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Archive for the ‘Vermischtes’ Category


Es ist kein Problem, das Wladimir alleine betrifft, vielmehr häufen sich in fast allen russischen Kommunen Klagen über herrenlose Hunde, die in Meuten auftreten und immer wieder auch Menschen anfallen. In der Partnerstadt hatte es immer wieder Meldungen zu diesem leidigen Thema gegeben, vor allem im östlichen Viertel Dobroje an der Ausfahrt in Richtung Bogoljubowo. Die Behörden reagierten zwar mit einem Programm zum Einfang und zur Sterilisierung der Tiere, bisher allerdings ohne nachhaltigen Erfolg.

Unterdessen ist der Ernstfall eingetreten. Vorgestern verletzte eine Hundemeute eine Frau just in jenem Stadtteil so schwer, daß sie auf der Intensivstation behandelt werden muß, und gestern fand man einen jungen Mann in einem Garagenhof besagten Viertels mit schweren Bißwunden auf. Der herbeigerufene Rettungsdienst konnte nicht mehr helfen und nur noch den Tod feststellen. Verursacht durch die Verletzungen, den Blutverlust oder Unterkühlung, das wird noch festzustellen sein, aber, gleich wie das Ergebnis der Untersuchung ausfällt, nichts dürfte mehr sein wie vorher. Die Staatsanwaltschaft nimmt sich der Sache ebenso an wie der Stadtrat, in den Sozialen Medien kursieren Videos über ähnliche Vorfälle, und es bilden sich zwei Lager: Die einen sind für den Abschuß der verwilderten Hunde oder zumindest die Einschläferung, während die anderen an die Halter appelieren, ihre Vierbeiner nicht auszusetzen und in jedem Fall sterilisieren zu lassen oder ins Tierheim zu geben. Wie auch immer, es ist ein von Menschen geschaffenes Problem, das nun auch von Menschen zu lösen ist, die ihren treuen Begleiter durch alle Epochen der Zivilisation wieder in seine ursprüngliche Wolfsnatur entlassen.

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Was am Ende des Jahres herausgreifen, das stellvertretend für all die ungezählten Begegnungen in den zurückliegenden 365 Tagen zwischen Erlangen und Wladimir stehen könnte? Jede Wahl kann da doch nur willkürlich sein. Als besonders symbolisch für die enge Verbindung zwischen den Partnerstädten darf man aber zweifelsohne die Spendenaktion für die Reparatur des Tourneebusses von Igor Besotosnyj ansehen. Von den letzten Gastspielen mit dem dank der Unterstützung aus Erlangen wieder flotten Fahrzeug wohlbehalten nach Wladimir zurückgekehrt, schickte der Musiker nun ein Bild von sich und dem Spielzeugbus, den ihm Bürgermeisterin Elisabeth Preuß am 17. Dezember beim Auftaktkonzert überreicht hatte. Siehe: https://is.gd/rhKHMu – und die Vorgeschichte ist hier nachzulesen: https://is.gd/glDQmm

Igor 16

Igor Besotosnyj

35 Jahre Städtepartnerschaft mit einem ganzen Reigen von Veranstaltungen gehen heute zu Ende und versprechen für die Zukunft noch viel mehr Austausch, wohl auch in die Pflicht genommen von den Erlanger Nachrichten, die am 6. Dezember in ihrer Kritik des Festkonzertes in Herz Jesu mit dem Kammerchor Wladimir schrieben:

Sabine Kreimendahl und Tatjana Grin nach dem Festkonzert am 3. Dezember 2018

Welch’ ein Chor, welch’ ein Fest, welch’ eine Partnerschaft! Das bindet, das macht dankbar gegenüber allen Initiatoren und Helfern dieser Partnerschaft. Es ruft in die Pflicht, sich für diese Verbindung zwischen Erlangen und Wladimir einzusetzen. Das ist mehr als Eurovision, das ist humanistische Weltvision!

Dmitrij Tichonow, Eberhard Keilhack, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow nach dem Partnerschaftskonzert am 18. März 2018

Diese „humanistische Weltvision“ bewegte Dietmar Hahlweg vor 35 Jahren, in Zeiten des Kalten Krieges, die Versöhnung und Verständigung mit der Sowjetunion zu suchen. Er darf und soll sich heute, an seinem Geburtstag, darüber freuen, wie gut ihm und all jenen, die in seinem Geist handelten und bis heute wirken, dieses Friedenswerk gelungen ist. Ausdruck dafür ist sicher auch die Auszeichnung des vom Altoberbürgermeister inspirierten Gesprächsforums „Prisma“ und des „Wladimir-Blogs“ durch die Außenminister Heiko Maas und Sergej Lawrow am 17. September in Berlin.

Vor zwei Jahren schloß die Friedens-Apotheke aus Kundenmangel. Eingezogen in die Räume ist mittlerweile die Jugendkunstschule. Doch der erste Teil des Namenszugs blieb erhalten. Wer wohl die Idee dazu hatte? Preiswürdig und aller Ehren wert ist der Einfall ganz sicher – und das beste aller denkbaren Motive für den Jahresausklang und den Auftakt ins Neue Jahr. Dazu noch eine Erinnerung. Als im Juli 2016 zwei Jungs der U-14-Mannschaft von Torpedo Wladimir beim Partnerschaftsturnier an Masern erkrankten, wurden sie zunächst am Kinderklinikum behandelt und mit einem Rezept bedacht. Mit ihrer Betreuerin wollten sie dann die verschriebene Arznei in der Friedens-Apotheke kaufen. Doch als man dort erfuhr, die jungen Kunden seien aus Wladimir, hieß es: „Wenn die Kinder aus der Partnerstadt sind, gibt es die Medikamente umsonst.“

Mit Blick auf dieses Haus also allen Menschen – nicht nur in Erlangen und Wladimir sowie in all unseren Partnerstädten – ein friedliches und gesundes Neues Jahr.

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So wenig wir wissen, worum die beiden Hunde auf dem Kathedralenplatz zu Wladimir zanken, so wenig können wir sagen, woher die Weihnachtspost stammt, die ein Schützling des Erzengels Gabriel in den Briefkasten der Blog-Redaktion steckte. Es möge jeder seine Schüsse ziehen und Überlegungen anstellen.

Wladimir Tschutschadejew

Alles war wie immer, so kurz vor Weihnachten. Es ging von einer besinnlichen Feier zur nächsten, bis niemand mehr zur Besinnung kam. Das Lichtergefunkel blinkte so hell und grell, daß man sich nur noch ein stilles Dunkel wünschte, in dem auch wieder einmal ein Stern zu sehen sein würde. Überall auf den Plätzen und Märkten, in den Geschäften und Läden ein Gedränge und Geschiebe, damit nur ja nicht unerfüllt ein Wunsch noch bliebe. Aber auch sie gab es, jene unscheinbaren Orte der Ruhe und Einkehr: kerzenumrahmte Fenster, hinter denen stumme Gestalten zusammensaßen; Häuser, aus denen der Duft von Zimtgebäck und Kokoswürfeln drang; Kirchen, leise zitternd vor Freude am Liederklang.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, schlüpfte unser Nachbar in seine Gummistiefel, zog die Kapuze über den grauen Strubbelkopf  und holte aus dem Schuppen im Garten seinen Greifarm, den er zärtlich „Zapperle“ nannte. Und schon stapfte der alte Mann, die Jackentaschen von den eingesteckten Müllsäcken ausgebeult, vornübergebeugt, aber entschlossenen Schrittes über die schmale Brücke hinüber zum linken Ufer des Baches, der aus einem der namenlosen Tümpel im nahen Wald herüber in die Ausläufer der Stadt floß.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, regnete es, und der Wind wehte wendisch-launisch mal aus dieser, mal aus einer anderen Richtung. In der Wettervorhersage hieß es denn auch: „Für die Jahreszeit zu mild, Schneefallgrenze oberhalb 800 Meter.“ Eben wie immer, so kurz vor Weihnachten. Die wenigen Spaziergänger und Läufer, die an diesem Spätnachmittag im Advent unterwegs waren, schenkten der gebückten Gestalt am Wegrand kaum Beachtung, und der war das ja auch durchaus recht, denn was der Alte, den Blick nach unten gerichtet, mit dem sich rasch füllenden Sack in der einen und dem wie ein hungriger Schreitvogel immer wieder zupickenden Greifarm in der anderen Hand tat, vollbrachte er am liebsten im verborgenen. Lumpensammler, Müllmann, Straßenkehrer – wer wollte sich schon freiwillig diesem Berufsstand zurechnen lassen, zumal wenn er, wie das bei unserem Nachbarn der Fall war, früher einmal an der hiesigen Universität ein- und ausging und Vorlesungen aus seinen Büchern über die fränkische Sagenwelt hielt. Seit seiner Emeritierung lebte er ganz zurückgezogen und kam oft tagelang nicht aus seiner Bibliothek. Nachts freilich brach er regelmäßig zu seinen, wie er sie nannte, „Lehrgängen“ in den Wald auf, um „Feldforschung“ zu betreiben. Auf diese Exkursionen angesprochen, meinte er immer nur vieldeutig: „Nur in der Dunkelheit erkennt man das Verborgene.“ Was er damit meinte, behielt er allerdings ebenso für sich, wie die Erkenntnisse, die er bei diesen einsamen Ausflügen sammelte. Bis zu jenem Erlebnis, zu dem der Forscher im Forst dann doch nicht schweigen konnte, so sehr hatte es ihn erschüttert.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, sammelte also der etwas wunderliche Nachbar entlang dem Bach in Richtung Wald fein säuberlich auf, was andere so rein ohne Bedacht hinterlassen: leere Zigarettenschachteln, Tüten voller Dosen oder Hundekot, Plastikflaschen und Pappbecher, Zellophan und Styropor, verdreckte Folien und gestrandete Luftballons. „Bei jedem Schritt nimm etwas mit“, summte er vor sich hin, wenn er wieder eine bunte Schokoladenverpackung oder ein glänzendes Bonbonpapier aus dem Wasser fischte oder im Ufergestrüpp einen Klumpen Stanniol dingfest machte und traurig den Kopf schüttelte: „Wie kann man nur, das Wasser so klar, die Erde so rein – und dann dieser Abfall, so dreckig, gemein!“ Rasch füllte sich der Sack mit all dem Unrat, während der Wind mit bösen Böen blies und der Himmel nichts Gutes verhieß. Es war, als trieben sich da droben die Wolken herum, eine schwärzer als die andere, wie überladene Segelschiffe aus unbekannten Ländern, vom Kurs abgekommen, und jeden Augenblick bereit, ihre schwere Last auf hoher See zu löschen, bevor sie kentern. Cornelius Krampus, so der Name des Mannes, zog die Kapuze noch tiefer in die Stirn, während die Tropfen immer dicker und schneller herniederprasselten. Aber davon ließ sich der Alte nicht entmutigen, auch wenn die Brille beschlug und er bald alles nur noch schemenhaft-verschwommen sehen konnte. Er hatte seinen Kontrollgang ja auch fast schon abgeschlossen und wollte den Sack gerade zumachen, als er im dornenbewehrten Unterholz des Erlenbruchs, hinter dem der Wald begann, etwas entdeckte, das in der anbrechenden Dämmerung einen unmerklichen Schimmer verbreitete und sich drehte wie eine Windrose. „Was das nur wieder ist“, fragte sich Cornelius Krampus, „vielleicht so ein neumodisches Spielzeug mit LED-Leuchten? Ständig neue Sachen, die dann gleich wieder zu alt sind und weggeworfen werden.“ Als er näher herantrat, zuckte das Ding zusammen wie ein erschrecktes Tierchen und ließ sich von einem Windstoß forttragen, fast bis in das welke Kraut, mit dem das Ufer hier bedeckt war. „Warte nur“, rief da der alte Mann, „meinem Zapperle entkommt nichts, gleich haben wir dich“, und stieg vorsichtig die rutschige Böschung hinab. „Nur jetzt nicht ausrutschen und auf den Allerwertesten fallen, wo ich eh schon naß genug bin“, mahnte er sich zur Vorsicht und arbeitete sich mit Tippelschritten an das Objekt heran. „Was das nur ist?“ fragte er sich beim vorsichtigen Näherkommen. „Eben sah es noch aus wie ein mit Buntstiften beschrifteter Umschlag, jetzt gleicht es einer Scherbe, in der sich der Himmel spiegelt, jedenfalls nichts, was ein Windstoß so einfach vor sich hertreiben würde. Aber jetzt haben wir dich ja gleich und stecken dich in den Sack.“ Das war jedoch leichter gesagt als getan. Kaum daß der Greifarm zupacken wollte, platschte das Ding ins Wasser und schwamm davon, bachaufwärts, wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, und wechselte dabei kaleidoskopartig immer wieder die Farbe, bis es in der Röhre verschwand, durch die das Wasser unter der Straße floß, um auf der anderen Seite wieder hervorzutreten. „Potz Blitz und Grundgütiger!“ rief da Cornelius Krampus aus, „Da ist doch zwingend etwas Übersinnliches am Werk. Wer hätte das schon einmal gesehen, daß etwas mir nichts, dir nichts gegen die Strömung schwimmt.“ Wenn er nur gewußt hätte, wie richtig seine Annahme war. Ein anderer hätte sicher an eine Sinnestäuschung geglaubt, hätte sich kleinmütig die Augen gerieben und den Heimweg angetreten. Nicht so Cornelius Krampus, dessen wissenschaftliche Neugier, dessen Entdeckergeist nun geweckt war.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, geschehen da auch so manche merkwürdige Dinge, verschwimmen die Grenzen zwischen Himmel und Erde wie zwischen Tag und Nacht. Mittlerweile war es auch schon dunkel geworden, die Laternen mit ihren fahlen Schnittmustern auf schwarzem Grund hatte der Alte hinter sich gelassen, und nur noch vereinzelt riß der Scheinwerfer eines Autos einen grellen Schlitz in die Finsternis zwischen den Bäumen. Cornelius Krampus kannte sich aus in seinem Wald, den er gern das „Reich des Wilden Sebald“ nannte. Aber genau deshalb blieb er auch auf der Hut und sah sich vor. Wer schon kannte das Gelände besser als er, wer schon wußte besser als er, daß man sich hier nur zu leicht verirrte im Gewirr der Wege und Pfade, die einander so ähnelten. Wie oft war es ihm schon auf seinen Märschen passiert, daß er nach wenigen hundert Metern die Orientierung verlor, vor allem, wenn der Himmel bedeckt war, so wie an diesem Abend, so kurz vor Weihnachten.

Das unbekannte Objekt schien es jetzt richtig eilig zu haben. Es sprang über die Äste im Wasser als ginge es um einen Wettkampf, hüpfte überall dort wie ein Frosch, wo der Bach verlandet und zugewachsen war und ging wie ein Torpedo auf Tauchgang, wo das Bett tief genug lag. „Lange halte ich das Tempo nicht durch“, schnaufte der alte Mann, stellte den Müllsack ab und bemerkte, daß er sich schon in einem ihm ganz unbekannten Teil des Waldes befand. Aber jetzt aufgeben und wieder zurückgehen? Ausgeschlossen. Auf sein Zapperle gestützt, folgte er weiter über Stock und Stein dem glimmenden Etwas und konnte nur hoffen, daß die Jagd bald ein Ende finden würde.

Wie immer, so kurz vor Weihnachten, geben sich – wenn auch zumeist von den Menschen unbemerkt – Engel und Heilige ein Stelldichein auf der Erde, um die Geburt des Christkindes vorzubereiten. Nicht daß der alte Krampus das vergessen hätte, er hatte ja in früheren Jahren selbst immer wieder Sankt Nikolaus als Knecht Ruprecht auf dessen Visitationen in die Häuser begleitet, wo Kinder wohnen. Aber an diesem Abend waren seine Gedanken ganz bei seinem Bach, den er sauber halten wollte, als hinge davon das Wohl und Wehe der Welt ab. Und nun das. Er fand sich mitten in einer dieser Geschichten wieder, wie es sie immer nur kurz vor Weihnachten geben kann.

Als der Alte schon fast am Ende seiner Kräfte war, schien plötzlich die Ankunft am unbekannten Ziel bevorzustehen. Das wandelbare Ding wurde langsamer und begann zu strahlen wie ein wärmender Stern, erleuchtet von einem großen Feuer. Und wirklich: Dort, wo der Bach entsprang, flackerten Flammen aus einem riesigen Scheiterhaufen, der auf dem zugefrorenen Tümpel loderte. Cornelius Krampus hatte bei seinen Forschungen zur Mythologie und Sagenwelt der Franken ja schon so einiges erlebt: Burgfräulein, die den eigenen Kopf unter dem Arm trugen; Geister, die unvorsichtige Wanderer über Wurzeln stolpern ließen, um sie dann in ein Windloch zu zerren, wo sie entweder vor Schreck der Schlag traf oder wo sie am Gestank der Leichen erstickten, die vor ihnen hier zu Tode gekommen waren; von Kobolden angelegte Wege, die in die Irre führten und unvermutet im Nichts enden konnten. Aber wie sollte denn das gehen: ringsum weder Schnee noch Eis, aber der Weiher zugefroren, und darauf ein Feuer, um das her nichts tauen wollte? Es handelte sich offenbar um ein verzaubertes Leuchtfeuer, an dem sich Wesen trafen, die einem sonst nur in Träumen erscheinen. Und wirklich, es wurde nicht nur heller dort vorne, sondern auch lauter: ein Brummen und Summen, ein Flattern und Knattern, ein Knurren und Schnurren, am weiten Himmel ein Gewimmel. Wo nur hinsehen, worauf nur hören, ohne zu stören? Vielleicht doch weiter auf das Ding achten, das ihn hierhergeführt hatte, oder auf den winzigen Elf mit dem langen Faden um die Waden? Man bekommt diese heimlichen Wesen ja kaum zu Gesicht und hält sie dann meist für Falter. Doch jetzt bestand kein Zweifel mehr. Dieser Winzling hatte den alten Herrn die ganze Zeit so auf Trab gehalten und saß nun, selbst reichlich erschöpft, auf einem kahlen Ast über seiner Last, die sich, das war jetzt ganz deutlich zu sehen, als Brief herausstellte, eingeschweißt in eine glitzernde Folie mit der Leuchtstiftaufschrift „An das Christkind“, die noch das schwächste Licht widerspiegelte. Ein mächtig-prächtiger Uhu packte im Sinkflug den Umschlag und den strampelnden Elf, der den Faden noch nicht von den Waden gelöst hatte, gleich mit dazu und landete mit der Beute auf seinem Ansitz, hoch auf der Krone einer riesigen Eiche, die, wohl nach einem Blitzeinschlag, vor langer Zeit in Brand geraten war und in deren Mitte sich eine Höhle öffnete, in der eine ganze Hundertschaft von Spechten ihr Brut hätte großziehen können. Noch ehe sich Cornelius Krampus, versteckt hinter einem Gebüsch aus Eiben und Weißtannen, einen rechten Reim auf diese phantastische Szenerie machen konnte, forderten zwei aufgeplusterte Käuze, offenbar die Leibwache des Uhus, mit strenger Stimme Silentium.

„Ich danke euch allen im Namen des Allerhöchsten, der herrscht über alle, die heulen wie die Eulen, und natürlich all die andern, die auf der Erde wandern, ich danke euch allen für die Mühe“, dröhnte der Uhu, „die verirrten Kühe, pardon, die verlorenen Briefe an das Christkind einzusammeln. Es ist halt wie immer, so kurz vor Weihnachten, bei der Menge an Post geht’s rund und kommt zum Schwund. Es ist halt wie immer, nur dieses Mal noch schlimmer. So viele Sendungen wie nie zuvor flogen vom Schlitten des Heiligen Nikolaus, und unser Suchdienst kommt kaum noch nach. Aber jetzt hat ja soeben unser Elf Wirbel-Schwirbel die letzte Nachricht an den kleinen Herrn Jesus überbracht, bevor er in unbefugte Hände fallen konnte.“ – „Damit bin ja wohl ich gemeint“, dachte sich Cornelius Krampus, der den Umschlag vielleicht gar nicht geöffnet, sondern gleich in seinen Sack gesteckt hätte. Gar nicht auszudenken. – „Ich denke, wir können nun getrost die Kammer der verlorenen Briefe schließen, bis Erzengel Gabriel in der Heiligen Nacht kommt und die Wünsche der Kinder dem neugeborenen Christus vorliest.“ Mit diesen Worten nahm die Eule den Brief in den Schnabel und steckte den Umschlag – ohne den Elf, der mittlerweile den Faden von den Waden gelöst hatte – in den breiten Eingang zur Baumhöhle, um sie darauf mit seinen ausladenden Schwingen zu bedecken und beschwörend zu sprechen: „Nun schließe sich im Baum die Spalte, es glätte sich die Sorgenfalte. Und Ruhe kehre ein im Wald, dann kommt das Christkind sicher bald.“

Wie weggeblasen waren sie da alle im Nu, die sprechenden Vögel, die Kobolde und Elfen, die alle wollten helfen. Das Feuer stieg mit einem Funkensturm wie durch einen Kamin hinauf in den Himmel, und das Eis auf dem Weiher taute wie der Schnee in der Sonne. Ehe er so recht begriff, sah sich der alte Herr ganz allein hinter den Eiben und Tannen, vor ihm die Eiche, die allerdings wirkte, als flackere in ihr ein ewiges Licht wie in einer dunklen Kirche. Es dauerte eine Weile, bis Cornelius Krampus wieder zu sich kam und – immer am Bach entlang – den beschwerlichen Rückweg antrat, auf dem er noch einem Hasen begegnete, der von einem ständig „Warte nur!“ rufenden Wolf um einen Baum herum gejagt wurde, oder war es der Hase, der den Wolf vor sich hertrieb?

Als der alte Herr, müde wie er war, fast über den zurückgelassenen Müllsack stolperte, wußte er, es war nun nicht mehr weit. Noch einmal drehte er sich um und meinte, das Rauschen von Engelsschwingen zu hören. Aber es waren vielleicht doch nur die Wipfel der Bäume, die sich ihre Geheimnisse zuflüsterten.

Cornelius Krampus wurde von da an noch stiller und hatte einen unerklärlichen Schimmer in den Augen. Am Heiligen Abend zog er wieder mit seinem Zapperle und einigen leeren Säcken los zu seinem Bach.

Jetzt, viele Jahre später, ist es wieder kurz vor Weihnachten. Aber nichts ist mehr wie immer, seit der Alte verschwand. Vielleicht kommt er ja noch einmal zurück. Vielleicht auch nicht. Am Ende war es wohl doch das Rauschen von Engelsschwingen, das er gehört hatte und nicht mehr vergessen konnte.

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Hätten Sie’s gewußt? Die bekannteste auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation geborene Person ist weder Peter der Große noch Alexander Puschkin oder Wladimir Lenin, nicht einmal Katharina die Große, Peter Tschajkowskij oder Michail Lomonossow, sondern der Philosoph des Friedens, Immanuel Kant, aus dem Kaliningrad genannten Königsberg.

Derzeit gibt es allerdings Streit um den Denker. Nach ihm, der dem Reisen nichts abgewinnen konnte, sollte nach einer Umfrage der lokale Flughafen benannt werden, bis sich Politiker einschalteten, die meinten, damit ehre man zu Unrecht einen Deutschen. Und schon ist das Denkmal des Kritikers der reinen Vernunft geschändet, und Zarin Elisabeth, die erfolgreich gegen die Preußen gekämpft hatte, liegt nun als Namenspatronin knapp vor dem Erfinder des kategorischen Imperativs. Siehe auch https://is.gd/V2PtN3. Angesichts derartiger patriotischer Wallungen erscheint es fast schon tröstlich, wenn sich die Frage nach der Benennung des Regionalflughafens von Wladimir gar nicht erst stellt, da es wohl mangels Passagieraufkommen noch dauern wird, bis er (wieder) so richtig in Betrieb genommen wird. Und wenn es eines Tages so weit sein sollte, benennt man ihn hoffentlich einmütig nach Fürst Andrej Bogoljubskij. Den freilich, der für den spätmittelalterlichen kulturellen Austausch zwischen Ost und West steht, kennt man im Ausland wiederum noch weniger als die absolutistische Kaiserin oder den universellen Philosophenkönig.

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In der Nacht fiel Schnee. Dunkel wurde es draußen und schön. Wenn nur auch die Seele ein Dach gefunden und zur Ruhe gekommen wäre. Diese peinliche Fassungslosigkeit des Alters, voll der Wehmut, zeigt sich in allem: Müdigkeit, Vergeßlichkeit, Hilflosigkeit kommen unmerklich immer näher und umzingeln dich. Da bleibt nur, sich selbst zu befehlen: Rücken gerade halten, Mut fassen, lächeln und laut auflachen bei der Frage des Enkels: „Oma, was hast du denn eigentlich vor unserer Zeitrechnung gemacht?“ – Denn nur in der Kindheit wissen wir nichts von der Zeit und glauben, wir waren und werden immer sein…

Zeilen von Tatjana Oserowa und ein Bild von Roman Jewstifejew, auf Facebook gestern gefunden und heute Ihnen mit auf den Weg gegeben als Einblick in das, was wir oft die „russische Seele“ nennen.

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Zunächst war man zu glauben versucht, da hätte sich jemand vom Lied der Prinzen „Alles geklaut“ inspirieren lassen, aber dann erwies es sich doch – schlimm genug –  nur als ein Akt des Vandalismus. Unbekannte hatten sich im Schutz der Dunkelheit an dem wohl umstrittensten Wahrzeichen Wladimirs vergriffen, am Sperrholz-Herz mit dem Liebesschwur auf dem Kathedralenplatz.

Durchblick ohne Herz zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Nun liegt das Herz auf der Intensivstation einer Werkstatt und soll bis Ende des Monats wieder in die entstandene Lücke eingesetzt werden.

Der Kathedralenplatz ohne Herz, dafür mit Schneeresten

Zur Ruhe wird das Herz aber nicht kommen. Es gibt nämlich nicht nur in der Bevölkerung Befürworter wie Gegner dieser Installation. Vielmehr stehen sich nun auch Stadtverwaltung und die Oberste Denkmalschutzbehörde gegenüber. Während die eine meint, der beherzte Schriftzug verkörpere die Heimatverbundenheit der Wladimirer, spricht die andere Seite von einer Störung des historischen öffentlichen Raums. Mehr noch, die Denkmalschützer fordern die völlig Entfernung des Konstrukts bis zum 30. November. Andernfalls werde man den Rechtsweg einschlagen.

Wie auch immer die Operation am offenen Herzen ausgehen mag, die Wladimirer werden ihre Stadt sicher auch weiter lieben. Und für Erlangen bleibt Wladimir so oder so eine Stadt, an die sie ihr Herz verloren haben.

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„Wir haben eine ganz besondere Beziehung zu Frauen in unserem Land, eine fürsorgliche.“ Damit begründete Wladimir Putin in seiner gestrigen Ansprache an sein Volk seine Entscheidung, das Renteneintrittsalter für Arbeitnehmerinnen statt der geplanten acht nur um fünf Jahre – von 55 auf 60 – zu erhöhen. Die Reformpläne hatten zu landesweiten Protesten geführt, die Umfragewerte für den Präsidenten und seine Regierung schmierten ab, die allgemein gehobene Stimmung nach dem Fußball-Sommermärchen ist Ernüchterung gewichen. Der Realitätsschock wirkt nun. Laut Präsident führe „wegen schwerwiegender demographischer Probleme“ kein Weg an der schrittweisen Erhöhung – alle zwölf Monate um ein Jahr – des Renteneintrittsalters vorbei. Dabei bleibt es für die Männer dabei, sie sollen in Zukunft nicht schon mit 60, sondern erst mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. Es sei denn, sie dienten in der Armee, Polizei oder paramilitärischen Organisationen und anderen staatlichen Sonderbereichen. Da gelten nach wie vor Sonderregelungen.

Der Unmut der Bevölkerung gründet wesentlich in der niedrigen Lebenserwartung. Während Frauen im Schnitt 77 Jahre alt werden, endet das Leben der Männer im statistischen Mittel bereits mit knapp 66 Jahren (s. Tabelle unter Punkt 24). Da bleibt dann dem starken Geschlecht – auch wenn man mit einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung rechnen darf – nicht mehr viel Zeit, um den Ruhestand zu genießen. Aber die Sache ist nun beschlossen, die Russen wissen, woran sie sind – und wie alt sie gemittelt werden. Wie groß dabei die Spanne sein kann, zeigt die Tabelle: Es führen die Gebiete im Kaukasus mit Moskau und Sankt Petersburg auf den Rängen 3 und 6, wo man gute 70 und älter werden kann, während das Gouvernement Wladimir mit knapp 64 Jahren nur auf Platz 60 kommt. Als Durchschnittsmann erlebt man hier also seine Rente gar nicht. Schlußlicht ist mit anderen Subjekten der Russischen Föderation aus dem „Fernen Osten“ mit nicht einmal 62 Jahren die Region Irkutsk. Die sprichwörtliche sibirische Gesundheit hat da wohl gegen die Statistik einen schweren Stand. Bei einer Differenz von 15 Jahren zwischen Platz 1 und Rang 80 bleibt da auch noch viel zu tun für die Schaffung gleicher Lebensverhältnisse im größten Land der Erde.

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