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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Ein bewegender Moment am Tag des Gedenkens an das für die deutsche Geschichte vielleicht bedeutendste Ereignis, an einem Ort, der dem Anlaß kaum angemessener sein könnte: am 8. Mai im Deutsch-Russischen Museum, wo vor 73 Jahren die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet wurde. Hierher, nach Berlin-Karlshorst, war Alfons Rujner mit seinem Enkel Lars und Freunden gekommen, um etwas an Museumsdirektor Jörg Morré zu übergeben, das er seit seiner Gefangenschaft in Wladimir über all die Jahrzehnte hinweg sorgsam aufbewahrt hatte, den Koffer mit all seinen Aufzeichnungen von den Kursen der Antifa-Schule im Lager, festgehalten in einem aus Zementpapier selbstgemachten Heft.

Alfons Rujners Koffer aus Wladimir

Alfons Rujner war gegen Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft geraten und blieb bis September 1948 in Wladimir, wo er beim Aufbau des Traktorenwerks half. Seine Erinnerungen sind nicht nur im Sammelband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ – das Werk verdankt dem Veteranen sogar den Titel – nachzulesen, sondern auch in dem Buch „Mit 17 Jahren hinter Stacheldraht“ festgehalten.

Jörg Morré und Alfons Rujner, Photo: Christian Naffin

Schon seit langem hatte sich der oft als „Iwan-Freund“ verhöhnte Kämpfer für die Aussöhnung und Verständigung mit dem Gedanken getragen, seinen Koffer aus jener fernen Zeit dem einzigen von der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam mit der Russischen Föderation getragen Museum zu übergeben, wo es kommende Zeiten überdauert und für die Öffentlichkeit und Forschung zugänglich bleibt. Nichts weniger als sein ganz persönliches Vermächtnis an die Nachwelt hat Alfons Rujner da übergeben, sein sprechendes Zeugnis dafür, wie – in Wladimir – aus Feinden Freunde werden konnten, sein unüberhörbarer Auftrag an uns alle, Frieden und Freundschaft zu bewahren.

Mehr zu Alfons Rujner und seinem Koffer und seinem Inhalt hier: https://is.gd/WgBu0D. Zur Übergabe ein Bericht vom 11. Mai im Neuen Deutschland von Christian Naffin, der den Termin vermittelte, unter Dokument gegen das Vergessen, ND, 11.05.18

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Um zehn Uhr setzte sich gestern bei strahlendem Sonnenschein ein schier endlos langer Zug von der Philharmonie Wladimir zum Platz des Sieges in Marsch: Kriegsveteranen, Politiker, Angehörige des Militärs, Musiker, Vertreter der gesellschaftlichen Organisationen, einfache Menschen und – in privater Mission als einziger Deutscher an diesem 73. Festtag des Sieges über den Faschismus – der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Erlangen, Peter Steger.

Wiedersehen: Stadtrat Schamil Chabibullin und Peter Steger

Anders als man es von den Fernsehbildern her kennt, die zumeist nur die Parade auf dem Roten Platz in Moskau zeigen, bleibt das militärische Element des Gedenktages in der Partnerstadt eher Beiwerk, auch wenn heuer mehr Fahrzeuge denn je im Einsatz kommen – vom historischen Studebaker bis zum modernen Mienenräumpanzer: mehr Gulasch als Kanonen, mehr Gastronomie als Artillerie, mehr Luftballons als Salutschüsse. Vor allem aber keine martialischen Töne in Richtung Westen, vor allem kein Wort des Vorwurfs an die Rechtsnachfolger des einstigen Gegners, der die Völker des Ostens hatte versklaven und vernichten, ihr Land und ihre Bodenschätze in Besitz nehmen wollen.

Unsterbliches Regiment

Im Mittelpunkt des nicht enden wollenden Zuges das „Unsterbliche Regiment“ – mit nach offiziellen Angaben – 22.500 Teilnehmern mit Portraits ihrer Angehörigen, die am Krieg teilnahmen. Mehr als 200.000 waren es aus der ganzen Region Wladimir, die ihre Heimat verteidigten. 153 trugen die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“, 23 standen im Rang eines „Kavaliers des Ordens des Ruhmes“. Kaum einer von ihnen ist mittlerweile mehr am Leben. Allein in der vergangenen Woche verstarben acht Veteranen, 748 leben noch in der Region, 277 davon in der Partnerstadt, doch nur 20 wohnten der zweistündigen Veranstaltung auf dem Platz des Sieges bei.

Militärkolonne. Photo: Zebra-TV

Darunter Nikolaj Schtschelkonogow, der bereits 1991 die erste Veteranendelegation unter Leitung der Stadträte Heinrich Pickel und Martin Scheidig in Wladimir begrüßte und ein Jahr später selbst nach Erlangen kam, der deutschen Partnerstadt verbunden bis heute.

Wiedersehen: Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow

Am 24. Juni 1945 hatte der Veteran, der mit 17 Jahren an die Front kam und beim Sturm auf Berlin dabei war, auf dem Roten Platz in Moskau an der Siegesparade teilgenommen. Und noch heute, mit fast 93 Jahren, bleibt er unermüdlich tätig als Zeitzeuge und Mittler zwischen den einstigen Gegnern. Welch eine Freude beim Wiedersehen an einem solchen Tag, welch bewegender Moment, wenn der Sohn eines Angehörigen der Waffen-SS mit dem Kavalier des Rotens Sterns und des Ruhms Blumen an der Ewigen Flamme niederlegen darf!

Gedenken: Nikolaj Schtschelkonogow und Peter Steger. Photo: Zebra-TV

Hier, wo jener 10.861 Wladimirer gedacht wird, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten in ihre Heimatstadt, von wo aus 24.724 an die Front gezogen waren. Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen: Knapp 70.000 Einwohner lebten hier damals. Welch ein Blutzoll für einen Ort, der hinter der Front lag. Nicht auszudenken, um wie viel der höher ausgefallen wäre, hätte die Rote Armee nicht die Wehrmacht vor Moskau aufhalten können.

Wiedersehen: Witalij Gurinowitsch mit Enkelin Eva und Peter Steger

Der Begegnungen sind noch viele an diesem Vormittag: mit dem Historiker Witalij Gurinowitsch, der wesentliche Forschungsarbeit zu den Kriegsgefangenenlagern in der Region leistete und noch immer mit Zeitzeugen und deren Angehörigen in Kontakt steht. Erst dieser Tage hatte er einen von ihnen aus Deutschland zu Besuch.

Wiedersehen: Anatolij Mitrofanow und Peter Steger

Mit Anatolij Mitrofanow, der ehrenamtlich am Sportaustausch mit Erlangen mitwirkt. Mit vielen anderen, die der Städtepartnerschaft und Völkerverständigung verbunden sind.

Bemerkt: Hier befand sich in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 die Wladimirer Infanterieausbildungsstätte. Die Gedenktafel wurde zum 45jährigen Jahrestag des Sieges am 9. Mai 1990 angebracht. Wenige Schritte vom Erlangen-Haus entfernt, stadteinwärts gegenüber.

45.000 sollen es am Ende gewesen sein, die an den vielen Gedenkveranstaltungen und Feiern über den ganzen Tag hinweg an verschiedenen Orten teilnahmen. Das Fest eines Volkes, das sich ausgesöhnt hat mit den Deutschen. Wie es mit deren politischer Zusammenarbeit weitergeht, zeigt heute die erste Begegnung des neuen Außenministers, Heiko Maas, mit seinem russischen Kollegen, Sergej Lawrow. Und was gibt es Neues in der Städtepartnerschaft? Der Urlaub des Bloggers geht zu Ende, schon bald aber wird davon zu berichten sein, wie es weitergeht mit dem Jugendaustausch, denn gestern abend traf noch eine vierköpfige Gruppe aus Erlangen ein, die für den Sommer die nächsten Begegnungen plant. So ist das, und so ist das gut zwischen Erlangen und Wladimir: Die einen kommen, und die andern gehen, die feste Freundschaft aber bleibt bestehen.

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50 km nordöstlich von Wladimir entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine Textilmanufaktur, um die herum man eine Arbeitersiedlung entstand. Die Geschichte der Kreisstadt mit ihren 12.000 Einwohnern reicht also noch nicht weit zurück in die russische Historie. Desto wichtiger ist der Ort für die deutsch-russische Erinnerung.

Ein Blumenkorb für die Toten

Hier nämlich, eine knappe Autostunde von der Partnerstadt entfernt, liegt die zentrale Gedenkstätte für die Kriegsgefangenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten, die im Hospital von Kameschkowo verstarben. 2007 eröffnete die Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Gelände im Nordwesten des Ortes, wo vom August 1943 bis Mai 1948 auf einer Fläche von 8.000 qm insgesamt 1.511 Männer begraben liegen, 1.274 von ihnen einzeln bestattet, die übrigen in 37 Massengräbern.

Liste der Gefangenenlager in der Region Wladimir

Die Statistik des Todes weiß noch mehr: Ihre letzte Ruhe fanden hier 1.274 Deutsche, 152 Rumänen, 100 Ungarn, 81 Italiener, 60 Österreicher, 32 Moldawier, 15 Franzosen und ebensoviele Tschechen, 14 Polen, neun Jugoslawen, sechs Ukrainer, vier Russen je ein Jude, Lette, Luxemburger, Niederländer, Schwede und Norweger.

Ensemble der Gedenkstätte

Nicht ganz leicht zu finden ist die Gedenkstätte entlang einem Sandweg, der, vorbei an Wellblechgaragen, von der Umgehungsstraße in den Wald abbiegt. Kein Hinweisschild, aber die Einheimischen helfen den Fremden gern.

Gedenken für die ungarischen Gefangenen

An zwei Tagen in der Woche – bei Bedarf auch öfter – brachte man vom Hospital in Kameschkowo mit seinen bis zu 1.200 Betten die Toten mit Pferdegespannen und setzte sie – häufig zwei bis drei Leichen in einem Sarg – am Waldrand bei. Man hatte ihnen nicht mehr helfen können, zu entkräftet waren sie von der Front gekommen, zu sehr hatten ihnen Fleckfieber oder die Ruhr zugesetzt, zu schwer waren die Verwundungen gewesen. Wo es nicht einmal für die eigenen Leute genug Medikamente und Nahrungsmittel gab, grenzt es an ein Wunder, wenn gerade einmal zehn Prozent der mehr als 10.000 Patienten insgesamt verstarben. Und dann waren da ja auch noch die etwa 200.000 Versehrten der Roten Armee, die man in den 16 Krankenhäusern der Region Wladimir versorgte.

Gedenken an die italienischen Gefangenen

Schon auf dem Rückweg zum Auto und voller Gedanken an die so sinnlosen Opfer, dann der Kairos der Versöhnung. Vier Jungs, mit zwei Rechen bewehrt, kommen in Richtung Gedenkstätte und geben sich als Schüler zu erkennen, die hier, am Vorabend des Tages des Sieges, 73 Jahre nach Kriegsende, den Friedhof in Ordnung zu bringen, Äste zu entfernen, Maulwurfhügel einzuebnen… Welch eine Geste!

Peter Steger und die Friedhofsgärtner

Im Gespräch erzählt das Quartett, sie besuchten die Schule Nr. 2, und man kümmere sich da ehrenamtlich um die Gedenkstätte, es handle sich ja um die gemeinsame Geschichte. Die Gäste sollten doch einmal dort – es folgt eine genaue Wegbeschreibung – vorbeischauen.

Im Einsatz auf dem Gelände des Friedhofs

Ohne jede Anmeldung kommt man da gleich in ein Klassenzimmer, wo gerade über die Bedeutung des Kriegsendes gesprochen wird. Vor einigen Jahren schon hat die Schule eine Art Patenschaft für die Gedenkstätte übernommen und gibt diese Tradition von Jahrgang an Jahrgang weiter. Da liegt es nahe, daß sich die beiden Deutschlehrerinnen, Julia Tarbejewa und Ludmila Natscharowa, nichts mehr wünschen als einen Austausch mit einer Schule in Deutschland. Dem Wunsch kann bei so viel Enthusiasmus sicher entsprochen werden.

Zu Gast in der Schule Nr. 3, Kameschkowo

Jedenfalls hört die Klasse gebannt dem unerwarteten Gast aus Erlangen zu und bedankt sich auch noch mit einer Friedenstaube. Wieder so ein Kairos am 8. Mai, 73 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches.

Eine Friedenstaube für Peter Steger

Auch in der Schule Nr. 3 ist der Besuch aus Deutschland nicht angekündigt, aber hochwillkommen. Gerade sitzt eine Klasse im eigenen Museum, sieht sich die Arbeiten des Wladimirer Künstlers Witalij Rybakow an – nach Motiven des Stücks von Bertold Brecht „Furcht und Elend des Dritten Reiches“.

Ausstellung mit Arbeiten von Walerij Rybakow in der Schule Nr. 2

Passend zu der Geschichte der Schule, in deren Mauern just das Hospital untergebracht war, wo die kranken Kriegsgefangenen zu zweit und zu dritt auf zusammengeschobenen Betten lagen.

Exponat im Museum der Schule Nr. 2

Im Museum, das fast die Hälfte des Obergeschosses einnimmt, neben landeskundlichen Exponaten zur Geschichte von Kameschkowo eine ganze Reihe von Gebrauchsgegenständen aus dem Besitz der Kriegsgefangenen, eingetauscht bei den Einheimischen gegen Lebensmittel.

Exponate des Museums in der Schule Nr. 2

Swetlana Kudrjaschowa kennt die Geschichte der Schule wie kaum jemand sonst. Als Koautorin eines Buches berichtet sie nicht nur über die einstigen Schüler und Lehrer, sondern auch eingehend über das Schicksal der Kriegsgefangenen und natürlich des Personals.

Swetlana Kudrjaschowa und Peter Steger mit einer BMW der Wehrmacht

Sogar deutsche Ärzte waren eingesetzt und arbeiteten mit russischen Krankenschwestern zusammen, die sich zunächst aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten gegen die Aufnahme der Kriegsgefangenen gewehrt hatten. Verständlicherweise. Schließlich starben auch einige von ihnen an Typhus, sogar der Frisör aus dem Ort überlebte eine Ansteckung im Hospital nicht.

Korridor des einstigen Krankenhauses, heute Schule Nr. 2

Ein weiteres Gebäude gab es und einen Dorfklub, wo die Gefangenen Russisch lernen und Theaterstücke einstudieren konnten, die sie dann auch mit großem Erfolg aufführten, darunter den „Faust“ oder das Puschkin-Stück „Mozart und Salieri“ – alle Rollen mit Männern besetzt.

Außenansicht Schule Nr. 2

Zeitzeugen leben kaum noch, aber die Schule bewahrt das Gedächtnis an jene schwere Zeit. Swetlana Kudrjaschowa hofft sogar, eines Tages den ganzen oberen Trakt des Schulgebäudes für ihr Museum nutzen zu können. Dann werden noch mehr Kinder und Jugendliche aus der Stadt und dem Landkreis erfahren, was sich hier vor sieben Jahrzehnten zwischen Russen und Deutschen abspielte.

Außenansicht der Schule Nr. 2, Kameschkowo

Gerade einmal noch 760 Kriegsveteranen leben heute in der Region Wladimir. Ihnen gelten heute die Ehre und der Dank für die Befreiung Europas vom Faschismus – unter unsäglichen Opfern.

Stadtkirche mit Schule Nr. 2 im Hintergrund, Kameschkowo

Wer, wenn nicht wir Deutsche haben heute Grund, den Russen für die Vergebung zu danken, für die Versöhnung, für die ausgestreckte Hand. Welch ein Glück, dies vor Ort erleben zu dürfen.

Platz des Sieges, Kameschkowo

Gleich was wir derzeit politisch aneinander auszusetzen haben: Uns eint der feste Wille, nie wieder gegeneinander in den Krieg zu ziehen. Dieses Moment sollte mehr einigen als alles andere trennen kann. Ergreifen wir den Kairos, wie er gestern in Kameschkowo zu erleben war!

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Wie die Pracht der orthodoxen Kirche mit der Macht des russischen Staates mittlerweile nach den sieben Jahrzehnten der Trennung vom und der Verbannung aus dem öffentlichen Leben unter der kommunistischen Herrschaft wieder verbunden ist, zeigt in Wladimir das Denkmal mit der Figur des Fürsten von Wladimir, der sich 988 nach dem byzantinischen Ritus hatte taufen lassen und darauf das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Mit dem Schwert in der Hand.

Wladimir der Täufer vor der im Wiederaufbau befindlichen Freitagskirche

Die Freitagskirche, 1960 abgerissen, wird nun mitten im Zentrum von Wladimir wiederaufgebaut und bekam den Täufer der Kiewer Rus als Patron zur Seite gestellt. Eher eine Randbeobachtung am gestrigen 1. Mai, dem „Tag des Frühlings und der Arbeit“, der natürlich auch in der Partnerstadt gefeiert wurde.

Festzug zum 1. Mai

Doch anders als es der Name der Partei der Macht „Einiges Rußland“ suggeriert, ist es mit den politischen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten nicht mehr so weit her. Die Kommunisten verweigerten sich nämlich dem einheitlichen Aufmarsch und machten ihr eigenes Ding im Stadtpark mit Musik und Feldküche, weil ihnen die Position der Gewerkschaften als zu lasch und staatstragend erscheine.

Festzug zum 1. Mai vor dem Goldenen Tor

Dennoch setzte sich der Festzug um 10 Uhr in beachtlicher Länge vom Goldenen Tor bis zum Kathedralenplatz in Marsch, wo sich schließlich etwa 5.000 Menschen versammelten, um der Musik und den Reden zu lauschen.

Festliche Straßensperrung zum 1. Mai

Anders als früher, noch gemeinsam mit den Kommunisten, kaum ein Wort über die internationale Solidarität, über den weltweiten Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer. Dafür viel patriotischer Kampfgeist, bei dem man freilich nie so recht weiß, inwieweit er auch tatsächlich die Köpfe erreicht und begeistert.

Feierlaune zum 1. Mai

Aufhorchen machte allerdings eine junge Frau, Mitglied der paramilitärischen patriotischen Bewegung „Junge Garde“, die, in Kadettenuniform gewandet, ein Kampfgedicht aus eigener Feder vortrug, in dem sie im Namen der Kämpfer in der Ostukraine der russischen Politik für die Unterstützung dankte und ihr Elaborat mit der Mahnung gipfeln ließ, auf die Ruinen des Reichstags werde man eines Tages das Wort „Donbaß“ schreiben.

Kulturprogramm zum 1. Mai

Derlei martialische Rhetorik will der Blog für sich sprechen lassen und lieber den Blick wieder dem Thema der Verständigung zuwenden. Gegen Mittag nämlich traf im Erlangen-Haus ganz kurzfristig angekündigter Besuch ein. Hochwillkommen und mit erfreulichen Nachrichten. Jan Kantorczyk, seit zwei Jahren in der Deutschen Botschaft Moskau als Leiter des Kulturreferats tätig, besucht derzeit mit seiner Frau – privat – zum ersten Mal Wladimir und Susdal, ist aber mit der Städtepartnerschaft schon länger vertraut. So hat er für den Erlanger Chor „Vocanta“ am 1. Juni in Moskau – zum Abschluß der Wladimir-Tournee – in der Kathedrale St. Peter und Paul zu Moskau einen Auftritt organisiert: sicher der Höhepunkt dieser Konzertreise. Und dann ist der Botschaftsvertreter auch noch dabei, den Wladimirer Künstler, Wladimir Chamkow, nach Erlangen zu vermitteln. Mehr noch, die Partnerstädte könnten sogar Restmittel für die Förderung von Kulturveranstaltungen aus einem Botschaftsprogramm beantragen.

Peter Steger mit Jelena und Jan Kantorczyk

Viel Zeit blieb dem Ehepaar im Erlangen-Haus leider nicht, denn Wladimir und Susdal wollen ja noch erkundet werden, und da wartet auch schon länger Alexander Papin aus Melenki, einer Kreisstadt im Süden der Region, der zu einer Reise in die deutsch-russische Vergangenheit einlädt.

Gedenkstein für Karl Türmer

Am Wegrand der 150-km-Strecke, für die man mit dem Wagen gute zweieinhalb Stunden braucht, liegt ein Gedenkstein für Karl Türmer, 1999 errichtet von der Forstverwaltung zum 175. Geburtstags des Deutschen, der in dem später nach ihm benannten Ort Tjurmerowka im Landkreis Sudogda die nachhaltige Waldnutzung eingeführt hatte. Die Inschrift lautet denn auch „Deiner Hände Werk – ein Diamant aus Wald“. Mehr zu diesem Werk unter: https://is.gd/5QYkF7

Gedenkkreuz für deutsche Kriegsgefangene

Ziel der Reise ist aber Sokolje, etwa elf Kilometer von Melenki entfernt mitten im Wald gelegen. Auf der Karte ist gar keine Straße mehr eingetragen, die zu dem Ort führt, und in der Tat erlebt man hier augenfällig das Sterben der russischen Dorfkultur. Gestorben sind hier aber auch Soldaten der Wehrmacht, eingesetzt beim Torfabbau. Alexander Papin, der seine Familie als Moskau-Pendler ernährt, weil es vor Ort kaum noch Arbeit gibt, hat die Begräbnisstätte eher zufällig entdeckt. Auf seinen Radtouren machte ihn ein Einheimischer auf den Friedhof im Wald aufmerksam.

Alexander Papin und Peter Steger

Weitere Nachforschungen ergaben, daß hier tatsächlich vor 1945 16 Deutsche beigesetzt wurden, alle aus dem Lager Sokolje mit der Nummer 190/22. Die Idee ist nun, die Namen der Kriegsgefangenen zu recherchieren und dann ein kleines Mahnmal zu errichten, möglichst mit einer Erneuerung des Denkmals für die sowjetischen Gefallenen des Orts.

Sokolje

Damit die Gebeine nicht ganz anonym ruhen, hat Alexander Papin ein provisorisches Birkenkreuz über die Gräber gelegt. Auch ein Hinweisschild hat er selbst entworfen. Aber das ist ihm nicht genug. Die Erinnerung läßt ihn nicht ruhen: „Uns Russen und Deutsche verbindet so viel über die Gräber hinweg. Das müssen wir auch klar zeigen.“

Kreuzung im Wald

In Sokolje, einst eine blühende Siedlung mit allem, was man fürs Leben brauchte, kennt man den Pfadfinder der Geschichte als den „Mann mit dem Fahrrad“ und spricht ihn auch so an, um gleich die Frage folgen zu lassen: „Und, was ist mit den Deutschen?“

Alexander Papin im Gespräch mit Einwohnern von Sokolje

Aus eigenem Erleben erinnert sich niemand mehr an die Gefangenen, die Alten sind gestorben oder „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, aber die Erzählungen der Eltern und Großeltern leben noch fort. In Holzbaracken lebten die „armen Kerle“, harte Arbeit hatten sie zu verrichten, bewacht wurden sie kaum, denn wohin hätten sie auch schon fliehen wollen in dieser Einöde…

Hauptstraße von Sokolje

Im Lager, von dem keine Zeugnisse mehr erhalten sind, herrschte demnach eine ganz eigene Ordnung, nach der die Gefangenen meist selbst übereinander Gericht hielten. Wenn jemand gegen die Regeln verstieß, ahndete man das selbst, weil jeder Übeltäter ja den eigenen Leuten schadete: „Wegen dir müssen wir alle noch länger hier bleiben“, hieß es dann.

Willkommen im Dorfklub Sokolje

Vom Hunger erzählten die Eltern und Großeltern – und davon, daß man den Deutschen immer wieder Brot über den Zaun warf, um das sie sich dann balgten, für das sie sich aber auch immer bedankten. Kein Groll ist da mehr herauszuhören, eher Verständnis: „Man hat sie doch in den Krieg gezwungen, das waren ja oft noch ganz junge Burschen, die gar nicht wußten, was sie taten. Hoffentlich passiert so etwas nie wieder.“

Aushang vor dem Dorfklub

Von den einst 1.000 Einwohnern der in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründeten Arbeitersiedlung leben heute noch weniger als einhundert in Sokolje. Die Jugend ist längst fortgezogen, geblieben sind die Alten; nicht einmal Datschen von Städtern stehen hier. Kein Laden, kein Kindergarten, kein Arzt, die Busverbindung ist eingestellt. Nicht einmal einen Gemeindefriedhof findet man. Das Leben endet hier.

Abschied vom Dorfleben

Über die Gräben des Torfabbaus und die Gräber der Gefangenen hinweg bleibt nur die Erinnerung. Und die verbindet. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, hier eine Gedenkstätte einzurichten, würden die Einheimischen gern dabei sein: „Das ist doch unsere gemeinsame Geschichte, und wir tragen euch Deutschen nichts nach. Ihr seid uns immer willkommen.“

Glanz der Kreuze in Murom

Ob die schneidige junge Frau im Militäraufzug am Morgen auf der Tribüne vor der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale in Wladimir eine Vorstellung davon hat, was Krieg bedeutet? Ob sie ihre Worte zu Ende gedacht hat? Friedrich Nietzsche nannte den Krieg den „Winterschlaf der Kultur“. Gestern wurde dem das Erwachen des Frühlings entgegengesetzt, der Aufbruch zu noch mehr Austausch und Verständigung. Vielleicht zu wenig, zu hilflos, aber gewiß auch stärker als wir manchmal selbst zu glauben wagen.

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Ein Theaterstück mag noch so gut geschrieben sein, noch so überzeugende Darsteller haben, wenn die Technik nicht funktioniert, wird nichts Rechtes aus der Aufführung.

Daß der Besuch des Schülertheaters aus Nischnij Nowgorod übers Wochenende so gut gelungen ist, hat viel mit dem Einsatz des Brücken e.V. zu tun: mit ihrer Stadtführung am Sonntagmorgen in russischer Sprache, mit ihrem gestrigen Abschiedsabend für die Gäste in den Vereinsräumen, vor allem aber mit dem unaufgeregten Einsatz von Fjodor Newelskij, der bei den Aufführungen am Sonntag in St. Xystus und gestern morgen in der Waldorfschule für die Technik verantwortlich zeichnete.

Fjodor Newelskij

Immer mit Überblick, stets mit guter Laune, auch wenn der Beamer erst kurz vor dem Einlaß des Publikums eintraf oder die Musikanlage fehlte und noch geholt werden mußte.

Fjodor Newelskij

Es ist dem Ensemble zu wünschen, auch an den anderen Orten der Gastspielreise jemanden mit so viel Sachverstand und Verständnis zu finden. Schwierig wohl, denn Fjodor Newelskij weiß mehr als ein Bühnentechniker: Er führt beim Brücken e.V. selbst Regie und steht auch als Schauspieler auf den Brettern. Ihm deshalb vorab der verdiente Dank!

Schweigeminute

Einige Szenen aus dem Stück „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ entstanden als Idee von Rose Ebding nach der Lektüre des gleichnamigen Buches und inszeniert von Marina Kotschkina, das mit einer Schweigeminute für die Opfer des Zweiten Weltkrieges beginnt.

Es ist schon erstaunlich, wie es gelungen ist, die verschiedensten Schicksale der Kriegsgeneration in Deutschland und in der Sowjetunion ineinanderzuweben. Die Rekrutierung und der Einsatzbefehl an die Ostfront mit jugendlichem Sturm und Drang ebenso wie mit all den bangen Ahnungen und ideologisierten Vorstellungen vom Feind bis hin zu den Phantasien von der Landnahme im Osten.

Dann die Schrecken des Krieges, die Kälte des russischen Winters, die mangelhafte Ausrüstung, ausgelegt auf einen Blitzkrieg, der dann in Eis und Schnee steckenblieb.

Wesentlich folgt der Handlungsstrang dem Schicksal von Wolfgang Morell, im Stück Alex Lerom genannt, der, verhetzt von der Propaganda, überzeugt war, man werde ihn, einmal in Gefangenschaft geraten, foltern, um ihm Militärgeheimnisse abzuspressen, und anschließend töten. Da erschien es ihm schon besser, sich selbst die Kugel zu geben.

Doch die deutsche Waffentechnik versagte, die Einheit aus Sibirien, der er sich ergeben mußte, erwies sich als anständig, gar nicht dem Zerrbild von der russischen Bestie entsprechend, nahm ihn auf den Skiern mit zum Stützpunkt, bediente sich zwar mit seinen R6-Zigaretten, ließ ihm selbst aber genug zum Rauchen…

Die harte Arbeit im Torflager, szenisch gekonnt auf die Bühne gebracht durch die hämmernde Stakkato-Deklamation der Sprecherin ganz im Takt einer Maschine, und der bildhaften Darstellung des Produktionsprozesses von Ziegeln durch die Schauspieler. Einer der vielen Höhepunkte des Stücks.

Dann wieder fast intime Momente bei der Ausgabe des kargen Essens, karg für die Einheimischen wie für die Gefangenen. Man teilte die Not.

Und man teilte das letzte Stück Brot. Intensiv darstellt, wenn sich ein Mädchen in die verbotene Zone verirrt und der Gefangene sie von seiner Suppe essen läßt und sie es ihm mit ihrem letzten Bissen vergilt, unsicher, ob sie sich dabei richtig verhalte.

Denn sie hat ihre Familie durch die Okkupanten verloren und weiß nicht, ob sie den Faschisten verzeihen dürfe, ob Stalin den Feinden vergeben werde. Doch das Mitgefühl ist stärker als alle Zweifel, als jeder Schmerz. Wiederum geteilte Not.

Alex, die Hauptfigur, macht unterdessen einen Wandlungsprozeß durch, nimmt Abschied von seinem stereotypischen Denken, erlebt den ideologischen Feind als einen ihm zugewandten Menschen.

Das Stück freilich lebt nicht nur von der Geschichte, die in der keuschen Liebe zwischen Alex und Schanna mündet, sondern auch von den vielen kleinen Randszenen, etwa mit dem kleinen Maxim Alexejewitsch, der sich als Familienoberhaupt sieht, seit der Vater an die Front ging.

Ebenso drollig wie gelungen sein Auftritt mit der Schwester Tanja, besonders wenn man weiß, daß der Kleine sich die Rolle selbst gewünscht hat, nachdem er das Stück zum ersten Mal mit seinen Eltern sah. Einfach trefflich!

Überzeugend auch die Einlage mit den als Frauen verkleideten Gefangenen, ganz aus der Wirklichkeit des Lagerlebens gegriffen, wo es ja tatsächlich Laienschauspielgruppen ebenso gab wie Amateurorchester. Großer Zwischenapplaus im gut gefüllten Saal der Waldorfschule.

Schließlich die Schlüsselszene: Alex, inzwischen des Russischen mächtig, wird als Dolmetscher für Schanna verpflichtet, die eine Unterhaltungsveranstaltung für die Gefangenen moderieren soll. Aus spontaner Zuneigung wird eine innige Verbindung, die bis heute zwischen den realen Vorbildern der Figuren fortbesteht, als wohl schönste deutsch-russische Liebesgeschichte.

Immer wieder erstaunlich die Wandlungsfähigkeit der Truppe. Keine Rolle für immer festgelegt, besonders anschaulich bei den Gesangs- und Tanzeinlagen.

Da zeigt sich auch wieder einmal die Stärke des russischen Schulsystems, das viel Raum bietet für alles Kreative.

 

 

Rundum gelungen, kann man nur zusammenfassen und gratulieren. Das Publikum der bevorstehenden Auftritte darf sich freuen, zumal Wolfgang Morell als Zeitzeuge mitreist, gestern auch für eine Dokumentation interviewt, bevor anschießend die Schüler ihre Fragen stellten.

Wolfgang Morell im Interview

Kommentiert hat übrigens bereits den gestrigen Eintrag im Blog Richard Dähler, der zum kontrastierenden Thema der japanischen und deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischen Lagern promovierte:

Ich möchte den  heute  erschienen Blog um die Japaner erweitern, weil praktisch alles, was die deutschen  Veteranen sagen, auch auf sie zutrifft, einzig in  der  Religion (oder deren Abwesenheit) gibt es Abweichungen.

In meiner Dissertation über die Erlebnisberichte der Deutschen und Japaner in sowjetischer Kriegsgefangenschaft stellte ich mir folgende Fragen:

  1. Wie wirkte sich die staatsbürgerliche und militärische Ausbildung auf die Sol­daten aus, mit welchem Bild von der Sowjetunion traten sie die Gefan­genschaft an?
  2. Unterscheiden sich die japanischen von den deutschen Erlebnisbe­richten?
  3. Was wird in den Berichten weshalb ausgeblendet oder nur am Rande behandelt?
  4. Spielte Religion in der Bewältigung der schweren Zeit eine Rolle?
  5. Wie beurteilten sich die Japaner und die Deutschen gegenseitig?
  6. Hat sich eine Lagerkultur gebildet, die nationale Kulturen verdrängte, sie überlagerte oder sich mit ihnen vermischte?

Für Leser mit unterschiedlichen Interessen ist die Arbeit wie folgt verfügbar als Buch „Die japanischen und die deutschen Kriegsgefangenen in  der Sowjetunion  1945 – 1956. Vergleich von Erlebnisberichten“.  LIT Verlag. 2007. Sowie als je 18seitige Zusammenfassung in Deutsch, Russisch, Japanisch und Englisch im gleichen Buch. Im Internet unter http://www.eu-ro-ni.ch/publications/Di_deu.pdf

Die japanischen und die deutschen Kriegsgefangenen waren voneinander sehr beeindruckt, in der Schilderung der Erlebnisse stimmen sie weitgehend überein.  Die japanischen Erlebnisberichte sind reichhaltiger an Bildern.

Wolfgang Morell mit Schülerinnen der Waldorfschule Erlangen

 

 

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Ich wußte aus eigener Erfahrung und vom Beispiel vieler meiner Kameraden, was für eine unumkehrbar zerstörerische Wirkung es fast auf jeden Menschen hat, wenn er im Krieg gewesen ist. Ich wußte, daß die ständige Todesnähe, der Anblick von Gefallenen, Verwundeten, Sterbenden, Erhängten und Erschossenen, die riesige rote Flamme, die in der Eisluft einer Winternacht über angezündeten Dörfern steht, der Leichnam des eigenen Pferdes wie auch die akustischen Eindrücke, Sturmgeläute, Granateinschläge, das Pfeifen der Kugeln, verzweifelte Schreie, unbekannt von wem – all das geht niemals vorbei, ohne sich zu rächen. Ich wußte, daß eine wortlose, fast bewußtlose Erinnerung an den Krieg die meisten Menschen verfolgt, die ihn durchlebt haben, und in allen ist etwas zerbrochen für immer.

Alfons Rujner und Rose Ebding

Diese Worte aus dem Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow geben eine unbestreitbare Wahrheit wieder. Mehr noch: Viele, viel zu viele sind selbst am Krieg zerbrochen. Als Täter, als Opfer, als Hinterbliebene.

Wiedersehen: Alfons Rujner und Wolfgang Morell

Ebenso unbestreitbar aber auch, daß es Menschen gibt, die den Krieg in sich besiegt, Menschen, die mit sich und den einstigen Feinden Frieden geschlossen haben, Menschen, denen die Versöhnung gelungen ist. Ihnen sei diese Sammlung von Portraits, Erinnerungen und Korrespondenzen gewidmet: Wehrmachtsoldaten, in einen Vernichtungskrieg geschickt, der für sie in Gefangenschaft endete, in Lagern, wo sie bei allen Härten auch ganz unerwartet Zuwendung und Mitmenschlichkeit von russischen Frauen und Männern erfuhren.

Alfons Rujner und Florian Janik

Nach der gestrigen Uraufführung des Stückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ im bis auf den letzten Platz gefüllten Pfarrzentrum St. Xystus, ermöglicht durch die Gastfreundschaft der Kolping-Gemeinde, fragte eine Zuschauerin, ob die Darstellung des Schicksals deutscher Kriegsgefangener in sowjetischen Lagern nicht doch ein wenig geschönt sei. Sie habe da anderes gehört. Viel mehr Schreckliches.

Im Publikum

Was will man darauf antworten: Natürlich gab es auch die schlimmen Zustände, Entbehrung, Leid, Hunger und Tod. Das Stück selbst spricht ja offen davon, daß etwa ein Drittel der Gefangenen nicht mehr in die Heimat zurückkehrte. Aber es gab eben auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe.

Florian Janik

Davon vor allem erzählt die Geschichte, für die Bühne zusammengefügt von Rose Ebding aus Motiven des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ und den Erinnerungen des eigenen Vaters, nämlich von der auch in Zeiten der Barbarei möglichen Menschlichkeit, von der Kraft der Humanität, die aus Feinden Freunde zu machen vermag.

Brief von der Mutter

Darum wohl auch hat damals im April Florian Janik bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ spontan an die eigens aus Nischnij Nowgorod anreiste Schülertruppe die Einladung nach Erlangen ausgesprochen, begeistert von den wenigen Szenen, die seinerzeit bereits einstudiert waren.

Dreiklang

Nun also die Premiere in Deutschland, die Langfassung ohne alle Längen, ohne Durchhänger, inszeniert fast wie eine Revue, kurzweilig und spritzig, mit Sentiment und Temperament.

Das russisch-deutsche Liebespaar

Vor allem aber mit einer unbändigen Spielfreude der zwanzigköpfigen Truppe, deren Mitglieder teilweise immer wieder in andere Rollen schlüpfen, mit anrührenden Gesangseinlagen überraschen und sich nicht aus dem Konzept bringen lassen, wenn für einen Augenblick das Stichwort fehlt. Ganz als stünden sie alle schon immer auf der Bühne.

Aufstellung

Besonders erstaunlich: Einen Großteil der Dialoge sprechen die Mitwirkenden auf Deutsch. Prononciert, verständlich, klar und deutlich. Sicher ein Verdienst von Rose Ebding, die drei Jahre lang diese Fremdsprache an dem Gymnasium in Nischnij Nowgorod unterrichtete, woher die Truppe kommt. Und das eineinhalb Stunden am Stück. Kompliment!

Rose Ebding, Alfons Rujner, Wolfgang Morell, Florian Janik und Sibylle Flepsen

Im Untertitel könnte man das Schauspiel die „schönste deutsch-russische Liebesgeschichte“ nennen, wird hier doch nicht nur die Gefangennahme eines Wehrmachtssoldaten, der Lageralltag im Torf oder das Warten auf Post aus der Heimat dargestellt, sondern auch das schüchtern-scheue Aufblühen der Zuneigung eines Deutschen zu einer Russin, im Kodex so sicher nicht vorgesehen. Ein Handlungsstrang nach Motiven aus dem Lagerleben des 95jährigen Wolfgang Morell.

Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber auch Alfons Rujner, mit fast 90 Jahren aus Berlin angereist, erkennt sich in den Figuren immer wieder, nicht nur in dem alten Mütterchen, das ihn kurz vor dem Heimtransport in Wladimir am Ärmel zupfte und ihm zurief: „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, sondern auch in der Indoktrinierung durch die Nazis mit ihren Zerrbildern von Sowjets, die Hörner trugen und als rote Teufel gezeichnet wurden, sowie in der Umerziehung, die er als damals siebzehnjähriger Jüngling als Befreiung vom ideologischen Ballast der Faschisten empfand.

Alfons Rujner, Wolfgang Morell und Florian Janik

Und so kam denn Alfons Rujner als Antifaschist aus dem Lager zurück und kann sagen: „Bis heute bin ich ein solcher geblieben, und ich möchte nie mehr sehen, wie Nazis durch das Brandenburger Tor marschieren!“ Und Florian Janik dankt er für dessen Engagement für die Völkerverständigung und Partnerschaft mit den Worten: „Hätte ich die Macht dazu, ich würde Dich, lieber Florian, zum Oberhaupt einer Friedensstadt ernennen!“ Erlangen als Friedensstadt. Welch eine Auszeichnung aus dem Mund eines Kriegsveteranen!

Wolfgang Morell, Alfons Rujner und Elisabeth Preuß

Es blieb am Ende zu wenig Zeit für das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen; zu wenig Zeit, um dem Autorinnenpaar, Rose Ebding und besonders Marina Kotschkina, die das Stück so überzeugend ins Szene setzte, zu danken; zu wenig Zeit für das Schlußwort von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich die Veteranenkontakte zur persönlichen Herzenssache gemacht hat; vor allem aber zu wenig Zeit, um den Schülern zu ihrer großartigen Leistung zu gratulieren und zu applaudieren.

Peter Steger, Wolfgang Morell, Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Aber es ist ja noch Zeit, das Stück ein weiteres Mal zu sehen: heute vormittag in der Waldorfschule Erlangen und dann auf der Gastspielreise:

Alfons Rujner, Rose Ebding und Marina Kotschkina

Leinfelden
Di 24.10.19.00 Immanuel-Kant-Gymnasium
70 771 Leinfelden, Anemonenstraße 15

Bodensee
Do., 26.10. vorm. Gymnasium Markdorf

Do., 26.10. 19.30 Uhr Waldorfschule Überlingen,
88662 Überlingen, Rengoldshauser Straße 20

Fr., 27.10. vorm. Graf-Zeppelin-Gymnasium Friedrichshafen

So., 29.10. 16 Uhr Bürgersaal im Rathaus in Immenstaad
88090 Immenstaad, Dr.-Zimmermann-Straße 1

Elisabeth Preuß, Peter Steger und Wolfgang Morell

Und dann gibt es da noch im Internet einen Zusammenschnitt für eilige Zuschauer: https://is.gd/dwvsUs

 

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Von Veteranen war in diesem Blog schon häufig die Rede, daher hoffe ich, diese bewegende Geschichte findet Gnade vor den Augen der Blog-Redaktion, auch wenn zwar russische Soldaten, nicht aber Akteure unsere Partnerstadt Wladimir Protagonisten sind.

Anläßlich eines Gratulationsbesuches lernte ich Herrn E. G. kennen, geboren 1931 in Erlangen. Der Vater war im Krieg, der Junge wuchs mit Mutter und Schwester in der Erlanger Altstadt auf. Jeden Tag sah er, wie sich die halb verhungerten russischen Kriegsgefangenen durch die Hauptstraße Richtung Burgberg schleppten, vorne und hinten bewacht von Nazi-Schergen, die jedem der Russen, der ob seiner Schwäche zusammenbrach,  mit dem Gewehrkolben den Rest gaben.

Schmalhans war nicht nur bei den Gefangenen, sondern auch in der Erlanger Bevölkerung Küchenmeister. Bei E. zuhause sperrte die Mutter die Wochenration Brot in einen Brotschrank ein, damit niemand auf die Idee käme, sich außerhalb der Mahlzeiten an dem Laib zu vergreifen. Als der Bub das tägliche Elend der hungernden Russen nicht länger mit ansehen konnte, hebelte er mit einem Schraubenzieher das Schränkchen auf, schnitt seine Ration ab und teilte diese in mehrere Stücke.

Solcherart bestückt, ging er auf die Straße, wartete ab, bis die Gefangenen kamen, der vordere Posten an ihm vorbei war und der hintere ihn noch nicht im Visier hatte, stieß vor in die Reihen der Russen und verteilte das Brot.

Er konnte allerdings eins nicht wissen: Die Kolonne Gefangener wurde auch seitlich von Gestapo-Männern in Zivil bewacht. Diese griffen sich den Jungen, schrieen etwas von „Zersetzung“ und wollten das Kind auf der Stelle erschießen.

Da trat aber ein russischer Offizier – fast schon todesmutig – vor und drohte auf Deutsch dem SS-Mann mit dem Schweizer Gericht für Kriegsverbrechen. Der Faschist ließ den Jungen ziehen, der derweil in Todesangst daneben stand, denn die Waffe war schon entsichert und auf ihn gerichtet.

Nach dem Krieg tat E. sich schwer, Arbeit zu finden, Hunger blieb steter Gast in der Familie. Der russische Offizier aber, der das Kriegsende erlebte, suchte die Familie des Jungen, spürte sie auf, und dank seiner Fürsprache fand sich eine Lehrstelle im Fernmeldebereich, wo E. dann 38 Jahre arbeitete.

Herr G. erzählte mir diese Geschichte mit Tränen in den Augen. Solche Erinnerungen sind der eindrücklichste Geschichtsunterricht und dürfen nicht vergessen werden. Sie verdeutlichen besser als jede Statistik, wie gut es uns geht, auf welch hohem Niveau wir dennoch jammern und vor allem: Wir müssen unsere Demokratie schützen wie unseren Augapfel.

Elisabeth Preuß

Anmerkung der Redaktion: Zur Frage gerade auch der russischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg findet man hier im Blog mehr unter: https://is.gd/AtYwHy. Der Beitrag der Bürgermeisterin regt aber auch an, hier einmal auf die Erinnerungen des während des Zweiten Weltkriegs aus der Ukraine nach Erlangen verschleppten Zwangsarbeiters, Wassilij Kardaschewskij, hinzuweisen, erschienen unter dem Titel „Schieß nicht, ich bin dein Bruder“ im Periodikum „Erlanger Bausteine“, Nr. 8 / 2004. Hieraus ein kurzes Zitat:

Überhaupt haben die Deutschen sich viel Mühe gegeben, uns etwas zuzustecken, jeder wie er konnte. Sie trugen nie dick auf, aber etwas Margarine oder sogar Butter – und wenn die Schicht noch so dünn war – fand sich immer als Aufstrich auf dem Brot. Und fein wie Zigarettenpapier – eine Scheibe Wurst. (…) Die Zeit verging. Wir arbeiteten. Ein wenig beherrschten wir schon die Umgangssprache. Die sprachliche Isolierung verschwand. Die menschliche war für mich dank Otto Schoch schon viel früher verschwunden. Bis heute erinnere ich mich in allen Einzelheiten an sein edles Gesicht. (…) Sogar als Ottos Schwiegersohn an der Ostfront fiel, änderte er sein Verhalten mir gegenüber kein bißchen.

Komm wieder, aber ohne Waffen!

Bleibt der Redaktion nur noch, die Kurve zu Wladimir zu bekommen. Nichts leichter als das: Wer auf der Bühne erleben will, wie in Zeiten der schlimmsten Not die Mitmenschlichkeit ihr barmherziges Werk tat, wie unter den Vorzeichen des Hasses so Zartes wie Nähe und Liebe wachsen konnten, besuche am Sonntag, den 22. Oktober, um 17.00 Uhr im Gemeindesaal St. Xystus die Aufführung des Stücks „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, zu dem auch die beiden Veteranen und ehemaligen Wladimirer Kriegsgefangenen, Wolfgang Morell aus Erlangen und Alfons Rujner aus Berlin, erwartet werden. Mehr dazu unter: https://is.gd/7nedgB

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