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Archive for the ‘Zivilgesellschaft’ Category


Passend zum gestrigen Beitrag über das Erlangen-Haus, dem das Goethe-Institut beim nächsten Audit vielleicht eine Männer-Quote als Desiderat ins Zeugnis schreibt, heute eine Meldung zum Damenüberschuß in der Partnerstadt. Da veröffentlichte nämlich das Internetportal Zebra zum Welt-Männertag, der am 2. November begangen wird, Zahlen des Amtes für Statistik der Region Wladimir, die einen unaufhaltsamen Schwund der Herren belegen.

Der alternde Planet: die Welt insgesamt, Japan, Großbritannien, USA, Rußland, China, Türkei und Südafrika * Anteil von über 60jährigen an der Gesamtbevölkerung eines Landes; ** gemitteltes Durchschnittsalter der Bevölkerung

Wenn in der Region Wladimir Anfang 2018 noch um die 624.000 Männer gezählt wurden, waren es Anfang dieses Jahres nur noch 619.000, also 5.000 weniger. Auch wenn in diesem Zeitraum auch bei den Damen ein Minus zu verzeichnen war – um ganze 7.500 – bleibt es doch bei einem Ungleichgewicht von 1.000 Männern auf 1.207 Frauen. Dabei fällt eines besonders ins Auge: Das Mißverhältnis betrifft just die Altersklasse bis 15, wo eben jene 5.000 fehlen, während jenseits der 60 die Zahl der Männer um 2.100 zunahm. Ein weiterer Beleg für die Überalterung der Bevölkerung. Aber die Zukunft gehört ja auch hierzulande eher den älteren Herrschaften…

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Am Mittwoch und Donnerstag wählte der 2001 von Gerhard Schröder und Wladimir Putin ins Leben gerufene Petersburger Dialog erstmals Erlangen für ein Treffen. Die Plattform ist als bilaterale Tagung angelegt, die sich gesellschaftlichen Zeitfragen und Problemen der deutsch-russischen Beziehungen widmet. Teilnehmer sind Experten und Multiplikatoren aus allen Bereichen der Gesellschaft beider Länder. Der Dialog fungiert auch als Ideengeber für konkrete Projekte. Durch die Einbeziehung von zentralen Institutionen und nichtstaatlichen Organisationen, die sich mit den deutsch-russischen Realien befassen, werden bestehende Netzwerke gestärkt und neue Konzepte entwickelt.

In Plenar- und Arbeitsgruppensitzungen werden die Schlüsselthemen der deutsch-russischen Beziehungen diskutiert. Zwischen den Jahrestagungen erörtert man bei weiteren Treffen der zehn Arbeitsgruppen konkrete Fragestellungen im kleinen Kreis. Just ein solcher kleinerer Kreis der Arbeitsgruppe „Kirchen in Europa“ besuchte nun mit 17 Jugendlichen und Geistlichen von theologischen Fakultäten aus Sankt Petersburg, Moskau und Jekaterinburg das Institut für Kirchengeschichte an der FAU, wo Hacik Gazer, Inhaber der Professur für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens, das Arbeitsprogramm koordinierte.

Das erste Ziel der Gäste war natürlich die Synodalbibliothek, die Erlanger Schatzkammer der russisch-orthodoxen Spiritualität mit ihren gut 6.000 Bänden in russischer und kirchenslawischer Sprache. „Hier atmen wir den Geist unseres Glaubens“, meinte denn auch einer der Theologiestudenten.

Doch es ging natürlich auch um Fragen der Wissens- und Glaubensvermittlung, der Forschung und Lehre sowie des internationalen Austausches. In diesen Bereichen bietet sich der Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des Christlichen Ostens mit seinen vielfältigen Verbindungen – von Armenien bis Österreich, von Serbien bis Rußland – natürlich besonders für neue wissenschaftliche Projekte an.

P. Wassilij (Christian Felmy) und Hacik Gazer

Eine besondere Rolle spielte der Lehrstuhl übrigens auch beim Zustandekommen der Städtepartnerschaft mit Wladimir. Als nämlich 1982 auf die Anfrage von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg ein Jahr zuvor in Moskau die Sowjetische Botschaft in Bonn Erlangen vorschlug, Verbindung zu Wladimir aufzunehmen, hatte niemand in der Lokalpolitik eine Vorstellung von der einstigen Hauptstadt des vorzaristischen Russischen Reichs. Also wandte man sich in jenen Zeiten, als es noch kein Internet gab, an Fairy von Lilienfeld, die damalige Inhaberin der Professur, die als profunde Kennerin der russischen Orthodoxie überzeugend erklären konnte, welches historische Juwel Wladimir darstellt. Seither begleitet der Lehrstuhl auch unter den Nachfolgern der vor zehn Jahren verstorbenen Theologin – ihrem ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Karl Christian Felmy, und Hacik Rafi Gazer – die Städtepartnerschaft.

