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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Tscherkutino, ein 1000-Seelen-Dorf, etwa 60 km nordwestlich von Wladimir gelegen, ist die Heimat dieses Kriegsveteranen. Sergej Skuratow sah ihn 2016 so. Damals war der einstige Späher in der Roten Armee 93 Jahre alt. Bis zu seinem 90. Lebensjahr beschäftigte er sich mit der Imkerei. Was er jetzt tut, ob er überhaupt noch lebt, wie er heißt? Wir wissen es nicht. Aber wir haben dieses Bild, das viel mehr erzählt.

Runzeln und Falten: Schützengräben der Zeit, Lebensadern, gefurchte Erinnerung. Gespinst aus Haaren, gebleicht im späten Schatten der Jahre. Nachtgestreiftes Garn der Vergangenheit. Augen, die erst in der Betrachtung zeigen, was sie sehen. So verborgen der Mund, so gerne schenkte man ihm Gehör. Verlust des nie Gesagten, des Ungehörten. Ein Versprechen, ohne sich versprochen zu haben. Der Rest ist Schweigen.

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Nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau, deren Pflege ihn während der letzten Jahre derart in Anspruch genommen hatte, daß er es sich versagte, sie auch nur für kurze Zeit alleine zu lassen und die Einladung anzunehmen, noch einmal nach Wladimir zu reisen, folgte ihr nun gestern Alfons Rujner selbst auf seinem letzten Weg. Ein Menschenfreund von hohen Gnaden ist mit ihm für immer gegangen, ein nie verzagter Streiter für die gute Sache der Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschen und Russen, der als Vermächtnis hinterläßt, sich bedingungslos für den Frieden einzusetzen. Denn er hatte ihn am eigenen Leib erlebt, den Krieg und dessen verheerende Macht, die er über des Menschen Denken, Fühlen und Handeln entwickelt.

Philipp Dörr, Alfons Rujner und Kurt Seeber, Berlin, im November 2010

Das jüngste von fünf Kindern eines Bauarbeiters absolvierte auf Betreiben der Mutter im Rathaus von Stettin eine Verwaltungslehre, fand sich aber schon mit 16 Jahren beim Katastrophenschutz der Hitlerjugend wieder, „wo man oft nur noch Tote bergen konnte“. Essen gab es 1943 auf Marken, die älteren Brüder waren schon an der Ostfront, die Stadt lag in Schutt und Asche. Anfang Februar 1945 dann, die Lehre gerade vorfristig beendet, meldet sich der Inspektoranwärter auf Betreiben des Personalchefs und gegen den Willen der Mutter freiwillig zum Militär, zum „letzten Aufgebot“, erhält eine dreiwöchige Kurzausbildung und steigt Ende März in einen Truppentransporter Richtung Slowakei / Ungarn. Die Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, berüchtigt als der „blutige Ferdinand“, war längst in Auflösung begriffen, doch der fanatisch grausame Befehlshaber gab die Devise aus: „einigeln und ausharren“. Viel mehr als das Aushaben von Schützenlöchern können die Jungspunde freilich nicht mehr tun. Die Stalinorgeln zeigen bald ihre verheerende Wirkung:

Es war furchtbar. Nicht beschreibbar. Nicht vergleichbar. Nie wieder habe ich solchen Schrecken, eine so tiefe Angst erlebt. Die Schreie der Verwundeten, das Getöse der Granaten, die Rufe der Kameraden, die Befehle, alles ging in eins unter.

Alfons Rujner bei der Präsentation des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen“ im Dezember 2015 in Erlangen

Verhetzt von der Nazipropaganda, stellte sich der Jüngling in Uniform den Bolschewisten als gehörntes Ungeheuer vor. Man mag sich die Befürchtungen deshalb gar nicht vorstellen, als er Anfang Mai, nach gerade einmal 68 Tagen an der Front, in der Oberpfalz von US-Truppen gefangen genommen und dann vereinbarungsgemäß an die Sowjetarmee überstellt wurde. Und dann dies: Die Russen gaben ihm zu essen – und das obwohl die Wehrmacht auf ihrem Rückzug, wie Alfons Rujner beschämt auf der langen Strecke ins Lager von Wladimir via Brjansk und Moskau zu sehen bekam, verbrannte Erde hinter sich gelassen hatten. Bereits auf dem Transport änderte sich die Weltsicht des noch Minderjährigen grundlegend.

Die alten Ideen hatten sich als falsch erwiesen. Wem hatte Deutschlands Großmannssucht genutzt? Wer hatte dafür bezahlt? Wie viele Millionen Menschen waren für die irrwitzigen Pläne von der Eroberung neuen Lebensraums verblutet? Diese Fragen stellten sich mir. Und ich versuchte, auch in der Folgezeit in Wladimir darauf eine Antwort zu finden.

Alfons Rujner im Gespräch mit Erlangens Oberbürgermeister, Florian Janik, im Oktober 2017

Seine Antwort kann man nachlesen in der autobiographischen Schrift „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“, in vielen Leserbriefen und Artikeln, er gab sie bei ungezählten Auftritten an Schulen – und sie liegt dem Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zugrunde, der seinen Titel den Worten verdankt, die eine alte Frau in Wladimir Alfons Rujner im September 1948 beim Abtransport in die Heimat zugerufen hatte. Seine Antwort schwingt in dem gleichnamigen Theaterstück nach, dessen Aufführung der Veteran – ebenso wie die Präsentation des Buches – in Erlangen noch erlebte. Seine Antwort ist verborgen in dem Koffer aus Wladimir, den er am 8. Mai d.J. dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst übergab. Seine Antwort verbündet und verbindet aber vor allem jene, die ihm je begegneten, ihn begleiteten und sich ergreifen ließen von seinem so zugewandten Zeugnis für den Frieden.

Museumsdirektor Jörg Morré und Alfons Rujner bei der Übergabe des Koffers am 8. Mai 2018 in Berlin-Karlshorst

Alfons Rujner ist nun, neunzigjährig, dort angelangt, wo kein Krieg mehr herrscht und auch kein Hunger. Möge er ruhen in Frieden.

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Wer regelmäßig den Blog liest, kennt die Geschichte, wie aus den Erlebnissen von Wolfgang Morell und Claus Fritzsche, festgehalten im Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ein Theaterstück wurde. Nun veröffentlichte die erste Juni-Ausgabe der Moskauer Deutschen Zeitung – sie erscheint zweimal im Monat mit einer Auflage von etwa 25.000 Exemplaren – einen Artikel unter dem Titel „Wo Geschichte zu Theater wird und Theater zu Geschichte führt“. Damit erfahren alle Beteiligten ebenso wie das Sujet selbst noch einmal die verdiente überregionale Würdigung. Leider freilich auch als Nachruf zu lesen, nicht nur, weil Claus Fritzsche die Aufführungen des Stücks nicht mehr erlebte, sondern weil die Klasse am Gymnasium Nr. 1 in Nischnij Nowgorod mittlerweile auseinandergegangen ist und dieses zeithistorische Werk – zumindest in dieser Inszenierung – nicht mehr auf die Bühne kommt.

Hier deshalb der Link zum Artikel https://is.gd/Vk0gRz, und da geht es per youtube zur Vorschau der Theaterrevue https://is.gd/dwvsUs, heute eben nur noch eine Nachschau.

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Gestern verstarb im Alter von 95 Jahren Pawel Mochow, der sich im Juni 1941 freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatte und nach Abschluß der zweijährigen Panzerfahrerausbildung an die Front ging. Vielfach dekoriert nahm der spätere Oberst an der Befreiung der Ukraine, Polens und der Tschechoslowakei teil. Den Sieg über die Wehrmacht erlebte er, verwundet, in Prag. Geboren 1923 in der Region Rjasan, diente Iwan Mochow noch in Rumänien, Moldawien, Moskau, Alma-Ata, am Aralsee und Bajkonur, bevor er sich 1970 in Wladimir niederließ und hier seinen Ruhestand genoß.

Iwan Mochow und Wolfgang Morell am 22. Juni 2011

1991 übernahm Pawel Mochow die Leitung des Wladimirer Veteranenvereins im Stadtteil Leninskij, 2005 wählte man ihn zum Vorsitzenden des Verbands der Frontkämpfer. Er war einer, die das Erinnern an die Schrecken des Krieges wachhielt – im Gespräch mit der jungen Generation und im Austausch mit den einstigen Feinden, den Veteranen aus Erlangen.

