Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Wissenschaft’ Category


Ihn im Bekanntenkreis zu empfehlen, hätte wohl eher etwas von schwarzem Humor, aber unter Kollegen wird Mark Furman als führender Kopf gehandelt. Nun wurde der Gerichtsmediziner aus Wladimir beim Allrussischen Ärztewettbewerb sogar mit dem Titel „Bester Experte“ ausgezeichnet. Und das angesichts staatlicher Konkurrenz, denn eingereicht wurden 653 Bewerbungen aus 29 Fachgebieten und 62 Regionen des Landes.

Mark Furman

Der 1936 geborene promovierte Wissenschaftler trägt bereits den Titel „Verdienter Arzt der Russischen Föderation“ und arbeitet seit 1968 in unterschiedlicher Funktion bei der Wladimirer Gerichtsmedizin. Wenn er zwischen all seinen Expertisen noch Zeit findet, schreibt es Sachbücher zu seiner Arbeit, von denen zwei sogar verfilmt wurden. Zur Ruhe setzen will sich Mark Furman übrigens noch nicht, er plant sogar noch einen Besuch in Erlangen, wo er in den 90er Jahren erstmals seine Kollegen besucht hatte. Die waren damals übrigens auch schon beeindruckt von Wissen und Erfahrung des Kollegen aus der Partnerstadt.

Read Full Post »


In Erlangens Partnerstadt am frühen Morgen angekommen, folgte eine etwas längere Wanderung zum Hostel. Wladimir bot bereits auf den ersten Blick einen deutlichen Kontrast zur Metropole Sankt Petersburg. Viele Häuser sind einfach und von der Sowjetarchitektur geprägt. An vielen Fassaden kann man auch noch Hammer und Sichel oder rote Sterne als Ornamente entdecken. Nach dem Einchecken, Frühstück und Erholungspause machte sich die Gruppe per Bus zur Universität auf. Auf dem Weg dorthin konnten wir weitere Eindrücke der Stadt gewinnen, so passierten wir beispielsweise eine weitere Lenin-Statue.

Willkommen in der Welt des Wissens

An der Universität angekommen, wurden wir in einen prachtvollen Konferenzraum geführt, wo eine Delegation russischer Studenten auf uns wartete. Da Wladimir die Partnerstadt von Erlangen ist und auch die Universitäten eine Kooperation pflegen, hatten wir die Möglichkeit, uns auszutauschen und einander anzunähern. So gewannen wir viele Erkenntnisse über den Alltag der russischen Kommilitonen, beispielsweise liegt die zu erwartende Bezahlung für angehende Akademiker hier weit niedriger als in Deutschland. Andererseits war zu erkennen, wie eng an russischen Hochschulen das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden zu sein scheint. Trotz einiger Anfangsschwierigkeiten entfaltete sich eine lebhafte Diskussion über die Revolution, Geschichtspolitik und Geschichtsunterricht in beiden Ländern. Nach der Diskussionsrunde bot eine längere Mittagspause die Möglichkeit, sich mit den Gastgebern in kleinerem Kreis zu unterhalten. So wurden uns einige Hörsäle gezeigt, und wir probierten die Mensa aus. Außerdem machten wir nähere Bekanntschaft mit dem Erlanger Austauschstudenten Max Firgau, der ebenfalls bei der Diskussion anwesend war und uns für den Rest unserer Exkursion begleitete. Moritz Florin und Julia Obertreis hatten zudem die Gelegenheit, sich mit ihren russischen Kollegen über weitere Pläne zur Zusammenarbeit auszutauschen.

Demetrius-Kathedrale

Nach der Mittagspause folgte eine Stadtbesichtigung, bei der uns die kenntnisreiche Stadtführerin Jelena Ljubar die Sehenswürdigkeiten von Wladimir präsentierte. Zunächst besichtigten wir die Demetrius-Kathedrale, einen von außen reich mit Reliefs geschmückten Kreuzkuppelzentralbau aus dem 12. Jahrhundert. Der Innenraum ist sehr schlicht, allein einige wenige Fresken aus der Erbauungszeit und ein Dachkreuz, das nun am Altar steht, schmücken das Innere der Kirche. Dann gingen wir zur nahe gelegenen Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert und der Zeit des Großfürstentums Wladimir – Susdal stammt. Im Inneren befinden sich eindrucksvolle Fresken von Andrej Rubljow aus dem 15. Jahrhundert, die unter anderem eine Darstellung des Jüngsten Gerichts zeigen. Der letzte Programmpunkt war dann die Besichtigung der Anlage des Goldenen Tors, das aus derselben Zeit wie die anderen Sehenswürdigkeiten stammt und eine Ausstellung beherbergt. Am Abend traf sich die Gruppe wieder mit einigen der russischen Studenten vom Vormittag, um gemeinsam essen zu gehen. Dabei legten sich vor allem die männlichen Exkursionsteilnehmer mächtig ins Zeug, um bei den russischen Studentinnen einen guten Eindruck zu machen, natürlich nur aus Gründen der Völkerverständigung…

Den letzten Tag unserer Exkursion verbrachten wir im kleinen, ländlichen aber historisch wichtigen Ort Susdal. Neben Max begleitete uns hier auch eine russische Studentin und wieder unsere Städteführerin Jelena Ljubar. Die Reise von Wladimir nach Susdal gestaltete sich als ein kleines Abenteuer an sich, denn der Bus war brechend voll, und eine chinesische Touristengruppe schien, sich uns anschließen zu wollen. In Susdal angekommen, besichtigten wir zunächst das Erlöser-Euphemius-Kloster. In der dortigen Erlöser-Verklärungs-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert durften wir einem fünfköpfigen Männerchor bei der Interpretation eines Abendgebets in Altrussisch zuhören. Der sphärische Klang des Gesangs vor der Kulisse der bunten Fresken im reich ausgemalten Innenraum war ein einmaliges Erlebnis. Eine weitere Sehenswürdigkeit stellte der Glockenturm der Anlage dar. Um 12 Uhr hörten wir dem dort per Hand intonierten Glockenspiel zu, das überraschend dynamisch und rhythmisch klingt. Außerdem legten wir einen kurzen Halt am Mausoleum des Fürsten Dmitrij Poscharskij ein. Vom Kloster aus liefen wir dann zum Susdaler Kreml. Dort besichtigten wir die innerhalb der Kremlmauern befindliche Mariä-Geburts-Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. Ihre blauen Zwiebeldächer muten durch ihre Verzierung an wie ein Sternenhimmel.

Mariä-Geburts-Kathedrale

Im Inneren der Kirche kann man ein goldenes Tor bestaunen, das in der Art auch einmal in Wladimir vorhanden war, bevor es geraubt wurde. Eine weitere Besonderheit im Inneren ist die archetypische Ikonenwand, die durch ihr üppiges Gold beeindruckt. Vom Kreml aus spazierten wir durch den Ort über weite Wiesen und über einen Markt, der allerhand Souvenirs und russische Spezialitäten bot. Die letzte Station in Susdal war das Freilichtmuseum für Holzarchitektur, das Bauernhäuser und Holzkirchen aus dem 18. und 19. Jahrhundert ausstellt. In der Holzkirche konnten wir im Vergleich zu den bisher besichtigten Kircheninnenräumen eine sehr einfach gehaltene Ikonenwand sehen. Schnitzereien setzten die Ikonen stimmungsvoll in Szene und handgewebte Läufer sorgten für ein familiäres Gefühl. Verschieden große Bauernhäuser auf dem Gelände veranschaulichten die Lebensweise der Bauern unterschiedlicher sozialer Schichten. Im Inneren konnte man sehen, wie die Menschen früher lebten: mit dem Ofen als wichtigstem Einrichtungsgegenstand, den Bänken entlang der Wand und dem großen Tisch in der Stube, über dem in der rechten Ecke des Raums die Ikonenecke schwebte.

