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Archive for the ‘Wirtschaft’ Category


Dieser Tage beging die Wladimirer Großbäckerei ihren 90. Jahrestag. Grund genug für den Betrieb, sich eine Skulptur schaffen zu lassen, die in ihrer Weise landesweit einzigartig sein dürfte.

Wer je in der Fußgängerzone und im Zentrum der Partnerstadt unterwegs war, ist ihnen sicher schon begegnet, den vielen Figuren, vom Schauspieler bis zum Turner, vom Feuerwehrmann bis zur Tänzerin, mal Gestalten der Phantasie, mal Persönlichkeiten aus der Geschichte Wladimirs.

Nun also ein neues Ensemble, geschaffen von dem Moskauer Künstler, Andrej Asserjanz, gar nicht so weit vom Erlangen-Haus entfernt, etwa eineinhalb Kilometer entlang der Straße stadtauswärts rechter Hand, vor dem Brotkombinat, das mit seiner Filiale in Wjasniki mehr als eineinhalb Tausend Menschen beschäftigt.

Der Betrieb gilt mit einer Tagesproduktion von 180 Tonnen als Backofen der ganzen Region und bietet dank moderner Linien die gesamte Palette von der Zuckertorte über Blätterteigteilchen bis hin zu den unterschiedlichsten Brotsorten. Augenblicklich sind schweizer, italienische und russische Fachleute dabei, das Werk auch fit zu machen für die Herstellung von Tiefkühlbackwaren, um dann auch mit polnischen und belgischen Produzenten in den Wettbewerb treten zu können.

 

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Während der 900-Tage-Belagerung Leningrads durch die Wehrmacht verlegte man das Traktorenwerk von der Newa an die Kljasma, und schon im Juli 1944 lief in Wladimir unter freiem Himmel die Produktion der ersten Traktoren vom Typ „Universal“ an, während gleichzeitig die Montagehallen und übrigen Gebäude unter Einsatz deutscher Kriegsgefangener aufgebaut wurden.

Deutsche Kriegsgefangene bei den Bauarbeiten am Wladimirer Traktorenwerk, 1944

Im April 1945 eröffnete der Betrieb offiziell, und es begann eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte, die Erlangens Partnerstadt über Jahrzehnte prägte. Tausende Menschen und ganze Generationen fanden hier Arbeit, die Zugmaschinen und Motoren fanden Absatz und Anerkennung in mehr als 60 Ländern der Welt. Bereits 1948 hatte man 10.000 Traktoren gefertigt, 1988 machte man die Million voll.

Philipp Dörr am Denkmal für die deutschen Kriegsgefangenen auf dem Gelände des Wladimirer Traktorenwerks, Mai 2015

Um den Staatsbetrieb herum entstand ein ganzes Konglomerat an Bildungs- und Sozialeinrichtungen, von einer Berufsfachschule bis hin zu Ferienlager und Kulturhaus. Bis dann Anfang der 90er Jahre der schleichende, aber unaufhaltsame Niedergang begann. Die Besitzer wechselten so rasch wie die Modelle und Strategien. Aber nichts verfing, alles verging.

Blick in das Museum des Wladimirer Traktorenwerks

Nun kamen Gebäude und Liegenschaften an der nach dem Werk benannten Straße auf 48 ha Fläche dieser Tage unter den Hammer und erlösten gerade einmal 153 Mio. Rubel. Weit unter Preis. Die Auktion hatte bei 2,5 Mrd. Rubel begonnen, eine Summe, auf die sich niemand von den dreizehn Bietern aus dem ganzen Land einlassen wollte. Also senkte man den Einstieg auf 25 Mio. Rubel, obwohl allein das Grundstück auf mehrere Millionen Rubel geschätzt wird.

Gouverneurin Swetlana Orlowa und Wladimirer Traktoren 2017

Dem kargen Erlös stehen freilich erdrückende 70 Mrd. Rubel an Verbindlichkeiten gegenüber. Wie die bedient werden sollen, ist noch immer unklar. Zum Vergleich: Der Haushalt der Region Wladimir hat etwa die gleiche Größenordnung.

Symbol des Verfalls in einer der Montagehallen des Wladimirer Traktorenwerks

Der Bankrott hatte sich immerhin schon lange abgezeichnet, es war ein Abschied auf Raten, und die zuletzt nur noch wenigen Hundert Arbeitsplätze baute man einigermaßen sozialverträglich ab. Dennoch geht mit dem Traktorenwerk das Flaggschiff der Wladimirer Wirtschaft unter, und die Partnerstadt wird sich gewerblich neu definieren müssen. Hoffentlich mit Erfolg.

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Während die Statistik in Deutschland jeden zweiten Haushalt zur Mittelschicht rechnet, gehören im größten Flächenstaat der Erde gerade einmal 14,2% der Bevölkerung zu diesem Stand, der von russischen Fachleuten wie folgt definiert wird:

Unter Mittelschicht verstehen wir Familien, die es sich leisten können, ein Auto und eine Wohnung entsprechend der Personenzahl zu kaufen und nach der Bedienung aller Verbindlichkeiten für die Alltagsbedürfnisse noch einen Betrag übrig haben, der mindestens dem Zweifachen des regionalen Existenzminimums entspricht.

Reich – Mittelschicht – Arm. Quelle: Zebra TV

Diese Humusdecke der gesellschaftspolitischen und ökonomischen Entwicklung des Landes verteilt sich dabei ganz unterschiedlich. Es gibt Gegenden wie den dünnbesiedelten Autonomen Kreis Jamal-Nenezk im Fernen Osten, wo 45% der Bevölkerung dem Mittelstand zugerechnet werden, gegenüber einer Region wie Inguschetien im Nordkaukasus mit gerade einmal einem Anteil von zwei Prozent. Für Moskau, die zweifellos reichste Stadt des Landes, führen die Statistiker auch nur 27% als zur Mittelschicht gehörend auf. Und das Gouvernement Wladimir? Sie liegt mit acht Prozent im unteren Mittelfeld auf Platz 58 der Rangliste, deutlich hinter den Nachbarregionen wie Moskau-Land mit 19,3%, Nischnij Nowgorod mit 12,9%, Jaroslawl mit 11,8% und Rjasan mit 11%. Einzig die Region Iwanowo liegt mit 5,6% noch hinter Wladimir.

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In den russischen Medien wird berichtet, die Regierung plane eine erhebliche Steigerung der Ausfuhr von Heilkräutern. Bis 2035 solle der Export jährlich zehn bis fünfzehn Millionen Dollar erwirtschaften. 25 Agroparks, die 300.000 landwirtschaftliche Betriebe vereinen, wolle man bis dahin eingerichtet haben, wo Anbau und Weiterverarbeitung der Pflanzen vorgesehen sei. Ehrgeizig, wenn man weiß, daß bisher der Anteil dieses Segments am Außenhandel gerade einmal 0,001% beträgt, wie Zebra-TV berichtet. Orientieren wolle man sich vor allem nach China mit seinem großen Bedarf an Ginseng und Spitzwegerich.

Interessanterweise gab es eine solche politische Vorgabe für den Export schon einmal, in der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik der noch jungen Sowjetunion in den 1920er Jahren. Beteiligt daran war auch die Region Wladimir, die an die Zeit vor der Revolution anknüpfen wollte, als man von hier vor allem nach Westeuropa in großen Mengen Mutterkornpilze mit seinen 50 verschiedenen Arten verkaufte, die parasitär vor allem in Weizen- und Roggenkulturen gedeihen.

 

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Vor allem in der Volksmedizin setzte man die Pilze ein, gegen Kopfschmerzen und für einen verbesserten Blutkreislauf. Die moderne Medizin attestiert ihnen eine Erweiterung der Blutgefäße und eine Senkung des arteriellen Drucks sowie eine beruhigende Wirkung.

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Aber auch Bärlappsporen, die in getrocknetem Zustand schmerzlindernd und antiseptisch wirken gingen in den Export. Auch dieses Geschenk der Flora fand vielfältige Anwendung in der Heilkunde: bei Ekzemen, Furunkeln, Verbrennungen, Darmbeschwerden, Bronchitis und Rheuma, um nur einige Beschwerden zu nennen.

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Sogar Ameiseneier lieferte man ans Ausland. Im 19. Jahrhundert galten sie als Mittel gegen Unfruchtbarkeit. Sie sollen aber auch die Bildung von Muttermilch anregen und bei Dermatitis, Skrofulose oder Muskelfaserschmerzen Linderung verschaffen.

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Und natürlich führte man auch Heidel- und Himbeeren sowie Speisepilze aus, ebenso wie Sauerkirschen. Letztere bis an den englischen Hof. In den späten Jahren der Sowjetunion schließlich soll es sogar zu Exporten von tiefgefrorenen Froschschenkeln aus Wladimirer Landen nach Frankreich gekommen sein. Nichts Neues also unter der Sonne der internationalen Handelsbeziehungen der Region Wladimir, wenn nun die Politik sich wieder diesem Bereich zuwendet.

