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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Ein Theaterstück mag noch so gut geschrieben sein, noch so überzeugende Darsteller haben, wenn die Technik nicht funktioniert, wird nichts Rechtes aus der Aufführung.

Daß der Besuch des Schülertheaters aus Nischnij Nowgorod übers Wochenende so gut gelungen ist, hat viel mit dem Einsatz des Brücken e.V. zu tun: mit ihrer Stadtführung am Sonntagmorgen in russischer Sprache, mit ihrem gestrigen Abschiedsabend für die Gäste in den Vereinsräumen, vor allem aber mit dem unaufgeregten Einsatz von Fjodor Newelskij, der bei den Aufführungen am Sonntag in St. Xystus und gestern morgen in der Waldorfschule für die Technik verantwortlich zeichnete.

Fjodor Newelskij

Immer mit Überblick, stets mit guter Laune, auch wenn der Beamer erst kurz vor dem Einlaß des Publikums eintraf oder die Musikanlage fehlte und noch geholt werden mußte.

Fjodor Newelskij

Es ist dem Ensemble zu wünschen, auch an den anderen Orten der Gastspielreise jemanden mit so viel Sachverstand und Verständnis zu finden. Schwierig wohl, denn Fjodor Newelskij weiß mehr als ein Bühnentechniker: Er führt beim Brücken e.V. selbst Regie und steht auch als Schauspieler auf den Brettern. Ihm deshalb vorab der verdiente Dank!

Schweigeminute

Einige Szenen aus dem Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ entstanden als Idee von Rose Ebding nach der Lektüre des gleichnamigen Buches und inszeniert von Marina Kotschkina, das mit einer Schweigeminute für die Opfer des Zweiten Weltkrieges beginnt.

Es ist schon erstaunlich, wie es gelungen ist, die verschiedensten Schicksale der Kriegsgeneration in Deutschland und in der Sowjetunion ineinanderzuweben. Die Rekrutierung und der Einsatzbefehl an die Ostfront mit jugendlichem Sturm und Drang ebenso wie mit all den bangen Ahnungen und ideologisierten Vorstellungen vom Feind bis hin zu den Phantasien von der Landnahme im Osten.

Dann die Schrecken des Krieges, die Kälte des russischen Winters, die mangelhafte Ausrüstung, ausgelegt auf einen Blitzkrieg, der dann in Eis und Schnee steckenblieb.

Wesentlich folgt der Handlungsstrang dem Schicksal von Wolfgang Morell, im Stück Alex Lerom genannt, der, verhetzt von der Propaganda, überzeugt war, man werde ihn, einmal in Gefangenschaft geraten, foltern, um ihm Militärgeheimnisse abzuspressen, und anschließend töten. Da erschien es ihm schon besser, sich selbst die Kugel zu geben.

Doch die deutsche Waffentechnik versagte, die Einheit aus Sibirien, der er sich ergeben mußte, erwies sich als anständig, gar nicht dem Zerrbild von der russischen Bestie entsprechend, nahm ihn auf den Skiern mit zum Stützpunkt, bediente sich zwar mit seinen R6-Zigaretten, ließ ihm selbst aber genug zum Rauchen…

Die harte Arbeit im Torflager, szenisch gekonnt auf die Bühne gebracht durch die hämmernde Stakkato-Deklamation der Sprecherin ganz im Takt einer Maschine, und der bildhaften Darstellung des Produktionsprozesses von Ziegeln durch die Schauspieler. Einer der vielen Höhepunkte des Stücks.

Dann wieder fast intime Momente bei der Ausgabe des kargen Essens, karg für die Einheimischen wie für die Gefangenen. Man teilte die Not.

Und man teilte das letzte Stück Brot. Intensiv darstellt, wenn sich ein Mädchen in die verbotene Zone verirrt und der Gefangene sie von seiner Suppe essen läßt und sie es ihm mit ihrem letzten Bissen vergilt, unsicher, ob sie sich dabei richtig verhalte.

Denn sie hat ihre Familie durch die Okkupanten verloren und weiß nicht, ob sie den Faschisten verzeihen dürfe, ob Stalin den Feinden vergeben werde. Doch das Mitgefühl ist stärker als alle Zweifel, als jeder Schmerz. Wiederum geteilte Not.

Alex, die Hauptfigur, macht unterdessen einen Wandlungsprozeß durch, nimmt Abschied von seinem stereotypischen Denken, erlebt den ideologischen Feind als einen ihm zugewandten Menschen.

Das Stück freilich lebt nicht nur von der Geschichte, die in der keuschen Liebe zwischen Alex und Schanna mündet, sondern auch von den vielen kleinen Randszenen, etwa mit dem kleinen Maxim Alexejewitsch, der sich als Familienoberhaupt sieht, seit der Vater an die Front ging.

Ebenso drollig wie gelungen sein Auftritt mit der Schwester Tanja, besonders wenn man weiß, daß der Kleine sich die Rolle selbst gewünscht hat, nachdem er das Stück zum ersten Mal mit seinen Eltern sah. Einfach trefflich!

Überzeugend auch die Einlage mit den als Frauen verkleideten Gefangenen, ganz aus der Wirklichkeit des Lagerlebens gegriffen, wo es ja tatsächlich Laienschauspielgruppen ebenso gab wie Amateurorchester. Großer Zwischenapplaus im gut gefüllten Saal der Waldorfschule.

Schließlich die Schlüsselszene: Alex, inzwischen des Russischen mächtig, wird als Dolmetscher für Schanna verpflichtet, die eine Unterhaltungsveranstaltung für die Gefangenen moderieren soll. Aus spontaner Zuneigung wird eine innige Verbindung, die bis heute zwischen den realen Vorbildern der Figuren fortbesteht, als wohl schönste deutsch-russische Liebesgeschichte.

Immer wieder erstaunlich die Wandlungsfähigkeit der Truppe. Keine Rolle für immer festgelegt, besonders anschaulich bei den Gesangs- und Tanzeinlagen.

Da zeigt sich auch wieder einmal die Stärke des russischen Schulsystems, das viel Raum bietet für alles Kreative.

 

 

Rundum gelungen, kann man nur zusammenfassen und gratulieren. Das Publikum der bevorstehenden Auftritte darf sich freuen, zumal Wolfgang Morell als Zeitzeuge mitreist, gestern auch für eine Dokumentation interviewt, bevor anschießend die Schüler ihre Fragen stellten.

Wolfgang Morell im Interview

Kommentiert hat übrigens bereits den gestrigen Eintrag im Blog Richard Dähler, der zum kontrastierenden Thema der japanischen und deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischen Lagern promovierte:

Ich möchte den  heute  erschienen Blog um die Japaner erweitern, weil praktisch alles, was die deutschen  Veteranen sagen, auch auf sie zutrifft, einzig in  der  Religion (oder deren Abwesenheit) gibt es Abweichungen.

In meiner Dissertation über die Erlebnisberichte der Deutschen und Japaner in sowjetischer Kriegsgefangenschaft stellte ich mir folgende Fragen:

  1. Wie wirkte sich die staatsbürgerliche und militärische Ausbildung auf die Sol­daten aus, mit welchem Bild von der Sowjetunion traten sie die Gefan­genschaft an?
  2. Unterscheiden sich die japanischen von den deutschen Erlebnisbe­richten?
  3. Was wird in den Berichten weshalb ausgeblendet oder nur am Rande behandelt?
  4. Spielte Religion in der Bewältigung der schweren Zeit eine Rolle?
  5. Wie beurteilten sich die Japaner und die Deutschen gegenseitig?
  6. Hat sich eine Lagerkultur gebildet, die nationale Kulturen verdrängte, sie überlagerte oder sich mit ihnen vermischte?

Für Leser mit unterschiedlichen Interessen ist die Arbeit wie folgt verfügbar als Buch „Die japanischen und die deutschen Kriegsgefangenen in  der Sowjetunion  1945 – 1956. Vergleich von Erlebnisberichten“.  LIT Verlag. 2007. Sowie als je 18seitige Zusammenfassung in Deutsch, Russisch, Japanisch und Englisch im gleichen Buch. Im Internet unter http://www.eu-ro-ni.ch/publications/Di_deu.pdf

Die japanischen und die deutschen Kriegsgefangenen waren voneinander sehr beeindruckt, in der Schilderung der Erlebnisse stimmen sie weitgehend überein.  Die japanischen Erlebnisberichte sind reichhaltiger an Bildern.

Wolfgang Morell mit Schülerinnen der Waldorfschule Erlangen

 

 

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Ich wußte aus eigener Erfahrung und vom Beispiel vieler meiner Kameraden, was für eine unumkehrbar zerstörerische Wirkung es fast auf jeden Menschen hat, wenn er im Krieg gewesen ist. Ich wußte, daß die ständige Todesnähe, der Anblick von Gefallenen, Verwundeten, Sterbenden, Erhängten und Erschossenen, die riesige rote Flamme, die in der Eisluft einer Winternacht über angezündeten Dörfern steht, der Leichnam des eigenen Pferdes wie auch die akustischen Eindrücke, Sturmgeläute, Granateinschläge, das Pfeifen der Kugeln, verzweifelte Schreie, unbekannt von wem – all das geht niemals vorbei, ohne sich zu rächen. Ich wußte, daß eine wortlose, fast bewußtlose Erinnerung an den Krieg die meisten Menschen verfolgt, die ihn durchlebt haben, und in allen ist etwas zerbrochen für immer.

Alfons Rujner und Rose Ebding

Diese Worte aus dem Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow geben eine unbestreitbare Wahrheit wieder. Mehr noch: Viele, viel zu viele sind selbst am Krieg zerbrochen. Als Täter, als Opfer, als Hinterbliebene.

Wiedersehen: Alfons Rujner und Wolfgang Morell

Ebenso unbestreitbar aber auch, daß es Menschen gibt, die den Krieg in sich besiegt, Menschen, die mit sich und den einstigen Feinden Frieden geschlossen haben, Menschen, denen die Versöhnung gelungen ist. Ihnen sei diese Sammlung von Portraits, Erinnerungen und Korrespondenzen gewidmet: Wehrmachtsoldaten, in einen Vernichtungskrieg geschickt, der für sie in Gefangenschaft endete, in Lagern, wo sie bei allen Härten auch ganz unerwartet Zuwendung und Mitmenschlichkeit von russischen Frauen und Männern erfuhren.

Alfons Rujner und Florian Janik

Nach der gestrigen Uraufführung des Stückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus, ermöglicht durch die Gastfreundschaft der Kolping-Gemeinde, fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches.

Im Publikum

Was will man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Das Stück selbst spricht ja offen davon, daß etwa ein Drittel der Gefangenen nicht mehr in die Heimat zurückkehrte. Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe.

Florian Janik

Davon vor allem erzählt die Geschichte, für die Bühne zusammengefügt von Rose Ebding aus Motiven des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und den Erinnerungen des eigenen Vaters, nämlich von der auch in Zeiten der Barbarei möglichen Menschlichkeit, von der Kraft der Humanität, die aus Feinden Freunde zu machen vermag.

Brief von der Mutter

Darum wohl auch hat damals im April Florian Janik bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ spontan an die eigens aus Nischnij Nowgorod anreiste Schülertruppe die Einladung nach Erlangen ausgesprochen, begeistert von den wenigen Szenen, die seinerzeit bereits einstudiert waren.

Dreiklang

Nun also die Premiere in Deutschland, die Langfassung ohne alle Längen, ohne Durchhänger, inszeniert fast wie eine Revue, kurzweilig und spritzig, mit Sentiment und Temperament.

Das russisch-deutsche Liebespaar

Vor allem aber mit einer unbändigen Spielfreude der zwanzigköpfigen Truppe, deren Mitglieder teilweise immer wieder in andere Rollen schlüpfen, mit anrührenden Gesangseinlagen überraschen und sich nicht aus dem Konzept bringen lassen, wenn für einen Augenblick das Stichwort fehlt. Ganz als stünden sie alle schon immer auf der Bühne.

Aufstellung

Besonders erstaunlich: Einen Großteil der Dialoge sprechen die Mitwirkenden auf Deutsch. Prononciert, verständlich, klar und deutlich. Sicher ein Verdienst von Rose Ebding, die drei Jahre lang diese Fremdsprache an dem Gymnasium in Nischnij Nowgorod unterrichtete, woher die Truppe kommt. Und das eineinhalb Stunden am Stück. Kompliment!

Rose Ebding, Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Florian Janik und Sibylle Flepsen

Im Untertitel könnte man das Schauspiel die „schönste deutsch-russische Liebesgeschichte“ nennen, wird hier doch nicht nur die Gefangennahme eines Wehrmachtssoldaten, der Lageralltag im Torf oder das Warten auf Post aus der Heimat dargestellt, sondern auch das schüchtern-scheue Aufblühen der Zuneigung eines Deutschen zu einer Russin, im Kodex so sicher nicht vorgesehen. Ein Handlungsstrang nach Motiven aus dem Lagerleben des 95jährigen Wolfgang Morell.

Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber auch Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin angereist, erkennt sich in den Figuren immer wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell und Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Und Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Wolfgang Morell, Alfons Rujner und Elisabeth Preuß

Es blieb am Ende zu wenig Zeit für das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen; zu wenig Zeit, um dem Autorinnenpaar, Rose Ebding und besonders Marina Kotschkina, die das Stück so überzeugend ins Szene setzte, zu danken; zu wenig Zeit für das Schlußwort von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich die Veteranenkontakte zur persönlichen Herzenssache gemacht hat; vor allem aber zu wenig Zeit, um den Schülern zu ihrer großartigen Leistung zu gratulieren und zu applaudieren.

Peter Steger, Wolfgang Morell, Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber es ist ja noch Zeit, das Stück ein weiteres Mal zu sehen: heute vormittag in der Waldorfschule Erlangen und dann auf der Gastspielreise:

Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Leinfelden
Di 24.10.19.00 Immanuel-Kant-Gymnasium
70 771 Leinfelden, Anemonenstraße 15

Bodensee
Do., 26.10. vorm. Gymnasium Markdorf

Do., 26.10. 19.30 Uhr Waldorfschule Überlingen,
88662 Überlingen, Rengoldshauser Straße 20

Fr., 27.10. vorm. Graf-Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen

So., 29.10. 16 Uhr Bürgersaal im Rathaus in Immenstaad
88090 Immenstaad, Dr.-Zimmermann-Straße 1

Elisabeth Preuß, Peter Steger und Wolfgang Morell

Und dann gibt es da noch im Internet einen Zusammenschnitt für eilige Zuschauer: https://is.gd/dwvsUs

 

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Von Veteranen war in diesem Blog schon häufig die Rede, daher hoffe ich, diese bewegende Geschichte findet Gnade vor den Augen der Blog-Redaktion, auch wenn zwar russische Soldaten, nicht aber Akteure unsere Partnerstadt Wladimir Protagonisten sind.

Anläßlich eines Gratulationsbesuches lernte ich Herrn E. G. kennen, geboren 1931 in Erlangen. Der Vater war im Krieg, der Junge wuchs mit Mutter und Schwester in der Erlanger Altstadt auf. Jeden Tag sah er, wie sich die halb verhungerten russischen Kriegsgefangenen durch die Hauptstraße Richtung Burgberg schleppten, vorne und hinten bewacht von Nazi-Schergen, die jedem der Russen, der ob seiner Schwäche zusammenbrach,  mit dem Gewehrkolben den Rest gaben.

Schmalhans war nicht nur bei den Gefangenen, sondern auch in der Erlanger Bevölkerung Küchenmeister. Bei E. zuhause sperrte die Mutter die Wochenration Brot in einen Brotschrank ein, damit niemand auf die Idee käme, sich außerhalb der Mahlzeiten an dem Laib zu vergreifen. Als der Bub das tägliche Elend der hungernden Russen nicht länger mit ansehen konnte, hebelte er mit einem Schraubenzieher das Schränkchen auf, schnitt seine Ration ab und teilte diese in mehrere Stücke.

Solcherart bestückt, ging er auf die Straße, wartete ab, bis die Gefangenen kamen, der vordere Posten an ihm vorbei war und der hintere ihn noch nicht im Visier hatte, stieß vor in die Reihen der Russen und verteilte das Brot.

Er konnte allerdings eins nicht wissen: Die Kolonne Gefangener wurde auch seitlich von Gestapo-Männern in Zivil bewacht. Diese griffen sich den Jungen, schrieen etwas von „Zersetzung“ und wollten das Kind auf der Stelle erschießen.

Da trat aber ein russischer Offizier – fast schon todesmutig – vor und drohte auf Deutsch dem SS-Mann mit dem Schweizer Gericht für Kriegsverbrechen. Der Faschist ließ den Jungen ziehen, der derweil in Todesangst daneben stand, denn die Waffe war schon entsichert und auf ihn gerichtet.

Nach dem Krieg tat E. sich schwer, Arbeit zu finden, Hunger blieb steter Gast in der Familie. Der russische Offizier aber, der das Kriegsende erlebte, suchte die Familie des Jungen, spürte sie auf, und dank seiner Fürsprache fand sich eine Lehrstelle im Fernmeldebereich, wo E. dann 38 Jahre arbeitete.

Herr G. erzählte mir diese Geschichte mit Tränen in den Augen. Solche Erinnerungen sind der eindrücklichste Geschichtsunterricht und dürfen nicht vergessen werden. Sie verdeutlichen besser als jede Statistik, wie gut es uns geht, auf welch hohem Niveau wir dennoch jammern und vor allem: Wir müssen unsere Demokratie schützen wie unseren Augapfel.

Elisabeth Preuß

Anmerkung der Redaktion: Zur Frage gerade auch der russischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg findet man hier im Blog mehr unter: https://is.gd/AtYwHy. Der Beitrag der Bürgermeisterin regt aber auch an, hier einmal auf die Erinnerungen des während des Zweiten Weltkriegs aus der Ukraine nach Erlangen verschleppten Zwangsarbeiters, Wassilij Kardaschewskij, hinzuweisen, erschienen unter dem Titel „Schieß nicht, ich bin dein Bruder“ im Periodikum „Erlanger Bausteine“, Nr. 8 / 2004. Hieraus ein kurzes Zitat:

Überhaupt haben die Deutschen sich viel Mühe gegeben, uns etwas zuzustecken, jeder wie er konnte. Sie trugen nie dick auf, aber etwas Margarine oder sogar Butter – und wenn die Schicht noch so dünn war – fand sich immer als Aufstrich auf dem Brot. Und fein wie Zigarettenpapier – eine Scheibe Wurst. (…) Die Zeit verging. Wir arbeiteten. Ein wenig beherrschten wir schon die Umgangssprache. Die sprachliche Isolierung verschwand. Die menschliche war für mich dank Otto Schoch schon viel früher verschwunden. Bis heute erinnere ich mich in allen Einzelheiten an sein edles Gesicht. (…) Sogar als Ottos Schwiegersohn an der Ostfront fiel, änderte er sein Verhalten mir gegenüber kein bißchen.

Komm wieder, aber ohne Waffen!

Bleibt der Redaktion nur noch, die Kurve zu Wladimir zu bekommen. Nichts leichter als das: Wer auf der Bühne erleben will, wie in Zeiten der schlimmsten Not die Mitmenschlichkeit ihr barmherziges Werk tat, wie unter den Vorzeichen des Hasses so Zartes wie Nähe und Liebe wachsen konnten, besuche am Sonntag, den 22. Oktober, um 17.00 Uhr im Gemeindesaal St. Xystus die Aufführung des Stücks „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, zu dem auch die beiden Veteranen und ehemaligen Wladimirer Kriegsgefangenen, Wolfgang Morell aus Erlangen und Alfons Rujner aus Berlin, erwartet werden. Mehr dazu unter: https://is.gd/7nedgB

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Bei der Präsentation der russischen Ausgabe des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ im April zeigte ein eigens aus Nischnij Nowgorod nach Wladimir angereistes Schülerensemble Szenen eines gleichnamigen Stücks, das auf Motiven des Buches mit Erinnerungen von Wehrmachtsangehörigen an ihre Zeit in Kriegsgefangenenlagern fußt und dessen Titel auf einen Satz zurückgeht, den eine alte Russin 1949 in der späteren Partnerstadt Erlangens zu dem Wehrmachtssoldaten Alfons Rujner unmittelbar vor dem Heimtransport sagte. Oberbürgermeister Florian Janik zeigte sich tief beeindruckt von der Bühnenfassung und sprach spontan eine Einladung nach Erlangen aus. Nun geht die Truppe Ende des Monats in Süddeutschland auf Tournee und startet ihre Gastspiele am Sonntag, den 22. Oktober, um 17.00 Uhr im Gemeindezentrum St. Xystus im Erlanger Stadtteil Büchenbach, Kolpingweg 16. Tags darauf ist es vormittags in der Waldorfschule, Rudolf-Steiner-Str. 2 (nur nach Anmeldung, da geschlossene Veranstaltung), zu sehen.

Rose Ebding, Initiatorin des Projekts, war von 2014 bis 2017 Landesprogrammlehrerin am Gymnasium Nr. 1 in Nischnij Nowgorod und erarbeitete zusammen mit ihrer Kollegin, Marina Kotschkina, und der Klasse 10 das Stück, das sich um drei Protagonisten rankt. Einer von ihnen, der 95jährige Wolfgang Morell aus Erlangen, wird die Truppe begleiten und nach den Aufführungen für Fragen zur Verfügung stehen. Das Schauspiel wird in deutscher und russischer Sprache (mit deutschen Übertiteln) dargeboten. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa, gesehen von Rose Ebding

Folgender Trailer gibt Aufschluß darüber, worum es in dem Stück geht:

Der Fernsehsender NTV drehte in Nischnij Nowgorod einen Film über die Begegnung von Wolfgang Morell mit seiner Jugendliebe, Schanna Woronzowa, nach 68 Jahren, der in den Tagesnachrichten ausgestrahlt wurde und unter folgendem Link zu sehen ist: https://is.gd/bQAJMK (auf Russisch)

Außer in Erlangen wird die Aufführung noch gezeigt: am 24.10., um 19.00 Uhr am Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden, am 26.10. vormittags am Gymnasium Markdorf sowie um 19.30 in der Waldorfschule Überlingen, am 27.10. vormittags am Graf-Zeppelin-Gymnasium in Friedrichshafen und zum Abschluß am 29.10. um 16.00 Uhr im Bürgersaal des Rathauses Immenstaad. Hier zum Nachlesen und als Vorgeschmack noch einmal die schönste deutsch-russische Liebesgeschichte: https://is.gd/3DVrjV

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Anfang August trug sich im Erlangen-Haus eine bewegende Begegnung zu. Alexander Papin kam eigens aus dem Landkreis Melenki, etwa 150 km von Wladimir, ganz im Osten des Gouvernements gelegen, um von einem Ort im Wald, unweit des Dörfchens Sokolje, zu berichten, wo er die Begräbnisstätte für bis zu 200 deutsche Kriegsgefangene vermute. In unmittelbarer Nähe eines Lagers, wo etwa 550 Mann beim Torfabbau eingesetzt waren. Früher, meinte der Gast, habe es dort auf einer Fläche im Durchmesser von 20 bis 25 Metern nach Erzählungen von Zeitzeugen noch erkennbare Gräber gegeben, Steine, Hügel… Doch die Zeit habe nun alles eingeebnet.

Hier ruhen deutsche Kriegsgefangene

Damit die Geschichte dieses Ortes nicht vergessen werde, hat Alexander Papin zur Selbsthilfe gegriffen und aus eigenen Mitteln eine Gedenktafel aufgestellt, denn: „Ich kann einfach nicht vergessen, daß hier Menschen begraben liegen.“ Und dann fügte er noch hinzu: „Freundschaft läßt sich nicht mit Sanktionen belegen.“

Die Angaben Alexander Papins zum Lager Sokolje bestätigte mittlerweile der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, allerdings hatte man dort bislang nur Kenntnis von etwa einem Dutzend, bisher namenlosen beigesetzten Gefangenen. Nun will man die Sache nochmals prüfen, und vielleicht gelingt es ja, hier eine gemeinsame Gedenkstätte einzurichten. In jedem Fall steht Alexander Papin schon jetzt für ein berührendes Zeichen der Verständigung über den Gräbern einer schweren Vergangenheit von Deutschen und Russen.

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Anfang Juni 1943 zog er, zwanzigjährig und siegesgewiß, ausgerüstet mit einem Lehrbuch der russischen Sprache, als Funker in den Krieg und wurde bereits eine Woche später auf seinem ersten Flug über dem Kaspischen Meer abgeschossen. Es folgten sechs Jahre in Gefangenschaft, darunter auch in Talizy, einem Lager der Region Wladimir, die Claus Fritzsche reichlich Gelegenheit boten, sein Russisch zu vervollkommnen.

Claus Fritzsche und Wolfgang Morell im Juli 2013 auf dem Zentralfriedhof in Erlangen

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der leidenschaftliche Flieger bereits am 14. Juli verstorben, und am 11. August um 11.30 Uhr findet auf dem Heidefriedhof in Dresden die Urnenbeisetzung statt. Kaum jemand widmete sein Leben nach der Gefangenschaft so der deutsch-russischen Versöhnung, wie das Claus Fritzsche tat: als Dolmetscher und Übersetzer, als Autor seiner Erinnerungen an Krieg und Gefangenschaft, als Drehbuchverfasser seines Lebens zwischen den Kulturen, als beredter Zeitzeuge, der gegen das Vergessen ansprach. Unvergessen machte er auch seine Verbindung zu Schanna Woronzowa, in die sich der Gefangene – ebenso wie sein damaliger Kamerad Wolfgang Morell – verliebte und mit der er bis zuletzt in Kontakt stand, nachzulesen hier https://is.gd/3DVrjV, in der schönsten deutsch-russischen Liebesgeschichte, auf die Bühne gebracht von einem Schülertheater in Nischnij Nowgorod, aufgeführt bereits in Wladimir und im Oktober auch in Erlangen zu sehen. Wer Claus Fritzsche kannte, wird ihn und seine Botschaft des Friedens nicht vergessen, die er uns zurückgelassen, bevor er aufbrach zu seinem letzten Flug.

Mehr zu diesem einzigartigen Menschen unter https://is.gd/9Qeo28 und http://www.clausfritzsche.de

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„Gerade weil man an der gegenwärtigen Lage in der Welt verzweifeln könnte“, so Susanne Lender-Cassens, „ist Ihr Beispiel der Versöhnung und Verständigung so wichtig.“ Ganze zwei Stunden nahm sich Erlangens Bürgermeisterin Zeit für die zum Teil von weither angereisten Veteranen, um mit ihnen am Samstagmorgen im Rathaus zu sprechen.

Susanne Lender-Cassens, Fritz Rösch und Friedhelm Kröger

Von den regelmäßigen Treffen der ehemaligen Kriegsgefangenen in Lagern in und um Wladimir weiß Susanne Lender-Cassens, seit sie die Runde im Vorjahr empfangen hatte. Nun, bei der mittlerweile vierzehnten Begegnung dieser Art, ist auch Zeit für längere Gespräche.

Philipp Dörr und Jürgen Ganzmann

Doch erst noch einmal kurz zurück in die Geschichte dieses Veteranenkreises. Friedhelm Kröger reiste mit seiner Frau Christa im Jahr 2000 als Mitglied einer Bürgergruppe nach Wladimir, um die Stätten seiner Gefangenschaft wiederzusehen. Obwohl er sich 1949, nach der Entlassung aus dem Lager, geschworen hatte, nie wieder hierher zurückzukehren. Nun aber kam er von der Reise mit der Idee zurück, Kameraden von damals zu suchen, die seinerzeit auch in Wladimir und Umgebung interniert waren.

Paul und Werner Hütter

Auf sein Inserat im „Heimkehrer“ hin meldeten sich zunächst einige, später kamen mehr dazu, und über die Jahre traf man sich immer an verschiedenen Orten, wo einer der Veteranen lebte, von Burg auf Fehmarn über Minden, Walkenried, Schmalkalden, von Fränkisch Crumbach bis Erlangen, wo man schließlich in den letzten Jahren auch blieb.

Gruppenbild mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens

Man könnte meinen, es sei nun alles erzählt und berichtet – zumal der Blog die letzten neun Begegnungen protokolliert hat, zumal es mittlerweile den Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ gibt -, aber aus dem Gedächtnis der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen tauchen immer wieder neue Episoden aus Krieg und Gefangenschaft auf.

Paul Hütter und Philipp Dörr

Da ist die Erinnerung von Wolfgang Morell an den „Blauen“ im Lager, den Vertreter des NKWD, des Geheimdienstes, bei dessen Erscheinen alle spurten, aber er berichtet natürlich auch von seiner Reise nach Wladimir und Nischnij Nowgorod im April, vor allem aber von dem Theaterstück, das nach seinen Erlebnissen entstand und nun im Oktober auch in Erlangen von russischen Schülern aufgeführt wird.

Christa Kröger, Kurt Seeber, Philipp Dörr; Clara Müller, Wolfgang Morell, Paul Hütter und Friedhelm Kröger

Da ist die Erinnerung von Paul Hütter, der mit seinen 93 Jahren noch alle Treppen bis hinauf in den achten Stock des Wohnstiftes Rathsberg zum Café läuft, ohne Stock und Handlauf, geraden Rückens – und wieder hinunter -, an den Posten mit der Pistole, auf die Gefangenen gerichtet, die sich weigern, zwangsfreiwillig an ihrem freien Tag gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Schießen will der Wachmann dann aber doch nicht und marschiert nach einem saftigen Fluch mit dem Trupp unverrichteter Dinge wieder zurück ins Lager.

Wolfgang Morell und Paul Hütter

Paul Hütter, der noch immer Radtouren von bis zu 60 km Länge unternimmt, auf einen E-Motor mit dem Hinweis verzichtet, davon bekomme man nur einen dicken Bauch, und dafür auf „Kräuterspeck“ – Knoblauch, Zwiebeln und Dill – schwört, wußte sich aber auch mutig zu wehren. Als ein Wachposten ihn einmal schlagen wollte, nahm er die Gabel zur Hand, mit der die Kartoffeln verladen werden sollten, und drohte – erfolgreich. Vielleicht wurde der Schlesier deshalb auch erst später aus dem Lager entlassen als die anderen…

Philipp Dörr und Fritz Wittmann

Früher nach Hause durften besonders Männer wie der Thüringer, Kurt Seeber, die aus der sowjetisch besetzten Zone stammten und von denen man glaubte, sie zum Aufbau der DDR gebrauchen zu können. Sie mußten sich für die „bewaffneten Kräfte“ – Polizei, Grenzschutz etc. – verpflichten, durften dann aber gar nicht zur Familie, sondern wurden gleich kaserniert. Kurt Seeber türmte zunächst, wurde festgesetzt und quittierte den Dienst bereits nach einem Jahr.

Friedhelm Kröger, Paul Hütter, Clara Müller und Kurt Seeber

So unterschiedlich die Herkunft, so verschieden auch die Behandlung in der Gefangenschaft. Fritz Wittmann, der sich als „Friedensgefangener“ bezeichnet, weil er sich erst in den letzten Kriegstagen der Roten Armee ergab, wundert sich bis heute, nie geschlagen oder beschimpft worden zu sein. Aber es mag wohl schwerer gewesen sein, schon wie Wolfgang Morell nach nur zwölf Tagen an der Front bereits im Winter 1942 in Gefangenschaft geraten zu sein – und acht Jahre lang zu büßen.

Philipp Dörr und Fritz Wittmann, Christa Kröger, Clara Müller, Kurt Seeber, Friedhelm Kröger, Paul Hütter und Elisabeth Wittmann

Glück hatten sie jedenfalls alle und einen guten Schutzengel, trotz Hunger und Krankheit – und dank manch einem Stück Brot, das man ihnen zugesteckt hatte, sowie dank der Hilfe von russischen Ärzten und Krankenschwestern – überlebt zu haben und noch heute davon Zeugnis ablegen zu können, wie aus einstigen Feinden heute Freunde werden. Denn eines eint all die Veteranen, die heute wieder in den Odenwald, nach Minden, in den Thüringer Wald und in den Westerwald zurückkehren: Sie sind alle zurückgekehrt nach Wladimir – manche wie Philipp Dörr und Wolfgang Morell sogar mehrmals – und leben uns vor, wie Versöhnung und Verständigung wirken, gerade dann, wenn man an der Lage in der Welt verzweifeln könnte.

 

 

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