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Archive for the ‘Wirtschaft’ Category


Sprechen wir wieder einmal über das liebe Geld. Nach Veröffentlichungen von Forbes, die von russischen Medien bestätigt werden, halten die drei Prozent der Superreichen derzeit 89,3% aller Finanzmittel: 92% aller Einlagen und 89% aller Bargeldreserven. 13% der russischen Bevölkerung gelten als arm.

Die Rangfolge der landesweit reichsten Duma-Abgeordneten führt, wie schon 2017, Grigorij Anikejew an, der seine Wähler in Moskau vertritt und in der Region Wladimir ein ganzes Unternehmensimperium führt. Russische Politiker sind verpflichtet, ihre Eigentumsverhältnisse offenzulegen und kommen dieser Forderung auch nach, anders als gewisse Geschäftsleute, die sich in den USA ins Weiße Haus wählen lassen… Zwei Milliarden und 326 Millionen deklarierte der Politiker aus der Partnerstadt im Jahr 2018, übrigens fast um das Doppelte weniger als 2 017. Aber da sind ja auch noch seine Grundstücke und Häuser sowie die Autos: ein Hammer H 2, ein Mercedes-Benz G63 AMG und ein Mercedes-Benz S 500 4 MATIC sowie diverse andere Transportmittel zu Land, zu Luft und zu Wasser.

Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Oder noch freier übersetzt: Die Kopeke läßt den Rubel rollen.

Demgegenüber wurde für das laufende Quartal der Index für das Existenzminimum in der Region Wladimir um 684 Rubel auf nun 10.207 Rubel angehoben – im Schnitt. Für die arbeitsfähige Bevölkerung werden 11.123 Rubel, ein Plus von 783 Rubel, veranschlagt, für Rentner 8.613 Rubel, ein Plus von 550 Rubel, für Kinder 10.209 Rubel, ein Plus von 835 Rubel. Diese Kennziffern dienen den Behörden zur Berechnung der Sozialausgaben und können als Gradmesser für die laufende Teuerung der Lebenshaltungskosten verstanden werden.

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Totgesagte leben länger. Das gilt offenbar auch für die Traktoren aus Wladimir, deren Produktion im Sommer des Vorjahrs eingestellt wurde – mangels Nachfrage, vor allem wohl aber wegen fortgesetzten Versagens des Managements. Nun rollen sie wieder vom Band, die Schlepper, die einst Tausenden von Wladimirern Arbeit und Brot gaben und in aller Welt Absatz fanden.

Die Serienproduktion läuft bereits, wenn auch noch in bescheidener Stückzahl. 50 Exemplare sollen es bis Ende des Jahres werden, die universell einsetzbar sind, in der Landwirtschaft wie auch in der Straßenreinigung, gedacht für den Binnenmarkt und den Export in das sogenannte „Nahe Ausland“, also die Nachfolgestaaten der UdSSR. 400 Mio. Rubel will man in eine neue Werkhalle investieren. Allerdings nicht mehr auf dem Gelände des ehemaligen Werks in Wladimir, sondern im Gewerbegebiet Kameschkowo, 50 km nordöstlich der Partnerstadt gelegen, wo dann um die 50 neue Arbeitsplätze entstehen dürften. Glück auf!

Mehr zur Geschichte und Schließung des Traktorenwerks in Wladimir unter: https://is.gd/BGWIky

 

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„Nimm dir Land, wo es dir beliebt; wir haben genügend da“, heißt es an einer entscheidenden Stelle der Fabel von Lew Tolstoj mit dem Titel „Wieviel Erde braucht der Mensch?“. Die russische Erde: Die einen sammeln sie, die andern verteilen sie, wieder anderen ist sie heilig, sie wird als „Mütterchen“ verehrt und dann wieder behandelt wie überall auf der Welt, als wäre wie sie unbegrenzt vorhanden. An die Erde wurden die Leibeigenen gebunden, auf die Aufhebung dieser feudalen Wirtschaftsweise und die Befreiung der Bauern 1861 – später als sonst wo in Europa – folgte häufig die Zinsknechtschaft, und Alexander Stolypin versuchte noch Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Bodenreform die dräuende Revolution zu verhindern. Dann – im Galopp durch die Geschichte – die erzwungene Kollektivisierung der Landwirtschaft unter den Kommunisten mit Lockerungsübungen in Zeiten der Neuen Ökonomischen Politik noch unter Wladimir Lenin und der stillschweigend geduldeten Schattenwirtschaft in Zeiten von Nikita Chruschtschow und seinen Nachfolgern, dazwischen der große Hunger, bis schließlich 1993 Boris Jelzin all seinen Landwirten und denen, die es werden wollten, das Land der Kolchosen und Sowchosen übereignete.

Weites Land. Eine Graphik des Wladimirer Künstlers Boris Franzusow

Doch nach all den Jahren der vergesellschafteten und gelenkten Agrarökonomie waren die privaten Strukturen irreparabel zerschlagen, nur wenige hatten das Kapital und den Willen, sich die notwendige Technik zuzulegen und eine Siebentagewoche gegen eine geregelte Arbeitszeit und Einkunft einzutauschen. Und so bildeten sich meist neue Kooperativen und Genossenschaften, oft unter der Leitung der ehemaligen Kolchos- und Sowchoskapitäne. Kurzum für die russische Politik blieb die Landwirtschaft ein Problem, auch in der Region Wladimir, wo man seit Jahren konstatiert, von den 560.000 ha Ackerfläche lägen 230.000 ha brach. In der EU gäbe es dafür eine Stillegungsprämie, und die Umweltschutzverbände hätten ihre helle Freude an einer solchen Entwicklung. Doch dort, wo man versucht – nicht zuletzt wegen der sich selbst auferlegten Gegensanktionen hinsichtlich der Einfuhr von landwirtschaftlichen Produkten von Tomaten bis Käse -, den Grad der Eigenversorgung zu erhöhen, darf das nicht so bleiben. In manchen Landkreisen des Gouvernements werden nämlich nicht einmal 30% der Felder bestellt. Abhilfe will man nun mit einem neuen Gesetz schaffen, das vor allem Kleinbauern sechs Jahre lang die zinslose Pacht von landwirtschaftlich zu nutzenden Flächen ermöglicht. Gelingt das Vorhaben, so das Ziel, könnte nicht nur die Eigenversorgung verbessert, sondern auch die anhaltende Landflucht aufgehalten werden. Nun kann man nur hoffen, die Geschichte geht anders aus als bei Lew Tolstoj, wo es am Ende heißt:

Der Knecht nahm die Hacke, grub Pachom ein Grab, genau so lang wie das Stück Erde, das er mit seinem Körper, von den Füßen bis zum Kopf, bedeckte – sechs Ellen –, und scharrte ihn ein.

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Nicht nur für viele Erlanger, gleich ob alteingesessen oder zugezogen, bedeutete die Privatbrauerei Kitzmann einen Teil der Identität ihrer Heimat. Bier und Erlangen: eine jahrhundertealte Tradition – und nun mit Peter Kitzmann die letzte Generation. Was das bedeutet, wird man wohl erst mit einiger Zeit Abstand so richtig begreifen.

Dietmar Hahlweg, Gennadij Adrijanow, Igor Schamow und Richard Heindl beim Fränkischen Fest, gesehen von Wladimir Filimonow

Für Wladimir stand Kitzmann stellvertretend für die Qualität des fränkischen, des bayerischen, des deutschen Biers. Nicht mehr und nicht weniger. Viele kamen überhaupt erst dank Kitzmann auf den Geschmack, denn das Brauen gehörte nicht eben zu den Stärken der sowjetischen Getränkeindustrie. Und so waren denn auch die zehntausend Liter Kitzmann-Bier, die im September 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir kostenlos ausgeschenkt wurden, eine Probe, die im kollektiven Gedächtnis der Partnerstadt fortlebt.

Partnerschaftskrug Wladimir

Natürlich gab es auch Versuche, das Bier aus Erlangen nach Wladimir zu exportieren. Doch Zoll und Transportkosten standen dem entgegen, wohl auch der ökologisch zu begrüßende Umstand, daß Kitzmann sein Bier einzig im Mehrwegsystem, also abgefüllt in Flaschen und Fässern, abgab, was die Fuhren doppelt teuer gemacht hätte.

Sportlehrergruppe aus Wladimir bei Kitzmann

Aber immerhin holte sich Alexander Juswik, ein Jungunternehmer aus Wladimir, das Rüstzeug bei Kitzmann, um sein eigenes Bier vor Ort zu brauen. Und natürlich besuchten fast alle Delegationen und Gruppen Gaststätten und Keller, wo der Gerstensaft nach Erlanger Rezeptur ausgeschenkt wurde, manche baten – immer wohlgelitten – gar um eine Führung durch die Brauerei, vom Sudhaus bis zur Abfüllanlage.

Jochen Buchelt, Florian Janik, Olga Dejewa, Petra „Willy“ Paulsen und Peter Kitzmann

Erst vor zweieinhalb Jahren beging man auch im Hause Kitzmann die 500 Jahre Reinheitsgebot, und Bürgermeisterin, Olga Dejewa, nahm natürlich an den Festivitäten teil und trank auf das Wohl von Peter Kitzmann, der nun nach drei Jahrhunderten seinen Betrieb verkaufen mußte. Ja, auch die Kulmbacher werden dann in Erlangen weiterhin Bier brauen. Aber es ist dann eben kein Kitzmann-Bier mehr. Schade, jammerschade! Und ein großer Dank an Peter Kitzmann für alles, was er Wladimir Gutes getan. Es bleibt unvergessen – wie die süß-bittere Erinnerung an den ersten Schluck Bier.

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Als einziger Unternehmer aus Wladimir hat es Michail Dragomirow geschafft, den von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ausgeschriebenen Wettbewerb zu gewinnen und für drei Wochen nach Deutschland zu kommen, um mit einer gut zehnköpfigen russischen Wirtschaftsdelegation von Tübingen aus Kontakte zu deutschen Firmen zu knüpfen und das hiesige Geschäftsleben kennenzulernen. Da seine Frau Antonia vor drei Jahren schon einmal mit dem Erlangen-Haus zum Deutschkurs in der Partnerstadt war – siehe: https://is.gd/Qws50Q – lag es für den Ingenieur nahe, selbst einmal Erlangen zu besuchen, freilich mit einem klaren Ziel. Vorgestern dann war es so weit.

Michail Dragomirow

Der Weg ist gut ausgeschildert, dennoch verläuft man sich leicht, wenn man zunächst auf dem Campus der FAU in der Südstadt die Räume der Informatik im Hochhaus ansteuert. Das FabLab findet man nämlich genau gegenüber, unterhalb der Bibliothek in den Kellerräumen. Seit sieben Jahren schon kann man sich in dieser offenen Werkstatt von ehrenamtlichen Kräften zeigen lassen, was sich mit einem 3D-Drucker, einem Laser-Cutter oder mit Fräser- und CNC-Maschinen so alles herstellen läßt. Eng geht es hier zu, jede Ecke ist mit Geräten bestückt, und überall hilfsbereite Menschen, die bereitwillig alles erklären. Einer von ihnen, Michael, der sich schon zum Inventar des Fabrikationslabors zählt, erklärt dem Gast denn auch geduldig, wie man allen Interessierten – auch von außerhalb der Universität – Zugang zu den technischen Möglichkeiten biete, alles kostenlos, nur das Material und die Nutzung des Laser-Cutters werden abgerechnet.

Michael und Michail

Als Unternehmer wird Michail Dragomirow – mehr zu seiner Firma unter: http://engineering-tech.pro – diesen Service nicht gratis anbieten können, da ja die notwendige technische Ausstattung kaum, wie in Erlangen, die Universität oder eine andere Institution anschaffen wird, aber der Geschäftsmann überlegt, für seine Kunden diese Möglichkeiten gegen Bezahlung zu schaffen. Und dazu erhielt er nun in Erlangen die notwendigen Anregungen, auch wenn hier die neueste Entwicklung fehlt: die Verarbeitung am Laser-Cutter von Metall. Manches ist eben auch einer deutschen Spitzenuniversität (noch) zu teuer.

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Wenn wir davon sprechen, jemand wolle das Rad neu erfinden, nennt man im Russischen sogar konkret das Fahrrad. Und genau das tut jetzt das unlängst in Wladimir gegründete Unternehmen Visionary, geleitet von dem Tüftler Konstantin Fedossejew. Man arbeitet nämlich an einem ergonomischen E-Bike, das individuell abgestimmt sein soll auf die jeweiligen Bedürfnisse und Möglichkeiten. Nichts von der Stange oder vom Band also, sondern hergestellt nach Maß mit Hilfe eines 3-D-Druckers, den es freilich in der benötigten Größe in Rußland noch gar nicht gebe, weshalb die Firma die notwendigen Mittel zur Anschaffung per Crowdfunding (der Begriff ist auch in den russischen Sprachgebrauch eingegangen) einsammeln will.

Faltrad für militärische Zwecke, entwickelt 1917 von dem balten-deutschen Konstrukteur Alexander Leutner, der im Russischen Reich zum größten Veloproduzenten aufstieg

Das Zweirad mit einer Reichweite von bisher bis zu 30 km gibt es derzeit nur als Prototyp, dessen Kinderkrankheiten sich die Fachleute gerade genau ansehen, um dann in der Produktion nur beste Ware liefern zu können. Visionär nicht nur technisch – besonders angesichts der noch immer entwicklungsfähigen Begeisterung der russischen Verkehrsteilnehmer, auf das Fahrrad umzusteigen.

Hier der Link zur TV-Reportage mit Eindrücken von dem Zukunftsmodell: https://is.gd/cgy5oY

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Laut Statistikamt sackt die Wirtschaftsleistung der Region Wladimir derzeit ab. Um fast einen Prozentpunkt sank im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum der Produktionsindex, der nach den Parametern Ausbeutung von Bodenschätzen, Verarbeitendes Gewerbe und Versorgungsgrad des Gewerbes mit Strom und Gas. Bedenklich und eher unerwartet: Ausgerechnet das verarbeitende Gewerbe rutschte ins Minus, der Sektor Energie verharrte auf seiner Vorjahresposition, und die Förderung von Bodenschätzen legte zu. Man hat es also mit einer wirtschaftlichen Stagnation zu tun.

Die Bodenschätze bringen insgesamt ein Plus von fast 8% – mit dem Abbau von Torf, Kalk, Sand, Stein und Ton. Ohne den Beitrag dieser Ressourcen hätte man es mit einem regelrechten Absturz zu tun, denn das verarbeitende Gewerbe insgesamt verlor um 1,1%, wobei es besonders die Lebensmittelindustrie hart trifft, wo beispielsweise die Geflügelproduktion 20% und die alkoholfreien Getränke einen Rückgang um 16% verzeichnen. Aber auch die Branchen Kleidung, Holz- und Metallverarbeitung, Metallurgie, Maschinenbau und Kfz-Zulieferung verlieren an Boden – um 11%, 8%, 3%, 23%, 18% und 7%. Dem stehen die Gewinner entgegen, etwa die Wurstproduktion mit 18%, die Süßwarenherstellung mit 64% und der Bereich Futtermittel mit 80%, aber auch der Arzneimittelsektor mit 33% oder die Möbelbranche mit 25%, Elektronik und Optik verbessern sich immerhin um 7%.

Beleg für die Stagnation ist freilich in jedem Fall der Energieverbrauch der Wirtschaft im Raum Wladimir. Er hat sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um lediglich 0,1% erhöht. In das unerfreuliche Gesamtbild paßt, daß nun wohl auch noch das mittelständische Fensterwerk Olimp Konkurs anmeldet, das noch vor zwei Jahren an einer Fachmesse in Nürnberg teilgenommen und große Hoffnungen geweckt hatte: https://is.gd/tmuKo5

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