Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Veteranen’ Category


Die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen, und erst recht nicht gilt, was ein gewisser Herr einer faschistoiden Partei wider besseres Wissen über die Periode des Dritten Reiches im Rahmen der deutschen Geschichte absonderte. Die Folgen der Nazi-Diktatur sind längst nicht überwunden, und selbst wenn es immer weniger Zeitzeugen gibt, bleiben Fragen und Wunden bei uns allen zurück, besonders aber bei Hinterbliebenen. Vor allem dann, wenn, wie im Falle von Arthur Biedermann, keine Gewißheit über ihr Schicksal herrscht.

Seit Jahren schon versuchen die Enkelin und ihr Mann, Klarheit über Leben und Tod des Wehrmachtssoldaten zu gewinnen, dessen Spur sich in Wladimir verliert. Zunächst mit Hilfe des Roten Kreuzes, dann über die Städtepartnerschaft. Doch alles, was mit viel Geduld und Warten gelang, war, neben der Akte des Kriegsgefangenen folgende Auskunft des Zentralen Militärarchivs in Moskau zu erhalten:

Auf Ihre Anfrage an das Russische Zentrale Kriegsarchiv können wir Ihnen mitteilen, daß es einen Vorgang und einen Vermerk zu einem polnischen Soldaten der deutschen Armee mit Namen Arthur Otto Biedermann, geb. 1904 in Konkolewo, Polen, gibt. Nach seiner Gefangennahme am 18. April 1945 in der Nähe von Cottbus befand er sich im Kriegsgefangenenlager Nr. 190, Abteilung 29, in der Region Wladimir. Am 9. September 1945 wurde er vom Lager Nr. 190 in das Sonderhospital Nr. 2989 in Kameschkowo, Region Wladimir, verlegt. Am 15. November 1945 wurde er in die Heimat entlassen. Es liegt ein Verzeichnis von kriegsgefangenen Deutschen vor, transportfähig für die Überstellung aus dem Sonderhospital in das Repatriierungslager Nr. 69 in Frankfurt / Oder zur Rückkehr in die Heimat im November 1945 eingestuft. In dem Verzeichnis sind deutsche Kriegsgefangene (aber keine polnischen, wie in Ihrer Anfrage aufgeführt) aufgelistet. Der gesuchte Pole, Arthur Otto Biedermann, geboren 1904, findet sich nicht in dem Verzeichnis. Er fehlt auch im Verzeichnis der Kriegsgefangenen, die aus dem Lager Nr. 190 im November 1945 in die Heimat abtransportiert wurden. Andere Informationen sind nicht vorhanden.

Bei den Verwandten in Frankfurt / Oder bleiben Fragen: Was ist mit diesen Menschen, die nicht in den Listen nach Frankfurt (Oder) aufgeführt sind, geschehen? Wurden die nicht gelistet, oder sind die Listen abhandengekommen? Wohin wurden diese Männer transportiert? Gab es Transporte nach Polen?

Fragen, die vielleicht eine Antwort in Archiven der Partnerstadt Wladimir finden. Fragen, die auch der detaillierte Befragungsbogen (s.u.) des Schützen Arthur Biedermann mit seiner Narbe von einer Blinddarmoperation, den man nachträglich zum Polen deklariert hatte, weil er auf dem Gebiet der jetzigen Republik Polen geboren wurde. Die Vergangenheit ist eben noch lange nicht abgeschlossen. Die Suche geht weiter. Möglicherweise noch lange und mit ungewissem Ausgang.

Read Full Post »


Gestern hier im Blog der Friedensbrief des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelknogow, heute die Kranz-Friedenstour von Stefan Semken, der nach bisherigem Plan vom 2. Mai bis Mitte August mit zwölf Motorrädern 38 Städte anfahren wird, um im 75. Jahr des Kriegsendes die deutsch-russische Versöhnung sichtbar zu machen. Auch wenn eine Erlanger Delegation am 9. Mai einen eigenen Kranz in Wladimir niederlegen wird, könnte, so mit dem Initiator besprochen, die rollende Mission am 13. Mai, auf ihrem Weg von Nischnij Nowgorod nach Moskau, auch in der Partnerstadt einen Zwischenhalt einlegen und Ihren persönlichen Kranz niederlegen. Vielleicht aber haben Sie auch eine persönliche Bindung zu einem der anderen angefahrenen Orte. Doch lesen Sie erst einmal den Brief und vor allem den pdf-Anhang. Lesen Sie und staunen Sie, was persönliche Initiative alles an Gutem bewirken kann:

Florian Janik, Oberbürgermeister von Erlangen, bei seiner Ansprache am 9. Mai 2015 auf dem Platz des Sieges in Wladimir

Liebe Freunde der D-RU-Völkerverständigung,

mein Name ist Stefan Semken. Ich bin seit 60 Jahren Bremer und habe vor fast zwei Jahrzehnten meine Ehefrau und meine Zweitheimat hinterm Ural gefunden.

Dort halte ich mich jedes Jahr zwischen April und Oktober auf und widme mich der Völkerverständigung zwischen Rußland und dem Rest der Welt – momentan nicht der einfachste Job.

Freunde aus der ganzen Welt unterstützen mich dabei, wenn ich Charity-, Kultur- oder Sozialprojekte plane und verwirkliche. Die Russen danken es mir auf ihre Weise: Ich war der einzige Deutsche, der 2015 öffentlich am 9. Mai auf zwei Paraden sprechen durfte; über 500 Russen gaben mir ein Mandat, damit ich ihre Interessen vor dem EU-Parlament vertreten in einer Umweltschutzangelegenheit konnte, RU-TV-Interviews, etc. Bei Interesse finden Sie weitere Informationen auf meiner Webseite: www.d-ru-schba.jimdosite.com

Für das Jahr 2020 plane ich neun kleinere neue Völkerverständigungsprojekte. Hier soll aber nur bezüglich Projekt Nr. 9 die Rede sein, weil ich dieses ohne Hilfe aus Deutschland allein nicht verwirklichen kann. Es geht um eine Kranz-Friedenstour 2020, die uns nach Rußland, Weißrußland und Kirgistan führen wird.

Für diese Tour suche ich Personen, Firmen oder Vereine die auf den Schleifen genannt werden möchten. Mein Hamburger Freund, Jürgen Grieschat, und ich suchen deutsche Partner, die eine besondere Beziehung zu Rußland, Weißrußland oder Kirgistan und/oder zu der dortigen Bevölkerung haben. Durch uns soll Ihnen die einmalige Möglichkeit gegeben werden, zum 9. Mai 2020 in 45 Städten Rußlands und Weißrußlands der ansässigen Bevölkerung vor Ort Ihre Anteilnahme auszudrücken.

Eine ausführliche Tourbeschreibung ist als PDF angehängt.

Kurze Ergänzung: Es geht nicht um Geld – es geht um MITMACHEN! Zögern Sie bitte nicht, mich bei aufkommenden Fragen zu kontaktieren.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Idee unterstützen. Im Gegenzug garantieren wir, daß die Tour professionell, unpolitisch und in Demut durchgeführt wird.

Viele Grüße aus Bremen

Stefan Semken +49 421 2080 5212   ||   +49 1520 725 15 30

Kranz_Tour_RU 2020

P.S.: Fernmündlich und per E-Mail teilte Stefan Semken noch Details mit, die seine Mission weiter konkretisieren:

  • Vom Bürgermeister der Stadt Linz (A) bin ich beauftragt, einen Linz-Kranz in Nischnij Nowgorod abzulegen;
  • die Eberhard-Schöck-Stiftung macht mit;
  • die DIHK aus Berlin, vertreten durch Maxi Hülsen, informiert demnächst ihre über 900 D-RU-Alumni über meine Tour;
  • das ARD-Studio Moskau, vertreten durch Kristina Romanowa, will uns etwa drei Tage in und um Wolgograd begleiten; es sind Live-Übertragungen auf PHÖNIX am 9. Mai und ein Bericht im WELTSPIEGEL am 10. Mai geplant;
  • ein Abgeordneter des Bundestages wird als Privatperson neben vielen netten Menschen mehr aus Österreich, Rumänien, Italien, Ungarn und Deutschland erwartet.

Read Full Post »


Die Veröffentlichung eines Briefes ist immer so eine Sache. Es gilt ja gerade auch für den Blog das Fernmeldegesetz. In der Redaktion gab es deshalb durchaus kontroverse Ansichten beim Eintreffen des Schreibens des Weltkriegsveteranen, Nikolaj Schtschelkonogow. Doch bei der folgenden Epistel aus Wladimir handelt es sich um ein Zeitzeugnis, um nicht zu sagen um ein Manifest, das nicht im Ordner „Persönliches“ verschwinden sollte. Urteilen Sie selbst.

Lieber Peter!

Lassen Sie mich der Führung Ihrer herrlichen Stadt und Ihnen persönlich für die Organisation einer meiner weiteren Reisen zu Ihnen, für die Fahrt nach Erlangen, meine aufrichtige und herzliche Dankbarkeit aussprechen. Alles ereignete sich so rasch und unerwartet.

Damals bei dem Musikabend (am 6. September 2019 in Wladimir, Anm. der Redaktion) erinnerte ich einfach nur an die Absicht von Fritz Rösch, mich irgendwohin zu bringen. Aber ich hätte doch nicht im Ernst an eine solche Reise zu denken gewagt, und dann war ich ja auch ängstlich; schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste. Seit meinem Militärdienst auf dem Gebiet der DDR sind 62 Jahre vergangen, und in Erlangen war ich zuletzt vor elf Jahren. In dieser Zeit hat sich viel verändert, eine phantastische Idee also.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Johanna und Paul Sander vor dem Konzert

Natürlich freute ich mich über die Maßen, noch einmal die Familien derer zu besuchen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben geschieden waren, unsere gemeinsamen Freunde wiederzusehen, all die Veteranen verschiedener Kategorien noch einmal zu treffen, mit der russischen Diaspora und den Freunden Rußlands in den vielen Städten zusammenzukommen und einen herzlichen Empfang auf allen Ebenen zu erleben.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Fritz Rösch und Ulrich Girschner

Ihnen allen wollte ich noch einmal meine tiefe Dankbarkeit aussprechen, ihnen die besten Wünsche der Veteranen aus Wladimir überbringen, die zu vertreten ich das Glück habe. Sie hegen größte Hochachtung für das Volk Deutschlands, vor seiner Kultur, seinen Sitten und Bräuchen, vor der internationalen Autorität des Landes. Wir sind für den Frieden, für die Freundschaft, für die Sicherheit der Völker, für die Ungestörtheit und das Glück der ganzen Menschheit.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschekonogow

Bei uns hat jetzt die aktive Vorbereitung auf die Organisation und Durchführung der Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes begonnen. Ich erinnere mich an die Maitage des Jahres 1945 und die ersten Begegnungen mit Zivilisten im Umkreis von Zerbst. Wie die Menschen da erleichtert aufatmeten, weil der Krieg endlich vorüber war. Heute komme ich jeden Tag mit Jugendlichen, Schülern und Veteranen zusammen. Sie fragen dann immer: „Wie war es denn dort, in Deutschland?“ Worauf ich vor allem auf diese erstaunlich umfangreiche Arbeit zu sprechen komme, die notwendig war, um meine Reise zu ermöglichen, die so warmherzig und gelungen verlief. Und sie wurde ja auch zu einem bezeichnenden Ereignis, einem Parameter für die Gründlichkeit, Genauigkeit und Zuverlässigkeit, angelegt im Charakter der Deutschen. Das kam schon in der Nachkriegszeit klar zum Ausdruck: „Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Bitte übermitteln Sie nochmals allen-allen meine tiefe Dankbarkeit und Verbundenheit für die herzliche und freundschaftliche Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. Offen gestanden, träumte ich nach meiner Rückkehr mehrere Nächte hintereinander von dieser Reise, und beim Aufwachen fühlte ich mich jedes Mal, als hielte ich mich noch in Deutschland auf. Erst nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, wurde mir klar, zu Hause im Bett zu liegen. Und dank allen Heiligen bewahren wir füreinander die Freundschaft.

Ich gebe zu und sehe ein, nur ein alter Mann zu sein, ein einfacher Mensch ohne große Bedeutung. Doch wenn diese Reise auch nur ein klein wenig dazu dienen sollte, die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Städten und damit auch unserer beiden Völker, der Russen und der Deutschen, zu festigen, kann ich meinem Schicksal unendlich dankbar sein. Friede und Wohlergehen Ihnen allen und dem deutschen Volk eine blühende Zukunft.

Hochachtungsvoll, Nikolaj Schtschelkonogow (16.12.2019)

Nachzulesen ist das Protokoll der Reise des ehemaligen Rotarmisten nach Deutschland im Blog vom 28. November bis 7. Dezember 2019.

Read Full Post »


Das Datum 22. Januar 1942 hätte in meiner Todesanzeige stehen können: „19 Jahre alt, gefallen vor Moskau für Führer, Volk und Vaterland…“ Dabei wäre ich den Heldentod gar nicht gestorben, sondern ein Opfer der NS-Propaganda gewesen. Doch ein gütiges Schicksal hatte Einspruch eingelegt!

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow am 1. Dezember 2019

Noch am Vorabend hatten wir im Kameradenkreis an der Front diskutiert, ob man im Ernstfall in Gefangenschaft gehen solle. Anlaß war der Bericht eines gerade zu unserer Einheit gestoßenen Funk-Feldwebels, der um ein Haar den Partisanen in die Hände gefallen wäre. Wir alle waren uns einig in der uns immer wieder eingetrichterten Überzeugung: Die Russen machen keine Gefangenen! Schließlich habe man ja immer noch seine Waffe bei sich, mit der man Grausamkeiten durch Selbsttötung ausweichen könne!

Schon 15 Stunden später stand ich vor eben dieser Situation: Bei 42° C Kälte in etwas verstärkter Sommeruniform bezog ich nachts für zwei Stunden einen Horchposten. Da schnitt uns dreien eine Skipatrouille den Rückweg ab. Die halbe Nacht irrten wir in der eisigen Schneewüste umher, um unsere Einheit wiederzufinden.

Im Morgengrauen wurden meine beiden Kameraden von einem Trupp zu Pferde vor meinen Augen aufgegriffen. Etwa drei Stunden später bemerkte ich, wie ein Skitrupp auch meinen Spuren folgte, nun war die Zeit gekommen, sich Gedanken um die nächste – die letzte –  halbe Stunde zu machen. Die Diskussion am Vorabend war noch ganz lebendig. Flucht oder Verteidigung kamen nicht infrage. Mein Entschluß stand fest. es ging nur noch um das Wie! An meine Eltern, meine Heimat verbot ich mir, zu denken, denn das hätte mich von meinem Entschluß womöglich noch abgebracht.

Auf einer Waldlichtung trat ich mir ein Loch in den Schnee, setzte mich auf den Rand und nahm meinen Karabiner 98k nach dem Entsichern zwischen die Beine. Erst im letzten Moment, als die ersten „Russen“ ca. 5 m entfernt waren, drückte ich auf den Abzug…  Nichts… Völlige Verwirrung! Auf ein energisches „Ruki werch!“ hob ich die Hände, in der einen noch das Versager-Gewehr. Ein älterer „Mongole“ nahm es mir dann ruhig aus der Hand, legte mir seine auf die Schulter und sagte mir etwas im Tonfall Beruhigendes. Ich hatte es ausschließlich mit „Schlitzaugen“ zu tun, die bei uns für besonders grausam gehalten wurden… Ein normales Verhör mit einem Wörterbuch schloß sich an, ohne Gewaltanwendung, ohne Haß, pure Neugier, Gelächter über meine spärliche Bekleidung. Von den 25 R6-Zigaretten, die man mir abgenommen hatte, bekam ich noch etwa zehn zurück, nach Verteilung der übrigen an die Raucher! Eine wahrhaft anständige Behandlung, wie ich sie auch später noch auf weiten Strecken, besonders im Wladimirer Militärkrankenhaus und im Spezialhospital Nr. 388 für lungenkranke Kriegsgefangene in Moschga / Kasan erfuhr.

Die grauenhaften Verhältnisse an der Front, vertieft durch eklatante Mängel bei Bekleidung, Ausrüstung und Treibstoffversorgung, die abenteuerliche Art, wie ich „dem kriegerischen Geschehen entzogen worden war“ und der überraschend friedliche Empfang durch den Feind brachten mich schon nach Tagen, Wochen und Monaten der Besinnung zu Erkenntnissen, die das eingeübte Freund-Feindbild allmählich wanken ließen… In diesem Sinne hier noch einige Gedanken zum Thema „Frieden“:

In meinem ersten Kriegsgefangenenlager Krasnogorsk trat im August 1942 ein deutscher Hauptmann mit der damals noch völlig unrealistischen Forderung nach einem unverzüglichen Friedensschluß auf. Er erntete (verhaltene) Buhrufe! Welche ungeheuren Verluste wären uns und der Welt erspart geblieben, wäre es damals wirklich zu einem akzeptablen Frieden gekommen!  Doch es bedurfte erst der totalen Niederlage, weiterer Millionen Toter und ungezählter Ruinenstädte, bis uns der Friede von außen aufgezwungen wurde!

In Deutschland und in der Welt hat vor 75 Jahren der Frieden Einzug gehalten, aber nicht überall gehalten. Noch vor Verheilen der alten Kriegswunden flammen in fast allen Teilen der Welt erneut Kriege und Bürgerkriege auf, die ein erschreckendes Maß angenommen haben, auch wenn sich – selten genug, wie für Libyen – Anfangserfolge für eine Befriedung andeuten.

Wir müssen in Deutschland jetzt erleben, wie die leid- und opfervollen Erfahrungen schon bei der zweiten und dritten Generation in großem Umfang verblaßt oder vergessen sind. Hier hat die Generation der Zeitzeugen in vielen Familien im Zuge einer Verdrängung zu wenig an Erlebtem vermittelt, während dieser „Stoff“ an den Schulen oft nur halbherzig unterrichtet wird. Und tatsächlich berichtete ja auch Julia Obertreis, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa, bei ihrem Vortrag zur Eröffnung der Russisch-Deutschen Woche, sie müsse in den ersten Semestern in Sachen Zweiter Weltkrieg vielfach fast bei Null beginnen.

„Ohne die Völker lassen sich Kriege nicht führen“, lautete bis heute unsere Überzeugung. So kam der „Friede in Bewegung“ und ergriff unsere Städtepartnerschaften, die all die Absurdität von Kriegen beispielhaft aufzeigen. Nun sehen wir allerdings eine Entwicklung heraufkommen, welche die Bedeutung der Volksdiplomatie in kriegerischen Auseinandersetzungen schrittweise herabsetzen wird: Cyberkrieg, Drohneneinsatz, alles Entwicklungen, die es den ja von einer elementaren Friedenssehnsucht geleitet Menschen noch schwerer machen werden, sich für die Bewahrung des Friedens zusammenzuschließen und stark zu machen. Es könnte künftig noch größerer Staatskunst bedürfen, den Frieden gegen Unvernunft, Eroberungslust, Rachgier und Raffgier zu verteidigen! An dieser Stelle möchte ich meiner gefangenen Kameraden gedenken, denen das Glück der Heimkehr nicht mehr beschieden war.

Wolfgang Morell

Siehe u.a.: https://is.gd/ZSoFyA

Read Full Post »


Von Jan Hindrik Beuker (15. November 1910 bis 23. Januar 1983) war hier im Blog bereits die Rede: https://is.gd/x4cxFA. Er hinterließ für 1945 bis 1948 nur ganz kurze Kalendernotizen, entziffert von seinem Großneffen, Gerrit Jan Beuker, die Hinweise auf seine Aufenthaltsorte geben und die vielleicht letzte Chance bieten, noch Zeitzeugen zu finden, die sich an den Kameraden aus Oeveringen, heute Emlichheim, bei Neuenhaus, Kreis Bentheim, auf halbem Weg zwischen Hannover und Amsterdam an der niederländischen Grenze gelegen, erinnern können. Nun hat Gerrit Jan Beuker die Biographie des Wehrmachtsoldaten zusammengestellt, deren die Gefangenschaft betreffender Teil im Blog einer größeren Leserschaft vorgestellt werden soll.

Zwantien und Jan Hindrik Beuker, Heimaturlaub, 1941

Vom 5. bis 18. Februar 1945 war Jan Hindrik noch einmal im Urlaub in Oeveringen, wie sein Jahreskalender zeigt. Er schreibt am 16. Februar 1948 aus der Gefangenschaft:

Übermorgen ist es doch drei (Jahre) her, wo wir uns zum letzten Mal sehen durften. Daß ich Euch vor Kriegsende n. wieder sehen würde war mir klar, daß es aber so lange dauern würde dagegen nicht. Umso mehr bin ich aber erfreut, Dich in voller Frische auf dem Bild sehen zu dürfen, wofür wir Gott noch dankbar sein wollen u. müssen. Der Lenker aller Geschicke möge uns doch bald wieder zusammen bringen in guter Gesundheit.

1945 Gefangenschaft

Anfang Mai 1945 befindet er sich im heutigen Tschechien in der Gegend von Neutitschein (Nový Jičín), Zwittau, (Pardubice) und Deutschbrod (Havlíčkův Brod, bis 1945 Německý Brod, eine Stadt in Ostböhmen, in der Region Vysočina, 24 Kilometer nördlich von Jihlava). Hier wird die Einheit am 8. Mai 1945 eingekesselt. Er kommt, so schreibt er am 11.05.1945 in seinen Kalender, „dem Schein nach in amerikanische Kriegsgefangenschaft“ aber die Soldaten „werden am 12.05.1945 vom Amerikaner als Gefangene dem Russen übergeben“. Am 18. Mai notiert er: „Zuführung zum Lager Rudolstadt“ (zwischen Erfurt und Plauen), am 9. Juni 45 „Lager wird Internierten-Lager. Er trifft im Lager noch mindestens fünf Grafschafter, die er namentlich notiert. Im Juli 1945 geht es vom Gefangenenlager Rudolstadt ins Quarantänelager Neubistritz (Nová Bystřice) im heutigen Tschechien und von dort südlich ins Kriegsgefangenlager Döllersheim in Niederösterreich. Dort befand sich ein „großer Truppenübungsplatz“. Am 27. Juli werden die Gefangenen „verladen in Wagons zu 45 Mann“. Es geht über Budapest (31. Juli 1945) ins „Gefangenlager Aknas Latwina bei Szlatina“, wo die Gefangenen am 7. August 1945 ankommen. Die kroatische Stadt liegt an der Grenze zu Ungarn, nahe der Drau.

Der Gefangene notiert für die letzte Augustwoche 1945 „Woche der vielen und guten Parolen“ oder für die erste Septemberwoche „Hoffen und Harren“. Offenbar hat er den September dort im Lazarett verbracht. Er schreibt am 1. Oktober 1945 „Lazarettentlassung zum Arbeitskommando in der Lazarettwäscherei“. Am 13. November 1945 geht es für ihn „vom Arbeitskommando des Lazaretts zum Hauptlager“.

1946 in die Sowjetunion

In der zweiten Woche von 1946 wird er „vom Hauptlager Maros-Ziget verladen“ und „in Annez bei Kodno ausgeladen“ für ein „Holzkommando“.  Am 1. Juni geht es von Annez zur Verladung nach Elwa-Mika, am 7. Juni „in Galatsch [vielleicht Getscha, Sakarpazka, Ukraine, nordöstl von Debrecen, HU] ausgeladen. Umgeladen von Schmalspur auf Breitspur und am 11.6.46 ging der Transport weiter nach Kiew… in Gechatz am 22.6.46 ausgeladen.“ Am 22. Oktober 1946 vermerkt er das Sterben seines Freundes, Jan Lüppen Petersen, aus Emden.