P. Wassilij (Christian Felmy)

Besonders interessant für die Gäste – die Begegnung mit Prof. em. Karl Christian Felmy, der nicht nur perfekt Russisch spricht, sondern auch die russisch-orthodoxe Konfession angenommen hat und in der Nürnberger Gemeinde als Geistlicher wirkt. Aber auch das gestrige Treffen mit Dekan Josef Dobeneck und Jutta Schnabel vom Verein Nadjeschda, federführend beim interkonfessionellen Jugendaustausch mit Wladimir, nutzte die Gruppe im Rathaus für Fragen von der Rolle des Religionsunterrichts gerade auch für muslimische Kinder bis hin zum Zusammenwirken von Staat und Kirche.

Die Gruppe des Petersburger Dialogs mit Jutta Schnabel und Josef Dobeneck (ganz links im Bild) mit Hacik Gazer (ganz rechts im Bild)

Und natürlich standen die Projekte des Lehrstuhls für Religionswissenschaften der Universität Wladimir mit der FAU im Fokus des Petersburger Dialogs in Erlangen. Fortsetzung nicht ausgeschlossen…

Hier noch zwei Links zum Thema: https://is.gd/q5wGYU und https://is.gd/LVUKbl

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Gestern beging man wieder in der ganzen Russischen Föderation den Tag des Gedenkens der Opfer des Terrors und der Willkür. Allein in der Region Wladimir gelten 11.520 Menschen als verfolgt und verhaftet; 1.973 von ihnen stellten die Scharfrichter an die Wand, 7.494 landeten im Gulag und 1.445 wurden in die Verbannung geschickt. Nicht enthalten in diesen Zahlen des Schreckens sind die mehr als 25.000 Angehörigen der sogenannten Kulaken (Großbauern), die ihre Gehöfte an Kolchosen und Sowchosen verloren. Etwa 700 Überlebende jener Zeit zählt man heute noch in der Partnerstadt, in der ganzen Region sollen es gut 3.000 sein. Eine Handvoll kam gestern in Wladimir zusammen, um an die Epoche der Unterdrückung zu erinnern.

Gedenkstunde für die Opfer des Stalinismus

Unterdessen ist, weitgehend unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit, am vergangenen Sonntag Wladimir Bukowskij in Cambridge an einem Herzinfarkt verstorben. Dabei galt der 76jährige Neurophysiologe zusammen mit Alexander Solschenizyn seinerzeit als Symbolfigur der Dissidenten und Gewissenshäftlinge der Sowjetunion. Für seine gegen die herrschende Ideologie gerichteten Ansichten saß der Autor insgesamt zwölf Jahre in verschiedenen Lagern, psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen, darunter im Wladimirer Zentral, ab, bevor er 1976 zusammen mit seiner Mutter am Flughafen Zürich gegen Luis Corvalan, den Führer der KP Chiles, ausgetauscht wurde.

Wladimir Bukowskij

1942 in Baschkirien geboren, verwies man den „bösartigen Rowdy, der sich antisowjetisch betätigt“ mit 17 Jahren von der Schule, weil er sich an der Herausgabe einer kritischen Zeitschrift beteiligt hatte. Anfang der 60er Jahre gehörte er zu den Organisatoren von öffentlichen Lesungen verbotener Lyrik am Wladimir-Majakowskij-Denkmal in Moskau, und schon wenig später wurde der widerspenstige Geist drei Mal psychiatrisch zwangsbehandelt und inhaftiert, weil er zensierte Bücher veröffentlichte, eine Demonstration für die Dissidenten Andrej Sinjawskij und Julij Daniel vorbereitete und gegen die Verhaftung von Alexander Ginsburg protestierte.

1971 dann die vierte Verurteilung zu sieben Jahren Haft wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“. Die ersten eineinhalb Jahre davon verbrachte er im Wladimirer Zentral, wo damals mehr als 80 Dissidenten einsaßen, ein Grund übrigens, warum es bei der Aufnahme der Kontakte zur späteren Partnerstadt in Erlangen und weit darüber hinaus Widerstand von Menschenrechtsgruppen gab. Wladimir Bukowskij wurde später in das berüchtigte Lager Perm-36 im Ural verlegt, bevor man ihn 1974 als „unverbesserlichen Störer der Haftordnung“ nach Wladimir zurückschickte.

Als „Mensch von unerhörter moralischer Statur“ beschrieben ihn jene, die sich für Wladimir Bukowskij einsetzten, als jemanden der „seiner Heimat ergeben und ein Mann mit Seele und geschärftem Gewissen“ sei. Im englischen Exil – während der Haft hatte er mit großer Konsequenz englische Vokabeln repetiert, um dem Stupor zu entgehen – schloß er die Universität von Cambridge ab, schrieb Bücher, betätigte sich politisch, half bei der Organisation einer internationalen antikommunistischen Initiative, kämpfte gegen die Politik von Boris Jelzin wie von Wladimir Putin und wollte sich 2007 sogar für die Präsidentschaftswahlen in Rußland aufstellen lassen, was ihm freilich verweigert wurde. Seine letzten Lebensjahre überschattete nicht nur sein schlechter Gesundheitszustand, sondern auch die Anklage der königlichen Staatsanwaltschaft, Kinderpornographie hergestellt und gespeichert zu haben. Wladimir Bukowskij wehrte sich dagegen mit einem Hungerstreik und mutmaßte, der russische Geheimdienst stecke hinter der Sache. Der Prozeß wurde schließlich wegen Erkrankung des Angeklagten eingestellt. Es gilt also: In dubio pro reo.

Modell des Wladimirer Zentralgefängnisses aus Knetgummi, hergestellt von Wladimir Bukowskij

Bleiben werden seine Schilderungen der Haft im Wladimirer Zentral, dargestellt im „Wind vor dem Eisgang“ aus dem Jahr 1978, in dem sich ein Nachbau des Gefängnisses aus Knetgummi findet. Die Internetplattform Zebra-TV zitiert ausführlich aus diesem Buch von Wladimir Bukowskij. Auszüge davon nun hier in deutscher Sprache im Blog:

Jetzt waren es gerade einmal noch um die 20.000 politische Häftlinge im Land, etwa ebensoviele wie früher in einem Winter in Norilsk ums Leben kamen. Aber im Westen ahnte man bereits, daß deren Schicksal, ihre eigene Zukunft teilweise im Wladimirer Gefängnis entschieden würde. Die westliche Presse begann, uns eine gewisse Aufmerksamkeit zu schenken, sogar in unseren Krieg mit dem Regime einzudringen, aber eben nur grammweise, graduell und zentimeterweit. Man interessierte sich plötzlich für die Menschlichkeit, ob es ein Gefängnis mit menschlichem Antlitz geben könne. Uns kam das sehr gelegen, denn mit dem Gefängnis hatten wir seit langem Bekanntschaft geschlossen, aber das menschliche Antlitz fehlte schmerzlich. Und dann kam es plötzlich vor, daß wir unseren turnusgemäßen Hungerstreik noch gar nicht hatten beenden können, als uns die Wärter schon hinter vorgehaltener Hand Einzelheiten einer Sendung der BBC oder des Senders „Swoboda – Freiheit“ zu just jenem Hungerstreik wissen ließen. Sie hatten sogar ihren Spaß an diesem Ätherkrieg.

1976 saß ich zum Beispiel in Wladimir mit einem 47jährigen armenischen Zahnarzt aus Baku ein. Er hatte Unterschlagungen und Bestechungen in seinem Arbeitsbereich bis ans Zentralkomitee der KPdSU gemeldet, aber nichts ausgerichtet. So kam er mit der Zeit zu der Überzeugung, man vertusche dort in Moskau derartige Fälle. Also schrieb er mehrfach an Leonid Breschnjew und schilderte die Machenschaften der Machthaber in Aserbajdschan. Schlußendlich verhaftete man ihn und verurteilte ihn für antisowjetische Propaganda zu drei Jahren Haft und vier Jahren Lager. Seine Schuld freilich konnte er einfach nicht einsehen. „Wen soll ich denn agitiert haben?“ fragte er vor Gericht. „Etwa Breschnjew?“ – „Wissen Sie“, antwortete man ihm. „Breschnjew hat viele Sekretäre, Mitarbeiter und Referenten. Eben jene haben Sie agitiert.“

In meiner Zelle saßen zwei weitere Häftlinge. Einer von ihnen begann, kaum daß er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, Parolen zu rufen: „Schluß mit der bolschewistischen Sklaverei! Freiheit und Amnestie für alle! Unabhängigkeit für den ukrainischen Staat!“ Den ganzen Tag über schrie er wie von Sinnen und ohne Unterlaß. Später erfuhr ich, daß er wegen „ukrainisch-bürgerlichem Nationalismus“ inhaftiert war und 17 Jahre in Wladimir einsaß, wo er irgendwann den Verstand verlor. Er wurde jeden Tag unbarmherzig geschlagen, die Wärter hatten es satt, seine Schreie zu hören. Man schloß die Tür, und sechs Mann warfen sich wie Hunde auf ihn. Am ersten Tag wollte ich noch dazwischengehen, aber ich bekam derart eins übergezogen, daß ich unters Bett flog und mit Mühe wieder hochkam. Ich konnte ihm mit nichts helfen, aber schweigend zuzusehen, wie sie ihn prügelten, hielt ich auch nicht aus.
Da ergeht also an eine übergeordnete Dienststelle neben weiteren Zahlen und Angaben, Berichten und Mitteilungen über den Fortgang des Aufbaus des Kommunismus die Meldung von 75.000 Beschwerden gegen das Wladimirer Gefängnis und gleich gegen die Haftanstalten der gesamten Region im jeweiligen Rechenschaftsperiode. Niemand hat diese Beschwerden je gelesen, aber die Zahl klingt unerhört. Sie bringt gleich die ganze Statistik durcheinander, stört diese oder jene Parameter beim sozialistischen Wettbewerb dieser oder jener Belegschaft, Behörde oder gar Regionalverwaltung. Niemand hat etwas davon: Die ganze Region fällt von den vorderen Plätzen nach hinten, das eine oder andere führende rote Banner, eine Auszeichnung oder ein Pokal werden aberkannt. Die Werktätigen sind unzufrieden, im Regionalkomitee der Partei bricht Panik aus, und in euer Gefängnis schickt man umgehend eine hochrangig besetzte Kommission.

Wladimir Bukowskij

Selbst im Exil blieb Wladimir Bukowskij ein unbequemer Kopf, der nicht nur die Politik in seiner Heimat kritisch verfolgte, sondern auch vor dem überbordenden Bürokratismus der Europäischen Union warnte. Zum Abschluß noch drei Zitate des Verstorbenen:

Die Demokratie ist kein gemütliches Haus, kein schönes Auto, kein Arbeitslosengeld, sondern zuvorderst das Recht zu kämpfen und der Wille zum Kampf.

Rußland ist ein Land der Sklaven. Die Russen hatten nie eine Demokratie und werden nie eine haben. Sie sind nicht geeignet für sie. Man braucht es gar nicht erst versuchen. Anders läuft es nicht mit unserem Volk!

Ich begriff früh, was der Tod ist. Wir wohnten in einer Kommunalka, meine Großmutter, die mir aus Schukowskij und Puschkin vorlas, starb praktisch unter meinen Augen. Ich begriff, daß auch mich das treffen wird. Dabei war ich nicht religiös, ich begriff, daß man da verschwindet. Ich werde nicht daran denken und bedauern, zu kurz gelebt zu haben, wenn ich einmal früher gehen sollte. Deshalb hatte ich auch nie Furcht vor dem Tod.

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Von Montag bis Donnerstag besuchte Marcus Redel, Leiter des Betriebs für Stadtgrün, Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, die Partnerstadt, um mit seiner Expertise den Fachleuten in der Region Wladimir Anregungen bei der anstehenden Umsetzung der notwendigen Reformen zur Müllvermeidung und beim Recycling Impulse zu geben. Diese Thematik wurde bereits im Juni ausführlich im Rahmen des Diskussionsforums „Prisma“ mit Gästen aus Wladimir besprochen, und am Ende der Tagung stand der Wunsch der russischen Seite, möglichst bald jemanden aus Erlangen mit Fachwissen zu entsenden. Siehe hier https://is.gd/8qpTqT und https://is.gd/w6SQJy

Alexander Rytschkow, Wjatscheslaw Kartuchin, Marcus Redel und Marina Gedina

Der Blog berichtete immer wieder über die Dramatik der Müllfrage in der Partnerstadt, und die Internetplattform Zebra-TV, das gestern – ebenso wie der staatliche Lokalsender ausführlich über den Auftritt von Marcus Redel am Dienstagnachmittag berichtete, stellt anschaulich dar, in welcher Konstellation der Referent aus Erlangen seinen Vortrag zu halten hatte:

Die Russen können sich einfach noch nicht an die Mülltrennung gewöhnen. Eine Vielzahl von Versuchen unternahm man bereits, um bei uns ein System einzuführen, das dem in Deutschland ähnelt. Bis 2024 sollen nun nicht weniger als 60% der festen Müllmengen wiederverwertet werden. Doch die Aussichten sind durchwachsen. In der Region Wladimir fallen beispielsweise p.a. mehr als 650.000 t Abfälle an, und es ist von mehr als 1.800 illegalen Müllkippen zu rechnen, obwohl es über 70 Organisationen gibt, die in der Abfallverwertung tätig sind. Die mechanischen Prozesse zur Mülltrennung sollten mit einer vernüftig gestalteten Gesetzgebung beginnen, meint Wjatscheslaw Kartuchin:

Man kann heute folgendes sagen: Die Region Wladimir hat es versäumt, rechtzeitig ins Programm der Müllreform einzusteigen. Es liegen jetzt derart viele Entwürfe und normative Dokumente vor, daß sich darin selbst Fachleute kaum mehr zurechtfinden. Der Hauptakteur bei der Müllfrage, die Bevölkerung, befindet sich in völliger Unkenntnis von Regeln, Tarifen und Methoden der Abfalltrennung.

Und so berichten die Medien über den Besuch des Fachmanns aus Erlangen:

Marcus Redel und seine Dolmetscherin, Marina Gedina

Die Erfahrung der Kollegen aus Deutschland. Im Rahmen der Gesprächsplattform „Prisma: Erlangen-Wladimir“ und des Kommunalverbandes der Region Wladimir besprach man Fragen der Wiederverwertung von Abfällen.

Stromgewinnung aus Müll, Dünger für den Garten aus einfachen Speiseresten. Vielen mag das als irreal erscheinen. In Deutschland macht man das schon seit 30 Jahren! Bei dem Praxis-Seminar in der Wladimirer Filiale der Präsidialakademie für Verwaltung und Volkswirtschaft diskutierte man Fragen der Sammlung und Wiederverwertung von Müll.

Unsere russische Seite ist derzeit daran interessiert, dieses Problem anzupacken und zu lösen. Auf staatlicher Ebene werden diesbezüglich sehr ernsthafte Anstrengungen unternommen, und es ist sehr wichtig, allen an diesen Beziehungen beteiligten Akteuren zu verdeutlichen, was von ihnen gefordert wird.

Wjatscheslaw Kartuchin, Direktor der Akademie und stellv. Vorsitzender der Wladimirer Regionalduma

In Deutschland ist die Mülltrennung in die Wirtschaft des Landes eingebunden. Je besser die Abfälle gesammelt werden, desto höher ist der Anteil der Wiederverwertung. So macht man aus losen Blättern neue Hefte, während verschmutztes Papier einfach verbrannt wird. Die Trennung hängt von jedem einzelnen Menschen ab und ist gesetzlich geregelt, vor den Häusern stehen verschiedene Tonnen: für organische Abfälle, Papier und Karton, Plastik, Metall und sogar Elektrogeräte. Aber das war nicht immer so.

In Deutschland stand es um die Müllproblematik noch vor 30 bis 40 Jahren nicht besser als heute in der Russischen Föderation. Im Lauf dieser Zeit machten wir freilich sehr gute Erfahrungen. Das Schlüsselmoment ist das Sammeln jener Abfälle, die für das weitere Recycling verarbeitet werden können. Der Müll, der für die Wiederverwertung nicht mehr in Frage kommt, sollte thermisch behandelt und so verbrannt werden, daß er für die Umwelt keine Gefahr mehr darstellt.

Marcus Redel, zuständig bei der Stadt Erlangen für Müllverwertung und Straßenreinigung

Die Erfahrungen des Auslands zu bewerten, ist besonders wichtig. Umso mehr als unsere Region mit Verspätung die Abfallreform einleitet. Um wertvolle Ratschläge bei der Trennung und Weiterverarbeitung fester kommunaler Abfälle zu erhalten, versammelten sich die Oberhäupter von Städten und Kreisen der Region Wladimir.

Das Problem hat viele Aspekte. Wir wünschen uns nicht nur sozusagen einen Erfahrungsaustausch, sondern wir wollen konkret hören, wie man das in Deutschland anpackt, um dann etwas Gemeinsames zu finden, für sich Schlüsse zu ziehen und das eine oder andere dann auf dem eigenen Gebiet anzuwenden.

Jewgenij Rytschkow, Landrat von Murom

Das Problem zu lösen, hilft die Wiederverwertung mit einem maximalen Nutzen, wie die Erfahrung der deutschen Wissenschaftler lehrt. Allerdings genügt es nicht, richtig zu trennen und die Abfälle zu recyceln, sondern man darf auch keine unkontrollierte Zunahme von neuem Müll zulassen. Es geht darum, die „Müllfrage“ auf „intelligente“ Weise anzugehen.

Die Reportage ist zu sehen unter: https://vladtv.ru/society/103523

Im Publikum. Alle Bilder von Zebra-TV.

Für die Umsetzung des Prozesses der Wiederverwertung bezahlt man eine Abgabe, die unmittelbar von der individuell produzierten Abfallmenge abhängt. Außerdem tragen auch die Hersteller ihren Anteil zur Lösung des Problems bei, für sie lohnt sich das Recycling von Rohstoffen. Es gibt aber auch ein Problem, das, wie Marcus Redel sagt, bisher nicht gelöst ist: Man komme mit den Produzenten noch nicht bei der Einführung von Verpackungen überein, die man einfach und ohne großen Aufwand wiederverwerten könnte.

Die Kultur eines vernünftigen Konsums helfen in Deutschland Fachleute zu schaffen. So erklären beispielsweise in Kindergärten und Schulen Berater den Nutzen der Mülltrennung. Bei uns gibt es dergleichen noch nicht. Aber das ist eine Frage der Zeit. Die ausländische Erfahrung schätzten neben den Studenten auch die Leitungskräfte der kommunalen Selbstverwaltung, die das Problem unmittelbar betrifft. Deshalb bat man den Referenten auch, alles bis ins letzte Detail zu erklären. Die so vermittelten Informationen können an die Gegebenheiten der Region Wladimir adaptiert und umgesetzt werden.

Im Original nachzulesen bei Zebra-TV unter: https://is.gd/yrgm36

 

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– ohne böse Hexe, aber mit einer guten Fee

Es war einmal im Jahre 1992. Die zwei jungen Erlanger Studenten Andrea und Stephan bekamen ein Baby. Groß war das Glück, auch wenn es mit dem Abschluß der Berufsausbildung dadurch schwieriger wurde. Aber Universität und Stadt Erlangen sorgten für ihre Schäflein und stellten Krippen- und Kindergartenplatz zur Verfügung, damit beide Eltern in Ruhe zu Ende studieren konnten. Leider wurden sie dann nach Weiden, in die tiefe Oberpfalz, versetzt, wo sie ihre Stelle antreten bzw. das Referendariat ableisten sollten.

Da geriet die kleine Familie in große Not. Wer sollte das Kind beaufsichtigen und das viele Geschirr spülen, wenn die Eltern doch so schwer arbeiten mußten? Die Mutter weinte und klagte, doch der Mann legte tröstend den Arm um ihre Schultern und sagte: „Erlangen hat uns schon einmal geholfen, Erlangen wird uns auch jetzt nicht im Stich lassen.“

Natalia Chrulnowa und ihr Schützling

Da trocknete Andrea ihre Tränen und griff zum Telefonhörer. Und siehe da, erneut sollte die Stadt Erlangen in Gestalt des gütigen Peter Steger die Rettung sein. Dieser nahm den Zauberstab und schwupp, war sie da: Natascha.  Der Partnerschaftsbeauftragte hatte die Fee direkt aus Wladimir nach Nürnberg an den Busbahnhof gezaubert, wo Andrea sie nur noch abzuholen brauchte.

Die gute Fee und ihr verzaubertes Kind

Was für herrliches Leben begann nun für die Erlanger Familie in Weiden! Die gute Fee Natascha betreute liebevoll das kleine Mädchen, las ihm geduldig viele Stunden lang Urmel-Geschichten vor, begleitete es zur Schule, überwachte die Hausaufgaben, ließ sich vortanzen, stand jeden Tag lange in der Küche, denn Geld für eine Spülmaschine war nicht vorhanden, kochte „Walfisch im Schlafsack“ (oder so ähnlich), damit alle bei Kräften blieben, und spielte bis zur Erschöpfung Kniffel.

Natalia und Alexander Grebnjew mit Stephan, Andrea und der Großfamilie

Das einzige, was die liebe, gute Fee dafür haben wollte, waren morgens zwei Scheiben verkohltes Weißbrot. Dieser Wunsch wurde ihr natürlich gerne gewährt. Und bis heute nennt die Familie diesen Toast „Nataschabrot“. Nach einem Jahr allerdings verließ das freundliche Au-pair die Familie, Weiden und die Oberpfalz, um in Erlangen ihr segensreiches Wirken fortzusetzen. In Weiden allerdings flossen keine Tränen, denn sie sind alle nicht gestorben und bis heute gute Freunde.

Stephan mit der Brautjungfer und dem Ehepaar Natalia und Alexander Grebnev

Als die gute Fee nämlich einen Prinzen gefunden hatte und sich ans Heiraten machte, war die Familie zum Hochzeitsfest in Wladimir eingeladen und durfte dort im schönen Erlangen-Haus wohnen. Schließlich wurde auch Natascha eine Mama, und nur kurze Zeit später brachte der Storch zu Andrea und Stephan zum dritten und letzen Mal ein Kindchen. Noch heute, über 20 Jahre nach Herrn Stegers Zauberei, besuchen sich die beiden Familien, und die Kinder spielen zusammen.

Da sagen wir ganz herzlich: „Danke, Erlangen! Danke, Herr Steger! Danke, Natascha!“

Andrea und Stephan

Die Zauberwelt der Natalia Chrulnowa

Faktencheck: Wie fast alle Märchen hat auch dieses einen wahren Kern und spielt in einer längst verflossenen Zeit, unwiederbringlich verloren. Damals nämlich, in den 90er Jahren, war es dem Partnerschaftsbeauftragten tatsächlich erlaubt, mit Hilfe des Erlangen-Hauses Au-pairs gebührenfrei zu vermitteln. Dutzende von Fällen sind aktenkundig, bis nach Dinkelsbühl und Weiden reichten die Verbindungen. Doch es kam wohl – wenn auch nicht zwischen Erlangen und Wladimir! – zu Mißbrauchsfällen dieser großzügigen Regelung, eines Tages jedenfalls kam die Anweisung der Deutschen Botschaft in Moskau, ab sofort sei dieser Service nur noch professionellen Agenturen vorbehalten. Eine Zeitlang arbeitete das Partnerschaftsbüro noch mit diesen zusammen, doch die bürokratischen Hürden wurden immer höher, weshalb heute der Zauberstab leider im Schrank bleibt, wenn er nicht gerade ein anderes kleines Wunder der Verständigung zwischen Russen und Deutschen wirkt. Aber das ist dann schon wieder ein neues Kapitel…

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Gestern erschien im Internetportal Zebra ein Artikel, der hier in voller Länge, ins Deutsche übersetzt, wiedergegeben wird.
In der Wladimirer Filiale der Regierungsakademie für Verwaltung und Wirtschaft ist für 2020 ein weiteres Treffen des internationalen Diskussionsforums „Prisma Erlangen-Wladimir“ geplant. Im 75. Jahr des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wollen die Partnerstädte über die Bedeutung der Arbeit an der Bewahrung gesicherter Kenntnisse über die historischen Ereignisse nachdenken.
Владимир и Эрланген против искажения истории

Sergej Lawrow und Heiko Maas bei der Überreichung der Auszeichnung an Alina Kartuchina und Elisabeth Preuß für „Prisma“ und den „Wladimir-Blog“ am 14. September 2018 in Berlin

Russische und deutsche Fachleute werden Fragen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses diskutieren. Die Begegnung unter Beteiligung von Beamten, Historikern, Veteranen und Jugendlichen ist für die zweite Junihälfte 2020 geplant. Der internationale Dialog ist dem 75jährigen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewidmet. Durchgeführt wird die Veranstaltung in der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft beim Präsidenten der Russischen Föderation.

Ich denke, es ist sehr wichtig, über das zu sprechen, was derzeit passiert, über die Achtung vor der Erinnerung von der einen wie von der anderen Seite. Wir besprechen, wie sehr es lohnt, heute die Ereignisse jener Jahre zu betrachten. Soweit ich weiß, ist das in der deutschen Gesellschaft, besonders bei der älteren Generation, eine richtige Herzensangelegenheit, und man empfindet ausgesprochen hohen Respekt gegenüber den Prozessen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Betonen möchte ich, daß es sich um keine wissenschaftliche, sondern eine zivilgesellschaftliche Diskussion handelt. Wir wollen nichts verkomplizieren. Bei uns hört man beispielsweise häufig in dem Zusammenhang, irgendwo in anderen Ländern versuche man, die geschichtlichen Ereignisse verzerrt darzustellen. Vor diesem Hintergrund interessiert uns die Position der deutschen Seite. Es ist sehr wichtig, gemeinsam der Verzerrung der historischen Ereignisse und Fakten entgegenzuwirken. Die deutschen Partner unterstützen uns in dieser Hinsicht vollkommen. Dafür ist es notwendig, ständig im Dialog zu bleiben.

Direktor der Akademie und stell. Vorsitzende der Wladimirer Regionalduma, Wjatscheslaw Kartuchin.

Der Ort der Veranstaltung wurde nicht zufällig gewählt. Während der letzten drei Jahre bot die Akademie in Wladimir die Plattform für viele internationale Konferenzen, u.a. auch für das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“. Am 9. September erörterten Wjatscheslaw Kartuchin, der Koordinator des Forums, und Peter Steger, in Erlangen für die Partnerschaft mit Wladimir zuständig, die Nuancen des bevorstehenden Dialogs zwischen beiden Städten.
Prisma

Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Steger

Das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“ wurde im April 2017 gegründet; das Protokoll über die Einrichtung der Dialogplattform unterzeichneten Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und ihr Kollege, Florian Janik, unter Mitwirkung von Wjatscheslaw Kartuchin mit dem Ziel, die aktuellsten Probleme unter Einbeziehung von Politik, verschiedenen Fachleuten sowie Vertretern der Institutionen unserer Zivilgesellschaften. Die Treffen finden in Deutschland wie in Rußland statt.

Die Begegnungen finden vielleicht nicht so häufig statt, dafür aber produktiv. In der Regel verwendet man auf die Beschäftigung mit einem Thema zwei Tage. Am ersten Tag diskutiert man die strittigen Fragen am Runden Tisch, hört Vorträge von Fachleuten an, während am nächsten Tag den Gegenstand der Diskussion in der Praxis erlebt. So war es beispielsweise bei der Begegnung zum Thema „Objektivität der Massenmedien unter den Bedingungen der Globalisierung“, als Wladimirer Journalistinnen die Möglichkeit erhielten, die Arbeit der deutschen Medien von innen kennenzulernen.

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Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Julia Obertreis und Amil Scharifow, Prisma, November 2018 in Wladimir

Für uns ist Rußland alles andere als ein unterentwickeltes Land, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es auch hier – wie für jeden Staat – Probleme: Im Bereich der Abfallbehandlung ist noch viel zu tun, man hat viele Fehler begangen, die es bei uns in den 70er, 80er und 90er Jahren auch gab. Aber ich zuversichtlich, daß wir in all diesen Fragen aufmerksam und erfolgreich zusammenarbeiten werden. Für uns ist es als echte Partner Wladimirs zu verstehen wichtig, wo die Stadt Schwierigkeiten hat, aber auch, wo es erfolgreich läuft. Da kann man jedes Thema nehmen, sei es Bildung oder Medizin, der Wissenstransfer ist für die Fachleute immer von gegenseitigem Nutzen. Wir unterscheiden uns in vielen Fragen, aber uns eint das Bestreben, einander besser zu verstehen.
Peter Steger
In den vergangenen drei Prisma-Jahren diskutierte man Fragen der Migrationspolitik und Besonderheiten der Struktur einer starken Zivilgesellschaft. Eine der Schlüsselfragen wurde die Umweltverschmutzung. Dabei können nicht nur die Russen etwas von den Deutschen übernehmen, sondern auch die Deutschen können für sich interessante Projekte gewinnen. Anfang Oktober erwartet man in der Akademie eine Wirtschafts- und Fachdelegation aus Nordbayern, die einige Aspekte der Abfallbehandlung vorstellen wird. (Anm. der Blog-Redaktion: Diese Information stimmt so nicht. Es wird in der zweiten Oktoberhälfte zunächst nur ein Fachmann aus Erlangen zu dem Themenkomplex nach Wladimir reisen.)

Das Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ gehörte zu den Siegern eines Wettbewerbs der herausragenden und innovativen deutsch-russischen Projekte. Die Partnerstädte Wladimir und Erlangen wurden von den Außenministern beider Länder „für den großen Beitrag zur Entwicklung der regionalen und kommunalen Zusammenarbeit“ zwischen beiden Ländern mit einer Urkunde ausgezeichnet. Der Preis wurde Vertreterinnen beider Städte vom russischen Außenminister, Sergej Lawrow, und seinem deutschen Kollegen, Heiko Maas, während der Abschlußveranstaltung des „deutsch-russischen Themenjahres der regionalen und kommunalen Partnerschaften“ überreicht.

Vor dem Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ liegt nach Überzeugung beider Seiten eine große Zukunft und werde zweifellos noch seine Rolle bei der Entwicklung gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland spielen. Die Gründer des Prismas betonen, in einer Welt, wo es den Dialog auf auf unterschiedlichen Ebenen in dieser oder jener Intensität gebe, sei es besonders wichtig, festere und engere Beziehungen zwischen den jeweiligen Regionen und Kommunen zu bewahren.

Das Diskussionsforum gehört zu dem Netz russisch-deutscher Begegnungen, die es auf unterschiedlichen Ebenen gibt. Beispielsweise ist das der Petersburger Dialog, eine jährlich durchgeführte Plattform der Zivilgesellschaften beider Länder. Ich bin sicher, daß jene Jugendlichen oder Fachleute, die an unseren Treffen teilnehmen, auf ihre Weise weitergeben, was sie hörten und ihre Erkenntnisse nicht für sich behalten. Ich bin überzeugt, daß Prisma ein Kern ist, um den herum sich immer mehr neue und sinnvolle Verbindungen und Initiativen entwickeln.

Peter Steger

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Wjatscheslaw Kartuchin und Olga Dejewa

Die ersten Treffen der Diskussionsplattform zeigten, daß sowohl die russische als auch die deutsche Gesellschaft voneinander stereotypische Vorstellungen pflegt. Das rührt, wie Wjatscheslaw Kartuchin meint, von einem allgemeinen Mangel an ständigem Kontakt her.

Wir haben da so eine abstrakte Vorstellung, in Deutschland seien die Medien unabhängig von der Politik. Doch wenn es dann zum Meinungsaustausch kommt, zeigt sich, daß es viele Gemeinsamkeiten, aber auch Probleme gibt. Oft sind das sogar bei beiden die gleichen Probleme, die sich nur graduell unterscheiden. So interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit etwa dafür, in welchen Formen sich das Ehrenamt in Rußland entwickelt, wie ökologische Probleme angegangen werden und vieles mehr. Die Perspektiven für Prisma sind sehr gut, da sich ständig neue Themen zur Diskussion stellen.

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Ludmila Bundina weiß, was sie will, und sie versteht es, andere dafür zu begeistern und mit vereinter Kraft ihre Ziele zu erreichen. Selbst ohne Eltern im Waisenheim Susdal aufgewachsen, lernte die Handwerkerin früh, selbst anzupacken und gründete im Dezember 2010 in Wladimir, wo sie heute im Stadtrat sitzt, die Organisation „Kinder des Krieges“, aus dem schon ein halbes Jahr später ein landesweit agierender Verband wurde, dem sie vorsteht. Das Schicksal derer, die zwischen dem 22. Juni 1928 und 3. September 1945 geboren, das Unheil des Zweiten Weltkrieges sowie der harten Jahre danach, geprägt von Entbehrung, Hunger, Verlust der Angehörigen und den Folgen des anschließenden Kalten Krieges, zu durchleiden hatten, steht im Mittelpunkt dieser Nichtregierungsorganisation, der es auf regionaler Ebene bereits gelungen ist, für besagte Altersgruppe Vergünstigungen und Sonderzahlungen der öffentlichen Hand zu erstreiten. Derzeit aber widmet die Lokalpolitikerin, unterstützt von Wiktor Baranow, Mitglied der Interessensvertretung, und Roman Alexandrow, Vorsitzender des Allrussischen Jugendverbandes, einen Großteil ihrer Zeit auf das Projekt, die Erinnerung jener Generation aufzubewahren: in Form von Briefen, Bildern, Gegenständen und sogar mit einem eigenen Museum. Noch in diesem Jahr soll nun ein Buch dieser gesammelten Zeitzeugnisse erscheinen. Und dann, möglichst zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, ein weiterer Band, ergänzt durch Beiträge aus Erlangen.

Wiktor Baranow, Ludmila Bundina, Peter Steger und Roman Alexandrow

Aus all den vielen Gesprächen in kleiner und großer Runde zum zentralen Thema des nächsten Jahres – 8./9. Mai: Tag des Sieges, Tag der Niederlage, Tag der Befreiung -, das gut vorbereitet sein will, ragt die gestrige Begegnung im Rathaus der Partnerstadt mit dem Trio besonders heraus. Denn, von dem Treffen angeregt, ergeht ab heute der Aufruf an alle, die als Kinder den Krieg und die Wirren danach erlebten, ihre Wahrnehmungen und Empfindungen von damals auf ein bis zwei Seiten aufzuschreiben und – falls gewünscht, auch anonymisiert – an peter.steger@stadt.erlangen.de zu senden oder per Post an Rathausplatz 1, 91052 Erlangen zu schicken bzw. persönlich im Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen abzugeben. Eine Jury trifft dann eine Auswahl unter den Einsendungen, die in das russisch-deutsche Buch Aufnahme finden; alle übrigen Beiträge erscheinen auf einer zweisprachigen Homepage, die in nächster Zeit freigeschaltet wird. An alle, die diesen Blogeintrag lesen, deshalb die Bitte, den Aufruf breit zu streuen, gern auch über Erlangen hinaus, um möglichst viele Menschen jener Generation zu erreichen. Weder inhaltlich noch formal gibt es Vorgaben. Nur einen Wunsch gibt Ludmila Bundina dem Gast noch mit auf den Weg: Es sollte doch unbedingt auch in Erlangen ein Verein der Kriegskinder gegründet werden, damit man sich auf direktem Wege untereinander austauschen könne. Wie gesagt, sie weiß, was sie will!

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