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Archive for the ‘VHS – Club International’ Category


Heute beginnt mit dem Russischen Gabelfrühstück um 11 Uhr im Club International der Volkshochschule die zweite Halbzeit der 10. Russisch-Deutschen Wochen. Grund genug, noch einmal zurückzublicken auf das, was bereits hinter uns liegt.

Jakow Orlowskij

Nach den Vorträgen von Julia Obertreis und Peter Smolka, von denen hier bereits die Rede war, entführte der seit 22 Jahren in Erlangen lebende Landvermesser Sibiriens, Jakow Orlowskij, sein begeistertes Publikum im überfüllten Historischen Saal auf eine Zeitreise. Begleitet oft nur von einem Theodolit aus Jena, zog der Geodät aus Leningrad jahrzehntelang durch die Taiga und Tundra Sibiriens, um die unendlichen Weiten des Landes festzuhalten und eine Karte anzufertigen, die erst 1985 fertig wurde und heute in Zeiten von GPS als obsolet gilt.

Jakow Orlowskij und sein Theodolit

Vergnüglich-unterhaltsam schilderte das älteste Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Erlangen seine Forschungsreisen voller Anekdoten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Forschertrupp sieht in einem Fluß einen Bären, der sich an den Fischen gütlich tut. Ein Mitarbeiter des Sammlers der Geodaten meint zu wissen, wie man das Raubtier auch ohne Gewehr unschädlich machen könne: Man brauche nur viel Lärm zu machen. Davon bekomme der Bär Durchfall und anschließend einen Herzinfarkt. Die Probe aufs Exempel folgte, doch das Experiment verlief nicht nach Plan. Anstatt sich in die Büsche zu schlagen, um seinen Darm zu entleeren und anschließend dort zu verenden, stürmte der Bär auf die Störenfriede zu, die nun ihrerseits Reißaus nahmen, Fersengeld gaben, sich die Hosen vollmachten und sich gerade noch auf eine Anhöhe retten konnten, die zu besteigen dem Tier wohl nicht der Mühe wert schien.

Das Forschungsboot „Der Schrecken von Tschukotka“

Kurzum: Es hatte niemand zu kommen bereut, und dies war sicher nur der erste und nicht der letzte Vortrag des Landstreichers von Sibirien, wie er sich in einem Telegramm an seine Tochter selbst nannte.

Reinhard Beer und Othmar Wiesenegger

Dann die Impression von Othmar Wiesenegger, Vorsitzender des Foto- und Videokreises Siemens und Wladimir-Freund, dem die Blog-Redaktion eine Vielzahl von Bildern verdankt, übrigens auch in diesem Beitrag. Seine Freundschaft mit dem Kollegen aus der Partnerstadt, Wladimir Fedin, währt zwar erst drei Jahre, mündete aber schon in einer persönlichen Ausstellung mit Arbeiten des Erlangers in Wladimir und bietet einen Fundus, aus dem sich ein kurzweiliges Abendprogramm zusammenstellen läßt: angefangen von seinen geliebten „lost places“ bis hin zu Kirchen und Klöstern, Kindern und kyrillischen Buchstaben, die es ihm besonders angetan haben.

Mastermind der Russisch-Deutschen Wochen, Reinhard Beer, Othmar Wiesenegger und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich kaum eine Veranstaltung entgehen lassen will

Dann gestern das große Experiment für die Kleinen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Russisch-Deutschen Wochen findet sich auch etwas für Kinder im Programm: zwei Märchen aus dem Koffer von Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, ein Geschenk ihrer Großmutter, in dem all die Geschichten leben, die diese vor langer Zeit auf ihren Reisen durch die weite Welt von guten Leuten geschenkt bekommen hatte. Wie würde das ankommen? Würde überhaupt jemand kommen?

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Torsten Hulke

Die Generalprobe hatte bereits im Kinderkrankenhaus stattgefunden, in ganz kleiner Runde: zwei Jungs, eine Mutter, ein Vater und eine Krankenschwester. Ganz nach dem Geschmack der Gäste, denn zu Hause treten sie auch gern im Familienkreis auf. „Je weniger Distanz zwischen Bühne und Zuschauern, desto besser“, so lautet das künstlerische Credo der Puppenspielerin, die erst vor drei Jahren – nach einer Kariere als TV-Journalistin – ihre Berufung entdeckte und nun mit Denis Malinin, der Bongo und das Tamburin schlägt, die Flöte, Maultrommel und die Balalaika spielt, ihre Premiere in Deutschland erlebt.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Gestern morgen dann im Club International zunächst auch noch ein überschaubares Publikum, ein knappes Dutzend einschließlich der drei Kinder. Gut zum Aufwärmen bei dem Märchen aus dem hohen Norden Rußlands, wo der schwarze Rabe den Vogeleltern ihr einziges Wiegenlied raubt, ohne das ihr Küken nicht einschlafen kann. Gut zum Warmspielen, wenn der Vogelpapa, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, nach beschwerlicher Reise über das Eismeer den musikalischen Schatz zurück ins Nest holt, bevor sich dann bei der Nachmittagsvorstellung mit dem Märchen von der kleinen Waise Findling, die ein alter Jäger bei sich aufnimmt und die als einzige den Hirsch mit dem silbernen Zauberhuf zu Gesicht bekommt der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Wie von Zauberhand. Der Bann ist gebrochen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Nicht nur bei den Kindern, die am Ende des Stücks Frage um Frage stellten! Eine Großmutter besuchte sogar beide Vorstellungen und erkundigte sich nach Geschichte und Herkunft der Instrumente und Märchen, andere freuten sich über die Filzstiefelchen, die Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko nach dem „Vorhang“ verteilte. Interaktiv, diese Märchen, präsentiert, wie das bisher niemand in Wladimir macht.

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Aber die Gäste aus Wladimir saßen auch selbst einmal im Publikum, gestern abend im Theater Kuckucksheim bei We are the Champions – Mir senn die Größdn, eine fränkische Viecherei von Helmut Haberkamm. Es soll ja in Erlangen noch Leute geben, die noch nie von diese Musentempel in der Scheune gehört haben, obwohl es hier, in Heppstädt, hinter Hemhofen, seit 30 Jahren Schauspiel für Kinder und Erwachsene gibt, das man nur als unbeschreiblich-einzigartig bezeichnen kann. Die russischen Gäste meinen denn auch, sie brauchten noch mindestens 27 Jahre, um dieses Niveau zu erreichen: „Uns fehlen nicht nur die deutschen, sondern sogar die russischen Worte“, so ihr Urteil unisono, „um auszudrücken, wie begeistert wird sind. Unglaublich!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Benjamin Seeberger, Denis Malinin, Lukas Seeberger und Stefan Kügel

Aber Stefan Kügel, Gründer und Kopf von Kuckucksheim, der zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft mit seinem Familienensemble schon einmal in Wladimir gastierte, hat ja seinerzeit auch klein angefangen, mit einem ganz ähnlichen Koffer voller Geschichten, Gedichten, Flausen und Einfällen. Und jetzt freut sich der Altmeister der Bühne darüber, daß in Rußland auch eine freie Szene entsteht, wie er sie kennt, sogar, wie die Besucherin aus der Partnerstadt erzählt, mit internationalen Festivals und mit einem wachsenden Publikum – zumindest in den großen Städten, wo es eine Gegenbewegung zu den großen staatlichen Kultureinrichtungen gebe.

Stefan Kügel, Denis Malinin, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Lukas und Benjamin Seeberger

Auch wenn es Stefan Kügel – er hatte am Vormittag noch eine Kindervorstellung – nicht mehr schaffte, eines der beiden Märchen aus Wladimir zu sehen, hat sich da eine künstlerische Freundschaft ergeben, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Igor Rjaschtschenko, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Und nun ist es an der Zeit, Irinas Mann zu danken. Igor Rjaschtschenko besuchte im Sommer des Vorjahrs mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus den Deutschkurs an der Volkshochschule und erwähnte im Gespräch die Profession seiner Frau. Da war es dann nicht mehr weit zur Idee, ihr „Theater aus dem Koffer“ zu den Russisch-Deutschen Wochen einzuladen, zu einer Premiere. Zu einer gelungenen!

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, Aufnahme: Othmar Wiesenegger

Der Vorhang ist übrigens noch nicht endgültig gefallen: Für Kurzentschlossene gibt es noch Restplätze beim deutsch-russischen Brücken e.V. in der Luitpoldstr. 45 um 15 und 16 Uhr, und dann ist da noch morgen exklusiv ein Auftritt um 10.00 Uhr in der Heinrich-Kirchner-Schule. Wo es den Koffer halt so hinträgt…

Kontakt: https://www.facebook.com/rusfairytale

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Inklusion ist schon lange kein Fremdwort mehr in Wladimir. In fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens praktiziert man die Einbeziehung von Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen. Nun schließt sich dieser Entwicklung auch das Schauspielhaus in der Partnerstadt an. Das erste Stück mit Audiodeskription für Blinde ging vor kurzem bereits über die Bühne, dieser Tage folgt eine Aufführung mit Gebärdendolmetscher. Schon länger ist die Homepage des Theaters barrierefrei, und dank Rampen und speziellem Aufzug kann man den Musentempel auch mit dem Rollstuhl gut erreichen. Eine Hürde bleibt freilich – zumindest für die „Stummen“, wie man uns Deutsche in den meisten slawischen Sprachen nennt – bestehen: Das Repertoire sieht vorerst alles exklusiv auf Russisch vor.

Dies gilt zwar auch für die beiden Märchen, die am Samstag um 10.00 Uhr und um 14.00 Uhr im Club International – bei freiem Eintritt für Kinder wie Erwachsene – im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule zu sehen sind, aber gemach: Es ist für Simultanübersetzung gesorgt. Auch eine Art von Inklusion. Probieren Sie es aus mit oder ohne Kinder und Enkel. Mehr zu dem Puppentheater aus Wladimir auf seiner ersten Gastspielreise in Erlangen unter: https://is.gd/8g0nos

Puppenspielerin Irina Ponomarjowa-Rjaschtscheko

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Gestern kamen die Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule mit ihrer zweiten Veranstaltung im Großen Saal so richtig in Fahrt. Rad ab und Leinen los hieß es da bei Peter Smolka, der mehr als vier Jahre – von März 2013 bis August 2017 – und 88.000 km rund um die Welt via Wladimir als Kurier des Oberbürgermeisters, Siegfried Balleis, im Sattel unterwegs war, um dessen Briefe an die Oberhäupter aller Partnerstädte rund um den Globus persönlich in den Rathäusern abzugeben.

Peter Smolka

Diese Strecke und Zeit mit all den Erlebnissen am Straßenrand sowie die Mission für Ärzte ohne Grenzen in eineinhalb Stunden zu packen – ein Meisterwerk der Komprimierung, fast schon ein MP3-Verfahren, dessen Miterfinder, Heinz Gerhäuser, übrigens mit seiner Frau Elvira im vielköpfigen Publikum saß. In jedem Fall ein einmaliges Erlebnis, das man nur nachempfinden kann, wenn man sich das Buch zum Vortrag besorgt!

Peter Smolka und Siegfried Balleis

Unterdessen schreiten die Russisch-Deutschen Wochen nun schon fast im Tagesrhythmus fort: Am Mittwoch um 19.00 Uhr im Historischen Saal der Volkshochschule mit der Vermessung Sibiriens, die der Referent so ankündigt: 40 Jahre lang war ich, Jakow Orlowskij, ganz im Norden und Osten Rußlands unterwegs, in den endlosen Weiten Sibiriens. Meine Aufgabe bestand darin, diese menschenleeren Gebiete kartographisch zu vermessen. Fernab jeder Zivilisation streifte ich durch die Wälder umher, mit einem Theodoliten ausgerüstet und einen 30 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken tragend. In meinem Vortrag schildere ich aber nicht nur meinen abenteuerlichen Arbeitsalltag, sondern auch die vielen Begegnungen mit den indigenen Völkern und meine hautnahen Konfrontationen mit wilden Tieren, u.a. auch Bären. Begeben Sie sich mit auf eine erlebnisreiche und inspirierende Reise durch die Weiten Sibiriens. – Bei freiem Eintritt!

Sibirien: auf dem Weg zum Baikal

Am Donnerstag dann reisen Sie, wiederum ab 19.00 Uhr, im Großen Saal der Volkshochschule mit dem bekannten Erlanger Photographen, Othmar Wiesenegger, in unsere Partnerstadt und erleben Sie den Alltag unserer russischen Freunde hautnah. So sind Sie bei einem feierlichen 1. Schultag im Pausenhof und im Klassenzimmer dabei, machen Ausflüge in nahegelegene Orte, zu Klöstern und verlassenen Kirchen, und die Datscha auf dem Land darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Neben Bildern vom 3. Halbmarathon (auch mit Erlanger Beteiligung) sind darüber hinaus Eindrücke vom „Geburtstagskind“, dem Erlangen-Haus, zu sehen, bei freiem Eintritt!

Othmar Wiesenegger, Olga Dejewa und Nikolaj Schtschelkonogow

Und schließlich am Samstag um 10.00 Uhr im Club International die „Märchen aus dem Koffer“, wie Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko ihre Märchenaufführungen für Kinder und Erwachsene nennt. Das Puppentheater hat die Künstlerin immer dabei, wenn sie in Wladimir unterwegs ist. Die Figuren und Kulissen sind so klein, sie passen in einen Koffer, der nun seinen Weg auch nach Erlangen mit dem Eskimo-Märchen „Das verschwundene Lied“ findet, in dem sich die Musikinstrumente auf zauberhafte Weise auf eine Reise begeben. Nach der Aufführung dürfen die Kinder die Musikinstrumente genau untersuchen, wenn sie denn noch zu finden sein sollten….

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko

Das Stück wird in russischer Sprache gezeigt, aber es gibt selbstverständlich eine deutsche Einführung und Übersetzung für alle, die kein Russisch verstehen. Eintritt frei – auch für Erwachsene!

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko

Gleicher Tag, gleicher Ort, nur andere Zeit, 14.00 Uhr, und anderes Stück: „Der silberne Huf“, ein berühmtes Märchen des russischen Erzählers, Pawel Baschow. Hierbei geht es um eine Reise, bei der Filzstiefelchen eine wichtige Rolle spielen. Nach der Vorstellung bekommen die Kinder gezeigt, wie man Filzstiefelchen selber basteln kann. Natürlich, wie am Vormittag, auch mit deutscher Übersetzung und bei freiem Eintritt für Kinder wie Erwachsene.

Irina Chasowa, Gerhard Kreitz und Jelena Tschilimowa beim Russischen Brunch 2018

Und dann sind wir schon beim Sonntag mit dem russischen Gabelfrühstück des Freundeskreises Wladimir ab 11.00 Uhr im Club International, wozu aber noch eine gesonderte Einladung ergeht.

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Zur Eröffnung der zehnten Russisch-Deutschen Wochen sprach gestern Julia Obertreis, seit dem Wintersemester 2012 Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, im Großen Saal der Volkshochschule zum Thema „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“ in der Sowjetunion und Russischen Föderation, aber auch in der Ukraine, bezogen auf den Zweiten Weltkrieg, den „Großen Vaterländischen Krieg“, wie er auf Russisch in Fortsetzung des Sieges über Napoleon 1812 genannt wird. Nicht von ungefähr wählte die Historikerin, die in Berlin und Sankt Petersburg studiert hatte, die fast 900 Tage währende Belagerung Leningrads als Beispiel für das politisch vorgegebene Dogma des Vernichtungskriegs der Wehrmacht gerade auch gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung.

Julia Obertreis mit einem der Schreckensbilder aus Leningrad

Auch wenn sicherlich Polen in der Relation als erstes großes Opfer der Aggression die meisten Opfer zu beklagen hatte, erschrecken die Zahlen doch immer wieder: 58 beteiligte Staaten mit insgesamt über 60 Millionen Toten, Zivilisten wie Militärs, davon geschätzte 25 Millionen allein in der UdSSR, gefolgt von China, von Japan überfallen, mit 15 Millionen, Deutschland mit sieben und Polen mit sechs Millionen. Zahlen und Zusammenhänge, von denen, wie die Professorin beklagt, die Studienanfänger kaum eine Ahnung haben. Kein Wunder, wenn, wie Klaus Strienz als pensionierter Lehrer weiß, der Zweite Weltkrieg in der Schule nur noch kursorisch thematisiert wird. Dieser Zustand der Ahnungslosigkeit, so könnte man weiter folgern, macht die junge Generation natürlich anfällig für Geschichtsklitterung, Verschwörungstheorien oder Mythenbildung.

Julia Obertreis

Ganz anders in der russischen Gesellschaft, wo gerade in den letzten Jahren die Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus vor 75 Jahren nachgerade als identitätsstiftend „kanonisiert“ werde, wie die Wissenschaftlerin ausführte. Allerdings – und das ist ein wichtiges Fazit, geteilt mit dem durchaus sachkundigen Publikum – tragen bei allen Unterschieden in der Erinnerungskultur die Russen den Deutschen nichts von den Schrecken und Greueln nach, streben nach Verständigung mit dem einstigen Todfeind. Ein Wunder und Geschenk der Geschichte, über das man sich nicht genug freuen kann, wenn Freude auch keine streng wissenschaftliche Disziplin sein mag.

TASS-Fenster

An dieser Bereitschaft zur Vergebung änderten auch die sogenannten Rosta- oder TASS-Fenster nichts, die als drastisches Mittel der Kriegspropaganda den Aggressor entmenschlichten, zur Bestie stilisierten oder seinen schmählichen Untergang vorhersahen. Dabei unterschied man nämlich stets – von wenigen Ausnahmen abgesehen – zwischen den Deutschen als Volk und den Faschisten als Gegner. Eine wichtige Unterscheidung der Geister schon damals, die bis heute nachwirkt.

Julia Obertreis im Gespräch mit Kurt Reiter und Klaus Strienz

So wenig hier alle Aspekte des Vortrags referiert werden können, so viele Fragen gab es im Anschluß noch an Julia Obertreis. Wäre da nicht einen weiteren Abendtermin gewesen – die Expertin besonders auch für russische Oral History wollte eine Kollegin dafür gewinnen, beim nächsten Prisma-Treffen im Juni in Wladimir am Beispiel der Hupfla deutsche Erinnerungskultur darzustellen -, hätte die Veranstaltung noch lange dauern können. Dabei blieb das tagesaktuelle Überraschungsthema Regierungsrücktritt in Moskau ganz außen vor, was manche im Saal bedauerten. Doch von einer Historikerin sollte man ja auch keine analytische Schnellschüsse erwarten. Die Geschichtswissenschaft nimmt sich Zeit, um die Dinge einzuordnen. Vielleicht liefert Julia Obertreis aber ja schon bei den nächsten Russisch-Deutschen Wochen in zwei Jahren eine erste Einschätzung der gestrigen Ereignisse, die sicher einen jetzt noch gar nicht absehbaren politischen Einschnitt zur Folge haben, während russische Witzbolde bereits scherzen, der Rücktritt der Regierung sei eine unmittelbare Folge des unnormalen, viel zu warmen Winterswetters.

März 2013, Aufbruch nach Wladimir

Mit unnormalem Wetter, wenn auch viel zu kaltem, hatte sich auch Peter Smolka herumzuschlagen, der am Gründonnerstag 2013 zu seiner Weltumradlung von Erlangen aus aufbrach und eine erste Station in Wladimir einlegte. Wer und was ihn da so alles auf der Strecke erwartete, erfahren Sie beim nächsten Vortrag im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen am Montag, den 20. Januar, wieder im Großen Saal der Volkshochschule bei freiem Eintritt von 19.00 Uhr bis 20.30 Uhr. Kommen und staunen!

Radweg nach Wladimir, April 2013

Ankunft in Wladimir, Mai 2013

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Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch um seine Deutung ist ein neuer Streit entbrannt. Der „Große Vaterländische Krieg“ oder der „Zweite Weltkrieg“ spielen in der heutigen Erinnerungskultur der postsowjetischen Staaten eine wachsende Rolle. Neben die lang etablierten offiziellen Siegesparaden treten privat organisierte Formen des Erinnerns. Im Konflikt zwischen Moskau und Kiew ist die Frage, mit welchen Vorzeichen und Begriffen der Krieg erinnert wird, zentral, und Termini wie „Faschisten“ werden in der heutigen Auseinandersetzung als Kampfbegriffe eingesetzt.

Julia Obertreis bei einem Vortrag an der Staatlichen Universität Wladimir im Jahr 2017

Julia Obertreis, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, umreißt in ihrem Vortrag am Mittwoch, den 15. Januar, um 19.00 Uhr im Großen Saal der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, bei freiem Eintritt, mit dem die Russisch-Deutschen Wochen eröffnet werden, die aktuelle Erinnerungskultur und Instrumentalisierung von Geschichte, bietet aber auch Einblicke in den Stand der geschichtswissenschaftlichen Forschung zum Zweiten Weltkrieg in Osteuropa. Die Historikerin gestaltet als Sprecherin und Moderatorin von „Prisma“ die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir mit und bereitet derzeit das nächste Treffen des Gesprächsforums im Juni in Wladimir just zum Thema Erinnerungskultur vor.

Weitere Termine der diesjährigen Deutsch-Russischen Wochen unter: https://is.gd/2XOEX4

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Auch der mittlerweile zwölfte zweiwöchige Deutschkurs an der Volkshochschule in Folge ging gestern für die Gäste aus dem Erlangen-Haus mit einem von der Wladimirer Gruppe gestalteten Abschiedsabend zu Ende. Ein wenig vorgezogen, denn nach Hause brechen die 16 zumeist jungen Besucher ja erst am Montag wieder auf. Aber heute heißt es zum letzten Mal die Schulbank im Club International drücken und das eigens zusammengestellte Lehrprogramm abzuschließen, bevor das Wochenende noch Ausflüge nach Bayreuth und in die Fränkische Schweiz bringt, zusammen mit dem Freundeskreis Wladimir, der sich von Besuch zu Besuch mit seinen Angeboten immer weiter steigert.

Iwan Schtscherbakow

Die Gäste wissen das zu schätzen und sind denn auch voll des Lobes für die Volkshochschule und Reinhard Beer, den „Vater dieser Sommerkurse“, den Freundeskreis Wladimir und natürlich besonders für die Familien, bei denen man sich „wie die eigenen Kinder fühlen“ durfte, wie es die mitgereiste Deutschlehrerin aus dem Erlangen-Haus, Jekaterina Ussojewa, so anrührend ausdrückt. Und so durften sich gestern abend, dem bisher heißesten Tag in der Wettergeschichte Erlangens, die Gastgeber entspannt zurücklehnen und genießen, was ihnen die russische Dankbarkeit zu bieten hatte. Iwan Schtscherbakow – Sie erinnern sich, der Feuermann? – brachte sogar einen in der Küche von Heidi und Jürgen Binder selbstgebackenen Apfelkuchen mit, der sinnbildlich für die liebevolle Phantasie steht, mit der die Gäste zu Werke gingen.

Wie sehr die Kommunalpolitik in Erlangen diese Bürgerpartnerschaft schätzt, erlebte die Gruppe dann aber auch, als Bürgermeisterin Elisabeth Preuß die Pause der Stadtratssitzung nutzte, um allen ihre Anerkennung auszusprechen und auf die unverzichtbare Bedeutung der Volksdiplomatie hinzuweisen. Dabei gehört die Politikerin selbst zum engen Kreis dieser Verständigung über die Grenzen hinweg, denn immer wieder nimmt sie selbst Besucher aus Wladimir bei sich auf. So auch dieses Mal in Person von Jekaterina Ussojewa.

Elisabeth Preuß vor dem Auditorium im Club International

Seit Juni vergangenen Jahres gehört die Germanistin, die in Sankt Petersburg studierte und dann in ihre Heimatstadt zurückkehrte, zum sechsköpfigen Dozententeam am Sprachlernzentrum des Goethe-Instituts in Wladimir. Zum ersten Mal ist sie nun – nach zwei vorgelagerten Besuchen in Berlin – in Erlangen und leitete nicht nur die Gruppe souverän, sondern führte auch ebenso selbstischer wie sympathisch durch das deutsch-russische Unterhaltungsprogramm des Abends.

Jekaterina Ussojewa und Elisabeth Preuß

Auch Igor Rjaschtschenko kennt Deutschland von früheren Besuchen und kam nun zum ersten Mal in die Partnerstadt, wo Matthias Utzschneider ihm Kost und Logis mit nicht ausgeschlossener späterer Freundschaft bietet. Der Sänger seinerseits kennt Wladimir vom vorjährigen Auftritt seines Chores „Vocanta“ und will der nicht mitgereisten Frau des Gastes helfen, vielleicht einmal mit ihrem Puppentheater nach Erlangen zu kommen. Wenn man so hineinhört in die Gespräche, ist ohnehin immer wieder zu vernehmen, wie da auch ganz neue Verbindungen entstehen, die in der Zukunft die Städtepartnerschaft auf ihre Weise prägen dürften. Denn, das sei nie vergessen: Wer an diesen Sommerkursen – gleich auf welcher Seite – teilnimmt und mitwirkt, spielt stets auch eine Rolle im deutsch-russischen Miteinander und der Gestaltung von Beziehungen zwischen unseren Städten und Ländern.

Igor Rjaschtschenko und Matthias Utzschneider

Zum Kanon des Unterrichtsprogramms gehört von Beginn an die Stadt-Rallye, bei der die Kursteilnehmer in zumeist dreiköpfigen Teams ausschwärmen, um im „gemischten Doppel“ im Praxistest Erlangen zu erkunden und – dieses Mal – 18 Fragen zu beantworten, von denen die nach der täglich über die Städtepartnerschaft berichtenden Internetquelle noch die einfachste war. Die Siegertroika schaffte dabei etwas, das es so bisher nicht gegeben hatte: Das Trio machte keinen einzigen Fehler und holte alle 18 Punkte. Dazu war übrigens auch folgendes Rätsel zu lösen: „Es hat zwei Flügel und kann doch nicht fliegen. Es hat einen Rücken und kann doch nicht liegen. Es trägt eine Brille und kann doch nicht sehen. Es hat ein Bein und kann doch nicht stehen. Zwar kann es laufen, aber nicht gehen.“ Hätten Sie es gewußt? Kleine Denkhilfe für Literaturfreunde: Es handelt sich um ein Organ, dem Nikolaj eine seiner klassischen Grotesken widmete.

Artjom Isjumow, Jekaterina Tatarnikowa, Nadeschda Stachowskaja und Reinhard Beer bei der Verleihung des 1. Preises

Lew Kopelew, der Weltkriegsveteran, Autor und große Friedensstifter zwischen Russen und Deutschen, meinte einmal, ein guter Wille könne vieles leisten, auch den bösen Gewalten widerstehen und sie sogar bewältigen. Diesen guten Willen zeigten am gestrigen Abend alle. Möge er nicht der letzte seiner Art gewesen sein!

Erlangen-Haus 12

Siehe auch: https://is.gd/2sAgrM und https://is.gd/9VBTuU

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Am späten Montagabend in Nürnberg gelandet, sitzt die 16köpfige Gruppe aus dem Erlangen-Haus nun seit Dienstag jeden Morgen bis Freitag nächster Woche im Deutschkurs von Heide Thies im Club International der Volkshochschule, paukt Grammatik und übt Konversation. In der Freizeit und am Wochenende sollen die Gäste dann Erlangen – von „Klassik am Berg“ bis zu den Regnitzwerkstätten – und möglichst viel von Franken kennenlernen und sogar einen Ausflug bis nach Kloster Weltenburg unternehmen. Ein vielseitiges Programm, zusammengestellt vom Freundeskreis Wladimir, der auch diese, die zwölfte Sprachreise des Erlangen-Hauses in Folge, aufmerksam vorbereitete und begleitet. Immer für die zweiten Julihälfte schreibt das Erlangen-Haus in Kooperation mit der Volkshochschule Erlangen für seine jährlich gut 200 Deutsch-Kursteilnehmer diese Möglichkeit der Vertiefung von Sprachkenntnissen aus. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Was von Klaus Wrobel, dem seinerzeitigen Direktor der VHS, und seinen Nachfolgen, Christine Flemming und Markus Bassenhorst, mit der tatkräftig-kompetenten Unterstützung des Sprachenbeauftragten, Reinhard Beer, schon Mitte der 90er Jahre ins Werk gesetzt wurde und unermüdlich fortgesetzt wird, trägt nicht nur erstaunliche Früchte, sondern entwickelt eine großartige Eigendynamik.

Markus Bassenhorst

Dank den Bemühungen von Klaus Wrobel und Reinhard Beer kamen die Deutsch-Kurse des Erlangen-Hauses unter die Fittiche des Goethe-Instituts Moskau, die wachsende Dozentenschar aus Wladimir wurde dort geschult und auf die eigenen pädagogischen, an der Sprachpraxis ausgerichteten Lehrmethoden eingeschworen. Mit Erfolg. Das Konzept hebt sich offenbar so wohltuend von den Angeboten anderer Einrichtungen – vor allem der Schulen und Universitäten – ab, daß die Kurse ungeachtet des allgemein zu Gunsten des Englischen nachlassenden Interesses an der deutschen Sprache immer stärker nachgefragt werden, besonders übrigens von jungen Leuten.

Florian Janik und Irina Chasowa

Beim gestrigen Treffen mit Oberbürgermeister Florian Janik zeigte denn auch Irina Chasowa, Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, eine gehörige Portion Selbstbewußtsein, als Markus Bassenhorst bei seiner Begrüßung meinte, man werde an seiner Volkshochschule erst demnächst das erste Smartboard einsetzen können, eine Technik, die im Wladimirer Sprachlernzentrum bereits vor gut zwei Jahren den Praxistest bestanden hatte. Die Besucherin bot nämlich gleich schlagfertig ein Praktikum in der Partnerstadt vor, um die Erlanger Dozentenschaft von den Vorteilen der schlauen Weißwandtafel zu überzeugen. Ein Angebot, das Florian Janik, der als Gastgeschenk seine russische Lieblingsleckerei erhielt, gern aufgriff, denn: „Gründe, Wladimir zu besuchen, gibt es viele!“

Aber natürlich gibt es auch nicht weniger Gründe, Erlangen zu besuchen. Gerade in diesen Zeiten, wie das Stadtoberhaupt anmerkte, wo, ohne Schuldzuweisungen aussprechen zu wollen, das Verhältnis zwischen unseren Staaten besser sein könnte. Gerade da komme es auf den bürgerschaftlichen Austausch, auf die Volksdiplomatie an. Und die lebt tatsächlich zwischen Erlangen und Wladimir, zumal wieder alle Gäste in Familien untergebracht sind und so, wie sich Florian Janik wünscht, neue Verbindungen und Freundschaften zwischen Deutschen und Russen entstehen. Denn davon kann es gar nicht genug geben. Gerade in diesen Zeiten.

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