herbst, wenn Erlangen mit den Partnerstädten eine internationale Frauenkonferenz abhält – in der bisherigen Planung digital, möglicherweise aber auch hybrid – und dabei sicher auch Stimmen aus Wladimir zu Wort kommen.

Mehr zu der Initiative – in russischer Sprache – hier unter diesem Link: https://noflowers.ru

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Als hätten sie sich abgesprochen, berichteten gestern die Erlanger Nachrichten und der Staatliche Lokalsender Wladimir von der ersten Videokonferenz des Gesprächsforums „Prisma“ in diesem Jahr am 4. Februar zum Thema, wie sich die Pandemie auf das Leben in den Partnerstädten auswirkt.

Kommentar von Oberbürgermeister Florian Janik am 4. Februar: „Spannend. Gerade diskutieren wir im Rahmen der Diskussionsreihe Prisma Waldimir – Erlangen mit unseren Freund*innen in Wladimir über Corona und den Umgang damit in unseren beiden Städten. Und wieder einmal wird klar. Uns verbindet viel mehr, als uns trennt – auch in der Pandemie!“

Durch das „Prisma“ der Zusammenarbeit. Das Gesprächsforum, angesiedelt bei der Präsidialakademie für Verwaltung und Wirtschaft, verbindet nun schon seit einigen Jahren Wladimir und Erlangen. Die jüngste Begegnung fand per Zoom statt, und der Grund für das Teleformat lieferte dieses Mal auch das von beiden Seiten diskutierte Thema.

Ja, es handelt sich um unterschiedliche Länder, unterschiedliche Rechtssysteme, unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, unterschiedliche Traditionen und so weiter, aber das Virus macht alles gleich. Das Virus überträgt sich von Mensch zu Mensch und folgt dabei bestimmten biologischen Gesetzen. Um sich ihm entgegenzustellen, müssen wir deshalb diese Interaktionen unterbrechen. Wenn wir diese Pandemie überwinden wollen, brauchen wir Einschränkungen, eine sogenannte Restriktion, die vielen nicht behagt. Ob diese Regeln nun aber jemandem gefallen oder nicht, sind es doch genau sie, welche die Übertragung des Virus aufhalten.

Roman Jewstifejew, Politologe und Professor an der Akademie

Die in Deutschland gültigen Einschränkungen gleichen nach Aussage unserer deutschen Freunde jenen, die man bei uns während der ersten Welle ergriffen hatte: der sogenannte Lockdown mit einer möglichst strengen Begrenzung der Mobilität und Kontakte. Den Bewohnern des Planten dabei zu helfen, zum Leben vor der Pandemie zurückzukehren, kann nach Überzeugung beider Seiten die Impfung. Auf der so entstehenden Herdenimmunität ruhen große Hoffnungen. Verschwörungstheorien zum Auftreten von Corona ist hingegen jeder Boden entzogen.

Unser Kollege, der promovierte Mediziner an unserer Akademie, Igor Togunow, sprach viel über das Virus. Und als ihn die deutsche Seite fragte, ob er das Virus als eine natürliche Entwicklung oder als menschengemacht betrachte, gelang es dem Arzt und Wissenschaftler, mit Hilfe von vielen dies belegenden Fakten, alle, auch die deutschen Kollegen, von der natürlichen Entstehung des Virus zu überzeugen.

Roman Jewstifejew, Politologe und Professor an der Akademie

COVID-19 hat beide Länder verbunden, deshalb ist es jetzt wichtiger denn je, einander zu helfen und zusammenzuhalten.

Es ist sehr angenehm, wie die politische Leitung der Städte Erlangen und Wladimir mit ihrer persönlichen Teilnahme unsere Begegnungen unterstützt. Ich betrachte dies deshalb aus der Perspektive der Volksdiplomatie als sehr wichtig. Ungeachtet der verschiedenen Probleme in der Außenpolitik gibt es solche Gesprächsforen, und sie halten die Verbindung zwischen den Menschen unserer Städte und Länder aufrecht.

Wjatscheslaw Kartuchin, Direktor der Akademie und stellv. Vorsitzender der Regionalduma

Die Frage der Überwindung all der Folgen nach der Pandemie blieb offen und wird Thema der nächsten Diskussion, die schon bald folgen soll.

Die Reportage im russischen Original ist hier zu sehen:

Anm. d. Blog-Redaktion: Die Frage nach der Herkunft des Virus wurde nicht von Erlangen, sondern von Wjatscheslaw Kartuchin gestellt. Die Erlanger Seite brauchtе auch nicht von der natürlichen Herkunft des Virus überzeugt werden.

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Des Chronisten Pflicht gilt heute den Kundgebungen, zu denen der „Berliner Patient“, nach seiner Verhaftung in Moskau aufgerufen hatte, und die gestern in gut einhundert Städten im ganzen Land – vom fernen Chabarowsk bis Wladimir – stattfanden. Überall, wie in der Partnerstadt auch, mit Verweis auf die epidemiologische Lage und die Nichteinhaltung der Anmeldungsfrist, ohne behördliche Erlaubnis.

Dennoch hatten sich schon mehr als tausend, vor allem junge Leute, zum Protest gemeldet. Und tatsächlich versammelten sich gestern ab 14.00 Uhr nach Angaben der Presse bis zu 1.500 Menschen, die vom Theater bis zum Platz des Sieges zogen. Friedlich. Und sogar mit Unterstützung der Polizei, die immer wieder den Verkehr anhielt. Wer freilich Plakate entrollte, wurde daran gehindert und oft auch verhaftet. Nach Angaben eines Journalisten von TV Zebra, der die Kundgebung mit einem Bildreporter verfolgte, griffen sich allerdings immer wieder „junge, sportliche Männer ohne Uniform und Erkennungszeichen“ willkürlich Männer und Frauen aus der Gruppe und verfrachteten sie in offensichtlich bald überfüllte Fahrzeuge. Ob es am Ende, gegen 16.30 Uhr 30 oder 50 Festgenommene waren, wird sich später herausstellen, bisher liegen offenbar keine offiziellen Zahlen vor.

Meine Klobürste kostet 100 Rubel

Eine Verhaftung hat freilich das Zeug zur Ikone des Protests: Ein Ehepaar wurde zunächst gemeinsam abgeführt, doch die Frau ließ man dann doch wieder frei, worauf der Mann ihr vom Wagen aus noch zurief: „Nastja, ich liebe dich!“

Nastja, ich liebe dich!

Um die Teilnahme von Minderjährigen an den Protesten zu unterbinden, wurde an Schulen Nachmittagsunterricht angeordnet, und ältere Schüler wurden „instruiert“, nicht zur Demonstration zu gehen.

Die jungen, sportlichen Männer in Aktion

Unterstützung für die Aktion aus der Bevölkerung will der Berichterstatter durchaus wahrgenommen haben – aus zustimmenden Äußerungen von Passanten und dem Hupkonzert der Autos, freilich ist auch ein Spruch der Art dokumentiert: „Wo wollt ihr Blödmänner denn hin?!“

Noch weniger einschätzen läßt sich die weitere Entwicklung. Es bleibt nur zu hoffen, daß es so wie gestern verhältnismäßig friedlich auf beiden Seiten bleibt, auch wenn es da die eine oder andere Provokation von hier wie dort gegeben haben mag.

Allerdings weiß sich auch der Wladimirer Politologe Roman Jewstifejew keinen Rat, wenn er twittert: „Der Dialog zwischen Staat und Bevölkerung zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die wichtigsten Argumente beider Seiten: Die Zahl der Demonstranten und Festgenommenen versus Schlagstöcken und Verhaftungen. Wie das aufhalten? Ehrlich gesagt, als Athetist: Das weiß nur der liebe Gott.“

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Man darf das schon als Auszeichnung verstehen, wenn ein Dankschreiben des Deutsch-Russischen Forums, unterzeichnet von Martin Hoffmann, dessen geschäftsführendes Vorstandsmitglied, für die Teilnahme am Deutsch-Russischen Adventskalender eintrifft und die eigene Arbeit in das „Licht des Engagements von Menschen, die den Deutsch-Russischen Dialog so einzigartig charakterisieren“ gerückt wird. Zumal wir alle, die wir an der Front der deutsch-russischen Freundschaft stehen, selbst dankbar sein dürfen für all die vielen Angebote und Unterstützungen seitens des Forums. Im Namen all der ungezählten Ehren- und Hauptamtlichen im Dienst der Verständigung deshalb ein СПАСИБО, so groß und weit wie die russische Seele, nach Berlin: http://www.deutsch-russisches-forum.de

Da die süße Anerkennung in Gestalt der nach Königin Olga benannten Kugeln auch im Kistenformat nicht ausreichen würde, um allen eine Freude zu machen, die es verdient hätten, hier zumindest – nein, nicht das Zutatenverzeichnis! – die Geschichte von Königin Olga von Württemberg (1822-1892):

Königin Olga von Württemberg wird in Württemberg bis heute als fürsorgliche Wohltäterin verehrt. Die Tochter von Zar Nikolaus I heiratete 1846 den Kronprinzen Karl von Württemberg. Sie half besonders Kranken und Behinderten, viele Kliniken und andere Einrichtungen tragen ihren Namen.

Hergestellt wird die Leckerei mit Mandel-Nougat-Füllung im Schokoladen-Cassis-Mantel übrigens aus Kakao von Kleinkooperativen ohne Kinderarbeit: http://www.koenigin-olga.de – Und hier geht’s zum Adventskalender, zum dritten Türchen. Wer es noch nicht geöffnet haben sollte, tue das jetzt nachträglich: https://is.gd/kN3tOD

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Die orthodoxen Christen feiern heute den Heiligen Abend. Zu diesem Fest gehören auch in der Ostkirche anrührende Geschichten. Zwei davon will heute der Blog erzählen.

Ute Schirmer, Natalia Oserowa, Stanislaw Katkow und Peter Steger, 2013, gesehen von Wladimir Filimonow

Die eine begann, als 2013 der mehrfachbehinderte Stanislaw Katkow seiner Freundin aus Erlangen, Ute Schirmer, das Gedicht „Ein eisiger Tag“ mit einer Illustration der Fußmalerin, Alewtina Sinowjewa, überreichte.

Der Winter in Wladimir zeigt sich zwar heuer mit Frost im nur einstelligen Bereich bisher von seiner eher gemäßigten Seite, aber dafür gibt es ja Verse und Bilder, die nötigenfalls der Natur das andichten und gestalten, was ihr in Wirklichkeit fehlt.

Auch die zweite Weihnachtsgeschichte bewegt sich zwischen Märchen und Wirklichkeit, in dem Reich, wo Träume wahr werden. Dazu begeben wir uns nach Murom, der ältesten Stadt in der Region Wladimir, genauer zu Ludmila Trubinkowa, die als Kind die fast 900tägige Blockade Leningrads durch die Wehrmacht überlebte, wohl weil sie das Glück hatte, mit dem nach der Revolutionärin Wera Figner benannten Schaufelraddampfer in den Ural, nach Perm, evakuiert zu werden.

Katharina II auf der Wolga

Das 1904 just in Murom gebaute und ursprünglich auf die Kaiserin Katharina II getaufte Schiff blieb nach dem Krieg auf der Sylwa, einem fast fünfhundert Kilometer langen Fluß im Ural, im Einsatz, bis man es 1960 zu einem schwimmenden Ferienheim umbaute, bevor es eines Winters hinab auf den fast 20 Meter tiefen Grund sank.

Ludmila Trubnikowa mit der Tauchergruppe

Das Kriegskind von einst hatte nun den Wunsch, an Deck des Schiffes als Zeichen der Dankbarkeit für die Rettungsaktion vor fast 80 Jahren, einen Neujahrsbaum aufzustellen, geschmückt mit selbstgemachten Spielsachen. Ein Traum, den ihr nun eine Tauchergruppe erfüllte.

Tauchgang zur Wera Figner

Welches Märchen könnte schöner sein, als diese Geschichte einer alten Frau, der geholfen wurde, ihre Kriegskindheit noch einmal zum Leuchten zu bringen! Frohe Weihnachten nach Wladimir und Murom, in den Ural und wo immer man sich auf das Fest jetzt vorbreitet!

Das Neujahrsbäumchen an Deck der Wera Figner

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Alleine für den gestrigen Beitrag gebührte dem Blogger, der besser als Chronist und Menschenmagnet bezeichnet werden sollte, der Oskar für Qualität im Internet.

In einem einzigen Beitrag vernetzt er Veteranen des 2. Weltkrieges, die zu Friedensarbeitern wurden, Restauratoren und Historiker, Glöckner und all die unzähligen Leser des Blogs zu einer Gemeinschaft.

Wolfgang Schneck und Elisabeth Preuß, 3. Oktober 2020, Jena

Richard Dähler ist uns mittlerweile wohlbekannt, genauso wie Nikolaj Schtschelkonogow, der Erlangen mit seinem Lied beauftragt hat, die Freundschaft zwischen Deutschen und Russen zu hegen und zu pflegen. Durch den Blog, durch das Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ hat Peter Steger eine beeindruckende Dichte an Details, an Verbindungen, an Zusammenhängen, an Lehren und, ganz wichtig, an Moral geschaffen, die uns stärkt, begleitet und bereichert.

Das unschätzbare bauliche Erbe von Susdal, die immer noch unentdeckten Kirchen rundum, das erstaunlich Leichte des Glockenspiels, wo nicht die (sehr) schweren Glocken, sondern die (auch nicht leichten) Klöppel bewegt werden, machen uns exemplarisch deutlich, wie folgenreich jeder Besuch hüben wie drüben, wie segensreich jeder eingesetzte Rubel, wie beglückend jedes geschlagene Glöcklein und jeder gesungene Ton in den Kirchen ist.

Corona hat auch den Taktschlag der Begegnungen von Erlangern und Wladimirern verändert. Die Herzen aber schlagen weiter gemeinsam, wie eine Postkarte aus dem Erlangen-Haus, die gestern in Erlangen eintraf, belegt.

Die dort ausgedrückte Sehnsucht ist beiderseitig!

Geht es Ihnen nicht auch so, verehrte täglich Mitlesende? Egal, ob schon beim Frühstück, oder erst später am Tage: Der Blog beschreibt, was jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr unser Leitspruch sein sollte: Das, was wir tun, mit dem Herzen tun.

Die Konferenz des Deutsch-Russischen Forums vor wenigen Wochen, die deutsch-russische Städtepartnerschaften seit zwei Jahrzehnten begleitet, hat die Bedeutung der „Diplomaten aus dem Volke“ wieder und wieder betont. Und deren Akteure sind wir!

Jede Städtepartnerschaft ist wichtig, jede bringt neue Freundschaften, jede bringt Erinnerungen, jede ist Friedensarbeit.

Und Peter Steger ermuntert, treibt an, deckt auf und bereichert unseren Tag. Danke dafür, lieber Peter!

Elisabeth Preuß

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