Und „Am 24.12.46 m. 130 Mann verladen und am 29.12. ins Hospital Kamenzkowo (richtig Kameschkowo) eingeliefert,  200 km östlich Moskau, 40 km von Vladimir“.

Die Stadt liegt in der Kljasma-Nerl-Niederung, etwa 40 km nordöstlich der Oblasthauptstadt Wladimir, links der Kljasma, eines linken Nebenflusses der in die Wolga mündenden Oka.

1947 Torflager und Kanalbau

Dort verbleibt der Gefangene offenbar längere Zeit. Im Januar 1947 kommt er von Stube 6 auf Stube 8, im Juni von Bau 2 nach Bau 3. Vom 10. Juli bis zum 06. August 1947 arbeitet er in der „Küche“.

Heinz Bartl in Mesinowka

Am 10. August 1947 kommt er „von Kameschkowo ins Lager 7190/III mit dem Namen Mesinowka. Mesinowka war ein Nebenlager von Gus-Chrustalnyj, das Jan Hindrik einfach nur „Gust“ nennt. Mesinowka bzw. Mesinowskij wird öfter ein „Torflager“ genannt. Auch Jan Hindrik gibt an, hier als „Torfverlader“ gearbeitet zu haben (21. Dezember 1947). S. hierzu den Bericht von Heinz Bartl: https://is.gd/JKDGov

 

Er wurde „am 11. August 47 OK (nur für leichte Arbeiten einsetzbar) geschrieben“, „am 25. August 47 Kategorie 3 geschrieben“ und war danach offenbar etwas mehr als einen Monat in zwei Küchen tätig. Er notierte „Vom 28. Oktober – 21. November W. Müller Küche, vom 23. November – 2. Dezember Garnison Küche“.

„Am 21. Dezember 47 (wurde er) Kategorie 2 geschrieben, Torfverlader, vom 22. Dezember 47 als Zweier bis 12. Januar 48 (mußte er) Torf verladen. Vom 13. bis 24. Januar 48 (war er) als Zweier (im) Kanalbau (tätig), vom 25. Januar 48 an als Dreier.“

„Am 12. März (1948 kam offenbar eine) Heimfahrer-Kommiss. durch Major, Arzt v. Wlatim“ ins Lager. Vierzehn Tage später brachte man Jan Hindrik „am 25. März von 190/ III Menowka (Richtig: Mesinowka, ein Nebenlager, siehe 10. August 1947) nach Gust (richtig: Gus-Chrustalnyj, also das Hauptlager) 190/ IV (und zwar) mit 161 Mann“. Dort mußten offenbar 47 Kameraden zurückbleiben. Jan Hindrik schreibt: „Daselbst 47 gestrichen“.

Heinz Bartl, der das Lager Wladimir – Mesinowka 2011 besuchte, schreibt darüber im Blog:

Noch schwieriger gestaltete sich die Suche nach Überresten des ehemaligen Lagers in dem großen Waldgebiet. Witalij hatte uns gesagt, er sei vor 15 Jahren schon einmal hier gewesen und habe Fundamentreste gesehen. Vom Lager selbst war nun leider nichts mehr zu finden; die Natur hatte alle Spuren menschlichen Wirkens überdeckt. Den einzigen Hinweis auf das Torflager Mesinowka stellte die letzte Ruhestätte der dort verstorbenen ungarischen Kriegsgefangenen dar, die wir an der Stelle des ehemaligen Lagers fanden und von der wir tief beeindruckt waren. Leider gab es keinen Hinweis auf die in diesem Lager verstorbenen deutschen Kameraden. Es wäre wünschenswert, dass die Deutsche Kriegsgräberfürsorge auch an unsere verstorbenen Gefangenen erinnert.

Kontakt nach Hause und Heimkehr

Im April 1947 erhielt Beuker über zwei Jahre nach dem letzten Abschied wieder ein erstes Lebenszeichen seiner Frau und seiner Mutter. So schreibt er am 2. März 1948 in der letzten erhaltenen Karte vor der Heimkehr.

Seine Frau schreibt um 1990 im Rückblick:

1945 hier schon im April, endgültig aber erst im Mai ging der Krieg zu Ende. Mein Liebster war in der Tschechei. Den ersten Tag beim Amerikaner gelandet, welche Freude, aber o weh, den nächsten Tag den Russen übergeben.

Die Soldaten dort wurden wie eine Herde Kühe zusammengejagt. Unter freiem Himmel, unter Bäumen, mußten sie übernachten. Und es war noch kalt gewesen, dazu viel Regen. Anstatt nach Hause ging es immer weiter weg. Von der Tschechei nach Rumänien in 1946. Ich blieb ohne Nachricht von ihm 2 Jahre lang. Er wurde öfters krank und (war) nicht mehr arbeitsfähig, kam aber nicht nach Hause.

Schwere tägliche Holzarbeit im Wald und nachher Torfarbeit im Lager von Smolensk nahmen seine letzten Kräfte. Endlich im März 1948 kam seine Entlassung aus dem Lager in andere Lager, wo er dann doch OK geschrieben wurde.

Am 26. April 1948 kam er dann im Durchgangslager Friedland an. Am 27. April durften wir uns wieder in die Arme nehmen, an unserem 9. Hochzeitstag. Welche Freude war das!

Zeit der Ungewißheit

Im März 1946 meldete sich ein Kamerad von Jan Hindrik bei seinen Angehörigen:

Als ich Anfang Oktober vorigen Jahres von ihm gegangen bin, war er jedenfalls wohlauf und gesund. Wir waren lange Zeit in der Gefangenschaft zusammen, erst in der Tschechei und ab Ende Juli (1945) in einem Massenlager an der rumänischen Grenze. Wir hatten unsere Adressen ausgetauscht, um den Lieben zu Hause Nachricht zu geben, falls einer eher zurück kommt als der andere. Leider hatte ich mir die Adresse, jenen Zettel von Jan (Hindrik Beuker), so gut aufgehoben, daß ich ihn erst heute durch Zufall wieder fand, sonst hätte ich schon eher geschrieben.… Jans Sorge war immer sein Zuhause und ob seinem Haus oder Ihnen noch etwas passiert sein könnte. Gerne würde ich mal erfahren, ob Jan schon zu Hause ist oder sich schriftlich gemeldet hat.

Solche Briefe vergrößerten eher die Sorge. Am 15. November 1946 konnte Jan Hindrik mit einer russisch-französisch bedruckten Postkarte von Rotem Kreuz und Russischem Halbmond ein erstes Lebenszeichen geben. Wann sie in Oeveringen ankam, ist nicht bekannt.

Drei Monate später meldete sich ein Hermann Claas aus Sonderhausen mit einer maschinenschriftlichen Postkarte mit der Nachricht:

Ein Hindrik Beuker, der in russ. Kriegsgefangenschaft ist, hat an Sie einen Brief geschrieben, der bei der Redaktion der Zeitung „Tägliche Rundschau“, Berlin No 18, Am Friedrichshain 22, lagert. Die Zeitung bittet Sie, ihr mitzuteilen, ob ihre Adresse noch die richtige ist. Schreiben Sie daher der Zeitung Ihre jetzige Adresse mit der Bitte um Sendung des Briefes.

1947 ist über das „Rote Kreuz 2989, Moskau, UdSSR“ erstmals ein geregelter Postverkehr zwischen dem Kriegsgefangenen und seinen Angehörigen möglich, anfangs noch mit großen Einschränkungen, die aber im Laufe des Jahres weniger werden. Insgesamt 66 Karten und Briefe gingen hin und her und sind bis heute erhalten geblieben. Die Gefangenen durften anfangs gerade einmal 25 Worte (!!) schreiben. Die Korrespondenz mußte mit deutlich lesbaren Druckbuchstaben erfolgen, die Jan Hindriks Mutter z.B. nicht beherrschte. Das Lager (Wladimir?) trug jetzt die Nummer 2989.

„Beförderung der Antwort nur mit klarem Text u. deutl. Schrifttinte“, mahnt ein Stempel in roter Farbe die Angehörigen! Jan Hindrik hatte fast zwei Jahre nichts von seinen Angehörigen gehört! Im Februar 1947 trafen die ersten Karten aus Oeveringen bei ihm ein.

Im März 1947 erhielt seine Frau auf ihre wiederholte Anfrage hin endlich eine Postkarte aus Osnabrück vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Darauf heißt es:

Diese Mitteilung ist vertraulich. In Nachrichten an den Kriegsgefangenen darf von ihr kein Gebrauch gemacht werden. Ihr Angehöriger befindet sich vermutlich in einem Lager im Raum: Wladimir n.o. (= nordöstlich von) Moskau.

Wladimir, nordöstlich von Moskau

Wladimir liegt 190 Kilometer östlich von Moskau, hat heute 350.000 Einwohner und ist Partnerstadt von Erlangen. Hier gab es das Kriegsgefangenenlager 190 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs.

Zwantien hatte 1946 an viele Kameraden ihres Mannes geschrieben, soweit sie deren Adresse kannte. Viele waren vermißt, gefallen oder unbekannt verzogen.

1947 schrieb sie in der ersten Jahreshälfte praktisch jede Woche einen langen Brief. Darin erzählt sie alles, was sie erlebte, wer geheiratet hatte, krank oder verstorben war und vieles andere. Weil sie anfangs nicht wußte, welcher Brief ihn erreichte und welcher nicht, wiederholt sie manches auch zwei- oder dreimal!

Mit Juni 1947 schreibt auch Zwantien oft nur kurze Karten. Sie hat wohl die Hoffnung, diese kämen schneller durch die Zensur als lange Briefe. Und sie schreibt jetzt, wie auch ihr Mann schon seit Anfang des Jahres, in saubersten Druckbuchstaben, den Zensoren zuliebe! Ende Juli 1947 lautet die Lagernummer 190/3 oder auch 7190/3.

Ende Juli 1947 trägt Jan Hindriks monatliche Karte auch den Stempel „Briefe werden nicht befördert!“ Die Karten sind in der Zeit etwa einen Monat unterwegs.

Am 28. September 1947 gratuliert Zwantien ihrem Jan Hindrik schon einmal in der Hoffnung, Ihre Karte werde ihn bis zu seinem Geburtstag am 1. November erreichen:

Zu Deinem Geburtstag möchten wir herzlich gratulieren, sollte es Dir nicht vergönnt sein, dieses Jahr ihn noch in unserer Mitte zu feiern. Zwei Jahre war es uns nicht mal möglich, Dir einen Glückwunsch zu senden. Möchte doch nun auch bald der Tag der Freiheit für Dich anbrechen.

Heiligabend 1947 sind bei Zwantien und ihrer Mutter bestimmt Tränen geflossen. Genau an diesem Tag kam die erste und einzige bunt bemalte Karte ihres Mannes in Oeveringen an, die er am 5. Dezember 1947 geschrieben hatte. Die Karte spricht für sich, und sie war ein gutes Zeichen für die kommende Zeit.

Am 27. Dezember 1947 erbittet Jan Hindrik ein Bild seiner Lieben, weil ein Kamerad auch ein Photo seiner Familie erhalten habe. Er fragt weiter: „Wann habt Ihr 45 zum ersten Mal von meinem Leben erfahren? Oder war die Karte v. 15.9.46 die erste?“

Heimkehr 1948

Das Photo seiner Frau hat er etwa einen Monat vor seiner Entlassung, Mitte Februar 1948, erhalten. Und als Antwort auf seine obige Frage:

Die erste Nachricht von Dir erhielten wir Anfang Febr. 46. Ein kl. Zettelchen von Dir vom 11. Dez. 1945. Dann waren wir fast ein Jahr ohne Nachricht. Im Jan. 1947 erhielten wir dann die Karte vom 15.9.1946.

Er schreibt ihr am 18. Januar 1948: „In der Gefangenschaft ist es noch wie früher, jedoch hier etwas besser als in (Lager) 388“. Die letzte vorhandene Karte aus der Zeit schreibt Jan Hindrik am 2. März 1948 an seine Frau.

Genau an seinem neunten Hochzeitstag, am 27. April 1948, kam Jan Hindrik Beuker nach neun Jahren Krieg und Gefangenschaft wieder in Oeveringen an bei seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Die gesundheitlichen Folgen dieser Jahre belasteten ihn lebenslang. „Das Schlimmste war der schreckliche Hunger“.

Gerrit Jan Beuker

 

Read Full Post »


Den emotionalen Höhepunkt setzte Nikolaj Schtschelkonogow gestern morgen zum Ende seiner fast zweiwöchigen Reise in die eigene Vergangenheit mit dem Besuch der Roten Kaserne in Potsdam, wo er von 1951 bis 1957 stationiert war. Hierher holte er nach Stalins Tod 1953 seine Frau nach, von hier aus wurde er zur Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 nach Berlin kommandiert, wo sich aber bei seinem Eintreffen die Lage bereits beruhigt hatte, und hier, im Militärkrankenhaus von Beelitz, in der einstigen Doktor-Koch-Klinik, kam sein Sohn zur Welt. Hier liegt der Grund für seine tiefe Verbundenheit mit den Deutschen, die sich übrigens, wie der Veteran betont, in all den sechs Jahren seiner Stationierung auch nur im Ansatz feindselig ihm gegenüber benommen hätten, ganz im Gegenteil, sogar Familienfreundschaften seien in jener Zeit entstanden, von denen Nikolaj Schtschelkonogow immer wieder gerne erzählt.

Jekaterina Zwetkowa, Andrej Maximow, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Maxim Lortschenko vor dem Hauptkomplex der Roten Kaserne in Potsdam

In dem riesigen Komplex der Roten Kaserne, benannt nach dem Baumaterial Klinker und entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, war ab 1948/1949 bis 1993 die Sowjetische bzw. Russische Armee einquartiert, und bot Platz für die ganze 34. Artillerdivision, in der Nikolaj Schtschelkonogow diente. Nach dem Abzug der Soldaten nutze die Stadt Potsdam – ähnlich wie das in Erlangen geschah – das Areal zur Neugestaltung eines ganzen Viertels mit Wohnungen, Büros und Forschungseinrichtungen.

Auf dem Weg zur Alexander-Newskij-Gedächtniskirche in Potsdam

Doch dann ging es schon hinauf zur Alexander-Newskij-Kirche, erbaut auf Anordnung König Friedrich Wilhelms III. in den Jahren 1826 bis 1829 als Manifest der engen Freundschaft von Preußen und dem Russischen Reich, auf dem Kappellenberg, unweit der Kolonie Alexandrowka, die eigens für die russischen Soldaten angelegt wurde. Heute ist sowohl die Siedlung als auch die Kirche, das älteste russisch-orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa, Teil des UNESCO-Welterbes.

Alexander-Newskij-Kirche in Potsdam

Der Schutzpatron wiederum steht in enger Beziehung zu Partnerstadt. Der einstige Großfürst von Wladimir wurde in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale beigesetzt, Peter I ließ aber die Gebeine des mittlerweile heiliggesprochenen Siegers über den Deutschherrnorden und dessen Drang nach Osten in seine neue Hauptstadt überführen, wo sie wohl auch bleiben werden.

Gottesdienst in der Alexander-Newskij-Kirche zu Potsdam

Aber wer wollte schon groß an diesen Reliquienraub denken, wenn doch, wie es der Himmel will, gerade an diesem Freitagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Übrigens war die Kirche auch damals, in den 50er Jahren, geöffnet. „Auch wenn ich, als Kommunist erzogen, kein gläubiger Mensch war“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „kam ich doch immer wieder hierher. Denn es ging uns materiell zwar recht gut, und wir fühlten uns wohl hier, aber Heimweh hatten wir doch alle, und da bot die Kirche uns ein Stück Rußland.“ Allerdings, und auch das gehörte zum Leben der Sowjetsoldaten: „In den Büschen, wo es zu dem einen oder anderen Stelldichein mit den Fräuleins gekommen sein mag, saßen gern auch Geheimdienstleute, um über die Moral der Truppe zu wachen.

Schloß Cecilienhof

Zu den festen Ausflugszielen gehörten natürlich auch Schloß Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, dessen viele Zimmer Nikolaj Schtschelkonogow noch heute fast alle beschreiben könnte. Für eine Besichtigung bleibt freilich ebensowenig Zeit wie für eine Führung durch Sanssouci.

Sanssouci

Aber es war ja auch keine touristische Reise für den Veteran. Er konnte sich seinen Herzenswunsch erfüllen: zum sechsten Mal nach Erlangen kommen, um Abschied von seinen deutschen Kameraden und Freunden zu nehmen, um noch einmal die wichtigsten Stationen seiner Zeit als Soldat in Deutschland zu besuchen, vor allem aber, um sein ganz persönliches Zeugnis für die russisch-deutsche Aussöhnung über die ungezählten Gräber hinweg abzulegen, um zu beweisen, daß man den Krieg in sich besiegen kann. Davon wird nun bald die Dokumentation von Jekaterina Zwetkowa berichten, die bereits im April fertiggestellt sein soll, um sie dann – möglichst mit Gästen aus Erlangen – zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir uraufzuführen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Nikolaj Schtschelkonogow will so lange nicht warten. Viel zu ungeduldig ist er dafür, zumal er keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen möchte. Und so wird er schon heute – im Geiste der Verständigung – von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Deutschland berichten und sicher einen Reisebericht schreiben, ganz im Sinne seiner Mission der Aussöhnung mit den einstigen Feinden. Welch ein großer Mensch!

Read Full Post »


Nikolaj Schtschelkonogow erinnert sich noch genau, wie die Operation Bagration der Sowjetarmee, der Wehrmacht das Rückgrat brach, die Kampfmoral nahm, die letzte Hoffnung raubte, mit Moskau wenigstens noch einen Verhandlungsfrieden schließen zu können. Die Verluste waren nicht mehr auszugleichen. Und er, der 1925 im Ural geborene Bauernjunge, der ohne Vater aufwuchs und mit 15 Jahren als Mähdrescherfahrer bereits Verantwortung für sein ganzes Dorf trug und erst nach dem Krieg eine richtige militärische Ausbildung erhielt, er war dabei, als die Heeresgruppe Mitte aus Babrujsk vertrieben und versprengt wurde, als der Sturm auf Berlin seinen großen Anlauf nahm.

„Auch wenn wir auf dem Vormarsch waren, verlief nicht immer alles nach Plan“, erzählt der Veteran, den man nach seiner Ausbildung in der Ukraine nach Wladimir versetzte, von wo aus er dann sechs Jahre zum Dienst in die DDR geschickt wurde. „Es gab Situationen, wo die pure Panik ausbrach, wo Kameraden zitterten und schlotterten, Todesangst litten, den Leichengeruch nicht mehr aushielten, die verbrannte Erde Würgen verursachte. „Noch heute“, so bekennt Nikolaj Schtschelkongow dem eigens auf den Leipziger Ehrenfriedhof für die Sowjetarmee gekommenen Vizekonsul, Ilja Matwejew, zuständig für die Grabstätten in Thüringen und Sachsen, „noch heute wache ich manchmal auf und höre die Schreie, die Schüsse, spüre das Grauen des Krieges.“ Aber da ist natürlich auch die Freude über den Sieg, der Stolz auf die eigene Leistung, und da ist besonders seine persönliche Mission, alles zu erzählen, damit es in Zukunft keine neuen Kriegsveteranen gebe: sein Operation Frieden.

Gräberfeld auf dem Sowjetischen Friedhof Leipzig

Auf diesem Feldzug des Friedens und der Versöhnung ist der ehrenhalber zum Oberst ernannte einstige Hauptmann der Sowjetarmee nun von Erlangen aus via Jena und Leipzig in Berlin eingetroffen, wo er gestern gegen Mittag das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst besuchte. Man kann nur ahnen, was in Nikolaj Schtschelkongow vorging, als er durch die Räume des Hauses schritt, in dem vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde auf Betreiben der sowjetischen Seite ein zweites Mal unterzeichnet und das Ende des Dritten Reichs besiegelt wurde.

Nikolaj Schtschelkonogow vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst

Der Wladimirer Friedensbotschafter kam damals beim Sturm auf Berlin auch durch diesen Vorort und drang dann vor bis zum Hauptquartier der Gestapo – in einem verbissenen Häuser- und Straßenkampf. „Es gab Gebäude, die mehrmals am Tag den Frontverlauf veränderten, immer wieder neu eingenommen werden mußten“, weiß er zu berichten. „Es war schrecklich zu sehen, wie verzweifelt der Volkssturm um etwas kämpfte, das längst verloren war!“

Nikolaj Schtschelkonogow

Mehr als 300.000 Rotarmisten fielen bei der Operation Berlin, darunter viele an der Seite von Nikolaj Schtschelkonogow, der heute bedauert, damals nicht Tagebuch geführt zu haben. Aber auch so erinnert er noch unglaublich viel und hat zu dem Thema Hunderte von Vorträgen verfaßt und an einem Dutzend von Büchern mitgewirkt. Und nun begleitet ihn ja auf seiner Operation Frieden das Dokumentarfilm-Team von Jekaterina Zwetkowa. Wie gut, daß damit sein Wissensschatz bewahrt bleibt.

Nikolaj Schtschelkonogow vor einem Plakat aus den USA im Jahr 1942

Und so zeigt denn auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst Interesse nicht nur an dem Film, sondern an den Erinnerungen des Gastes aus Wladimir. Jedes Detail jener letzten Kriegstage ist hier von Belang, und in den zahlreichen Sonderausstellungen kommt auch jedes Zeugnis zur Wirkung. Welch ein Glücksort der deutsch-russischen Verständigung.

Eintrag von Nikolaj Schtschelkonogow im Gästebuch des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst

Natürlich gehört zum Berlin-Besuch auch der Gang zum Ehrenmal für die Sowjetarmee im Treptower Park. Und wenn Nikolaj Schtschelkonogow dort dann auch noch jemanden wie Dominik Steger trifft, den er schon als Kleinkind ins Herz geschlossen hatte, dann kann die Versöhnung über die Gräber und Generationen zwischen Russen und Deutschen nicht symbolischer zum Ausdruck kommen. Vielleicht aber versteht man die Kraft dieser Momente auch erst mit dem Abstand einiger Jahre…

Nikolaj Schtschelkonogow und Dominik Steger: Versöhnung über den Gräbern am Ehrenmal im Treptower Park

Ein ganz besonderer Moment erwartete Nikolaj Schtschelkonogow dann aber am Nachmittag in der Botschaft der Russischen Föderation: ein Empfang beim höchsten Diplomaten seiner Heimat.

Nikolaj Schtschelkonogow

Eine ganze halbe Stunde nimmt sich Sergej Netschajew für den Gast Zeit, erkundigt sich nach dem Stand der Entwicklung von Wladimir und der ganzen Region – und lobt die Partnerschaft mit Erlangen. Aber der Botschafter gibt dem Veteranen auch die Zeit, um von seinen Kriegserlebnissen und natürlich den freundschaftlichen Verbindungen zu den deutschen Kameraden zu erzählen und auf die Aktion „Hilfe für Wladimir“ zurückzublicken, wo er persönlich über die gerechte Verteilung der humanitären Lieferungen aus Erlangen an bedürftige Kriegsteilnehmer und ihre Familien wachte.

Nikolaj Schtschelkongow und Sergej Netschajew

„Ich hätte nie gedacht, als einfacher Mensch einmal eine derart hohe diplomatische Ehre zu erleben“, gestand Nikolaj Schtschelkonogow nach dem Empfang, bei dem er auch das mit einer Widmung versehene Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ überreichte. Und in der Tat: In all den Jahren der Städtepartnerschaft seit 1983 gab es derlei, ein Tête-à-Tête mit einem amtierenden russischen Botschafter, noch nie. Schön und verdient, daß nun diese Ehre dem Botschafter h.c. des Friedens und der Verständigung zuteilwurde.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: