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Archive for the ‘Wirtschaft’ Category


Wenn wir davon sprechen, jemand wolle das Rad neu erfinden, nennt man im Russischen sogar konkret das Fahrrad. Und genau das tut jetzt das unlängst in Wladimir gegründete Unternehmen Visionary, geleitet von dem Tüftler Konstantin Fedossejew. Man arbeitet nämlich an einem ergonomischen E-Bike, das individuell abgestimmt sein soll auf die jeweiligen Bedürfnisse und Möglichkeiten. Nichts von der Stange oder vom Band also, sondern hergestellt nach Maß mit Hilfe eines 3-D-Druckers, den es freilich in der benötigten Größe in Rußland noch gar nicht gebe, weshalb die Firma die notwendigen Mittel zur Anschaffung per Crowdfunding (der Begriff ist auch in den russischen Sprachgebrauch eingegangen) einsammeln will.

Faltrad für militärische Zwecke, entwickelt 1917 von dem balten-deutschen Konstrukteur Alexander Leutner, der im Russischen Reich zum größten Veloproduzenten aufstieg

Das Zweirad mit einer Reichweite von bisher bis zu 30 km gibt es derzeit nur als Prototyp, dessen Kinderkrankheiten sich die Fachleute gerade genau ansehen, um dann in der Produktion nur beste Ware liefern zu können. Visionär nicht nur technisch – besonders angesichts der noch immer entwicklungsfähigen Begeisterung der russischen Verkehrsteilnehmer, auf das Fahrrad umzusteigen.

Hier der Link zur TV-Reportage mit Eindrücken von dem Zukunftsmodell: https://is.gd/cgy5oY

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Laut Statistikamt sackt die Wirtschaftsleistung der Region Wladimir derzeit ab. Um fast einen Prozentpunkt sank im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum der Produktionsindex, der nach den Parametern Ausbeutung von Bodenschätzen, Verarbeitendes Gewerbe und Versorgungsgrad des Gewerbes mit Strom und Gas. Bedenklich und eher unerwartet: Ausgerechnet das verarbeitende Gewerbe rutschte ins Minus, der Sektor Energie verharrte auf seiner Vorjahresposition, und die Förderung von Bodenschätzen legte zu. Man hat es also mit einer wirtschaftlichen Stagnation zu tun.

Die Bodenschätze bringen insgesamt ein Plus von fast 8% – mit dem Abbau von Torf, Kalk, Sand, Stein und Ton. Ohne den Beitrag dieser Ressourcen hätte man es mit einem regelrechten Absturz zu tun, denn das verarbeitende Gewerbe insgesamt verlor um 1,1%, wobei es besonders die Lebensmittelindustrie hart trifft, wo beispielsweise die Geflügelproduktion 20% und die alkoholfreien Getränke einen Rückgang um 16% verzeichnen. Aber auch die Branchen Kleidung, Holz- und Metallverarbeitung, Metallurgie, Maschinenbau und Kfz-Zulieferung verlieren an Boden – um 11%, 8%, 3%, 23%, 18% und 7%. Dem stehen die Gewinner entgegen, etwa die Wurstproduktion mit 18%, die Süßwarenherstellung mit 64% und der Bereich Futtermittel mit 80%, aber auch der Arzneimittelsektor mit 33% oder die Möbelbranche mit 25%, Elektronik und Optik verbessern sich immerhin um 7%.

Beleg für die Stagnation ist freilich in jedem Fall der Energieverbrauch der Wirtschaft im Raum Wladimir. Er hat sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um lediglich 0,1% erhöht. In das unerfreuliche Gesamtbild paßt, daß nun wohl auch noch das mittelständische Fensterwerk Olimp Konkurs anmeldet, das noch vor zwei Jahren an einer Fachmesse in Nürnberg teilgenommen und große Hoffnungen geweckt hatte: https://is.gd/tmuKo5

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Die klassische Industriegeschichte in Wladimir geht zu Ende. Nach einer langen Phase des Niedergangs und des unglücklichen Wechsels von Management und Besitzer zeichnete sich die immer wieder nur aufgeschobene Schließung des Traktorenwerks seit Jahren ab. Wo einst Tausende von Fachleuten beschäftigt waren – übrigens auch Wladimirs ehemaliger Oberbürgermeister, Sergej Sacharow -, waren es in den letzten Jahren nur noch etwa 300, die in dem Betrieb arbeiteten, der Mitte der vierziger Jahre von gefangenen Wehrmachtssoldaten erbaut wurde.

Wladimirer Traktorenwerk

1945 hatte man bereits 500 Zugmaschinen montiert, und vier Jahre später verließ der zehntausendste Traktor die Fertigungshallen. Die erste Millionenstückzahl erreichte man 1988. Doch das sind tempi passati. Die letzten Mitarbeiter, die seit gestern auf der Straße stehen, machten vielfach nur noch Kurzarbeit Null und erhielten ihre Löhne oft verspätet. Wie gesagt, das Ende hatte sich seit geraumer Zeit abgezeichnet.

Model „Wladimirez“

Die Regionalpolitik will zwar nun in Moskau vorsprechen und einen Rettungsversuch unternehmen, von dessen Ergebnis die Belegschaft in zwei Wochen erfahren soll, aber die Hoffnung auf Wiederaufnahme des Betriebs ist gering, denn der Mutterkonzern mit Sitz in Tscheboksary, der Hauptstadt Tschuwaschiens, lehnt eine Fortführung des Werks in Wladimir ab.

Geschlossene Werkshalle im Traktorenwerk

Die Sache ist für Wladimir besonders bitter angesichts dessen, daß am Montag eine weitere Betriebsschließung ansteht. Die letzten 850 Mitarbeiter des einst ebenfalls mächtigen Autozulieferers Awtopribor erwarten ebenfalls ihre Kündigung. Man wird sehen, ob es gelingt, mit Umschulungen der oft hochgradig spezialisierten Fachleute die schlimmsten Auswirkungen abzufangen.

Mehrzwecknutzfahrzeug des Wladimirer Traktorenwerks

Aber es wird schwierig, denn das produzierende Gewerbe und insbesondere der Maschinenbau haben – sofern sie überhaupt noch auf dem Markt unterwegs sind – den Rückwärtsgang eingelegt.

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Immer wieder fragen Erstreisende nach Wladimir, welche Summe an Bargeld man am besten mitnehme, wie viel man schon hier oder vor Ort tauschen solle. Die Antwort: So wenig wie möglich, denn man kann so gut wie überall mit der gleichen Karte bezahlen wie hier, in jedem Restaurant, in jedem Geschäft, wo auch immer.

Nun belegt diese Beobachtung auch die Finanzstatistik, wonach im ersten Quartal des Jahres die Konsumenten der Region Wladimir 44.700.000 Mal bei Bezahlen zur Karte griffen und 91.100.000.000 Rubel bargeldlos ausgaben, fast eineinhalb Mal mehr als im Vorjahreszeitraum. Auf knapp 1.400.000 Einwohner kommen 2.100.000 Karten, und auf die entfielen bei Einkäufen im Einzelhandel und Bestellungen in der Gastronomie bereits 77% aller Zahlungen. Glaubt man den Prognosen, wird 2018 das erste Jahr in der Region Wladimir sein, in dem für Anschaffungen und Dienstleistungen insgesamt mit einem Anteil von 55,6% erstmals häufiger die Karte – übrigens immer häufiger auch kontaktlos – eingesetzt als Bargeld verwendet wird.

