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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Michael Kröger war in Vertretung seines altersbedingt nicht mehr reisefähigen Vaters, des Weltkriegsveteranen, Friedhelm Kröger, eigens aus Minden in Westphalen nach Erlangen gekommen, um an der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR teilzunehmen. Für ihn, wie er selbst erklärte, eine tief beeindruckende Erfahrung im Geist der Verständigung und natürlich im Austausch mit den letzten Zeitzeugen jener schrecklichen Ereignisse.

Philipp Dörr, Michael Dörr und Anni Schärfe-Liebisch

Auf diesem Bild vom 21. Juni ist Michael Kröger zu sehen mit Philipp Dörr aus Fränkisch-Crumbach im Odenwald, ehemaliger Kriegsgefangener in Wladimir und Gus-Chrustalnyj, und Anni Schärfe-Liebisch, der Witwe von Günther Liebisch, der ebenfalls in Wladimir interniert war, und zu deren Schicksal es hier im Blog bei Eingabe der Namen in die Suchmaske eine Vielzahl von Einträgen gibt. Doch zurück zu Michael Kröger. Er liest seit einiger Zeit regelmäßig den Blog und schickte gestern seinen ersten eigenen Beitrag, eine Betrachtung zu einem Thema, das derzeit die Gemüter bewegt.

Wladimir Tschutschadejew

Die Zukunft des Regenbogens 

Was heißt es heute eigentlich, Haltung zu zeigen? Ein Regenbogensymbol am Ärmel zu tragen oder dieses aus dem eigenen Fenster zu hängen? Der Regenbogen ist gerade in aller Augen. Als Botschaft steht er auch für eine bestimmte Haltung gegenüber Minderheiten. Aber als sehr altes Symbol drückt er auch eine generelle Haltung „an sich“ aus: Unsere gemeinsame Welt ist auf Dauer zu bunt und zu lebendig, um nur in einer bestimmten Richtung oder „Farbe“ gesehen zu werden. Menschen haben Augen, um Farben, lebendige Zwischentöne und nicht bloß ein Schwarz oder ein Weiß zu sehen. Eine solche Haltung, die Welt vielgestaltig zu sehen, lebt vom Vertrauen in meine und unsere gemeinsame Wahrnehmung. Ich jedenfalls will mir meine Einstellung zur Geschichte oder zur Zukunft nicht vorschreiben lassen. Wir leben heute zunehmend in der Erwartung und der starken Hoffnung, wir könnten die drohende und sich vielfach schon ankündigende Klimakatastrophe noch abwenden.

Wladimir Tschutschadejew

Ebenso hoffen wir, daß Menschen zunehmend aus der Erinnerung an die vergangenen Weltkriege werden lernen können. Jeder Krieg vernichtete Leben und Zukunft – auf allen Seiten.  Ob „Schwerter zu Pflugscharen“ oder der im Wind flatternde Regenbogen. Und auch wenn es uns Menschen schwerfällt, aus den eigenen Fehlern zu lernen: Vielleicht wird eine Zeit kommen, die uns eine Moral des gemeinsamen, friedlichen Zusammenlebens einer Mehrheit und vieler Minderheiten, zwischen unterschiedlichen wirtschaftlich-politischen oder religiösen Systemen, schenken wird. Ob das nun früher oder später passieren wird –  eine andere globale Zukunft wird es, finde ich, nicht geben können. Diese Form der Verantwortung gegenüber unserem Leben wird uns niemand abnehmen…

Michael Kröger

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Gestern, am 80. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion, gedachte Erlangen der Opfer dieses Vernichtungskrieges – gemeinsam mit Kriegsveteranen und deren Angehörigen aus ganz Deutschland und aus Österreich sowie mit dem russischen Vizekonsul Fjodor Schatochin.

Florian Janik und Fjodor Schatochin

Florian Janik, Erlangens Oberbürgermeister, begrüßte die Gäste und hielt eine bewegende Rede, die hier im vollen Wortlaut (gestern erschien sie hier nur in Auszügen) wiedergegeben wird.

Florian Janik

Heute vor 80 Jahren begann im Morgengrauen der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Dieser Vernichtungsfeldzug verursachte unendlich viel Leid und Zerstörung unter den Völkern der UdSSR und hinterließ dort mindestens 27 Millionen Tote. Dieser unerklärte Krieg führte nach der Befreiung vom Faschismus zur Teilung unseres Landes, die 1989/1990 ausgerechnet dank dem ehemaligen Feind in die Wiedervereinigung mündete.

Heute vor 30 Jahren nahmen im Morgengrauen zehn Weltkriegsveteranen aus Erlangen in Wladimir an der Gedenkstunde zum 50. Jahrestag des Beginns des Großen Vaterländischen Krieges teil, wie er in Rußland bis heute genannt wird. Mit dieser gegenseitigen Geste der Verständigung und Versöhnung eröffneten wir das wohl wichtigste Kapitel unserer Städtepartnerschaft. Von da an hieß es mit den Worten des damaligen Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbandes: „Wir wollen einander das Böse nicht mehr anrechnen.“

Seither kam es hier an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof, vor der Ewigen Flamme auf dem Platz des Sieges in Wladimir, vor allem aber in Schulen, auf Veranstaltungen und in Familien zu ungezählten Begegnungen von Angehörigen der Kriegsgeneration. Seither ist das erreicht, was der Begründer unserer Städtepartnerschaft, Dr. Dietmar Hahlweg, schon 1983 als Wesen und Seele unserer Verbindung betrachtete: das Bekenntnis zum Miteinander von Deutschen und Russen, die Überwindung von Feindbildern, das gegenseitige Verstehen.

Philipp Dörr, Elisabeth Wittmann, Paul Hütter, Otmar Koch, Johanna Sander, Fjodor Schatochin, Manfred Kirscher und Elisabeth Preuß

Gerade auch Sie, als ehemalige Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern und als deren Angehörige, leisten bis heute einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Versöhnungswerks. Dafür und für Ihre Teilnahme an dieser Gedenkveranstaltung danke ich Ihnen von Herzen. Sie stehen dafür, wie es möglich ist, einander die Hand über Stacheldraht, Schützengräben und Massengräber hinweg zu reichen. Um dies auch heute zu zeigen, nahmen Sie die zum Teil weite Anreise aus dem Westerwald, aus dem Teutoburger Wald, aus dem Odenwald, aus dem Harz oder aus der Wachau auf sich.

lAnni Schärfe-Liebisch, Michael Kröger und Fritz Rösch

Wie schon zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai 2020, so verhindert leider auch heuer die Pandemie unsere Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen in Wladimir zum 80. Jahrestag des Beginns des „Unternehmens Barbarossa“. In den letzten drei Jahrzehnten waren wir zu diesen Anlässen immer mit einer Delegation in der Partnerstadt. Nun versammeln wir uns hier in diesem kleinen Kreis und senden unsere Friedensgrüße nach Wladimir. Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Es lebe unsere Freundschaft!

Beate und Alma Keilhack

Lassen Sie mich aber auch noch ein Wort des Dankes richten an Alma Keilhack für ihr bewegendes Spiel auf der Friedensvioline aus der Werkstatt von Alfred Binner, gespendet von Olaf  Kühne und Familie Lohse. Das Instrument sollte eigentlich schon im Vorjahr in Wladimir übergeben werden; wir hoffen nun, dies bald nachholen zu können.

Johanna Sander

Danken möchte ich aber auch Johanna Sander, die uns gegen Ende noch ein Lied singen wird. Sie ist mit ihrer Mutter, Elisabeth Wittmann, gekommen. Vater und Ehemann, Fritz Wittmann, gehörte damals zur Veteranendelegation vor 30 Jahren, und aus seiner Feder stammt der Spruch auf der Stele, die wir am Ende unserer Gedenkveranstaltung enthüllen werden.

Wir alle können nicht ungeschehen machen, was damals vor 80 Jahren geschah, aber wir müssen alle miteinander, hier und in Wladimir, alles machen, damit dergleichen nie mehr geschehen kann. Ihnen und uns allen wünsche ich: Es möge nie mehr Kriegsveteranen zwischen unseren Ländern geben. Lassen Sie uns, wenn ich nun, wenn ich mit dem Vertreter des Russischen Generalkonsulats in München in unser aller Namen den Kranz für die Opfer und deren Hinterbliebene niederlege, einander den Frieden erklären!

Florian Janik und Fjodor Schatochin

Vizekonsul Fjodor Schatochin dankte nicht nur für die Einladung zu dieser Gedenkveranstaltung, sondern schilderte in seiner Erwiderung eindringlich, wie sehr die Erinnerung an die Schrecken des Krieges auch noch seine Generation prägen. So sei er nach seinem Großvater benannt, der als Invalide von der Front zurückkehrte. Desto wichtiger denn auch sein Aufruf, den Frieden zwischen unseren Ländern zu wahren.

Fjodor Schatochin und Florian Janik

Für die Veteranen ergriff schließlich auch noch Wolfgang Morell aus Erlangen das Wort und dankte als 99jähriger Zeitzeuge für die mahnende Erinnerung der Stadt Erlangen an jene Zeit der erbitterten Feindschaft.

Philipp Dörr, Wolfgang Morell, Elisabeth Wittmann, Paul Hütter und Ute Schirmer

Erst später, nach der offiziellen Zeremonie, im engeren Kreis, fand der 96jährige Philipp Dörr aus Fränkisch-Crumbach im Odenwald noch Worte, die wie ein Motto dieser Begegnung verstanden werden dürfen: „Anstelle des Tausendjährigen Reiches wünsche ich mir einen Tausendjährigen Frieden für unser Land und die Welt.“

Dank an Amil Scharifow für das Video, das er von der Veranstaltung für TV My drehte:

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Heute vor 80 Jahren begann der barbarischste Teil des Zweiten Weltkriegs – keine zwei Jahre nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 der Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR. Dieses schreckliche Datum wurde mit all seinen bis heute nachwirkenden Folgen zum Auslöser für die Begründung der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Oberbürgermeister Florian Janik legt deshalb im Beisein eines Vertreters des Generalkonsulats der Russischen Föderation und einer Gruppe deutscher Veteranen und ihrer Angehörigen an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und hält eine Rede, aus der hier vorab zitiert wird.

22. Juni 1941, Meldung über den Beginn des Großen Vaterländischen Kriegs, Moskau, Straße des 25. Oktobers

Heute vor 80 Jahren begann im Morgengrauen der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Dieser Vernichtungsfeldzug verursachte unendlich viel Leid und Zerstörung unter den Völkern der UdSSR und hinterließ dort mindestens 27 Millionen Tote. Dieser unerklärte Krieg führte nach der Befreiung vom Faschismus zur Teilung unseres Landes, die 1989/1990 ausgerechnet dank dem ehemaligen Feind in die Wiedervereinigung mündete.

Heute vor 30 Jahren nahmen im Morgengrauen zehn Weltkriegsveteranen aus Erlangen in Wladimir an der Gedenkstunde zum 50. Jahrestag des Beginns des Großen Vaterländischen Krieges teil, wie er in Rußland bis heute genannt wird. Mit dieser gegenseitigen Geste der Verständigung und Versöhnung eröffneten wir das wohl wichtigste Kapitel unserer Städtepartnerschaft. Von da an hieß es mit den Worten des damaligen Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverbandes: „Wir wollen einander das Böse nicht mehr anrechnen.“

Seither kam es hier an den Russengräbern auf dem Zentralfriedhof, vor der Ewigen Flamme auf dem Platz des Sieges in Wladimir, vor allem aber in Schulen, auf Veranstaltungen und in Familien zu ungezählten Begegnungen von Angehörigen der Kriegsgeneration. Seither ist das erreicht, was der Begründer unserer Städtepartnerschaft, Dr. Dietmar Hahlweg, schon 1983 als Wesen und Seele unserer Verbindung betrachtete: das Bekenntnis zum Miteinander von Deutschen und Russen, die Überwindung von Feindbildern, das gegenseitige Verstehen.

Gerade auch Sie, als ehemalige Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern und als deren Angehörige, leisten bis heute einen unschätzbaren Beitrag zum Gelingen dieses Versöhnungswerks. Dafür und für Ihre Teilnahme an dieser Gedenkveranstaltung danke ich Ihnen von Herzen. Sie stehen dafür, wie es möglich ist, einander die Hand über Stacheldraht, Schützengräben und Massengräber hinweg zu reichen. Um dies auch heute zu zeigen, nahmen Sie die zum Teil weite Anreise aus dem Westerwald, aus Westphalen, aus dem Odenwald, aus dem Harz oder aus der Wachau auf sich.

Wie schon zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai 2020, so verhindert leider auch heuer die Pandemie unsere Teilnahme an den Gedenkveranstaltungen in Wladimir zum 80. Jahrestag des Beginns des „Unternehmens Barbarossa“. In den letzten drei Jahrzehnten waren wir zu diesen Anlässen immer mit einer Delegation in der Partnerstadt. Nun versammeln wir uns hier in diesem kleinen Kreis und senden unsere Friedensgrüße nach Wladimir. Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus! Es lebe unsere Freundschaft!

Wir alle können nicht ungeschehen machen, was damals vor 80 Jahren geschah, aber wir müssen alle miteinander, hier und in Wladimir, alles machen, damit dergleichen nie mehr geschehen kann. Ihnen und uns allen wünsche ich: Es möge nie mehr Kriegsveteranen zwischen unseren Ländern geben. Lassen Sie uns, wenn ich nun in unser aller Namen den Kranz für die Opfer und deren Hinterbliebene niederlege, einander den Frieden erklären!

Paul Hütter, Philipp Dörr (sitzend), Anni Schärfe-Liebisch, Wolfgang Morell, Elisabeth Preuß, Sylvia Dörr, Anni Koch, Fritz Rösch, Michael Kröger und Peter Steger

Gestern schon reisten Philipp Dörr aus dem Odenwald, Paul Hütter aus dem Westerwald, Anni Schärf, Witwe von Günther Liebisch, aus dem Harz, und Michael Kröger, Sohn von Friedhelm Kröger, aus dem Teutoburger Wald, Otmar Koch aus der Wachau, dessen Vater als Kriegsgefangener in Wladimir starb, und weitere Angehörige an, um heute gemeinsam der Opfer dieses Vernichtungskrieges zu gedenken. Der Senior der Veteranen, der 99jährige Wolfgang Morell aus Erlangen, erinnert sich, wie er diesen Tag vor 80 Jahren erlebte:

Ein beklemmendes Gefühl ergriff die ganze Familie… Gegen 8 Uhr war unser Propaganda-Minister Goebbels im Radio zu hören. er behauptete, die deutsche Wehrmacht sei mit ihrem Angriff nur einer sowjetischen Aggression zuvorgekommen. Viele Deutsche – ich meine, sogar die Mehrheit – glaubten ihm. wir – meine Familie – glaubten ihm nicht. Warum? Mein Bruder, damals Artilleriebeobachter an der deutsch-sowjetischen Grenze in Ostpreußen hatte seit Wochen u.a. die Aufgabe, das örtliche Schußfeld im Osten zu dokumentieren. der Krieg war auf unserer Seite also in Vorbereitung. wir daheim waren auf diese Weise informiert über den Gang der Dinge. Was ich damals nicht ahnen konnte, war, daß ich ein halbes Jahr später in Kriegsgefangenschaft geraten würde. die Gefangennahme durch die Russen war 1942 für einen deutschen Soldaten etwas vollkommen Unvorstellbares. Ich verdanke mein überleben nur dem Versagen meines Karabiners! Ich blieb am Leben, erkrankte aber schon bald schwer. man brachte mich zum Glück nach Wladimir in ein Militärkrankenhaus. Im Petersburger Archiv ist noch heute die Krankengeschichte nachzulesen, in der meine zweite Rettung dokumentiert ist. Es liegt für mich ein tiefer Sinn darin, daß gerade jene Stadt, in der mir das Leben wiedergegeben wurde, heute eine so erfolgreiche Partnerschaft mit meiner zweiten Heimatstadt Erlangen pflegt.

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Wer dieser Tage in die Buchhandlung Rupprecht kommt, findet gleich beim Eingang, linker Hand, reduzierte Restexemplare des 2015 zum 70. Jahrestag des Kriegsendes herausgegebenen Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ mit Erinnerungen von Wehrmachtsangehörigen an ihre Zeit in der Gefangenschaft in einem der Lager der Region Wladimir. Vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, sich ein Exemplar zu sichern, denn die Auflage von ursprünglich 500 Exemplaren ist so gut wie ausverkauft.

Die Lektüre dieser Schilderungen von Zeitzeugen gewinnt gerade wieder an Aktualität angesichts des bevorstehenden 80. Jahrestags des „Unternehmens Barbarossa“, des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR mit all den furchtbaren, bis heute nachwirkenden Folgen. Also: zugreifen und lesen, solange der Vorrat reicht. Mehr zu dem Buch unter: https://is.gd/OJfQ95

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Der Senior der deutschen Veteranen, dem man als Kriegsgefangenem in Wladimir das Leben rettete, feiert heute seinen 99. (in Worten: neunundneuzigsten) Geburtstag, zu dem ihm sein Freund aus der Partnerstadt, Witalij Gurinowitsch, mit diesen Zeilen gratuliert.

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Lieber Wolfgang,

alles Gute zum Geburtstag! Ich umarme Dich und wünsche Dir beste Feierlaune! Wir, alle Deine russischen Freunde, schicken Dir einen Riesengruß. Wir denken an Dich und sind von Dir begeistert. Der Herrgott schenkt Dir Kraft für ein langes Leben, weil Du ein guter, offener und vielseitiger Mensch bist. Du bist zum Botschafter des Friedens zwischen unseren Städten geworden, und jetzt, nach dem Film über Dich und Nikolaj Schtschelkonogow, noch viel mehr, nämlich für alle Deutschen und Russen, für alle, die diese Dokumentation gesehen haben.

Du liebst das pralle und erfüllte Leben, und ich bin sicher, Du hast noch immer einen kleinen Kreis von sympathischen Russinnen um Dich, mit denen Du an Deinem Russisch schleifst. Jetzt trittst Du in Dein hundertstes Lebensjahr ein, das ich Dir mit ganzer Hingabe und in stets gehobener Stimmung zu leben wünsche (an dieser Stelle solltest Du Dir ein Bier einschenken!).

Ich umarme Dich nochmals, bis bald wieder!

Dein Witalij

Und dann ging im Laufe des Tages noch ein ganz besonderes Glückwunschschreiben des Generaldirektors des Landesmuseum Wladimir-Susdal ein.

Sehr geehrter Herr Morell,

das Staatliche Landesmuseum Wladimir-Susdal gratuliert Ihnen zum 99. Geburtstag!

Sie wurden in ihrem Leben zwei Mal geboren: An Ihrem Geburtstag und dann noch einmal mit 20 Jahren, 1942, als sowjetische Ärzte im Wladimirer Militärhospital Ihnen das Leben retteten. Da ist es von großer Symbolkraft, wenn Sie nun schon seit mehr als 30 Jahren durch Ihre Erinnerungen und Besuche, durch Ihrer Freundschaft mit russischen Veteranen. Ihre Begegnungen mit der Jugend unserer Stadt und unserem Volk Dank sagen für die Barmherzigkeit, die Ihnen und anderen deutschen Kriegsgefangenen entgegengebracht wurde.

Wir bewahren Ihre Reisen aus Erlangen nach Wladimir in Erinnerung. Ihre unlängst an die russischen Freunde gerichteten Videogrußbotschaften wecken in uns Optimismus und den Glauben an ein internationales Einvernehmen. Wir hoffen auf neue Begegnungen und Gespräche.

Wir wünschen Ihnen viel Gesundheit, Standhaftigkeit, Munterkeit, Frieden und alles Gute!

Mit den besten Grüßen, Sergej Rybakow, Generaldirektor des Landesmuseums

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Es ist von einer ganz einzigartig gelungenen Biographie zu berichten, die das Leben eines Menschen nachzeichnet, den der Autor „in über die Zeit gewachsener Bewunderung und Faszination“ als „Mann von Belastbarkeit und großem moralischen Mut“ beschreibt. Die Rede ist vom deutschen Generalmayor Heinz-Helmut von Hinckeldey, den der schottische Oberstleutnant i.R., Charles Wood, Anfang der 70er Jahre als dessen Militärassistent im Hauptquartier der Northern Army Group NORTHAG in Mönchengladbach kennenlernte. „General Heinz“ (1914-2010), wie er vom Autor vertraut genannt wird, hatte damals den Höhepunkt einer staunenswerten militärischen Laufbahn hinter sich: von der Teilnahme am „Unternehmen Barbarossa“ und an der Belagerung von Leningrad bis zum Verbindungsoffizier der Wehrmacht zu den Streitkräften des verbündeten Rumäniens, als den ihn die Rote Armee 1944 gefangennahm – über seine elf Jahre der Internierung in Moskau und Wladimir bis hin zu seiner Zeit in der Bundeswehr und NATO. Entstanden ist ein akribisch gezeichnetes Portrait, das man über all die gut 400 Seiten atemlos liest, gerade auch, wenn man glaubt, nun wirklich schon genug über den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen zu wissen. Auch wenn man hier im Blog von der Gefangenschaft des Wehrmachtsangehörigen als „Kriegsverbrecher“ schon vermeintlich alles in Erfahrung bringen konnte. Dringende Leseempfehlung deshalb, auch wenn der Band bisher nur auf Englisch erhältlich ist, das dessen Held übrigens ebenso perfekt beherrschte wie u.a. das Russische, das er sich in seiner Zelle selbst beigebracht hatte.

Charles Wood stützt sich nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen, sondern auf eine Vielzahl von Quellen: u.a. auf ein Interview seines Helden mit dem ZDF, auf Zeugnisse der Familie, Angaben des Wladimirer Historikers Witalij Gurinowitsch und Berichte hier im Blog, die sich besonders auf die Haft im Wladimirer Zentralgefängnis beziehen. Der Band schließt sogar mit dem Nachruf des Blogs auf „General Heinz“, eine wirklich beeindruckende Persönlichkeit, abzulesen auch daran, daß er als Rotary-Governor in Köln ein Programm förderte, das Nachwuchskräften aus Osteuropa, darunter eine junge Frau aus Wladimir, Praktika in Deutschland vermittelte, nachzuschlagen hier https://is.gd/gABYkH, bevor Sie für £ 19,99 unter der ISBN 978-1-913012-38-0 das Buch bestellen.

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Zu den Glücksmomenten des Blogs gehört es, wenn durch ihn Menschen einen Zugang zur Städtepartnerschaft finden, die in ganz anderen Teilen der Welt zu Hause sind, wohl aber eine innere Verbindung zu Erlangen oder Wladimir haben. Otmar Koch aus der Wachau gehört zu diesem Kreis, der sich auf der Suche nach seinem 1947 als Kriegsgefangener verstorbenen Vater an den Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, wandte und sich zusammen mit seiner Frau Anni schon im Mai 2015 der Delegation anschloß, die zum 20jährigen Jubiläum des Erlangen-Hauses und zum 70jährigen Gedenken an den Tag des Sieges über das Dritte Reich nach Wladimir reiste.

Witalij Gurinowitsch, Pfarrer Wladimir, Philipp Dörr, Anni und Otmar Koch, Mai 2015, in Wladimir

Auch wenn sich unter den Überlebenden und Veteranen niemand mehr fand, der sich an den Vater, Anton Holzmann, erinnerte, auch wenn dessen letzte Ruhestätte nicht genau lokalisiert werden konnte, war es doch für den Sohn, heute vor 80 Jahren geboren, ein zutiefst bewegendes Erlebnis, an die Orte zu kommen, wo der Mann, mit dem er keine bewußte Erinnerung mehr verbindet, die letzten drei Jahre seines Lebens zubrachte.

Otmar und Anni Koch mit einer Arbeit von Kirill Wedernikow in Erlangen-Tennenlohe, September 2019

Otmar Koch ließ seither keines der Veteranentreffen aus und hat seinen inneren Frieden mit Wladimir geschlossen. Selbst ein begnadeter Maler, fühlt er sich besonders mit der dortigen Kunstszene verbunden.

Otmar Koch und Richard Dähler, Juli 2015, in Erlangen

Dem Jubilar von Herzen alles Gute – und noch viele freundschaftliche Begegnungen mit den neuen russischen und deutschen Freunden im Geist der Partnerschaft und Völkerverständigung über die viel zu oft nun wohl für immer unbekannten Gräber hinweg.

Otmar Koch vor einer seiner Arbeiten

Hier geht es zur Geschichte von Otmar Koch: https://is.gd/ZwAIeG

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Wie schon im Vorjahr, so beging man auch gestern in Wladimir den Tag des Sieges unter den Bedingungen der Pandemie: keine Parade und Umzüge, nur stille Kranzniederlegungen und Erinnerungsveranstaltungen im Internet, eher ein familiäres Gedenken der Opfer. Mehr als 300.000 Mann stellte die Region Wladimir für den Kampf gegen die Wehrmacht, weniger als die Hälfte von ihnen kehrte von der Front zurück. Hundert von ihnen wurden als Helden der Sowjetunion ausgezeichnet, zwanzig von ihnen sogar mit dem Kavaliersorden des Ruhms. Heute leben in der Partnerstadt noch 62 Frontkämpfer.

„Wenn man den Krieg vergißt, beginnt ein neuer. Die Erinnerung ist der größte Feind des Krieges.“ Dieser Spruch von Aristoteles gilt bis heute. Und so gab es denn auch in Erlangen gestern auf dem Zentralfriedhof eine Zeremonie im kleinsten Kreis, der sich unerwartet öffnete. Als wäre es abgesprochen, wartete um die MIttagszeit an den Russengräbern, wo 271 Kriegsgefangene aus dem Ersten Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte fanden, Raisa Woite und erklärte sich spontan bereit, ihre ohnehin mitgebrachten Blumen mit Amil Scharifow und dem Ehepaar Nadja und Peter Steger niederzulegen.

Amil Scharifow, Peter Steger und Raisa Woite

Raisa Woite stammt aus Kasan und lebt seit Mitte der 90er Jahre in Erlangen. Doch von den Russengräbern erfuhr sie erst unlängst durch Heinrich Hirschfelder, einem ausgewiesenen Kenner der Erlanger Stadtgeschichte und des hiesigen Kriegsgefangenenlagers aus dem Ersten Weltkrieg. „Es gibt gute Menschen, und es gibt andere Menschen“, lautet ihr Motto. Und hier in Erlangen seien gute Menschen am Werk, so die Botschaft nach Wladimir, die über all die Jahre die Gedenkstätte so pflegen und immer wieder neu bepflanzen. Mögen vom Himmel nie mehr Bomben fallen, so ihr Wunsch.

Den lieben Mitkämpfern, den von ihren Angehörigen unbeweinten Opfern der Pflicht. Von ihren Kameraden 1914 – 19..

Eine bewegende Begegnung – wie eine Fügung, festgehalten von TV Мы. Auch wenn es eines Tages keine Augenzeugen mehr geben wird, die Erinnerung wird bleiben. Wir werden den Krieg nicht vergessen, damit nie mehr ein neuer beginne.

Anatolij Mitrofanow, 9. Mai an der Ewigen Flamme in Wladimir

Mehr zu den Russengräbern finden Sie hier: https://is.gd/E3XACT

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Gestern, am Tag der Befreiung und der Kapitulation der Wehrmacht, richtete sich Wolfgang Morell, der demnächst seinen 99. Geburtstag feiert und sich derzeit in Oberbayern medizinisch behandeln läßt, an seine Freunde in Wladimir und gratulierte ihnen zum Tag des Sieges.

Der Weltkriegsveteran geriet am 22. Januar 1942 vor Moskau in sowjetische Gefangenschaft und wurde wegen einer schweren Erkrankung nach Wladimir gebracht, wo man ihn wieder auf die Beine brachte, bevor er einen langen Weg durch verschiedene Lager bis in den Ural antrat und schließlich von Gorkij aus 1949 in die Heimat entlassen wurde. Seine Geschichte ist hier im Blog mit all ihren Stationen zu finden, heute deshalb nur dieses Zeugnis der Anteilnahme und Verbindung eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten mit seinen einstigen Freunden und jetzigen Freunden, die er hofft, noch einmal wiederzusehen. Dank an Othmar Wiesenegger für diese einzigartige Aufnahme.

In Wladimir rezitierte heute Wjatscheslaw Kartuchin, stellv. Sprecher der Wladimirer Regionalduma und großer Freund der Städtepartnerschaft, ein Gedicht, das an die Heldentat der vielen kleinen Leute erinnert, und legte Blumen an der Ewigen Flamme auf dem Ehrenfriedhof nieder. Schöner können wir unsere Verbundenheit in Zeiten der Pandemie nicht zum Ausdruck bringen.

Peter Steger und die Vermißten und Gefallenen von Prien, gesehen von Othmar Wiesenegger

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Heute ist wieder eine dieser unglaublichen Geschichten zu berichten, wie sie nur die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu schreiben vermag. Da meldete sich nämlich dieser Tage eine Frau, die es vorzieht ungenannt zu bleiben, mit der Nachricht von einem Gemälde, das ein deutscher Kriegsgefangener 1948 angefertigt habe. Eingesetzt war er im Traktorenwerk, wo auch der Großvater der Wladimirerin arbeitete. Offensichtlich kannten sich die beiden Männer, vielleicht verband sie sogar eine Freundschaft. In den Schilderungen der Veteranen tauchen ja immer wieder Erinnerungen an solche Verbindungen jenseits des Stacheldrahts auf, und die Fälle sind häufiger, als man denkt, wo die einstigen Feinde wie Gäste in russischen Familien aufgenommen wurden.

Unbekannter Meister

Es ist leider zu spät, um die Geschichte hinter dem Gemälde in Erfahrung zu bringen; man wird sie der Kraft der Phantasie überlassen müssen. Aber immerhin fand die Enkelin vor etwa zehn Jahren das Bild, das lange beim Großvater an der Wand hing, in einem ungeheizten Schuppen, wo man es mangels weiterer Verwendung abgestellt hatte, und rettete die arkadische Ansicht vor der endgültigen Zerstörung durch unsachgemäße Lagerung.

An der Festtafel des Großvaters mit dem Bild des unbekannten Malers vor fast 60 Jahren, leider durch die Aufnahme verspiegelt, aber die Kolonnen und Zypressen sind zu erkennen.

Nun überlegt die Finderin, das Gemälde im Originalrahmen mit den Maßen 1 x 0,63 m restaurieren zu lassen und dem Erlangen-Haus zu übergeben. Der unbekannte Maler würde sich bestimmt freuen, denn seinerzeit war ja wohl kaum daran zu denken, es könne hier eines Tages ein solches Zentrum der deutsch-russischen Verständigung geben. Das mit der Restaurierung ist sicher machbar, schwieriger wird aber wohl sein, den Künstler zu identifizieren, denn außer seinen Initialen S. F. gibt es keine Hinweise mehr auf seine Identität.

Die Initialen rechts unten im Gemälde

Bleibt nur ein Wort des Dankes und der Freude über dieses fast verlorengegangene Zeugnis der Verbundenheit von Russen und Deutschen. Gerade in diesen Zeiten der politischen Entfremdung unserer Länder wichtiger und schöner denn je.

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