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Seit dem Zusammenbruch der UdSSR bröckeln Macht und Einfluß der Gewerkschaften. Einst staatlich und ideologisch gelenkte Massenbewegungen, fehlt es heute an Mitgliedern und Durchsetzungskraft. Dem soll nun in der Region Wladimir ein Feiertag zu Ehren der Vertreter der Arbeitnehmerinteressen entgegenwirken, ein Vorhaben, das allerdings im Landtag des Gouvernements, der Duma, durchaus kontrovers diskutiert wurde. Vor allem aus den Reihen der Kommunisten war zu hören, die Gewerkschaften seien viel zu passiv, hätten es versäumt bei der Umstrukturierung von Betrieben in Erscheinung zu treten oder gar etwas gegen Entlassungen zu tun. Ein Abgeordneter merkte sogar an, die Pilotengewerkschaft in Deutschland lasse im Notfall sogar bis zum Stillstand der Lufthansa kommen, wenn sie der Auffassung sei, ihre Ziele noch nicht vollständig erreicht zu haben. Und sogar in China werde keine Entscheidung in einem Betrieb getroffen, ohne die Gewerkschaften einzubeziehen.

Dem arbeitenden Menschen einen würdigen Lebensstandard!

Am Ende stimmten dann doch 24 der 40 Mitglieder für den neuen – nicht arbeitsfreien! – Feiertag der Gewerkschaften, der ab dem nächsten Jahr immer am 15. November begangen werden soll. Das vielfach vorgetragene Argument, so könne es gelingen, dieser gesellschaftspolitisch so wichtigen Organisation wieder zu Aufmerksamkeit und Ansehen zu helfen, überwog schließlich die Skepsis, die sich auch an einer Zahl landesweit ablesen läßt: 1990 zählte der Allrussische Gewerkschaftsverband noch 54 Mio. Mitglieder, heute sind es keine 20 Mio. mehr.

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„Wenn möglich, komme ich jedes Jahr einmal nach Erlangen – und das immer sehr gern“, sagt Andrej Wenkow, der nach fast zwei Wochen am Samstag wieder nach Wladimir fährt. Sein Gastgeber ist Oleg Tschuchlow, der ebenfalls aus der Partnerstadt kommt, aber schon seit zwei Jahrzehnten in Franken lebt und immer wieder Besucher aus Wladimir betreut.

Oleg Tschuchlow und Andrej Wenkow

„Dieses Mal war es ein Freundschaftsbesuch, natürlich auch der Bergkirchweih wegen“, meint der Fuhrunternehmer, „aber das nächste Mal will ich versuchen, hier auch Geschäftspartner zu finden.“ Das könnte übrigens schon im Dezember sein. Dann werden wir ja sehen.

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Sprechen wir wieder einmal über das liebe Geld. Nach Veröffentlichungen von Forbes, die von russischen Medien bestätigt werden, halten die drei Prozent der Superreichen derzeit 89,3% aller Finanzmittel: 92% aller Einlagen und 89% aller Bargeldreserven. 13% der russischen Bevölkerung gelten als arm.

Die Rangfolge der landesweit reichsten Duma-Abgeordneten führt, wie schon 2017, Grigorij Anikejew an, der seine Wähler in Moskau vertritt und in der Region Wladimir ein ganzes Unternehmensimperium führt. Russische Politiker sind verpflichtet, ihre Eigentumsverhältnisse offenzulegen und kommen dieser Forderung auch nach, anders als gewisse Geschäftsleute, die sich in den USA ins Weiße Haus wählen lassen… Zwei Milliarden und 326 Millionen deklarierte der Politiker aus der Partnerstadt im Jahr 2018, übrigens fast um das Doppelte weniger als 2 017. Aber da sind ja auch noch seine Grundstücke und Häuser sowie die Autos: ein Hammer H 2, ein Mercedes-Benz G63 AMG und ein Mercedes-Benz S 500 4 MATIC sowie diverse andere Transportmittel zu Land, zu Luft und zu Wasser.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Oder noch freier übersetzt: Die Kopeke läßt den Rubel rollen.

Demgegenüber wurde für das laufende Quartal der Index für das Existenzminimum in der Region Wladimir um 684 Rubel auf nun 10.207 Rubel angehoben – im Schnitt. Für die arbeitsfähige Bevölkerung werden 11.123 Rubel, ein Plus von 783 Rubel, veranschlagt, für Rentner 8.613 Rubel, ein Plus von 550 Rubel, für Kinder 10.209 Rubel, ein Plus von 835 Rubel. Diese Kennziffern dienen den Behörden zur Berechnung der Sozialausgaben und können als Gradmesser für die laufende Teuerung der Lebenshaltungskosten verstanden werden.

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