Gruppe in Susdal

Nach diesem ereignisreichen Vormittag in Susdal kehrten wir am Nachmittag zurück nach Wladimir. Dort besuchten wir noch das Erlangen-Haus als zentralen Ort der Städtepartnerschaft. Dann ging es zum Abendessen in ein aserbaidschanisches Restaurant. Ein Teil der Gruppe besuchte zuvor jedoch noch einen orthodoxen Gottesdienst in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Auch dies war ein faszinierendes Erlebnis, da die Art und Weise, wie der Gottesdienst in der orthodoxen Kirche abgehalten wird, so stark von den katholischen und evangelischen Riten abweicht. Die Gläubigen stehen und können umhergehen. In der Mitte des Raums vor dem Altar stehen die Priester mit der heiligen Schrift und halten im Sprechgesang den Gottesdienst ab, während die Gläubigen sich wiederholt bekreuzigen und verbeugen. Da die Orthodoxie so allgegenwärtig ist und Religiosität in ganz Osteuropa immer noch einen hohen Stellenwert besitzt, war es interessant, während dieser Exkursion auch einen Einblick in die spirituellen Traditionen und Praktiken des Landes zu erhalten. Insgesamt kann man sagen: Die Städte Wladimir und Susdal bilden einen enormen Kontrast zur Millionenmetropole Sankt Petersburg mit ihrer westlichen und imposanten Architektur. Wir erhielten so einen vielseitigen Blick auf das Land mit all seinen Facetten.

Gruppe in Wladimir

Nach einer spannenden Woche machten wir uns am 28. Mai wieder auf den Weg zurück nach Deutschland, was sich ein wenig anstrengender gestaltete als die Hinreise. Zunächst hatten wir drei Stunden in einem eiskalten Zug bis nach Moskau auszuharren, der von Kleinwarenverkäufern und einer in Tarnanzügen gekleideten Gesangsgruppe frequentiert wurde. In Moskau konnten wir dann auf dem Weg vom Bahnhof zum Flughafen einen flüchtigen Blick auf die reich verzierten U-Bahn-Stationen erhaschen. Letztlich kamen wir jedoch alle pünktlich und wohlbehalten wieder in Nürnberg bzw. Erlangen an. Die Exkursion hat uns viele neue und lehrreiche Einblicke in die russische Geschichte und Gegenwart eröffnet, an die wir während unseres weiteren Studiums sicher noch oftmals denken werden.

Jessica Wengel

Read Full Post »


Einhundert Jahre ist die Russische Revolution nun her, die jene alte Ordnung des Zarenreichs aus den Angeln hob und den Beginn einer Zeit der Veränderung markierte. Vor dem Hintergrund dieses Jubiläums reisten 14 Studenten, zwei Doktoranden und ein Gasthörer gemeinsam mit Moritz Florin und Professorin Julia Obertreis nach Sankt Petersburg, dem zentralen Ort der Revolution, sowie nach Wladimir, Erlangens russische Partnerstadt.

Die Gruppe in Susdal

Zur Vorbereitung trafen sich die Exkursionsteilnehmer an zwei Wochenenden, um sich im Rahmen eines Blockseminars in die Thematik einzuarbeiten. Das innovative Konzept eines Rollenspiels, bei dem man jeweils in die Rolle einer relevanten historischen Persönlichkeit schlüpfte und ihre Ansichten zu den verschiedenen Phasen der Revolution präsentierte, bereitete nicht nur viel Spaß, sondern ermöglichte auch einen einprägsamen Zugang zur Materie. Gut vorbereitet startete die Gruppe also am 21. Mai ihre Reise.

