Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘VHS – Club International’ Category


Es herrscht ja gottlob kein Mangel an Zeichen und Gesten der Verständigung zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir. Aber was da am Mittwoch beim Abschiedsabend für die Gäste aus dem Erlangen-Haus im Club International der Volkshochschule seinen ebenso symbolischen wie handwerklichen Anfang nahm, dürfte eine besondere Strahlkraft entwickeln.

Reinhard Beer mit Ludmila Safronowa, Soja Ilina und Weronika Rytschkowa, dem Siegertrio

Doch der Reihe nach. Es gehört zum guten Brauch, die mittlerweile elfte Gruppe von Teilnehmern an den Deutschkursen des Erlangen-Hauses  im Club International der Volkshochschule mit einem bunten Abend zu verabschieden, den die Gäste einfallsreich mitgestalten und der Gelegenheit bietet, all denen zu danken, die den Besuchern für zwei Wochen ihre Türen öffneten und Familienanschluß boten. Fester Bestandteil dieses geselligen Beisammenseins ist immer eine von Reinhard Beer, dem Spirtus rector dieses Austausches, ersonnene Stadtrallye mit immer wieder neuen Fragen zu Geschichte und Gegenwart, dieses Mal mit einem weiblichen Trio auf dem Siegerpodest mit einem Allzeit-Rekordergebnis: 19 von 20 möglichen Punkten.

Robert Lerch, Gerhard Willner und Sabine Wellhöfer mit Elisabeth Preuß

Aber es gab auch eine Premiere. Seit 2011 ist die Erlanger Volkshochschule Prüfungszentrum für die russische Sprache, die einzige in ganz Bayern, nachdem Freising das Angebot mittlerweile aus dem Programm nahm. Eine sechsköpfige Gruppe legte dieser Tage die telc-Prüfungen auf der Stufe A1 ab, ausnahmslos erfolgreich, und so lag nahe, das an dem Abend anwesende Trio vorzustellen und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß – sie hatte zu Gunsten dieser Veranstaltung auf das Konzert „Klassik am See“ verzichtet – um Überreichung der Urkunden zu bitten.

Natalia Kaiser, Natalia Korssakowa, Tatjana Kirssanowa und Jekaterina Korschofski

Anwesend neben den beiden Deutschdozentinnen aus dem Erlangen-Haus, Tatjana Kirssanowa und Natalia Korssakowa, auch Natalia Kaiser und Jekaterina Korschofski, die erfolgreich Russisch an der Volkshochschule unterrichten. Ein Bild, das keiner weiteren Kommentare bedarf, weder auf Russisch noch auf Deutsch, es spricht für sich.

Gäste und Gastgeber im Club International

Eigentlich tut es auch dieses Bild, wo Gäste und Gastgeber so bunt gemischt sind, wie man sich das nur wünschen kann. Dennoch, so gefährlich es sein mag, weil man doch immer jemanden vergessen könnte, Elisabeth Preuß wagt es, namentlich zu danken: Markus Bassenhorst und Reinhard Beer sowie Heide Thies, der bewährten Dozentin, für die Volkshochschule, Gerhard Kreitz für den Freundeskreis Wladimir, den gastgebenden Familien. Der Chronist bürgt erst recht nicht für Vollständigkeit…

Gemischter Wladimirer Chor mit Stefan Barth, dritter v.l.

Tatjana Kirssanowa, sichtlich bewegt, tut das auf ihre Weise – mit der Regie für den weiteren Ablauf des Abends und den Worten: „Wir lassen unsre Herzen hier, wenn wir morgen wieder nach Wladimir fahren!“ Schon erstaunlich, was die Gäste da alles innerhalb der knappen zwei Wochen vorzubereiten verstanden: Ein Ständchen, ein Stück am Klavier, Präsentationen zu Traditionen und Trends der Russen…

Kochkurs „Wladimirer Pfannkuchen“ mit Heide Thies links im Vordergrund

Und dann die Arbeitskreise. Schaukochen, ein Quiz, ein Malkurs und dann eben jenes bestrickende Symbol, von dem eingangs die Rede war: ein Freundschaftsschal.

Russisches Quiz

Diese Handarbeit, deren erste Maschen Tatjana Krutogolowa, Nachtwächterin im Erlangen-Haus, und Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir, gemeinsam anschlugen, soll nun in der Partnerstadt von den deutschen Gästen – zusammen mit den russischen Freunden – fortgesetzt werden. Welch schönes Versprechen für die Zukunft!

Beobachtet von Marina Bit-Ischo stricken Tatjana Krutogolowa und Gerhard Kreitz am Freundschaftsschal

In die Zukunft gerichtet war dann auch noch der Besuch im Deutsch-Französischen Institut am gestrigen Vormittag, wenige Stunden vor der Heimreise. Linda Lahner nahm sich eine ganze Stunde Zeit, um ihren russischen Kolleginnen das pädagogische und kulturelle Angebot – mit allen Unterschieden wie Parallelen zu Wladimir – vorzustellen. Und schon entstanden neue Ideen für das Programm am Erlangen-Haus, etwa eine mögliche Zusammenarbeit mit einem Kindergarten oder eine engere Kooperation mit der Universität. Besonders beeindruckt aber waren die beiden Besucherinnen von der Mediathek für Kinder. Man wird sehen, ob und wie sich dies und das auch in Wladimir umsetzen ließe.

Linda Lahner, Natalia Korssakowa und Tatjana Kirssanowa

Ein Schlußwort? Vielleicht genügt der Hinweis darauf, wie ernst dieses Austauschprojekt in Erlangen genommen wird. Zur Eröffnung kam Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, zum Abschiedsabend erschien ihre Kollegin, Elisabeth Preuß; VHS-Leiter Markus Bassenhorst besuchte beide Veranstaltungen und ließ sich dazwischen immer wieder sehen, von Reinhard Beer und dem Freundeskreis Wladimir, für das Aufenthaltsprogramm und die Unterbringung verantwortlich, ganz zu schweigen. Wladimir ist eben in Erlangen Herzenssache – und nun lassen die Wladimirer auch noch ihre Herzen in Erlangen zurück.

Gerhild Fabian und Soja Ilina, gesehen von Georg Kaczmarek

Wer wollte daran noch zweifeln, angesichts dieses Bildes: Wenn Abschiedstränen sprechen könnten…

Read Full Post »


Wollte man Mark Twain folgen, sollte man die deutsche Sprache ja sanft und ehrfruchtsvoll zu den toten Sprachen ablegen, „denn nur die Toten haben die Zeit, diese Sprache zu lernen.“ Doch die Russen halten es da mehr mit Johann Wolfgang von Goethe und dem nach ihm benannten Institut mit Hauptsitz in Moskau sowie 21 Sprachlernzentren, darunter eines im Erlangen-Haus zu Wladimir: „Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten; er spielt den Dolmetscher, indem er sich selbst bereichert.“

Markus Bassenhorst und Susanne Lender-Cassens bei der Begrüßung der Gruppe aus dem Erlangen-Haus im Club International

Landesweit geht die Zahl derer, die sich an russischen Schulen, Universitäten, Instituten und Filialen des Goethe-Instituts mit Deutsch plagen zwar zurück – um etwa 800.000 auf etwa eineinhalb Millionen -, aber nach dem Englischen behauptet das Deutsche als „erste zweite Fremdsprache“ vor dem Spanischen, Französischen oder Chinesischen seine Position. Und daran ändern offenbar auch die schwieriger gewordenen politischen Beziehungen glücklicherweise nichts.

Die Gäste aus dem Erlangen-Haus mit Markus Bassenhorst, Susanne Lender-Cassens, Dozentin Heide Thies und Reinhard Beer

Daran knüpfte denn auch Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens beim gestrigen Empfang im Club International zusammen mit Markus Bassenhorst, dem Leiter der Volkshochschule an, als sie den Austausch mit der Partnerstadt Wladimir als Möglichkeit zur Begegnung bezeichnete, „egal, worüber die ganz oben sich gerade streiten“. Die Chef-Dozentin des Sprachlernzentrums von Wladimir und Leiterin der zwanzigköpfigen Gruppe, Tatjana Kirssanow, ging in ihrer Erwiderung noch weiter:

Bei der Vorbereitung auf diese zweiwöchige Reise erzählte ich natürlich viel über Erlangen. Einmal wurde ich da gefragt, ob das denn wirklich alles so märchenhaft sei, wie ich es schildere. Ja, nun sehen es alle, die mitgekommen sind. Wir fühlen uns hier im Kurs und bei den Gastfamilien wie im Paradies. Danke für dieses Märchen!

Read Full Post »


Gestern nachmittag traf die diesjährige, gut zwanzigköpfige Gruppe aus dem Erlangen-Haus per Flug und Bus via München in Erlangen ein, schon voller Vorfreude erwartet von ihren Gastgebern – und selbst wohl voll freudiger Erwartung dessen, was der Freundeskreis Wladimir für die Gäste so alles vorbereitet hat.

Man kennt sich schon: Elisabeth Preuß und Tatjana Kirssanowa, gesehen von Georg Kaczmarek

Im elften Jahr nun schon kommen immer in der zweiten Julihälfte etwa zwanzig Teilnehmer an den Deutschkursen des Sprachlernzentrums im Erlangen-Haus, um bei einem speziell auf ihr Niveau abgestimmten Unterricht ihre Kenntnisse zu vertiefen, vor allem aber auch, um Land und Leute zu erleben. Dabei ergibt sich sicher genug, worüber hier im Blog noch zu berichten sein wird.

Lagebesprechung mit Gerhard Kreitz, gesehen von Georg Kaczmarek

Aber nun lassen wir den Wladimirern erst einmal Zeit, um in den Gastfamilien – denen wieder einmal ein großes Dankeschön! – so richtig anzukommen, sich einzuleben. Willkommen und добро пожаловать!

Read Full Post »


Heute darf ich, Nikolaj Kaplenko, Sie herzlich begrüßen. Ich bin 22 Jahre alt, habe 2017 die Akademie für Verwaltung und Wirtschaft in Wladimir abgeschlossen und dann die Gelegenheit wahrgenommen, in Jena ein Jahr im Rahmen des „Europäischen Freiwilligendienstes“ zu verbringen. Vorher war ich schon Mitglied des Wladimirer „Euro-Klubs“ und engagierte mich dort im Bereich der Städtepartnerschaft. Meine Entscheidung für Jena kam also nicht zufällig zustande, denn auch hier beschäftige ich in der „Eurowerkstatt“ mit der deutsch-russischen Zusammenarbeit und dem Partnerschaftsdreieck Erlangen-Wladimir-Jena. Zu meinen Aufgaben gehört es, meinen Leiter, Iwan Nisowzew, den Vorsitzenden der „Eurowerkstatt“ bei der Durchführung von Kulturveranstaltungen, bei der Kommunikation mit dem Euro-Klub, beim Austausch zwischen dem Universitätsklinikum Jena und der Wladimirer Fachschule für Medizinische Berufe ebenso zu unterstützen wie bei der Vorbereitung von Delegationsbesuchen aus den Partnerstädten oder bei der Arbeit im Büro der „Eurowerkstatt“, bei Freiwilligenfestivals und bei vielem anderen zu helfen. Mit Alexander Fomin hält sich derzeit ein weiterer Freiwilliger aus Wladimir in Jena auf.

Nikolaj Kaplenko und Iwan Nisowzew

In meiner Freizeit treffe ich mich mit anderen Freiwilligen und Studenten aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Der Austausch mit ihnen hilft mir, andere Menschen besser zu verstehen und zu begreifen, daß wir so verschieden gar nicht sind. Ich erlerne die deutsche Sprache und reise viel, um die deutsche Kultur besser zu verstehen.

Vom 19. bis 23. Februar besuchte ich unsere Partnerstadt Erlangen, um an den „Russisch-Deutschen Wochen“ teilzunehmen. Daneben wollte ich neue Kontakte knüpfen, von der Erfahrung bei der Durchführung derartiger Veranstaltungen profitieren und einen ausländischen Blick auf die russische Kultur verstehen lernen.

Cornelia Bartlau und „ihre“ Freiwilligen

In dieser Woche sah ich den Film „Hundeherz“ aus dem Jahr 1988, versuchte mich in der russischen Kaligraphie und fühlte mich wieder wie in der ersten Klasse, als ich überlegen mußte, wie man die Buchstaben untereinander verbindet. Dann war da jener überwältigende Vortrag zum Thema „Russische Klassik gestern und heute“ mit einem Lektor, Dorian Keilhack, der nicht nur erzählte, sondern auch zusammen mit seiner Frau und Tochter selbst einige Stücke spielte. Auch der Abend, der einer Radfahrt von Erlangen nach Wladimir gewidmet war, hat mir sehr gut gefallen. Schön auch, nach dem Bericht all die vertrauten Bilder aus Wladimir und der Region um meine Stadt wiederzusehen.

Anastasia Blasch, Wolfgang Morell und Nikolaj Kaplenko

Besonders freute mich die Bekanntschaft mit dem Weltkriegsveteranen, Wolfgang Morell. Er lieh mir sein Exemplar der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger. Es handelt sich dabei um die Sammlung von Erinnerungen ehemaliger Kriegsgefangener an ihre Lagerzeit auf dem Gebiet der Region Wladimir.

Meine Eindrücke von dieser Woche waren durchweg positiv, ich hatte das Gefühl, eine Woche lang gar nicht in Erlangen, sondern zu Hause, in Wladimir, zu sein. Ich hoffe nun, mit meinen in dieser Zeit erworbenen Kenntnissen eine ähnliche Veranstaltung auch in Jena organisieren zu können.

Nikolaj Kaplenko

Read Full Post »


Auf die bei allen Begegnungen während der fast fünfwöchigen Radtour im Spätsommer vergangenen Jahres gestellte Frage nach dem Woher und Wohin antwortete Gertrud Härer eines Tages im Baltikum nur noch mit „Moskau“, weil doch kaum jemand etwas mit Erlangens Partnerstadt anfangen konnte. „That’s not easy!“ gab der Radfahrerin da einmal jemand zurück, als hätte er gewußt, was die – mit allen Umwegen – gut 3.200 km lange Strecke bis Wladimir so alles an Herausforderungen für die Einzelkämpferin bot: Platzregen mit unvermutet unpassierbaren Wegen oder Irrungen von Wegweisern und Navigationssystem, aber überall mit freundlichen und zuvorkommenden Menschen in Stadt und Land, mit denen die Kommunikation auch bei fehlenden Sprachkenntnissen bestens funktionierte. Ganz neu – die Blog-Leser wissen es – war für die Ausdauersportlerin die Strecke nicht, denn sie hatte vor fast fünf Jahren schon Peter Smolka auf der ersten Etappe seiner Weltumradlung bis nach Wladimir begleitet und konnte gestern abend vor dem Plenum im Großen Saal der Volkshochschule eindrucksvoll Bilder von damals, in jenem endlos kalten und unerwartet schneereichen Frühjahr 2013, mit Aufnahmen kontrastieren, die im August und September 2017 entstanden.

Jonas Eberlein, Gertrud Härer und Othmar Wiesenegger

Die Zielangabe Moskau hatte aber ja auch noch einen tieferen Grund. Von dort war der Radbotschafterin bis nach Wolokolamsk „Erlangens Mann in Moskau“, Jonas Eberlein, entgegengekommen, um sie, mit einer Freundin auf dem Tandem, bis in die russische Hauptstadt – mit Zwischenhalt in der Botschaft – und weiter nach Wladimir zu begleiten, wo dann beide, von der kleinen Delegation um Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens erwartet, am ersten Halbmarathon in der Sportgeschichte der Partnerstadt teilnahmen, alles nachzublättern im Reiseblog https://gertrud.haerer.org. In der Erlanger Gruppe auch Othmar Wiesenegger mit seiner Kamera, der mit seinen stimmungsvollen Bildern den zweiten Teil des Abends bestritt und von seiner neuen Freundschaft zum Kollegen Wladimir Fedin erzählte, dessen Bilder ab Montag in den Räumen der Erlanger Nachrichten zu sehen sind.

Das Plenum im Großen Saal füllt sich

Mit dem gestrigen Doppelvortrag endeten die diesjährigen „Russisch-Deutschen Wochen“ im 35. Jahr der Städtepartnerschaft – mit einem neuen Besucherrekord. Insgesamt 550 Teilnehmer an den verschiedenen Veranstaltungen vermeldet die Statistik, eine Zahl, die nicht nur das Konzept der Volkshochschule mit dem Zwei-Jahres-Turnus bestätigt, sondern auch als Ausweis für die Vielfalt des Austausches zwischen Erlangen und Wladimir gelten darf.

Read Full Post »


Wäre der gestrige Vortrag zur russischen Musik unter dem Motto „gestern und heute“ ein Konzert gewesen, hätte das begeisterte Publikum im vollbesetzten Historischen Saal der Volkshochschule den Referenten Dorian Keilhack nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen lassen. Freilich war das ja auch gestern abend mehr als nur ein Vortrag, der sich so einfach anhand einiger Notizen nacherzählen ließe.

Reinhard Beer

Bei der Vorbereitung zur Vorstellung des Gastes ist denn auch Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der Volkshochschule und Mentor der „Russisch-Deutschen Wochen“, wohl erst so richtig bewußt geworden, welch eine Kapazität er da mit dem Professor für Dirigieren am Landeskonservatorium Innsbruck und Leiter der dortigen Opernschule und des Orchesters eingeladen hatte, der zu der Veranstaltung eigens aus Tirol in seine Heimatstadt angereist kam und als musikalische Verstärkung auch noch seine Frau Beate und die Tochter Alma-Vivien mitbrachte.

Dorian und Alma-Vivien Keilhack

 

Fast zwei Stunden dauerte die Führung durch die russische Musikgeschichte, ohne jede Spur von Ermüdung bei Publikum oder Referent, der sein Handwerk u.a. bei dem sowjetischen Musikpädagogen Witalij Margulis erlernte, der dem Schüler einmal sagte, die russische Musik sei eigentlich deutsche Musik. Etwas zugespitzt, aber mit einem wahren Kern, denn seit der Christianisierung der Kiewer Rus im Jahre 998 kannte man im Russischen Reich nur die Melodien von Spielleuten oder die Kirchenlieder in der Überlieferung von Byzanz, tradiert in der Neumenschrift, die erst mit dem Barock vom heutigen Notensystem abgelöst wurde. Die Deutsche auf dem Zarenthron, Katharina II, selbst aufgeklärt und den Künsten zugetan, holte mit ihrem berühmten Manifest von 1763 – nach dem Tod seiner Eltern, Vivien und Dirk, hatte Dorian Keilhack im Keller einen Druck des Erlasses gefunden, aus dem er wichtige Passagen zitierte – gezielt Ausländer ins noch weithin unerschlossene Land, die ihre eigene Lebensart mitbrachten.

Manifest von Katharina II

Doch es sollte noch einmal einhundert Jahre dauern, bis von den deutschen Einwanderern, Nikolaj und Anton Rubinstein, die Konservatorien in Sankt Petersburg und Moskau gegründet wurden, die heute noch weltweit mit den Ton angeben. In diesem Umfeld erst konnte Michail Glinka, geschult an Johann Nepomuk Hummel, zu der Größe heranwachsen, die ihn mit „Ein Leben für den Zaren“ die russische Nationaloper schaffen ließ. Jetzt erst entfaltete auch Alexander Dargomyschskij, ebenfalls Schüler von Hummel, sein Talent, und die Möglichkeiten für das „Mächtige Häuflein“ um Mili Balakirew, dem auch Modest Mussorgskij angehörte, eine Gruppe von Laien und Autodidakten, die zurück zur Volksmusik wollte und im erklärten Widerspruch zu Peter Tschajkowskij stand.

Historischer Saal

Spätestens hier kam die Zeit, an diesem Abend den Maestro auch als Pianisten zu erleben, ebenso leidenschaftlich wie vergeistigt hingegeben vor allem an die „Promenaden“ und das „Schloß“ aus den „Bildern einer Ausstellung“ des früh verstorbenen Komponisten der Oper „Boris Godunow“. Von einer „naiven Schroffheit“, einer „Archaik und Wehmut“ spricht der Künstler da nach dem Zwischenspiel, bevor er übergeht zu Nikolaj Rimskij-Korsakow, der auf hoher See komponierte, was Dorian Keilhack zu einem seiner vielen so sympatischen Ausflüge in die eigene Biographie verleitete. „Als Kind wollte ich immer Kapitän oder Dirigent werden. Als Kapitän stellte ich mir vor, dann auf dem Schiff und an den Stränden Klavier zu spielen…“

Dorian Keilhack

Die musikalische Reise machte weiter Station natürlich bei dem Verbindungsglied zwischen West und Ost, Peter Tschajkowskij, dessen Violinkonzert D-Dur den Wiener Kritiker Eduard Hanslik „auf die schauerliche Idee“ brachte, „ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört.“ Legte einen Halt bei Sergej Rachmaninow ein, übrigens einem Schüler des Wladimirer Komponisten Sergej Tanejew, der erst in der Emigration zu Ansehen und Wohlstand gelangte.

Alma-Vivien Keilhack

Spätestens hier kommt mit dem Entstehen der Sowjetunion auch die Politik ins Spiel – mit Sergej Prokofjew, der zunächst auswanderte, dann aber zurückkehrte und just am gleichen Tag, dem 5. März 1953, verstarb wie Josef Stalin, der dem Komponisten von „Peter und der Wolf“ so zugesetzt hatte. Mit Igor Strawinskij, der mit seinem französischen Paß in den USA lebte, dort viel Geld verdiente und von Dorian Keilhack wegen seiner mit Geschäftstüchtigkeit gepaarten Schaffenskraft Pablo Picasso zur Seite gestellt wird. Oder Dmitrij Schostakowitsch, der dem Referenten „immer mehr ans Herz wächst“ mit seiner feinen Ironie und seinem Selbstbehauptungswillen gegenüber dem Diktator, der in der Prawda von „Chaos statt Musik“ schreiben und den Komponisten zum Volksfeind erklären läßt, bis der sich mit seiner „Leningrader Symphonie“ wieder ein wenig Luft zum Atmen verschafft.

Beate, Alma-Vivien und Dorian Keilhack

Der musikalische Höhepunkt des Abends dann auch das Keilhack-Trio mit Hörproben von Dmitrij Schostakowitsch, innig und stimmig, auch ohne vorherige Probe. Und nicht zu vergessen das „Violinkonzert zur Förderung der sowjetischen Jugend“ von Dmitrij Kabalewskij einem Meister des Sozialistischen Realismus, der mit dem Stück ein Werk schrieb, das höchste Anforderungen bei der Interpretation stellt und auf höchste Weihen vorbereitet, für die sich Alma-Vivien Keilhack – das erkennen auch Laienohren – als bestens präpariert erweist. Seinen Studenten gibt ihr Vater immer mit auf den Weg: „Spielt die russische Musik so, als gäbe es keine Taktstriche.“ Diese fließende Weite ergriff gestern auch das Publikum des Musikers, der bereits 1990 in Wladimir aufgetreten war, nachdem seine Eltern, Vivien und Dirk, dort schon 1986 konzertiert hatten.

Und diese Woge trägt weiter bis zum 18. März, wenn Dorian Keilhack seine 2012 gegründete „Camerata Franconia“ im Redoutensaal zum 35jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft dirigiert. Mit dabei der Komponist und Arrangeur, Andrej Schewljakow, und der Cellist, Alexander Tichonow, beide aus Wladimir. Und zum Ausklang dann Sergej Prokofjew, von dem gestern abend absichtlich nichts zu hören war. Denn wer denn hören will, der komme zum Konzert!

Natalia Grebnev und John Stackmann

Wie schon am Abend zuvor auch gestern ein ausgebuchter Sprachkurs – Russisch für die Reise – unter Leitung von Natalia Grebnev. Die in Wladimir zur Deutschlehrerin ausgebildete Dozentin kam als Natalia Chrulnowa im Rahmen des Studentenaustausches in den 90er Jahren nach Erlangen, machte hier später ein Zusatzstudium, heiratete einen Ukrainer und blieb der Hugenottenstadt und der Städtepartnerschaft erhalten. Sie nahm es mit Verständnis, als einige Teilnehmer ihres Kurses vor Unterrichtsende das Klassenzimmer verließen, um den Vortrag von Dorian Keilhack nicht zu versäumen. Musik allein ist eben, wie Berthold Auerbach meinte, die Weltsprache „und braucht nicht übersetzt zu werden.“

Read Full Post »


Ein derart volles Haus mit einem dreißigköpfigen Auditorium wie gestern abend in der Aula der Volkshochschule hatte Moritz Florin dann doch nicht zu seinem Vortrag zum Thema „Rußland zwischen Revolution und Terror“ erwartet, doch der promovierte Historiker und Akademische Rat vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU fand zu dem ausnahmsweise nicht studentisch geprägten Publikum rasch Zugang und nahm es auf eine lehrreiche Reise mit in jene Zeiten, wo Schrecken und Gewalt als Programm für gesellschaftlichen Umsturz firmierten.

Moritz Florin

Um diesen Ansatz zu stützen auch gleich zu Beginn des etwa einstündigen Referats der Hinweis: „Wer die jüngere Geschichte Europas verstehen will, beschäftige sich mit der Französischen Revolution.“ Der Geist jener Zeit beeinflußte auch und besonders das Denken im Russischen Reich, wie prägend, zeigt ein Zitat aus dem 1868/69 veröffentlichten Roman „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoj:

„Die Revolution war eine große Sache!“ fuhr Monsieur Pierre fort und verriet durch diese kühne und herausfordernde Behauptung sein äußert jugendliches Alter. „Wie? Revolution und Königsmord sind eine große Sache?“ „Ich rede nicht von Königsmord, ich rede von Ideen.“ „Ja. Ideen von Raub, Mord und Königsmord“, warf eine ironische Stimme erneut ein. „Das waren zweifellos Auswüchse, aber nicht das eigentlich Wichtige. Wirklich wichtig sind die Menschenrechte, die Befreiung von Vorurteilen und die Gleichheit der Bürger.“

Wohl kaum Zufall, wenn gerade einmal zwei Jahre vorher Dmitrij Karakosow einen Attentatsversuch auf Zar Alexander II unternimmt, verhindert ausgerechnet von einem Lehrling, dem der Prototyp des Terrorismus als einen der „Esel“ bezeichnet, für die er doch geschossen habe. Immerhin „inspiriert“ der Geheimbündler über seine Hinrichtung hinaus spätere Anschläge wie den von Wera Sassulitsch auf den Stadthauptmann von Sankt Petersburg im Jahr 1878 und 1881 die schließlich erfolgreiche Ermordung von Zar Alexander II durch eine Gruppe der „Narodnaja Wolja“, des selbsternannten „Volkswillens“, der die eben erst von der Leibeigenschaft befreiten, aber weiter verarmten Bauern in eine lichte Zukunft führen will und deren traditionelle genossenschaftliche Lebensweise als Grundlage der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet. Der Kaiser ist tot – ebenso wie fünf der erhängten Attentäter, darunter Sofia Perowskaja, die erste für ein politisches Vergehen hingerichtete Frau im Russischen Reich -, doch ihm folgt der Sohn, Alexander III, der sich abwendet von den liberalen Reformen des Vaters, die Autokratie restauriert und die „Ochrana“ gründet, jene Geheimpolizei, die dem Untergrund den Krieg erklärt und später auch von den Bolschewiken unter neuen Namen fortgesetzt wird. Diese betrachten den Terrorismus übrigens als ineffektiv und gescheitert; sie setzen lieber – und das durchaus erfolgreich – auf Staatsterror gegenüber ihren Gegnern. Gelesen aber hatten sie alle – bis hin zu Wladimir Lenin – den 1869 von Sergej Netschajew verfaßten „Revolutionären Katechismus“ https://is.gd/7vlmzb, das dem Verfechter der gerechten Sache einiges abverlangt:

Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Für ihn gibt es nur eine Freude, einen Trost, einen Lohn und eine Befriedigung — den Erfolg der Revolution. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.

Moritz Florin

Eine Stunde ist natürlich viel zu wenig für den weiten Weg vom russischen Untergrund, dem es nie gelingen sollte, das Volk auf seine Seite zu bringen, über den „Blutsonntag“ im Jahr 1905 bis hin zur Bürgerlichen Revolution und dem darauf folgenden Staatsstreiches der Bolschewiken 1917, die dem Terrorismus von Anarchisten und Nihilisten die systematische Unterdrückung und physische Vernichtung aller Gegner des neuen Systems entgegensetzten und Staatsterror zur Methode machten. Doch wer dabei war und die anschließende Diskussion in ihrem lebhaften Widerstreit erlebte, nahm zumindest den Vorsatz mit nach Hause, diesen so entscheidenden Teil der russischen Geschichte im Selbststudium zu vertiefen, denn, so der Dozent, die Ideengeschichte der russischen Sozialrevolutionäre wirkte sogar noch bei der „Roten Armee Fraktion“ fort. Aber auch einmal wieder die Spur von Carl Ludwig Sand aufzunehmen, würde sich lohnen. Der aus Wunsiedel stammende Theologiestudent, dem in Alterlangen eine Straße gewidmet ist, gründete an der FAU eine Burschenschaft, die noch heute als „Bubenreuther“ bekannt ist, setzte seine Ausbildung in Jena fort und ermordete 1819 August von Kotzebue, Anlaß für Clemens Wenzel von Metternich, mit den Karlsbader Beschlüssen dem liberalen Geist an den Universitäten die Luft zu nehmen, Anlaß aber auch für den Freigeist und Sympathisanten der „Dekabristen“, Alexander Puschkin, 1825 dem fränkischen Gotteskrieger mit dem Gedicht „Der Dolch“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Viele Spuren eben, die der gestrige Abend legte, denen nachzugehen lohnt.

Jekaterina Korschofski

Derweil im gleichen Gebäude um die selbige Zeit ein ebenfalls bis auf den letzten Platz gefülltes Klassenzimmer, wo man unter Anleitung von Jekaterina Korschofski, Absolventin der Universität Wladimir und dereinst als Au-pair in Erlangen tätig, bevor sie hier ihre Familie gründete, erfahren kann: „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwierig“. An einem Abend freilich ist das Thema noch nicht erledigt, weshalb Teil 2 des Kurses morgen folgt. Dies aber nur nachrichtlich, denn es gibt keine Plätze mehr, ausgebucht. Was wollen sich die Programmverantwortlichen der Russisch-Deutschen Wochen mehr wünschen!

 

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: