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Archive for the ‘Veteranen’ Category


In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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Ihren zehntägigen Besuch in Erlangen, der heute zu Ende geht, verstand die Schülergruppe unter Leitung von Ludmila Mironowa als Friedensmission, als Reise in ein Land von Freunden, die einmal Feinde gewesen, und mit denen man ungeachtet aller politischer Unstimmigkeiten den vertrauensvollen Austausch fortsetzen und ausbauen möchte. Mehr als nur hehre Worte und Absichten, wenn man sich das Programm der letzten Tage ansieht, etwa mit der Exkursion nach Berlin und der Besichtigung des Treptower Parks, wo wie nur an wenigen Orten bedrückend eindrucksvoll zu erleben ist, wozu Krieg führt.

Die Gruppe im Treptower Park

Hierzu gehört der gestrige Abstecher ins Emmy-Noether-Gymnasium mit der Beauftragten für den Wladimir-Austausch, Michaela Spörl, und die gemeinsame Gestaltung der Partnerschaftsvitrine mit den Erlanger Gymnasiasten oder der gruppenweise Besuch des Unterrichts, zumal hier auch das Wahlfach Russisch auf dem Stundenplan steht.

Die Gruppe im Emmy-Noether-Gymnasium mit Michaela Spörl, 1. v.l., 2. Reihe

Besonders aber der Abschiedsabend bringt dieses Friedensmotto überzeugend zum Ausdruck. Mit Blumen und Bewirtung für die überraschten Gastgeber, mit Dank an sie alle und mit Lob für die gute Organisation des Programms.

Die Gruppe mit den Gastgebern im Club International

Vor allem freilich mit dem Vortrag von Alexej Aljochin, heute Student der Wirtschaftswissenschaften in Moskau, der als Schüler von Ludmila Mironowa ehemalige deutsche Kriegsgefangene und deren Angehörige auf deren Spurensuche nach den letzten noch auffindbaren Zeugnissen der deutsch-russischen Vergangenheit aus Kriegs- und Nachkriegszeiten begleitet. Von diesem Erfahrungsschatz, der spürbar auf seine menschliche Entwicklung einwirkte, berichtet der in klarem Deutsch vortragenden Referent am Beispiel von Herbert Mainka, der den Lebensweg seines Vaters in Gefangenschaft nachzeichnen will. Vieles davon ist hier im Blog nachzulesen. Aber diese Episoden einer deutsch-russischen Annäherungen sind, vermittelt von einem Nachgeborenen, dann doch von ganz anderer Qualität.

Ludmila Mironowa und Alexej Aljochin

Dazu sollte man eines wissen: Alexej Aljochin hat sich eigens für diesen Vortrag von den Vorlesungen und Seminaren in Moskau befreien lassen und stieß erst vor vier Tagen zu der Gruppe. Allein dies Beweis genug dafür, wie sehr ihm seine Mission mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden sein muß.