In Petersburg checkte die Gruppe im Cuba Hostel ein, nicht nur vom Namen her zur Thematik passend, sondern auch durch seine offene Innenarchitektur das Gemeinschaftsgefühl ganz im Sinne des sozialistischen Geistes fördernd. Den ersten Tag ließen alle zunächst im georgischen Restaurant auf der anderen Straßenseite bei gutem Essen ausklingen. Dann machten sich die Studenten alleine auf den Weg durch das Zentrum hin zum Newa-Ufer, von dem aus sie gemeinsam eine Bootstour unternahmen. Vom Wasser aus konnte man die imperiale Schönheit der Stadt bewundern. Das einzigartige Licht der „weißen Nächte“ hüllte die imposanten Gebäude in ein blau-orangenes Leuchten und ließ das Wasser der Newa wie flüssiges Kristall erscheinen.

Der darauffolgende Tag stand ganz im Zeichen ebendieser Sehenswürdigkeiten, denn er war gefüllt mit einem straffen Programm an Besichtigungen. Zunächst ging die Gruppe zur Kasaner Kathedrale, die ganz in der Nähe des Hostels liegt. Dort war ein Referat über den hier befindlichen Newskij Prospekt zu hören. Während sich unsere Professorin dann auf die beschwerliche Suche nach einer geldwechselnden Bank machte, ging die restliche Gruppe zur ersten katholischen Kirche der Stadt, gegründet von der polnischen Minderheit. Dies war nicht nur im Hinblick auf die Position der Minoritäten und ihrer Möglichkeit der eigenen Entfaltung im Vielvölkerstaat interessant, sondern auch hinsichtlich des Gegensatzes vom Katholizismus gegenüber der dominanten Orthodoxie.

Kasaner Kathedrale

Wieder vereint, machte die Gruppe dann einen Abstecher zum Winterpalais, von wo aus es dann zur Isaakskathedrale ging, die durch ihre wuchtig-klassizistische Architektur beeindruckt. Nach der Besichtigung des Ehernen Reiters spazierten wir an der Newa entlang in Richtung der Peter-und-Paul-Festung und hörten ein weiteres Referat zu den Ursprüngen der Stadt. Bei einem Abstecher auf eine Art Steg außerhalb der Festungsmauern konnte die Gruppe älteren russischen Herren in viel zu knappen Badehosen beim Bräunen zusehen. Nach kurzem Genießen dieses Anblicks gingen wir zur umstrittenen Statue von Peter dem Großen aus den 1990er Jahren, die ihn auf angeblich realistische Weise mit einem absurd kleinen Kopf darstellt.

Peter I

Anschließend führte der Weg zur Petersburger Moschee, die als erstes islamisches Gotteshaus der Stadt einen weiteren wichtigen Aspekt bei der Betrachtung nationaler und religiöser Minderheiten im Land repräsentiert. Es folgte der Panzerkreuzer Aurora, der als Symbol der Revolution hinsichtlich des Seminarthemas eine besonders wichtige Sehenswürdigkeit darstellte. Ein leidenschaftlich vorgetragenes Referat über die Rolle des Schiffs tröstete die Gruppe darüber hinweg, das Museum leider geschlossen vorzufinden. Die letzte Sehenswürdigkeit des Tages war die Auferstehungskirche, die durch ihre russische Architektur nach Moskauer Art deutlich aus dem sonst dominant klassizistischen Stadtbild heraussticht. Den ereignisreichen Tag beendete die Gruppe dann bei einem wenig beeindruckenden eurasischen Essen, von dem vor allem die Verständigungsprobleme mit dem Kellner und die Frage, ob der Borschtsch nun aus war oder nicht, in Erinnerung blieben. Der Großteil der Gruppe ließ den Abend noch in einer Bar in der Nähe des Hostels ausklingen, wo selbstverständlich der russische Wodka getestet und mehr oder weniger genossen wurde.

Panzerkreuzer Aurora

Der dritte Tag begann mit einem fast zweistündigen Marsch durch die Stadt, der das Smolnyj-Institut zum Ziel hatte. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, die Stadt auch außerhalb des unmittelbaren Zentrums zu erleben. So kamen wir an einigen interessanten Gebäuden und Denkmälern vorbei, wie dem Taurischen Palais. Zunächst besichtigten wir die Kathedrale des Smolnyj-Klosters, die durch ihre weiß-hellblaue Fassade und ihren hohen Bau schon von weitem beeindruckt. Der Innenraum ist dagegen eher schlicht und ganz in Weiß gehalten. Allein die reich mit Gold verzierten Ikonen, die dort ausgestellt sind, bilden einen Kontrast. Lohnenswert war der Aufstieg auf den Kirchturm, von wo aus man einen weiten Blick auf die Dächer der Stadt hat. Von außen besichtigen konnten wir das Smolnyj-Institut als zentralen Ort der Revolution: mit Lenin-Statue und Denkmälern für Karl Marx und Friedrich Engels.

Smolnyj

Am Nachmittag fuhren wir mit zwielichtig aussehenden Taxis zur Historischen Akademie wo ein Treffen mit russischen Geschichtswissenschaftlern stattfand. Besonders interessant hierbei, wie die Historiker ihre unterschiedlichen Forschungsmeinungen einander gegenüberstellten, so zum Beispiel hinsichtlich der Frage ob eine Revolution langen Prozessen über einen größeren Zeitraum hinweg oder nur kurzen Momenten in der Geschichte entspreche. Dies gab einen Einblick zu der Frage, wie in der Geschichtswissenschaft Forschungsgegenstände auf höchst unterschiedliche Weise interpretiert werden können, zeigte aber auch in eine Debatte über die Revolution, wie wenig abgeschlossen diese Fragen in russischen Fachkreisen bisher bleiben. Denn, so die Historiker auf dem Podium, das öffentliche Interesse für die Revolution in diesem Jubiläumsjahr sei viel größer, als sie es sich je erträumt hätten.

Nikolaj Lichatschjow, russischer Historiker

Nach diesem aufschlußreichen Gespräch folgte ein Besuch des hausinternen Archivs, bei dem uns eine wenig bekannte Sammlung von Archivalien vorgelegt wurden, darunter nicht nur zahlreiche russische Urkunden, sondern auch wichtige, von Nikolaj Lichatschjow im 19. Jahrhundert gesammelte Quellen zur deutschen und westeuropäischen Geschichte. Der Nachmittag dieses Tages stand den Exkursionsteilnehmern zur freien Verfügung. Wie bereits erwähnt, nutzten einige diese Gelegenheit, um die Peter-und-Paul-Kathedrale von innen zu besichtigen. Die Zarengräber, in Form von Sarkophagen im Kirchenraum verstreut, sind durchaus sehenswert, so auch das Grab des Kaisers Nikolaus II und seiner Familie, deren Mitglieder von den Bolschewiki hingerichtet wurden. Andere gingen zum Hostel zurück, um sich von den Anstrengungen der letzten Tage ein wenig zu erholen. Zum gemeinsamen Abendessen beim Georgier kam die gesamte Gruppe dann wieder zusammen.

Peter-und-Paul-Kathedrale

Peter-und-Paul-Kathedrale

Der vierte Tag begann mit einem Besuch der Eremitage. Das Winterpalais beeindruckte nicht nur mit seiner herrschaftlichen Architektur und reichen Innengestaltung, sondern auch mit den darin befindlichen Exponaten. Nach der Mittagspause, die wir gemeinsam in einer modern gestalteten „Stolowaja“ verbrachten, ging es in einen anderen, etwas entfernt gelegenen Stadtteil, der nicht mehr von den imperialen Prachtbauten des Zentrums, sondern von einfacheren Gebäuden geprägt ist. Dort stand die Besichtigung einer so genannten „Kommunalka“ an. Die Wohnungsinhaberin und Gastgeberin begeisterte mit ihrer herzlichen Persönlichkeit und den interessanten und oftmals amüsanten Geschichten, die sich in dieser Gemeinschaftswohnung über die Jahrzehnte hinweg ereignet hatten. So eröffnete sich ein sehr persönlicher Zugang zur Alltagswelt in der Sowjetunion. Dieser Programmpunkt über die russische Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert stand in einem angenehmen Kontrast zur Kunst- und vor allem dominanten Politikgeschichte, die meist im Fokus der Besichtigungen standen. Darauf ging ein Teil der Gruppe in das Michajlowskij-Theater, um sich die Oper „Eugen Onegin“ anzusehen, die durch ihre moderne Inszenierung überraschte und polarisierte. Der andere Teil besuchte das Ballett „Sylvia“ im Marijnskij-Theater, das sehr klassisch inszeniert war und mit aufwendigen Bühnenbildern und Elementen aus der antiken Mythologie faszinierte.

Die Erlanger „Kommunalka“

Am letzten Tag in St. Petersburg besuchten wir zunächst die Higher School of Economics, wo uns Prof. Julia Lajus das dort seit neustem angebotene, englischsprachige Master-Programm „Usable Pasts: Applied and Interdisciplinary History“ vorstellte. Die Universität, die sich in einem ehemaligen Fabrikgebäude befindet, beeindruckte durch seine moderne Innenausstattung sowie fortschrittliche und international orientierte Master-Programme. Danach kehrte die Gruppe ins Stadtzentrum zurück, wo sie erneut den Panzerkreuzer Aurora aufsuchten, um ihn endlich auch zu betreten und von innen zu besichtigen. Das Schiffsinnere bot eine Ausstellung mit einer Vielzahl an historischen Exponaten, die die Geschichte des Schiffs, seine Symbolkraft für die Revolution und die Lebensrealität der Besatzung nachzeichnete. Danach stand der Nachmittag zur freien Verfügung, jedoch entschied sich die Mehrheit dafür, das Russische Museum zu besuchen. Ein spannender Kontrastpunkt zu den bisherigen Besichtigungen war die dort ausgestellte moderne Kunst der berühmtesten russischen Künstler, darunter das schwarze Quadrat von Malewitsch, das bereits während des Blockseminars erwähnt wurde. Bemerkenswert war auch die Ausstellung der Werke von Wasilij Wereschtschagin, von Kriegsszenerien und Reiseimpressionen aus Zentralasien und Fernost geprägt.

Russisches Museum

Ein Teil der Gruppe kehrte dann zur Auferstehungskirche zurück, um sie auch von Innen zu besichtigen. Der dominant blau-goldene Innenraum ist üppig mit eindrucksvollen Ikonen ausgeschmückt und der Altardekor mutet in seinen Formen beinahe orientalisch an. Ebenfalls sehenswert sind die umzäunten Pflastersteine im Inneren der Kirche, die die Stelle markieren, an der Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel.

Die Eremitage

Am Abend traf sich die Gruppe am Hostel wieder, wo sie ihre Koffer abholten und sich dann auf dem Weg zum Bahnhof machten, um per Nachtzug nach Wladimir zu fahren. Nach anfänglicher Verwirrung über die Verteilung auf die gebuchten Zugabteile, nutzte die Gruppe die Zeit, sich zu unterhalten und besser kennenzulernen. Das Schlafen in einem russischen Nachtzug ist ein Erlebnis für sich, jedoch war es für die meisten eine alles andere als erholsame Nacht. Denn bereits gegen halb fünf in der Frühe erreichten wir den Bahnhof in Wladimir.

Jessica Wengel

Fortsetzung folgt.

 

 

Read Full Post »


Das Thema „Kommunalka“ hätte längst einen eigenen Eintrag im Blog verdient, aber manchmal genügt es ja auch, einfach zuzuwarten, Dinge entwickeln bisweilen ihre eigene Dynamik, besonders dann, wenn man sich auf eine Reise nach Wladimir begibt, wie unlängst eine Gruppe von Studenten, die unter Leitung von Julia Obertreis, Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, Sankt Petersburg und Wladimir besuchte. Eines der Ergebnisse dieser Exkursion im Mai ist die Gründung einer Gruppe namens „Kommunalka“. Ziel dieser studentischen Initiative ist es, in loser Folge Veranstaltungen zur osteuropäischen Kultur anzubieten, die sich an alle Interessierte aus der Hochschule ebenso wie aus der Stadtgesellschaft richten.

Zum Auftakt lädt die neugegründete Gruppe „Kommunalka“ nun schon am Dienstag, den 27. Juni, um 19.00 Uhr zur Veranstaltung „Kommunalka – WG wider Willen“ in den Seminarraum des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte, Bismarckstraße 12, 1. Stock, ein. Neben einer kurzen Einführung zum Thema „Kommunales Wohnen in der Sowjetunion“ von Frau Julia Obertreis findet eine deutsch-russische Lesung ausgewählter Texte des sowjetischen Satirikers Michail Soschtschenko statt. Abgerundet wird alles durch Tee aus einem Samowar und russisches Gebäck. Außerdem berichten die Initiatoren ein wenig über sich und ihre Ziele, und es bleibt sicher Raum für lockere Diskussionen zum Thema Osteuropa-Klischees. Alles ganz sicher ohne Widerwillen, viel eher mit einem Willkommen!

Die Gruppe aus Erlangen in Wladimir

Immer auf dem neuesten Stand bleibt man übrigens hier auf der Facebookseite. Willkommen!

Siehe auch hier: https://is.gd/IRan3X

Read Full Post »


Derzeit hält sich eine siebenköpfige Medizinerdelegation aus Erlangen in Wladimir auf, die vorgestern vom Leiter der Regionalen Gesundheitsbehörde, Alexander Kirjuchin, und seiner Stellvertreterin, Jelena Owtschinnikowa, empfangen wurde. Hauptthema des Treffens – die Palliativmedizin.

Empfang bei Alexander Kirjuchin

Die Homepage der zentralen Verwaltung aller medizinischen Einrichtungen des Gouvernements Wladimir berichtet ausführlich über den Empfang für die deutsche Delegation, die der Hausarzt und medizinische „Wladimir-Beauftragte“, Jürgen Binder, zusammengestellt hatte und über deren Programm noch im einzelnen zu berichten sein wird.

Medizinstudent Felix Wackerbauer, Christiane Schöllhammer und Christoph Ostgathe

Heute deshalb hier nur erste Eindrücke von dem Besuch, der hauptsächlich der Palliativmedizin galt, die in der Region Wladimir noch im Aufbau steckt. Erst 2013 eröffnete man in der Partnerstadt eine Palliativstation, 2015 und 2016 folgten dann weitere Einrichtungen in Murom, Sudogda, Sobinka und im Landkreis Gus-Chrustalnyj mit insgesamt 60 Betten, deren Zahl man bis 2020 verdoppeln will. Ziel ist es, zehn Betten für 100.000 Einwohner bereit zu halten, was in etwa auch dem Angebot in Erlangen entspräche, wo es derzeit zwölf Betten im Universitätsklinikum gibt.

Jürgen Binder, Irina Chasowa, Anette Christian und Stephan Horn

Allein die Station in Wladimir hatte im vergangenen Jahr mehr als 200 Patienten. Allerdings wird – im Unterschied zu Erlangen – noch kaum ambulante Hilfe angeboten, die in der Hugenottenstadt von etwa 500 Patienten jährlich in Anspruch genommen wird.

Anette Christian, Jelena Owtschinnikowa und Alexander Kirjuchin, Jürgen Binder, Christoph Ostgathe, Stephan Horn, Felix Wackerbauer, Thomas und Christiane Schöllhammer

Wichtigstes Ergebnis der Unterredung: Professor Christoph Ostgathe, Leiter der Palliativklinik an der FAU, sagte zu, den Austausch mit Wladimir fortzusetzen, und Hospitationen anzubieten. Dies wird dann sicherlich auch Gelegenheit geben, mit Unterstützung von Stadträtin Anette Christian, federführend in der ambulanten Palliativversorgung tätig, die häusliche Pflege in Wladimir besser zu organisieren.

Christoph Ostgathe mit seinen Wladimirer Kolleginnen auf der Palliativstation

Siehe hierzu auch: https://is.gd/xLCt8G

Read Full Post »


Im nationalen Vergleich macht die Staatliche Universität Wladimir gar keine schlechte Figur. Im Gesamtergebnis aller untersuchten Bereiche nimmt die Hochschule aus der Partnerstadt unter allen 264 Mitbewerbern mit 415 Punkten landesweit immerhin Platz 66 ein; der Wehrmutstropfen dabei: Im Vorjahr kam man mit 478 Punkten noch um fünf Positionen besser zu liegen. Freilich hatten damals auch nur 238 Universitäten an dem Wettbewerb teilgenommen.

Empfang für Geschichtsstudenten der FAU an der Universität Wladimir, Mai 2017, Photo: Max Firgau

In die seit 2009 durchgeführte Untersuchung finden die Parameter „Lehre“, „Forschung“, „Sozialisation“, „Internationalität“, „Markenzeichen“ und „Innovation und Unternehmertum“ Aufnahme, deren Ergebnisse zusammengenommen das Endresultat ergeben. Am besten schneiden die Wladimirer auf dem Feld der Innovation ab, wo sie mit 498 Punkten Platz 36 erreichen. Erfreulich, denn hier hat man sich nicht nur gegenüber 2016 um 22 Positionen verbessert, sondern hier zählt, was man an Patenten vorzuweisen hat oder mit Drittmitteln technologisch in der Praxis umsetzt. Umso bedauerlicher da der Platz 115 beim Thema „Forschung“, und auch bei den internationalen Beziehungen läßt Rang 84 nicht richtig Freude aufkommen. Da könnte nicht schaden, die Verbindungen zur Friedrich-Alexander-Universität weiter zu intensivieren, etwa mit dem Ausbau der Kontakte in den Geschichtswissenschaften, zumal ja eben erst eine Gruppe von Studenten unter Leitung von Professorin Julia Obertreis vor Ort war und im August Studenten der Religionswissenschaften aus Wladimir in Erlangen erwartet werden, zumal, wie der Blog berichtete, derzeit im Rahmen von Erasmus Plus ein Austausch stattfindet. Also, mehr davon, dann gibt es im nächsten Jahr auch eine bessere Platzierung.

Read Full Post »


Passend zum Pfingstwunder, heute ein weiterer Gastbeitrag von Max Firgau:

Mit dem Vorhaben, innerhalb der Städtepartnerschaft die Kooperation auf Universitätsebene zu stärken, reiste eine 19-köpfige Gruppe Geschichtsstudenten der FAU nach Wladimir. Meine Rolle als Austauschstudent vor Ort war es, für Kontakt zu den lokalen, russischen Studenten zu sorgen. Deshalb animierte ich meine Kommilitonen, die ebenfalls Englisch und Deutsch studieren, sich mit der deutschen Delegation zu treffen.

Gemischte Studentengruppe mit Fremdenführerin Jelena Ljubar ganz rechts im Bild

Anfängliche Skepsis und Schüchternheit wichen rasch offenen und spaßigen Unterhaltungen. So verbrachten die Deutschen und die Russen zwei aufeinanderfolgende Abende in Wladimirer Kneipen miteinander, auch bei der Fahrt nach Susdal schloss sich eine russische Studentin der deutschen Reisegruppe an.

Kneipentour

Letztendlich genossen beide Seiten die Chance zum interkulturellen Austausch, und nach den vielen gemeinsam verbrachten Stunden waren viele neue Freundschaften geknüpft worden, wodurch der Abschied auch nicht ganz leicht fiel. So kann Völkerverständigung gerne funktionieren!

Genaueres ist auf meinem Blog zu lesen, den ich laufend zu meinem Auslandssemester in Wladimir schreibe: http://5monatemitwladimir.blogspot.ru/2017/05/kapitel-15-mal-wieder-besuch-aus.html

Max Firgau

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: