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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Den emotionalen Höhepunkt setzte Nikolaj Schtschelkonogow gestern morgen zum Ende seiner fast zweiwöchigen Reise in die eigene Vergangenheit mit dem Besuch der Roten Kaserne in Potsdam, wo er von 1951 bis 1957 stationiert war. Hierher holte er nach Stalins Tod 1953 seine Frau nach, von hier aus wurde er zur Niederschlagung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 nach Berlin kommandiert, wo sich aber bei seinem Eintreffen die Lage bereits beruhigt hatte, und hier, im Militärkrankenhaus von Beelitz, in der einstigen Doktor-Koch-Klinik, kam sein Sohn zur Welt. Hier liegt der Grund für seine tiefe Verbundenheit mit den Deutschen, die sich übrigens, wie der Veteran betont, in all den sechs Jahren seiner Stationierung auch nur im Ansatz feindselig ihm gegenüber benommen hätten, ganz im Gegenteil, sogar Familienfreundschaften seien in jener Zeit entstanden, von denen Nikolaj Schtschelkonogow immer wieder gerne erzählt.

Jekaterina Zwetkowa, Andrej Maximow, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Maxim Lortschenko vor dem Hauptkomplex der Roten Kaserne in Potsdam

In dem riesigen Komplex der Roten Kaserne, benannt nach dem Baumaterial Klinker und entstanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts, war ab 1948/1949 bis 1993 die Sowjetische bzw. Russische Armee einquartiert, und bot Platz für die ganze 34. Artillerdivision, in der Nikolaj Schtschelkonogow diente. Nach dem Abzug der Soldaten nutze die Stadt Potsdam – ähnlich wie das in Erlangen geschah – das Areal zur Neugestaltung eines ganzen Viertels mit Wohnungen, Büros und Forschungseinrichtungen.

Auf dem Weg zur Alexander-Newskij-Gedächtniskirche in Potsdam

Doch dann ging es schon hinauf zur Alexander-Newskij-Kirche, erbaut auf Anordnung König Friedrich Wilhelms III. in den Jahren 1826 bis 1829 als Manifest der engen Freundschaft von Preußen und dem Russischen Reich, auf dem Kappellenberg, unweit der Kolonie Alexandrowka, die eigens für die russischen Soldaten angelegt wurde. Heute ist sowohl die Siedlung als auch die Kirche, das älteste russisch-orthodoxe Gotteshaus in ganz Westeuropa, Teil des UNESCO-Welterbes.

Alexander-Newskij-Kirche in Potsdam

Der Schutzpatron wiederum steht in enger Beziehung zu Partnerstadt. Der einstige Großfürst von Wladimir wurde in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale beigesetzt, Peter I ließ aber die Gebeine des mittlerweile heiliggesprochenen Siegers über den Deutschherrnorden und dessen Drang nach Osten in seine neue Hauptstadt überführen, wo sie wohl auch bleiben werden.

Gottesdienst in der Alexander-Newskij-Kirche zu Potsdam

Aber wer wollte schon groß an diesen Reliquienraub denken, wenn doch, wie es der Himmel will, gerade an diesem Freitagmorgen ein Festgottesdienst gefeiert wird. Übrigens war die Kirche auch damals, in den 50er Jahren, geöffnet. „Auch wenn ich, als Kommunist erzogen, kein gläubiger Mensch war“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „kam ich doch immer wieder hierher. Denn es ging uns materiell zwar recht gut, und wir fühlten uns wohl hier, aber Heimweh hatten wir doch alle, und da bot die Kirche uns ein Stück Rußland.“ Allerdings, und auch das gehörte zum Leben der Sowjetsoldaten: „In den Büschen, wo es zu dem einen oder anderen Stelldichein mit den Fräuleins gekommen sein mag, saßen gern auch Geheimdienstleute, um über die Moral der Truppe zu wachen.

Schloß Cecilienhof

Zu den festen Ausflugszielen gehörten natürlich auch Schloß Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, dessen viele Zimmer Nikolaj Schtschelkonogow noch heute fast alle beschreiben könnte. Für eine Besichtigung bleibt freilich ebensowenig Zeit wie für eine Führung durch Sanssouci.

Sanssouci

Aber es war ja auch keine touristische Reise für den Veteran. Er konnte sich seinen Herzenswunsch erfüllen: zum sechsten Mal nach Erlangen kommen, um Abschied von seinen deutschen Kameraden und Freunden zu nehmen, um noch einmal die wichtigsten Stationen seiner Zeit als Soldat in Deutschland zu besuchen, vor allem aber, um sein ganz persönliches Zeugnis für die russisch-deutsche Aussöhnung über die ungezählten Gräber hinweg abzulegen, um zu beweisen, daß man den Krieg in sich besiegen kann. Davon wird nun bald die Dokumentation von Jekaterina Zwetkowa berichten, die bereits im April fertiggestellt sein soll, um sie dann – möglichst mit Gästen aus Erlangen – zum 75. Jahrestag des Kriegsendes in Wladimir uraufzuführen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Nikolaj Schtschelkonogow will so lange nicht warten. Viel zu ungeduldig ist er dafür, zumal er keinen Tag ungenutzt verstreichen lassen möchte. Und so wird er schon heute – im Geiste der Verständigung – von seinen Erlebnissen und Eindrücken in Deutschland berichten und sicher einen Reisebericht schreiben, ganz im Sinne seiner Mission der Aussöhnung mit den einstigen Feinden. Welch ein großer Mensch!

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Nikolaj Schtschelkonogow erinnert sich noch genau, wie die Operation Bagration der Sowjetarmee, der Wehrmacht das Rückgrat brach, die Kampfmoral nahm, die letzte Hoffnung raubte, mit Moskau wenigstens noch einen Verhandlungsfrieden schließen zu können. Die Verluste waren nicht mehr auszugleichen. Und er, der 1925 im Ural geborene Bauernjunge, der ohne Vater aufwuchs und mit 15 Jahren als Mähdrescherfahrer bereits Verantwortung für sein ganzes Dorf trug und erst nach dem Krieg eine richtige militärische Ausbildung erhielt, er war dabei, als die Heeresgruppe Mitte aus Babrujsk vertrieben und versprengt wurde, als der Sturm auf Berlin seinen großen Anlauf nahm.

„Auch wenn wir auf dem Vormarsch waren, verlief nicht immer alles nach Plan“, erzählt der Veteran, den man nach seiner Ausbildung in der Ukraine nach Wladimir versetzte, von wo aus er dann sechs Jahre zum Dienst in die DDR geschickt wurde. „Es gab Situationen, wo die pure Panik ausbrach, wo Kameraden zitterten und schlotterten, Todesangst litten, den Leichengeruch nicht mehr aushielten, die verbrannte Erde Würgen verursachte. „Noch heute“, so bekennt Nikolaj Schtschelkongow dem eigens auf den Leipziger Ehrenfriedhof für die Sowjetarmee gekommenen Vizekonsul, Ilja Matwejew, zuständig für die Grabstätten in Thüringen und Sachsen, „noch heute wache ich manchmal auf und höre die Schreie, die Schüsse, spüre das Grauen des Krieges.“ Aber da ist natürlich auch die Freude über den Sieg, der Stolz auf die eigene Leistung, und da ist besonders seine persönliche Mission, alles zu erzählen, damit es in Zukunft keine neuen Kriegsveteranen gebe: sein Operation Frieden.

Gräberfeld auf dem Sowjetischen Friedhof Leipzig

Auf diesem Feldzug des Friedens und der Versöhnung ist der ehrenhalber zum Oberst ernannte einstige Hauptmann der Sowjetarmee nun von Erlangen aus via Jena und Leipzig in Berlin eingetroffen, wo er gestern gegen Mittag das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst besuchte. Man kann nur ahnen, was in Nikolaj Schtschelkongow vorging, als er durch die Räume des Hauses schritt, in dem vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde auf Betreiben der sowjetischen Seite ein zweites Mal unterzeichnet und das Ende des Dritten Reichs besiegelt wurde.

Nikolaj Schtschelkonogow vor dem Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst

Der Wladimirer Friedensbotschafter kam damals beim Sturm auf Berlin auch durch diesen Vorort und drang dann vor bis zum Hauptquartier der Gestapo – in einem verbissenen Häuser- und Straßenkampf. „Es gab Gebäude, die mehrmals am Tag den Frontverlauf veränderten, immer wieder neu eingenommen werden mußten“, weiß er zu berichten. „Es war schrecklich zu sehen, wie verzweifelt der Volkssturm um etwas kämpfte, das längst verloren war!“

Nikolaj Schtschelkonogow

Mehr als 300.000 Rotarmisten fielen bei der Operation Berlin, darunter viele an der Seite von Nikolaj Schtschelkonogow, der heute bedauert, damals nicht Tagebuch geführt zu haben. Aber auch so erinnert er noch unglaublich viel und hat zu dem Thema Hunderte von Vorträgen verfaßt und an einem Dutzend von Büchern mitgewirkt. Und nun begleitet ihn ja auf seiner Operation Frieden das Dokumentarfilm-Team von Jekaterina Zwetkowa. Wie gut, daß damit sein Wissensschatz bewahrt bleibt.

Nikolaj Schtschelkonogow vor einem Plakat aus den USA im Jahr 1942

Und so zeigt denn auch das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst Interesse nicht nur an dem Film, sondern an den Erinnerungen des Gastes aus Wladimir. Jedes Detail jener letzten Kriegstage ist hier von Belang, und in den zahlreichen Sonderausstellungen kommt auch jedes Zeugnis zur Wirkung. Welch ein Glücksort der deutsch-russischen Verständigung.

Eintrag von Nikolaj Schtschelkonogow im Gästebuch des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst

Natürlich gehört zum Berlin-Besuch auch der Gang zum Ehrenmal für die Sowjetarmee im Treptower Park. Und wenn Nikolaj Schtschelkonogow dort dann auch noch jemanden wie Dominik Steger trifft, den er schon als Kleinkind ins Herz geschlossen hatte, dann kann die Versöhnung über die Gräber und Generationen zwischen Russen und Deutschen nicht symbolischer zum Ausdruck kommen. Vielleicht aber versteht man die Kraft dieser Momente auch erst mit dem Abstand einiger Jahre…

Nikolaj Schtschelkonogow und Dominik Steger: Versöhnung über den Gräbern am Ehrenmal im Treptower Park

Ein ganz besonderer Moment erwartete Nikolaj Schtschelkonogow dann aber am Nachmittag in der Botschaft der Russischen Föderation: ein Empfang beim höchsten Diplomaten seiner Heimat.

Nikolaj Schtschelkonogow

Eine ganze halbe Stunde nimmt sich Sergej Netschajew für den Gast Zeit, erkundigt sich nach dem Stand der Entwicklung von Wladimir und der ganzen Region – und lobt die Partnerschaft mit Erlangen. Aber der Botschafter gibt dem Veteranen auch die Zeit, um von seinen Kriegserlebnissen und natürlich den freundschaftlichen Verbindungen zu den deutschen Kameraden zu erzählen und auf die Aktion „Hilfe für Wladimir“ zurückzublicken, wo er persönlich über die gerechte Verteilung der humanitären Lieferungen aus Erlangen an bedürftige Kriegsteilnehmer und ihre Familien wachte.

Nikolaj Schtschelkongow und Sergej Netschajew

„Ich hätte nie gedacht, als einfacher Mensch einmal eine derart hohe diplomatische Ehre zu erleben“, gestand Nikolaj Schtschelkonogow nach dem Empfang, bei dem er auch das mit einer Widmung versehene Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ überreichte. Und in der Tat: In all den Jahren der Städtepartnerschaft seit 1983 gab es derlei, ein Tête-à-Tête mit einem amtierenden russischen Botschafter, noch nie. Schön und verdient, daß nun diese Ehre dem Botschafter h.c. des Friedens und der Verständigung zuteilwurde.

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„Im Sommer 1945 brachte man uns hierher. Ich war damals ja noch ganz jung. Aber gesehen hatte ich schon viel Grauenhaftes beim Vormarsch auf Berlin. Berge von Haaren und Schuhen, ausgemergelte Männer, Frauen, Kinder. Immer wieder stießen wir auf solche Lager. Aber Buchenwald hat bei uns einen besonderen Namen, steht wie Auschwitz und Dachau für das ganze schreckliche KZ-System.“ An manchen Stellen ist es fast, als könnte Nikolaj Schtschelkonogow selbst die Führung durch die Anlage übernehmen.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jewgenij Sacharjewitsch, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa vor dem Modell des Arbeitslagers Buchenwald

„Aber das war damals schon noch ganz anders, wenige Monate nach der Befreiung durch die Amerikaner im April. Überall Stacheldraht, das Grauen greifbar. Und einige der Baracken blieben für uns geschlossen.“ „Da könnten“, fährt der Veteran fort, „schon die internierten Deutschen gesessen haben, die hier von den Sowjets als vermeintliche oder tatsächliche Nazis gefangen gehalten wurden.“ Bis 1950 blieb Buchenau also ein Ort des Schreckens, an dem, wenn auch nicht mehr durch willkürliche Erschießungen oder mittels Vernichtung durch Arbeit, 7.000 Deutsche an Hunger und Kälte starben. Dem gegenüber stehen freilich die hiesigen 56.000 Opfer des Nationalsozialismus, darunter alleine 15.000 aus der Sowjetunion.

Eingangstor zum Arbeitslager Buchenwald

Wenn hier die Steine sprechen könnten. Was hätten sie alles an Schicksalen zu erzählen von all den Menschen, die ihre Familien und Freunde nie mehr wiedersehen sollten, von all den Familien und Freunden, die nur ahnen konnten, was der Lagerinsasse zu erleiden hatte: schwerste Arbeit, Erniedrigungen, Schikanen, Hunger, Krankheit, Folter, Tod. „Jedem das Seine“, wie zynisch am Tor zu lesen.

Nikolaj Schtschelkonogow

Kann und soll man gewichten hier? Wo geschah mehr Leid, wo war es erträglicher? Wer wollte das sagen. Und die Steine schweigen. Aber dann gibt es doch besonders grausame Orte, schier nicht zu ertragen. Etwa das Gelände der ehemaligen Reithalle und dem Pferdestall, von der Lagerleitung als „medizinische Einrichtung“ getarnt, wohin man Sowjetsoldaten brachte, um sie „untersuchen“ zu lassen. Nichts ahnend, da außerhalb des eigentlichen Lagers gelegen, gingen so 8.483 Rotarmisten in den Tod durch Genickschuß.

Iwan Nisowzew, Tatjana Jazkowa und Nikolaj Schtschelkonogow am Platz der Hinrichtung von 8.483 sowjetischen Soldaten und Offizieren

Da ist es gut, in Begleitung zu sein, sprechen zu können über das Unaussprechliche – mit den Landsleuten, Iwan Nisowzew, der jetzt schon seit acht Jahren in Jena lebt, und Jewgenij Sacharjewitsch, der zur Zeit als Freiwilliger aus Wladimir in der Euro-Werkstatt arbeitet und Buchenwald bereits von vorherigen Besuchen her kennt.

Nikolaj Schtschelkonogow in Buchenwald

Stets vor Augen hatten die Lagerinsassen – keine Frauen, aber einige Kinder – den Tod in Form der Verbrennungsanlage. Krematorium kann man das graue Gebäude nicht nennen, denn die sterblichen Überreste wurden natürlich nicht individuell in Urnen aufbewahrt und beigesetzt. Man wurde fast spurlos beseitigt. Und vorher, in der sogenannten „Pathologie“, entnahm man den Toten auch noch alles Wertvolle, wie zum Beispiel das Zahngold.

„Pathologie“ von Buchenwald

Vielleicht ist Buchenwald aber auch so ein symbolischer Ort, weil er ja in unmittelbarer Nähe zu Weimar liegt, der Stadt der deutschen Klassik. Der Beweis dafür, daß Bildung nicht unbedingt gegen Menschenverachtung hilft. Auch die Nazis kannten „ihren“ Goethe oder Schiller, gingen ins Theater, hörten Musik, schrieben Gedichte und Lebenserinnerungen. Es kann wohl nur die Herzensbildung sein, die Menschen gegen die Barbarei immunisiert. Aber welche Schule kann sich um die kümmern?

Opfertafel Buchenwald

Und für noch etwas steht Buchenau – oder gegen etwas: Gegen die Mär, wonach die Bevölkerung Deutschlands nichts von den Schrecken der Lager haben wissen können. Wie dann ist es möglich, daß die gesamte Infrastruktur von Buchenwald – Wasser, Strom, Erschließung durch eine Straße – von Firmen und Behörden aus Weimar bewerkstelltigt wurde? Wie, wenn ein Betrieb dort in Geschäftsbeziehungen mit der SS stand und in deren Auftrag – gegen Rechnung – die Verbrennungsanlage baute? Ohne Zwang, einfach nur, um Geld zu verdienen – mit dem Tod.

Nikolaj Schtschelkonogow und Tatjana Jazkowa vor den Verbrennungsöfen in Buchenwald

Nikolaj Schtschelkonogow wollte noch einmal an diesen dunklen Ort der deutsch-sowjetischen Geschichte. Die Regie der Reise wollte es, daß dieser Besuch auf seinen 94. Geburtstag fiel. Da darf natürlich eine freudige Überraschung nicht fehlen. Nach einem Stadtrundgang in Jena empfing den Jubilar der Frauenchor von Michael Berman.

Geburtstagstanz mit Nikolaj Schtschelkonogow

Eigentlich war ja nur eine kleine Probe angesetzt, aber dann wurde daraus doch ein fröhliches Fest mit deutsch-russischem Gesang und Tanz in der Multikulturellen Integrationsgruppe Jena. „Zu Tränen rührend“, bekannte der überraschte Veteran.

Nikolaj Schtschelkonogow und der Frauenchor von Michail Berman

Welch ein Ausklang dieses Tages. Auch davon sollten eines Tages die Steine erzählen, wenn sie denn sprechen könnten.

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„Mein ganzer Stolz war eine Praktica 2 von Zeiss, die ich nach meiner Militärzeit in der DDR mit nach Wladimir brachte“, erzählt Nikolaj Schtschelkonogow beim gestrigen Empfang Oberbürgermeister Thomas Nitzsche. „Alle hielten mich für einen weiß Gott wie bedeutenden Photographen.“ In all den sechs Jahren seines Dienstes hatte der Veteran freilich nie Gelegenheit, Jena kennenzulernen. Immer sah er die Saalestadt nur auf der Durchfahrt – etwa nach Weimar, an dessen beschauliche Gassen sich der Gast noch bestens erinnert.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Aber Nikolaj Schtschelkonogow ist es um mehr zu tun, als nur in Erinnerungen zu schwelgen: Er möchte auch in Jena seine Friedensbotschaft verkünden und zum Ausdruck bringen, für wie wichtig er das nun schon ins zwölfte Jahr gehende Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir hält.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

Und der Gastgeber kann sich nur freuen über diese „so eindrucksvolle Persönlichkeit“, den Zeugen einer Zeit, die wir nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Kein Wunder, wie Nikolaj Schtschelkonogow betont, denn in beiden Ländern sind mehr als 80% der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg geboren.

Nikolaj Schtschelkonogow und Thomas Nitzsche

„Da ist es umso wichtiger“, betont der einstige Sowjetsoldat, an die Vergangenheit zu erinnern, das historische Gedächtnis zu bewahren. Und als Rüdiger Stutz beklagt, man habe auch in Jena viel zu lange gebraucht, um eine Gedenkstätte für das Außenlager Weimar und die Behelfsbaracken zu schaffen, von wo aus die aus ihren Häusern und Wohnungen vertriebenen Juden in den Tod geschickt wurden, sagt der Gast fast nachsichtig: „Besser spät als nie. Und so, wie ihr das macht, ist es gut. Meine Anerkennung!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Rüdiger Stutz

Und dann ist der lange Tag nach der Anreise aus Erlangen auch fast schon wieder vergangen. Doch eine Begegnung steht noch aus, die mit dem Altersgenossen Günter Kuhne in Gera. Eine Begegnung, an deren Ende der Thüringer sagen soll: „Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Nikolaj Schtschelkonogow und Günter Kuhne

Auch diese beiden standen an der Front einander unmittelbar gegenüber, der eine, der nach einer schweren Verwundung, noch an Krücken gehend, in die Schlacht bei Halbe geschickt wurde und dort in Gefangenschaft geriet, der andere, der mit seiner Einheit auf Berlin vorrückte. „Es hätte sein können, daß wir aufeinander schießen hätten müssen“, sagt Günter Kuhne, der im Traktorenwerk Wladimir als Maschinenschlosser eingesetzt war, „und jetzt können wir uns in die Augen sehen und umarmen. Man hat uns beiden die Jugend gestohlen, aber jetzt, im Alter, finden wir in der gemeinsamen Erinnerung und im Zusammentreffen Trost.“ So gelingen kann das freilich nur, wenn man sich an die Maxime von Nikolaj Schtschelkonogow hält: „Wir müssen uns an das Verbindende halten und dürfen nicht dauernd das Trennende betonen!“ Und dann rufen die beiden Veteranen noch einen sozialistischen Wettbewerb aus: Sie wollen 100 Jahre alt werden und natürlich einander wiedersehen. Mehr zu Günter Kuhne unter: https://is.gd/sg1uul

Günter Kuhne und Nikolaj Schtschelkonogow

Damit ist man fast schon beim Thema des Tages angelangt: Nikolaj Schtschelkonogow feiert heute in Jena seinen 94. Geburtstag. С днём рождения! Sicher mit der einen oder anderen angenehmen Überraschung im Programm. Doch es soll noch von einem anderen Programm die Rede sein.

Morgen stellt Alfred Binner beim gVe-Konzert „Die Rettung der Welt“ mit Igudesman & Joo in der Heinrich-Lades-Halle sein Projekt unter dem Motto von Claudio Abbado „Die Musik zeigt uns, daß Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen“ vor. Zur Gedenkfeier „75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus“ der Partnerstädte Erlangen und Wladimir sucht der Geigenbaumeister einen Sponsor für die „Friedensvioline“, die er als Zeichen der engen deutsch-russischen Verbundenheit einem jungen förderungswürdigen Talent als Leihgabe überreichen will. Im Mai soll diese Geste der Verständigung Wirklichkeit werden, und mitmachen können alle. Mehr dazu unter kontakt@binner-alfred.de

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Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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Die Zeit des Oberbürgermeisters beim morgendlichen Empfang für Nikolaj Schtschelkonogow mag noch so knapp sein, er hört gebannt den Erinnerungen des Veteranen zu, den er im Mai 2015 persönlich in Wladimir kennengelernt hatte. Da kann der nächste Termin ruhig etwas warten. Denn: „Es ist unglaublich und bewundernswert wie Sie die Erinnerung an die Schrecken des Krieges mit einem lebensfrohen Willen zur Aussöhnung verbinden!“ Es ist genau diese Mischung, die der wegen seiner vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten zum Oberst ehrenhalber ernannte Hauptmann a.D. der Sowjetarmee auch gestern an den Tag legte. Es ist sein Lebensmotto: „Nicht vergessen, was war, und frohgemut in die Zukunft blicken.“ Und so erzählte er gestern denn auch im Rathaus – anfangs durchaus ein wenig aufgeregt, im Besprechungszimmer des Stadtoberhaupts sitzen zu dürfen – nicht nur von den erbitterten Kämpfen an der weißrussischen Front und vom Häuserkampf in Berlin, sondern auch davon, wie er, selbst ein Landkind, vor den Toren der zerstörten Hauptstadt Deutschlands wenige Tage nach den Kampfhandlungen Bauern bei der Arbeit half und am Wiederaufbau mitwirkte, bis er im Oktober 1945 zur weiteren militärischen Ausbildung in die Ukraine geschickt wurde und von dort nach Wladimir kam, wo er seine mittlerweile verstorbene Frau kennenlernte.

Florian Janik, Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow, gesehen von Robert Hatzold

Aber immer wieder Erlangen: Seine erste Reise in das wiedervereinigte Deutschland im Jahr 1992, wo die Veteranendelegation aus Erlangen am Abend von einer gespannt wartenden Gruppe erwartet wurde, wohin er nun schon zum sechsten Mal gekommen ist, um Abschied zu nehmen, begleitet von seiner Gefährtin, Tatjana Jazkowa, und der Dokumentarfilmerin, Jekaterina Zwetkowa, die jeden Schritt und jede Begegnung für die Nachwelt festhält. Ein wichtiges Moment, wie Florian Janik betont, denn: „Die Zeitzeugen werden immer weniger. Dabei ist gerade für junge Leute so wichtig, an deren Erleben teilhaben zu können. Ich erinnere mich selbst noch, wie ans Ohm-Gymnasium in meine Klasse einmal eine Überlebende des Holocaust kam. So etwas kann man nie vergessen, zumal die Frau die gleiche heitere Ausstrahlung hatte wie Sie – ungeachtet all des Leids, das hinter ihr lag.“

Florian Janik, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa

Für sein einzigartiges Friedenswerk, begonnen bereits 1991 mit der Aufnahme der ersten Erlanger Veteranendelegation in Wladimir, zeichnete darum Erlangens Oberbürgermeister den Ehrengast aus Wladimir mit einer Dankurkunde aus, verliehen für den großen Beitrag zur Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

In diesem Geist fand dann auch das Treffen mit Wolfgang Morell statt, dem man – der Blog berichtete bereits ausführlich darüber – nach der Gefangennahme in der Winterkälte vor Moskau im Jahr 1941, schwer erkrankt, in einem Wladimirer Militärhospital das Leben rettete. Die beiden Veteranen hatten sich lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Juni 2011, und hatten sich denn auch viel zu erzählen, aufmerksam verfolgt von Jekaterina Zwetkowa und ihrem Doku-Team. Und doch blieb auch noch Zeit für die Freunde, einigen Damen noch ein Ständchen zu singen. Alte Kavaliere eben.

Nikolaj Schtschelkongow und Wolfgang Morell beim Damenkränzchen

Zwei Stunden waren am frühen Nachmittag für ein Treffen am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas. Es wird niemanden verwundern, daß dieses Seminar in Oral History am Ende fast drei Stunden dauerte. Zu viel hatte Nikolaj Schtschelkonogow auf dem Herzen, von der vielfach betriebenen Geschichtsfälschung bis hin zur Bedeutung des Geschichtsstudiums. Ginge es nämlich nach ihm, sollten in der Politik hauptsächlich Historiker tätig sein. Kein Fach sei so wichtig, wie dieses, denn ohne die Geschichte gerate alles ins Trudeln und Wanken. Eine Haltung, die an das traurige Fazit des Veteranen Günther Liebisch erinnert: „Es studieren so viele Geschichte, aber niemand lernt aus der Geschichte.“ Der Gast aus Wladimir würde da sicher widersprechen. Er wird nicht müde, seine erlebte Geschichte des Krieges mitzuteilen – stets in der Hoffnung, damit etwas für den Frieden leisten zu können.

Nikolaj Schtschelkonogow im Gespräch mit Moritz Florin, Igor Biberman und Olga Malinowa-Tsiafeta

Recht hat er ja damit, denn mit dieser zugewandten Haltung nimmt er nicht nur jedes Mal sein Publikum, wie gestern abend im Club International der Volkshochschule, für sich und seine Botschaft ein, sondern er gewinnt auch ständig neue Freunde dazu.

Familienbild mit Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Ganze Familien oder jemanden wie Heinrich Hirschfelder, der zur Geschichte der russischen Kriegsgefangenen aus dem 1. Weltkrieg in Erlangen forschte und dem Gast sein Buch mit Widmung überreichte.

Heinrich Hirschfelder und Nikolaj Schtschelkonogow

Dann aber die Diskussion – gemeinsam mit Wolfgang Morell geführt und gekonnt vom Sprecher des Freundeskreises Wladimir, Gerhard Kreitz, moderiert – im Club International, die nach eineinhalb intensiven Stunden noch lange nachwirken wird, und von der hier nur einige Schlaglichter wiedergegeben werden sollen: Etwa das mit dem doppelten Stalin-Wodka vor jeder Schlacht, um den sich viele Legenden ranken, der in seiner ursprünglichen Form aber vom Generalissimus bald wieder abgeschafft und ersetzt wurde durch ein Hundertgramm-Glas Wässerchen für jene in vorderster Front, das auf Antrag des jeweiligen Befehlshabers und entsprechend der Versorgungslage im Troß auch durchaus einmal reichlicher ausgeschenkt werden konnte. Etwa das – schon viel ernsthafter – mit dem Rotarmisten, der kurz nach dem Krieg in Erfurt eine Schneiderin vergewaltigte und die von ihr bewachten Stoffe mitgehen ließ, nach zwei Tagen aber dingfest gemacht und in einer п-Formation standrechtlich erschossen wurde. Denn für solche Vergehen gab es keine Gnade. Streng hielt man es auch mit dem Umgangsverbot mit Deutschen, das erst nach Stalins Tod gelockert wurde. Wer sich mit einer deutschen Frau einließ, lief Gefahr, innerhalb von 24 Stunden unehrenhaft in die Heimat zurückgeschickt zu werden, degradiert und ggf. aus der Partei entlassen. Nicht einmal Kinos oder Restaurants und Theater durfte man besuchen. Andererseits lebte man einigermaßen privilegiert, war gut versorgt, und als Nikolaj Schtschelkonogow 1953 seine Frau nachholen durfte, sammelte sich bis 1956 – nach sechs Jahren Dienst in der DDR – derart viel „Plunder“ an, daß eine befreundete deutsche Familie mit Preßspankisten aushelfen mußte. Da war sie dann schon erlaubt und sogar erwünscht – allerdings nur für die höheren Ränge – die deutsch-sowjetische Freundschaft. Und dann noch etwa das von den Zeitungen, die kurz vor der Schlacht in den Unterständen und Gräben verteilt wurden – stets mit einem scharfen Artikel von Ilja Ehrenburg, der „Auge um Auge“, „Blut um Blut“, „Zahn um Zahn“ und sogar die Schändung deutscher Frauen als Vergeltung forderte. Die Deutschen hatten ja mit den Greultaten begonnen. Erst vor den entscheidenden Kämpfen um Berlin schlug der Ton um und der Hetzjournalist verstummte. Nun hieß es: „Wir sind nicht wie die Faschisten, wir tun niemandem Gewalt an, wir zwingen nicht Kinder und Frauen in die Schlacht.“ Und noch dedizierter: Am 9. Februar schrieb die „Krasnaja Swesda“, das Organ des Kommissariats: „Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein alter Spruch. Aber man muß ihn nicht wörtlich nehmen. Wenn die Deutschen marodierten und Frauen schändeten, heißt das nicht, daß wir dasselbe tun müssen. Das war niemals so und wird niemals so sein.“ Siehe dazu den Spiegelartikel aus dem Jahr 1975: https://is.gd/BBPGul

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow zur Eröffnung des Abends im Club International

Oder jene Geschichte vom Geburtsort eines in Polen geborenen Mannes aus dem Publikum, der kaum glauben kann, daß Nikolaj Schtschelkonogow offensichtlich bei der Befreiung seiner Heimatstadt dabei war. Überhaupt – all die Gefechte und Schlachten: Nikolaj Schtschelkonogow kennt sie noch alle, die Orte, die Opfer auf beiden Seiten, die Strategien. Und nun schlägt er seine letzte Schlacht um die Bewahrung der Wahrheit und um den Frieden. Möge er auch diese Schlacht gewinnen! Wie er das tut, ist auch ohne viele Worte anhand der Bildstrecke von Othmar Wiesenegger, gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluß eingetroffen, zu sehen.

Bleibt noch nachzureichen: Zum Ausklang des Abends stimmte Nikolaj Schtschelkonogow seine bereits 1992 komponierte und getextete Erlangen-Hymne „Stadt an der Regnitz“ an, ohne Begleitung, auswendig aus dem Stand und in der deutschen Übersetzung von Peter Steger. Und dabei behauptet er, kein Talent zum Schreiben und zur Tonsetzerei zu besitzen. Der Veteran hat eben auch den Schalk im Nacken.

Abendliche Einkehr mit Othmar Wiesenegger in der Stadt an der Regnitz

Stadt an der Regnitz, wie bist du mir teuer,

gleich beim Hotel wird flaniert,

Gärten und Parks, alter Mühlen Gemäuer,

gern man zu zwein hier spaziert.

Erlangen, Erlangen!

Es war einmal, früh noch im Mai.

Erlangen, Erlangen!

Ja, damals war ich auch dabei.

Hauptstädtisch wird wohl dein Puls niemals schlagen,

davon halt‘ dich besser fern, –

mehr hat dein eigener Reiz mir zu sagen,

darum hab‘ ich dich so gern.

Erlangen, Erlangen!

Gemütlicher Gassen Gewirr. –

Erlangen, Erlangen!

Der Wind trägt ein Glockengeschirr.

Viele lockt freilich der Flitter der Kronen:

London, Ägypten, Paris…

Doch ob die Mühen sich wirklich auch lohnen?

Du bist viel schöner gewiß.

Erlangen, Erlangen!

An Schönem bist du selbst so reich. –

Erlangen, Erlangen!

So alt und doch jung stets zugleich.

Und Kameraden hab‘ ich hier gefunden,

Freundschaft mit ihnen ich halt‘.

Zärtlich und heiter in all deinen Stunden,

dank dir wird’s mir nimmer kalt.

Erlangen, Erlangen!

Die Liebe zu dir singt mir Lieder.

Erlangen, Erlangen!

Vielleicht sehen wir uns bald wieder.

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„Meine sechste Reise nach Erlangen ist das jetzt, und wohl auch die letzte.“ Nikolaj Schtschelkonogow, geboren am 3. Dezember 1925 in einem kleinen Dorf im Ural und mit 17 Jahren an die Front geschickt, kam erst nach seiner Militärzeit als Ingenieur nach Wladimir, gilt dort aber mittlerweile als Botschafter der Verständigung und Versöhnung zwischen Russen und Deutschen.

Fritz Rösch und Nikolaj Schtschelkonogow mit seiner Begleiterin, Tatjana Jazkowa, am Grab von Alfred Trautner

Dabei hatte er vor Antritt seiner ersten Reise 1992 nach Erlangen mit einer Delegation seines Veteranenverbandes, dem er noch immer als „verantwortlicher Sekretär“ dient, durchaus so seine Schwierigkeiten. Die DDR kannte er zwar von seiner Stationierung dort, aber die andere Seite von Deutschland… Da gab es viele Fragezeichen, obwohl die Erlanger Frontsoldaten, die ein Jahr zuvor zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR in der Partnerstadt schon als Eisbrecher gewirkt hatten, obwohl schon damals erste Freundschaften entstanden waren.

Nikolaj Schtschelkonogow mit Tatjana Jazkowa am Gedenkstein auf dem Zentralfriedhof für die russischen Kriegsgefangen des 1. Weltkriegs, die in Erlangen verstarben

Es bedurfte dennoch eines ermutigenden Wortes aus dem Mund seines Sohnes, der als Ingenieur auf einer Messe in der Schweiz auch Deutsche kennengelernt hatte und meinte: „Vater, du kannst getrost reisen. Da geht es zivilisiert und normal zu.“

Nikolaj Schtschelkonogow und Christine Trautner

Jetzt sei es ganz anders gewesen, berichtet der Kriegsveteran: „Überall fragte man mich, wie ich in meinem Alter noch eine solche beschwerliche Reise auf mich nehmen könne. Aber ich wollte einfach noch einmal nach Erlangen, am Grab Abschied nehmen von den toten Freunden, die wiedersehen, die noch am Leben sind wie ich.“

Nikolaj Schtschelkonogow auf dem Ehrenfriedhof Möhrendorf

Viele sind es nicht mehr, hier wie dort. In Wladimir leben keine zweihundert Frontsoldaten mehr, von denen gerade einmal eine Handvoll noch mobil sei. Fähig und berufen, diese Mission der Verständigung und der Aussöhnung zu Ende zu führen, ist wohl einzig Nikolaj Schtschelkonogow, der bei seinem letzten Besuch 2008 zum 25jährigen Partnerschaftsjubiläum auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle beim Festakt seinem Freund Fritz Wittmann einen Friedensspaten überreichte, gefertigt aus „waffenfähigem“ Titan.

Totengedenken auf dem Ehrenfriedhof Möhrendorf mit Nikolaj Schtschelkonogow

Dazwischen all die menschlichen Begegnungen, häufig vermittelt von Fritz Rösch, damals Ortsvorsitzender des Bayerischen Soldatenbunds 1874 Möhrendorf und hauptberuflich tätig als Feuerwehrmann in Erlangen. Er lenkte nicht nur die Busse, mit denen die Wladimirer Veteranen zu Beginn des Austausches – sie kamen damals noch mit der Bahn – am Bahnhof Prag abgeholt wurden, sondern steuerte auch die Kontakte zu seinem Verein.

Nikolaj Schtschelkonogow mit der Erika Plog

Und so kamen denn auch noch in den 90er Jahren die ersten Delegationen des Bayerischen Soldatenbundes mit Wolfgang Niebling, heute stellvertretender Präsident, nach Wladimir, wo alle privat bei Veteranen untergebracht waren und Kameradschaft für’s Leben schlossen. Ein Reigen, den eine Gruppe des Soldatenbundes Möhrendorf unter Leitung von Ulrich Girschner 2010 abschloß. Vorläufig.

Nikolaj Schtschelkonogow mit den Töchtern von Georg Schütz, Brunhilde Dittrich und Gudrun Schlicke

Denn wer will schon von Abschluß sprechen, wenn es noch so viele bekannte Gesichter zu sehen gibt, Angehörige verstorbener Freunde an den Gräbern? Wer will schon von Abschluß sprechen, wenn die Friedensmission noch immer nicht erfüllt ist.

Nikolaj Schtschelkonogow am Grab von Holger Plog

Man spürt, wie es Nikolaj Schtschelkonogow umtreibt. Keine Gelegenheit will er auslassen, um seine Botschaft zu verbreiten:

Der Krieg ist das schlimmste Verbrechen, das Menschen einander antun können. Wir müssen alles tun, dies zu verhindern. Und das bedeutet, der jungen Generation davon zu berichten, das Gedächtnis zu bewahren und Freundschaft zu halten, gleich wie zerstritten die Regierungen sein mögen.

Nikolaj Schtschelkonogow am Grab von Georg Schütz

Wer sollte das besser wissen als er, der mit frisch-fröhlichen Liedern auf den Lippen in den Zug an die Front stieg, dann aber angesichts der „verbrannten Erde“ mit all den Toten und Verkrüppelten, den zerstörten Dörfern und Städten und Gleisen, verbogen wie Korkenzieher, schneller erwachsen wurde, als ihm lieb sein konnte. Wer sollte das besser wissen, als jemand, der erlebte, wie in Berlin bis zum 2. Mai 1945 um jeden Meter erbittert gekämpft wurde.

Ulrich Girschner, Christian Emmerling, Thomas Fischer, Nikolaj Schtschelkonogow, Fritz Rösch, Ralf Olmesdahl und Wolfgang Niebling

Was Nikolaj Schtschelkonogow nicht wissen konnte: Wie gut man sich auf seinen Besuch vorbereitet hatte. Gerade auch in Möhrendorf, dem er vor Jahren ein eigenes Lied gewidmet hatte. Nun empfing ihn Bürgermeister Thomas Fischer gestern im Rathaus, jemand, der über seine Eltern von Kind an mit der Städtepartnerschaft vertraut ist, zusammen mit einer hochrangigen Vertretung des Bayerischen Soldatenbundes. Geschenke wurden ausgetauscht: Die Ikone der Wladimirer Gottesmutter blieb in Möhrendorf, ein Ehrenzeichen und der Bayerische Löwe gehen nach Wladimir.

Ralf Olmesdahl, Nikolaj Schtschelkonogow, Wolfgang Niebling und Christian Emmerling

Aber das war ja erst der Auftakt der Reise, die den Veteranen nach weiteren Stationen in Erlangen und Umgebung ab Montag via Jena und Leipzig bis nach Berlin führen wird, von wo er am Freitag nächster Woche die Heimreise antritt. Begleitet wird Nikolaj Schelkonogow nicht nur von seiner Lebensgefährtin Tatjana, sondern auch von einem dreiköpfigen Team, das dieses Friedensunternehmen dokumentiert und daraus eine Reportage machen will, die auch auf Deutsch erhältlich sein wird. Davon später mehr.

Fritz Rösch, Nikolaj Schtschelkonogow und Ulrich Girschner

Beschließen wir die Eindrücke vom ersten Tag des letzten Besuchs mit diesem Bild, auf dem Nikolaj Schtschelkonogow mit einem weiteren Geschenk zu sehen ist: einer Bildergalerie der Begegnungen im Geist von Verständigung und Versöhnung zwischen unseren Völkern. Noch einmal nach Erlangen wollte der Hauptmann der Sowjetarmee i.R. kommen – und natürlich auch nach Möhrendorf, in seine zweite deutsche Heimat, wo er früher sogar bei den Familien Plog und Rösch untergebracht war. Ein Russe bei seinen deutschen Freunden. Zu erleben auch heute abend um 19.00 Uhr im Club International der Volkshochschule Erlangen.

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