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Archive for the ‘Zivilgesellschaft’ Category


Eine Frage, die den Blog immer wieder beschäftigt und die auch jüngst Thema des Journalistenaustausches war, ein Problem, buchstäblich brandaktuell, weil in der Nähe der Kreisstadt Gus-Chrustalnyj wieder einmal eine Müllhalde auf der Fläche von einem Hektar in Flammen stand und man dort nach einer neuen Deponie sucht. Auch das nächste Treffen von „Prisma“ im Juni wird sich der Sache annehmen, und nun bringt Amil Scharifow, Mitglied dieses Gesprächsforums, seine Gedanken zu der Problematik von seinem jüngsten Besuch in Wladimir mit:

Wie russische Medien berichten, fanden in den letzten Wochen in einigen Städten zum Teil nicht-genehmigte „Müllproteste“ statt. Auf die Straße gingen Menschen u.a. in der Region Archangelsk, wo sich die Demonstrationen vor allem gegen die Errichtung von Deponien für den Abfall aus Moskau richteten. Die Region Archangelsk ist flächenmäßig so groß wie Deutschland und liegt am Weißen Meer mit Zugang zum Arktischen Ozean.

Protest in der Stadt Archangelsk: „Wir sind gegen Mülldeponie im Norden“, „Nein zum Moskauer Müll“. Bild: 29.ru

Die Idee der Errichtung von Deponien für den Müll aus der Hauptstadt außerhalb der Moskauer Region sorgt auch in anderen Gouvernements für Aufregung. Menschen in den benachbarten Regionen haben die Sorge, auch vor ihrer Haustüre könnten Mülldeponien für den Abfall aus Moskau entstehen. Wenn man durch die Straßen Moskaus spaziert, sieht man, wie sauber die Stadt weitestgehend ist. Tatsächlich sei die Metropole laut einer nicht-oppositionellen Umweltorganisation sauberer als andere Städte und Regionen der Russischen Föderation. Die Umweltorganisation „Зелёный патруль“ (Grüne Patrouille) veröffentlicht regelmäßig eine Liste der ökologischen Bewertung der russischen Regionen. In dieser Liste liegt Moskau (Stadt) unter den Top 10, während die Moskauer Region die 80. Position von 85 Plätzen einnimmt. Die drei letzten Ränge belegen zwei Regionen aus dem Uralgebirge, Swerdlowsk und Tscheljabinsk. Bei der Bewertung werden mehrere Kriterien, darunter auch die Verschmutzung durch die Schwerindustrie berücksichtigt, was für die ökologische Lage in den beiden letztplatzierten Regionen eine wichtige Rolle spielen dürfte. Die Region Wladimir kommt in der Liste übrigens auf Platz 55.

Neben Moskau findet sich auch Sankt Petersbug unter den zehn saubersten Gebietskörperschaften, was man dadurch erklären könnte, daß die Großstädte im Wohngebiet verständlicherweise keine Schwerindustrie haben. Außerdem kann man vermuten, daß die Zentren ihren Müll in den Nachbarregionen entsorgen, was die weit abgeschlagene Position der Moskauer Region auf der Liste zum Teil erklären dürfte.  Anscheinend gibt es im Umland von Moskau keinen Platz mehr für den Müll aus der Metropole, weshalb hierfür neue Abnehmerregionen gesucht werden. Dabei kommen sogar Regionen wie Archangelsk, die über tausend Kilometer von Moskau entfernt liegen, als möglicher Deponieort in Frage.

So erfährt man aus den Medien wie in privaten Gesprächen auch in der Partnerstadt, womöglich könne auch die Wladimirer Region als Standort für Deponien aus der Hauptstadt dienen. Anscheinend hat der Abfallnotstand in Moskau bei den Menschen eine Art neuer Sensibilisierung für die Themen Müll und Umwelt hervorgerufen. In Wladimir jedenfalls machen sich die Bürger und Politiker nun auf kommunaler und regionaler Ebene Gedanken zur Frage Trennung und Verarbeitung von Müll, und man möchte sich dazu mit Erlangen austauschen. Bei all der Diskussion um Verwertung und Trennung von Abfällen, sollte man aber auch auf das Thema Müllvermeidung ein besonderes Augenmerk legen. Aus der Stadt Moskau kann man zwar den Müll Hunderte von Kilometer wegfahren, damit die Stadt sauber aussieht. Wenn man aber in der Provinz mit dem Zug fährt, fallen neben der schönen Natur auch zum Teil vermüllte Bahngleise auf. Es viele Initiativen, die landesweit, mitunter auch mit patriotischen Aufrufen, die Umwelt schützen wollen, wie auf dem Bild der süddrusischen Stadt Georgijewskij zu sehen:

„Leute, werft den Müll nicht überall hin! Die ist doch eure Heimat“ Bild: georgievsk.info

Sobald die Verarbeitung und Vermeidung von Müll wirtschaftlicher werden, können auch die Bahngleise in den Provinzen wie die Moskauer Innenstadt aussehen.

                                                                                                              Amil Scharifow

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Kennen Sie den Widerstand der Bevölkerung vor Ort gegen die Einrichtung eines Nationalparks im Spessart? Der ist ja mittlerweile derart entschieden, daß die Landesregierung in Bayern wohl lieber die Finger davon läßt. Ganz ähnlich geht es in der Region Wladimir zu, wo etwa 130 km östlich der Partnerstadt im Kreis Seliwanowo auf einer Fläche von 40.000 ha eine geschützte Zone entstehen soll, in der dann 22 Ortschaften mit insgesamt etwa 10.000 Einwohnern liegen. Angeführt von einem Unternehmer, der mit dem Verlust von Arbeitsplätzen nicht nur in seinem Betrieb warnt, spricht sich eine Bürgerversammlung einstimmig gegen das Vorhaben der Regierung aus: Man wolle nicht in einem „Reservat“ leben, wo man nur mit Zugangsberechtigung und Ausweis in den Wald zum Pilze- und Beerensammeln gehen dürfe, so ein Argument neben all den Sorgen um den ökonomischen Niedergang der eigenen Heimat. Ob gegen derartige Opposition die Pläne ad acta gelegt werden, oder ob, wie ein Vorschlag aus der Bevölkerung lautet, der Nationalpark an anderer Stelle eingerichtet wird, wo ohnehin niemand wohne, wird sich zeigen.

Apropos an anderer Stelle: Am westlichen Stadtrand von Wladimir liegt ein Landschaftsschutzgebiet, das teilweise für den Wohnungsbau vorgesehen ist. Aber nun regt sich Widerstand just gegen das Entwicklungsprojekt. Hier soll, geht es nach dem Willen der Anwohner, der „grüne Schild“ der Stadt erhalten bleiben. Widersprüchlich ist er halt der Mensch, hier wie dort, in seinem Widerstand, gleich ob im Spessart oder in Wladimir.

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Alle zwei Jahre lädt die Botschaft der Russischen Föderation in ihre Prunksäle ein und bietet dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften (BDWO) ein Podium, um über die deutsch-russischen zivilgesellschaftlichen Beziehungen zu diskutieren. Eine hohe Anerkennung durch die Diplomatie für diesen zuallermeist ehrenamtlich geleisteten Beitrag zur Völkerverständigung. Um die, so freute sich Botschafter Sergej Netschajew gestern nachmittag bei seiner Begrüßung der etwa 70 Gäste, sei es besser bestellt, als man gemeinhin annehme, auch dank fortgesetzter Gespräche auf Regierungsebene – parallel zu dem Arbeitstreffen hielt sich der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow zu Gesprächen in Berlin auf – und dem nun anlaufenden Partnerschaftsjahr der Wissenschaften.

Peter Franke und Sergej Netschajew

Die gut dreistündige Veranstaltung deckte ein breites Spektrum der bürgerschaftlichen Initiativen ab und stelle mit Impulsvorträgen und anschließender Diskussion Themen vor wie die Arbeit der deutsch-russischen Vereine, die Kulturbegegnungen in den Regionen, die Förderung des Russischen als Schulfach, den Hochschul- und Fachaustausch, die Zusammenarbeit mit der Krim und die Visa-Problematik.

Auditorium in der Botschaft der Russischen Föderation

Aber auch die Rolle der Städtepartnerschaften im deutsch-russischen Dialog kam zur Sprache mit Fallbeispielen aus Osnabrück, Karlsruhe und Erlangen. Blog-Lesern braucht man zur Bedeutung dieses Themas nicht mehr viel erzählen, und es ging dem Partnerschaftsbeauftragten auch nicht um eine „Leistungsschau“, vielmehr darum, an einigen Beispielen zu belegen, wie wichtig gerade in diesen Zeiten wieder die persönlichen Begegnungen sind, ganz im Sinne des Diktums des Weltkriegsveteranen Fritz Wittmann: „Da wo man Familienphotos austauscht, entstehen keine Feindbilder mehr“. Wichtig aber auch der Appell des Referenten, sich mehr darum zu bemühen, die Zahl der deutsch-russischen Städtepartnerschaften zu erhöhen. Das Verhältnis von 2.500 deutsch-französischen kommunalen Verbindungen gegenüber gerade einmal knapp über einhundert deutsch-russischen Allianzen dieser Art sollte zu denken geben und endlich auch handeln machen.

Peter Steger

Eine Anregung von Peter Franke, Vorsitzender des BDWO, findet hoffentlich auch Anklang: Treffen dieser Art nicht nur in Berlin, sondern darüber hinaus in den Regionen – verteilt nach den Zuständigkeiten der Konsulate der Russischen Föderation – zu veranstalten, um die Akteure vor Ort besser zu vernetzen und über die diplomatischen Möglichkeiten einer Unterstützung für Städtepartnerschaften und Freundschaftsvereine zu informieren. Es kann ja gar nicht genug solcher Foren zwischen Deutschen und Russen geben.

Ein P.S. erlaubt sich die Redaktion noch. Nach dem Vortrag des Partnerschaftsbeauftragten erhob sich Peter Franke und verkündete, er habe den Sozialen Netzen entnommen, der Gast feiere heute Geburtstag. Ein echter Überraschungseffekt – mit der Überreichung einer Flasche Wein. „Aber wo, wenn nicht hier“, so der Geehrte, „hätte ich heute sein sollen?! Die deutsch-russische Verständigung ist doch mein Lebenswerk…“

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Dieser Tage erreichte die Blog-Redaktion ein Schreiben von Ursula Rappl-Göron, Mitglied der Deutsch-Russischen Gesellschaft in Passau in dem zu lesen steht:

Wo immer sich Gelegenheit bietet, erzähle ich von Ihrem großartigen Blog im Internet. Als ich ihn entdeckt habe, habe ich ihn rückwirkend bis zum Anfang und seither laufend gelesen. Immer wieder bin ich von Bild und Text gleichermaßen begeistert: Hintergründig, humorvoll, informativ, ausgewogen, sprachlich ein Genuß und noch viel Positives mehr – immer wird der richtige Ton getroffen.

Damit nicht genug: Vor einem Monat richtete die Wahlniederbayerin als Reaktion auf ein Interview mit Horst Teltschik einen Leserbrief an den Spiegel, der dort in der Nr. 11/2019 erschien, freilich nur in einer um den Blog-Anteil gekürzter Fassung. Zum Vergleich also heute beides, exklusiv das Original und als pdf der Kurzbrief:

Als Deutsche kann ich die Aussagen von Herrn Teltschik nur begrüßen und hoffen, daß sie von allen Politikern, die mit Rußland zu tun haben, beherzigt werden.

Deutschland hat sich scheinbar damit abgefunden, daß der „russische Bär“ nach Westen nur noch brummt und die Zähne fletscht. Die Diplomatie wirkt auf beiden Seiten wie im Tiefschlaf, wo sich doch schon seit Jahren ein neuer Kalter Krieg anbahnt, der alte Ängste weckt und allen nur schaden kann. Warum werden die bestehenden Kanäle, Gremien, Organisationen usw. nicht besser genutzt, um im Gespräch zu bleiben, warum wird in den Medien fast nur das „häßliche“ Rußland gezeigt und nicht seine unendlich reiche, großartige Kultur? Dieser Vielvölkerstaat hätte der Welt so viel zu bieten, aber so wenige im Westen interessieren sich dafür – vielleicht auch mangels entsprechender Information. Sicher leben viele Künstler, v.a. Musiker im Westen und künden von höchster Bildung und Kultur ihrer Heimat. Aber auf mittlerer und unterer Ebene passiert vergleichsweise wenig, da könnte von uns Deutschen viel mehr Initiative ausgehen. Ein ausgezeichnetes Beispiel für eine solche ist die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir, deren Internetblog mich Tag für Tag begeistert. Mit wieviel Freude und Engagement die beiden Städte auf allen erdenklichen Ebenen Austausch betreiben, ist einfach bewundernswert. Solche Modelle sollten noch viel mehr gefördert werden. Vor allem für junge Menschen müßte es mehr Anreize geben (z.B. durch Ideenwettbewerbe, Workshops, Projektgruppen usw.), Freundschaften mit Gleichaltrigen aus Rußland zu schließen – wie einst mit Frankreich.

Auf Putin sollte die Europäische Union trotz aller Differenzen und Animositäten zugehen, ihm gesichtswahrende Alternativen zur derzeitigen Abkehr von Europa aufzeigen, ihm zu verstehen geben, daß das russische Volk sehr wohl auch einen Platz im Europäischen Haus hat. Im übrigen sollte man vielleicht auch der Gerechtigkeit halber die Ukraine mehr unter die Lupe nehmen.

Als Bezieherin  eines russischen Versandbuchkataloges mit Neuerscheinungen bin ich entsetzt, wieviel alte Verbitterung aus Weltkriegserfahrung, wieviel Ressentiments und Ablehnung alles Westlichen seit Jahren in Rußland publiziert wird. Das alles hat sich nach dem Scheitern der Perestroika und dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu einem bedrohlichen Berg angehäuft, von Raketen und Atomwaffen ganz zu schweigen. Aber – zum Glück gibt es da noch die große Masse des russischen Volkes, das nur seinen Frieden und ein bißchen Normalität im Alltag wünscht und ohne antiwestliche Propaganda auch gewiß nichts gegen Europa hätte.

Wir Deutschen müssen und können etwas tun, damit Rußland aus seiner Erstarrung herausfindet und sich wieder mehr Europa zuwendet. Wir stehen schließlich immer noch in einer großen Verantwortung: Was wir Rußland einst angetan und was wir ihm zu verdanken haben, sollten wir nie vergessen.

Ursula Rappl-Göron

Zum Vergleich hier der Brief im Spiegel zusammen mit anderen Stimmen zu den Äußerungen von Horst Teltschik. SP_13_2019_Leserbriefe

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Wer in Wladimir lebt, empfindet den Einfluß von Nichtregierungsorganisationen auf die Gesellschaft mehrheitlich als wertvoll. In einer Umfrage zu dem Thema, an der im November gut 700 Menschen teilnahmen, äußerten sich 51,5% positiv und nur 1,6% negativ zu deren Rolle, während die übrigen sich dahingehend noch keine Meinung gebildet hatten. So zumindest das Ergebnis dieser Studie, an der maßgeblich der auch in der Partnerschaft aktive Soziologe Dmitrij Petrosjan mitwirkte und die jetzt veröffentlicht wurde. Besonders in der Altersgruppe von 31 bis 50 Jahren wächst offenbar das Wissen über diese ehrenamtlich arbeitenden Organisationen, und man kennt mittlerweile die Namen und das Profil von Vereinen wie dem Roten Kreuz Wladimir oder auch der Selbsthilfegruppe Swet, die ja beide mit Erlangen zusammenarbeiten. Allerdings scheint das Wissen noch oberflächlich, denn 71% können bislang nichts mit den Namen der Organisationen anfangen. Der entscheidende Unterschied aber zu einer ersten Studie zum Thema aus dem Jahr 2002: Die Arbeit der NGOs wird überwiegend positiv gesehen.

Als wir 2002 dazu forschten, war die Ausgangslage eine ganz andere. Kaum jemand hatte eine Vorstellung von diesem ehrenamtlichen Bereich. Heute ist das – vielfach auch dank dem Internet – anders, die Leute sind besser über das informiert, was in der Gesellschaft passiert. (…) Erwartet hatten wir allerdings eine etwas ablehnendere Haltung gegenüber einer ausländischen Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen. Auch dachten wir, die Menschen nähmen an, diese NGOs seien hauptsächlich auf das eigene Wohl und das Fortkommen ihrer Mitarbeiter aus. Diese Befürchtungen bestätigten sich nicht, die Menschen haben eine durchaus angemessene Einstellung zu den Dingen. Allerdings bringt man die NGOs auch weniger mit Politik und dem Schutz der Menschenrechte als vielmehr mit der Lösung sozialer Fragen in Zusammenhang, weil bei uns traditionell schon immer die sozialen Rechte über die politischen und Bürgerrechte gestellt wurden.

Для владимирцев социальное благо важнее политических прав

Dmitrij Petrosjan

Fragen wie Ökologie, Hilfe für Häftlinge oder Migranten, vor allem aber den Schutz der Bürgerrechte verbindet man am wenigsten mit der Arbeit dieser Organisationen. Eine Erscheinung, die offenkundig landesweit gilt. Nach Einschätzung der Soziologen ist den Russen die soziale Absicherung insgesamt wichtiger als die Verteidigung ihrer Persönlichkeitsrechte. Deshalb meinen auch die Befragten in Wladimir, NGOs sollten sich hauptsächlich um Veteranen und Rentner (68,7%), Behinderten und Familien mit behinderten Kindern (60,9%), (sozialen) Waisen und Kindern in prekären Lebensumständen (54,5%) oder kinderreichen Familien (52,1%) helfen. Weiter unten rangieren die Unterstützung für Obdachlose (16,6%), Arbeitslose (13,7%), Frauen (7,5%), Migranten (3,3%) und Strafgefangene (2,4%).

Dmitrij Petrosjan hält dieses soziale Übergewicht für ungut, wenn nur 12,7% der Befragten die Aktivitäten der NGOs mit dem Schutz der Bürger- und Menschenrechte assoziieren:

Die Menschen begreifen die Nichtregierungsorganisationen als dem Bereich der sozialen Absicherung zugehörig. Warum ich das für schlecht halte? Weil dies just jene Mißachtung gegenüber ihren eigenen, juristischen und bürgerschaftlichen Rechten zum Ausdruck bringt. Diese Einstellung wird auch auf die NGOs übertragen. Man nimmt keine ernsthafte Haltung gegenüber den Rechten ersten Ranges ein: die Freiheit des Wortes, die Gewissensfreiheit, die Unantastbarkeit der Person. Dieser Parameter ändert sich kaum, und daher rührt auch das niedrige Niveau der Entwicklung von zivilgesellschaftlichen Organisationen in unserem Land. Die Menschen glauben in nur geringem Umfang an die Möglichkeit eines effektiven Schutzes ihrer Bürgerrechte. Dabei, so ein Ergebnis der Studie, betrachtet man diese Vereine und Verbände als verlängerten Arm des Staates, der mit öffentlichen Mitteln den Schutz von sozial benachteiligten Menschen gewährleisten soll. Um dies umzudrehen bedürfte es einer rechtlichen Aufklärung, im schlimmsten Fall einer heftigen Verschlechterung der Wirtschaftslage, eines Sinkens von Lebensstandard und Einkommen sowie der Einsicht, daß die politischen Rechte an erster Stelle stehen sollten und von ihnen alles übrige abhängt. Aber diese harte Variante noch einmal durchmachen zu müssen, bleibe uns doch besser erspart.

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Wie stark sich das Umweltdenken in der russischen Zivilgesellschaft entwickelt, zeigt derzeit die Debatte um das in der Region Wladimir gelegene und „Opolje“ genannte Gebiet, das zu großen Teilen aus der fruchtbaren und zumeist intensiv genutzten Schwarzerde besteht. Ein gutes Dutzend führender Wissenschaftler und namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, hinter denen etwa die Geographische Gesellschaft oder Naturschutzverbände stehen, wandten sich unlängst in einem offenen Brief an Gouverneur Wladimir Sipjagin und warnten, diese ertragreichen Böden etwa im Landkreis Susdal liefen Gefahr, durch falsche Nutzung durch die Besitzer und verantwortungslose Entscheidungen der Behörden zu stark ausgelaugt zu werden und ihre Regenerationskraft zu verlieren. Besonders weisen die Unterzeichner des Schreibens auf die Pläne hin, dort den Bestand der Milchkühe auf 7.000 Tiere auszuweiten und eine Schweinezucht mit 60.000 Exemplaren aufzubauen. Damit nicht genug: Beklagt wird auch der Landfraß durch Datschensiedlungen und Gewerbegebiete. Gehe diese Entwicklung so weiter, bringe man nicht nur nachhaltige Landwirtschaft in Bedrängnis, sondern gefährde auch die archäologischen Schätze an der Nerl und bringe die gesamte ökologische Situation in eine Schieflage.

Die Forderung an die Politik lautet denn auch, diesen landesweit einzigartigen nördlichen Schwarzerdgürtel mit einer Ausdehnung von etwa 30 km von Süd nach Nord und 70 km in Nordostrichtung unter Landschaftsschutz zu stellen und keine Genehmigungen mehr für weitere Tiermastbetriebe und Baumaßnahmen auszustellen.

Die Antwort von Gouverneur Wladimir Sipjagin ließ nicht lange auf sich warten und fiel so aus, wie sie wohl auch ein Politiker hierzulande formuliert hätte: mit Verständnis für die Initiative, aber auch deren Ablehnung unter Verweis auf die Versorgung der Bevölkerung, das Bruttosozialprodukt, die Arbeitsplätze im ländlichen Raum und die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen. Erfreulich jedoch in dem Antwortschreiben: Wladimir Sipjagin schlägt vor, zu der Frage einen Dialog zwischen Gegnern und Befürwortern der Entwicklungsmaßnahmen aufzunehmen und eine „ausgewogene Entscheidung über das weitere Schicksal der Opolje-Böden zu erarbeiten“.

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Seit dem 25. Januar streitet man in Wladimir, wie die Nachrichtenplattform Zebra-TV berichtet, über etwas, von dessen Existenz wohl nur wenige Kenntnis hatten. Auf einer Militärbasis in der Nähe der Partnerstadt lagern Dutzende von Kisten voller Beutegut aus dem Zweiten Weltkrieg, Waffen der Wehrmacht: Pistolen des Typs Walther P38 und Parabellum P08 sowie Maschinengewehre der Bauart MG42B.

Ginge es nach den Plänen des Verteidigungsministerium würde das ganze Arsenal eingeschmolzen und – nach Meinung der Bauherren – sinnvoll verwendet für die Stufen, die zu einer Kirche der Superlative führen sollen, geplant im monumental-byzantinischen Stil als das landesweit größte Gotteshaus mit 11.000 qm, einer Höhe von gut 95 m und Platz für etwa 6.000 Gläubige, das man schon 2020 zum 75. Jahrestag des Sieges über die Hitlertruppen im Park „Patriot“ vor den Toren Moskaus als Symbol der „Spiritualität des russischen Militärwesens, das einzig und allein zum Schutz seines Vaterlandes das Schwert erhebe“ fertigstellen will.

Die zu erichtende Kathedrale im Themenpark „Patriot“ bei Moskau

Nun erheben sich aber – vor allem in Internetforen – erzürnte Stimmen, die meinen, die Waffen gehörten nicht in den Schmelzofen, sondern sollten als kulturelles und historisches Erbe an Museen, patriotische Vereine und Reenactment-Gesellschaften abgegeben werden, die historische Ereignisse nachstellen. Auch den Verkauf des Beuteguts an Sammler können sich die Kritiker vorstellen, um den Erlös dann dem Kirchenbau zukommen zu lassen. Sogar eine Petition in dieser Sache gibt es bereits, die innerhalb von nur vier Tagen 2.000 Unterschriften gesammelt haben soll.

Wie auch immer diese Sache entschieden wird, eines ist klar: Deutsche tun gut daran, sich in diese Auseinandersetzung nicht ungebeten einzumischen. Immerhin waren es Deutsche, die jene Waffen herstellten und damit gegen die Völker der Sowjetunion den verheerendsten Vernichtungskrieg aller Zeiten führten.

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