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Archive for the ‘VHS – Club International’ Category


Heute darf ich, Nikolaj Kaplenko, Sie herzlich begrüßen. Ich bin 22 Jahre alt, habe 2017 die Akademie für Verwaltung und Wirtschaft in Wladimir abgeschlossen und dann die Gelegenheit wahrgenommen, in Jena ein Jahr im Rahmen des „Europäischen Freiwilligendienstes“ zu verbringen. Vorher war ich schon Mitglied des Wladimirer „Euro-Klubs“ und engagierte mich dort im Bereich der Städtepartnerschaft. Meine Entscheidung für Jena kam also nicht zufällig zustande, denn auch hier beschäftige ich in der „Eurowerkstatt“ mit der deutsch-russischen Zusammenarbeit und dem Partnerschaftsdreieck Erlangen-Wladimir-Jena. Zu meinen Aufgaben gehört es, meinen Leiter, Iwan Nisowzew, den Vorsitzenden der „Eurowerkstatt“ bei der Durchführung von Kulturveranstaltungen, bei der Kommunikation mit dem Euro-Klub, beim Austausch zwischen dem Universitätsklinikum Jena und der Wladimirer Fachschule für Medizinische Berufe ebenso zu unterstützen wie bei der Vorbereitung von Delegationsbesuchen aus den Partnerstädten oder bei der Arbeit im Büro der „Eurowerkstatt“, bei Freiwilligenfestivals und bei vielem anderen zu helfen. Mit Alexander Fomin hält sich derzeit ein weiterer Freiwilliger aus Wladimir in Jena auf.

Nikolaj Kaplenko und Iwan Nisowzew

In meiner Freizeit treffe ich mich mit anderen Freiwilligen und Studenten aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Der Austausch mit ihnen hilft mir, andere Menschen besser zu verstehen und zu begreifen, daß wir so verschieden gar nicht sind. Ich erlerne die deutsche Sprache und reise viel, um die deutsche Kultur besser zu verstehen.

Vom 19. bis 23. Februar besuchte ich unsere Partnerstadt Erlangen, um an den „Russisch-Deutschen Wochen“ teilzunehmen. Daneben wollte ich neue Kontakte knüpfen, von der Erfahrung bei der Durchführung derartiger Veranstaltungen profitieren und einen ausländischen Blick auf die russische Kultur verstehen lernen.

Cornelia Bartlau und „ihre“ Freiwilligen

In dieser Woche sah ich den Film „Hundeherz“ aus dem Jahr 1988, versuchte mich in der russischen Kaligraphie und fühlte mich wieder wie in der ersten Klasse, als ich überlegen mußte, wie man die Buchstaben untereinander verbindet. Dann war da jener überwältigende Vortrag zum Thema „Russische Klassik gestern und heute“ mit einem Lektor, Dorian Keilhack, der nicht nur erzählte, sondern auch zusammen mit seiner Frau und Tochter selbst einige Stücke spielte. Auch der Abend, der einer Radfahrt von Erlangen nach Wladimir gewidmet war, hat mir sehr gut gefallen. Schön auch, nach dem Bericht all die vertrauten Bilder aus Wladimir und der Region um meine Stadt wiederzusehen.

Anastasia Blasch, Wolfgang Morell und Nikolaj Kaplenko

Besonders freute mich die Bekanntschaft mit dem Weltkriegsveteranen, Wolfgang Morell. Er lieh mir sein Exemplar der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger. Es handelt sich dabei um die Sammlung von Erinnerungen ehemaliger Kriegsgefangener an ihre Lagerzeit auf dem Gebiet der Region Wladimir.

Meine Eindrücke von dieser Woche waren durchweg positiv, ich hatte das Gefühl, eine Woche lang gar nicht in Erlangen, sondern zu Hause, in Wladimir, zu sein. Ich hoffe nun, mit meinen in dieser Zeit erworbenen Kenntnissen eine ähnliche Veranstaltung auch in Jena organisieren zu können.

Nikolaj Kaplenko

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Auf die bei allen Begegnungen während der fast fünfwöchigen Radtour im Spätsommer vergangenen Jahres gestellte Frage nach dem Woher und Wohin antwortete Gertrud Härer eines Tages im Baltikum nur noch mit „Moskau“, weil doch kaum jemand etwas mit Erlangens Partnerstadt anfangen konnte. „That’s not easy!“ gab der Radfahrerin da einmal jemand zurück, als hätte er gewußt, was die – mit allen Umwegen – gut 3.200 km lange Strecke bis Wladimir so alles an Herausforderungen für die Einzelkämpferin bot: Platzregen mit unvermutet unpassierbaren Wegen oder Irrungen von Wegweisern und Navigationssystem, aber überall mit freundlichen und zuvorkommenden Menschen in Stadt und Land, mit denen die Kommunikation auch bei fehlenden Sprachkenntnissen bestens funktionierte. Ganz neu – die Blog-Leser wissen es – war für die Ausdauersportlerin die Strecke nicht, denn sie hatte vor fast fünf Jahren schon Peter Smolka auf der ersten Etappe seiner Weltumradlung bis nach Wladimir begleitet und konnte gestern abend vor dem Plenum im Großen Saal der Volkshochschule eindrucksvoll Bilder von damals, in jenem endlos kalten und unerwartet schneereichen Frühjahr 2013, mit Aufnahmen kontrastieren, die im August und September 2017 entstanden.

Jonas Eberlein, Gertrud Härer und Othmar Wiesenegger

Die Zielangabe Moskau hatte aber ja auch noch einen tieferen Grund. Von dort war der Radbotschafterin bis nach Wolokolamsk „Erlangens Mann in Moskau“, Jonas Eberlein, entgegengekommen, um sie, mit einer Freundin auf dem Tandem, bis in die russische Hauptstadt – mit Zwischenhalt in der Botschaft – und weiter nach Wladimir zu begleiten, wo dann beide, von der kleinen Delegation um Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens erwartet, am ersten Halbmarathon in der Sportgeschichte der Partnerstadt teilnahmen, alles nachzublättern im Reiseblog https://gertrud.haerer.org. In der Erlanger Gruppe auch Othmar Wiesenegger mit seiner Kamera, der mit seinen stimmungsvollen Bildern den zweiten Teil des Abends bestritt und von seiner neuen Freundschaft zum Kollegen Wladimir Fedin erzählte, dessen Bilder ab Montag in den Räumen der Erlanger Nachrichten zu sehen sind.

Das Plenum im Großen Saal füllt sich

Mit dem gestrigen Doppelvortrag endeten die diesjährigen „Russisch-Deutschen Wochen“ im 35. Jahr der Städtepartnerschaft – mit einem neuen Besucherrekord. Insgesamt 550 Teilnehmer an den verschiedenen Veranstaltungen vermeldet die Statistik, eine Zahl, die nicht nur das Konzept der Volkshochschule mit dem Zwei-Jahres-Turnus bestätigt, sondern auch als Ausweis für die Vielfalt des Austausches zwischen Erlangen und Wladimir gelten darf.

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Wäre der gestrige Vortrag zur russischen Musik unter dem Motto „gestern und heute“ ein Konzert gewesen, hätte das begeisterte Publikum im vollbesetzten Historischen Saal der Volkshochschule den Referenten Dorian Keilhack nicht ohne Zugabe von der Bühne gehen lassen. Freilich war das ja auch gestern abend mehr als nur ein Vortrag, der sich so einfach anhand einiger Notizen nacherzählen ließe.

Reinhard Beer

Bei der Vorbereitung zur Vorstellung des Gastes ist denn auch Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der Volkshochschule und Mentor der „Russisch-Deutschen Wochen“, wohl erst so richtig bewußt geworden, welch eine Kapazität er da mit dem Professor für Dirigieren am Landeskonservatorium Innsbruck und Leiter der dortigen Opernschule und des Orchesters eingeladen hatte, der zu der Veranstaltung eigens aus Tirol in seine Heimatstadt angereist kam und als musikalische Verstärkung auch noch seine Frau Beate und die Tochter Alma-Vivien mitbrachte.

Dorian und Alma-Vivien Keilhack

 

Fast zwei Stunden dauerte die Führung durch die russische Musikgeschichte, ohne jede Spur von Ermüdung bei Publikum oder Referent, der sein Handwerk u.a. bei dem sowjetischen Musikpädagogen Witalij Margulis erlernte, der dem Schüler einmal sagte, die russische Musik sei eigentlich deutsche Musik. Etwas zugespitzt, aber mit einem wahren Kern, denn seit der Christianisierung der Kiewer Rus im Jahre 998 kannte man im Russischen Reich nur die Melodien von Spielleuten oder die Kirchenlieder in der Überlieferung von Byzanz, tradiert in der Neumenschrift, die erst mit dem Barock vom heutigen Notensystem abgelöst wurde. Die Deutsche auf dem Zarenthron, Katharina II, selbst aufgeklärt und den Künsten zugetan, holte mit ihrem berühmten Manifest von 1763 – nach dem Tod seiner Eltern, Vivien und Dirk, hatte Dorian Keilhack im Keller einen Druck des Erlasses gefunden, aus dem er wichtige Passagen zitierte – gezielt Ausländer ins noch weithin unerschlossene Land, die ihre eigene Lebensart mitbrachten.

Manifest von Katharina II

Doch es sollte noch einmal einhundert Jahre dauern, bis von den deutschen Einwanderern, Nikolaj und Anton Rubinstein, die Konservatorien in Sankt Petersburg und Moskau gegründet wurden, die heute noch weltweit mit den Ton angeben. In diesem Umfeld erst konnte Michail Glinka, geschult an Johann Nepomuk Hummel, zu der Größe heranwachsen, die ihn mit „Ein Leben für den Zaren“ die russische Nationaloper schaffen ließ. Jetzt erst entfaltete auch Alexander Dargomyschskij, ebenfalls Schüler von Hummel, sein Talent, und die Möglichkeiten für das „Mächtige Häuflein“ um Mili Balakirew, dem auch Modest Mussorgskij angehörte, eine Gruppe von Laien und Autodidakten, die zurück zur Volksmusik wollte und im erklärten Widerspruch zu Peter Tschajkowskij stand.

Historischer Saal

Spätestens hier kam die Zeit, an diesem Abend den Maestro auch als Pianisten zu erleben, ebenso leidenschaftlich wie vergeistigt hingegeben vor allem an die „Promenaden“ und das „Schloß“ aus den „Bildern einer Ausstellung“ des früh verstorbenen Komponisten der Oper „Boris Godunow“. Von einer „naiven Schroffheit“, einer „Archaik und Wehmut“ spricht der Künstler da nach dem Zwischenspiel, bevor er übergeht zu Nikolaj Rimskij-Korsakow, der auf hoher See komponierte, was Dorian Keilhack zu einem seiner vielen so sympatischen Ausflüge in die eigene Biographie verleitete. „Als Kind wollte ich immer Kapitän oder Dirigent werden. Als Kapitän stellte ich mir vor, dann auf dem Schiff und an den Stränden Klavier zu spielen…“

Dorian Keilhack

Die musikalische Reise machte weiter Station natürlich bei dem Verbindungsglied zwischen West und Ost, Peter Tschajkowskij, dessen Violinkonzert D-Dur den Wiener Kritiker Eduard Hanslik „auf die schauerliche Idee“ brachte, „ob es nicht auch Musikstücke geben könnte, die man stinken hört.“ Legte einen Halt bei Sergej Rachmaninow ein, übrigens einem Schüler des Wladimirer Komponisten Sergej Tanejew, der erst in der Emigration zu Ansehen und Wohlstand gelangte.

Alma-Vivien Keilhack

Spätestens hier kommt mit dem Entstehen der Sowjetunion auch die Politik ins Spiel – mit Sergej Prokofjew, der zunächst auswanderte, dann aber zurückkehrte und just am gleichen Tag, dem 5. März 1953, verstarb wie Josef Stalin, der dem Komponisten von „Peter und der Wolf“ so zugesetzt hatte. Mit Igor Strawinskij, der mit seinem französischen Paß in den USA lebte, dort viel Geld verdiente und von Dorian Keilhack wegen seiner mit Geschäftstüchtigkeit gepaarten Schaffenskraft Pablo Picasso zur Seite gestellt wird. Oder Dmitrij Schostakowitsch, der dem Referenten „immer mehr ans Herz wächst“ mit seiner feinen Ironie und seinem Selbstbehauptungswillen gegenüber dem Diktator, der in der Prawda von „Chaos statt Musik“ schreiben und den Komponisten zum Volksfeind erklären läßt, bis der sich mit seiner „Leningrader Symphonie“ wieder ein wenig Luft zum Atmen verschafft.

Beate, Alma-Vivien und Dorian Keilhack

Der musikalische Höhepunkt des Abends dann auch das Keilhack-Trio mit Hörproben von Dmitrij Schostakowitsch, innig und stimmig, auch ohne vorherige Probe. Und nicht zu vergessen das „Violinkonzert zur Förderung der sowjetischen Jugend“ von Dmitrij Kabalewskij einem Meister des Sozialistischen Realismus, der mit dem Stück ein Werk schrieb, das höchste Anforderungen bei der Interpretation stellt und auf höchste Weihen vorbereitet, für die sich Alma-Vivien Keilhack – das erkennen auch Laienohren – als bestens präpariert erweist. Seinen Studenten gibt ihr Vater immer mit auf den Weg: „Spielt die russische Musik so, als gäbe es keine Taktstriche.“ Diese fließende Weite ergriff gestern auch das Publikum des Musikers, der bereits 1990 in Wladimir aufgetreten war, nachdem seine Eltern, Vivien und Dirk, dort schon 1986 konzertiert hatten.

Und diese Woge trägt weiter bis zum 18. März, wenn Dorian Keilhack seine 2012 gegründete „Camerata Franconia“ im Redoutensaal zum 35jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft dirigiert. Mit dabei der Komponist und Arrangeur, Andrej Schewljakow, und der Cellist, Alexander Tichonow, beide aus Wladimir. Und zum Ausklang dann Sergej Prokofjew, von dem gestern abend absichtlich nichts zu hören war. Denn wer denn hören will, der komme zum Konzert!

Natalia Grebnev und John Stackmann

Wie schon am Abend zuvor auch gestern ein ausgebuchter Sprachkurs – Russisch für die Reise – unter Leitung von Natalia Grebnev. Die in Wladimir zur Deutschlehrerin ausgebildete Dozentin kam als Natalia Chrulnowa im Rahmen des Studentenaustausches in den 90er Jahren nach Erlangen, machte hier später ein Zusatzstudium, heiratete einen Ukrainer und blieb der Hugenottenstadt und der Städtepartnerschaft erhalten. Sie nahm es mit Verständnis, als einige Teilnehmer ihres Kurses vor Unterrichtsende das Klassenzimmer verließen, um den Vortrag von Dorian Keilhack nicht zu versäumen. Musik allein ist eben, wie Berthold Auerbach meinte, die Weltsprache „und braucht nicht übersetzt zu werden.“

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Ein derart volles Haus mit einem dreißigköpfigen Auditorium wie gestern abend in der Aula der Volkshochschule hatte Moritz Florin dann doch nicht zu seinem Vortrag zum Thema „Rußland zwischen Revolution und Terror“ erwartet, doch der promovierte Historiker und Akademische Rat vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU fand zu dem ausnahmsweise nicht studentisch geprägten Publikum rasch Zugang und nahm es auf eine lehrreiche Reise mit in jene Zeiten, wo Schrecken und Gewalt als Programm für gesellschaftlichen Umsturz firmierten.

Moritz Florin

Um diesen Ansatz zu stützen auch gleich zu Beginn des etwa einstündigen Referats der Hinweis: „Wer die jüngere Geschichte Europas verstehen will, beschäftige sich mit der Französischen Revolution.“ Der Geist jener Zeit beeinflußte auch und besonders das Denken im Russischen Reich, wie prägend, zeigt ein Zitat aus dem 1868/69 veröffentlichten Roman „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoj:

„Die Revolution war eine große Sache!“ fuhr Monsieur Pierre fort und verriet durch diese kühne und herausfordernde Behauptung sein äußert jugendliches Alter. „Wie? Revolution und Königsmord sind eine große Sache?“ „Ich rede nicht von Königsmord, ich rede von Ideen.“ „Ja. Ideen von Raub, Mord und Königsmord“, warf eine ironische Stimme erneut ein. „Das waren zweifellos Auswüchse, aber nicht das eigentlich Wichtige. Wirklich wichtig sind die Menschenrechte, die Befreiung von Vorurteilen und die Gleichheit der Bürger.“

Wohl kaum Zufall, wenn gerade einmal zwei Jahre vorher Dmitrij Karakosow einen Attentatsversuch auf Zar Alexander II unternimmt, verhindert ausgerechnet von einem Lehrling, dem der Prototyp des Terrorismus als einen der „Esel“ bezeichnet, für die er doch geschossen habe. Immerhin „inspiriert“ der Geheimbündler über seine Hinrichtung hinaus spätere Anschläge wie den von Wera Sassulitsch auf den Stadthauptmann von Sankt Petersburg im Jahr 1878 und 1881 die schließlich erfolgreiche Ermordung von Zar Alexander II durch eine Gruppe der „Narodnaja Wolja“, des selbsternannten „Volkswillens“, der die eben erst von der Leibeigenschaft befreiten, aber weiter verarmten Bauern in eine lichte Zukunft führen will und deren traditionelle genossenschaftliche Lebensweise als Grundlage der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet. Der Kaiser ist tot – ebenso wie fünf der erhängten Attentäter, darunter Sofia Perowskaja, die erste für ein politisches Vergehen hingerichtete Frau im Russischen Reich -, doch ihm folgt der Sohn, Alexander III, der sich abwendet von den liberalen Reformen des Vaters, die Autokratie restauriert und die „Ochrana“ gründet, jene Geheimpolizei, die dem Untergrund den Krieg erklärt und später auch von den Bolschewiken unter neuen Namen fortgesetzt wird. Diese betrachten den Terrorismus übrigens als ineffektiv und gescheitert; sie setzen lieber – und das durchaus erfolgreich – auf Staatsterror gegenüber ihren Gegnern. Gelesen aber hatten sie alle – bis hin zu Wladimir Lenin – den 1869 von Sergej Netschajew verfaßten „Revolutionären Katechismus“ https://is.gd/7vlmzb, das dem Verfechter der gerechten Sache einiges abverlangt:

Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Für ihn gibt es nur eine Freude, einen Trost, einen Lohn und eine Befriedigung — den Erfolg der Revolution. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.

Moritz Florin

Eine Stunde ist natürlich viel zu wenig für den weiten Weg vom russischen Untergrund, dem es nie gelingen sollte, das Volk auf seine Seite zu bringen, über den „Blutsonntag“ im Jahr 1905 bis hin zur Bürgerlichen Revolution und dem darauf folgenden Staatsstreiches der Bolschewiken 1917, die dem Terrorismus von Anarchisten und Nihilisten die systematische Unterdrückung und physische Vernichtung aller Gegner des neuen Systems entgegensetzten und Staatsterror zur Methode machten. Doch wer dabei war und die anschließende Diskussion in ihrem lebhaften Widerstreit erlebte, nahm zumindest den Vorsatz mit nach Hause, diesen so entscheidenden Teil der russischen Geschichte im Selbststudium zu vertiefen, denn, so der Dozent, die Ideengeschichte der russischen Sozialrevolutionäre wirkte sogar noch bei der „Roten Armee Fraktion“ fort. Aber auch einmal wieder die Spur von Carl Ludwig Sand aufzunehmen, würde sich lohnen. Der aus Wunsiedel stammende Theologiestudent, dem in Alterlangen eine Straße gewidmet ist, gründete an der FAU eine Burschenschaft, die noch heute als „Bubenreuther“ bekannt ist, setzte seine Ausbildung in Jena fort und ermordete 1819 August von Kotzebue, Anlaß für Clemens Wenzel von Metternich, mit den Karlsbader Beschlüssen dem liberalen Geist an den Universitäten die Luft zu nehmen, Anlaß aber auch für den Freigeist und Sympathisanten der „Dekabristen“, Alexander Puschkin, 1825 dem fränkischen Gotteskrieger mit dem Gedicht „Der Dolch“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Viele Spuren eben, die der gestrige Abend legte, denen nachzugehen lohnt.

Jekaterina Korschofski

Derweil im gleichen Gebäude um die selbige Zeit ein ebenfalls bis auf den letzten Platz gefülltes Klassenzimmer, wo man unter Anleitung von Jekaterina Korschofski, Absolventin der Universität Wladimir und dereinst als Au-pair in Erlangen tätig, bevor sie hier ihre Familie gründete, erfahren kann: „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwierig“. An einem Abend freilich ist das Thema noch nicht erledigt, weshalb Teil 2 des Kurses morgen folgt. Dies aber nur nachrichtlich, denn es gibt keine Plätze mehr, ausgebucht. Was wollen sich die Programmverantwortlichen der Russisch-Deutschen Wochen mehr wünschen!

 

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„Das war wirklich eine erhellende Veranstaltung, besser, als wenn wir einfach nur den Film gesehen hätten…“ oder „Davon kann man gar nicht genug bekommen!“ lauteten noch die zurückhaltendsten Kommentare nach den zwei Stunden, in denen Swetlana Steinbusch, Russisch-Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, gestern abend ihr zwanzigköpfiges Publikum im Club International durch das Werden und Wirken des 1988 veröffentlichten sowjetischen Spielfilms „Das Hundeherz“ führte, kundig und klug – und so ganz anders als geplant. Eines Mißverständnisses wegen nämlich war versäumt worden, die Adaption der bereits 1925 entstandenen und bis 1987 offiziell in der UdSSR unveröffentlicht gebliebenen, bitter-komischen gleichnamigen Satire aus der Feder von Michail Bulgakow mit deutschen Untertiteln zu bestellen, weshalb die Russistin nach ihrer vorbereiteten kurzen Präsentation des Stoffes aus dem Stand extemporierte und den noch rasch im Internet gefundenen Streifen in seinen wesentlichen Teilen durchaus ansprechender kommentierte und übertrug, als das die vorgesehene Fassung hätte zu leisten vermögen. Gerade deshalb wohl kamen Kameraführung (in weiten Teilen aus der Perspektive einer streunenden Promenandenmischung, die durch eine Operation in der Brust eines Kleinkriminellen weiterlebt und nach dem Mißlingen des Tier-Mensch-Versuchs das kreatürliche Wesen zurückerhält), schauspielerische Leistung (fast mit der mimetischen Ausdruckskraft eines Stummfilms) und atmosphärische Dichte (intensiviert durch das Sepia-Schwarz-Weiß) des vielfach ausgezeichneten Streifens im Saal wie durch ein zusätzliches Medium verstärkt an und führten zu einer lebhaften Diskussion, die sogar darin gipfelte, sich für die heutigen Zeiten von „fake news“ einen ähnlich seherischen Autor wie Michail Bulgakow zu wünschen, einen Schriftsteller, der hinter das Bestreben blickt, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, sei es, wie derzeit, durch „künstliche Intelligenz“ oder die Genforschung, sei es, wie damals, im Zeitalter der „Neuen Ökonomischen Politik“, mittels einer Ideologie der revolutionären Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse den „homo sovieticus“.

Swetlana Steinbusch und Michail Bulgakow

Vorlage wie Verfilmung folgen der Tradition des Homunculus und des darin vorgegebenen Scheiterns der schöpferischen Hybris, ganz im Geist der Groteske von Nikolaj Gogol, und sind, wie die Referentin ausführte, tief ins kollektive Gedächtnis vor allem derer gedrungen, die jene Epoche des verblassenden Sozialismus miterlebten, als man endlich ungestraft lachen konnte über Sätze wie: „Wissen Sie, ich habe 30 Erhebungen in meiner Klinik gemacht. Und was glauben Sie, haben die gezeigt? Patienten, die keine Zeitung lesen, fühlen sich vortrefflich. Jene aber, die ich eigens genötigt hatte, die Prawda zu lesen, verloren an Gewicht.“ Oder: „Lesen lernen ist gänzlich nutzlos, wenn man das Fleisch eh schon einen Kilometer gegen den Wind riecht.“ – Und das im Kontrast zum aus dem Heiligenkalender selbstgewählten Vornamen und Patronym des Hundemenschen: Poligraf Poligrafowitsch, als der „Polygraph“ oder „Vielschreiber“. So könnte man lange fortfahren und würde dem gestrigen Abend doch unmöglich gerecht. Deshalb nur noch zwei Hinweise: Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der Volkshochschule, will den Film mit Untertiteln nachliefern und den Termin der Vorführung mit Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir, abstimmen, der unter gerhard@kreitz.de gern Anmeldungen annimmt. Und davor noch rasch in die nächste Buchhandlung oder Bücherei und nach dem „Hündischen Herz“ oder „Hundeherz“ – je nach Übersetzung – fragen, wenn man sich noch nicht an Michail Bulgakow für Fortgeschrittene, nämlich an seinen hiermit wieder einmal ans Leserherz gelegten Roman „Meister und Margarita“ wagen sollte. Es ist nie zu spät, diesen Großmeister der Literatur zu entdecken! Bleibt nur noch der Link zum Film im russischen Original nachzureichen: https://is.gd/9Qcbao

 

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Die närrischen Tage eilen ihren tollen Höhepunkten entgegen, und bald schon sind die Faschingsferien der Volkshochschule wieder zu Ende. Zeit also, nochmals an die zweite Runde der „Russisch-Deutschen Wochen“ zu erinnern.

Keine zehn Jahre nach der Oktoberrevolution schrieb Michail Bulgakow seine bißige Satire von einem Hund, der sich dank chirurgischer Kunst zu einem Menschen entwickelt, ein hybrides Geschöpf, das nicht unbedingt die besten Seiten beider Wesen kultiviert. Erst 2013 erschien auf Deutsch von Alexander Nitzberg unter dem Titel „Das hündische Herz“ eine angemessene Übersetzung des Werks der sowjetischen Klassik. Die Russistin Swetlana Steinbusch, Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, zeigt an dem Abend den 1976 entstandenen Film „Hundeherz“ und stellt am Montag, den 19. Februar, um 19.30 Uhr im Club International all die vielen Verbindungen zwischen Literatur und Kino, zwischen Imagination und Realität – damals und heute – her.

Swetlana Steinbusch, sitzend links, im Kollegenkreis des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde

Moritz Florin, promovierter Historiker und seit 2015 Akademischer Rat am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der Universität Erlangen-Nürnberg, arbeitet wissenschaftlich am Thema der Entstehung des Terrorismus und ist dabei auf den Spuren der russischen Anarchisten und Revolutionäre. Der Vortrag am Dienstag, den 20. Februar, um 19.30 Uhr in der Aula der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, schlägt dann auch den Bogen von den ersten Anschlägen auf den Zaren im 19. Jahrhundert bis hin zu den Wirren der Oktoberrevolution und den von Terror geprägten Jahren des Bürgerkriegs und der Entstehung der Sowjetunion.

Moritz Florin inmitten seiner Studentengruppe

Wer klassische Musik in Erlangen schätzt, kennt Dorian Keilhack. Der Pianist und Dirigent seinerseits kennt wie kaum ein anderer die russische Klassik, zumal er selbst in deren Geist seine musikalische Ausbildung genoß. Am Mittwoch, den 21. Februar, um 19.00 Uhr, führt im Historischen Saal  führt der Leiter der Camerata Franconia am Flügel anhand von ausgewählten Beispielen in Wort und Klang durch die faszinierende Welt der großen russischen Namen – von Michail Glinka bis zu Dimitrij Schostakowitsch – und stellt die Bezüge zur westeuropäischen Klassik her. Hinweis: Am Sonntag, den 18. März, dirigiert Dorian Keilhack im Redoutensaal sein Orchester mit Gastmusikern aus Wladimir zum 35jährigen Jubiläum der Partnerschaft.

Dorian Keilhack (rechts im Bild) mit Gästen aus Wladimir

Alleine mit dem Fahrrad von Erlangen bis Wladimir? In nur fünf Wochen? Als Frau? Ohne Sprachkenntnisse? Alles Fragen, auf die Gertrud Härer mit einem klaren Ja antworten kann. Den ganzen August 2017 saß sie fest im Sattel, radelte über Polen und das Baltikum bis kurz vor Moskau, von wo aus sie dann mit Jonas Eberlein, ebenfalls aus Erlangen, bis in die Partnerstadt weiterfuhr, um dort auch noch am Halbmarathon teilzunehmen und als zweite ihrer Altersgruppe ins Ziel zu kommen. Etwas, das nur Gertrud Härer schafft, die an diesem Abend – mit Bildern von Othmar Wiesenegger – am Donnerstag, den 22. Februar, um 19.00 Uhr im Großen Saal (nicht im Club International, wie ursprünglich angekündigt!) von ihrem russischem Abenteuer auf Rädern viel erzählen kann.

Doris Härer mit Jonas Eberlein in Wladimir auf dem Tandem

Das Verstehen der gesprochenen Sprache bereitet oft Schwierigkeiten. Anhand ausgewählter Themen und Hörtexte sowie Originalaufnahmen aus dem Fernsehen  werden hier das Hörverstehen und die mündliche Ausdrucksfähigkeit geübt. Darüber hinaus wiederholt und erweitert man durch verschiedene Übungen die grammatischen Strukturen und den Wortschatz. Dieses Seminar (Kursnummer 17W634068) am Freitag, den 23. Februar, richtet sich von 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr, im Raum 20 der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, an Teilnehmer mit Vorkenntnissen. Im Unterschied zu dem Kurs „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwer“ am Dienstag, dem am Dienstag und Donnerstag stattfindet, gibt es für das Seminar noch wenige freie Plätze. Noch!

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Allmählich verlassen auch die letzten Gäste der „Russisch-Deutschen Wochen“ aus Wladimir ihre Partnerstadt. Wladislaw Kapsjonkow macht sich am Samstag auf die Heimreise – „nach Tagen voll großartiger Eindrücke von einem Land, das ich bisher nur aus den Schilderungen meiner Schwester gekannt hatte.“

Manfred Kirscher, Kristina Kapsjonkowa und Wladislaw Kapsjonkow

Begleitet von Manfred Kirscher und seiner Schwester, die seit zwei Jahren eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde macht, erkundete der Student der Geophysik fast zwei Wochen lang die „Bodenschätze“ der Partnerschaft und versprach gestern bei seinem Zwischenbericht im Rathaus, bald die Ergebnisse seiner Messungen und Analysen exklusiv für den Blog vorzustellen. Die Wissenschaftsredaktion bittet deshalb noch um ein wenig Geduld.

Florian Janik und Jurij Fjodorow

Derweil hat das Politikressort noch einen Nachtrag zum Besuch von Jurij Fjodorow, Staatssekretär a.D. und Mitglied der Wladimirer Regionalduma, der sich am Montag ins Gästebuch der Stadt Erlangen eingetragen hatte. Er, 1984 als stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Rats der Volksdeputierten der erste „Kundschafter“ Wladimirs in der Hugenottenstadt, gilt ja als „Vater der Partnerschaft“ auf russischer Seite und konnte sich nun aufrichtig über all das freuen, was in den 35 Jahren deutsch-russischen Miteinanders alles entstanden ist: „ein einzigartiges Netzwerk einer Bürgerpartnerschaft, genau das, wovon Dietmar Hahlweg und ich damals träumten. Schön, das nun während dieser ereignisreichen Tage der Begegnungen mit so vielen Menschen und bei so großartigen Veranstaltungen selbst erlebt zu haben.“

Erlangen-Haus im Schnee

Die „Russisch-Deutschen Wochen“ gehen nun, während Wladimir im Schnee versinkt, in die Faschingsferien. Aber schon am Montag, den 19. Februar. beginnt mit dem Filmabend „Hundeherz“ die zweite Staffel der Veranstaltungen, zu denen in den nächsten Tagen hier die Vorberichte erscheinen. Einstweilen also „Helau!“ – und bitte dranbleiben.

 

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