Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Verkehr’ Category


Tatjana Lyssowa vom Prizyw hat unlängst einen Artikel veröffentlicht, der über die Anfänge des Radfahrens in Wladimir berichtete. Wie es damals im Sattel zuging, lesen Sie heute im Blog:

Im Juli 1912 verletzte der Radfahrer Nr. 244 seine Pflicht, „sich rechts zu halten“, und hatte dadurch „die Gelegenheit, einen anderen Gymnasiasten zu Boden zu stoßen“, und zwar in der Nähe von Wostruchins Geschäft in der Bolschaja Straße. Im Mai 1910 überfuhr der Radfahrer Nr. 617 in der Nähe der Wassiljewskij-Kaserne einen fünfjährigen Jungen. Am 27. April 1913 fuhr der stellvertretende Schatzmeister des sibirischen Regiments, Herr Denizkij, die Tochter des Besitzers des Musikgeschäfts, Herrn Perkus, in der Bolschaja Straße um. Am 12. Juli desselben Jahres fuhren zwei Fahrradfahrer „in der Bolschaja Straße gegen die Männerturnhalle und stießen fast ein kleines Mädchen um“. Einen Monat später „fuhr ein Beamter der Provinzverwaltung, N. P. Sokolskij, mit seinem Fahrrad auf dem Bürgersteig in der Nähe des Hauses von Chlopkow das Bauernmädchen W. Jaschina über den Haufen. 1916 „brachte W. Schiff den Jungen Pimenow zu Fall“. Augenzeugen sagten aus: Schiff  „fuhr sehr schnell und ließ keine Warnrufe vernehmen“.

Waren die Berichte der Wladimirer Zeitungen über Autos, die in der Stadt fuhren, eher ironisch gehalten, so sorgten die Notizen über jede Ordnungswidrigkeit durch Radfahrer für Irritationen bei Korrespondenten und Bürgern sowie Augenzeugen des Vorfalls. Die Radfahrer empörten die Öffentlichkeit, die sie daran gehindert sah, auf den Straßen der Stadt zu gehen oder auf dem Boulevard zu flanieren! Der Durchschnittsbürger sah in ihnen eine Bedrohung für sein Leben und das Leben seiner Kinder.

Modische Verrücktheit

Heute ist es schwierig, die Frage zu beantworten, wann und wem die Idee zur Erfindung des Fahrrads zuerst kam. Es ist jedoch bekannt, daß ihre fabrikmäßige Produktion in Frankreich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts begann. Bald wurden Fahrräder schon in Rußland verkauft, auch in Wladimir.

Sie kosten eine ganze Menge, um die 100 Rubel. Das ist die Summe, die ein Stadtarzt zu dieser Zeit monatlich verdiente. Ein Polizeiwachtmeister müßte seinen Verdienst vier Monate lang sparen, um sich ein Fahrrad leisten zu können. Und trotzdem wuchs die Zahl der Fahrradfreunde von Jahr zu Jahr. Wenn es 1913 in Wladimir 317 registrierte Fahrräder gab, waren es ein Jahr später bereits 350.

Bekannte ausländische Firmen wie „Humber“, „Royal Enfield“, „Dayton“, sowie die Moskauer Fabrik „Dux“ von J. A. Möller und die Rigaer Fabrik „Rußland“ oder aus der Produktion von A. A. Leitner wurden im Geschäft von W. P. Gontscharow in den „Handelshallen“ und im Geschäft M. W. Muchanow in der Nischegorodskaja Straße verkauft.

Rechte und Regeln

Um das Recht zu erhalten, in der Stadt zu fahren, mußte man als Besitzer eines Fahrrads eine Prüfung in Anwesenheit von Assen des örtlichen Vereins der Fahrradfahrer und des Dienststellenleiters der Polizei bestehen. Erst dann erhielt man den „Führerschein“ und ein Nummernschild, das hinter dem Sattel angebracht wurde und ein kleines Metallviereck mit Nummer, Jahreszahl und Aufschriften darstellte: „Fahrrad“ und „Vorname, Vatersname, Nachname“ (Wladimirer Stadtrat). Nach dem „Obligatorischen Statut über die Ordnung der Fortbewegung auf Fahrrädern in Wladimir“, 1896 vom Gouverneur erlassen, hatte jeder Besitzer eines Zweirads dieses mit einer Bremse, einer Glocke und einer Lampe auszustatten.

Schnelles Fahren in der Stadt, das Fahren auf Bürgersteigen, Gehwegen und Plätzen war verboten, obwohl es möglich war, auf dem Puschkin Boulevard, der Bolschaja-Moskowskaja-Straße, im Bereich vom Goldenen Tor bis zur Wladimirskaja-Kapelle sowie auf dem Handels- und Konnaja-Platz bis 9 Uhr morgens zu radeln. Am Freitag, dem Markttag, war das Fahrradfahren bis 15 Uhr verboten.

Beim Überholen eines Fußgängers oder eines vorausfahrenden Wagens mußte der Radfahrer rechtzeitig Signal geben und dann erst ausscheren. An belebten oder überfüllten Orten hatte der Radfahrer anzuhalten und seinen Untersatz zu schieben.

Einer der Paragraphen der Verordnung besagt: „Werden die Pferde durch das Erscheinen eines Fahrers auf einem Zweirad scheu, so ist dieser verpflichtet, anzuhalten, vom Fahrrad abzusteigen und es, wenn möglich, vor dem erschrockenen Pferd zu verbergen.“ Es war verboten, in einem ungewohnten Aufzug zu fahren, das die Aufmerksamkeit auf sich hätte ziehen können.

Wer sich ein Fahrrad zulegen wollte, dem empfahlen die „Allgemeinen Regeln des Radfahrens“ von 1892: „Seien Sie beherzt; atmen sie gleichmäßig; vermeiden Sie Überanstrengung, steigen Sie ab und zu aus dem Sattel und ruhen Sie sich unterwegs zu Fuß aus.“

Verkehrsverstöße und Bußgelder

„Bitte verweigern Sie nicht den Auftrag, dem mir anvertrauten Regiment 14 Fahrradschilder zu schicken. Das Geld wird nach Erhalt der Rechnung und der Unterschriften geschickt“, – schrieb im April 1913 an den Wladimirer Stadtrat der Kommandeur des in Wladimir stationierten 9. sibirischen Grenadierregiments, Oberst Fjodor Wassiljewitsch Butkow. Wäre Anfang des 20. Jahrhunderts ein Radfahrer ohne Nummernschild durch die Stadt gefahren, hätte ihn sofort ein Ordnungshüter angehalten.

In den Kreisstädten gab es jedoch Probleme mit den Kennzeichen für Fahrräder. „Der Stadtrat, der die Regeln für das Radfahren erlassen hat, nimmt einen Rubel pro Jahr, 50 Kopeken für ein halbes Jahr und 23 Kopeken für eine Nummer, die nichts anderes ist als der Boden unter einer Sardinenbüchse, und die Nummer ist mit Kreide markiert“, – beschwerte sich ein Korrespondent aus Sudogda.

Für Verstöße gegen die Regeln des Straßenverkehrs in der Stadt wurden Radfahrer hart bestraft: Ein Polizeibeamter erstellte einen Bericht und übergab den Fall an den Stadtrichter, der ein Urteil verkündete. Zum Beispiel wurde ein Radfahrer für eine Geschwindigkeitsüberschreitung mit einem Bußgeld von zwei Rubel belegt oder für einen Tag inhaftiert.

Fahrrad-Bruderschaft

An der Wiege der Entwicklung des Radsports in Wladimir standen die Mitglieder der „Wladimirer Gesellschaft der Radfahrer“, die 1892 unter dem Vorsitz des Kaufmanns Wladimir Michajlowitsch Tarassow gegründet wurde. Laut Satzung war der Zweck der Gesellschaft, „Liebhaber des Radfahrens zusammenzubringen, das Radfahren zu verbessern und den Gebrauch des Fahrrads als bequemes, nützliches, angenehmes und praktisches Verkehrsmittel zu verbreiten.“ Um dieses Ziel zu erreichen, organisierte der Verein Treffen, Ausflüge und Wettbewerbe.

Speziell für Radfahrer wurde eigens eine Strecke auf dem Gelände am Puschkin-Boulevard eingerichtet.

Um Mitglied der Gesellschaft zu werden, brauchte es nach Empfehlung von zwei ordentlichen Mitgliedern eine Abstimmung. Für die Wahl war eine einfache Mehrheit erforderlich. Der glückliche Neuling erhielt eine gedruckte Kopie der Satzung und eine jährliche Mitgliedskarte, ohne das Recht, diese auf eine andere Person zu übertragen. Minderjährige, Frauen, Schüler von Bildungseinrichtungen, niedrige militärische Ränge und Kadetten, Sträflinge sowie Berufsradfahrer wurden nicht als Mitglieder der Gesellschaft zugelassen.

Im Jahr 1892 genehmigte der Gouverneur ein spezielles Abzeichen und eine Tracht für die Mitglieder des Radfahrervereins. Radfahrer mußten bei öffentlichen Ausfahrten eine doppelreihige Jacke und eine kniebedeckende Hose sowie Kniestrümpfe tragen. Ein junger Mann in einer so auffälligen Montur erregte mit Sicherheit die Bewunderung der jungen Damen und den Neid der Gleichaltrigen.

Das Abzeichen für ordentliche Mitglieder der Gesellschaft war silbern mit einer vergoldeten Abbildung eines Fahrrads. Ein Muster ist in der Ausstellung des Museums „Altes Wladimir“ vorhanden, es gehörte dem Kaufmann Wladimir Michajlowitsch Tarassow, dem Vorsitzenden der Gesellschaft.

Die ersten Rennen, Draufgänger und … Draufgängerinnen

Um die Streitigkeiten darüber beizulegen, wer der beste Fahrer ist, wurden in Wladimir richtige Fahrradrennen veranstaltet, zu denen Teilnehmer aus anderen Städten der Provinz anreisten. Im Jahr 1903 berichtete die „Wladimirskaja Gaseta“: „Der am Sonntag, 15. Juni, veranstaltete Rennwettbewerb der Radfahrer war nicht ganz erfolgreich: Wegen des windigen Wetters nahmen nur fünf Personen daran teil. Die Wettkämpfe fanden hinter deк Moskauer Kaserne statt, die Distanz wurde auf 15 Werst bei zwei Rennen festgelegt. Die Ergebnisse sind wie folgt: „Im ersten Rennen siegte der bis dato noch nie angetretene Herr Sneschkin mit 41,5 Minuten, den zweiten Platz belegte Herr Chabarow mit 47 Minuten. Im zweiten Rennen belegte Herr Koslow den ersten Platz mit 38 Minuten, auf den zweiten kam Herr Maslennikow mit 43 Minuten. Beim dritten Fahrer aus der Stadt Iwanowo ist der Reifen geplatzt, und er legte die Strecke zu Fuß zurück“.

Nach den Männern begannen auch die emanzipierten Damen, die neue Technik zu erlernen.

„Jeden Morgen kann man in letzter Zeit beobachten, wie zwei junge Radfahrerinnen mit wahnwitziger Geschwindigkeit auf dem Bürgersteig in Richtung der Roten Kirche zur Steinbrücke rasen und dabei die obligatorischen Verordnungen des Stadtrates mißachten“,  empörte sich der Autor einer Notiz in der Zeitung „Staryj Wladimirez“ im Jahre 1915.

Die lokale Presse informierte darüber, die Radfahrer seien dabei, die Gehwege für ihre Spazierfahrten zu nutzen“. Einer von ihnen antwortete auf die Bemerkung des Publikums über die Unbequemlichkeit eines solchen Spaziergangs in Anwesenheit von Radfahrern: „Ich fahre doch nur einmal hier rum…“ Andere Klagen lauteten, die Radfahrer hätten durch die Bank nicht nur keine Lampe, sondern „sogar keine Glocke“, „keine Nummernschilder“ (dafür wurden sie mit drei Rubel bestraft). Außerdem fahren sie zu schnell in den Gassen und auf den Stadtboulevards herum. „Es würde nicht schaden“, so ein Journalist abschließend, „wenn die Radfahrer ein wenig vorsichtiger wären.“

