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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Vor 30 Jahren erschien in der FAZ ein Artikel von Otfried Preußler, dem Autor des „Räuber Hotzenplotz“ oder von „Krabat“, um nur die bekanntesten zu nennen. 2013 verstarb, neunzigjährig, der Schriftsteller, den zeit seines Lebens nach zehn „Semestern“ in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine enge Verbindung mit den Russen auszeichnete, deren Sprache er hinter dem Stacheldraht gelernt hatte. Nachfolgende Publikation blieb nicht ohne Folgen. Sie inspirierte die Partnerstädte Rothenburg o.d.T. und Susdal zur gemeinsamen Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte und führte schließlich auch zur Einrichtung einer Gedenkstätte für die Kriegsgefangenen. Davon ausführlich später. Zunächst Otfried Preußlers Eindrücke von seiner Reise nach Wladimir und Susdal im Winter 1989.

Mitten im Winter, mitten im alten Rußland

Ein Traum hat sich mir erfüllt. Ich bin mitten im guten, im alten Rußland gewesen. Zur Winterszeit. Warm bekleidet und ohne hungern zu müssen, was vormals nicht immer der Fall gewesen ist. Übers Wochenende sind wir von Moskau mit dem Omnibus hinausgefahren nach Susdal. Draußen herrscht strenger Frost. Dick zugefrorene Fenster.

Wir müssen die Eisblumen von den Scheiben abschaben, um hinausblinzeln zu können. Auf die Dörfer mit ihren hölzernen Häuschen, die Dächer mit Fernsehantennen bestückt; auf die weiten Wälder entlang der Chaussee, die nach Gorkij führt. Doch bald sind die Gucklöcher wieder zugefroren.

Erstes Reiseziel war die Stadt Wladimir, Fahrzeit gute vier Stunden. Am Abend kamen wir dann in Susdal an. Ich kannte Susdal bisher nur vom Hörensagen. Mitgefangene hatten den Namen erwähnt – bei uns dort in der Tatarischen Republik, weit drüben am östlichen Rand Europas, wo ich fünf meiner jungen Jahre verbracht habe. Nach dem Krieg, hinter Stacheldraht. Wir sind für die Nacht von Samstag auf Sonntag in einem weitläufigen, auf Tourismus zugeschnittenen Hotel untergebracht. In bemerkenswert schlecht beheizten Zimmern übrigens.

Und dann dieser Sonntagmorgen. Der blendend weiße, vor Kälte glitzernde Schnee. Die Sonne steigt auf, der Himmel erstrahlt im tiefsten, im klarsten Blau. Davor die Silhouette der alten vieltürmigen Stadt. Heute ist sie ein einziges großes Museum, sie steht unter Denkmalschutz. Um das Stadtbild nicht zu beeinträchtigen, hat man unser Hotel in einer tiefen, künstlich ausgehobenen Grube errichtet, einstöckig. Daher die Weitläufigkeit des Gebäudes, die schlecht beheizbaren endlosen Zimmerfluchten.

Jetzt müßte man Schlitten und Troika haben! Wir haben nur unseren Bus, der uns in die Stadt bringt. Vorbei an niedrigen Holzhäuschen mit reichverzierten Giebeln und Fensterrahmen. Vorbei an einer Zeile tief verschneiter Bäume, aus deren Gezweige es rot hervorleuchtet. Vogelbeeren. Nach dem ersten Frost nehmen sie einen herb süßlichen Geschmack an.

Erlebnis besonderer Art

Im Kloster des Erleuchteten Jewfimij, auf dem Hochufer der Kamenka gelegen, erwartet uns ein Erlebnis besonderer Art. Von der Swoniza, dem Glockenturm hinter der Kirche Mariä Himmelfahrt, tönt uns vielstimmiges Geläut entgegen, ein Glockenkonzert. Zwei Glockenschläger und ein Mädchen sind droben damit beschäftigt, an die zwanzig Glöckchen und Glocken verschiedener Größe, verschiedenen Klanges mit Hilfe eines ausgeklügelten Systems von Schnüren, Seilzügen und Hebeln anzuschlagen. Das Ergebnis: ein herrlich rhythmisches Geläut wie von Schlittenglocken, nur eben im Großen.

