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Archive for the ‘Wissenschaft’ Category


So gut sie inhaltlich vorbereitet war, so gut ist sie auch technisch – abgesehen von anfänglichen Störgeräuschen durch falsch positionierte Mikrophone –  gestern im Universitätsgebäude der Friedrich-Alexander-Universität in der Kochstraße 4 gelungen, die erste Videokonferenz zwischen Erlangen und Wladimir. Von 9.00 Uhr bis 11.45 Uhr tauschte man Kurzvorträge zum Thema „100 Jahre Russische Revolution – Deutsche und russische Perspektiven“ aus und vertiefte anschließend den vielfältigen Stoff in der Diskussion.

Die Initiative zu dieser Premiere ging von der russischen Seite aus, die sich auf dem Bildschirm auch in beeindruckender Aufstellung präsentierte. Irina Lapschina, Leiterin der Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte und habilitierte Historikerin, moderierte im sich rasch einspielenden Tandem mit Moritz Florin, ihrem Erlanger promovierten Kollegen vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas, die Runde mit den abgesprochenen Themenblöcken.

Als Arbeitssprache hatte man Englisch gewählt, da auf Seiten Erlangens nicht alle über ausreichend Russischkenntnisse verfügten. Desto erstaunlicher der Vortrag von Alexej Andrianow auf Deutsch, wenn man einmal absieht vom flüssig-gewandten Wechsel zwischen allen drei Sprachen, den Moritz Florin an den Tag legte, oder vom gepflegten Russisch des Muttersprachlers Igor Biberman.

Wladimir zwischen Moskau und Gorkij

Das „mächtige Häuflein“ in Erlangen hatte sich gut vorbereitet mit einer Landkarte der Sowjetunion aus dem Jahr 1961, behängt mit Artikeln und Publikationen zum Thema, sowie einem kleinen Büchertisch, Zeugnisse einer intensiven Auseinandersetzung der deutschen Öffentlichkeit mit der Oktoberrevolution. Nicht von ungefähr zeigte man diese „Leistungsschau“, denn allgemein herrscht der Eindruck vor, die russische Politik, Wissenschaft und Medienwelt habe dem Jahrhundertereignis eher stiefmütterliches Interesse entgegengebracht. Ob dem auch wirklich so sei, sollte schließlich zu einem der Leitmotive der Konferenz werden.

Klaus Dyroff grüßt Wladimir

Von Nikolaj Karamsin, dem Vater der russischen Geschichtsschreibung stammt der Satz „Das Volk ist ein scharfes Eisen, mit dem zu spielen gefährlich ist, und die Revolution ist ein offener Sarg für die Tugend ebenso wie für die Missetat.“ Er hatte die Französische Revolution vor Augen, aber gültig ist sein Aphorismus sicher nicht minder für das, was im Oktober/November vor 100 Jahren in Petrograd seinen blutigen Anfang nahm.

Heute, so Irina Lapschina in ihrer Einführung, sei die Bevölkerung in der Beurteilung der Ereignisse – ob Revolution oder Staatsstreich – geteilter Meinung: 46:46 stehen sich mit einer positiven bzw. negativen Haltung gegenüber. Und die Historiker hier wie dort? Das auszudiskutieren, genügen natürlich auch drei Stunden nicht, aber ein guter Anfang ist gemacht.

Moritz Florin im Dialog mit Irina Lapschina

Immerhin gelang es, in zwölf Blöcken im Wechsel neue Ansätze des Verständnisses und der Interpretation vorzustellen, weg von Sozialgeschichte, wie sie in der UdSSR vorherrschte, hin zu einer stärker subjektiven Wahrnehmung etwa in Karl Schlögels neuer Monographie „Das sowjetische Jahrhundert“, in neuen Bewertungen der Revolution durch zeitgenössische russische Forscher, die Entdeckung von Archivmaterial mit Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, wie derzeit in der Süddeutschen Zeitung publiziert, in der Rezeption von Erinnerungen des französischen Diplomaten Georges Maurice Paléologue, der Reportagen des amerikanischen Journalisten und Gründer der kommunistischen Arbeiterpartei in den USA, John Reed, oder der Memoiren des britischen Diplomaten, George Buchanan.

Michael Herzog zum Thema „Martin Luther und Wladimir Lenin“

Interessant auch der Einblick in die Stoffvermittlung in russischen Lehrbüchern, in eine große Ausstellung im Landesmuseum Wladimir oder die umfangreiche Berichterstattung deutscher Printmedien und TV-Reportagen wie der Sendung „Zarensturz – Ende der Romanows“ im ZDF oder „Die Künstler und die Revolution“ auf Arte. Kurios die Parallelen, die sich – an manchem wirren Haar – herbeiziehen lassen zwischen 500 Jahren Reformation und 100 Jahren Revolution.

Die Technik überlistet von Sonja Ruppik und Cornelia Götschel

In der Diskussion stellte sich rasch eines heraus: Man kann und will über alles sprechen, weder hier noch dort gibt es Tabuzonen oder vorgestanzte Auffassungen, die ja Friedrich Schiller immer so fürchtete:  „Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, / schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.“ Auch nicht zum mehr diskutierten als rezipierten Spielfilm „Mathilde“, der in russisch-orthodoxen Kreisen – auch in Wladimir – so viel Wirbel ausgelöst hatte und die gestrige Runde so gelassen ließ; auch nicht zur Frage, warum denn nun die Kreml-Politik die Rote Revolution im Jubiläumsjahr so unter den Scheffel stellt. Eine Wladimirer Studentin mutmaßt denn auch, man wolle wohl angesichts der Präsidentschaftswahl im März niemanden auch nur in Gedanken auf die Barrikaden bringen. Ein eher geringes Risiko so die russische Meinung dazu, zumal ja auch nur wenige den Aufrufen der Kommunisten zu ihren Kundgebungen folgten.

Werner Landmann, Sonja Ruppig, Cornelia Götschel, Igor Biberman, Moritz Florin, Andreas Beckert, Klaus Dyroff und Michael Herzog

In Abwandlung eines Ausspruchs von Zarin Katharina II – „Ihr Philosophen habt es gut. Ihr schreibt auf Papier, und Papier ist geduldig. Ich unglückliche Kaiserin schreibe auf der empfindlichen Haut von Menschen.“ – könnte man sagen, die Oktoberrevolution hat die Haut von Millionen von Menschen gegerbt, die Narben und Verletzungen werden wohl noch lange weitervererbt. Da braucht es dann schon eine gute Erklärung für die Frage, warum neuerdings in der russischen Forschung der Begriff „Große Revolution“ auftauche. Vielleicht, so eine Deutung aus Wladimir, weil damit das gesamte Jahr 1917 gemeint ist, das Zusammenwirken der bürgerlichen Revolution im Februar mit dem bolschewistischen Umsturz im Oktober. Da besteht aber sicher noch Klärungsbedarf zwischen den Debattanten, die es sicher nicht bei dieser ersten Videokonferenz bewenden lassen, zumal – wie es sich für jede anständige Konferenz gehört – eine Zusammenstellung und Publizierung der Beiträge vorgesehen ist und man auch schon ein Wiedersehen realiter im Sommer plant.

S. auch: https://is.gd/t6UFpQ und https://is.gd/PkRADg

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Das Jahr ist noch nicht zu Ende, aber ein erstes Fazit darf man schon ziehen und dabei auf einen besonderen Glücksfall der Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft hinweisen: den Austausch des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU mit der Staatlichen Universität Wladimir. Im Ergebnis der Exkursion einer neunzehnköpfigen Gruppe aus Erlangen mit der Lehrstuhlleiterin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg und Wladimir Ende Mai bildete sich nicht nur die Studenteninitiative „Kommunalka“, sondern die russische Seite schlägt nun auch zum Thema „Die Russische Revolution. Russische und deutsche Perspektiven.“ eine Videokonferenz vor, die am Freitag, den 8. Dezember, um 9.00 Uhr im Regionalen Rechenzentrum der FAU, Martensstraße 1 starten und bis 12.00 Uhr dauern soll. Geplant ist die Diskussion – übrigens auf Englisch und Russisch, wobei ggf. für Übersetzung gesorgt wird – als Synopsis von Publikationen und Interpretationen in beiden Ländern zum „Roten Oktober“.

Alle Macht den Räten! 1917 Beginn einer neuen Ära.

