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Archive for the ‘Veteranen’ Category


Das russische Generalkonsulat in München hatte zum feierlichen Empfang geladen. Der Nationalfeiertag heißt „Tag Russlands“. Der 12. Juni erinnert an die staatliche Unabhängigkeit und wird seit 1994 begangen. In vielen Städten des Landes feiert man der Tag parallel zum Stadtfest, so auch in Nischnij Nowgorod, wo die neue Bürgermeisterin, Jelisaweta Solomon, mich zu den Feierlichkeiten einlud, als ich vor kurzem meinem Vater dort einen Besuch abstattete.

Elisabeth Preuß in Nischnij Nowgorod im Mai 2017

Vielerlei Vergnügungen wurden geplant, so auch ein Auftritt des Theaters der Gehörlosenschule „Piano“. Wir trafen die talentierten Protagonisten bei einer Probe auf der Bühne hoch über der sommerlichen, in der Sonne glitzernden Wolga. Leider konnte ich diese Einladung nicht annehmen, da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder seit zwei Tage zuhause im Rathaus sein würde.

Pantomimentheater „Piano“

Die Bevölkerung allerdings begeht mit viel mehr Herzblut den 9. Mai, den Tag des Sieges, jedes Jahr ein großes Fest. Zurecht gedenkt man der mehr als 50 Millionen Toten, die der von den Nationalsozialisten über die Welt gebrachte Krieg allein in der Sowjetunion kostete.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß, die beiden Botschafterinnen der Partnerschaft im Dezember 2015, Bahnhof Wladimir

Am 13. Juni folgten die Vertreter vieler Nationen der Einladung von Generalkonsul Sergej Ganscha nach München in den „Bayrischen Hof“, und ich nutzte diese Gelegenheit, um dem Generalkonsul von dem beeindruckenden Unterfangen „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu erzählen. Das Werk von Peter Steger liegt ja seit einigen Monaten auch in russischer Übersetzung vor, der Blog hat über die Präsentation in Wladimir berichtet. Die Erzählungen, Interviews und Bilder der Veteranen unserer beider Völker, die sich einst als Feinde gegenüber standen und sich jetzt im Rahmen der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir treffen: Dieses Buch ist ein Jahrhundertwerk. Ich weiß nicht, ob mir als Laie in Sachen Literatur dieses Wort zusteht, für mein Gefühl aber greift jedes andere Wort zu kurz.

Elisabeth Preuß und Sergej Ganscha

Glücklicherweise (aber nicht zufälligerweise) hatte ich bei meiner Fahrt nach München sogar je ein Exemplar der deutschen und der russischen Ausgabe dabei und konnte dies dem Generalkonsul als Geschenk überreichen. Es ging ihm wie vielen, denen ich von diesem Werk erzähle: Zuerst Staunen, dann Freude steht in den Augen des Beschenkten. Wer dieses Buch liest und verinnerlicht, für den ist Krieg zur Unmöglichkeit geworden.

Elisabeth Preuß

Wjatscheslaw Gadalow

Erlangens Botschafterin in Wladimir, Irina Chasowa, vertrat unterdessen am gestrigen Tag der Erinnerung und Trauer die deutsche Seite, als einige wenige Zeitzeugen zusammen mit vielen Kindern des Überfalls der Hitlertruppen auf die Sowjetunion vor 76 Jahren gedachten.

Gedenkstein

Ort des Gedenkens: der Freundschaftsbaum, ganz in der Nähe vom Platz des Sieges am 22. Juni 2011 im Beisein von Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell auf Initiative von Wjatscheslaw Gadalow gepflanzt, der sich bis heute um die kleine Eiche kümmert, dem Frieden zwischen Deutschen und Russen gewidmet. Siehe: https://is.gd/QTIWH5.

22. Juni 3

Gedenken an der Friedenseiche

Hier zumindest und mit diesen Menschen ist Krieg wirklich zur Unmöglichkeit geworden.

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Auf den Tag genau vor einem Jahr erschien hier im Blog der Bericht über den Besuch von Tarcísio Badaró, der auf den Spuren des Deutsch-Brasilianers, Horst Ewaldo Brenke, via Erlangen einen ungewöhnlichen Lebensweg nachzeichnete, der den Journalisten aus Südamerika bis nach Wladimir führte.

Wolfgang Morell und Tarcísio Badaró

Hier in Erlangen traf sich der junge Brasilianer mit Wolfgang Morell, um möglichst viele Details über die Kriegsgefangenschaft in Erfahrung zu bringen, Einzelheiten, die sich zu einem großen Gesamtbild zusammenfügen sollten.

Das Tagebuch des Horst Ewaldo Brenke

Als Ausgangsmaterial für die Recherchen hatte das Tagebuch des zwangsrekrutierten Wehrmachtsoldaten, Horst Ewaldo Brenke, gedient, ein wahrer Schatz der Erinnerung an das Leben hinter Stacheldraht. Eingeflossen in die Publikation sind aber natürlich auch die vielen Gespräche in Wladimir mit dem Historiker Witalij Gurinowitsch sowie all die Erlebnisse unterwegs mit der Bahn durch halb Europa, immer auf der Spur von Horst Ewaldo Brenke.

Er war ein Hitler-Junge – Der brasilianische Hitler-Soldat – Eine wahre Geschichte

Nun ist in Brasilien das Buch von Tarcísio Badaró „Er war ein Hitler-Junge – Der brasilianische Hitler-Soldat“ erschienen und in Erlangen per Post eingetroffen. Auf gut 190 Seiten sind hier die Stationen einer deutsch-brasilianischen Biographie festgehalten, wie sie nur das Leben schreiben kann. Mehr zum Thema hier: https://is.gd/qk7isP

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Unter dem Titel „Geteilte Liebe“ hat ein Lokalsender in Nischnij Nowgorod das Wiedersehen von Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa festgehalten, ein Treffen nach sieben Jahrzehnten, das auch ohne Sprachkenntnisse berührt.

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa (Photo: Rose Ebding)

Die knapp fünfminütige Reportage zeigt den ehemaligen Kriegsgefangenen auf den einstigen Wegen, wo er dem damals siebzehnjährigen Mädchen begegnete, und begleitet die beiden, die den Kontakt nie ganz haben abbrechen lassen, bei ihrem Wiedersehen, bevor Wolfgang Morell die Wolga besingt und Abschied nimmt. Wohl für immer: https://is.gd/sTNTFM

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Es war keine Erholungsreise, die mich in der Karwoche nach Wladimir und Nischnij Nowgorod geführt hatte, eher die beeindruckende Wiederkehr in ein Land, das mir mit seinen Menschen tief verbunden bleibt. Dabei war es sicher ein Risiko, in meinem fortgeschrittenen Alter, mit 95 Jahren, noch eine so lange Fahrt anzutreten. Manche zweifelten sogar an meiner Vernunft, aber die Erwartung, viele meiner Freunde und vor allem meine alte Freundin Schanna aus Zeiten der Kriegsgefangenschaft wiederzusehen, und das Angebot, mich auf den Wegen zu stützen und zu unterstützen, wischte alle meine Bedenken hinweg. Allen Helfern und Helferinnen herzlichen Dank! Meinen Entschluß habe ich nicht bereut, es war die Reise meines Lebens!

Wolfgang Morell und das Landschaftsbild der Schüler bei der Buchvorstellung in Wladimir

Das Echo, das ich bei der Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ aus der Feder von Peter Steger erhielt, und das gestickte russische Landschaftsbild, das mir eine kleine Schülergruppe überreichte, haben mich sehr berührt. das hat mir altem Mann gutgetan! Die große Anzahl der Besucher und ihre Aufmerksamkeit deuten auf ein ungewöhnliches Interesse an den Lebensverhältnissen der deutschen Kriegsgefangenen hin. Ich hatte den Eindruck, die Kriegszeit stecke den Russen noch tief „in den Knochen“, während sie bei uns als „abgehakt“ gilt… Dennoch, von feindlicher Haltung habe ich nichts gespürt, trotz der offiziellen Linie der Regierung. Einige entschiedene Äußerungen aus dem Publikum in dieser Richtung bestätigten das.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow, Schauspieler, Rose Ebding und Wolfgang Morell. Photo: Hans-Joachim Preuß

Eine kleine Episode: Mit einem befreundeten älteren Offizier stieg ich in einen Bus. Der Veteran zeigte dem Schaffner als Frontkämpfer seinen Ausweis, der ihm freie Fahrt gewährte. Der Schaffner nickt: „Frontkämpfer!“ – und mit Hinweis auf mich: „Und der?“ – Der Freund: „Auch Frontkämpfer“ –  Ich: „Aber auf der anderen Seite!“ Der Schaffner: „Ach, das spielt heute keine Rolle mehr.“ Ich hatte auch freie Fahrt.

Wolfgang Morell und Rose Ebding, hinter ihm rechts stehend, mit der Truppe in Nischnij Nowgorod. Photo: Hans-Joachim Preuß

Am beeindruckendsten – geradezu aufwühlend, war das Erleben des Theaterstückes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ nach Motiven des gleichnamigen Buchs von Peter Steger. Wer hat schon Gelegenheit, sich selbst in seiner Vergangenheit auf der Bühne zu sehen! In dramatischen Situationen oder solchen, die ans Herz gehen, von einem großartigen Team von Lehrerinnen und Schülern des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod auf die Bretter gezaubert. Bewundernswert die schauspielerische Leistung der Jugendlichen. Der Termin für die Premiere war mit Rücksicht auf den Terminplan unsere Delegation beträchtlich vorverlegt worden (russisch-deutsche Improvisation!).

Wolfgang Morell und Schanna Woronzowa. Photo: Rose Ebding

Der Höhepunkt meiner Reise war das Treffen mit Schanna, die ich als siebzehnjähriges Mädchen kennengelernt hatte und nun als siebenundachtzigjährige Frau wieder in die Arme schließen konnte. Da sind auf beiden Seiten viele Tränen geflossen… Wir erinnerten uns wieder der gemeinsamen Stunden, in denen ich von ihr mit Akkordeon-Begleitung manches Volkslied, manche von Michail Glinka vertonte Romanze nach einem Text von Alexander Puschkin oder Michail Lermontow erlernte, um sie dann gemeinsam zu singen. Jetzt waren unsere Stimmen brüchig geworden… Einige Lieder kann ich noch heute auswendig.

Von einem Fernsehteam begleitet, suchte ich all die Orte auf, die wir damals besucht hatten. Für einen gemeinsamen Erinnerungsgang war Schanna jetzt aber leider zu schwach.

Wolfgang Morell mit dem Schauspielerpaar, das ihn und Schanna in jungen Jahren darstellt. Photo: Hans-Joachim Preuß

Allen, die am Zustandekommen und an der Durchführung dieser großartigen Reise beteiligt waren, sage ich herzlichen Dank, allen voran Peter Steger, dem guten Geist auf deutscher Seite und Witalij Gurinowitsch, seinem unermüdlichen und fachkundigen Gegenstück. Eine tiefgefühlte Dankbarkeit empfinde ich gegenüber Rose Ebding. Sie hatte die Idee zu dem Theaterstück, machte die Interviews mit den Erlebnisträgern und war die treibende Kraft bei der Verwirklichung. Ihr Gatte, Hans-Joachim Preuß, zeichnete in seinem Blog unter https://is.gd/N1OPff ein lebendiges Bild der Reise.

Wolfgang Morell

Die schönste deutsch-russische Liebesgeschichte kann man hier nachlesen: https://is.gd/3DVrjV

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Über das Wesen des Osterfestes in der Ostkirche war hier bereits viel die Rede, natürlich auch über die – bei allen Unterschieden – grundlegenden Gemeinsamkeiten mit der westlichen Christenheit. Den verbindenden Geist der Auferstehung vermag aber nichts mehr erlebbar machen als eine Begebenheit, die sich vor fast 70 Jahren in Wladimir zutrug und noch heute das Herz erwärmt:

Florian Janik und Sergej Sujew vor der Rosenkranzkirche in Wladimir, Karwoche 2017

Otto Kleinhenz aus der Rhön erinnert sich an eine Begegnung zu Ostern 1948:

Es wurde in Rußland Frühling. Wir, die Gefangenen des Hauptlagers, waren mit unserem Arbeitskommando auf der Ziegelei. Mit einigen Kameraden war ich im Trockenschuppen beschäftigt, mußte Schmutz und Unrat aus den angrenzenden Wohnhäusern beseitigen. Das half nur, unsere Traurigkeit an diesem hellen Ostermorgen zu verstärken. Doch auf einmal erklang von der goldbekuppelten Kirche der schwere Schlag der Glocken. Ganz behutsam, als gelte es nicht die Freude der Auferstehung, sondern das Leiden Christi zu verkünden. Ich lauschte, schloß die Augen, und meine Gedanken wanderten mit dem ganzen Schmerz des Heimwehs in das Heimatdorf. Es war einfach schlimm. Doch zum Leid kam dann doch auch ein Engel der Liebe und Freude Gottes – ganz unverhofft. Ich lief durch den Schuppen, und da kam mir eine seit langem gut bekannte Babuschka entgegen, blieb bei mir stehen, packte aus einem Tüchlein drei kleine Kartoffeln und drei Bonbons aus, sah mich wie eine liebende Mutter an und sagte mir den Ostergruß: Christ ist erstanden, wahrlich ist er erstanden! Damit tat sich für mich ein Stück Himmel auf durch die gütige Seele einer russischen Mutter, die ich immer wieder vor mir sehe, und die mich immer wieder bewegt, anderen zu helfen.

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Für alle, die am vergangenen Dienstag nicht die Gelegenheit hatten, in Wladimir an der Vorstellung der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ teilzunehmen, hier die Rede des Autors zu diesem Anlaß – allerdings ohne all die gewählten Zitate aus dem Sammelband – zum Nachlesen:

Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr über Ihr Kommen und das Interesse an meinem Buch über kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten in Wladimirer Lagern.

Peter Steger und Witalij Gurinowitsch

Bevor wir zum Inhalt des Buches kommen, einige Worte zu mir selbst. Wie viele Deutsche meiner Generation wurde ich in einer Familie geboren, wo Krieg und Faschismus noch präsent waren, dabei mit ganz unterschiedlicher Prägung. Mein Großvater mütterlicherseits, Albert Leicht, ein Bauer aus Baden-Württemberg, verbot es seinen Kindern, in die Hitler-Jugend einzutreten und setzte sich selbst für französische Kriegsgefangene ein. Er wurde deshalb mehrfach verwarnt und entging nur knapp der Deportation in ein KZ. Nach dem Krieg lag sein Dorf in der französischen Zone, und auf Vorschlag der befreiten Gefangenen ernannte man ihn zum Bürgermeister. Später wurde er für drei Perioden wiedergewählt.

Theresia und Albert Leicht mit ihren Kindern Franz, Maria und Aloisia sowie der Schwiegertochter Anna mit ihren Enkeln Reinhard (am Tisch) und Doris, Peter sowie Elsbeth, 1962

Ganz anders die Seite des Vaters, Leonhard Steger, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und sich davon die Möglichkeit versprach, seinen kleinen Bauernhof verlassen zu können und beruflich Erfolg zu haben. Er nahm am Unternehmen Barbarossa teil, erkannte bald das verbrecherische Element dieses Krieges, ging deshalb aber nicht in den Widerstand, desertierte auch nicht, erlitt aber einen moralischen Zusammenbruch. Auch wenn er kein Held wurde, wollte er doch etwas gutmachen und erzog mich von Kindesbeinen an im Geist der Völkerverständigung und vor allem des Respekts und der Liebe gegenüber den Russen.

Leonhard und Aloisia Steger mit ihren Kindern Peter und Doris, 1959

Nach vielen Umwegen studierte ich schließlich Slawistik und begann genau vor 30 Jahren meine ehrenamtliche Arbeit für die Partnerschaft Erlangen – Wladimir, bevor ich drei Jahre später fest im Rathaus angestellt wurde und seither diese großartige Verbindung betreuen darf. Von Beginn an lag mir die Aussöhnung der Veteranen besonders am Herzen. Deshalb regte ich auch 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni die erste Reise von zwölf Frontkämpfern aus Erlangen in Wladimir an. Die Begegnungen waren überwältigend – Igor Schamow und Nikolaj Schtschelkonogow können das bestätigen -, und bald schon kam es zu Gegenbesuchen. Wenige Jahre später dann die Ausstellung über Gefangenenlager in der Region Wladimir, darauf mit dem Veteranen Fritz Wittmann die Arbeit an dessen Erinnerungsband „Rose für Tamara“, den wir auch ins Russische übersetzten.

Leonhard Steger, Winter 1941/42 an der Ostfront

Die vielen Begegnungen mit den einstigen Feinden, die nun zu Freunden geworden waren, regten mich an, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen zu sammeln. Spät begann ich damit, aber gottlob nicht zu spät, auf eigene Initiative und Rechnung etwa ab 2009 ganz Deutschland von Nord bis Süd, von Ost bis West zu bereisen, um die ehemaligen Kriegsgefangenen zu treffen. Bis nach Österreich und in die Schweiz führte mich mancher Weg, sogar auf dem Flughafen von Los Angeles traf ich einen Veteranen zum Gespräch. Die Erlebnisse und Gespräche haben mich tief geprägt, zumal manche dieser Männer nach Jahrzehnten erstmals offen über ihre Erfahrungen in Gefangenschaft berichteten.

erste Erlanger Veteranendelegation 1991 in Wladimir

Zunächst veröffentlichte ich das Material in meinem Wladimir-Blog, doch bald schon wurde mir klar, daraus müsse ein Buch werden. Was dann zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Erlangen publiziert werden konnte, war nur möglich dank der Hilfe meiner Frau Nadja, vieler Helfer und Mitautoren sowie Sponsoren. Besondere Ermutigung erfuhr ich in dieser Zeit von Witalij Gurinowitsch, der als Zeitgeschichtler die Materie kennt wie kaum ein anderer und wichtige Texte und Hintergrundinformationen zum Buch beisteuerte. Ihn darf man wohl auch den Vater der russischen Ausgabe nennen, die wir heute vorstellen.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten 2003 auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle, Erlangen

Nicht möglich aber wäre die heutige Veranstaltung ohne einen ganz außergewöhnlichen Menschen geworden, Stanislaw Gadyschew aus Wolgograd, den ich schmerzlich vermisse. Der Geschäftsmann ließ sich in Erlangen wegen einer unheilbaren Tumorerkrankung behandeln. Als Enkel eines Stalingrad-Kämpfers nahm er großen Anteil an dem Buch, wollte unbedingt die russische Fassung noch erleben und gab ganz spontan 3.000 Euro für die Übersetzung. Ich konnte ihn im letzten Sommer noch in Wolgograd besuchen und zumindest vom Beginn der Arbeiten an der russischen Fassung berichten. Wo immer sein Geist jetzt sein mag, dieser Tag ist sein Tag!

Stanislaw und Marina Gadyschew mit der Hospitantin Anastasia Bytschkowa aus Wladimir in Erlangen, 2016

Das Buch, aus dem ich nun einige Zitate vortragen möchte, ist mein persönliches Geschenk an großartige Menschen, an Veteranen, die in sich den Krieg besiegt haben und natürlich an Ihre Stadt, an alle Wladimirer, denn es ist ja doch Ihrer aller Geschichte, die hier in vielen Facetten und Brechungen vor dem Vergessen bewahrt bleibt. Nicht als wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als Kompendium von Erinnerungen, die etwas Wichtiges in sich tragen und uns vermitteln: den menschlichen Erfahrungsschatz, wie Humanität auch in barbarischen Zeiten gelebt werden konnte – während des Krieges und in der Lagerzeit hier in Wladimir. Einige wenige im Buch waren übrigens nicht hier in Gefangenschaft, aber sie haben ihre Spuren in der Städtepartnerschaft hinterlassen und gehören deshalb auch zu Ihnen, den Freunden in Wladimir, die mit diesem Buch ein zutiefst menschliches Zeugnis der Vergangenheit in Händen halten. Viel Freude damit.

Bevor ich mit den Zitaten beginne, lassen Sie mich aber noch zwei Männer begrüßen, denen ich tief und dankbar verbunden bin: Wolfgang Morell aus Erlangen, einem der ersten Gefangenen in Wladimir, dem man hier im Hospital das Leben gerettet hat, und Richard Dähler aus Zürich, einer der Sponsoren meines Buches, der mit seiner Doktorarbeit ein Standardwerk über japanische Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern geschrieben hat. Ich kann Ihnen nur allen empfehlen, im Anschluß an die Veranstaltung mit den beiden das Gespräch zu suchen. Beide sprechen nämlich auch ausgezeichnet Russisch!

Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Ich möchte schließen mit der Hoffnung, der Veteran Günther Liebisch möge nicht recht behalten, wenn er sagt, die Menschen seien unfähig, aus der Geschichte zu lernen. Auch wenn die weltpolitische Lage weniger Anlaß zur Zuversicht gibt, möchte ich doch uns allen wünschen, künftige Generationen brauchen keine Bücher dieser Art mehr zu schreiben, dies waren die letzten Veteranen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Peter Steger

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Bei einem auf gerade einmal zwei Tage begrenzten Arbeitsbesuch und der ganz unterschiedlichen Interessen und Aufgaben der Delegationsmitglieder bedürfte es schon einer Drohnenüberwachung, um alles zu verfolgen, was sich gestern so  zwischen dem Erlangen-Haus und der Universität, beim Roten Kreuz und in Deutsch-Kursen, auf dem Stadtrundgang oder dem Ausflug nach Susdal so alles tat. Mangels nachrichtendienstlicher Ambitionen belassen wir es bei einem Blick auf das Ereignis, das am späteren Nachmittag im Landesmuseum alle wieder zusammenführte: die Präsentation des Bandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ in russischer Sprache.

Rose Ebding, Witalij Gurinowitsch und Jelena Ljubar mit Lampenfieber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei handelte es sich nicht einfach „nur“ um eine Lesung, umrahmt von Reden der beiden Stadtoberhäupter, Olga Dejewa und Florian Janik, sowie des Botschaftsvertreters, Lutz-Michael Meyer, die den Band mit Erinnerungen von Wehrmachtssoldaten an ihre Gefangenschaft hauptsächlich in Lagern der Region Wladimir als Zeugnis der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen würdigten, vielmehr gewann das in einer Auflage von 450 Exemplaren erschienene Werk eine plastische Tiefenschärfe und einen emotionalen Höhepunkt durch eine szenische Aufführung von Schülern aus Nischnij Nowgorod und den bewegenden Auftritt von Wolfgang Morell, dem man in Wladimir als Gefangenem nach schwerer Erkrankung 1942 „das Leben zurückgegeben hatte“.

Stilleben mit Büchern

Doch bleiben wir kurz bei dem Band, der so angenehm leicht in der Hand liegt, ein gelungenes Layout hat und durch ein ansprechendes Schriftbild überzeugt. Einfach gut gemacht, wie schon in Erlangen auch nur möglich dank einer Reihe von Sponsoren und natürlich durch das Geschick des Historikers, Witalij Gurinowitsch, der alle Fäden in den Händen hielt und das bisher aufwendigste publizistische Projekt der Partnerstädte mit Verve vorantrieb. Und der Autor, Peter Steger? Er konnte sich nur freuen über das große Interesse an dem Buch, das er als sein ganz persönliches Geschenk an die Menschen in der Partnerstadt versteht, mit der er selbst seit nunmehr schon dreißig Jahren eng verbunden ist.

Max Firgau

Besonders erfreulich die Anteilnahme der Jugend, etwa des FAU-Studenten, Max Firgau, der gegenwärtig im Rahmen des Go-East-Programms in Wladimir Russisch lernt, Deutsch unterrichtet, Seminare und Vorlesungen an der Universität besucht und bei der Betreuung von Gästen aus Erlangen hilft. Aber natürlich auch die Anerkennung seitens der Deutschen Botschaft und die Berichterstattung der lokalen Medien.

Florian Janik, Olga Dejewa, Wladislaw Poldjajew und Lutz-Michael Meyer

Die größte Freude wurde aber sicherlich Wolfgang Morell zuteil, dem am Ende seines ergreifenden Rückblicks auf die Geschehnisse vor 75 Jahren ein Pärchen aus der Schule, wo seinerzeit das lebensrettende Hospital untergebracht war, eine Bühneneinlage widmeten und ein Bild überreichte. Noch spät am Abend fand der Veteran kaum Worte, um seinen überwältigenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Ein Bild für Wolfgang Morell

Dabei sollte die große Überraschung erst noch kommen: der große Auftritt der Schülertruppe des Gymnasiums Nr. 1 in Nischnij Nowgorod, an dem Rose Ebding Deutsch unterrichtet. Von ihrem Projekt berichtet sie selbst in dem gemeinsam mit ihrem Mann, Hans-Joachim Preuß, betriebenen Blog, weshalb hier zum Inhalt der Link genüge: https://is.gd/dT7SCo

Schülertheater Rose Ebding

Gesagt werden soll aber schon, wie überzeugend die Jugendlichen den Stoff auf die Bühne bringen, ausdrucksstark, mit wohldosierten Gesten, erstaunlich sauber intonierten Liedern und immer wieder überraschend eingeworfenen deutschen Versatzstücken. Man spürt die strenge Hand der Regie, wenn Mimik und Bewegung Stimmung vermitteln, man spürt aber auch, wie intensiv sich das Ensemble mit dem für die heutige Generation so fernen Stoff aus Gefangenschaft, Verzweiflung, Not, gepaart mit Barmherzigkeit und Anteilnahme, verzaubert vor sieben Jahrzehnten von der zarten Liebe von zwei Deutschen, Wolfgang Morell und Claus Fritzsche, zu einer Russin, Schanna Woronzowa, mit der sie über den erzwungenen Abschied hinaus bis heute verbunden bleiben. Nachzulesen für alle, die das Buch nicht zur Hand haben, hier im Blog unter https://is.gd/3DVrjV

Schülertheater Rose Ebding

Hellauf begeistert von der schauspielerischen Leistung, sprach Florian Janik noch an Ort und Stelle eine Einladung an die Truppe nach Erlangen für den Herbst aus. Ort und Zeit dieses Gastspieles stehen natürlich noch nicht fest. Wladimir hat es da besser, denn das Stück, nach dem Buch „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ benannt, wird heute in der Partnerstadt in voller Länge gegeben, nachdem gestern nur Auszüge zu sehen waren.

Schülertheater Rose Ebding

Die Frage eines Journalisten nach möglichen Auswirkungen der Publikation des Erinnerungsbandes auf die Städtepartnerschaft ist damit auch schon beantwortet.

Igor Schamow, Eduard Sirko, Julia Alexandrowa und Jelena Tschilimowa

Was nun noch fehlt, ist der Dank an Altoberbürgermeister, Igor Schamow, der es erfolgreich übernommen hatte, Sponsoren für das Vorhaben anzusprechen, und natürlich an die Übersetzerin, Jelena Tschilimowa, unterstützt von Julia Alexandrowa und Eduard Sirko. Die Mühe hat sich gelohnt, und wieder schließt sich ein weitgezogener Kreis, in dem sich Freundschaft im Miteinander vollendet.

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