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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Ein Fundstück von gestern, am Weltfriedenstag der römisch-katholischen Kirche: zwei Sängerinnen des Veteranenchors Wladimir 1994 auf der Bergkirchweih, Lebkuchenherzen tragend mit der Aufschrift „Willkommen in Erlangen“. Im Hintergrund zu sehen: Heinrich Pickel, seinerzeit Stadtrat und Leiter der ersten Erlanger Veteranendelegation, die zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion Mitte Juni 1991 Wladimir besuchte.

Am Revers der Bluse das Symbol des Friedens, 1993 gestaltet von Fritz Wittmann und hergestellt in Wladimir. Sie alle miteinander konnten die Welt seither nicht friedlicher machen. Aber sie versuchten es zumindest redlich, und den Krieg besiegten sie in ihren Herzen. Kein Grund also für uns, nachzulassen. Frieden ihrem Andenken.

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Nicht einmal vier Stunden Interview können abbilden, was Wolfgang Morell alles in zwölf Tagen Kriegseinsatz und den darauf folgenden acht Jahren in Gefangenschaft erlebte. Aber die weite Anreise nach Erlangen hatte sich gestern für das Team des Staatlichen Senders Rossija gelohnt, derzeit unterwegs zwischen Italien, Deutschland und dem Baltikum, um eine Dokumentation über Kriegsveteranen zu drehen, die zum 9. Mai nächsten Jahres ausgestrahlt werden soll. Denn Wolfgang Morell erzählte, ohne sich zu schonen und ohne zu beschönigen – teils in seinem noch immer beeindruckenden Russisch und mit einem Alexander-Puschkin-Zitat im Original geschmückt – mit vielen Exkursen in die eigene Familiengeschichte oder die historischen Zusammenhänge, warum er sich damals nach der Einberufung nur wenige Wochen nach Beginn des „Unternehmens Barbarossa“ und der Ausbildung zum Funker am 11. Dezember 1941, am Tag der Kriegserklärung an die USA, freiwillig an die Ostfront meldete, nur um später nicht einmal als Etappenhengst zu gelten, ohne groß nachzudenken, welche Dimensionen der auf Vernichtung angelegte Feldzug bereits angenommen hatte. Wie er – da versagt ihm die Stimme – Wolokolamsk habe brennen sehen und selbst, mit seiner Einheit schon im Rückzug begriffen, auf einen sowjetischen Panzersoldaten angelegt habe, der regelrecht vor den deutschen Stellungen defiliert sei, bis der Vorgesetzte den verhinderten Schützen angeherrscht habe, nur ja nicht auf den Russen zu schießen, weil sonst die ganze Feuerwalze über den Wehrmachtstrupp hereinbreche. Ob er sonst abgedrückt hätte? Er weiß es nicht. Wohl schon.

Marina Romanowa im Interview mit Wolfgang Morell

Was denn in diesen zwölf Tagen das Schrecklichste gewesen sei, will die Journalistin, Marina Romanowa, von dem 96jährigen in Breslau geborenen Erlanger wissen. „Das war ein einziger Höhepunkt des Grauens, etwas hervorzuheben… sinnlos. Ein Tag furchtbarer als der andere.“ Dabei blieben ihm die schlimmsten Dinge wie Massaker erspart, und auch die befohlene „verbrannte Erde“ beim Rückzug brauchte er selbst nicht über die Zivilbevölkerung bringen. Der gemeine Soldat war oft sogar einfach nur eingesetzt, um die Wege bei Temperaturen um die vierzig Grad vom Schnee zu befreien, damit der Rückzug vor Moskau, die erste Warnung an die „Feldherren“ in Berlin, schneller vonstattengehen konnte.

Wolfgang Morell im Fokus

Dann seine Gefangennahme, hier im Blog schon mehrfach geschildert, und doch immer wieder erschütternd: Verhetzt von der Nazipropaganda, wollte er sich lieber selbst richten, als in Gefangenschaft zu geraten. Gottlob versagte der Karabiner bei der Kälte, und die Feindbegegnung – mit erfrorenem Bein und einem unerklärlichen Keim im Leib – erwies sich als zutiefst human, ganz anders, wie er später begriff, als es einem sowjetischen Soldaten in deutscher Hand ergangen wäre. Man gab ihm – vor allem im Miltärhospital von Wladimir – Zeit, sich auszukurieren, bevor er über Ischewsk im Ural und Talizy, wieder unweit von Wladimir, wo Wolfgang Morell die Seiten wechselte und sich, des Russischen schon mächtig, zum Politlehrer der Antifa ausbilden ließ, um später in Gorkij eingesetzt zu werden, wo er sich in Schanna Woronzowa vom dortigen Kulturhaus verliebte, die er bei seiner letzten Rußlandreise wiedersah, bevor er im Sommer 1949 in die Heimat entlassen wurde, die damals bereits so nicht mehr existierte, da Polen zugeschlagen.

Wolfgang Morells Photoalbum

Was denn das russische Volk auszeichne, fragt die Korrespondentin: Vielleicht eine Ursprünglichkeit, die uns verloren gegegangen ist, meint der Veteran, eine Nähe zum Leben und eine große Hilfsbereitschaft, die ich immer wieder erlebte. Jedenfalls nie – anders als bei den Nationalsozialisten – die von oben befohlene Vernichtung der Gefangenen. Was Willkür nicht ausschließt. Etwa wenn ein 1946 in der DDR aufgegriffener Junge ins Lager kam, nur um die Kennziffer zu erfüllen, und, bei einem Fluchtversuch verwundet und als mutmaßlich tot zur Abschreckung öffentlich ausgelegt, tatsächlich erschossen wird, als er wieder zu sich kommt und erneut zu fliehen versucht. Immerhin, so Wolfgang Morell, die Deutschen stellten sich ihrer grausamen Geschichte, hätten aus ihr gelernt, vielleicht mehr als andere Völker. Eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, die er auch den Russen nahelegt, um den Krieg zu besiegen und den Frieden zu bewahren. Eine Mahnung, die ihm, der etwa ein Drittel seiner Zeit immer noch den „russischen Fragen“ widmet, angesichts der jüngsten Ereignisse im Konflikt um die Ukraine besonders dringlich erscheint, auch mit Blick auf Deutschland, wo ihm vor allem die Jugendorganisation der AfD Sorgen bereitet. Wenn die entscheidenden Leute nur auf diese letzten Stimmen von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs hören wollten…

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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MItglieder der russisch-orthodoxen Gemeinde waren ebenso zur Kranzniederlegung gestern am frühen Nachmittag auf den Zentralfriedhof gekommen wie zwei Fahnenträger des Kriegerbundes Möhrendorf, der seit den 90er Jahren freundschaftliche Verbindungen zu den Veteranen aus Wladimir unterhält, das Erlanger Bündnis für den Frieden, viele Interessierte und, worüber sich Florian Janik besonders freute, mit der Frauenärztin, Natalia Denissowa, auch eine Vertreterin der russischen Partnerstadt – alle zu Ehren der hier bestatteten 271 und in Erlangen verstorbenen Kriegsgefangenen aus der Zarenarmee. Das letzte Zeugnis und Grabmal, wie der Oberbürgermeister betonte, das hier an den 1. Weltkrieg erinnert, der am Sonntag vor 100 Jahren als erster „industriell geführter Waffengang“ sein Ende fand und dann doch noch ein weit schlimmeres Morden hervorbrachte, den Zweiten Weltkrieg. „Aber Kriege“, so Florian Janik „fallen nicht vom Himmel. Sie werden von Menschen gemacht. Und Menschen können Kriege auch verhindern.“ Etwa auch mit Hilfe von Städtepartnerschaften wie mit Wladimir und Rennes. Aus der Bretagne war zwar niemand angereist, aber das dortige Friedensbündnis hatte eine Botschaft gegen den Krieg geschickt, die verlesen wurde. Wohl den Menschen, die solche Bündnisse und Partnerschaften aufbauen und pflegen. Heute und alle Tage, „damit diese Gräber die letzten sein mögen“, wie Erlangens Oberbürgermeister es ausdrückte.

Manfred Kirscher, Natalia Denissowa, Florian Janik und Pfarrer Anatolij; im Hintergrund Siegfried Beuerlein und Fritz Rösch

Oder mit den Worten des Leiters der französischen Auslandsvertretung der Ochrana, des Geheimdienstes des Russischen Reiches, die ihm Umberto Eco in seinem Roman „Der Friedhof in Prag“ in den Mund legt:

Jemand hat gesagt, der Patriotismus sei die letzte Zuflucht der Kanaillen – wer keine moralischen Prinzipien hat, wickelt sich gewöhnlich in eine Fahne, und die Bastarde berufen sich stets auf die Reinheit der Rasse. Die nationale Identität ist die letzte Ressource der Entrechteten und Enterbten. Doch das Identitätsgefühl gründet sich auf den Haß, Haß auf den, der nicht mit einem identisch ist. Daher muß man den Haß als zivile Leidenschaft kultivieren. Der Feind ist der Freund der Völker. Man braucht immer jemanden zum Hassen, um sich im eigenen Elend gerechtfertigt zu fühlen. Haß ist die wahre Ur-Leidenschaft. Liebe ist eine Ausnahmesituation. Deswegen haben sie Christus umgebracht: Er sprach wider die Natur. Man kann nicht jemanden das ganze Leben lang lieben, aus dieser unmöglichen Hoffnung entstehen Ehebruch, Muttermord, Freundesverrat… Dagegen kann man jemanden sehr wohl das ganze Leben lang hassen. Vorausgesetzt, er ist immer da, um unseren Haß zu schüren. Haß wärmt das Herz.

Wir wissen alle, der Haß ist zurück: auf den Straßen, im Internet, in den Herzen. Wir wissen, wohin das führt. Aber wir wissen auch, Freundschaft wärmt das Herz nicht minder. Wir haben die Wahl.

 

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Ihren zehntägigen Besuch in Erlangen, der heute zu Ende geht, verstand die Schülergruppe unter Leitung von Ludmila Mironowa als Friedensmission, als Reise in ein Land von Freunden, die einmal Feinde gewesen, und mit denen man ungeachtet aller politischer Unstimmigkeiten den vertrauensvollen Austausch fortsetzen und ausbauen möchte. Mehr als nur hehre Worte und Absichten, wenn man sich das Programm der letzten Tage ansieht, etwa mit der Exkursion nach Berlin und der Besichtigung des Treptower Parks, wo wie nur an wenigen Orten bedrückend eindrucksvoll zu erleben ist, wozu Krieg führt.

Die Gruppe im Treptower Park

Hierzu gehört der gestrige Abstecher ins Emmy-Noether-Gymnasium mit der Beauftragten für den Wladimir-Austausch, Michaela Spörl, und die gemeinsame Gestaltung der Partnerschaftsvitrine mit den Erlanger Gymnasiasten oder der gruppenweise Besuch des Unterrichts, zumal hier auch das Wahlfach Russisch auf dem Stundenplan steht.

Die Gruppe im Emmy-Noether-Gymnasium mit Michaela Spörl, 1. v.l., 2. Reihe

Besonders aber der Abschiedsabend bringt dieses Friedensmotto überzeugend zum Ausdruck. Mit Blumen und Bewirtung für die überraschten Gastgeber, mit Dank an sie alle und mit Lob für die gute Organisation des Programms.

Die Gruppe mit den Gastgebern im Club International

Vor allem freilich mit dem Vortrag von Alexej Aljochin, heute Student der Wirtschaftswissenschaften in Moskau, der als Schüler von Ludmila Mironowa ehemalige deutsche Kriegsgefangene und deren Angehörige auf deren Spurensuche nach den letzten noch auffindbaren Zeugnissen der deutsch-russischen Vergangenheit aus Kriegs- und Nachkriegszeiten begleitet. Von diesem Erfahrungsschatz, der spürbar auf seine menschliche Entwicklung einwirkte, berichtet der in klarem Deutsch vortragenden Referent am Beispiel von Herbert Mainka, der den Lebensweg seines Vaters in Gefangenschaft nachzeichnen will. Vieles davon ist hier im Blog nachzulesen. Aber diese Episoden einer deutsch-russischen Annäherungen sind, vermittelt von einem Nachgeborenen, dann doch von ganz anderer Qualität.

Ludmila Mironowa und Alexej Aljochin

Dazu sollte man eines wissen: Alexej Aljochin hat sich eigens für diesen Vortrag von den Vorlesungen und Seminaren in Moskau befreien lassen und stieß erst vor vier Tagen zu der Gruppe. Allein dies Beweis genug dafür, wie sehr ihm seine Mission mittlerweile zur Herzensangelegenheit geworden sein muß.

Im Vortragssaal

Und dann die Begegnung mit Wolfgang Morell, Jahrgang 1922 mit dem jungen Mann in dem Alter, als der Rekrut 1941 eingezogen wurde und an die Ostfront kam, wo er schließlich auf dem Rückzug von Moskau in Gefangenschaft geriet. Lebend nur, weil sein Karbiner in der Januarkälte von 1942 bei -42° C versagte, mit dem er sich hatte erschießen wollen, um den sichergeglaubten Folterungen mit anschließender Hinrichtung zu entgehen. Und am Leben blieb er nur, weil der Wehrmachtssoldat via Moskau, dort auf den Tod erkrankt, im Militärhospital von Wladimir gesundgepflegt wurde.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Zusammen mit 17 weiteren Kameraden, von denen einer dann Wolfgang Morell unbeabsichtigt wiederum das Leben rettete, weil er es mit den Worten „Du schaffst es eh nicht mehr nach Hause, du bist doch bald tot“ auf das Brot des Zimmergenossen abgesehen hatte, der dieses unter dem Bettkissen hortete, während er sich wegen Dysenterie nur noch von Flüssigem ernährte. Erst dieses Verdikt des Landsmanns brachte den aus Breslau stammenden Wahlerlanger zur Besinnung und ließ ihn zum Brot greifen. Und dann all die anderen Stationen, die Wolfgang Morell auf seinem siebenjährigen Marsch durch sowjetische Lager hinter sich brachte, immer mit der jeweils bestmöglichen medizinischen Versorgung. Nicht von ungefähr schätzt er sich denn auch glücklich, als Wehrmachtssoldat in russische und nicht als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft geraten zu sein. Er weiß, wovon er redet. Der eigene Vater beaufsichtigte – bis er es nicht mehr ertrug – ein Lager für Gefangene der Sowjetarmee: „Schrecklich, unbeschreiblich, was wir diesen Menschen angetan haben!“ Ihm stockt die Stimme. Der Wehrpflichtige hatte diese Apokalypse mit eigenen Augen gesehen. Wie sollte er da hoffen dürfen, die Kommunisten würden mit den Faschisten anders verfahren. Und doch war es dann so.

Wolfgang Morell und Alexej Aljochin

Nur Episoden können an einem solchen Abend wiedergegeben werden. Aber zwischen den beiden Referenten ist da etwas Tiefes gewachsen, das sich in Worten nicht mitteilt. Ob sie in Kontakt bleiben, wissen wir nicht, aber es bleibt dieses gegenseitige Verstehen im Blick beider Vertreter dieser so unterschiedlichen Generationen – und die Gewißheit, nicht nur diese zwei, sondern alle Anwesenden vergessen die Botschaft dieses Abends nie, gerade auch am Ende eines Tages, an dem leider all der Opfer von Kertsch zu gedenken ist.

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Als nach der Schlacht um Stalingrad für die vielen Gefangenen der Wehrmacht neue Lager notwendig wurden, richtete man überall in der Sowjetunion auch Hospitäler ein, oft gegen den erklärten Willen des medizinischen Personals, das ansteckende Krankheiten wie Fleckfieber fürchtete. So geschehen auch in der Region Wladimir, in der Kleinstadt Kameschkowo, wo man ein bereits bestehendes Krankenhaus für Rotarmisten auf Befehl von ganz oben für die Aufnahme vor allem von erkrankten Deutschen, Österreichern, Italienern, Rumänen und Ungarn umfunktionierte. Ungeachtet aller Not konnte vielen von ihnen geholfen werden, wie Friedhelm Kröger oder Arthur Mainka, von deren Schicksal im Band „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu lesen ist.

Ludmila Mironowa, Herbert Mainka, Alexej Aljochin und Swetlana Kudrjaschowa im Museum des einstigen Hospitals

Der einstige Schüler von Ludmila Mironowa und heutige Student in Moskau, Alexej Aljochin, vertiefte sich schon früh in diese Thematik, traf sich mit Zeitzeugen und Angehörigen von Kriegsgefangenen, schrieb eine Arbeit zu dem Komplex, den er auch schon mehrfach vor Publikum, u.a. in Erlangen, präsentierte. Nun kommt der Gast aus Wladimir erneut in die Partnerstadt und hält bei freiem Eintritt und in deutscher Sprache am Mittwoch, den 17. Oktober, unter dem Titel „Hospital für Kriegsgefangene in Kameschkowo bei Wladimir“ um 19.00 Uhr einen Vortrag in der Volkshochschule, Raum 12, 1. Stock, Friedrichstr. 17. Eine seltene Gelegenheit, dieses für das Verständnis der deutsch-russischen Geschichte so wichtige Kapitel in Erinnerung zu rufen.

Mehr zu dem Thema unter: https://is.gd/RHKwp7

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Tscherkutino, ein 1000-Seelen-Dorf, etwa 60 km nordwestlich von Wladimir gelegen, ist die Heimat dieses Kriegsveteranen. Sergej Skuratow sah ihn 2016 so. Damals war der einstige Späher in der Roten Armee 93 Jahre alt. Bis zu seinem 90. Lebensjahr beschäftigte er sich mit der Imkerei. Was er jetzt tut, ob er überhaupt noch lebt, wie er heißt? Wir wissen es nicht. Aber wir haben dieses Bild, das viel mehr erzählt.

Runzeln und Falten: Schützengräben der Zeit, Lebensadern, gefurchte Erinnerung. Gespinst aus Haaren, gebleicht im späten Schatten der Jahre. Nachtgestreiftes Garn der Vergangenheit. Augen, die erst in der Betrachtung zeigen, was sie sehen. So verborgen der Mund, so gerne schenkte man ihm Gehör. Verlust des nie Gesagten, des Ungehörten. Ein Versprechen, ohne sich versprochen zu haben. Der Rest ist Schweigen.

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