Im Vortragssaal

Und dann die Begegnung mit Wolfgang Morell, Jahrgang 1922 mit dem jungen Mann in dem Alter, als der Rekrut 1941 eingezogen wurde und an die Ostfront kam, wo er schließlich auf dem Rückzug von Moskau in Gefangenschaft geriet. Lebend nur, weil sein Karbiner in der Januarkälte von 1942 bei -42° C versagte, mit dem er sich hatte erschießen wollen, um den sichergeglaubten Folterungen mit anschließender Hinrichtung zu entgehen. Und am Leben blieb er nur, weil der Wehrmachtssoldat via Moskau, dort auf den Tod erkrankt, im Militärhospital von Wladimir gesundgepflegt wurde.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Zusammen mit 17 weiteren Kameraden, von denen einer dann Wolfgang Morell unbeabsichtigt wiederum das Leben rettete, weil er es mit den Worten „Du schaffst es eh nicht mehr nach Hause, du bist doch bald tot“ auf das Brot des Zimmergenossen abgesehen hatte, der dieses unter dem Bettkissen hortete, während er sich wegen Dysenterie nur noch von Flüssigem ernährte. Erst dieses Verdikt des Landsmanns brachte den aus Breslau stammenden Wahlerlanger zur Besinnung und ließ ihn zum Brot greifen. Und dann all die anderen Stationen, die Wolfgang Morell auf seinem siebenjährigen Marsch durch sowjetische Lager hinter sich brachte, immer mit der jeweils bestmöglichen medizinischen Versorgung. Nicht von ungefähr schätzt er sich denn auch glücklich, als Wehrmachtssoldat in russische und nicht als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft geraten zu sein. Er weiß, wovon er redet. Der eigene Vater beaufsichtigte – bis er es nicht mehr ertrug – ein Lager für Gefangene der Sowjetarmee: „Schrecklich, unbeschreiblich, was wir diesen Menschen angetan haben!“ Ihm stockt die Stimme. Der Wehrpflichtige hatte diese Apokalypse mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte er da hoffen dürfen, die Kommunisten würden mit den Faschisten anders verfahren. Und doch war es dann so.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Nur Episoden können an einem solchen Abend wiedergegeben werden. Aber zwischen den beiden Referenten ist da etwas Tiefes gewachsen, das sich in Worten nicht mitteilt. Ob sie in Kontakt bleiben, wissen wir nicht, aber es bleibt dieses gegenseitige Verstehen im Blick beider Vertreter dieser so unterschiedlichen Generationen – und die Gewißheit, nicht nur diese zwei, sondern alle Anwesenden vergessen die Botschaft dieses Abends nie, gerade auch am Ende eines Tages, an dem leider all der Opfer von Kertsch zu gedenken ist.

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Als nach der Schlacht um Stalingrad für die vielen Gefangenen der Wehrmacht neue Lager notwendig wurden, richtete man überall in der Sowjetunion auch Hospitäler ein, oft gegen den erklärten Willen des medizinischen Personals, das ansteckende Krankheiten wie Fleckfieber fürchtete. So geschehen auch in der Region Wladimir, in der Kleinstadt Kameschkowo, wo man ein bereits bestehendes Krankenhaus für Rotarmisten auf Befehl von ganz oben für die Aufnahme vor allem von erkrankten Deutschen, Österreichern, Italienern, Rumänen und Ungarn umfunktionierte. Ungeachtet aller Not konnte vielen von ihnen geholfen werden, wie Friedhelm Kröger oder Arthur Mainka, von deren Schicksal im Band „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu lesen ist.

Ludmila Mironowa, Herbert Mainka, Alexej Aljochin und Swetlana Kudrjaschowa im Museum des einstigen Hospitals

Der einstige Schüler von Ludmila Mironowa und heutige Student in Moskau, Alexej Aljochin, vertiefte sich schon früh in diese Thematik, traf sich mit Zeitzeugen und Angehörigen von Kriegsgefangenen, schrieb eine Arbeit zu dem Komplex, den er auch schon mehrfach vor Publikum, u.a. in Erlangen, präsentierte. Nun kommt der Gast aus Wladimir erneut in die Partnerstadt und hält bei freiem Eintritt und in deutscher Sprache am Mittwoch, den 17. Oktober, unter dem Titel „Hospital für Kriegsgefangene in Kameschkowo bei Wladimir“ um 19.00 Uhr einen Vortrag in der Volkshochschule, Raum 12, 1. Stock, Friedrichstr. 17. Eine seltene Gelegenheit, dieses für das Verständnis der deutsch-russischen Geschichte so wichtige Kapitel in Erinnerung zu rufen.

Mehr zu dem Thema unter: https://is.gd/RHKwp7

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Tscherkutino, ein 1000-Seelen-Dorf, etwa 60 km nordwestlich von Wladimir gelegen, ist die Heimat dieses Kriegsveteranen. Sergej Skuratow sah ihn 2016 so. Damals war der einstige Späher in der Roten Armee 93 Jahre alt. Bis zu seinem 90. Lebensjahr beschäftigte er sich mit der Imkerei. Was er jetzt tut, ob er überhaupt noch lebt, wie er heißt? Wir wissen es nicht. Aber wir haben dieses Bild, das viel mehr erzählt.

Runzeln und Falten: Schützengräben der Zeit, Lebensadern, gefurchte Erinnerung. Gespinst aus Haaren, gebleicht im späten Schatten der Jahre. Nachtgestreiftes Garn der Vergangenheit. Augen, die erst in der Betrachtung zeigen, was sie sehen. So verborgen der Mund, so gerne schenkte man ihm Gehör. Verlust des nie Gesagten, des Ungehörten. Ein Versprechen, ohne sich versprochen zu haben. Der Rest ist Schweigen.

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Nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau, deren Pflege ihn während der letzten Jahre derart in Anspruch genommen hatte, daß er es sich versagte, sie auch nur für kurze Zeit alleine zu lassen und die Einladung anzunehmen, noch einmal nach Wladimir zu reisen, folgte ihr nun gestern Alfons Rujner selbst auf seinem letzten Weg. Ein Menschenfreund von hohen Gnaden ist mit ihm für immer gegangen, ein nie verzagter Streiter für die gute Sache der Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschen und Russen, der als Vermächtnis hinterläßt, sich bedingungslos für den Frieden einzusetzen. Denn er hatte ihn am eigenen Leib erlebt, den Krieg und dessen verheerende Macht, die er über des Menschen Denken, Fühlen und Handeln entwickelt.

Philipp Dörr, Alfons Rujner und Kurt Seeber, Berlin, im November 2010

Das jüngste von fünf Kindern eines Bauarbeiters absolvierte auf Betreiben der Mutter im Rathaus von Stettin eine Verwaltungslehre, fand sich aber schon mit 16 Jahren beim Katastrophenschutz der Hitlerjugend wieder, „wo man oft nur noch Tote bergen konnte“. Essen gab es 1943 auf Marken, die älteren Brüder waren schon an der Ostfront, die Stadt lag in Schutt und Asche. Anfang Februar 1945 dann, die Lehre gerade vorfristig beendet, meldet sich der Inspektoranwärter auf Betreiben des Personalchefs und gegen den Willen der Mutter freiwillig zum Militär, zum „letzten Aufgebot“, erhält eine dreiwöchige Kurzausbildung und steigt Ende März in einen Truppentransporter Richtung Slowakei / Ungarn. Die Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, berüchtigt als der „blutige Ferdinand“, war längst in Auflösung begriffen, doch der fanatisch grausame Befehlshaber gab die Devise aus: „einigeln und ausharren“. Viel mehr als das Aushaben von Schützenlöchern können die Jungspunde freilich nicht mehr tun. Die Stalinorgeln zeigen bald ihre verheerende Wirkung:

Es war furchtbar. Nicht beschreibbar. Nicht vergleichbar. Nie wieder habe ich solchen Schrecken, eine so tiefe Angst erlebt. Die Schreie der Verwundeten, das Getöse der Granaten, die Rufe der Kameraden, die Befehle, alles ging in eins unter.

Alfons Rujner bei der Präsentation des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Dezember 2015 in Erlangen

Verhetzt von der Nazipropaganda, stellte sich der Jüngling in Uniform den Bolschewisten als gehörntes Ungeheuer vor. Man mag sich die Befürchtungen deshalb gar nicht vorstellen, als er Anfang Mai, nach gerade einmal 68 Tagen an der Front, in der Oberpfalz von US-Truppen gefangen genommen und dann vereinbarungsgemäß an die Sowjetarmee überstellt wurde. Und dann dies: Die Russen gaben ihm zu essen – und das obwohl die Wehrmacht auf ihrem Rückzug, wie Alfons Rujner beschämt auf der langen Strecke ins Lager von Wladimir via Brjansk und Moskau zu sehen bekam, verbrannte Erde hinter sich gelassen hatten. Bereits auf dem Transport änderte sich die Weltsicht des noch Minderjährigen grundlegend.

Die alten Ideen hatten sich als falsch erwiesen. Wem hatte Deutschlands Großmannssucht genutzt? Wer hatte dafür bezahlt? Wie viele Millionen Menschen waren für die irrwitzigen Pläne von der Eroberung neuen Lebensraums verblutet? Diese Fragen stellten sich mir. Und ich versuchte, auch in der Folgezeit in Wladimir darauf eine Antwort zu finden.

