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Archive for the ‘Tourismus’ Category


Noch Anfang Mai bot sich dem Besucher des Klosters der Heiligen Boris und Gleb in Kidekscha bei Susdal ein verwirrendes Bild: eine öffentliche Toilette neuester Bauart, geschlossen und ohne Zugang, seit einem Jahr.

WC in Kidekscha

Nun wird bekannt, daß dem WC, das zunächst viel näher an der Kirche stand, auch noch die Anschlüsse fehlten. Unlängst wollte man deshalb die Stromleitungen verlegen, doch offenbar ohne sich vorher die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde einzuholen. Jetzt wurden die Arbeiten nach einem Hinweis von Anwohnern eingestellt, und der Lokus bleibt vorderhand weiter geschlossen.

Boris- und Gleb-Kirche in Kidekscha

Schon merkwürdig, wenn eine derartige Unterlassungssünde ausgerechnet auf dem Gelände des ältesten erhaltenen Kirchenkomplexes der Region Wladimir begangen wird, ausgerechnet hier, wo die später heiliggesprochenen Söhne des Großfürsten Wladimir, Boris und Gleb, während des Gebets von ihrem Bruder Swjatopolk ermordet wurden, ausgerechnet hier, wo Jurij Dolgorukij, der Gründer von Moskau, zu Ehren der Märtyrer 1152 eine Kirche errichten ließ, die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO fand und als frühes Vorbild für die späteren Sakralbauten aus weißem Muschelkalk der Wladimirer Rus gilt.

St. Stefan im Kidekscha-Ensemble

Besonders merkwürdig auch, weil an diesem geschichtsträchtigen Ort am Ufer der Nerl auch eine Siedlung aus dem siebten bis dritten Jahrhundert vor Christi und ein Dorf aus dem 11. bis 13. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen sind, jede Grabung also Schätze der Vergangenheit zutage fördern könnte. Schon ein wenig anrüchig, wenn ausgerechnet die Museumsleitung, der die Anlage untersteht, für zwei Millionen Rubel an einem Ort eine Bedürfnisanstalt einrichtet, die wohl noch einige Zeit dem Genius loci gehörig die Nase hochgehen dürfte.

Hier spricht Kidekscha

Dennoch: Ein Besuch in Kidekscha lohnt immer. Besonders auch ein Blick in die von den Mongolen verwüstete und gleich darauf wieder renovierte Boris-und-Gleb-Kirche, die im Innern mit einzigartigen Fresken aus dem 12. Jahrhundert überrascht: zwei Vögel und ein Blumendekor mit ineinander verwundenen Stengeln und Blüten.

Der Schiefe Turm von Kidekscha

Und dann steht da ja noch der „Schiefe Turm“ von Kidekscha, mit sechs Grad Neigung schäpser als sein – hätten Sie’s gewußt – bekannteres Pendant in Pisa. Da kann man auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und den Ärger mit dem Spruch ausklingen lassen: „Das Örtchen ist, da darf man lachen, / ein Ort, um in Ruhe Krach zu machen.“

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Zwei Amtszeiten lang leitete Igor Kechter als Bürgermeister die Geschicke von Susdal und stattete der Partnerstadt Rothenburg o.d.T. zwei Besuche ab, bei denen er viel gelernt hat. Dann kehrte der 53jährige freiwillig der Politik den Rücken, um sich ohne all die Zwänge, die öffentliche Ämter so mit sich bringen, ganz neuen, kreativen Aufgaben zuzuwenden.