Read Full Post »


Gestern waren es 112 Jahre her, seit in Wladimir das erste Taxi Fahrgäste durch die Stadt kutschierte. Am Steuer saß ein gewisser Wassilij Durnow, der sich bereits 1909 mit folgendem Ersuchen an die Verwaltung gewandt hatte:

Dem Beispiele anderer Städte folgend, die gegenwärtig schon über ein innerstädtisches modernes Transportwesen mit allem Komfort verfügen, habe ich die Ehre, das Transportwesen für die Bürger der Stadt Wladimir zu verbessern. Ich habe die Ehre, die städtische Behörde untertänigst zu bitten, mir mit ihrer Erlaubnis die Möglichkeit zu geben, zu diesem Zwecke ein Automobil zu besitzen.

Eine Antwort erhielt der Bittsteller erst viel später. Zuerst einmal entschloß sich die Behörde, die Erfahrungen anderer Städte zu studieren. Antworten auf die Anfragen trafen aus Nischnij Nowgorod, Charkow, Kiew und Sankt Petersburg ein. In der damaligen Hauptstadt des Russischen Reiches hatten übrigens zu der Zeit nur zwei Unternehmer eine Taxilizenz – und die auch nur befristet auf vier Monate.

Am 12. Mai 1909 erging schließlich der Beschluß, Durnow die Erlaubnis zu erteilen, „ein Automobil zu besitzen und damit Fahrgäste innerhalb der Stadt gegen Bezahlung“ zu chauffieren. Übrigens hatte der erste Wladimirer Droschkenkutscher der für jedes Fahrzeug 1,50 Rubel und weitere 5 Rubel p.a. Miete für das Grundstück zum Abstellen eines Taxis an den Stadtsäckel zu entrichten. Allem Anschein nach hielt Wassilij Durnow zwei Jahre lang seine Monopolstellung, bis die ersten Konkurrenten auftauchten.

Hier gibt es noch Informationen zur heutigen Rolle der Taxis in der Partnerstadt. Allerdings auch nicht mehr ganz aktuell, denn der Text ist mittlerweile schon wieder neun Jahre alt: https://is.gd/UeC6dZ

Read Full Post »


Allmählich wird klar, welch einen Eingriff in die Natur das Projekt der fast 800 km langen Maut-Autobahn von Moskau nach Kasan – statt der ursprünglich geplanten Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge – darstellt. Allein, so die Berechnungen des Forstamtes, zur Umgehung von Wladimir wird auf einer Länge von 36 km eine Fläche von 553 ha Wald an die Autobahnmeisterei abgetreten. Was das bedeutet, dürfte klar sein: Rodung – nicht nur für die Asphaltdecke, sondern auch für technische Infrastruktur entlang der Trasse. Das klingt nach nicht so sehr viel, aber für die Anwohner und die Tierwelt bedeutet der Bau einen tiefen Einschnitt, zumal die für Anfang des Jahres angekündigten öffentlichen Anhörungen noch immer nicht stattfanden. Schon im letzten Jahr gab es eine Vielzahl von Protesten gegen das Projekt, die nach der endgültigen Festlegung der Strecke kaum abnehmen dürften. Die vorgesehene Ausgleichsfläche von 563 ha dürfte daran nicht viel ändern.

Menschenkette bei Wladimir, Mitte Dezember 2020, gesehen von Zebra-TV

Man will übrigens zügig vorankommen mit dem Bau. Schon 2024 soll die Autobahn für den Verkehr freigegeben werden. 705 Mrd. Rbl. sind für die Arbeiten veranschlagt, und an Maut werden von Moskau bis Kasan für einen Pkw etwa 2.500 Rbl. und pro Lkw 6.000 Rbl. erwartet. Die wahren Kosten für Mensch und Natur, für Klima und Umwelt sind da natürlich nicht eingepreist, wie nirgendwo auf der Welt, auch bei uns nicht, wo man ja auch nicht und nirgendwo lassen kann vom Wahn der Autobahn.

Read Full Post »


Es gibt wirklich nichts, was es in Wladimir nicht gibt. Nehmen wir Radwege. Die gibt es nicht, oder fast noch nicht, obwohl immer mehr, vor allem junge Leute, sich in den Sattel setzen. Aber jetzt, wo sogar bei uns so etwas wie Winter zu beginnen scheint? Jetzt, wo sich der Erlanger Wohlfühl-Radler auf seinen Räum- und Streudienst verlassen kann und doch bei der ersten Schneeflocke lieber daheim bleibt, zu Fuß geht, den Bus nimmt oder sich hinters Steuer setzt? Was machen da Leute wie Sergej Gorelow und die Mitglieder des Vereins „33 Fahrräder“ (33 steht für das Kennzeichen der Region Wladimir)? Sie halten es mit den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten und veranstalten ihre wahnwitzigen Rennen, wie hier im Februar diesen Jahres:

Warnhinweis: Was Sie da per Helmkamera zu sehen und über das Mikro zugeflüstert bekommen, wird sie manches Mal den Kopf einziehen lassen, wenn Sie nicht schon vorher ohnmächtig wurden.

Gemächlicher geht es hier zu, wo Sergej Gorelow uns auf eine Wintertour mitnimmt und erklärt, wie man sich anziehen, und wie das Vehikel beschaffen sein sollte, um den Straßenverhältnissen und der Witterung zu trotzen.

Zu böser Letzt noch ein Vorfall mit einem Radfahrer und einer Axt, um ein Vielfaches schrecklicher als die obigen Touren zusammengenommen, weshalb wir die Sache auch unbebildert lassen. Am 15. September vergangenen Jahres machte sich ein 29jähriger Mann in der Kreisstadt Petuschki – zu Fuß – auf den Weg zu seiner Schwester. Um sich bei ihr nützlich zu machen, hatte er in einer Tüte eine Axt dabei. Doch die holte er ohne erkennbaren Anlaß heraus und ließ sie immer wieder auf einen 59jährigen Radfahrer niedersausen. In der Annahme, sein Opfer werde die schweren Verletzungen am ganzen Körper nicht überleben, verließ der Angreifer den Tatort, konnte wenig später aber dank der Aussage von Augenzeugen dingfest gemacht werden. Der Radfahrer überlebte gottlob, und sein als zurechnungsfähig eingestufter Peiniger erhielt gestern seine Strafe für versuchten Mord: neun Jahre verschärfte Haft sowie 700.000 Rubel Schmerzensgeld. Es gibt halt wirklich nichts, was es nicht gibt. Dennoch allzeit gute Fahrt in diesem Winter, gleich auf welchen Rädern und Wegen.

Read Full Post »


Gestern begannen die Räumungen von Barrikaden und Baumhäusern im Dannenröder Forst, wo Umweltaktivisten versuchen, den Bau der A49 zu verhindern, nachdem bereits im Herrenwald bei Stadtallendorf großflächige Rodungen erfolgt waren. In der massiven Form dürften zwar in der Region die Auseinandersetzungen um die Mautstrecke von Moskau nach Kasan nicht ausfallen, aber das bedeutet nicht, daß das Projekt unumstritten sei. Nun wurde nämlich bekannt, was die Trasse allein für das Ökosystem der Partnerstadt bedeutet: Fast 400 ha Forstfläche am linken Ufer der Kljasma sowie im Süden und Südwesten, ursprünglich als „Bannwald“ und „grüner Schild“ Wladimirs ausgewiesen, verschwinden unter der M-12. Das Angebot von 559 ha Ausgleichsfläche stellt die Gegner nicht zufrieden, handelt es sich doch dabei um Felder, die kaum ersetzen können, was die bald asphaltierten Wälder und Weiher an Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen bieten. Außerdem erreiche man so wohl kaum das Ziel, wie im Bebauungsplan bis 2037 vorgesehen, pro Person 17,7 qm bepflanzte Grünfläche vorzuhalten.

Verlauf der Autobahn durch die Region Wladimir

80 Mrd. Rubel soll die 123 km lange Strecke mit zwei Kreuzen und fast vierzig Brücken allein durch die Region Wladimir kosten. Am 1. Dezember folgen nun die öffentlichen Anhörungen, während die Straßenbauingenieure bereits ihre Vorarbeiten begonnen haben, etwa in der Nähe von Ulybyschewo, wo Wladimirs großer Friedhof liegt.

Keine M-12 durch die Ortschaft Ulybyschewo

Gerodet wird dann wohl noch in diesem Winter – im Bundesland Hessen wie in der Region Wladimir. Straßenbau hat Vorfahrt, überall.

Protestaktion bei Sobinka

Mehr zu den Protesten auch von seiten der Wladimirer Künstler hier: https://is.gd/ew6JX2

Read Full Post »


Nein, eine Busfahrt nach Wladimir hat die Städtepartnerschaft derzeit nicht im Angebot. Aber immerhin einen Wladimir-Bus, der auf immer wieder anderen Linien durch Erlangen fährt.

Und auch immer wieder mit einem anderen Fahrer am Steuer. Gestern war das Roland Dunđerović, der aus Kroatien stammt.

Innen gibt es auch etwas über die Partnerstadt zu lesen, ein wenig, genug jedenfalls, um all jenen, die Wladimir noch nicht kennen, Appetit auf eine Reise zu machen, natürlich nie genug, um das Fernweh all jener zu kurieren, die dort schon waren oder Gäste von dort empfingen.

Eine wirklich schöne Geste der Stadtwerke, die bereits 2006 die Idee hatten und umsetzten, nach jeder Partner- und Freundschaftsstadt Erlangens einen Bus zu benennen. Schauen Sie einfach an der nächsten Haltestelle genauer hin und steigen Sie in den Wladimir-Bus, bevor er ohne Sie losfährt.

Read Full Post »


Das autonome Fahren ist auf russischen Straßen schon viel weiter verbreitet, als man das gemeinhin hierzulande weiß und wahrnimmt. Die Treiber der verkehrstechnischen Zukunftstechnologie sind etwa der Internetkonzern Yandex, der Bushersteller Volgabus mit Werk in der Region Wladimir oder der Lkw-Produzent Kamaz.

Yandex – Fahrerloses Auto

Nun war dieser Tage – oder besser in der Nacht, weil da das Verkehrsaufkommen geringer ist – erstmals landesweit ein Transporter mit einer Tonne Gemüse auf der Strecke von Wladimir nach Moskau unterwegs. Wie Gouverneur Wladimir Sipjagin persönlich mit berechtigtem Stolz berichtet, sei die störungsfreie Fahrt von einem Techniker hinter dem Steuer überwacht worden, der auf der ganzen 240 km langen Strecke bis zum Ziel kein einziges Mal habe eingreifen müssen. Für die Zustellung hatte der Empfänger 1.500 Rubel zu bezahlen; wäre es rechtlich bereits möglich, die Fuhre ganz ohne menschlichen Einsatz abzuwickeln, hätten die Kosten unter 1.000 Rubel gelegen. Für die Zukunft also ein durchaus lohnendes Geschäftsmodell.

Mehr zum Stand der russischen autonomen Verkehrstechnik unter: https://is.gd/TLxiJD

Read Full Post »


Es bleibt bei dem berühmten Ausspruch von Winston Churchill, wonach die Russen lange zum Anspannen brauchten, seien dann aber, einmal in Fahrt, kaum mehr anzuhalten. Das scheint auch für die Neigung der Wladimirer zu gelten, aufs Rad zu steigen.

Jungfernfahrt auf dem Theaterplatz in Wladimir

Über Jahre hieß es im Gespräch mit Gästen aus Erlangen immer wieder, es sei zu gefährlich für Radfahrer auf den eigenen Straßen, es fehle am Wegenetz, das Profil der Stadt sei zu anstrengend, das Klima stehe im Weg – und überhaupt: Wo man nun endlich ein eigenes Auto habe, wolle man auch damit fahren.

Abstellplatz vor dem Hotel Wladimir

Diese Haltung ändert sich nun: Die Stadtverwaltung plant den Ausbau der Radwege (hiervon war hier schon die Rede), es entsteht gerade ein ganzes Netz von Bikesharing, und ein Video-Blogger holt nicht nur im Internet immer mehr Ein- und Aufsteiger auf den Sattel. Auf 30 Abstellplätzen stehen über ganz Wladimir verstreut bereits 150 Fahrräder der Firma Lucky Bike, die man sich per QR-Code jederzeit ausleihen kann. Am kommenden Samstagabend – anläßlich des Tags der Leibesübung – sogar gebührenfrei. Aber das ist erst der Anfang, denn das Unternehmen plant, die Zahl der Fahrräder in der Partnerstadt zu verdoppeln und 70 Abstellplätze einzurichten.

Anton Sokolow

Das freut besonders Anton Sokolow, der sich nach getaner Tour an den Rechner setzt und auf youtube und seinem Blog von allem berichtet, was ihm so vors und unters Rad kommt. Und das schon seit 2016 unter dem Motto „Die Augen des Radfahrers“ mit mehr als 200 Videos und Podcasts, verfolgt von – wladimirpeter könnte da vor Neid erblassen – etwa 10.000 Abonnenten, die zum Großteil auch zu der virtuellen Gruppe „33 Fahrräder“ gehören, benannt nach der Autonummer 33 der Region Wladimir. In diesem Mix aus verbesserter Infrastruktur und der Imagekampagne eines Radprofis, der auch Tips zu Kauf und Wartung gibt, könnte die Rezeptur für ein fahrradfreundliches Wladimir entstehen. Und Anton Sokolow führt natürlich die Einladungsliste nach Ende der Corona-bedingten Reisebeschränkungen an. Für ihn gäbe es sicher so einiges aus Erlangen zu berichten, und für einen Vortrag von ihm fände sich hier gewiß genug Publikum.

Hier können Sie selbst in die wunderbare Welt der Radler von Wladimir eintreten: https://is.gd/dwV9HZ

 

Read Full Post »


Eigentlich sollte die Maut-Autobahn M-12 von Moskau nach Kasan erst 2027 eingeweiht werden. Doch nun drückt die Regierung aufs Tempo und macht das Projekt zur Chefsache. Bereits heuer werden 150 Mrd. Rubel bereitgestellt, und bis zum 1. November soll das Genehmigungsverfahren abgeschlossen sein, damit 2021 die Bauarbeiten beginnen können. Michail Mischustin, der russische Premierminister, gab am 10. Juli persönlich den Startschuß für die hier im Blog schon des öfteren thematisierte Strecke via Region Wladimir. Wörtlich meinte der Chef des Kabinetts:

Für die unmittelbare Zukunft, die nächsten drei bis vier Jahre, handelt es sich dabei um das größte Verkehrsprojekt unseres Landes mit besonderer Bedeutung für den ganzen eurasischen Raum. Die Strecke hat eine Länge von mehr als 700 km und stellt ein gemeinsames Vorhaben Rußlands, Kasachstans und der Volksrepublik China dar. Von insgesamt 8.500 km entfallen mehr als 2.000 km auf das Gebiet unseres Landes.

Die Umsetzung des Projekts einer Autobahn von Moskau nach Kasan ist als einer der wichtigsten Teile des nationalen Aktionsplans auf die Überwindung der Folgen der Ausbreitung von Corona und zur Unterstützung der Schlüsselbranchen der Wirtschaft zu sehen. Diese Trasse stellt eine ununterbrochene und schnelle Verbindung zwischen vier der acht größten Ballungszentren Rußlands dar: Moskau, Samara-Togliatti, Nischnij Nowgorod und Kasan. Das Projekt gibt den Regionen einen Impuls zu einem beschleunigten Wachstum. In Summe wird das BIP dieser Regionen bis zum Jahr 2050 mehr als 500 Mrd. Rubel betragen.

Wichtig ist, daß unmittelbar durch den Bau der Strecke mehr als 30.000 Arbeitsplätze entstehen. Weitere 130.000 sind in den Zulieferbranchen zu erwarten. Damit meine ich den Fahrzeugbau, die Ölverarbeitung, die Elektronik, das Speditions- und Logistikgewerbe, Dienstleistungen u.a.

Der Transitverkehr beschleunigt sich, und der Zugang zu den großen Industrie-Clustern wird bequemer. Darüber hinaus erhalten die anliegenden Gebiete eine erneuerte Infrastruktur. Und schließlich bedeutet dies eine wesentliche Stimulierung des Wirtschaftslebens, unter anderem auch im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen.

Nein zur Strecke M-12

Die Anwohner freilich zeigen sich – ebenso wie Natur- und Landschaftsschützer – wenig angetan von den vierspurigen Plänen. In manchen Orten der Region Wladimir bekunden sogar Lokalpolitiker ihren Unmut, und immer wieder kommt es zu Protesten und Petitionen wie am vergangenen Sonntag in Ulybyschew, Wjatkino und Mostostroj in unmittelbarer Nähe der Partnerstadt. Und das hört sich dann so an:

Am 8. Juni wurde bei einem Arbeitstreffen zum Streckenverlauf der Maut-Autobahn M-12 eine Variante vorgestellt, die in unmittelbarer Nähe des Ortes Ulybyschewo verläuft. Dabei wird die Trasse am Rand der Kljasma-Aue in einer Höhe von neun Metern geführt, weil sie die Straße nach Raduga überqueren muß. Einen Waldstreifen, der lärmmindernd wirken könnte, haben wir nicht. Wir werden diese Straße sehen, wir werden sie hören. Und wir werden die Abgase einatmen. Wir, die Einwohner von Ulybyschew, leben hier rund um die Uhr, wir ziehen hier unsere Kinder groß, wir bauen Gemüse an, in den Auen weiden unsere Bauern ihr Vieh. Wir bitten sehr darum, diese Trassenführung nicht zuzulassen und andere Varianten zu finden.

Schluß mit der Zerstörung unserer Natur!!!

Ob es etwas hilft? Wohl eher nicht. Jedenfalls nicht grundsätzlich, fürchtet der Verkehrsexperte des Blogs, Speedy Pedalow, mit Blick auf die Isental-Autobahn in Bayern. Die Auto-Lobby diktiert eben weltweit nach wie vor die Verkehrspolitik. Und so bleibt nur der wehmütige Blick zurück auf die ursprünglichen Pläne für den Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahntrasse, die dann angeblich aus Kostengründen nicht Wirklichkeit wurde.

Ich ersticke

Um das Thema abzurunden: Es gibt nicht nur Protest gegen die Asphaltrennstrecke gen Osten. Ein Trupp Motorradfahrer veranstaltete vor einem Monat eine Sternfahrt für die schnellere Verbindung zwischen den Metropolen. Ihr Wille geschehe.

Read Full Post »


Unlängst erreichte das Erlangen-Haus eine Zuschrift folgenden Inhalts:

Nach Recherchen des Verkehrsexperten unserer Blog-Redaktion, Speedy Pedalow, ist dem nicht ganz so. Es gibt erste Abstellplätze, Verleihstationen und sogar ein Wegenetz (siehe https://is.gd/VqpoEB). Dieses, so Oberstadtdirektor, Andrej Schochin schon Mitte Juni, soll nun sogar ausgebaut werden:

Ein Radwegenetzt bedeutet eine gesunde Lebensweise. Die erste Etappe wollen wir schon in der nächsten Woche vorstellen. Dann sehen wir, was die Bürger dazu sagen. Mit dem Projekt beginnen werden wir entweder noch in diesem oder im nächsten Jahr. Und dann bauen wir Radwege überall in der ganzen Stadt. Die Zeit ist schon lange dafür reif. Vor einiger Zeit hatte Moskau damit begonnen, doch da ist jetzt ein Stillstand festzustellen.

Anders als die ersten Radwege sollen die neuen auf eigenen Streifen verlaufen, getrennt vom Fußgängerbereich. Mit einer Moskauer Firma soll sogar ein Fahrrad-Sharing für Wladimir eingerichtet werden. Sollte Erlangen zu seinen Erfahrungen gefragt werden, könnte da eine neue langfristige Zusammenarbeit entstehen. Thema war der Radverkehr ja immer einmal wieder zwischen den Partnerstädten. Siehe dazu auch: https://is.gd/vsdJcf

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: