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Archive for the ‘VHS – Club International’ Category


„Das war wirklich eine erhellende Veranstaltung, besser, als wenn wir einfach nur den Film gesehen hätten…“ oder „Davon kann man gar nicht genug bekommen!“ lauteten noch die zurückhaltendsten Kommentare nach den zwei Stunden, in denen Swetlana Steinbusch, Russisch-Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, gestern abend ihr zwanzigköpfiges Publikum im Club International durch das Werden und Wirken des 1988 veröffentlichten sowjetischen Spielfilms „Das Hundeherz“ führte, kundig und klug – und so ganz anders als geplant. Eines Mißverständnisses wegen nämlich war versäumt worden, die Adaption der bereits 1925 entstandenen und bis 1987 offiziell in der UdSSR unveröffentlicht gebliebenen, bitter-komischen gleichnamigen Satire aus der Feder von Michail Bulgakow mit deutschen Untertiteln zu bestellen, weshalb die Russistin nach ihrer vorbereiteten kurzen Präsentation des Stoffes aus dem Stand extemporierte und den noch rasch im Internet gefundenen Streifen in seinen wesentlichen Teilen durchaus ansprechender kommentierte und übertrug, als das die vorgesehene Fassung hätte zu leisten vermögen. Gerade deshalb wohl kamen Kameraführung (in weiten Teilen aus der Perspektive einer streunenden Promenandenmischung, die durch eine Operation in der Brust eines Kleinkriminellen weiterlebt und nach dem Mißlingen des Tier-Mensch-Versuchs das kreatürliche Wesen zurückerhält), schauspielerische Leistung (fast mit der mimetischen Ausdruckskraft eines Stummfilms) und atmosphärische Dichte (intensiviert durch das Sepia-Schwarz-Weiß) des vielfach ausgezeichneten Streifens im Saal wie durch ein zusätzliches Medium verstärkt an und führten zu einer lebhaften Diskussion, die sogar darin gipfelte, sich für die heutigen Zeiten von „fake news“ einen ähnlich seherischen Autor wie Michail Bulgakow zu wünschen, einen Schriftsteller, der hinter das Bestreben blickt, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, sei es, wie derzeit, durch „künstliche Intelligenz“ oder die Genforschung, sei es, wie damals, im Zeitalter der „Neuen Ökonomischen Politik“, mittels einer Ideologie der revolutionären Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse den „homo sovieticus“.

Swetlana Steinbusch und Michail Bulgakow

Vorlage wie Verfilmung folgen der Tradition des Homunculus und des darin vorgegebenen Scheiterns der schöpferischen Hybris, ganz im Geist der Groteske von Nikolaj Gogol, und sind, wie die Referentin ausführte, tief ins kollektive Gedächtnis vor allem derer gedrungen, die jene Epoche des verblassenden Sozialismus miterlebten, als man endlich ungestraft lachen konnte über Sätze wie: „Wissen Sie, ich habe 30 Erhebungen in meiner Klinik gemacht. Und was glauben Sie, haben die gezeigt? Patienten, die keine Zeitung lesen, fühlen sich vortrefflich. Jene aber, die ich eigens genötigt hatte, die Prawda zu lesen, verloren an Gewicht.“ Oder: „Lesen lernen ist gänzlich nutzlos, wenn man das Fleisch eh schon einen Kilometer gegen den Wind riecht.“ – Und das im Kontrast zum aus dem Heiligenkalender selbstgewählten Vornamen und Patronym des Hundemenschen: Poligraf Poligrafowitsch, als der „Polygraph“ oder „Vielschreiber“. So könnte man lange fortfahren und würde dem gestrigen Abend doch unmöglich gerecht. Deshalb nur noch zwei Hinweise: Reinhard Beer, stellvertretender Leiter der Volkshochschule, will den Film mit Untertiteln nachliefern und den Termin der Vorführung mit Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir, abstimmen, der unter gerhard@kreitz.de gern Anmeldungen annimmt. Und davor noch rasch in die nächste Buchhandlung oder Bücherei und nach dem „Hündischen Herz“ oder „Hundeherz“ – je nach Übersetzung – fragen, wenn man sich noch nicht an Michail Bulgakow für Fortgeschrittene, nämlich an seinen hiermit wieder einmal ans Leserherz gelegten Roman „Meister und Margarita“ wagen sollte. Es ist nie zu spät, diesen Großmeister der Literatur zu entdecken! Bleibt nur noch der Link zum Film im russischen Original nachzureichen: https://is.gd/9Qcbao

 

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Die närrischen Tage eilen ihren tollen Höhepunkten entgegen, und bald schon sind die Faschingsferien der Volkshochschule wieder zu Ende. Zeit also, nochmals an die zweite Runde der „Russisch-Deutschen Wochen“ zu erinnern.

Keine zehn Jahre nach der Oktoberrevolution schrieb Michail Bulgakow seine bißige Satire von einem Hund, der sich dank chirurgischer Kunst zu einem Menschen entwickelt, ein hybrides Geschöpf, das nicht unbedingt die besten Seiten beider Wesen kultiviert. Erst 2013 erschien auf Deutsch von Alexander Nitzberg unter dem Titel „Das hündische Herz“ eine angemessene Übersetzung des Werks der sowjetischen Klassik. Die Russistin Swetlana Steinbusch, Dozentin am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, zeigt an dem Abend den 1976 entstandenen Film „Hundeherz“ und stellt am Montag, den 19. Februar, um 19.30 Uhr im Club International all die vielen Verbindungen zwischen Literatur und Kino, zwischen Imagination und Realität – damals und heute – her.

Swetlana Steinbusch, sitzend links, im Kollegenkreis des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde

Moritz Florin, promovierter Historiker und seit 2015 Akademischer Rat am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der Universität Erlangen-Nürnberg, arbeitet wissenschaftlich am Thema der Entstehung des Terrorismus und ist dabei auf den Spuren der russischen Anarchisten und Revolutionäre. Der Vortrag am Dienstag, den 20. Februar, um 19.30 Uhr in der Aula der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, schlägt dann auch den Bogen von den ersten Anschlägen auf den Zaren im 19. Jahrhundert bis hin zu den Wirren der Oktoberrevolution und den von Terror geprägten Jahren des Bürgerkriegs und der Entstehung der Sowjetunion.

Moritz Florin inmitten seiner Studentengruppe

Wer klassische Musik in Erlangen schätzt, kennt Dorian Keilhack. Der Pianist und Dirigent seinerseits kennt wie kaum ein anderer die russische Klassik, zumal er selbst in deren Geist seine musikalische Ausbildung genoß. Am Mittwoch, den 21. Februar, um 19.00 Uhr, führt im Historischen Saal  führt der Leiter der Camerata Franconia am Flügel anhand von ausgewählten Beispielen in Wort und Klang durch die faszinierende Welt der großen russischen Namen – von Michail Glinka bis zu Dimitrij Schostakowitsch – und stellt die Bezüge zur westeuropäischen Klassik her. Hinweis: Am Sonntag, den 18. März, dirigiert Dorian Keilhack im Redoutensaal sein Orchester mit Gastmusikern aus Wladimir zum 35jährigen Jubiläum der Partnerschaft.

Dorian Keilhack (rechts im Bild) mit Gästen aus Wladimir

Alleine mit dem Fahrrad von Erlangen bis Wladimir? In nur fünf Wochen? Als Frau? Ohne Sprachkenntnisse? Alles Fragen, auf die Gertrud Härer mit einem klaren Ja antworten kann. Den ganzen August 2017 saß sie fest im Sattel, radelte über Polen und das Baltikum bis kurz vor Moskau, von wo aus sie dann mit Jonas Eberlein, ebenfalls aus Erlangen, bis in die Partnerstadt weiterfuhr, um dort auch noch am Halbmarathon teilzunehmen und als zweite ihrer Altersgruppe ins Ziel zu kommen. Etwas, das nur Gertrud Härer schafft, die an diesem Abend – mit Bildern von Othmar Wiesenegger – am Donnerstag, den 22. Februar, um 19.00 Uhr im Großen Saal (nicht im Club International, wie ursprünglich angekündigt!) von ihrem russischem Abenteuer auf Rädern viel erzählen kann.

Doris Härer mit Jonas Eberlein in Wladimir auf dem Tandem

Das Verstehen der gesprochenen Sprache bereitet oft Schwierigkeiten. Anhand ausgewählter Themen und Hörtexte sowie Originalaufnahmen aus dem Fernsehen  werden hier das Hörverstehen und die mündliche Ausdrucksfähigkeit geübt. Darüber hinaus wiederholt und erweitert man durch verschiedene Übungen die grammatischen Strukturen und den Wortschatz. Dieses Seminar (Kursnummer 17W634068) am Freitag, den 23. Februar, richtet sich von 16.00 Uhr bis 19.00 Uhr, im Raum 20 der Volkshochschule, Friedrichstraße 17, an Teilnehmer mit Vorkenntnissen. Im Unterschied zu dem Kurs „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwer“ am Dienstag, dem am Dienstag und Donnerstag stattfindet, gibt es für das Seminar noch wenige freie Plätze. Noch!

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Allmählich verlassen auch die letzten Gäste der „Russisch-Deutschen Wochen“ aus Wladimir ihre Partnerstadt. Wladislaw Kapsjonkow macht sich am Samstag auf die Heimreise – „nach Tagen voll großartiger Eindrücke von einem Land, das ich bisher nur aus den Schilderungen meiner Schwester gekannt hatte.“

Manfred Kirscher, Kristina Kapsjonkowa und Wladislaw Kapsjonkow

Begleitet von Manfred Kirscher und seiner Schwester, die seit zwei Jahren eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde macht, erkundete der Student der Geophysik fast zwei Wochen lang die „Bodenschätze“ der Partnerschaft und versprach gestern bei seinem Zwischenbericht im Rathaus, bald die Ergebnisse seiner Messungen und Analysen exklusiv für den Blog vorzustellen. Die Wissenschaftsredaktion bittet deshalb noch um ein wenig Geduld.

Florian Janik und Jurij Fjodorow

Derweil hat das Politikressort noch einen Nachtrag zum Besuch von Jurij Fjodorow, Staatssekretär a.D. und Mitglied der Wladimirer Regionalduma, der sich am Montag ins Gästebuch der Stadt Erlangen eingetragen hatte. Er, 1984 als stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Rats der Volksdeputierten der erste „Kundschafter“ Wladimirs in der Hugenottenstadt, gilt ja als „Vater der Partnerschaft“ auf russischer Seite und konnte sich nun aufrichtig über all das freuen, was in den 35 Jahren deutsch-russischen Miteinanders alles entstanden ist: „ein einzigartiges Netzwerk einer Bürgerpartnerschaft, genau das, wovon Dietmar Hahlweg und ich damals träumten. Schön, das nun während dieser ereignisreichen Tage der Begegnungen mit so vielen Menschen und bei so großartigen Veranstaltungen selbst erlebt zu haben.“

Erlangen-Haus im Schnee

Die „Russisch-Deutschen Wochen“ gehen nun, während Wladimir im Schnee versinkt, in die Faschingsferien. Aber schon am Montag, den 19. Februar. beginnt mit dem Filmabend „Hundeherz“ die zweite Staffel der Veranstaltungen, zu denen in den nächsten Tagen hier die Vorberichte erscheinen. Einstweilen also „Helau!“ – und bitte dranbleiben.

 

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Drei Jahre – vom Sommer 2014 bis zum Sommer 2017 – verbrachten Rose Ebding und Hans-Joachim Preuß zwischen Regnitz und Wolga, um genau zu sein, liegt auch noch der Neckar dazwischen, denn die mittlerweile pensionierte Pädagogin kommt aus Stuttgart, während „der Mann der Lehrerin“, als der er im Visum ausgewiesen war, in Erlangen lebt, wenn er nicht gerade irgendwo zwischen Königsberg und Kamtschatka unterwegs ist. Drei Jahre in eineinhalb Stunden zu packen? Durchaus eine Herausforderung. Aber möglich, wenn man – wie gestern abend im Großen Saal der Volkshochschule im Rahmen der „Russisch-Deutschen Wochen“ – so strukturiert und kurzweilig wie das Ehepaar zu berichten weiß – vom Alltag im Gymnasium Nr. 1 in Nischnij Nowgorod, einer von etwa 100 Schulen in der Russischen Föderation, wo das Deutsche Sprachdiplom erworben werden kann, auf das die Slawistin vorbereitete; vom Einkaufen unter den gar nicht so erschwerten Bedingungen von Sanktionen und Gegensanktionen; von den Spaziergängen entlang der Oka bis zu deren Mündung in die Wolga, unterlegt mit Sehnsuchtsbildern aus allen Jahreszeiten; vom Flanieren über die Pokrowka, die Fußgängerzone ihrer russischen Heimatstadt; von den vielen offenen und lebensfrohen Begegnungen, wo der Daumen immer hoch ging, sobald man sich als Deutscher zu erkennen gab.

Vortrag „Zwischen Regnitz und Wolga“

Überhaupt die menschliche Note: Hans-Joachim Preuß weiß von einer Kioskbesitzerin zu berichten, die ihn schon beim zweiten Einkauf als alten Bekannten begrüßte und ihm nur ihre besten Birnen – nicht aus der Auslage! – verkaufte oder vom Straßenmusiker, der schlechter Deutsch sprach als der Erlanger Russisch, bei jedem Treffen auf der Pokrowka aber stets „Dein ist mein ganzes Herz“ anstimmte. Wann es genau war, wissen die beiden wohl auch nicht zu sagen, aber die beiden haben unverkennbar ihr Herz an Nischnij Nowgorod, die russischen Menschen, die russische Musik und Lebensart verloren und kündigen denn auch nach dem Vortrag an: „Wir kommen wieder!“

Hans-Joachim Preuß und Rose Ebding

Schon für Mai, verrät Rose Ebding, plane man die nächste Reise, zunächst nach Wladimir, hat ihr Mann doch beim „Russischen Abend“ am vergangenen Freitag den Titel „Russionär“, den Hauptpreis beim Quiz, verliehen bekommen und darf sich auf einen Freiflug mit drei Gratisübernachtungen im Erlangen-Haus freuen. Ob dann im Visum der Lehrerin steht „Frau des Russionärs“ wissen wir freilich ebensowenig wie, wohin die Reise der beiden sonst noch führen wird. Jedenfalls dürfen wir dann auf eine Fortsetzung des Blogs https://stuttgartnishnij.wordpress.com hoffen, in dem zu blättern immer wieder helle Freude bereitet. Und dann gibt es bestimmt auch einmal einen Vortrag der beiden über ihre Reisen durch jenes weite Land, das sie nicht mehr loslassen will.

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Bisher hatte es noch keine unmittelbare Freundberührung gegeben, erst die „Russisch-Deutschen Wochen“ an der Volkshochschule brachte gestern abend die „Kommunalka“ und den „Freundeskreis Wladimir“ zusammen, – und schon entstand mehr als wenn man nur eins und eins zusammenzählt. So unterschiedlich der „Überbau“ der Städtepartnerschaft auf den ersten Blick sein mag, so viele Möglichkeiten eines Miteinanders zeigten sich bereits bei diesem ersten Treffen.

Facebook-Auftritt „Kommunalka“

Der Freundeskreis, vertreten durch Sprecher Gerhard Kreitz – er hatte noch um die Mittagszeit Irina Chasowa, Jelena Tschilimowa und Wiktor Malygin zum Flughafen gebracht -, besteht seit 2010 als „Stammtisch“, ohne Satzung, der sich hauptsächlich um die Unterbringung und Begleitung von Gästen aus Wladimir kümmert, aufmerksam und zuvorkommend für deren Kultur-, Ausflugs- und Wohlfühlprogramm sorgt, mit anderen Worten das bürgerschaftliche Element der Städtepartnerschaft prägt.

„Freundeskreis Wladimir“ trifft „Kommunalka“

Die „Kommunalka“ hingegen tat sich erst im Sommer vergangenen Jahres nach einer Studienreise des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU nach Sankt Petersburg und Wladimir zusammen, wo man, wie Sonja Ruppik, Cornelia Götschel und Igor Biberman den Gästen im Club International erläuterten, so manches Klischee von „den Russen“ getrost vergessen konnte. Seither wächst die Gruppe, die sich nach den zwangsfreiwilligen Wohn- und Lebensgemeinschaften aus Sowjetzeiten benennt und bei ihren Aktivitäten und Veranstaltungen nicht nur die Partnerstadt, sondern ganz Osteuropa im Blick hat, wie eben erst bei einer Fahrt nach Prag. Doch schon entsteht im Gespräch die Idee, einander bei der Betreuung von Gästen zu unterstützen, Jugendliche aus Wladimir einzuladen, die bisher keine Gelegenheit hatten, Erlangen zu besuchen, sich einmal zusammenzusetzen, um über mögliche gemeinsame Projekt zu sprechen. Mitmachen jedenfalls kann jeder, hier wie dort, und virtuell kann man ja immer einmal bei der „Kommunalka“ unter https://is.gd/hCFyOk vorbeischauen.

Wladimir im Schnee

Derweil ist in Wladimir so richtig viel Schnee gefallen, und die Temperaturen sind endlich dort, wo sie um diese Jahreszeit auch sein sollten. Der Februar nämlich wird in den slawischen Sprachen „luty“ oder „ljutyj“, der „strenge, schreckliche und wilde“ Monat, genannt.

Der Mongolensturm auf Wladimir

Streng, schrecklich und wild erlebte Wladimir vor allem den 7. Februar 1238. Damals, vor 780 Jahren, vollendete Batu Khan mit der Einnahme der Hauptstadt der Rus das Eroberungswerk seines Großvaters, Dschingis Khan. Das Mongolenheer hatte am 20. Januar bereits das damals noch unbedeutende Moskau im Sturm genommen und traf – wohl auf der zugefrorenen Kljasma vordringend – am 4. Februar auf die Verteidigungsmauern von Wladimir. Die Angreifer führten eine Geisel aus Moskau bei sich und forderten von den Verteidigern die bedingungslose Kapitulation. Doch die Russen hofften auf baldige Verstärkung und ließen sich auf den Handel nicht ein – mit fatalen Folgen: Die Feste Wladimir hielt – übrigens ebensowenig wie Susdal, das man im Handstreich niedergeworfen hatte – der Belagerung und dem Dauerbeschuß nicht stand und verlor nach gerade einmal drei Tagen des Widerstands einen Großteil seiner Bevölkerung, erlitt die Zerstörung seiner Kirchen und Klöster und ging seiner politischen wie geistlichen Vormachtstellung für immer verlustig. Ein strenger, schrecklicher und wilder Tag in der Geschichte der Partnerstadt und des ganzen Landes, das – leider auch durch Fehlentscheidungen der eigenen Fürsten und Zaren, die etwa Hilfsangebote des Papstes ausschlugen – für fast drei Jahrhunderte den Tataren untertan und tributpflichtig blieb. Kein Wunder, daß im vorpetrinischen Russischen Reich gut ein Viertel der Adelsgeschlechter mongolische Vorfahren hatte. Und noch heute sagt man: „Kratze an einem Russen, und es kommt ein Mongole zum Vorschein.“

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Als Bühne für die Kammerspiele der „Russisch-Deutschen Wochen“ an der Volkshochschule dient der Club International, geschaffen für Veranstaltungen ohne Mikrophon und Rednerpult, ganz so, wie man es sich für eine literarische Lesung vorstellt, wie sie gestern abend vor einem zweiundzwanzigköpfigen Kreis zu erleben war. Mit einer poetischen Bekanntschaft, die der Referent des Abends, Peter Steger, seit 1990 pflegt, als in seiner Übersetzung der Lyrikband „Denkmal für den unbekannten Feigling“ des Moskauer Autors Wjatscheslaw Kuprijanow erschien.

Peter Steger

Das Tandem hat seither eine Vielzahl von Büchern – auch mit Erzählungen und Romanen – veröffentlicht, eine weitere Publikation ist derzeit in Vorbereitung. Natürlich gab es aber auch Übertragungen von Lyrik aus Wladimir zu hören, und mit Wiktor Malygin – in der Partnerstadt nicht nur als Germanist bekannt, sondern auch als Rezitator geschätzt – war vereinbart, in seiner inspirierten Interpretation auch zwei Gedichte von Alexander Puschkin erklingen zu lassen.

Peter Steger und Wiktor Malygin

Nicht vereinbart war dann freilich, womit der russische Gast am Ende der Veranstaltung Publikum wie Referent überraschte: Dieser Tage wurde an der Regionalen Wissenschaftlichen Maxim-Gorkij-Bibliothek in Wladimir zum dritten Mal das „Buch des Jahres“ gewählt. In der Sparte „Memoirenliteratur“ entschied sich die zehnköpfige Jury unter elf nominierten Titeln für den Band „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, auf Deutsch zusammengestellt und herausgegeben von Peter Steger im Jahr 2015 und im April 2017 in der russischen Übersetzung von Jelena Tschilimowa erschienen.

Diplom für das „Wladimirer Buch des Jahres 2017“

Mit dieser Auszeichnung, so der glückliche Autor, ist das Buch tatsächlich dort angekommen, wo es hingehört: im kollektiven Gedächtnis der Partnerstadt. Als Gelegenheitsübersetzer fügt er freilich in Anerkennung der Arbeit von Jelena Tschilimowa an, wie schön es gewesen wäre, wenn man auch deren Leistung namentlich gewürdigt hätte. Viel zu oft noch bleibt nämlich der Anteil des Übersetzers am Erfolg eines Buches unerwähnt, nicht gebührend geschätzt. Doch die Freude über den Preis kann das nicht trüben.

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Nachzutragen zu den vorhergehenden Berichten über den Auftakt zu den „Russisch-Deutschen Wochen“ ist noch ein kurzer Hinweis auf zwei junge Männer, die eher im Hintergrund blieben und gestern ihren letzten Tag in Erlangen zu einem Ausflug nach Cadolzburg zusammen mit Anna Schellenberger und Alexandra Jegorowa nutzten. An einen Ort übrigens, dessen Anfänge auf eine Zeit zurückgeht, die in etwa mit der Periode zusammenfällt, als Wladimir seine Blüte erlebte, und der auch durchaus politisch-dynastischen Vergleichen mit der einstigen Hauptstadt der Alten Rus standhält, wie die jungen Gäste erfuhren.

Michail Paryschew, Anna Schellenberger, Alexandra Jegorowa und Matwej Grigorjew

Da ist zunächst Michail Paryschew, der seine Mutter, Jelena Gorbunowa, und ihr jeweiliges Team bei all den Reisen in Sachen Spitzenklöppeln durch halb Europa – und nicht zum ersten Mal nach Erlangen – zu Kongressen, Ausstellungen oder Seminaren begleitet und als „Junge für alles“ fungiert. Still und unauffällig, aber immer zur Stelle, wenn er gebraucht wird.

Matwej Grigorjew

Und Matwej Grigorjew, der nach zwei früheren Besuchen als Schüler für eine gute Woche – nun als Biologie-Student – Erlangen per Pedes und Pedalen erkundete, bis er sich, wie er selbst meint, den Wolf gelaufen und den Hintern wundgesessen und dabei natürlich vieles entdeckt hatte, was ansonsten eher nicht die Schlagzeilen des Blogs beherrscht, etwa eine Schallplatte, die sich sein Vater schon lange gewünscht hatte. „Schon allein dafür hat sich die Reise gelohnt“, so des Gastes Fazit, der freilich auch eine Erfahrung mit nach Hause nimmt, die Konsequenzen haben dürfte: „Mit Englisch und Russisch allein kommt man hier nicht zurecht, wenn man näher mit den Menschen vertraut werden und vielleicht sogar einmal ein Gastsemester an der FAU studieren will.“ Vielleicht hat da ja das Sprachlernzentrum des Erlangen-Hauses gerade einen neuen Kursteilnehmer gewonnen. Kein schlechter Nebeneffekt eines solchen Besuchs und ein guter Vorsatz. Bei Matwej Grigorjews nächster Erlangen-Reise werden wir die Probe aufs Exempel machen.

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