In kurzen Vorträgen, nicht länger als fünf Minuten, wollen die Studenten der Partnerstädte ein aktuelles Buch, einen Zeitungsartikel oder Film, eine Ausstellung, Konferenz oder Dokumentation zum Thema vorstellen. Einige Beiträge stehen schon fest. So wird Moritz Florin, Koordinator der Veranstaltung und Akademischer Rat am Lehrstuhl, zu der Plakatausstellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“ sprechen, die in ganz Deutschland in Schulen und an anderen öffentlichen Orten gezeigt wurde, siehe: https://is.gd/7d5BEN. Klaus Dyroff hat eine Reihe von Zeitungsartikeln zum Thema zusammengestellt, die er allen Teilnehmern in Form eines Readers zur Verfügung stellt.

Es lebe die große sozialistische Oktoberrevolution!

Thematisiert werden können aber auch die aktuellen Fernsehdokumentationen zu dem epochalen Ereignis, etwa „Der letzte Zar“ – siehe https://is.gd/i5neff, wo unter anderem Matthias Stadelmann, Professor am Lehrstuhl von Julia Obertreis, zu sehen ist. Als Stoff bieten sich aber auch neue Bücher deutscher Historiker an, darunter Martin Aust, Gerd Koenen und Karl Schlögel. Zur Lektüre und Vorbereitung empfohlen auch „Rußland 1917“ aus der Feder des Erlanger Emeritus, Helmut Altrichter. Darüber hinaus befassen sich mit dem Jahrestag die Publikationen „100 Jahre Roter Oktober. Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, Berlin 2017“, die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Osteuropa“ sowie das kürzlich erschienene Heft aus der Reihe „Geo-Epoche“. Angesprochen werden können jedoch auch durchaus heikle Themen wie der Film „Mathilde“, zu dessen Resonanz in der russischen und insbesondere der Wladimirer Öffentlichkeit auch der Blog berichtete: https://is.gd/t6UFpQ

Das Land den Bauern, die Betriebe den Arbeitern! – Demonstration der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation am 7. November 2017 in Wladimir.

So frei die Wissenschaft, so offen die Teilnahme – auch ohne Immatrikulation. Wer also an der Videokonferenz – gleich ob aktiv mit einem eigenen Beitrag oder als Gasthörer – teilnehmen möchte, melde sich bei moritz.florin@fau.de an, auch um zu erfahren, in welchem Raum die Veranstaltung stattfinden wird.

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Vom 10. bis 29. September war wieder eine vierköpfige Gruppe des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde zum Studentenaustausch an der Universität Wladimir zu Gast. Hier nun der Reisebericht.

Das Studentenleben in Wladimir war für uns alle eine der besten Erfahrungen im Leben. Es waren so viele neue Eindrücke und Ansichten, daß wir in der ersten Woche gar nicht aus dem Staunen herauskamen. Übrigens hatten wir in den ersten zwei Wochen großes Glück mit dem Wetter – Altweibersommer.

Am ersten Tag an der Universität in Wladimir, ВлГУ, wurden wir sehr herzlich in der Mensa von den für uns verantwortlichen und anderen Studenten begrüßt. Es gab Tee und Kuchen in der Kennenlernrunde. Anschließend erhielten wir einen Plan für die nächsten drei Wochen, welcher ein volles Programm bot. Jeden Tag nach den Doppelstunden fand ein Ausflug statt. Wir waren in Kunst- und Geschichtsmuseen, in der Philharmonie, im Kino, im Planetarium und im botanischen Garten von Wladimir. Unsere Dozentin für Russisch war eine so liebreizende und positive Person, wir haben sie direkt ins Herz geschlossen.

Die gemischte Studentengruppe mit Marina Gajlit im Goldenen Tor

Die Sitten und Mentalität der russischen Bevölkerung unterscheiden sich sehr von der deutschen. Die typischen Klischees sind nicht wirklich zutreffend. Alkohol ist strikt verboten und kann auch nicht überall zu jeder Zeit gekauft werden. Zigaretten sind für uns umgerechnet natürlich sehr günstig, aber sie sind in allen Geschäften unter Verschluß und nicht öffentlich sichtbar, wie wir es in Deutschland kennen. Die Öffnungszeiten sind ungewohnt aber auf jeden Fall sehr bequem und praktisch. Auf echte Bären sind wir auch nicht getroffen.

Wladimir ist eine süße kleine Stadt – ähnlich wie Nürnberg. Ehrlich gesagt kam es mir persönlich so vor, als hätten wir eine Zeitreise in die Sowjetunion gemacht, denn außerhalb der Großstädte ist alles beim alten geblieben.

Gemischte Studentengruppe vor der Demetrius-Kathedrale

Wir waren auch in Susdal und Bogoljubowo, beide sehr gläubige Städtchen. Am zweiten Wochenende ging es nach Moskau, in die Stadt, die niemals schläft. Es war traumhaft ebenso wie das Wetter. In der letzten Woche wurde es dann deutlich kälter und herbstlicher. Die Stimmung war auch etwas bedrückt denn wir begriffen, daß die Zeit einfach zu schnell vergangen war. Dennoch haben wir das Beste daraus gemacht und waren nochmals in einigen Restaurants, Bars und im Klub.

Im großen und ganzen war der Aufenthalt bei den Gastfamilien und an der Uni wirklich interessant. Wir haben viel dazugelernt und wollen so bald als möglich wieder nach Rußland!

Tatjana Maier

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Schon zum dritten Mal in diesem Jahr reiste Julia Obertreis – nach der Delegation zum Gesprächsforum „Prisma“ und der Exkursion mit einer Studentengruppe im Frühsommer – in die Partnerstadt. Dieses Mal kam die Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU auf Einladung der Staatlichen Universität Wladimir in Begleitung ihrer Mitarbeiterin am Lehrstuhl, Olga Malinova-Tziafeta, um am Mittwoch und Donnerstag an der internationalen Konferenz zum Thema „100 Jahre Oktoberrevolution – Ursprünge, Einschätzungen und Bedeutung“ teilzunehmen.

Ansor Saralidse, Olga Malinova-Tziafeta und Julia Obertreis

Grund genug für Rektor Ansor Saralidse, zur Eröffnung der Veranstaltung die beiden Historikerinnen aus Erlangen zu einem Gespräch über die weitere wissenschaftliche Zusammenarbeit der Partnerstädte zu empfangen – und die Möglichkeit, den Wissenschaftlerinnen ein Podium zu bieten, das Fachleute von führenden russischen Hochschulen zusammenführte und wo auch ein Historiker der Anglia Ruskin University einen Vortrag hielt.

Julia Obertreis, rechts neben Vizegouverneur Michail Kolkow, im Präsidium des Kongresses

Ljubow Naumowa, zuständig für die Internationalen Beziehungen ihrer Universität, zeigte sich in einer kurzen Stellungnahme recht erfreut über den Besuch:

Es gab viele interessante Vorträge zu hören, und wir sind sehr froh und dankbar, daß unsere Kolleginnen von der FAU an der Konferenz teilnahmen und referierten. Ich konnte beide Beiträge hören und fand sie als jemand, der seinerzeit Geschichte studiert hatte, ausgesprochen interessant und unerwartet. Wir sprachen gewöhnlich immer im Zusammenhang mit der Revolution über Politik oder Wirtschaft, während hier ein ganz neuer und ungewohnter Aspekt angesprochen wurde. Großartig, daß auch unsere Studenten das hören konnten!

Julia Obertreis

In der Tat forschen die beiden Wissenschaftlerinnen zu Fragen der Alltagsgeschichte vor, während und nach dem kommunistischen Umsturz. So arbeitete Julia Obertreis in ihrem Vortrag unter dem Titel „Die Revolution im Wohnungswesen: Petrograd / Leningrad und das Entstehen von Kommualwohnungen von 1917 bis 1937“ heraus, wie der Übergang von der bürgerlichen Vermietung zur behördlichen Verwaltung der beschlagnahmten Immobilien und das Phänomen der sogenannten „Kommunalka“ – bis in die jüngste Vergangenheit als Auslaufmodell der staatlichen Zuweisung von Zimmern an Parteien mit gemeinsamer Küche, Toilette und Naßzelle verbreitet – den politisch postulierten „neuen Menschen“ sozial prägte, gleich ob ehemaliger Eigner oder oft aus dem Umland Zugezogener.

Olga Malinowa-Tsiafeta

Auch Olga Malinova-Tziafeta widmete sich den Lebensverhältnissen der „kleinen Leute“ im vorrevolutionären Sankt Petersburg, also einem Teil der Geschichte, der ganz entscheidend ist für das Verständnis der revolutionären Umbrüche in der russischen Gesellschaft vor 100 Jahren.

Audimax an der Staatlichen Universität Wladimir, rechts in der zweiten Reihe Olga Malinowa-Tsiafeta

Dieser außergewöhnliche Blick auf Revolution und Geschichte entging auch den Wladimirer Medien nicht, und so bot denn auch der Sender „Gouvernement 33“ Julia Obertreis ein achtminütiges Forum, um ihren wissenschaftlichen Ansatz einem breiten, freilich nur russischsprachigen Publikum zu erläutern unter https://is.gd/SZSOxH. Aber vielleicht können ja die wichtigsten Thesen hier im Blog noch nachgereicht werden. Allemal lohnend auch für ein deutsches Publikum.

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Schon im ersten Semester der Humanmedizin die Möglichkeit zu bekommen, Ärzten über die Schulter zu schauen und dabei richtig etwas zu lernen? Ja, das klingt nicht nur unwahrscheinlich, das ist es eigentlich auch. Als mir Dominik Steger, ein Kommilitone aus einem höheren Semester, davon erzählte, er werde diesen Sommer für seine Famulatur wieder nach Wladimir gehen, war ich ganz begeistert und wollte ihn am liebsten begleiten. Durch die freundliche Organisation seines Vaters, Peter Steger, wurde aus der Idee Realität, und so fand ich mich Anfang September im Regionalkrankenhaus Wladimirs wieder.

Panoramablick vom Patriarchengarten auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Schon vor Beginn meines Humanmedizinstudiums an der Berliner Charité interessierte ich mich für die Radiologie. So kam es, daß ich bei Iwan Seliwjorstow, dem Leiter der Diagnostischen Abteilung des Regionalkrankenhauses Wladimir, eine Hospitation machen durfte. Er hatte seinerseits aufgrund der Städtepartnerschaft schon im Erlanger Uniklinikum hospitiert, wobei ihm sein fließendes Deutsch behilflich war. Gleich nach der Begrüßung und einem kurzen Gespräch über den Ablauf meines Aufenthalts, stellte Iwan mich der ärztlichen Direktorin des Regionalkrankenhauses vor. In dem Gespräch wurde klar, welcher Wert auf den internationalen Dialog gesetzt wird, und ich war ganz begeistert, daß sie sich für mich die Zeit nahm.

Robin Bockelmann und Iwan Seliwjorstow

Iwan startete unmittelbar danach eine kleine, persönliche Führung durch die Räumlichkeiten der Radiologischen Abteilung, welche auf mehrere Gebäude des großen Krankenhauskomplexes verteilt liegen. Beeindruckend war die personelle und technische Ausstattung, die einem deutschen Krankenhaus der gleichen Größe in nichts nachsteht. Neben einigen CTs, Röntgen- und mehreren Ultraschall-Geräten bietet auch der Magnetresonanztomograph eine modern eingerichtete Diagnostik-Abteilung. Ein bemerkenswerter Unterschied zur deutschen Facharzt-Weiterbildung: Im russischen System gibt es neben dem klassischen Radiologen auch den Facharzt für Ultraschall-Untersuchungen. Inwiefern diese Teilung eine Zukunft hat, ist noch ungewiß. Sie bildet aber eine interessante Lösung für die stetig wachsenden Anforderungen an den medizinischen Nachwuchs auch anderer Fachdisziplinen, neuen Technologien und dem enormen Wissenszuwachs gerecht zu werden.

Robin Bockelmann mit Alexej und Nikita

Nach dem Rundgang übergab mich Iwan in die Obhut zweier junger Ärzte, die das CT betreuten. Während die technische Assistentin die Patienten hinein- und herausbegleitete und ihnen Anweisungen für den bevorstehenden Scan vermittelte, saßen die Radiologen hinter einem dicken Glasfenster vor großen Bildschirmen und schauten sich in Echtzeit die Ergebnisse an. Schon nach wenigen Sekunden deuteten die beiden fast 30jährigen auf winzige Strukturen in verschiedenen Schichten und Gewichtungen und formulierten die jeweilige Diagnose. Selbst für die Augen eines interessierten Medizinstudenten, erscheinen die Bilder wie ein gut sortierter Haufen schwarzer und weißer Pixel mit einigen Graustufen. Man merkt sofort, welch ein Erfahrungsschatz hier gefordert und benötigt wird. Innerhalb weniger Minuten wird die Diagnose unterschrieben und gestempelt, während der nächste Patient schon in der Röhre des CT-Gerätes liegt. Alexej war einer der beiden jungen Ärzte, die versuchten, mir die Bilder mit den jeweiligen Abnormitäten zu erklären. Er lud mich und Dominik Steger später in eine Bar und dann zu sich nach Hause ein, wodurch ich Wladimir auf eine ganz andere Art und Weise kennenlernte – ebenso den Wodka mit eingelegten Gurken. An dieser Stelle sei betont: Die russische Gastfreundschaft ist kein Gerücht, was ich während meines Aufenthaltes immer wieder feststellen durfte.

Um die MRT-Diagnostik kümmerte sich Iwan höchstpersönlich. Er erklärte mir die Funktionsweise des Gerätes und Vielfältigkeit der Bilder durch eine große Auswahl an Equipment. Während auch hier die Patienten von den technischen Assistenten hinein- und herausbegleitet wurden, zeigte mir mein Mentor die Einzelheiten, worauf er achtete und wie er sich systematisch der Diagnose näherte. So gab er mir die Möglichkeit, bei dem einen oder anderen Bild bereits Abweichungen selbständig erkennen zu können. Ein Fortschritt, der mir viel bedeutet.

Bevor sich die Hospitation dem Ende neigte, durfte ich noch eine kurze Zeit in der Röntgen-Abteilung verbringen. Auch hier arbeitet ein sehr gut eingespieltes Team, welches, einem Fließband gleich, allerdings mitnichten von minderer Qualität, den Patienten nicht lang auf sein Bild samt Diagnose warten ließ. Auch wenn sprachliche Barrieren es leider oftmals nicht ermöglichten, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, stellte mir Iwan jede Ärztin und jeden Arzt, einige Krankenschwestern und technische Assistenten vor und sorgte so für ein sehr offenes und freundliches Arbeitsklima. Ein Klima, in dem ich mich wohlfühlte und gern wieder arbeiten wollen würde, sobald ich mehr Erfahrungen, Wissen und Sprachkenntnisse mitbringe.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Meine Zeit in Wladimir erhielt allerdings auch eine besondere Note, durch die Menschen die ich hier kennenlernte. Ludmila, eine liebe Freundin Dominiks und Deutschlehrerin an einem Gymnasium, zeigte uns die Innenstadt der gut tausend Jahre alten Stadt. Von der Mariä-Entschlafens-Kathedrale mit ihrer kunsthistorischen Bedeutung durch ihre Fresken Andrej Rubljows bis hin zum Goldenen Tor in dessen Inneren die Mongolische Invasion ausdrucksvoll und detailreich veranschaulicht wird.

Das oppulente Frühstück im Erlangen-Haus

Im Erlangen-Haus fand ich immer einen freundlichen und hilfsbereiten Ansprechpartner (für jeden Touristen zu empfehlen, der keinerlei Russisch-Kenntnisse aufweist!). Ohne Dominiks Bekanntschaften und exzellente Sprachkenntnisse wäre mein Besuch um einiges farbloser geworden, und ich hätte neben Wladimir auch Susdal und Moskau nur oberflächlich kennengelernt. An dieser Stelle auch ein großer Dank an Witalij Gurinowitsch und Sergej Siwajew!

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Für all diese Erlebnisse möchte ich mich insbesondere bei den beiden Stegers bedanken. Es sind Freundschaften und Kontakte entstanden, die über meinen Aufenthalt hinaus bestehen bleiben, und ich würde mich freuen, wenn dieser Besuch in Wladimir nicht der letzte gewesen ist.

Robin Bockelmann

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Wenn heute abend Julia Gerassimowa und Andrej Artamonow die Heimreise antreten, tun sie das mit einem „ganzen Schatz an Erfahrungen und Einblicken“, wie die Neurologin und der Chirurg unisono versichern. Doch viel mehr als Worte sagen ihre Taten: Beim Treffen mit den Rotariern verabschieden sich die beiden Mediziner aus Wladimir gleich nach ihrer kurzen Dankesrede an die Mitglieder des Serviceklubs, der die zweiwöchige Hospitation am Klinikum ermöglichte, schlagen sogar die Einladung zum Mittagessen aus, nur um rasch zurück auf ihre Stationen zu eilen. Und Andrej Artamonow verspätet sich beim gestrigen Abendessen gar um mehr als drei Stunden, weil ihn einfach die Operation an der Seite von Professor Robert Grützmann und das anschließende Fachgespräch nicht losließen. Aber so soll es ja auch sein.

Professor Werner Hohenberger, Sergej Artamonow, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Julia Gerassimowa und Stadtrat Jürgen Zeus

So unterschiedlich ihre Fachgebiete, so einig sind sich die Gäste im Urteil über das Niveau der Medizin an der hiesigen Universität: Spitzenklasse vom Qualitätsmanagement bis zur technischen Ausstattung, ärztlichen Kunst sowie Pflege und Nachsorge, aber auch bei einem Personalschlüssel, von dem die beiden zu Hause nicht einmal zu träumen wagen. Es genüge der Hinweis auf die von Julia Gerassimowa geleitete Schlaganfallstation mit 50 Betten, betreut von einem zwölfköpfigen Team, während die zwölf Patienten in der Erlanger Stroke Unit von etwa 60 Fachkräften betreut werden. Besonders begeistert zeigen sich die Wladimirer aber von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, die nach dem Urteil von Julia Gerassimowa alles hat, was eine Krankenschwester auszeichnet: „Überblick, praktisches Geschick und ein umgängliches Wesen. Eigenschaften“, wie die Ärztin hinzufügt, „die sicher gerade in einer Medizinstadt nur von Vorteil sein können, wenn man Politik macht. Auch in dieser Hinsicht ist Erlangen beneidenswert.“ Das darf nun einfach so stehenbleiben.

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Erst im August hatte Dmitrij Makejew seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, nun ist er gestern verstorben. Einen sanften Mann verliert Wladimir, einen klugen Mittler des Ausgleichs, einen bedachten Historiker, der aus der Geschichte gelernt hatte, wie wichtig Versöhnung und Austausch zwischen den Völkern sind. In der Region Moskau geboren, kam der Wissenschaftler 1977 nach Wladimir, um zunächst als Dozent am Pädagogischen Institut zu lehren, wo er sich rasch zum Prorektor emporarbeitete, bevor er 1988 die Leitung der Hochschule – 1993 zur Staatlichen Pädagogischen Universität erhoben und 2011 mit der Polytechnischen Universität zur Wladimirer Staatlichen Universität verschmolzen – bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 übernahm.

Altrektor Dmitrij Makejew, Florian Janik und Ansor Saralidze, Rektor der Universität Wladimir, Herbst 2014

In all diesen Jahren spielte Dmitrij Makejew eine herausragende Rolle in der Geschichte der Städtepartnerschaft: Als regionaler Vorsitzender des Verbands der Völkerverständigung handelte er in einer Nachtsitzung im Hotel Kljasma mit Rudolf Schwarzenbach, dem großen Mentor dieser Kontakte, die Formulierungen für die Charta der Städtepartnerschaft aus, 1985 begann unter seiner Ägide der Austausch mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, und ebenfalls in diese Zeit fiel der Anfang seiner Freundschaft mit Klaus Wrobel, dem Direktor der Erlanger Volkshochschule, die er auch selbst immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen besuchte. Überhaupt war er der große Kommunikator, erklärte hier wie dort auf Podien und in Seminaren die gesellschaftlichen wie politischen Unterschiede und scheute auch vor der Herausforderung nicht zurück, 1997 mit dem Erlanger Kollegen, Michael Stürmer, russische Sorgen und Befürchtungen angesichts der Nato-Osterweiterung zu diskutieren. Dabei behielt er stets die Verdienste von Mitstreitern in der Sache der Verständigung im Blick und verlieh dem Begründer der Städtepartnerschaft und damaligen Oberbürgermeister Erlangens, Dietmar Hahlweg, 1995 die Ehrendoktorwürde; zwei Jahre später ging die Auszeichnung an Klaus Wrobel.

Wir trauern um Dmitrij Makejew

Es ist still in den letzten Jahren um den ohnehin eher in sich gekehrten Gelehrten geworden, Alter und Gesundheit forderten ihren Tribut. Aber seine besonnene Stimme bleibt hörbar als jene, die ganz zu Anfang des wissenschaftlichen Austausches zwischen Wladimir und Erlangen so vornehm-vernehmlich erklang und bis heute alle Begegnungen durchdringt, in ihnen allen schwingt. So schwer der Verlust, so traurig die Melodie der Threnodie, so beglückend das Vermächtnis: Wenn am Dienstag der Patriarch der Partnerschaft zu Grabe getragen wird, steht – welch eine Fügung des Schicksals! – in der Trauergemeinde auch eine vierköpfige Studentengruppe des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde am Sarg. Ein Abschied, der verpflichtet.

Mehr zu den Leistungen des Verstorbenen hier: https://is.gd/v3BEku

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