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Archive for the ‘Wirtschaft’ Category


Während die Statistik in Deutschland jeden zweiten Haushalt zur Mittelschicht rechnet, gehören im größten Flächenstaat der Erde gerade einmal 14,2% der Bevölkerung zu diesem Stand, der von russischen Fachleuten wie folgt definiert wird:

Unter Mittelschicht verstehen wir Familien, die es sich leisten können, ein Auto und eine Wohnung entsprechend der Personenzahl zu kaufen und nach der Bedienung aller Verbindlichkeiten für die Alltagsbedürfnisse noch einen Betrag übrig haben, der mindestens dem Zweifachen des regionalen Existenzminimums entspricht.

Reich – Mittelschicht – Arm. Quelle: Zebra TV

Diese Humusdecke der gesellschaftspolitischen und ökonomischen Entwicklung des Landes verteilt sich dabei ganz unterschiedlich. Es gibt Gegenden wie den dünnbesiedelten Autonomen Kreis Jamal-Nenezk im Fernen Osten, wo 45% der Bevölkerung dem Mittelstand zugerechnet werden, gegenüber einer Region wie Inguschetien im Nordkaukasus mit gerade einmal einem Anteil von zwei Prozent. Für Moskau, die zweifellos reichste Stadt des Landes, führen die Statistiker auch nur 27% als zur Mittelschicht gehörend auf. Und das Gouvernement Wladimir? Sie liegt mit acht Prozent im unteren Mittelfeld auf Platz 58 der Rangliste, deutlich hinter den Nachbarregionen wie Moskau-Land mit 19,3%, Nischnij Nowgorod mit 12,9%, Jaroslawl mit 11,8% und Rjasan mit 11%. Einzig die Region Iwanowo liegt mit 5,6% noch hinter Wladimir.

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In den russischen Medien wird berichtet, die Regierung plane eine erhebliche Steigerung der Ausfuhr von Heilkräutern. Bis 2035 solle der Export jährlich zehn bis fünfzehn Millionen Dollar erwirtschaften. 25 Agroparks, die 300.000 landwirtschaftliche Betriebe vereinen, wolle man bis dahin eingerichtet haben, wo Anbau und Weiterverarbeitung der Pflanzen vorgesehen sei. Ehrgeizig, wenn man weiß, daß bisher der Anteil dieses Segments am Außenhandel gerade einmal 0,001% beträgt, wie Zebra-TV berichtet. Orientieren wolle man sich vor allem nach China mit seinem großen Bedarf an Ginseng und Spitzwegerich.

Interessanterweise gab es eine solche politische Vorgabe für den Export schon einmal, in der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik der noch jungen Sowjetunion in den 1920er Jahren. Beteiligt daran war auch die Region Wladimir, die an die Zeit vor der Revolution anknüpfen wollte, als man von hier vor allem nach Westeuropa in großen Mengen Mutterkornpilze mit seinen 50 verschiedenen Arten verkaufte, die parasitär vor allem in Weizen- und Roggenkulturen gedeihen.

 

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Vor allem in der Volksmedizin setzte man die Pilze ein, gegen Kopfschmerzen und für einen verbesserten Blutkreislauf. Die moderne Medizin attestiert ihnen eine Erweiterung der Blutgefäße und eine Senkung des arteriellen Drucks sowie eine beruhigende Wirkung.

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Aber auch Bärlappsporen, die in getrocknetem Zustand schmerzlindernd und antiseptisch wirken gingen in den Export. Auch dieses Geschenk der Flora fand vielfältige Anwendung in der Heilkunde: bei Ekzemen, Furunkeln, Verbrennungen, Darmbeschwerden, Bronchitis und Rheuma, um nur einige Beschwerden zu nennen.

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Sogar Ameiseneier lieferte man ans Ausland. Im 19. Jahrhundert galten sie als Mittel gegen Unfruchtbarkeit. Sie sollen aber auch die Bildung von Muttermilch anregen und bei Dermatitis, Skrofulose oder Muskelfaserschmerzen Linderung verschaffen.

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Und natürlich führte man auch Heidel- und Himbeeren sowie Speisepilze aus, ebenso wie Sauerkirschen. Letztere bis an den englischen Hof. In den späten Jahren der Sowjetunion schließlich soll es sogar zu Exporten von tiefgefrorenen Froschschenkeln aus Wladimirer Landen nach Frankreich gekommen sein. Nichts Neues also unter der Sonne der internationalen Handelsbeziehungen der Region Wladimir, wenn nun die Politik sich wieder diesem Bereich zuwendet.