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Welikodworje, bereits im 17. Jahrhundert vom deutschen Diplomaten Adam Olearius in seinen Reiseaufzeichnungen als Kirchdorf erwähnt, hat nun auch einen modernen Bezug zu Deutschland. In dem kleinen Ort im Landkreis Gus-Chrustalnyj nämlich eröffnete die Quarzwerke Gruppe, zu der auch der Betrieb in Hirschau bei Amberg gehört, eine neue Niederlassung, nach Rjasan die zweite in der Russischen Föderation. Die Oberpfälzer investierten im Lauf von gerade einmal zwei Jahren 2,1 Mrd. Rubel und schufen 60 Arbeitsplätze, die später noch einmal um die Hälfte aufgestockt werden sollen. 500.000 t Quarzsand will man jährlich als erster Betrieb dieser Art in der Region Wladimir verarbeiten und der Glasindustrie zu Preisen anbieten, die um bis zu 20% unter dem Niveau liegen, zu dem bisher importiert wurde. Robert Lindemann-Berk, geschäftsführender Gesellschafter der Gruppe, lobte denn auch bei der Eröffnungsfeier am 17. Mai die Zusammenarbeit mit den lokalen und regionalen Behörden:

Ein derart kompliziertes Hochtechnologiewerk in so kurzer Zeit kann man nur errichten, wenn alle Seiten alles ihnen Mögliche für die Umsetzung des Projekts tun. (…) Unser Kombinat ist ein großartiges Beispiel für die russisch-deutsche Zusammenarbeit.

Gouverneurin Swetlana Orlowa drückt mit den deutschen Partnern den Startknopf

Unterdessen beging im Landkreis Sobinka der Süßwarenkonzern Ferrero sein zehnjähriges Jubiläum in der Region Wladimir, der hier mit vier Produktionslinien die bekannten Leckereien wie Kinderschokolade, Raffaello, Nutella und die Überraschungseier herstellt, die auf dem russischen Markt als „Kinder-Sjurpris“ zu haben sind. 250 Mio. Euro an Investitionen flossen in dieser Dekade, und 1.500 Arbeitsplätze entstanden bei einer Jahresproduktion von 30.000 t.

Ferrero-Werk in Sobinka

Doch dabei wollen es die Italiener nicht bewenden lassen: Für die nächsten zehn Jahren sieht man noch einmal 60 Mio. Euro an Investitionen vor, um die Produktion noch auszuweiten und weitere Absatzmärkte zu erschließen. Ab September soll in 20 Länder exportiert werden, ab Januar nächsten Jahres schon in 30 Staaten der Welt, u.a. nach Deutschland. Da wundert es denn auch nicht, wenn man hört, von den 23 Ferrero-Werken gehöre die Niederlassung in der Region Wladimir zu den erfolgreichsten.

Bleibt nur, den Ambergern und Wladimirern zu wünschen, in zehn Jahren eine nicht minder erfreuliche Bilanz ziehen zu können.

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Heute beenden Nicole Kobjoll-Setzer und Ehemann Marcel sowie ihr Sohn Max ihren Aufenthalt in Wladimir. Eingeladen hatte Anna Schukowa, Vorsitzende des regionalen Hotel- und Gaststättenverbands, die kurz vor Weihnachten den Schindlerhof in Boxdorf mit dem Ziel besucht hatte, Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu erkunden.

Anna Schukowa, Nicole Kobjoll mit Ehemann Marcel Setzer und Sohn Max sowie Peter Steger

Nun war es an den Gästen, die mit Klaus und Renate Kobjoll für den internationalen Erfolg des vielfach ausgezeichneten Schindlerhofs stehen, erst einmal zu sehen, in welchen Bereichen eine Kooperation mit Wladimir möglich und sinnvoll wäre. Da kann eine Besichtigung des Erlangen-Hauses nie schaden, wo schon, die Bauphase eingerechnet, seit 25 Jahren Tag für Tag bewiesen wird, wie fruchtbar ein deutsch-russisches Gemeinschaftsunternehmen wirken kann, wenn man es richtig angeht. Bleibt der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir nur zu wünschen, daß sie nun auch noch eine gastronomische Note erhält. Eine Bestnote.

Mehrzweckhalle in Susdal

Wie es gemeinsam gehen kann, sehen die Gäste auch bei einem Abstecher nach Susdal, wo nicht nur der riesige, vor 40 Jahren errichtete Hotel- und Kongreßkomplex am Rande der Stadt runderneuert wird, sondern auch mit Traumblick auf das architektonische Märchen aus dem russischen Mittelalter ein modernes Freizeitzentrum entsteht, das den bis zu 700 Gästen des Hauses ebenso wie Touristen und Einheimischen zur Verfügung stehen soll.  Geplant und projektiert in Zusammenarbeit mit dem Studio Gollwitzer, vermittelt durch die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir.

Amphitheater in Susdal

Hinter diesem Erfolg steht Oleg Schukow, ein russischer Selfmademan, von der Art, wie man sie dem Land – gern in größerer Zahl – nur wünschen kann. Der Bauunternehmer hat bereits im Mai 2010 Kontakt zu Erlangen aufgenommen, als er sein Spaßbad zu konzipieren begann, das verschiedener bürokratischer Hemmnisse wegen erst jetzt Gestalt annimmt. Mehr dazu unter: https://is.gd/qKiKwh

Oleg und Anna Schukowa mit Familie Kobjoll-Setzer, Peter Steger sowie Max und Gleb

Ein Erfolg, der freilich nicht möglich wäre ohne die politische und administrative Unterstützung durch Sergej Sacharow, den ehemaligen Oberbürgermeister von Wladimir und jetzigen Stadtdirektor von Susdal, vor seiner politischen Karriere selbst Unternehmer. Wenn 2024 Susdal im Glanz seiner Geschichte das tausendjährige Jubiläum feiern kann, wird das ganz wesentlich diesen beiden kreativen Machermännern zu verdanken sein.

Peter Steger und Sergej Sacharow

Der Vollständigkeit halber sei nur noch vermerkt: Susdal und Rothenburg feiern heuer auch schon 30 Jahre Partnerschaft, damals vermittelt und angeregt von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg. Dito: Eine Partnerschaft, wie man sie den Ländern – gern in größerer Zahl – nur wünschen kann.

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Den großen Zuschlag erhielt die Region Wladimir im Jahr 2015 zwar nicht, als es darum ging, ein Mercedes-Werk zu bauen. Daimler entschied sich schließlich doch für das Gouvernement Moskau, wo jetzt etwa 1.000 Arbeitsplätze entstehen und ab 2019 Modelle der E-Klasse sowie Pkws der Kategorie GLC, GLE und GLS für den russischen Markt gebaut werden sollen. Aber ganz leer geht Wladimir doch nicht aus, denn die Schwaben bestellen in der Kreisstadt Koltschugino 152 km Kabel der besonderen Art, die allen Anforderungen des Brandschutzes entsprechen, sprich auch bei Feuer den Betrieb noch mindestens drei Stunden aufrechterhalten und keine für Mensch und Technik gefährlichen Stoffe freisetzen dürfen. Vielleicht hätte man auch für den Flughafen Berlin in der Region Wladimir die Kabel bestellen sollen… Die Stuttgarter jedenfalls liegen im Zeitplan.

Große Pläne für Daimler im Moskauer Umland mit dem deutschen Botschafter, Rüdiger Freiherr von Fritsch, 2. v.l.

Zügig voran geht es auch bei den russisch-tschechischen Wirtschaftsbeziehungen. Die Wladimirer IHK besuchte im Vorjahr mit einer Delegation die Maschinenbaumesse in Brünn, dieser Tage waren die Tschechen zu Gast in Wladimir. Und siehe da: Man setzt eine Arbeitsgruppe ein, die Möglichkeiten für eine engere ökonomische Zusammenarbeit prüfen soll. Aber auch so schon ist der Warenaustausch um sage und schreibe 60% innerhalb eines Jahres gestiegen.

Russisch-tschechisches Forum in Wladimir

Vielleicht ja auch ein Modell für die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland und insbesondere Bayern. Immerhin besuchte ja eine Delegation des zuständigen Ministeriums – in Zusammenarbeit mit der IHK Nürnberg – im November die Region Wladimir (der Blog berichtete). Man wird sehen, welche Bilanz die Statistiker da in einem halben Jahr ziehen.

 

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