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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Heute feiert man in Wladimir – wie im ganzen Land – den 74. Jahrestag des Sieges mit Reden, Aufmärschen und der Erinnerung an die Helden, Versehrten und Opfer des Großen Vaterländischen Krieges. Alles richtig und wichtig. Der Blog begeht dieses Datum der Befreiung Deutschlands vom Faschismus mit einem stillen Gedächtnis der Wladimirer Autorin Tatjana Oserowa, deren Onkel seit Dezember 1941 als vermißt gilt, mit dem Titel „Der Koffer“.

Ich kannte damals das Erwachsenenwort „Archiv“ noch nicht als Ort, wo man verschiedene Unterlagen aufbewahrt. Aber wir hatten daheim hinter dem Vorsprung aus Ziegelsteinen zum Liegen auf unserem Ofen einen kleinen Koffer mit alten Papieren und Bildern, Briefen und Telegrammen aus der Kriegszeit, geschrieben auf Zeitungspapier. Meine Schwester und ich taten kaum etwas lieber, als von Zeit zu Zeit die weinroten Stimmkarten des Vaters durchzusehen, der an der einen oder anderen Parteikonferenz teilgenommen hatte. Wir kannten viele Lieder und Verse aus der Kriegszeit auswendig. Zur Weiterverbreitung druckte man sie damals auf einzelnen Blättern aus Hartpapier mit Noten und kleinen Zeichnungen und Illustrationen. Häufig sangen wir bei unseren Hauskonzerten im Türrahmen zwischen den Stores, die als Theatervorhang fungierten, unsere Lieblingslieder: „Die schlanke Eberesche“, „Das kleine Licht“, „Dunkle Nacht“, „Da kommen die Soldaten“, „Die Nachtigallen“, „Wo seid ihr nur jetzt, ihr Waffenbrüder?“ usw. Dann setzten wir uns an den großen Tisch und betrachteten zusammen mit den Eltern die Bilder aus dem Koffer. Von den Photos sahen uns ihre Freunde an, junge Offiziere mit einer wallenden Haarpracht oder kurzgeschnittenen Frisur, mit einem breiten Lächeln oder mit einem strengen Blick. Einige auf den Gruppenaufnahmen waren mit einem kleinen Kreuz über dem Kopf gekennzeichnet, was bedeutete, daß der Freund ums Leben gekommen war.


Unter diesen Papieren und Bildern fanden sich auch besondere Schächtelchen, wo Vaters Orden aufbewahrt wurden. Darin lagen auch zusammengefaltete Todesanzeigen, die tragischen Benachrichtigungen über Verwandte und Angehörige: „Ihr Ehemann…, Bruder…, kam um oder starb den Tod der Tapferen…“ Vaters Medaillen und Orden lagen in der obersten Schublade der alten Kommode, weil sie nach dem Krieg nur noch selten jemand trug. Am Orden des Roten Sterns fehlte ein Strahl, das Emaille war aus irgendeinem Grund abgesprungen.

Zärtlich streichst du mit der Kinderhand über die Auszeichnung des Vaters und denkst, denkst an diese und stellst dir seine Heldentat vor – und seinen Sieg…

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Heute nun die Fortsetzung zum gestrigen Bericht, die wegen technischer Probleme erst jetzt im Blog erscheinen kann: eine bebilderte Zusammenfassung der Ziele und Ergebnisse einer von Alexej Aljochin, unterstützt von seiner Lehrerin, Ludmila Mironowa, Recherche auf den Spuren von deutschen Kriegsgefangenen in Lagern der Region Wladimir.

Die deutsche Seite von Kowrow und Anopino

Die Kriegsgefangenenlager

Philipp Dörr und P. Wladimir

Das Projekt “Ein Blick in die Vergangenheit”, 2008

Gewinner und Preisträger des Wettbewerbs “Kulturbrücke Rußland-Deutschland”, Dezember 2013

Besichtigung der Gedenkstätte für gefallene Sowjetsoldaten, wo Ludmila Mironowas Großvater Wasilij Fedotow 1944 beigesetzt wurde.

Ludmila Mironowa, Alexej Aljochin und Herbert Meinka in Kowrow.

ZIELE:

  1. Informationen über die Gefangenenlager in Kowrow und Anopino, Region Wladimir, zu gewinnen.
  2. Ein Bild vom Leben und dem Аlltag der deutschen Kriegsgefangenen zu erhalten, die dort während des Krieges und in der Nachkriegszeit interniert waren.
  3. Die Ereignisse in Erinnerung zu halten, um die freundschaftlichen Beziehungen zu den Bürgern des heutigen Deutschlands zu festigen.