Wolfgang Morell, Iwan Mochow, Sergej Sacharow, Andrej Schochin, Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Preuß am 22. Juni 2011 auf dem Platz des Sieges

Ob öffentlich auf dem Platz des Sieges oder im privaten Gespräch, Pawel Mochow streckte den Deutschen immer die Hand zur Versöhnung aus und wünschte sich ein enges Bündnis zwischen beiden Ländern, um gemeinsam gegen die Vormacht der USA bestehen zu können. Auch wenn diese Hoffnung zu seinen Lebzeiten nicht mehr in Erfüllung ging, hat sich der Veteran in vorderster Front große Verdienste um die Verständigung zwischen Russen und Deutschen erworben. Wenn Wladimir morgen in der Kasaner Kirche auf dem Platz des Sieges von dem einstigen Rotarmisten Abschied nimmt, trauern mit den Angehörigen auch seine Freunde in Erlangen.

 

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Ein bewegender Moment am Tag des Gedenkens an das für die deutsche Geschichte vielleicht bedeutendste Ereignis, an einem Ort, der dem Anlaß kaum angemessener sein könnte: am 8. Mai im Deutsch-Russischen Museum, wo vor 73 Jahren die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet wurde. Hierher, nach Berlin-Karlshorst, war Alfons Rujner mit seinem Enkel Lars und Freunden gekommen, um etwas an Museumsdirektor Jörg Morré zu übergeben, das er seit seiner Gefangenschaft in Wladimir über all die Jahrzehnte hinweg sorgsam aufbewahrt hatte, den Koffer mit all seinen Aufzeichnungen von den Kursen der Antifa-Schule im Lager, festgehalten in einem aus Zementpapier selbstgemachten Heft.

Alfons Rujners Koffer aus Wladimir

Alfons Rujner war gegen Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft geraten und blieb bis September 1948 in Wladimir, wo er beim Aufbau des Traktorenwerks half. Seine Erinnerungen sind nicht nur im Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ – das Werk verdankt dem Veteranen sogar den Titel – nachzulesen, sondern auch in dem Buch „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“ festgehalten.

Jörg Morré und Alfons Rujner, Photo: Christian Naffin

Schon seit langem hatte sich der oft als „Iwan-Freund“ verhöhnte Kämpfer für die Aussöhnung und Verständigung mit dem Gedanken getragen, seinen Koffer aus jener fernen Zeit dem einzigen von der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit der Russischen Föderation getragen Museum zu übergeben, wo es kommende Zeiten überdauert und für die Öffentlichkeit und Forschung zugänglich bleibt. Nichts weniger als sein ganz persönliches Vermächtnis an die Nachwelt hat Alfons Rujner da übergeben, sein sprechendes Zeugnis dafür, wie – in Wladimir – aus Feinden Freunde werden konnten, sein unüberhörbarer Auftrag an uns alle, Frieden und Freundschaft zu bewahren.

Mehr zu Alfons Rujner und seinem Koffer und seinem Inhalt hier: https://is.gd/WgBu0D. Zur Übergabe ein Bericht vom 11. Mai im Neuen Deutschland von Christian Naffin, der den Termin vermittelte, unter Dokument gegen das Vergessen, ND, 11.05.18

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Um zehn Uhr setzte sich gestern bei strahlendem Sonnenschein ein schier endlos langer Zug von der Philharmonie Wladimir zum Platz des Sieges in Marsch: Kriegsveteranen, Politiker, Angehörige des Militärs, Musiker, Vertreter der gesellschaftlichen Organisationen, einfache Menschen und – in privater Mission als einziger Deutscher an diesem 73. Festtag des Sieges über den Faschismus – der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Erlangen, Peter Steger.

Wiedersehen: Stadtrat Schamil Chabibullin und Peter Steger

Anders als man es von den Fernsehbildern her kennt, die zumeist nur die Parade auf dem Roten Platz in Moskau zeigen, bleibt das militärische Element des Gedenktages in der Partnerstadt eher Beiwerk, auch wenn heuer mehr Fahrzeuge denn je im Einsatz kommen – vom historischen Studebaker bis zum modernen Mienenräumpanzer: mehr Gulasch als Kanonen, mehr Gastronomie als Artillerie, mehr Luftballons als Salutschüsse. Vor allem aber keine martialischen Töne in Richtung Westen, vor allem kein Wort des Vorwurfs an die Rechtsnachfolger des einstigen Gegners, der die Völker des Ostens hatte versklaven und vernichten, ihr Land und ihre Bodenschätze in Besitz nehmen wollen.

Unsterbliches Regiment

Im Mittelpunkt des nicht enden wollenden Zuges das „Unsterbliche Regiment“ – mit nach offiziellen Angaben – 22.500 Teilnehmern mit Portraits ihrer Angehörigen, die am Krieg teilnahmen. Mehr als 200.000 waren es aus der ganzen Region Wladimir, die ihre Heimat verteidigten. 153 trugen die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“, 23 standen im Rang eines „Kavaliers des Ordens des Ruhmes“. Kaum einer von ihnen ist mittlerweile mehr am Leben. Allein in der vergangenen Woche verstarben acht Veteranen, 748 leben noch in der Region, 277 davon in der Partnerstadt, doch nur 20 wohnten der zweistündigen Veranstaltung auf dem Platz des Sieges bei.

Militärkolonne. Photo: Zebra-TV

Darunter Nikolaj Schtschelkonogow, der bereits 1991 die erste Veteranendelegation unter Leitung der Stadträte Heinrich Pickel und Martin Scheidig in Wladimir begrüßte und ein Jahr später selbst nach Erlangen kam, der deutschen Partnerstadt verbunden bis heute.

Wiedersehen: Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow

Am 24. Juni 1945 hatte der Veteran, der mit 17 Jahren an die Front kam und beim Sturm auf Berlin dabei war, auf dem Roten Platz in Moskau an der Siegesparade teilgenommen. Und noch heute, mit fast 93 Jahren, bleibt er unermüdlich tätig als Zeitzeuge und Mittler zwischen den einstigen Gegnern. Welch eine Freude beim Wiedersehen an einem solchen Tag, welch bewegender Moment, wenn der Sohn eines Angehörigen der Waffen-SS mit dem Kavalier des Rotens Sterns und des Ruhms Blumen an der Ewigen Flamme niederlegen darf!

Gedenken: Nikolaj Schtschelkonogow und Peter Steger. Photo: Zebra-TV

Hier, wo jener 10.861 Wladimirer gedacht wird, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten in ihre Heimatstadt, von wo aus 24.724 an die Front gezogen waren. Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen: Knapp 70.000 Einwohner lebten hier damals. Welch ein Blutzoll für einen Ort, der hinter der Front lag. Nicht auszudenken, um wie viel der höher ausgefallen wäre, hätte die Rote Armee nicht die Wehrmacht vor Moskau aufhalten können.

Wiedersehen: Witalij Gurinowitsch mit Enkelin Eva und Peter Steger

Der Begegnungen sind noch viele an diesem Vormittag: mit dem Historiker Witalij Gurinowitsch, der wesentliche Forschungsarbeit zu den Kriegsgefangenenlagern in der Region leistete und noch immer mit Zeitzeugen und deren Angehörigen in Kontakt steht. Erst dieser Tage hatte er einen von ihnen aus Deutschland zu Besuch.

Wiedersehen: Anatolij Mitrofanow und Peter Steger

Mit Anatolij Mitrofanow, der ehrenamtlich am Sportaustausch mit Erlangen mitwirkt. Mit vielen anderen, die der Städtepartnerschaft und Völkerverständigung verbunden sind.

Bemerkt: Hier befand sich in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 die Wladimirer Infanterieausbildungsstätte. Die Gedenktafel wurde zum 45jährigen Jahrestag des Sieges am 9. Mai 1990 angebracht. Wenige Schritte vom Erlangen-Haus entfernt, stadteinwärts gegenüber.

45.000 sollen es am Ende gewesen sein, die an den vielen Gedenkveranstaltungen und Feiern über den ganzen Tag hinweg an verschiedenen Orten teilnahmen. Das Fest eines Volkes, das sich ausgesöhnt hat mit den Deutschen. Wie es mit deren politischer Zusammenarbeit weitergeht, zeigt heute die erste Begegnung des neuen Außenministers, Heiko Maas, mit seinem russischen Kollegen, Sergej Lawrow. Und was gibt es Neues in der Städtepartnerschaft? Der Urlaub des Bloggers geht zu Ende, schon bald aber wird davon zu berichten sein, wie es weitergeht mit dem Jugendaustausch, denn gestern abend traf noch eine vierköpfige Gruppe aus Erlangen ein, die für den Sommer die nächsten Begegnungen plant. So ist das, und so ist das gut zwischen Erlangen und Wladimir: Die einen kommen, und die andern gehen, die feste Freundschaft aber bleibt bestehen.

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50 km nordöstlich von Wladimir entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine Textilmanufaktur, um die herum man eine Arbeitersiedlung entstand. Die Geschichte der Kreisstadt mit ihren 12.000 Einwohnern reicht also noch nicht weit zurück in die russische Historie. Desto wichtiger ist der Ort für die deutsch-russische Erinnerung.

Ein Blumenkorb für die Toten

Hier nämlich, eine knappe Autostunde von der Partnerstadt entfernt, liegt die zentrale Gedenkstätte für die Kriegsgefangenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten, die im Hospital von Kameschkowo verstarben. 2007 eröffnete die Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Gelände im Nordwesten des Ortes, wo vom August 1943 bis Mai 1948 auf einer Fläche von 8.000 qm insgesamt 1.511 Männer begraben liegen, 1.274 von ihnen einzeln bestattet, die übrigen in 37 Massengräbern.

Liste der Gefangenenlager in der Region Wladimir

Die Statistik des Todes weiß noch mehr: Ihre letzte Ruhe fanden hier 1.274 Deutsche, 152 Rumänen, 100 Ungarn, 81 Italiener, 60 Österreicher, 32 Moldawier, 15 Franzosen und ebensoviele Tschechen, 14 Polen, neun Jugoslawen, sechs Ukrainer, vier Russen je ein Jude, Lette, Luxemburger, Niederländer, Schwede und Norweger.

Ensemble der Gedenkstätte

Nicht ganz leicht zu finden ist die Gedenkstätte entlang einem Sandweg, der, vorbei an Wellblechgaragen, von der Umgehungsstraße in den Wald abbiegt. Kein Hinweisschild, aber die Einheimischen helfen den Fremden gern.

Gedenken für die ungarischen Gefangenen

An zwei Tagen in der Woche – bei Bedarf auch öfter – brachte man vom Hospital in Kameschkowo mit seinen bis zu 1.200 Betten die Toten mit Pferdegespannen und setzte sie – häufig zwei bis drei Leichen in einem Sarg – am Waldrand bei. Man hatte ihnen nicht mehr helfen können, zu entkräftet waren sie von der Front gekommen, zu sehr hatten ihnen Fleckfieber oder die Ruhr zugesetzt, zu schwer waren die Verwundungen gewesen. Wo es nicht einmal für die eigenen Leute genug Medikamente und Nahrungsmittel gab, grenzt es an ein Wunder, wenn gerade einmal zehn Prozent der mehr als 10.000 Patienten insgesamt verstarben. Und dann waren da ja auch noch die etwa 200.000 Versehrten der Roten Armee, die man in den 16 Krankenhäusern der Region Wladimir versorgte.

Gedenken an die italienischen Gefangenen

Schon auf dem Rückweg zum Auto und voller Gedanken an die so sinnlosen Opfer, dann der Kairos der Versöhnung. Vier Jungs, mit zwei Rechen bewehrt, kommen in Richtung Gedenkstätte und geben sich als Schüler zu erkennen, die hier, am Vorabend des Tages des Sieges, 73 Jahre nach Kriegsende, den Friedhof in Ordnung zu bringen, Äste zu entfernen, Maulwurfhügel einzuebnen… Welch eine Geste!

Peter Steger und die Friedhofsgärtner

Im Gespräch erzählt das Quartett, sie besuchten die Schule Nr. 2, und man kümmere sich da ehrenamtlich um die Gedenkstätte, es handle sich ja um die gemeinsame Geschichte. Die Gäste sollten doch einmal dort – es folgt eine genaue Wegbeschreibung – vorbeischauen.

Im Einsatz auf dem Gelände des Friedhofs

Ohne jede Anmeldung kommt man da gleich in ein Klassenzimmer, wo gerade über die Bedeutung des Kriegsendes gesprochen wird. Vor einigen Jahren schon hat die Schule eine Art Patenschaft für die Gedenkstätte übernommen und gibt diese Tradition von Jahrgang an Jahrgang weiter. Da liegt es nahe, daß sich die beiden Deutschlehrerinnen, Julia Tarbejewa und Ludmila Natscharowa, nichts mehr wünschen als einen Austausch mit einer Schule in Deutschland. Dem Wunsch kann bei so viel Enthusiasmus sicher entsprochen werden.

Zu Gast in der Schule Nr. 3, Kameschkowo

Jedenfalls hört die Klasse gebannt dem unerwarteten Gast aus Erlangen zu und bedankt sich auch noch mit einer Friedenstaube. Wieder so ein Kairos am 8. Mai, 73 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches.

Eine Friedenstaube für Peter Steger

Auch in der Schule Nr. 3 ist der Besuch aus Deutschland nicht angekündigt, aber hochwillkommen. Gerade sitzt eine Klasse im eigenen Museum, sieht sich die Arbeiten des Wladimirer Künstlers Witalij Rybakow an – nach Motiven des Stücks von Bertold Brecht „Furcht und Elend des Dritten Reiches“.

Ausstellung mit Arbeiten von Walerij Rybakow in der Schule Nr. 2

Passend zu der Geschichte der Schule, in deren Mauern just das Hospital untergebracht war, wo die kranken Kriegsgefangenen zu zweit und zu dritt auf zusammengeschobenen Betten lagen.

Exponat im Museum der Schule Nr. 2

Im Museum, das fast die Hälfte des Obergeschosses einnimmt, neben landeskundlichen Exponaten zur Geschichte von Kameschkowo eine ganze Reihe von Gebrauchsgegenständen aus dem Besitz der Kriegsgefangenen, eingetauscht bei den Einheimischen gegen Lebensmittel.

Exponate des Museums in der Schule Nr. 2

Swetlana Kudrjaschowa kennt die Geschichte der Schule wie kaum jemand sonst. Als Koautorin eines Buches berichtet sie nicht nur über die einstigen Schüler und Lehrer, sondern auch eingehend über das Schicksal der Kriegsgefangenen und natürlich des Personals.

Swetlana Kudrjaschowa und Peter Steger mit einer BMW der Wehrmacht

Sogar deutsche Ärzte waren eingesetzt und arbeiteten mit russischen Krankenschwestern zusammen, die sich zunächst aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten gegen die Aufnahme der Kriegsgefangenen gewehrt hatten. Verständlicherweise. Schließlich starben auch einige von ihnen an Typhus, sogar der Frisör aus dem Ort überlebte eine Ansteckung im Hospital nicht.

Korridor des einstigen Krankenhauses, heute Schule Nr. 2

Ein weiteres Gebäude gab es und einen Dorfklub, wo die Gefangenen Russisch lernen und Theaterstücke einstudieren konnten, die sie dann auch mit großem Erfolg aufführten, darunter den „Faust“ oder das Puschkin-Stück „Mozart und Salieri“ – alle Rollen mit Männern besetzt.

Außenansicht Schule Nr. 2

Zeitzeugen leben kaum noch, aber die Schule bewahrt das Gedächtnis an jene schwere Zeit. Swetlana Kudrjaschowa hofft sogar, eines Tages den ganzen oberen Trakt des Schulgebäudes für ihr Museum nutzen zu können. Dann werden noch mehr Kinder und Jugendliche aus der Stadt und dem Landkreis erfahren, was sich hier vor sieben Jahrzehnten zwischen Russen und Deutschen abspielte.

Außenansicht der Schule Nr. 2, Kameschkowo

Gerade einmal noch 760 Kriegsveteranen leben heute in der Region Wladimir. Ihnen gelten heute die Ehre und der Dank für die Befreiung Europas vom Faschismus – unter unsäglichen Opfern.

Stadtkirche mit Schule Nr. 2 im Hintergrund, Kameschkowo

Wer, wenn nicht wir Deutsche haben heute Grund, den Russen für die Vergebung zu danken, für die Versöhnung, für die ausgestreckte Hand. Welch ein Glück, dies vor Ort erleben zu dürfen.

Platz des Sieges, Kameschkowo

Gleich was wir derzeit politisch aneinander auszusetzen haben: Uns eint der feste Wille, nie wieder gegeneinander in den Krieg zu ziehen. Dieses Moment sollte mehr einigen als alles andere trennen kann. Ergreifen wir den Kairos, wie er gestern in Kameschkowo zu erleben war!

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