Alfons Rujner im Gespräch mit Erlangens Oberbürgermeister, Florian Janik, im Oktober 2017

Seine Antwort kann man nachlesen in der autobiographischen Schrift „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, in vielen Leserbriefen und Artikeln, er gab sie bei ungezählten Auftritten an Schulen – und sie liegt dem Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zugrunde, der seinen Titel den Worten verdankt, die eine alte Frau in Wladimir Alfons Rujner im September 1948 beim Abtransport in die Heimat zugerufen hatte. Seine Antwort schwingt in dem gleichnamigen Theaterstück nach, dessen Aufführung der Veteran – ebenso wie die Präsentation des Buches – in Erlangen noch erlebte. Seine Antwort ist verborgen in dem Koffer aus Wladimir, den er am 8. Mai d.J. dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst übergab. Seine Antwort verbündet und verbindet aber vor allem jene, die ihm je begegneten, ihn begleiteten und sich ergreifen ließen von seinem so zugewandten Zeugnis für den Frieden.

Museumsdirektor Jörg Morré und Alfons Rujner bei der Übergabe des Koffers am 8. Mai 2018 in Berlin-Karlshorst

Alfons Rujner ist nun, neunzigjährig, dort angelangt, wo kein Krieg mehr herrscht und auch kein Hunger. Möge er ruhen in Frieden.

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Wer regelmäßig den Blog liest, kennt die Geschichte, wie aus den Erlebnissen von Wolfgang Morell und Claus Fritzsche, festgehalten im Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ein Theaterstück wurde. Nun veröffentlichte die erste Juni-Ausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung – sie erscheint zweimal im Monat mit einer Auflage von etwa 25.000 Exemplaren – einen Artikel unter dem Titel „Wo Geschichte zu Theater wird und Theater zu Geschichte führt“. Damit erfahren alle Beteiligten ebenso wie das Sujet selbst noch einmal die verdiente überregionale Würdigung. Leider freilich auch als Nachruf zu lesen, nicht nur, weil Claus Fritzsche die Aufführungen des Stücks nicht mehr erlebte, sondern weil die Klasse am Gymnasium Nr. 1 in Nischnij Nowgorod mittlerweile auseinandergegangen ist und dieses zeithistorische Werk – zumindest in dieser Inszenierung – nicht mehr auf die Bühne kommt.

Hier deshalb der Link zum Artikel https://is.gd/Vk0gRz, und da geht es per youtube zur Vorschau der Theaterrevue https://is.gd/dwvsUs, heute eben nur noch eine Nachschau.

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Gestern verstarb im Alter von 95 Jahren Pawel Mochow, der sich im Juni 1941 freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatte und nach Abschluß der zweijährigen Panzerfahrerausbildung an die Front ging. Vielfach dekoriert nahm der spätere Oberst an der Befreiung der Ukraine, Polens und der Tschechoslowakei teil. Den Sieg über die Wehrmacht erlebte er, verwundet, in Prag. Geboren 1923 in der Region Rjasan, diente Iwan Mochow noch in Rumänien, Moldawien, Moskau, Alma-Ata, am Aralsee und Bajkonur, bevor er sich 1970 in Wladimir niederließ und hier seinen Ruhestand genoß.

Iwan Mochow und Wolfgang Morell am 22. Juni 2011

1991 übernahm Pawel Mochow die Leitung des Wladimirer Veteranenvereins im Stadtteil Leninskij, 2005 wählte man ihn zum Vorsitzenden des Verbands der Frontkämpfer. Er war einer, die das Erinnern an die Schrecken des Krieges wachhielt – im Gespräch mit der jungen Generation und im Austausch mit den einstigen Feinden, den Veteranen aus Erlangen.

Wolfgang Morell, Iwan Mochow, Sergej Sacharow, Andrej Schochin, Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Preuß am 22. Juni 2011 auf dem Platz des Sieges

Ob öffentlich auf dem Platz des Sieges oder im privaten Gespräch, Pawel Mochow streckte den Deutschen immer die Hand zur Versöhnung aus und wünschte sich ein enges Bündnis zwischen beiden Ländern, um gemeinsam gegen die Vormacht der USA bestehen zu können. Auch wenn diese Hoffnung zu seinen Lebzeiten nicht mehr in Erfüllung ging, hat sich der Veteran in vorderster Front große Verdienste um die Verständigung zwischen Russen und Deutschen erworben. Wenn Wladimir morgen in der Kasaner Kirche auf dem Platz des Sieges von dem einstigen Rotarmisten Abschied nimmt, trauern mit den Angehörigen auch seine Freunde in Erlangen.

 

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