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Seit dem Zusammenbruch der UdSSR bröckeln Macht und Einfluß der Gewerkschaften. Einst staatlich und ideologisch gelenkte Massenbewegungen, fehlt es heute an Mitgliedern und Durchsetzungskraft. Dem soll nun in der Region Wladimir ein Feiertag zu Ehren der Vertreter der Arbeitnehmerinteressen entgegenwirken, ein Vorhaben, das allerdings im Landtag des Gouvernements, der Duma, durchaus kontrovers diskutiert wurde. Vor allem aus den Reihen der Kommunisten war zu hören, die Gewerkschaften seien viel zu passiv, hätten es versäumt bei der Umstrukturierung von Betrieben in Erscheinung zu treten oder gar etwas gegen Entlassungen zu tun. Ein Abgeordneter merkte sogar an, die Pilotengewerkschaft in Deutschland lasse im Notfall sogar bis zum Stillstand der Lufthansa kommen, wenn sie der Auffassung sei, ihre Ziele noch nicht vollständig erreicht zu haben. Und sogar in China werde keine Entscheidung in einem Betrieb getroffen, ohne die Gewerkschaften einzubeziehen.

Dem arbeitenden Menschen einen würdigen Lebensstandard!

Am Ende stimmten dann doch 24 der 40 Mitglieder für den neuen – nicht arbeitsfreien! – Feiertag der Gewerkschaften, der ab dem nächsten Jahr immer am 15. November begangen werden soll. Das vielfach vorgetragene Argument, so könne es gelingen, dieser gesellschaftspolitisch so wichtigen Organisation wieder zu Aufmerksamkeit und Ansehen zu helfen, überwog schließlich die Skepsis, die sich auch an einer Zahl landesweit ablesen läßt: 1990 zählte der Allrussische Gewerkschaftsverband noch 54 Mio. Mitglieder, heute sind es keine 20 Mio. mehr.

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„Wenn möglich, komme ich jedes Jahr einmal nach Erlangen – und das immer sehr gern“, sagt Andrej Wenkow, der nach fast zwei Wochen am Samstag wieder nach Wladimir fährt. Sein Gastgeber ist Oleg Tschuchlow, der ebenfalls aus der Partnerstadt kommt, aber schon seit zwei Jahrzehnten in Franken lebt und immer wieder Besucher aus Wladimir betreut.

Oleg Tschuchlow und Andrej Wenkow

„Dieses Mal war es ein Freundschaftsbesuch, natürlich auch der Bergkirchweih wegen“, meint der Fuhrunternehmer, „aber das nächste Mal will ich versuchen, hier auch Geschäftspartner zu finden.“ Das könnte übrigens schon im Dezember sein. Dann werden wir ja sehen.

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Sprechen wir wieder einmal über das liebe Geld. Nach Veröffentlichungen von Forbes, die von russischen Medien bestätigt werden, halten die drei Prozent der Superreichen derzeit 89,3% aller Finanzmittel: 92% aller Einlagen und 89% aller Bargeldreserven. 13% der russischen Bevölkerung gelten als arm.

Die Rangfolge der landesweit reichsten Duma-Abgeordneten führt, wie schon 2017, Grigorij Anikejew an, der seine Wähler in Moskau vertritt und in der Region Wladimir ein ganzes Unternehmensimperium führt. Russische Politiker sind verpflichtet, ihre Eigentumsverhältnisse offenzulegen und kommen dieser Forderung auch nach, anders als gewisse Geschäftsleute, die sich in den USA ins Weiße Haus wählen lassen… Zwei Milliarden und 326 Millionen deklarierte der Politiker aus der Partnerstadt im Jahr 2018, übrigens fast um das Doppelte weniger als 2 017. Aber da sind ja auch noch seine Grundstücke und Häuser sowie die Autos: ein Hammer H 2, ein Mercedes-Benz G63 AMG und ein Mercedes-Benz S 500 4 MATIC sowie diverse andere Transportmittel zu Land, zu Luft und zu Wasser.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Oder noch freier übersetzt: Die Kopeke läßt den Rubel rollen.

Demgegenüber wurde für das laufende Quartal der Index für das Existenzminimum in der Region Wladimir um 684 Rubel auf nun 10.207 Rubel angehoben – im Schnitt. Für die arbeitsfähige Bevölkerung werden 11.123 Rubel, ein Plus von 783 Rubel, veranschlagt, für Rentner 8.613 Rubel, ein Plus von 550 Rubel, für Kinder 10.209 Rubel, ein Plus von 835 Rubel. Diese Kennziffern dienen den Behörden zur Berechnung der Sozialausgaben und können als Gradmesser für die laufende Teuerung der Lebenshaltungskosten verstanden werden.

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Totgesagte leben länger. Das gilt offenbar auch für die Traktoren aus Wladimir, deren Produktion im Sommer des Vorjahrs eingestellt wurde – mangels Nachfrage, vor allem wohl aber wegen fortgesetzten Versagens des Managements. Nun rollen sie wieder vom Band, die Schlepper, die einst Tausenden von Wladimirern Arbeit und Brot gaben und in aller Welt Absatz fanden.

Die Serienproduktion läuft bereits, wenn auch noch in bescheidener Stückzahl. 50 Exemplare sollen es bis Ende des Jahres werden, die universell einsetzbar sind, in der Landwirtschaft wie auch in der Straßenreinigung, gedacht für den Binnenmarkt und den Export in das sogenannte „Nahe Ausland“, also die Nachfolgestaaten der UdSSR. 400 Mio. Rubel will man in eine neue Werkhalle investieren. Allerdings nicht mehr auf dem Gelände des ehemaligen Werks in Wladimir, sondern im Gewerbegebiet Kameschkowo, 50 km nordöstlich der Partnerstadt gelegen, wo dann um die 50 neue Arbeitsplätze entstehen dürften. Glück auf!

Mehr zur Geschichte und Schließung des Traktorenwerks in Wladimir unter: https://is.gd/BGWIky

 

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„Nimm dir Land, wo es dir beliebt; wir haben genügend da“, heißt es an einer entscheidenden Stelle der Fabel von Lew Tolstoj mit dem Titel „Wieviel Erde braucht der Mensch?“. Die russische Erde: Die einen sammeln sie, die andern verteilen sie, wieder anderen ist sie heilig, sie wird als „Mütterchen“ verehrt und dann wieder behandelt wie überall auf der Welt, als wäre wie sie unbegrenzt vorhanden. An die Erde wurden die Leibeigenen gebunden, auf die Aufhebung dieser feudalen Wirtschaftsweise und die Befreiung der Bauern 1861 – später als sonst wo in Europa – folgte häufig die Zinsknechtschaft, und Alexander Stolypin versuchte noch Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Bodenreform die dräuende Revolution zu verhindern. Dann – im Galopp durch die Geschichte – die erzwungene Kollektivisierung der Landwirtschaft unter den Kommunisten mit Lockerungsübungen in Zeiten der Neuen Ökonomischen Politik noch unter Wladimir Lenin und der stillschweigend geduldeten Schattenwirtschaft in Zeiten von Nikita Chruschtschow und seinen Nachfolgern, dazwischen der große Hunger, bis schließlich 1993 Boris Jelzin all seinen Landwirten und denen, die es werden wollten, das Land der Kolchosen und Sowchosen übereignete.

Weites Land. Eine Graphik des Wladimirer Künstlers Boris Franzusow

Doch nach all den Jahren der vergesellschafteten und gelenkten Agrarökonomie waren die privaten Strukturen irreparabel zerschlagen, nur wenige hatten das Kapital und den Willen, sich die notwendige Technik zuzulegen und eine Siebentagewoche gegen eine geregelte Arbeitszeit und Einkunft einzutauschen. Und so bildeten sich meist neue Kooperativen und Genossenschaften, oft unter der Leitung der ehemaligen Kolchos- und Sowchoskapitäne. Kurzum für die russische Politik blieb die Landwirtschaft ein Problem, auch in der Region Wladimir, wo man seit Jahren konstatiert, von den 560.000 ha Ackerfläche lägen 230.000 ha brach. In der EU gäbe es dafür eine Stillegungsprämie, und die Umweltschutzverbände hätten ihre helle Freude an einer solchen Entwicklung. Doch dort, wo man versucht – nicht zuletzt wegen der sich selbst auferlegten Gegensanktionen hinsichtlich der Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten von Tomaten bis Käse -, den Grad der Eigenversorgung zu erhöhen, darf das nicht so bleiben. In manchen Landkreisen des Gouvernements werden nämlich nicht einmal 30% der Felder bestellt. Abhilfe will man nun mit einem neuen Gesetz schaffen, das vor allem Kleinbauern sechs Jahre lang die zinslose Pacht von landwirtschaftlich zu nutzenden Flächen ermöglicht. Gelingt das Vorhaben, so das Ziel, könnte nicht nur die Eigenversorgung verbessert, sondern auch die anhaltende Landflucht aufgehalten werden. Nun kann man nur hoffen, die Geschichte geht anders aus als bei Lew Tolstoj, wo es am Ende heißt:

Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein.

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