Ein Kollege aus Wladimir verschafft uns Zugang zum Glockenstuhl. Wir steigen eine eng gewundene Wendeltreppe empor und dürfen den Glöcknern aus nächster Nähe zusehen. Sie bewegen sich wie im Tanz, voller Inbrunst und Hingabe. Ich muß mich zusammennehmen, daß ich nicht losheule wie ein Schloßhund – so schön ist’s, hier oben zu stehen und über die verschneiten Dächer und Kuppeln der weiten Klosteranlage hinwegzublicken. Auf einem Baum in der Nähe hockt eine Schar von Krähen, reglos und überaus konzentriert, als hörten sie dem Geläute zu.

Als weltlicher Mönch

Jurij Jurjew, der Oberglöckner, ist ein schlanker weißhaariger Mann mit lustigen jungen Augen, das Gesicht vom Frost gerötet. Sein Gehilfe, bedeutend jünger als er und im Zottelpelz, ist in einem Kinderheim aufgewachsen. Von Beruf sei er Musikant. Familie? Nein, er lebe für sich allein, gewissermaßen als weltlicher Mönch, was immer das heißen mag. Marfa, ein Mädchen von sechszehn Jahren, ist noch dabei, sie will Restaurateurin werden. Gläubig? Na hören Sie, was für eine Frage! Wer hier die Glocken schlägt, ist natürlich rechtgläubig.

Das Repertoire der Susdaler Glockenspieler umfaßt fünfzehn verschiedene Stücke, eines schöner und – ja, ich scheu mich nicht zu sagen: bewegender, herzbewegender als das andere. Die großen, sozusagen die Baßglocken, geben das Tempo an. Die mittleren, dienen mit ihren gewichtigen Schlägen der rhythmischen Ergänzung, sie bestimmen das grundlegende Muster der einzelnen Stücke. Und die kleinen Glocken, kaum größer als Pudelmützen? Sie, deren Klöppel jeweils zu dreien und dreien mit Stricken zusammengefaßt sind, den Zügeln einer Trojka gleich: Sie werden von je einer Hand angeschlagen und steuern die Melodie bei, die Erste Stimme.

Unmittelbar an diesen Komplex des Klosters grenzt ein anderer an, der während des letzten Krieges vorübergehend als Lager für einen Teil derjenigen deutschen Offiziere gedient hat, die bei der Katastrophe von Stalingrad mit dem Leben davongekommen waren. Darunter auch jener Herr Paulus, der das Desaster an der Wolga maßgeblich mitverschuldet hat. Viele von ihnen sind drüben, im ehemaligen Lager, verhungert, viele am Typhus zugrundegegangen. Überlebende haben uns von ihnen erzählt, weit hinten in der Tatarei. Noch weiß man, wo sie begraben wurden. Ich bete ein Vaterunser für sie. Und auch für jene, die in der Tatarei liegen. Namenlos, ohne Grabstein und Kreuz.

Ein herrlicher Wintertag, mitten im guten, im alten heiligen Rußland. Tiefblauer Himmel, strahlende Sonne, glitzernder Schnee bei klirrendem Frost. Wir werfen einen Blick vom Hochufer der Kamenka hinüber zum ehemaligen Nonnenkloster Mariä Schutz und Fürbitte. Jewdokija Lopuchina, Peters des Großen verstoßene erste Frau, hat die Jahre ihrer Verbannung dort zugebracht. Wie viele Tränen mögen geflossen sein hinter jenen Mauern, dem Staatsgefängnis für Damen von Rang und Adel? Wir blicken hinüber zum Susdaler Kreml mit seinen Kirchen und Wehrbauten. Wir blicken auf eine Winterlandschaft von Pieter Breughel hinab, kunstvoll ins Russische übersetzt. Mit Schlittschuhläufern auf dem zugefrorenen Flüßchen. Mit Kindern, die sich an den verschneiten Ufern tummeln. Mit Fischern, die Löcher ins Eis gebohrt haben, um ihre Angeln ins Wasser hängen zu können. Nur hocken sie da, in Pelze gehüllt, und warten.

Das neue Jahr einläuten

Ein Traum hat sich mir erfüllt. Ich bin mitten im alten Rußland, bin dankbar dafür. Bevor ich die Glöckner zum Wodka einlade, frage ich sie: „Werdet ihr, meine Lieben, hier oben, auf eurem Glockenstuhl, auch das Neue Jahr einläuten?“ Nu, was denn! Natürlich werden sie’s einläuten. Mit der Malina, dem Großen Festgeläut.

Bei uns in Haidholzen werde ich an sie denken. Am Sylvesterabend, Schlag zehn, wenn bei ihnen drüben in Susdal die Mitternachtsstunde gekommen ist. Ja, ich werde gewiß an sie denken. An sie – und an alle Freunde, die ich in Rußland habe. An meine guten, die lieben Freunde im weiten Rußland werde ich denken. Und an die armen Burschen aus dem Lager, die Unbekannten, die hier begraben liegen, inmitten der weißen, der friedlichen russischen Breughel-Landschaft. Mögen die Glocken von Susdal auch ihnen läuten in jener Stunde am Anfang des Neuen Jahres.

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Ist es schön sehr alt zu werden? Ja, wenn man geistig noch in der Lage ist, der Gegenwart zu folgen.

Christa und Friedhelm Kröger

Bei meinem Vater, Friedhelm Kröger, der ab dem Jahr 2003 mit tatkräftiger Unterstützung und Betreuung von Peter Steger einen Kreis der Wladimir-Gefangenen aufbaute und dann regelmäßig bei den Jahrestreffen mit dabei war, lassen seit einiger Zeit die geistigen Kräfte spürbar nach. Als Peter Steger ihn und meine Mutter im März noch einmal im Seniorenheim in Minden besucht, freute er sich natürlich sehr. Inzwischen fällt es ihm zunehmend schwerer, die Gegenwart zu verfolgen, und auch die Erinnerungen an die Vergangenheit verblassen spürbar. Als ich ihn letztens noch einmal zu seiner Gefangenschaft befragen wollte, wehrte er ab: „Das ist long-long ago.“

Friedhelm Kröger 3

Peter Steger und Friedhelm Kröger

Im Nachhinein denke ich, daß alles seine Zeit hatte: die Jugend in der NS-Zeit, die langen Jahre der Gefangenschaft, die glückliche Rückkehr, ein erfolgreiches Berufsleben als Lehrer und sein nunmehr langes Leben als Ruheständler. „Ich nehme das Schicksal so, wie es kommt„, äußerte er kürzlich – und ich glaube, er hat recht: Mit seinen 94 glücklich erreichten Lebensjahren muß er nicht mehr alles erinnern können. Er darf in Ruhe auch einmal seine Vergangenheit vergessen. Wie war das mit Helmut Kohls Gnade der späten Geburt? Vielleicht gibt es auch eine Gnade des rechtzeitigen Vergessens – einer glücklichen aber auch schrecklichen Zeit, die bekanntlich nicht vergehen will…

Michael Kröger  (*1956)

Ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft

Friedhelm Kröger war ein unerschöpflicher Quell der Erinnerung an die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft, der eine Vielzahl von Beiträgen hier im Blog speist. Wer den Veteranen noch nicht kennt, sollte vielleicht hier beginnen https://is.gd/HLpEqk und dann seinen Namen in die Suchmaske eingeben.

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Seit elf Jahren begeht man am 29. Juni in der Russischen Föderation den Tag der Partisanen und Untergrundkämpfer. Denn an diesem Tag im Jahr 1941, kurz nach dem Überfall der Wehrmacht, erging die Direktive an alle Organisationen der Partei, Gewerkschaften und Komsomolzen, Einheiten und Diversionsgruppen für den Kampf gegen die Angreifer zu bilden. Am Ende waren es mehr als 6.000 solcher Partisanenverbände, in denen gut eineinhalb Millionen Männer, Frauen und Jugendliche zum Einsatz kamen. Ihre Rolle war vielleicht nicht kriegsentscheidend, wirkte aber verheerend auf die Moral des Feindes und führte zur Zerstörung von u.a. etwa 4.000 Panzer, 65.000 Militärfahrzeuge und 1.100 Sturzkampfbomber. Außerdem sprengten die Partisanen 1.600 Eisenbahnbrücken und brachten um die 20.000 Wehrmachtszüge zum Entgleisen. Gründe genug, auch ihren oft vergessenen Anteil am Sieg über die Nationalsozialisten zu würdigen.

Der Tour-Bus von Stefan Semken mit den Flaggen der mit Nazi-Deutschland verbündeten europäischen Staaten bei der Abfahrt

„Seefahren muß man, leben muß man nicht.“ So lautet der Wahlspruch der Hanse, den Stefan Semken aus Bremen wohl für sich so umdeutet: „Versöhnen muß man, leben muß man nicht.“ Das jedenfalls könnte man meinen, wenn man verfolgt, was der Friedenskämpfer mit Zweitwohnsitz im Ural für die Verständigung zwischen Deutschen und Russen leistet.

Zwei Damen vom Veteranenverband, Wjatscheslaw Gadalow, Stefan Semken und Irina Chasowa

Ursprünglich war seine Tour zusammen mit gleichgesinnten Motorradfahrern für den Mai geplant, und Wladimir sollte nur eine Zwischenstation werden, da ja zum 75. Jahrestag des Kriegsendes eine Delegation unter Leitung von Oberbürgermeister Florian Janik vor Ort sein sollte, siehe: https://is.gd/8Dx0cs. Doch dann kam Corona dazwischen, und nicht nur die Erlanger, sondern auch Stefan Semken mußte umdisponieren. Es ist eine Geschichte für sich, wie es dem Mann der Völkerfreundschaft schließlich gelang, am 31. Mai per Pkw nach Kaliningrad zu kommen und von da weiterzufliegen nach Jekaterinburg, um sich dann am 1. Juni in seinem Dorf Byngi auf Corona testen zu lassen, die vorgeschriebenen zweiwöchige häusliche Quarantäne anzutreten und dann am 18. Juni in See zu stechen, pardon, sich flaggenbewehrt auf den weiten Landweg zu machen, nachzuverfolgen hier https://d-ru-schba.de

Stefan Semken und Wjatscheslaw Gadalow mit den Damen vom Veteranenverband

Gestern also, am Gedenktag für die Partisanen, nun Wladimir, wo den Kurier der Städtepartnerschaft Irina Chasowa, Leiterin des Erlangen-Hauses, empfing und zum Platz des Sieges begleitete, wo sie den Gast mit einigen Damen des Veteranenverbands und Wjatscheslaw Gadalow bekannt machte, der am 22. Juni 2011, am 70. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR, zusammen mit dem Erlanger Kriegsveteranen, Wolfgang Morell, hier eine Freundschaftseiche gepflanzt hatte, für die er bis heute sorgt: https://is.gd/QTIWH5

Stefan Semken am Gedenkstein des Freundschaftsbaums

Neben dem Kranz mit der Erlangen-Schleife legte Stefan Semken – wie überall, wo er auf seiner Mission halt macht – einen Stein nieder, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. So wie mit ihm, diesem „guten Deutschen“, wie Irina Chasowa den Bremer in Erinnerung an einen anderen Hanseaten, Percy Gurwitz, in Riga gebürtig und in Wladimir verstorben, nennt. Der jüdische Baltendeutsche hätte sicher ergänzt: „Versöhnen muß man, aber, bitteschön, leben muß man auch!“

Dieses Betonbrocken stammt aus dem Lager „Bunker Valentin“ und setzt sich zusammen aus dem Schweiß, dem Blut und den Tränen sowjetischer Internierter. Wir verneigen uns vor ihren Schicksalen und ihrer Tapferkeit!

Wo aber Stefan Semken und seine Frau Olga sonst so leben, findet man hier: http://www.semken.eu und da: http://www.facebook.com/stefan.semken. – Und hier geht es zur Berichterstattung der Wladimirer Medien: https://is.gd/JL7fRj und  https://vladtv.ru/society/112450

 

 

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Heute lebt niemand mehr von den zehn Veteranen aus Erlangen, die zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR nach Wladimir gekommen waren, um gemeinsam mit den einstigen Feinden der Toten zu gedenken. Einer fehlte damals, der heute noch unter uns ist: Wolfgang Morell, 98 Jahre alt, der aber dann am 22. Juni 2011 den Stab übernahm und im Morgengrauen auf dem Platz des Sieges nach dem Frontsoldaten Iwan Mochow das Wort ergriff. Eine Ansprache, so ergreifend, daß sie es wert ist, auch heute noch einmal gelesen zu werden.

Iwan Mochow und Wolfgang Morell, 22. Juni 2011

Liebe Wladimirer, liebe Freunde,

als letzter wendet sich an Sie ein deutscher Zeitzeuge jenes verhängnisvollen Tages vor 70 Jahren, der uns den Anlaß für diese Gedenkstunde gibt. Ich hatte damals gerade das Gymnasium abgeschlossen und wartete auf meine Einberufung. Ich erinnere mich noch ganz klar an den 22. Juni 1941. Es war ein strahlender Sonntag, noch früh am Morgen, als mich meine Mutter mit dem Ausruf weckte: „Jetzt greifen die Unseren Rußland an.“

Ein lastendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Ungefähr gegen 8.00 Uhr trat unser Propagandaminister Goebbels im Radio auf und behauptete, die Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine sogar die Mehrheit – glaubte ihm. Wir, meine Familie, wir glaubten ihm nicht! Warum?

Mein Bruder, damals Soldat bei der Artillerie an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen, hatte unter anderem die Aufgabe, das Schußfeld im Osten zu dokumentieren. Wir waren also informiert über den Gang der Dinge… Doch was ich damals noch nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. Die Gefangennahme war für viele Soldaten an der Ostfront, so auch für mich, etwas, das man sich in den dramatischsten Farben ausmalte. Ich verdanke mein Leben nur dem Versagen meines Karabiners!

Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald. Zu meinem Glück brachte man mich ins Militärhospital nach Wladimir, das damals in der Lunatscharskijstraße lag. Hier pflegte man mich innerhalb von sechs Monaten wieder gesund, als wäre ich einer von den eigenen Leuten, ein Rotarmist. Deshalb sage ich voller Überzeugung: In Wladimir hat man mir das Leben zurückgegeben! Hier vollzog sich auch die Kehrtwende – von Mißtrauen und Feindschaft hin zu Verständigung, Partnerschaft und Freundschaft. Für mich liegt ein tiefer Sinn darin, daß ausgerechnet die Stadt, deren Bewohnern ich für immer zu Dank verpflichtet bleibe, eine Partnerschaft mit meiner Heimatstadt Erlangen pflegt.

Wolfgang Morell und Iwan Mochow

Wir haben hier voll der Achtung der Opfer gedacht, die jener unglückselige Krieg auf beiden Seiten forderte. Bitte lassen Sie uns an dieser Stelle gerade auch besonders der Kameraden beider Seiten gedenken, die in Gefangenschaft ums Leben kamen und jetzt die ewige Ruhe gefunden haben. Danke!

P.S.: Ein Vierzeiler des aus Odessa stammenden und in Erlangen lebenden Autors Wladimir Rywkin, dessen Vater an diesem Tag vor 79 Jahren in den Verteidigungskrieg zog:

Ein Krieg fängt mal an, und er endet mit Sieg.

Vom Krieg eine schwärende Narbe uns blieb.

Ein Krieg bringt für alle nur Schmerzen und Leid.

Ach, wäre die Welt doch von Kriegen befreit.

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Die jährlichen Treffen der Kriegsgefangenen aus Wladimir in Erlangen sind Geschichte. Zu wenige sind noch am Leben, zu wenige sind noch reisefähig. Wer freilich noch mobil ist, hält die Verbindung. Etwa Philipp Dörr, der zum 75. Jahrestag des Kriegsendes so gerne noch einmal in seine „zweite Heimat“ gereist wäre. „Aber jetzt ist ja die ganze Welt krank“, ärgert er sich. Sobald sich die Lage entspannt habe, wolle er jedoch die Fahrt nachholen.

Sylvia und Philipp Dörr mit Elisabeth Wittmann

Einstweilen aber besuchte er am Samstag mit seiner Tochter Sylvia in Baiersdorf Elisabeth Wittmann und übergab für den nächsten Kurier nach Wladimir ein Bild mit Ludmila Mironowa, seiner Dolmetscherin und Betreuerin vor Ort, die er auch schon zu sich nach Hause, in den Odenwald, eingeladen hatte.

Paul Hütter

Und dann schickte die Blog-Redaktion am gestrigen Pfingstsonntag seinen Fachmann für Veteranen auch noch in den Westerwald, zu Paul Hütter, der vor acht Jahren zuletzt in Wladimir war und mit Philipp Dörr nicht nur das Schicksal der Kriegsgefangenschaft, sondern auch die Verbindung zu der Deutschlehrerin, Ludmila Mironowa, teilt. Grund genug, hier nun die Arbeit ihres Schülers, Grigorij Katschewan, über den Wladimirer Kriegsveteranen, Nikolaj Schtschelkonogow, vorzustellen. In deutscher Sprache:

Grigorij Katschewan

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Eine weitere Folge aus dem Projekt „Kriegskinder“.

Nikolaj Schtschelkonogow und Christine Trautner, November 2019

Mit zwei Jahren erkrankte Christine Trautner, geboren 1927 als jüngstes von drei Geschwistern in Waldbreitbach an der Wied, unweit von Koblenz, an Scharlach und behielt einen Hörschaden, der ihr das ohnehin entbehrungsreiche Leben von Kindheit an noch schwerer machte. Zu ihren ersten Erinnerungen – mit vier Jahren – gehört der Tod des Großvaters, dem der Pfarrer noch die Letzte Ölung gebracht hatte.

Immerhin konnte der Vater bei der Familie bleiben. Er übte als Lkw-Fahrer für die Molkerei einen kriegswichtigen Beruf aus und wurde nicht eingezogen, während der zwei Jahre ältere Bruder an die Westfront geschickt wurde und in amerikanische Gefangenschaft geriet, die er zwei Jahre lang in den USA zubrachte.

Christine kam – wie alle in ihrem Jahrgang – zum Bund Deutscher Mädchen und mußte nach der Schule im Jahr 1941 ihr Pflichtjahr ableisten. Eigentlich wollte sie einen Beruf erlernen, aber da hieß es immer: „Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen!“ Man vertröstete sie also, schickte sie in ein Kloster, um dort einfache Arbeiten in der Wäscherei zu verrichten und „für das Essen zu schuften“. Auch in der Kreisstadt Neuwied wollte es nicht mit einer Ausbildung zur Näherin klappen, wieder vertröstete man das Mädchen auf später und nutzte sie als billige Arbeitskraft aus.

Unterdessen rückte der Krieg näher. Die Schule geriet unter Beschuß, und im Kloster traute sich das Kind aus Angst vor den Bomben nicht auf den Dachstuhl. Und dann kamen eines Nachts die Flieger tatsächlich. Im Keller saß Christine da, der Schutt brach bis ganz nach unten durch, eine Frau kam sogar um, und das Mädchen wartete auf der Treppe bis zum Morgen.

„Man war kein richtiger Mensch damals“, erinnert sich die Zeitzeugin. „In der Kirche sollte man sich möglichst nicht blicken lassen, und man konnte weder sagen noch machen, was man wollte.“ Montags mußte man immer „beichten“, was man am Wochenende mit dem Bund Deutscher Mädchen so alles unternommen hatte, zum Beispiel all die vielen Lieder gesungen, die Christine Trautner noch heute auswendig kennt. Und natürlich haben alle mitbekommen, wie die Juden abtransportiert wurden, und man ahnte – wohin. Ansonsten blieb es „ruhig“ in dem kleinen Ort in Rheinland-Pfalz. Bis dann die Amerikaner kamen.

An einem Sonntag war das, als Christine auf den Schmittenberg wollte, wo Verwandte einer der Freundinnen wohnten, mit denen sie gerade einen Spaziergang unternahm. Zur Unzeit, denn die Wehrmachtssoldaten waren soeben im Begriff, die Flucht zu ergreifen; den Berghang hatten die ersten Einschüsse der US-Armee getroffen. Da war an den Besuch nicht mehr zu denken…

Die Truppen requirierten das Elternhaus, stellten den Herd auf den Hof und kochten dort. Den Mädels schärfte man ein, sie sollten aufpassen, besonders die blonden, die „Blitzmädchen“, doch passiert ist dann doch nichts, und nach wenigen Tagen konnte die Familie das Haus wieder beziehen, die Soldaten rückten ab. Nur eine Flasche Öl ließen sie zurück, deren Inhalt aber ranzig roch, weshalb man bei allem Hunger keinen Gebrauch davon machte.

Ihren Mann aus Franken, Alfred Trautner, lernte Christine Anfang der 50er Jahre in Neuwied kennen, und 1955 heirateten die beiden schon. Bald darauf machten sie sich in Erlangen mit einem Süßwaren- und Getränkehandel selbständig, und hier bekam die schwerhörige Neubürgerin, die bis heute viel von den Lippen abliest, endlich auch ihr erstes Hörgerät von Siemens.

Gemeinsam mit ihrem bereits 2016 verstorbenen Mann, einem Weltkriegsveteranen, pflegte sie eine Vielzahl von Freundschaften mit Familien in Wladimir. Sie weiß, wie wichtig die Völkerverständigung nach den Schrecken des Krieges ist. Umsomehr bereiten ihr die Umtriebe von Nationalisten und Rechtsradikalen Sorgen, denn „die machen immer nur Krieg“.

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Im August vergangenen Jahres besuchte Wiktoria Kossenjuk vom Sender „Belarus 1“ aus Minsk mit ihrem Team Erlangen, um ein Interview mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell zu machen, nachzulesen hier: https://is.gd/YDNfSi Im Anschluß fuhren die Gäste noch nach Gera, um mit dem mittlerweile verstorbenen Günter Kuhne zu sprechen, der ebenfalls einen Teil seiner Kriegsgefangenschaft in Wladimir verbracht hatte. Nun wurde die fast einstündige Reportage im Rahmen des Projekts „Ich ВОЙНА“ – „Ich bin der KRIEG“ am 10. Mai erstausgestrahlt und gestern im Internet vorgestellt. Leider nur auf Russisch, aber dennoch sehenswert!

Ganz kurzfristig, ausgerechnet im April, als noch die strengen Corona-Regeln galten, wandte sich Anna Kisseljowa von Russia Today an den Partnerschaftsbeauftragten im Erlanger Rathaus mit der Bitte um Vermittlung von Kontakten zu Kriegsveteranen. Wieder erklärte sich Wolfgang Morell bereit, Rede und Antwort zu stehen, dieses Mal zusammen mit Philipp Dörr aus Fränkisch Crumbach im Odenwald. Beide hatten übrigens zum 75. Jahrestag des Kriegsendes mit nach Wladimir reisen wollen. Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, um den beiden Männern, kommentiert von Witalij Gurinowitsch aus der Partnerstadt, unter der Überschrift „Geheilte Wunden“ zuzuhören: https://deutsch.rt.com/kriegstrauma/chapter/5

https://deutsch.rt.com/static/kriegstrauma/img/share.webp

Wer mehr Zeit und Interesse mitbringt, mache sich mit allen sechs Kapiteln dieses Projekts https://deutsch.rt.com/kriegstrauma vertraut, das den Augenzeugen Gelegenheit gibt, vom Unsagbaren zu sprechen.

Das teuerste Kalenderblatt. 9. Mai 1945: Sieg Mai 9. Mittwoch Sieg. 9. Mai 1944: Einheiten der Roten Armee eroberten Sewastopol und befreite die Krim vollständig von den deutsch-faschistischen Okkupanten.

Leider noch nicht fertiggestellt ist das Material von Jekaterina Zwetkowa, die Ende November, Anfang Dezember mit ihrem Team und Nikolaj Schtschelkonogow gekommen war, um den Weltkriegsveteranen auf seiner wohl letzten Deutschlandreise zu begleiten. Es hakt noch an der Finanzierung auf russischer Seite, aber eine Lösung ist in Sicht. Noch etwas Geduld also, dann gibt es auch ihren Film unter dem Titel „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu sehen geben. Und bis dahin kann man sich ja die beiden obigen Reportagen mit viel Gewinn ansehen – und diesen so gar nicht reißerischen Anreißer mit Bildern aus Erlangen, Baiersdorf, Jena, Berlin, Potsdam und Buchenwald: https://is.gd/nOTPzW

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Ein einziges Bild zeigt, wie anders heuer der Tag des Sieges in Wladimir begangen wurde.

Oberstadtdirektor Andrej Schochin, Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Oberbürgermeisterin Olga Dejewa

Aber auch für all die Tausende, die ansonsten auf dem Platz des Sieges gestanden oder die Straßen gesäumt und an den Massenveranstaltungen teilgenommen hätten, verlief der 75. Jahrestag des Kriegsendes ganz anders als sonst: zu Hause, in Quarantäne, mit nur wenig Kontakt nach draußen und – besonders im Fall von kinderreichen Familien oder alten Menschen – oft auch in schierer materieller Not. Diese zu lindern sind derzeit Freiwilligentrupps unterwegs, die von Tür zu Tür gehen, um Essenspakete zu verteilen und Zuspruch zu geben.

Michail Mojsejantschik

Einer dieser Helfer und Tröster in Zeiten von Corona ist Michail Mojsejantschik, der hier im Blog mit seiner Aktion bereits vorgestellt wurde: https://is.gd/MHecfm

Sein Bericht von einer alten Frau, die er dieser Tage fast ohnmächtig vor Hunger vorgefunden habe, gab den Anstoß für eine Gemeinschaftsaktion: Mit einem Zuschuß der Stadt Erlangen in Höhe von 1.500 Euro kochte das Hotel Wosnessenskaja Sloboda unter Leitung von Anna Schukowa ein Festessen, das von den jungen Leuten um Michail Mojsejantschik an bedürftige Familien und Weltkriegsveteranen verteilt wurde.

Von dieser humanitären Geste der Partnerschaft berichtet der Regionalsender Gubernia 33 in folgender Sendung.

Bleibt noch die traurige Corona-Statistik nachzutragen: Mittlerweile sind, Stand 11. Mai, 10.00 Uhr 1.326 Menschen in der Region Wladimir infiziert, 249 davon in der Partnerstadt,  15 Personen verstarben, 100 gelten als genesen.

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Eigentlich wäre ich heute zum 75. Jubiläum des Tags des Sieges in Wladimir. Ich hätte eine Delegation aus der Partnerstadt Erlangen begleitet. Vor genau 25 Jahren, am 9. Mai 1995, war ich zum 50. Jahrestag des Kriegsendes auch in Wladimir. Eine von fünf Reisen dorthin in den 90ern, auf der ich viel gelernt habe über Rußland und die Russen. Dafür profitiere ich bis heute und bin sehr dankbar dafür. #niewiederkrieg hat für mich damals eine sehr klare Bedeutung bekommen. Und ich spüre bis heute eine sehr enge Verbindung nach Wladimir und zu den Freunden dort. Deswegen habe ich ein paar alte Dias zum 9. Mai herausgesucht.

So schrieb gestern der Journalist Axel Mölkner-Kappl auf Facebook und fügte dann in einer Notiz für die Blog-Redaktion hinzu:

Ich spüre in diesen Tagen, wie wichtig es ist, daß wir dahinreisen – sobald es die Gelegenheit dazu gibt. Ich freue mich drauf.

Diesen Erinnerungsschatz will der Blog gerne zu heben helfen. Deshalb hier eine Abfolge von Aufnahmen, die ein Vierteljahrhundert alt, aber auch von ungeahnter Aktualität sind.

An bekannten Gesichtern auf dem Bild zu sehen: Andrej Filinow, Journalist und heute Intendant des Lokalsenders Wladimir, Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Peter Steger; der Herr, der sich zu dem Kind umdreht, ist Jurij Fjodorow, Vater der Partnerschaft auf russischer Seite. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 11

Andrej Filinow mit seiner Frau Tatjana am 9. Mai 2019

Gabriel Lisiecki vom Erlanger Bürgermeister- und Presseamt und Dietmar Hahlweg legen am Platz des Sieges einen Kranz nieder.  9. Mai 1995

 

Rechts im Bild der Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkongow. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 7

Der 50. Jahrestag des Großen Sieges. 9. Mai 1995

Ganz bewußt zum 50. Jahrestag des Kriegsendes wurde vor 25 Jahren als Zeichen des Friedens und der Verständigung in Wladimir das Erlangen-Haus eröffnet. Auch hierzu hat Axel Mölkner-Kappl ein Dia ausgegraben und digitalisiert.

7. Mai 1995: Peter Steger, die beiden Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow, sowie Tatjana Garischina, die erste Leiterin des Erlangen-Hauses; dahinter Percy Gurwitz, Jurij Fjodorow, Frank Hoffer, Deutsche Botschaft Moskau, Gouverneur Jurij Wlassow und Nikolaj Winogradow, Vorsitzender der Regionalduma

Und wenn wir schon bei Botschaften sind. Elisabeth Preuß, die – man kann es kaum anders sagen – eine Seelenverwandtschaft mit Wladimir verbindet, nahm in den letzten Stunden ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin auf bewegende Weise Abschied vom Erlangen-Haus. Sicher nur in ihrer politischen Funktion. Sicher nicht als Wahl-Wladimirerin. Aber hören und sehen Sie selbst:

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Gestern vor 75 Jahren feierte jemand seinen letzten Geburtstag, der unendlich viel Leid über die Welt gebracht hatte. Doch das Böse siegte nicht. Gestern wurde die Friedensbotschaft von Wolfgang Morell, einem Weltkriegsveteranen, fertiggestellt – mit einem Freundesgruß an die einstigen Feinde.

Wolfgang Morell

Alles auf Russisch, aber vielleicht auch für die deutschsprachige Blog-Gemeinde als Zeitzeugnis sehenswert: https://is.gd/FKzdaz

 

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