AUFGABEN:

  1. Material aus den Büchern und der Ausstellung in Kowrow / Anopino zu sammeln.
  2. Treffen und Interviews mit Verwandten der Gefangenen sowie mit Zeitzeugen.
  3. Internetrecherche zum Thema.
  4. Zusammenfassend Informationen über diese Ereignisse zu zusammenzutragen und das Gesicht des Krieges mit den Augen der damaligen deutschen Kriegsgefangenen zu zeigen.

Arthur Mainka, Vater von Herbert Mainka.

Der alte Stadtplan von Kowrow, Region Wladimir. Das Kriegsgefangenenlager ist rot, der Weg von dort zum Bahnhof blau markiert.

Die weiße Mauer ist der letzte Rest des Lagers für Kriegsgefangene Nr. 1. Auch Arthur Mainka war hier untergebracht.

Die Kirche auf dem Gelände des Lagers ist bis heute erhalten geblieben.

Alter Bahnhof in Kowrow. Hier kamen die Kriegsgefangenen an.

Die Häuser, auf die deutsche Kriegsgefangenen ein weiteres Stockwerk, die 4. Etage, setzten.

Der sogenannte Deutsche Turm vor der Glasfabrik in Anopino, aufgenommen von Herbert Mainka.

Anopino, das Innere der Werkhalle wo Arthur Mainka als Kriegsgefangene arbeitete.

Herbert Mainka, Michail Lissow, Ludmila Mironowa und Alexej Aljochin vor einem Glasofen der neuen Fabrik.

Michail Lissow, Herbert Mainka und Ludmila Mironowa vor dem „Madrid“ genannten Gebäude der Lagerleitung.

Etwa hier befand sich der Friedhof der Kriegsgefangenen, nicht weit von Anopino.

Abschluß

Als Fazit möchte ich den Gedanken festhalten: Es ist entscheidend wichtig, immer an unsere Geschichte zu erinnern, die uns mit Menschen aus der ganzen Welt verbindet und die wir besonders mit den Deutschen teilen. Ich meine, dies ist die einzige Weise, den Frieden auf der Erde zuhalten und den Krieg zu verhindern.

Alexej Aljochin

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Wegen technischer Probleme kann heute der geplante Bericht nur verspätet und ohne den Hauptteil erscheinen. Sobald das Problem behoben ist, wird der Beitrag – hoffentlich noch im Lauf des Tages – ergänzt.

Wichtigstes Ziel der Städtepartnerschaft ist und bleibt die Völkerverständigung. Nicht von ungefähr steht deshalb das Motto „Bürgerpartnerschaft“ im Zentrum. Jährlich gibt es gut einhundert Austauschprogramme auf den unterschiedlichsten Ebenen. Regelmäßig veranstaltete Bürgerreisen schaffen ein Klima der Offenheit und Verständigung über alle Grenzen hinweg. Unsere Schule nimmt auch am Austausch mit dem Emmy-Noether-Gymnasium teil. Jährlich fahren die Kinder aus unserer Schule nach Erlangen. Ich selbst war schon zwei Mal in unserer deutschen Partnerstadt. Höhepunkt dieser Kontakte sind dabei Diskussionen und Jugendabende oder sportliche Begegnungen.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Ich bin überzeugt, die Partnerschaft Erlangen-Wladimir ist der beste Beweis dafür, daß gute Taten keine Grenzen, keine Nationalität kennen. Einfache Menschen (darunter auch Jugendlichen) können vieles leisten, viele Probleme lösen. Ehrenamtliche Initiativen sind unverzichtbar für das Gelingen der Städtepartnerschaft. Als Beispiel dazu dient hoffentlich auch das Projekt ,,Ein Blick in die Vergangenheit”, das ich gemeinsam mit meiner Lehrerin Ludmila Mironowa im Jahr 2008 erstmals in Erlangen präsentierte.

Die Städtepartnerschaft ermöglichte die Begegnung deutscher und russischer Kriegsveteranen. Einst standen sie einander auf feindlichen Frontlinien gegenüber und beschossen sich gegenseitig. Jetzt sind sie in unseren Partnerstädten zu Botschaftern des Friedens geworden. 2001 erschien die erste Auflage des Buches „Rose für Tamara“. Zehn Veteranen aus ganz Deutschland, die in Wladimir in der Gefangenschaft waren, erzählten über ihre Erfahrung und erinnerten sich mit viel Liebe und Dankbarkeit an die Hände der russischen Frauen, die ihnen das Leben gerettet hatten. Das Treffen mit deutschen Veteranen und deren Erinnerungen an die menschlichen Berührungen der einstigen Kriegsfeinde war wirklich ein Ereignis für uns Schüler. Ich bin selbst der Meinung, das Gute  müsse über das Böse die Oberhand  gewinnen.

 

Alexej Aljochin

 

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Heute wieder einmal eine Suchanfrage. Es geht um die Geschichte der Gefangenschaft von Jan Hindrik Beuker (15.11.1910-23.01.1983). Er hinterließ für 1945 bis 1948 nur ganz kurze Kalendernotizen, entziffert von seinem Großneffen, Gerrit Jan Beuker, die Hinweise auf seine Aufenthaltsorte geben und die vielleicht letzte Chance bieten, noch Zeitzeugen zu finden, die sich an den Kameraden aus Oeveringen, heute Emlichheim, bei Neuenhaus, Kreis Bentheim, auf halbem Weg zwischen Hannover und Amsterdam an der niederländischen Grenze gelegen, erinnern können.

Zwantien und Jan Hindrik Beuker, Heimaturlaub, 1941

Der Wehrmachtssoldat war u.a. in der Ukraine eingesetzt und machte dann den Rückzug von Smolensk über Minsk bis in den Landkreis Zwittau mit, bis er nach „Überschreiten der Moldau“ am 11. Mai 1945 „dem Schein nach in amerikanische Gefangenschaft“ geriet, bevor man ihn einen Tag später an die Sowjetarmee übergab. Nach vielen Zwischenstationen auf dem Weg nach Osten findet sich dann folgender Eintrag im Tagebuch (hier schon redaktionell überarbeitet):

Am 24.12.46: mit 130 Mann verladen und am 29.12. ins Hospital Kameschkowo eingeliefert,  200 km östlich Moskau, 40 km von Wladimir.

Jan Hindrik Beuker, 1939, Ausbildung

Dort verbleibt er offenbar längere Zeit. Im Januar 1947 kommt er von Stube 6 auf Stube 8, im Juni von Bau 2 nach Bau 3. Vom 10.07. bis zum 06.08.1947 arbeitet er in der Küche. Am 10.08. verlegt man ihn ins Lager Mesinowka, wo er am 11. August „OK geschrieben“ wurde, was arbeitsunfähig bedeutet, wörtlich „Genesungsgruppe“. Am 25. August stufte man den Rekonvalezenten in die Kategorie 3 ein, die bereits leichte Arbeit ermöglicht, weshalb dann auch der nächste Eintrag vom 28.10. bis 21.11. lautet „W. Müller, Küche“ – und dann: 23.11.-02.12. „Garnison Küche“. Dieser Einsatz brachte den Gefangenen offenbar wieder zu Kräften, so daß er am dem 22. Dezember als Torfverlader arbeiten kann, bis er ab dem 13. Januar 1948 im Kanalbau eingesetzt wird. Über Gus-Chrustalnyj ging es dann am 7. März nach Wladimir, wo am 10. März der Zug gen Westen abfuhr.

Gerrit Jan Beuker arbeitet derzeit an der Biographie seines Onkels und wäre dankbar für weitere Angaben zu dessen Leben in der Gefangenschaft.

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Ein Fundstück von gestern, am Weltfriedenstag der römisch-katholischen Kirche: zwei Sängerinnen des Veteranenchors Wladimir 1994 auf der Bergkirchweih, Lebkuchenherzen tragend mit der Aufschrift „Willkommen in Erlangen“. Im Hintergrund zu sehen: Heinrich Pickel, seinerzeit Stadtrat und Leiter der ersten Erlanger Veteranendelegation, die zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion Mitte Juni 1991 Wladimir besuchte.

Am Revers der Bluse das Symbol des Friedens, 1993 gestaltet von Fritz Wittmann und hergestellt in Wladimir. Sie alle miteinander konnten die Welt seither nicht friedlicher machen. Aber sie versuchten es zumindest redlich, und den Krieg besiegten sie in ihren Herzen. Kein Grund also für uns, nachzulassen. Frieden ihrem Andenken.

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Nicht einmal vier Stunden Interview können abbilden, was Wolfgang Morell alles in zwölf Tagen Kriegseinsatz und den darauf folgenden acht Jahren in Gefangenschaft erlebte. Aber die weite Anreise nach Erlangen hatte sich gestern für das Team des Staatlichen Senders Rossija gelohnt, derzeit unterwegs zwischen Italien, Deutschland und dem Baltikum, um eine Dokumentation über Kriegsveteranen zu drehen, die zum 9. Mai nächsten Jahres ausgestrahlt werden soll. Denn Wolfgang Morell erzählte, ohne sich zu schonen und ohne zu beschönigen – teils in seinem noch immer beeindruckenden Russisch und mit einem Alexander-Puschkin-Zitat im Original geschmückt – mit vielen Exkursen in die eigene Familiengeschichte oder die historischen Zusammenhänge, warum er sich damals nach der Einberufung nur wenige Wochen nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ und der Ausbildung zum Funker am 11. Dezember 1941, am Tag der Kriegserklärung an die USA, freiwillig an die Ostfront meldete, nur um später nicht einmal als Etappenhengst zu gelten, ohne groß nachzudenken, welche Dimensionen der auf Vernichtung angelegte Feldzug bereits angenommen hatte. Wie er – da versagt ihm die Stimme – Wolokolamsk habe brennen sehen und selbst, mit seiner Einheit schon im Rückzug begriffen, auf einen sowjetischen Panzersoldaten angelegt habe, der regelrecht vor den deutschen Stellungen defiliert sei, bis der Vorgesetzte den verhinderten Schützen angeherrscht habe, nur ja nicht auf den Russen zu schießen, weil sonst die ganze Feuerwalze über den Wehrmachtstrupp hereinbreche. Ob er sonst abgedrückt hätte? Er weiß es nicht. Wohl schon.

Marina Romanowa im Interview mit Wolfgang Morell

Was denn in diesen zwölf Tagen das Schrecklichste gewesen sei, will die Journalistin, Marina Romanowa, von dem 96jährigen in Breslau geborenen Erlanger wissen. „Das war ein einziger Höhepunkt des Grauens, etwas hervorzuheben… sinnlos. Ein Tag furchtbarer als der andere.“ Dabei blieben ihm die schlimmsten Dinge wie Massaker erspart, und auch die befohlene „verbrannte Erde“ beim Rückzug brauchte er selbst nicht über die Zivilbevölkerung bringen. Der gemeine Soldat war oft sogar einfach nur eingesetzt, um die Wege bei Temperaturen um die vierzig Grad vom Schnee zu befreien, damit der Rückzug vor Moskau, die erste Warnung an die „Feldherren“ in Berlin, schneller vonstattengehen konnte.

Wolfgang Morell im Fokus

Dann seine Gefangennahme, hier im Blog schon mehrfach geschildert, und doch immer wieder erschütternd: Verhetzt von der Nazipropaganda, wollte er sich lieber selbst richten, als in Gefangenschaft zu geraten. Gottlob versagte der Karabiner bei der Kälte, und die Feindbegegnung – mit erfrorenem Bein und einem unerklärlichen Keim im Leib – erwies sich als zutiefst human, ganz anders, wie er später begriff, als es einem sowjetischen Soldaten in deutscher Hand ergangen wäre. Man gab ihm – vor allem im Miltärhospital von Wladimir – Zeit, sich auszukurieren, bevor er über Ischewsk im Ural und Talizy, wieder unweit von Wladimir, wo Wolfgang Morell die Seiten wechselte und sich, des Russischen schon mächtig, zum Politlehrer der Antifa ausbilden ließ, um später in Gorkij eingesetzt zu werden, wo er sich in Schanna Woronzowa vom dortigen Kulturhaus verliebte, die er bei seiner letzten Rußlandreise wiedersah, bevor er im Sommer 1949 in die Heimat entlassen wurde, die damals bereits so nicht mehr existierte, da Polen zugeschlagen.

Wolfgang Morells Photoalbum

Was denn das russische Volk auszeichne, fragt die Korrespondentin: Vielleicht eine Ursprünglichkeit, die uns verloren gegegangen ist, meint der Veteran, eine Nähe zum Leben und eine große Hilfsbereitschaft, die ich immer wieder erlebte. Jedenfalls nie – anders als bei den Nationalsozialisten – die von oben befohlene Vernichtung der Gefangenen. Was Willkür nicht ausschließt. Etwa wenn ein 1946 in der DDR aufgegriffener Junge ins Lager kam, nur um die Kennziffer zu erfüllen, und, bei einem Fluchtversuch verwundet und als mutmaßlich tot zur Abschreckung öffentlich ausgelegt, tatsächlich erschossen wird, als er wieder zu sich kommt und erneut zu fliehen versucht. Immerhin, so Wolfgang Morell, die Deutschen stellten sich ihrer grausamen Geschichte, hätten aus ihr gelernt, vielleicht mehr als andere Völker. Eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, die er auch den Russen nahelegt, um den Krieg zu besiegen und den Frieden zu bewahren. Eine Mahnung, die ihm, der etwa ein Drittel seiner Zeit immer noch den „russischen Fragen“ widmet, angesichts der jüngsten Ereignisse im Konflikt um die Ukraine besonders dringlich erscheint, auch mit Blick auf Deutschland, wo ihm vor allem die Jugendorganisation der AfD Sorgen bereitet. Wenn die entscheidenden Leute nur auf diese letzten Stimmen von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs hören wollten…

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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