Gute hundert Kilometer südwestlich von Saratow gründeten seine Vorfahren den Weiler Klein-Walter. Sie stammten aus Bayern und kamen auf Einladung von Kaiserin Katharina II an die Wolga, wo die Familie bis 1941 blieb, bis nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion die Rußland-Deutschen pauschal zu Volksfeinden erklärt und hinter den Ural verbannt wurden. Igor Kechters Vater, Erik Christianowitsch, war damals gerade einmal zwei Jahre und wuchs im sibirischen Tjumen auf, wo er später auch seine russische Frau aus Chanty-Mansijsk kennenlernte, mit der er unlängst die Goldene Hochzeit feiern konnte. In Wladimir, wo die Tochter bereits lebte und wohin auch Igor und sein älterer Bruder Wladimir zogen. Erst ab 1962 erhielten die verfemten Deutschen das Recht auf freie Niederlassung, konnten die Verbannungsorte verlassen, die Rehabilitation und Befreiung vom Etikett des „Volksfeindes“ erfolgte dann noch später, im Jahr 1991.

Igor und Ludmila Kechter

Wollte man einigermaßen unbehelligt mit einem deutschen Familiennamen leben, tat man gut daran, die Muttersprache nicht zu gebrauchen. Und so ist denn auch das Deutsche in der Familie nicht mehr präsent, nur die Großmutter beherrschte es noch, bereits Igor Kechters Vater wuchs ganz russischsprachig auf. Sechs Geschwister hatte er, von denen drei bei der Vertreibung ums Leben kamen. Und der Großvater, Christian Christianowitsch, kam nicht mehr aus der Arbeitsarmee zurück. Aber das ist für Igor Kechter Geschichte, mit der er sich versöhnt hat. Selbst hat er wegen seiner Herkunft keine Nachteile mehr erfahren, nur in der Kindheit war er beim Räuber-und-Gendarm-Spiel eben immer auf der anderen Seite. Abgesehen von einer Tante mütterlicherseits ist auch niemand ausgewandert oder nach Deutschland übergesiedelt. Der Großteil der mittlerweile vielköpfigen Familie lebt sogar weiterhin in Sibirien. Dennoch: Zu Deutschland besteht schon ein besonderer Bezug, den allerdings seine Ehefrau Ludmila herstellt: „Da fühlen wir uns immer wie daheim.“

1983 immatrikulierte sich Igor Kechter in der Militärakademie und brachte es bis zum stellvertretenden Leiter der Kommunistischen Partei. Dienst tat er lange Jahre ganz im hohen Norden Sibirien, an der Lena, u.a. in der Hafenstadt Tiksi. Derart urwirtlich war es da, und Lebensmittel gab es fast ausschließlich aus Konserven, so daß der Militär seine Frau mit den beiden Kindern immer in die „Sommerfrische“ nach Zentralrußland schickte. „Eine Zeit, in der ich lernen mußte, für mich selbst zu sorgen und mir ab und an eine Freude zu bereiten, indem ich kochte“, erinnert sich Igor Kechter. Damals ist dann wohl auch seine kulinarische Leidenschaft entstanden, angeregt auch vom Kontakt mit den einheimischen Völkerschaften und ihrer Küche aus Rentierfleisch und Fisch. Auf die Frage, ob er denn auch gut koche, reagiert er allerdings schweigend mit einem Blick auf die Frau, die dann auch mit Lob nicht sparen will. Besonders seine Schaschliks seien unschlagbar. Das wird er auch schon bald unter Beweis stellen können, denn dieser Tage nimmt der Hobbykoch an einer Schaschlik-Meisterschaft in Tschetschenien teil, wo er sich nicht kampflos ergeben, sondern die Jury mit einer Kreation überzeugen will, die mit kurz in Salz eingelegten Gurken als Beilage überraschen dürfte.

Auf der „Anrichte“ im Büro von Igor Kechter

Überhaupt die Gurke. Sein Restaurant „Ogurez“ in Susdal trägt den Namen des Gemüses, das wiederum seit den 80er Jahren für die ganze Stadt symbolisch steht, als man sich auf den Anbau spezialisierte und regelrechte Gurkenmillionäre hervorbrachte. Und dann der Tourismus: Als Igor Kechter 1993 seinem älteren Bruder nach Susdal folgte, begannen die beiden mit dem Aufbau eines holzverarbeitenden Betriebs, erkannten aber bald die Chancen im Fremdenverkehr. So gründeten sie mit zwei Kompagnons die AG „Heißen Quellen“, eine einzigartige Sauna- und Badelandschaft, die 2002 eröffnet wurde, von der sie sich dann aber 2013 wieder trennten, als Igor Kechter, der seit 2011 als Stadtrat tätig war, zum Bürgermeister gewählt wurde.

Nun, wieder in der Privatwirtschaft, fühlt er sich freier. Sieben Gebäude gehören ihm in Susdal, die er derzeit restauriert, und im nächsten Jahr soll in Gawrilow Possad in der Nachbarregion Iwanowo ein Museum für russische Nationalgetränke eingerichtet entstehen. Den Grundstock hat er schon in seinem Wladimirer Büro eingerichtet, eine Flaschen- und Krügesammlung mit einer Vielzahl von Unikaten. Überhaupt ist er immer auf der Suche nach dem Besonderen. Immer wieder entdeckt er alte Rezepte und entwickelt zu deren Wiederbelebung neue Konzepte, schreibt Bücher, hält Vorträge und brennt für den Fremdenverkehr, der auf drei Beinen steht, wie er meint: schlafen, sehen und essen. Ein Dreisatz, den er als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der kleinen Touristenstädte Rußlands ebenso beherzigt wie als Impulsgeber für die gastronomische Entwicklung Susdals.

Igor Kechter

Seine „kulinarische Landkarte“ sorgt für Vielfalt und lokalen Bezug. 70% der Beschwerden von Touristen betrafen noch vor wenigen Jahren den „Einheitsbrei“ der Restaurants. Nun sollen die Gasthäuser zumindest zwei bis drei originell-originale Gerichte anbieten – und das in allen Fremdenverkehrsstädten des Gouvernements Wladimir – nach einem Qualitätsstandard und einer Zertifizierung. Eine Idee, die auch andere Regionen aufgreifen wollen und die Unterstützung der Politik in Moskau findet. Apropos Politik: Als es in den 80er Jahren darum ging, eine Kleinstadt touristisch „aufzurüsten“, kam Susdal zum Zug, weil jemand im Politbüro ein Faible für die Museumsstadt hatte und damit den Mitbewerber Gorochowez ausstechen konnte. So wurde damals alles zentral gesteuert, auch das Glück Susdals am Goldenen Ring. Für den galt übrigens auch eine kulinarische Planwirtschaft – und durchaus mit Verstand. Um den Touristen nämlich in jenen Zeiten der Mangelwirtschaft nicht immer und überall das gleiche Menü zu kredenzen, gab es Vorgaben für die Städte hinsichtlich der Auswahl von Gerichten.

Igor Kechter vor seiner Flaschensammlung

Dank Igor Kechter weiß man nun aber auch, daß der erste russische Malzkaffee in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Susdal hergestellt wurde, daß es früher für jeden Monat ein eigenes Getränk gab, daß man hier sogar Bier braute und ein Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von Honigwein, „Medowucha“ genannt, besaß, daß die Kartoffeln hierzulande einst – wie in Deutschland und Frankreich – „Erdäpfel“ genannt wurden, ein Begriff, der aus dem heutigen Russischen gänzlich verschwunden ist…

Für das Seine brennen

Wer also mehr erfahren will über die Eß- und Trinksitten der Russen, besuche in Susdal das Restaurant „Ogurez“, trinke dort einen Kaffee mit Gurkensirup oder einen Getreidewein, spreche mit Igor Kechter oder greife zu seinem Buch, dessen Titel frei übersetzt lauten könnte: „Für das Seine brennen“, in dem es freilich nicht nur um Selbstgebranntes geht und das in Auszügen bald auch auf Deutsch im Blog erscheinen wird. Dabei geht es mehr als um die Gurke!

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„Für die guten Gaben will ich Euch alle loben, doch sollt Ihr dran denken: Der Segen kommt von oben.“ So lautet der Tagesspruch in der Herrnhuter Kirche von Sarepta in Wolgograd. Und man möchte wirklich an diesen Segen glauben, wenn man sich die gut 250jährige Geschichte der deutschen Missionare vergegenwärtigt, die zwar mit der Bekehrung der nomadisierenden Steppenvölker – sie bekannten sich bereits zum Buddhismus – nicht so recht vorankamen, dafür aber Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft am Unterlauf der Wolga einen gewaltigen Anschub gaben.

Innenraum der Kirche von Sarepta, der Herrnhuter Gemeinde zu Wolgograd

Ein Segen ruht wohl auch auf der 1991 wiedergegründeten 200-Seelen-Gemeinde mit ihrem deutsch-russischen Pastor, die sich über die Unterstützung aus Deutschland freuen kann, etwa in Gestalt der Kirchenorgel, die gern auch für Konzertveranstaltungen genutzt wird. Dennoch, der alte Glanz ist dahin. Dort, wo noch vor dem 1. Weltkrieg etwa 6.000 Deutsche und Russen zusammenlebten, prägt heute der sowjetische Wohnungsbau das Bild, während aus der Zeit der Siedler nur noch wenige Gebäude stehen, die zum Teil erst noch restauriert werden wollen. Eine Aufgabe für die deutsch-russische Zukunft, die freilich einen guten Anfang genommen hat.

Mit dem Fahrrad zur Kirche

Auch die orthodoxe Kirche steht erst am Anfang ihres Wiedererstehens. Was die Bomben der deutschen Luftwaffe und die Straßenkämpfe während der Schlacht um Stalingrad nicht schon zerstört hatten, verfiel in der Nachkriegszeit. Dafür entstehen jetzt vielerorts Kirchen und Kapellen, sogar der Wiederaufbau der Kathedrale im Zentrum kommt rasch voran.

Parkplatz für Fahrräder

Neuerdings kommt sogar der Kirchgang per Fahrrad in Mode. Die Infrastruktur dafür macht jedenfalls Fortschritte. Ein wenig mehr Radverkehr könnte es dann aber schon sein. Allerdings nur abseits der Hauptstraßen mit ihren Abgaswolken und ungeduldigen Autofahrern, wo für Pedale noch kein Platz vorgesehen ist.

Laufen oder radeln in Wolgograd?

Und die Schilder sind bisweilen nicht ganz entschieden…

Doch besser laufen?

Dann vielleicht als Alternative doch lieber laufen, zumal die Schaufensterwerbung Lust darauf macht.

Wegweiser an der Wolga-Promenade

Verlaufen kann man sich jedenfalls nicht in Wolgograd, wo sich alles auf einem engen Streifen entlang dem Strom ausrichtet, wo auf einer Länge von 90 km knapp über eine Million Menschen leben. Allenthalben Wegweiser, wenn auch nicht überall so ganz ernst gemeint, ansonsten allenthalben offene Einheimische, die den Fremden gern weiterhelfen.

Pjotr und Fewronia aus Murom in Wolgograd

Und schon steht man vor dem Denkmal für die das heilige Paar, Pjotr und Fewronia, die in Murom als Ordensleute lebten, schließlich doch zusammenfanden und heute als Patrone der Eheleute verehrt werden: https://is.gd/11eMo4

Geschlossenes Kaufhaus über der einstigen Kommandostelle von Friedrich Paulus

Weit hat man es zu Fuß auch nicht bis zu jenem Ort, wo sich Friedrich Paulus mit seinem Stab verbarrikadiert hatte. Von hier brachte man den treuen Statthalter des Führers dann nach Susdal in die Gefangenschaft, bevor er, wenig erfolgreich, als Sprachrohr der Antifa agierte und später in die DDR entlassen wurde, wo er ebenfalls scheiterte.

Platz der Gefallenen Kämpfer, wo am 31. Januar 1943 Generalfeldmarschall Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft geriet.

Hätte er nur den Mut aufgebracht, sich der Order seines obersten Befehlshabers zu widersetzen! Am Verlauf des Krieges hätte es nichts geändert, aber ungezählte Menschenleben wären gerettet gewesen, unsägliches Leid wäre nie geschehen.

Architektur des Himmels über Wolgograd

Die gemeinen Gefangenen hatten es weniger komfortabel. Und sie hatten den Wiederaufbau der Stadt zu leisten. Ganze Straßenzüge zeugen noch heute von ihrer Hände Arbeit. Die Wiedergutmachung blieb Sache jener, die mitgelaufen waren, in Reih und Glied marschierten und parierten.

Herrenausstatter „Kanzler“

Über die Geschichte der Schlacht berichtete der Blog bereits ausführlich vom 5. bis 7. Juni 2016, nachzuschlagen unter https://is.gd/lp1o8y, https://is.gd/y30KT0 und https://is.gd/tba6V0. Heute deshalb zum Ausklang „nur“ ein Zitat aus einem Gedicht ohne Titel von Georgij Iwanow, übersetzt von Kay Borowsky:

Moskau und „Westfalika-Schuhe“

Rußland ist Schweigen, der Asche Spur. / Vielleicht besteht es aus Zittern nur.

Deutsche Schuhe

Ein Lagermorgen bescheint das Land, / für das die Welt keinen Namen fand.

Die „deutsche“ Weihnacht läßt grüßen

Da kommt einem wieder jener Segen von oben in den Sinn, wenn man all den Attributen des Alltags begegnet, mit denen man heute in Wolgograd Deutschland – auch – verbindet.

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In der ganzen sozialistischen Welt kursierte die Idee, dem Generalissimus, der die Völker vom Faschismus befreit hatte, zu seinem 70. Geburtstag ein Geschenk zu machen. Für die Stadt, die seinen Namen trug und gelitten hatte, wie vielleicht nur noch Leningrad, wollten die deutschen Genossen ein Planetarium errichten.

 

Nadja Steger und Marina Gadyschewa vor dem Planetarium Wolgograd

Da lag es nahe, den Auftrag nach Jena, an die Zeiss-Werke, zu vergeben. Überliefert sind die Worte des damals 82jährigen Professors Johannes Hartling:

Das Geschenk versteht sich als Symbol für das Streben unseres Volkes nach Frieden und Fortschritt. Die Sowjetunion hat die Weltzivilisation gerettet, und wir, die deutschen Wissenschaftler, die ihr Leben der Optik gewidmet haben, faßten mit enormer Begeisterung den Beschluß, auf dem heldenhaften Grund von Stalingrad ein Planetarium zu erbauen.

Familienaufstellung

Wofür man ansonsten mindestens 16 Monate brauchte – die Fertigstellung des „Innenlebens“ eines Planetariums -, schaffte man jetzt mit Unterstützung des zehntausendköpfigen Kollektivs innerhalb von gerade einmal vier Monaten. Für die Bauarbeiten sammelte man in Jena 1.350.177 Mark, die im Januar 1950 auf dem Konto der eigens eingerichteten Stiftung eingingen. Mehr noch, auch die Baupläne und teilweise Bauarbeiter für das Projekt an der Wolga kamen aus Deutschland ebenso wie – in mehr als 260 Güterwaggons – die gesamte technische Ausrüstung.

Das Foucaultsche Pendel zu Wolgograd

Allerdings stellte sich vor Ort heraus, daß Plan und Wirklichkeit nicht ganz zusammenpaßten, weshalb russische Architekten noch die eine oder andere Korrektur vornehmen mußten. Auch die Figur auf dem Gebäude, die „Frau mit erhobenen Händen, die eine Friedenstaube fliegen läßt“ wurde erst vor Ort konzipiert.

Sternenatlas

Am 19. September 1954 – der Jubilar war da bereits seit mehr als einem Jahr tot – eröffnete man schließlich den Neubau des ersten Planetariums im Süden der Sowjetunion. Das Portrait im Eingangsbereich sollte freilich wegen der Entstalinisierung gleich wieder zerstört werden, doch die Mitarbeiter des Planetariums widersetzten sich der Anordnung und versteckten das Kunstwerk hinter Schichten von Abdeckungen, wovon nur ein ganz kleiner Kreis Eingeweihter Kenntnis hatte. Erst in der Perestrojka legte man das Bildnis wieder frei, und so ist es bis heute zu sehen. Ob zu aller Freude, sei dahingestellt.

Bamberg in Wolgograd

Nicht so weit in die deutsch-russische Geschichte zurückzugehen braucht man, wenn man die Brauerei Bamberg betritt, ganz im Zentrum gelegen und erst vor zehn Jahren eröffnet.

Brauerei Bamberg

Eigentlich dürfte man hier, in der Partnerstadt von Köln, eher erwarten, ein Kölsch kredenzt zu bekommen, doch man hält es an der Wolga eher mit der Tradition der Franken.

Ein Prosit der Gemütlichkeit

Das Restaurant bietet nicht nur selbstgebrautes dunkles Bier, sondern auch deftige Kost, freilich an den russischen Gaumen angepaßt. Erstaunlich freilich, daß sogar das hierzulande eher unbekannte Radler angeboten wird.

Die Brauerei Bamberg, eröffnet 2008, hält sich an das 1515 erlassene Reinheitsgebot

Die Innenausstattung hat zwar etwas Eklektizistisches, aber Heimatgefühle kommen durchaus auf, wenn man sich an einem der wuchtigen Holztische niederläßt.

Rotary dient der Menschheit

Und gleich gegenüber eine Mauer, die mit Motiven des 1998 in Wolgograd gegründeten Rotary Klubs http://rotary-volgograd.org geschmückt sind. Weltoffen und den Gästen zugewandt, so erlebt man die Stadt heute – auch und gerade als Deutscher.

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Nichts zeigt schöner den alten Winter in seiner Schwäche als eine Bilderserie des Meisterphotographen Wladimir Tschutschadejew, der dieser Tage beobachtet, wie vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Am besten folgen wir ihm einfach auf seiner Pirsch entlang Kljasma und Nerl und genießen ohne viele Worte, was er für uns gesehen:

Vorsicht! Dünnes Eis!

 

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Flugzeug, Zug oder Auto bringen nicht nur Reisende in Sachen Städtepartnerschaft von A nach B, sondern schenken ein Kaleidoskop an Anregungen. Nachdenken über die Relativität von Weg und Zeit ist nur eine davon.

Zusammengefaßt bleibt wieder einmal festzustellen: Der Weg von Frankfurt nach Moskau ist zwar weiter, der Weg von Moskau nach Wladimir aber länger. Dies gilt zumindest, wenn man sich wegen der Unwägbarkeiten nicht traut, auch auf dem Hinweg den Sapsan vom Kursker Bahnhof zu nehmen. Dieses Transportmittel hätte auch noch den Vorteil, bei Bedarf, oder, wenn sich wie gestern abend eine wunderschöne Winternacht bietet, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Erlangen-Haus noch frische Luft und Bewegung im Angebot zu haben.

So aber saß ich bei Dmitrij im Auto, leider ziemlich sprachlos, denn sein Englisch gleicht meinem Russisch: ausbaufähig wäre eine gute Umschreibung. Aber genau das ist ja der Grund für diese Reise: In den nächsten zwei Wochen werde ich mich in zwei Portionen täglich dieser wunderschönen, gesprochen wie gesungen so wohlklingenden Sprache widmen.

Ich bin die Strecke Domodjedowo zum Erlangen-Haus nun schon unzählige Male gefahren, ein Gedanke kommt mir immer wieder: Warum tun sich so viele Menschen diesen höllischen Verkehr an und verbringen damit Tausende von Stunden auf dem Asphalt? Zwischen den Flughäfen und der Stadt verkehren moderne Aeroexpress-Züge, die U-Bahn in Moskau ist nicht nur schnell, sondern auch so schön, daß viele Stationen es in die Bildbände dieser Welt schaffen.

Die nächste Lektion auf dem Weg ist und bleibt Globalisierung. Die Welt ist zusammengerückt, Rieker-Schuhe gibt es am Baikal, in Wladimir und in Erlangen. Gar nicht mehr erwähnenswert ist, wenn ich mit dem Blog-Redakteur, Peter Steger, innerhalb Sekunden nach meiner Ankunft kommunizieren kann, was noch für meine Elterngeneration Phantasterei und Wunschdenken war.

Globalisierung

Das Wasser, mit dem Dmitrij mich versorgte, kam aus Georgien, was zwar für Qualität bürgt, womit es aber doch ein paar Kilometer auf dem Buckel hat. (Beim Italiener gibt es hier übrigens auch Pellegrino.) Nach wenigen Kilometern fuhren wir dann an Media Markt, Obi, IKEA, Burger King vorbei. Auch мак Дональдз war natürlich mehrfach vertreten. Aldi oder Lidl habe ich nicht gesehen, aber das will nichts heißen. Ich will das gar nicht werten, aber schon diese Blicke aus dem Autofenster zeigen, wie verwoben der Welthandel ist und wie sensibel mit Eingriffen umgegangen werden sollte, hängen doch nicht nur die Immobilien und Warenströme, sondern die Schicksale Zigtausender Angestellter daran, daß die Leuchtreklamen nicht erlöschen. Die heimischen (?) Märkte stehen dort schon mindestens seit 2003, als ich das erste Mal vorbeifuhr.

Die russische Supermarktkette Lenta hat sich ihren Platz erobert, das Logo erkenne ich nun, ohne die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, von Irkutsk über Nischnij Nowgorod bis Moskau habe ich die Läden gesehen. Ein Blick ins Internet zeigt aber, daß Lenta zwar 1993 in Sankt Petersburg gegründet wurde, die Kette aber heute zum Großteil TPG Capital gehört, einem texanischen Unternehmen und auch der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“, der CEO des Unternehmens ist ein Niederländer.

Mittagssuppe – wieder nur Coca-Cola-Wasser

Die Globalisierung geht also in alle Richtungen, eine Wertung würde, wie gesagt, diesen Beitrag sprengen.

Ich kaufe mein Obst und Gemüse in Erlangen jedenfalls bei der Familie Marburger, wo ich nicht nur regionale und biologische Lebensmittel, sondern immer auch ein nettes Gespräch bekomme.

Nach ca. zwei Stunden halte ich dann Ausschau nach den Teddybären. Seit meiner ersten Fahrt bewegt mich die Frage: Wer kauft die? Es sind immer noch die gleichen Bären, ich hoffe allerdings für den Verkäufer, daß es nicht mehr dieselben sind.

(K)ein Herz für Teddybären

In schrillen Farben leuchten die Bären und anderen Plüschtiere, teilweise überlebensgroß, eingepackt in fladdrige Plastiktüten, sitzend auf vielstöckigen Holzgerüsten, und flehen die Vorbeifahrenden an: Nimm mich mit!

Meine Antwort ist eindeutig: Nein. Und ich lasse nicht mit mir handeln!

Eine Veränderung aber ist erschreckend: Die Straße, die noch vor zehn Jahren über lange Strecken durch Wälder führte, ist jetzt gerahmt von Industrie, Cafés und anderen hallenähnlichen Bauten, deren Zwecke nicht erkennbar sind. Da haben Umwelt und Ästhetik einen hohen Preis bezahlt. Nicht geändert hat sich, daß die nunmehr fast durchgängig sechsspurige Straße durch viele Dörfer und kleine Städte führt; diese werden durch den tosenden Verkehr geteilt, Ampeln und gelegentliche Überführungen können den Riß durch die Orte sicher nicht heilen. Und, ohne die Statistik zu kennen: Das Adjektiv „mörderisch“, im Zusammenhang mit Verkehr ja öfter verwendet, ist hier sicher wörtlich zu nehmen.

Eine emotionale Nachricht für die (leider derzeit verstummten) Autoren des Blogs „Von Stuttgart und Erlangen nach Nischnij Nowgorod“: Das Schild „Wladimir 100 km“, „Nischnij Nowgorod 347 km“ ließ mein Herz höher schlagen!

Noch schöner war, daß 99 km später tatsächlich ein Update geliefert wurde: Wladimir 1 km, Nischnij Nowgorod 246 km.

Da geht das Herz auf, so ein Empfang: Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Heute, am Sonntag, beginnt mein Russischkurs. Ich freue mich, und wenn meine Lehrerein am Ende sagen wird  „мoлoдец!“, dann werde ich zufrieden sein!

Elisabeth Preuß

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Wie das russische Gastgewerbe die vielen Schaulustigen abfertigen wird, die zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer (übrigens einen Monat lang visumsfrei!) den Boden der Föderation betreten wollen, bleibt nach wie vor spannend: Daß die englische Sprache hierzulande nicht besonders verbreitet ist, ist ja bekanntlich kein Geheimnis. Denn wenn die Fremdsprachenbildung nicht wie in den meisten Fällen an fehlendem Interesse scheitert, dann am häufig nur spärlichem Bildungsangebot.

Dennoch gibt es an der Alexander-und-Nikolaj-Stoletow-Universität Wladimir einige Studenten, die tagtäglich das Gegenteil beweisen und dem vielgesprochenen Insulaneridiom ihre volle Aufmerksamkeit widmen: So zum Beispiel die Studenten um Dozentin Oxana Seliwjorstowa, welche die englische Sprache im zweiten Semester an der Vladimir State University studieren. Doch gerade Hörverstehen will gelernt sein und kommt nicht von alleine. Grund genug also, dorthin zufahren, wo Englisch als Muttersprache gesprochen wird: Richtig – ins Zentrum von Wladimir!

Goldenes Tor und Altgläubigenkirche

Im berühmten Wahrzeichen Wladimirs, den Золотые ворота (Goldenes Tor / Golden Gate) werden Führungen in den verschiedensten Sprachen angeboten, so selbstverständlich auch in Englisch, und das sogar von einer Russischbritin. Wieso nicht also anstatt der langweiligen Listening-Comprehension-CD einfach mal Stadtgeschichte in der Fremdsprache erfahren, dachte sich die Dozentin und vereinbarte eine Besichtigung, zu der sie auch mich miteinlud.

Führung im Goldenen Tor

Die eigentlichen Inhalte der Führung waren dann, ebenso wie die Exponate im Museum, sehr unterschiedlicher Natur: Stadtgeschichte, berühmte Persönlichkeiten aus Wladimir und Region sowie die Geschichte des Goldenen Tors in ausführlichen Erklärungen.

Schließlich kamen wir auch an dem berühmten Fenster vorbei, durch das man an jenem sonnigen Vormittag einen tollen Blick auf die Große Moskauer Straße hatte. Allein deswegen lohnt sich ein Besuch des in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste aufgenommenen Bauwerks für alle Gäste der Partnerstadt!

Zum Ende der Besichtigung erzählte die Historikerin dann noch eine Anekdote über einen Soldaten aus Wladimir, dessen Zigarettenschatulle eine tödliche Bleikugel abfing und ihm somit das Leben rettete. Mit dem Satz „so smoking does not always kill!“ endete die knapp einstündige Exkursion in ausgelassener Stimmung.

Sonniger Blick auf die Große Moskauer Straße

Auch wenn ein Großteil der Studenten das Museum schon zuvor einmal besichtigt hatten, war es dennoch eine interessante Erfahrung für alle: Denn wann ist man schon als Tourist in der Heimatstadt?

 Frederick Marthol

P.S.: Zu diesem Fenster im Goldenen Tor haben auch schon anderer Erlanger hinausgeblickt, etwa Max Firgau und sein Großvater. Man vergleiche mit https://is.gd/UTV8hf

 

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