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Archive for the ‘Vermischtes’ Category


Gestern erschien im Spiegel ein Artikel, der auch die Jugendproteste in Wladimir vom 26. März und deren Folgen bis hin zu den gestrigen landesweiten Demonstrationen gegen die grassierende Korruption in den Fokus nahm – https://is.gd/iynA0v -, von denen der Blog hier berichtet hatte: https://is.gd/YC8UIh.

Die Situation erinnert an den Witz aus Sowjetzeiten, der feststellt, die USA und die UdSSR seien sich so unähnlich gar nicht. In beiden Ländern garantiere die Verfassung das Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Unterschied? Dort, in Amerika, bleibe man nach der Ausübung dieses Rechts auf freiem Fuß. – Auch wenn es gestern in Moskau, Sankt Petersburg und vielen anderen Städten zu unschönen Szenen mit willkürlichen Verhaftungen gekommen ist und der Organisator der Proteste, Alexej Nawalnyj, zu 30 Tagen Arrest verurteilt wurde, ist die Russische Föderation natürlich nicht mehr mit der Sowjetunion gleichzusetzen. (In Gedanken: Auch die Vereinigten Staaten sind „ein Stück“ nicht mehr das, was sie einmal für den Rest der Welt waren.). Dazu stellt sich das Vorgehen der Behörden – man vergegenwärtige sich ein ähnliches Szenario derzeit nur in der Türkei – viel zu zivil dar und zeigt vor allem regional ganz unterschiedliche Ausprägungen.

Kirill Nikolenko

Bleiben wir in Wladimir und nehmen wir das Ende der gestrigen Demonstration vorweg: Als schon fast alle Teilnehmer wieder nach Hause gegangen und die letzten Protokolle wegen unerlaubten Rauchens auf qualmfreien öffentlichen Plätzen gegen eine Strafgebühr von 500 Rubeln ausgestellt waren, nahm man einen Organisator der Veranstaltung, Kirill Nikolenko, für zweieinhalb Stunden mit auf die Wache und forderte ihn auf, übermorgen wiederzukommen, um die Sache – Durchführung einer unangemeldeten Kundgebung – aktenkundig zu machen.

Absperrung am Theaterplatz

Begonnen hatte freilich alles schon vor Tagen mit einem fristgerechten Antrag, auf dem Theaterplatz, den die Stadtverwaltung abschlägig beschied, weil die Örtlichkeit für eine Festveranstaltung reserviert sei. Dem Papier fehlte allerdings die Unterschrift und damit – aus Sicht der Organisatoren – auch die Gültigkeit.

Zug vor dem Schauspielhaus

Also fanden sich gestern gegen Mittag zwischen 300 und 500 Menschen, durchaus gemischten Alters, im Zentrum Wladimirs ein und standen vor Absperrungen, hinter denen Kinder Turnübungen veranstalteten. Hätte man danach die Demonstranten auf den Platz gelassen, wäre alles womöglich viel unauffälliger vonstattengegangen. So aber marschierte der Zug – wie vom Gesetz vorgeschrieben ohne Parolen und mit eingerollten Transparenten – an den offiziellen Feierstätten vorbei, am Goldenen Tor entlang bis zur Aussichtsplattform hinter den Kathedralen. Von Lokalpolitikern und Polizisten, die sich in den Weg stellten, ließ man sich nicht aufhalten oder provozieren, alles blieb friedlich.

Fahrradpendler mit der Ente, die Ministerpräsident Dmitrij Medwedew symbolisert, dem Alexej Nawalnyj massive Korruption vorwirft

Streng hielten sich die Spaziergänger an die Verkehrsregeln, und Fahrradpendler achteten darauf, daß die Menschenkette nicht abriß, daß niemand auf die Fahrbahn geriet oder den Zebrastreifen verpaßte.

Zug vor dem Hintergrund der Pädagogischen Universität

Der Marsch der Mutigen und Unzufriedenen endete nach eineinhalb Stunden quer durch die Stadt in der hinteren Ecke des Stadtparks mit der Speaker’s Corner, wo man auch unangemeldet politischen Unwillen äußern darf, ganz im Geiste übrigens von Swetlana Orlowa, der Gouverneurin der Region Wladimir, die im Vorfeld geäußert hatte: „Sollen sie doch in Gottes Namen ihre Aktion durchführen.“

Zug vor dem Hintergrund der Demetrius-Kathedrale

Mehr von dieser Gelassenheit im Umgang mit Andersdenkenden wünscht man sich für das Land und weniger Mangel an Souveränität seitens der Politik in der Auseinandersetzung mit dem Souverän wünscht man sich da auch andernorts. Wer demonstriert, ist doch kein Staatsfeind, will das Land nichts in Elend stürzen, tritt nur für sein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung ein und muß dafür – zumindest in Wladimir – nicht mehr sitzen.

Zug zur Aussichtsplattform

Ein Photoreportage der Zeitung Prisyw ist hier zu sehen: https://is.gd/jmPoai. Bilder im Text von Zebra-TV.

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Im Russischen verwendet man lieber die Lehnübersetzung aus dem Englischen – ein Skelett im Schrank haben -, wenn man von einem unschönen Geheimnis spricht, das gehütet werden soll. Nach einem Vorfall im Kreiskrankenhaus Kirschatsch, an der Grenze zur Region Moskau gelegen, könnte es sein, daß die deutsche Redeweise mehr Verwendung findet, da ein eigener Ausdruck in der russischen Sprache fehlt.

Da sieht man gleich, daß es ein altes Ding ist

Trauriger Hintergrund: In einem abgelegenen Kellertrakt des Hospitals fand ein Handwerker bei Reparaturarbeiten an den Stromleitungen den schon stark verwesten Leichnam eines Mannes. Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen 40jährigen Patienten, der seit September vergangenen Jahres als vermißt gilt. Er war damals wegen Atemnot, Herzrhythmusstörungen und Schwächegefühl mit dem Rettungswagen eingeliefert worden, ist dann aber nach einiger Zeit mit unbekanntem Ziel aus seinem Krankenzimmer verschwunden. Zimmernachbarn meldeten den Abgang dem diensthabenden Arzt, der wohl eine allerdings erfolglose Suche einleitete, dann aber darauf verzichtete, die Polizei hinzuzurufen. Das übernahmen schließlich die Angehörigen, freilich auch ohne Ergebnis. Nun also der ebenso zufällige wie grausige Fund. Eine erste Untersuchung ergab immerhin, daß der Tod nicht durch Gewalteinwirkung eintrat, also kein Verbrechen vorliegt. Was sich freilich das Krankenhaus zuschulden hat kommen lassen, will nun die Staatsanwaltschaft herausfinden. Womit wir wieder bei der sprichwörtlichen Leiche im Keller wären, die übrigens auf den katholischen Brauch zurückgeht, ungetaufte Kinder zum Schutz vor bösen Mächten heimlich im Elternhaus beizusetzen, da sie ja nicht auf dem Friedhof begraben werden durften.

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Schon zum fünften Mal veranstaltet das russische Innenministerium ein Schaulaufen um den Titel der Schönheitskönigin der Strafanstalten. Gefängnisse im ganzen weiten Land beteiligen sich an dem Wettbewerb und wählen zunächst ihre Kandidatin, die dann zur Ausscheidung auf regionaler Ebene geschickt wurde, wie vor wenigen Tagen im Gouvernement Wladimir geschehen. Die Auserwählten müssen dabei nicht nur mit einem ansprechendem Äußeren überzeugen, sie müssen sich vielmehr in einem dreitägigen Prüfungsmarathon auch als firm in dienstlichen Fragen – von der Gesetzgebung bis zur Beherrschung von Kampfsportarten – erweisen, gut tanzen können und Köpfchen haben.

Jekaterina Bystrowa, umgeben von ihren beiden „Stellvertreterinnen“, Anastasia Plutowa und Anastasia Schetschkowa

Die Krone aufgesetzt bekam schließlich Jekaterina Bystrowa, Mitarbeiterin des Gefängnisses für verschärften Vollzug in Pakino, unweit der Kreisstadt Kowrow, etwa 70 km östlich von Wladimir gelegen. Die Vollzugsanstalt für Wiederholungstäter an der Kljasma wurde bereits in den 40er Jahren gegründet und gilt als Blaupause für die laufende Reform der russischen Haftbedingungen. Ob es in dem Zusammenhang den etwa 1.500 schweren Jungs gestattet war, bei der Miss-Wahl mitzustimmen, ist nicht überliefert. Klar ist aber nun, daß Jekaterina Bystrowa nun für die Region Wladimir bei der nächsten Etappe auf Ebene des zentralrussischen Verwaltungsbezirks antreten wird, um dann, hoffentlich, auf Landesebene um den Titel kämpfen zu dürfen.

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Auch wenn die Region Wladimir im Vergleich zum Vorjahr um sieben Positionen zurückgefallen ist und nun von der Nationalen Agentur für Strategische Initiativen auf Platz 15 eingestuft wird, bleibt das Investitionsklima gut. Man liegt sogar noch vor Sankt Petersburg und der Region Leningrad, die mit den Rängen 17 und 20 das Ranking der zwanzig wirtschaftsfreundlichsten kommunalen und föderalen Gebietskörperschaften abschließen.

Ganz vorne liegen die Republik Tatarstan und Tschuwaschien, gefolgt von Moskau. Tatarstan führte übrigens schon 2016 dieses Ranking an, und da verwundert es auch nicht, wenn die deutsche Linde Gruppe just aus Kasan einen Millionenauftrag erhielt, der gestern im Beisein von Ministerpräsident Horst Seehofer beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg vertraglich festgelegt wurde. Und Wladimir? Die Rückstufung wird dort sicher als Warnschuß verstanden, zumal die Region ebenfalls bei dem Wirtschaftsforum vertreten war. Nun gilt es, noch mehr zu tun in den Bereichen Regulierung, Wirtschaftsinstitute, Infrastruktur und Förderung des Mittelstands, um zwischen den Polen Moskau und Nischnij Nowgorod, das übrigens erstaunlicherweise nicht zu den Top 20 gehört, bestehen zu können und die geographische Lage sogar zum eigenen Vorteil zu nutzen. Eine Bilanz ohne Brillanz, aber mit guter Substanz.

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Alle reden vom Wetter, der Blog auch. Nach der apokalyptischen Gewitterfront, die am 28. Mai in Moskau ein Dutzend Tote hinterlassen hatte, zog das Unwetter weiter in Richtung Nordosten und richtete auch in der Region Wladimir schlimmen Schaden an. Erst gestern morgen um 8.00 Uhr konnten die Behörden die Reparatur aller Stromleitungen melden, nachdem am Vorabend in mehr als 30 Ortschaften des Gouvernements das Licht ausgegangen war.

Die gute Nachricht: Niemand kam ums Leben, nicht einmal Verletzte werden gemeldet. Freilich ist so manches Auto zu Bruch oder baden gegangen.

Meteorologisch darf man schon jetzt ein annus horribilis für Wladimir und Umgebung ausrufen – mit einem viel zu langen Winter und gar kalten Frühjahr sowie Wetterextremen wie Naßschnee und Frösten bis in die letzten Maitage hinein. Da findet man nur noch Trost bei Wilhelm Busch, der rät: „Dauerhaftem schlechten Wetter / mußt du mit Geduld begegnen, / mach es wie die Schöppenstedter: / Regnet es, so laß es regnen.“

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Schnee ist nun wirklich keine für Wladimir ungewöhnliche Requisite, im Winter putzt das Weiß ja die Partnerstadt sogar richtig malerisch heraus. Aber Mitte Mai? Klar, die Eisheiligen versehen auch am Goldenen Ring mit einiger Regelmäßigkeit ihren strengen Dienst, aber doch eher selten führen sie derart viel Schnee im Gepäck wie in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai.

Gestern vormittag fiel wegen der Last des Naßschnees – stellenweise bis zu zehn Zentimeter hoch – auf den Leitungen gleich reihenweise in fast allen Landkreisen der Region Wladimir der Strom aus: zunächst waren 23 Dörfer im Westen des Gouvernements betroffen, dann, 20 Minuten später, blieb der Saft in weiteren 80 zentral gelegenen Ortschaften weg. Mittlerweile sind alle Störungen behoben.

Wladimir selbst blieb von den Ausfällen verschont, aber die Kälte hält sich noch einige Nächte. So richtig Trost kann da Lou Reed zwar mit dem melancholischen „Caroline says“, ganz in sein warmes Timbre eingehüllt, „It’s so cold in Alaska“ zwar auch nicht spenden, aber einen prächtigen Ohrschützer gibt der Song allemal ab: https://is.gd/2woLpj – nicht nur im Frühling, wenn es schneit…

 

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Die Umstände sind noch nicht geklärt, auch die Zahl der Opfer bleibt bisher unbestätigt. Aber Grund haben wir alle, mit den Angehörigen der mutmaßlich zehn Toten angesichts dessen zu trauern, was da heute nachmittag in der U-Bahn von Sankt Petersburg geschehen ist.

 

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