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Archive for the ‘Tourismus’ Category


Ein zweitägiger Ausflug führte uns in die Region Wladimir, nach Gorochowez, das wir 2017 schon einmal besucht hatten. Marina, Roses Kollegin und Autorin des Theaterstückes „Kommt wieder – aber ohne Waffen“, hatte uns wieder dahin eingeladen.

Die kleine Reise begann mit einem Irrtum, denn Marina hatte unser Zusammentreffen am Bahnhof in Nischnij Nowgorod eine Stunde zu früh angesetzt. Das war aber kein Grund zum Ärgern, eher im Gegenteil. So konnten wir noch einen Spaziergang in den Park „1. Mai“ machen. Es regnete zwar, aber es war nicht mehr kalt. Der Park war für den „Tag Rußlands“ geschmückt (12. Juni). Aus dem Irrtum wurde in typisch russischer Art ein Vergnügen gemacht.

Der Park „1. Mai“ in Nischnij Nowgorod

Als wir nach etwa anderthalb Stunden Fahrt in Gorochowez aus der Elektrischka stiegen, wurden wir sofort umschwärmt und zwar von „Moschki“, kleinen Fliegen, die unter die Brillenbügel, in die Ärmel und die Anorakkapuze kriechen, um an die Haut zu gelangen und dort ihr schmerzhaftes Treiben beginnen zu können. Das schwüle, feuchte Wetter machte die Plagegeister besonders aktiv. Kurze Pausen brachten uns nur die gelegentlichen Regenschauer. Die Moschki kommen nicht in Wohnräume, anders als die Stechmücken, die dort auch umherschwirrten, aber vergleichsweise harmlos blieben.

Moschki, Mitches, Kriebelmücken, Gnitzen, egal welche Sprache – sie sind immer lästig

Gorochowez, der 80 km westlich von Nischnij Nowgorod gelegene 13.000-Einwohner-Ort an der Kljasma, feiert vom 20. bis 22. Juli sein 850jähriges Gründungsjubiläum. In dieser Kleinstadt gibt es drei aktive Klöster, zehn Kirchen und – wie uns die Führerin stolz erzählte – sieben steinerne Kaufmannspaläste aus dem 17. Jhd. In ganz Rußland sind nur noch zwanzig erhalten, in Nischnij Nowgorod stehen gerade einmal drei davon. Gorochowez hofft, ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden.

Kaufmannshaus im Jugendstil aus Holz

Der Ort war zuerst militärischer Stützpunkt an der Kljasma, seine Blütezeit begann im 17. Jhd., als altgläubige Kaufleute durch Handel und die Erzeugung von Obst- und Beerenweinen zu Reichtum kamen, mit dem sie, ihrer Konfession gemäß zum Mäzenatentum verpflichtet, Kirchen und Klöster bauten. Nach einem Stillstand im 18. Jhd. brachte dann der Schiffsbau im 19. Jhd. einen erneuten Aufschwung, jetzt wurden vor allem Schulen, Kranken- und Waisenhäuser errichtet.

Ein steinernes Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert

Zur Feier des 850jährigen Bestehens erwartet der Ort Präsident Wladimir Putin und den Patriarchen Alexej. Die Vorbereitungen für das Fest sind im vollen Gange. Einige Kirchen sind eingerüstet, andere bieten mit rohem Ziegelmauerwerk einen ungewöhnlichen Anblick, weil der Putz entfernt und noch nicht wieder aufgebracht wurde. Bei unserem ersten Besuch hatten wir sie noch im strahlenden Weiß erlebt. Bis zu den Festlichkeiten in fünf Wochen scheint nur wenig Zeit, um alles wieder in den schmucken ursprünglichen Zustand zu bringen, aber da wir erlebt haben, wie schnell man in Nischnij Nowgorod ganze Straßenzüge für die WM restaurierte, haben wir keinen Zweifel, daß alles rechtzeitig fertig wird.

Maria-Reinigungs-Kirche ohne Putz

Marina kam angesichts der Moschki und des Staubes ein Spruch Alexander Puschkins in den Sinn (obgleich es bei ihm kein Baustaub, sondern Straßenstaub war):

Das Dreifaltigkeits-Nikolaj-Kloster, auf einem 80 m hohen Hügel über der Stadt gelegen, prangte noch in strahlendem Weiß

Ах, лето красное, любил бы я тебя,

Когда б не пыль, да комары, да мухи.

 

Ach, schöner Sommer, wie sehr liebt‘ ich dich,

Gäb’s nicht den Staub, die Mücken und die Fliegen.

Das Abschleifen des Putzes ist eine staubige Angelegenheit

Aus dem 19. Jhd. sind ansehnliche Backsteinhäuser erhalten und, besonders interessant, einige Holzhäuser im Jugendstil. Im letzten Jahr wurde im Morosow-Haus ein Museum eingerichtet, in dem Möbel und Gebrauchsgegenstände der Werftbesitzer aus dem 19. Jhd. zu sehen sind.

Backsteinhaus aus dem 19. Jahrhundert

Wir wohnten in dem modernen Hotel „Купeческая Изба“ (Kaufmannshütte), das Ferienwohnungen in Blockhäusern, eine Banja (Sauna) und ein Schwimmbecken anbietet und das wir sehr empfehlen können.

Kaufmannshütte

Die Anlage kann man nicht verfehlen; sie liegt an der Leninstraße.

Bahnübergang

Auch der Abschied von Gorochowez hatte eine ungewöhnliche Note – zumindest für uns Deutsche. Am Bahnhof angekommen, gingen alle Mitfahrenden vom Bus aus einfach über drei Gleise zu dem wartenden Zug, wir natürlich auch.

Hans-Joachim Preuß

 

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Kommt man nach Wladimir und Susdal, unternimmt man eine Zeitreise zurück in das russische Mittelalter. Um diesen Eindruck noch effektiver zu machen setzt das Landesmuseum nun auch VR-Brillen ein. Gäste können sich nun also ein virtuelles Bild davon machen, wie der Susdaler Kreml im 17. Jahrhundert aussah.

Susdaler Kreml

Eine Stunde lang dauert die Exkursion für Kleingruppen, wobei sich der jeweilige Aufenthaltsort innerhalb des bereits im 10. Jahrhundert angelegten Komplexes, umgeben von einer 1.400 m langen Mauer,  mit seinem Erzpristerlichen Palas und den beiden Kirchen dank der Brille darstellt, als befände man sich tatsächlich in jenen fernen Zeiten.

Virtuell unterwegs vor der Mariä-Geburts-Kathedrale auf dem Gelände des Susdaler Kreml

Es handelt sich um den ersten Probelauf in der Region Wladimir für diese neue Technologie. Wird sie gut angenommen, kann man sie sicher auch für andere Sehenswürdigkeiten einsetzen.

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Wer bei den „Russisch-Deutschen Wochen“ in Erlangen, die im Februar 2018 im Rahmen der Feierlichkeiten zum 35jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft mit Wladimir begangen wurden, in einem Quiz über russische Geschichte und über eben diese Partnerschaft den Titel „Russionär 2018“ und damit eine Reise nach Wladimir gewonnen hat, der ist natürlich vom Glück überwältigt; auch wenn er schon oft in Wladimir war, nein, gerade weil er schon oft dort war und weiß, was ihn erwartet: Das gastfreundliche Erlangen-Haus mit dem immer besonderen Frühstück, die alte Stadt mit ihren Kirchen und die Ausflüge in die geschichtsträchtige Umgebung.

Russionär Hans-Joachim Preuß und Rose Ebding

Wir, meine Frau Rose Ebding und ich, waren Ende Mai dort und haben die zwei Tage genossen.

Der Weg ist das Ziel.

Ein guter Hinweis kam von Irina Chasowa, der Leiterin des Erlangen-Hauses. Sie hatte uns geraten, erst am späten Nachmittag nach Bogoljubowo zu fahren, wenn die Busse die Touristen wieder eingesammelt haben.  Dann hätten wir den Weg zu der kleinen Kirche „Mariä-Schutz-und-Fürbitte an der Nerl“ fast für uns. So war es dann auch.

Zumindest ein wichtiger Teil davon.

Mit dem öffentlichen Bus fährt man vom Erlangen-Haus in einer guten halben Stunde zur Endhaltestelle beim Kloster Bogoljubowow (22 Rubel, derzeitiger Kurs: 1 € = 72 Rubel). Eine kleine Strecke zu Fuß an der stark befahrenen Straße „M7 Wolga“ (Moskau – Nischnij Nowgorod – Ufa) entlang bis zu einem „dramatischen“ Bahnübergang, viele Treppenstufen hoch und wieder runter, durch eine Reihe von Pappeln – und schon sieht man in der Ferne das 1165 erbaute Juwel der altrussischen Baukunst: die kleine weiße Kirche leuchtend vor dem Hintergrund dunkelgrüner Bäume. Es beginnt ein schmaler Weg durch die Wiesen, der einen in zwanzig Minuten zum Ziel bringt. Ein Weg, der den Namen Pilgerpfad verdient hätte. Das flache Land, die grüne Wiese, sie strahlen eine Ruhe aus, die einen einfängt und besinnlich macht. Hier kommt die Seele zur Ruhe. Und was uns an diesem Tag besonders auffiel: Die klare Luft und das heitere Licht der Abendsonne! Ein tiefgehendes Erlebnis. Wir bedauern, dies weder mit unseren Worten – dazu wären ein Goethe oder ein Puschkin nötig – noch mit unseren Bildern wiedergebenzukönnen.

Mariä Schutz und Fürbitte an der Nerl

Der Innenraum der Kirche ist klein, er wird durch den Ikonostas geteilt, eine größere Reisegruppe führt schon zu Gedränge. Faszinierend der Blick hoch in die Kuppel, von vier Säulen getragen. Die Wände sind weiß belassen, die ursprüngliche Ausmalung wurde im 19. Jh. entfernt. Die Kirche gehört seit 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Das schmale, hohe Gotteshaus steht auf einem kleinen Hügel in der Nähe der Mündung der Nerl in die Kljasma, die Wiesen um sie herum sind Überschwemmungsland. Wir gingen abends an der Nerl entlang zum Zusammenfluß, ein schmaler Fußpfad durch Gras und dank der frühen Jahreszeit und dem kühlen Wind (fast) ohne Mücken.

Der Rest der letzten Überschwemmung

Natürlich waren wir auch in Wladimir wieder von den vielen Kirchen, dem Goldenen Tor und besonders von der neuen Fußgängerzone beeindruckt. An diesem Tag war alles in klares Licht getaucht – unvergeßliche Bilder. Sehr empfehlenswert das Restaurant „Wosnesenskaja Sloboda“, das eine weite Aussicht über die Kljasma-Ebene bietet und dessen köstliche Hechtklöße im Krautmantel man unbedingt probieren sollte.

Den zweiten Tag verbrachten wir in Susdal (per Taxi, eine Fahrt 600 Rubel). Es herrschte das für Unternehmungen wie diese besonders geeignete Wetter: Sonne, kühler Wind, glasklare Luft, was uns und unsere Freundin Anke zu Begeisterungsrufen animierte. Anke arbeitet in Perm als Deutschlehrerin und findet die Stadt im Ural mit der vielen Industrie nicht besonders reizvoll.

Im Erlöser-Euthymios-Kloster hörten und sahen wir das Mittags-Glockenspiel. Der Glöckner leistet dabei Schwerarbeit, er muß jede Glocke einzeln anschlagen. Dazu bewegt er die Glockenklöppel über Seile mit Händen und Füßen.

Klosterbirke

Eine ungewöhnlich große Birke wächst zwischen Mauern im Erlöser-Euthymios-Kloster.

Mahnmal für die Opfer der Repression

Die Eisenkunst erinnerte uns an die Geschichte. Von 1764 bis in die 1950er Jahre befand sich hier ein Gefängnis für politische und religiöse Abweichler, in der Stalin-Zeit wurde das Kloster Teil des Gulag-Systems.

St. Elias

Maria-Geburts-Kathedrale im Kreml, von St. Elias aus gesehen

Wir saßen lange auf dem Hügel bei der St. Elias Kirche, vor uns die Kamenka, die sich mäandernd durch die Landschaft schlängelt, dahinter der Kreml mit den blauen Türmen der Mariä-Geburts-Kathedrale. Kirchen, Klöster, Kreml: Zeugen der vergangenen Macht des Fürstentums Wladimir – Susdal. Zeugen, die uns heute bezaubern.

Gartenarbeit im Gewandniederlegungskloster

Hans-Joachim Preuß

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Von Gorochowez, diesem leider kaum bekannten Kleinod unter den Städten des Goldenen Rings, war hier im Blog schon des öfteren die Rede. Und es wird demnächst wohl noch mehr zu berichten sein, denn vom 20. bis 22. Juli feiert der der 160 km östlich von Wladimir gelegene 13.000-Einwohner-Ort an der Kljasma sein 850jähriges Gründungsjubiläum, zu dem viel Prominenz, angeführt von Präsident und Patriarch erwartet werden.

Gorochowez

Morgen aber schon kommt eine Zehn-Rubel-Münze in fünfmillionenfachen Umlauf, die Gorochowez landesweit von Hand zu Hand wird gehen lassen. Die Jubiläumsprägung aus der Serie „Alte russische Städte“ besteht aus zwei Seiten, wie es sich für jede anständige Münze gehört: Die eine zeigt klassisch-nüchtern den Nominalwert, die andere schmückt sich mit dem malerischen Panorama und dem Wappen der Stadt.

Wo wir schon beim Geld sind. Das Jubiläum läßt man sich einiges kosten. Nach offiziellen Angaben sollen allein in diesem Jahr fast 30 Mio. Rubel geflossen sein, insgesamt gab die öffentliche Hand 940 Mio. Rubel für die Sanierung der Stadt aus. Sicherlich auch eine Investition in die touristische Zukunft des einstigen Handelszentrums, das sich um den Titel „Weltkulturerbe der UNESCO“ bewirbt. Dafür lohnt es sich, nicht zu kleckern.

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Seit 1164 wacht das Goldene Tor über Wladimir, wehrt Feinde vom Westen ab, begrüßt Freunde aus allen Himmelsrichtungen, gilt als Wahrzeichen der alten Hauptstadt der Rus und gehört seit 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Goldenes Tor

Nun entbrennt, wie Zebra-TV und andere Medien berichten, ein lange schon schwelender Streit zwischen dem Landesmuseum Wladimir und der übergeordneten Behörde, dem Kulturministerium in Moskau um den Zustand des Bauwerks. Strittig ist weniger die Notwendigkeit einer Sanierung, als vielmehr deren Umfang.

Im September 2017 hatte eine Überprüfung seitens des Ministeriums ergeben, die bereits 2012 angemahnte wissenschaftliche Dokumentation der Schäden und der Plan zu deren Behebung seien im vorgesehenen Zeitraum von 2012 bis 2016 nicht umgesetzt worden, das historische Denkmal befinde sich in einem unbefriedigenden Zustand. Und wer nicht folgen will, hat die Folgen zu tragen: Moskau verklagte Wladimir auf eine Strafzahlung in Höhe von einer halben Million Rubel, wogegen das Museum nun gerichtlich vorgeht.

Mit guten Argumenten: Es sei nicht mit kosmetischen Sanierungsarbeiten getan, es genüge nicht, die Risse im Mauerwerk zu überpinseln oder die eine oder andere Stufe zu ersetzen, vielmehr sei eine Generalrenovierung notwendig. Möglichst bald, um mögliche größere Schäden, die dann auch noch viel teurer zu stehen kommen, rasch zu verhindern. Zu dem Zweck habe man aus eigenen Mitteln im Vorjahr bereits zweieinhalb Millionen Rubel ausgegeben.

Doch es brauche mehr, sehr viel mehr, ist man sich in Wladimir sicher, um die Visitenkarte der Stadt erhalten. Sehr viel mehr Geld als das eigene Budget hergebe, Geld, das nur das Ministerium bewilligen könne. Da sollte man sich nicht vor dem Kadi um Bußzahlungen streiten, sondern rasch eine gütliche Einigung finden, um die „feste Burg“ nicht von Zeit und Zank schleifen zu lassen. Hilfreich wäre da die Lektüre von Sallust, der einmal schrieb: „Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Größte.“

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Noch Anfang Mai bot sich dem Besucher des Klosters der Heiligen Boris und Gleb in Kidekscha bei Susdal ein verwirrendes Bild: eine öffentliche Toilette neuester Bauart, geschlossen und ohne Zugang, seit einem Jahr.

WC in Kidekscha

Nun wird bekannt, daß dem WC, das zunächst viel näher an der Kirche stand, auch noch die Anschlüsse fehlten. Unlängst wollte man deshalb die Stromleitungen verlegen, doch offenbar ohne sich vorher die notwendige Genehmigung der Aufsichtsbehörde einzuholen. Jetzt wurden die Arbeiten nach einem Hinweis von Anwohnern eingestellt, und der Lokus bleibt vorderhand weiter geschlossen.

Boris- und Gleb-Kirche in Kidekscha

Schon merkwürdig, wenn eine derartige Unterlassungssünde ausgerechnet auf dem Gelände des ältesten erhaltenen Kirchenkomplexes der Region Wladimir begangen wird, ausgerechnet hier, wo die später heiliggesprochenen Söhne des Großfürsten Wladimir, Boris und Gleb, während des Gebets von ihrem Bruder Swjatopolk ermordet wurden, ausgerechnet hier, wo Jurij Dolgorukij, der Gründer von Moskau, zu Ehren der Märtyrer 1152 eine Kirche errichten ließ, die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO fand und als frühes Vorbild für die späteren Sakralbauten aus weißem Muschelkalk der Wladimirer Rus gilt.

St. Stefan im Kidekscha-Ensemble

Besonders merkwürdig auch, weil an diesem geschichtsträchtigen Ort am Ufer der Nerl auch eine Siedlung aus dem siebten bis dritten Jahrhundert vor Christi und ein Dorf aus dem 11. bis 13. Jahrhundert nach Christi nachgewiesen sind, jede Grabung also Schätze der Vergangenheit zutage fördern könnte. Schon ein wenig anrüchig, wenn ausgerechnet die Museumsleitung, der die Anlage untersteht, für zwei Millionen Rubel an einem Ort eine Bedürfnisanstalt einrichtet, die wohl noch einige Zeit dem Genius loci gehörig die Nase hochgehen dürfte.

Hier spricht Kidekscha

Dennoch: Ein Besuch in Kidekscha lohnt immer. Besonders auch ein Blick in die von den Mongolen verwüstete und gleich darauf wieder renovierte Boris-und-Gleb-Kirche, die im Innern mit einzigartigen Fresken aus dem 12. Jahrhundert überrascht: zwei Vögel und ein Blumendekor mit ineinander verwundenen Stengeln und Blüten.

Der Schiefe Turm von Kidekscha

Und dann steht da ja noch der „Schiefe Turm“ von Kidekscha, mit sechs Grad Neigung schäpser als sein – hätten Sie’s gewußt – bekannteres Pendant in Pisa. Da kann man auch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und den Ärger mit dem Spruch ausklingen lassen: „Das Örtchen ist, da darf man lachen, / ein Ort, um in Ruhe Krach zu machen.“

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Zwei Amtszeiten lang leitete Igor Kechter als Bürgermeister die Geschicke von Susdal und stattete der Partnerstadt Rothenburg o.d.T. zwei Besuche ab, bei denen er viel gelernt hat. Dann kehrte der 53jährige freiwillig der Politik den Rücken, um sich ohne all die Zwänge, die öffentliche Ämter so mit sich bringen, ganz neuen, kreativen Aufgaben zuzuwenden.

Gute hundert Kilometer südwestlich von Saratow gründeten seine Vorfahren den Weiler Klein-Walter. Sie stammten aus Bayern und kamen auf Einladung von Kaiserin Katharina II an die Wolga, wo die Familie bis 1941 blieb, bis nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion die Rußland-Deutschen pauschal zu Volksfeinden erklärt und hinter den Ural verbannt wurden. Igor Kechters Vater, Erik Christianowitsch, war damals gerade einmal zwei Jahre und wuchs im sibirischen Tjumen auf, wo er später auch seine russische Frau aus Chanty-Mansijsk kennenlernte, mit der er unlängst die Goldene Hochzeit feiern konnte. In Wladimir, wo die Tochter bereits lebte und wohin auch Igor und sein älterer Bruder Wladimir zogen. Erst ab 1962 erhielten die verfemten Deutschen das Recht auf freie Niederlassung, konnten die Verbannungsorte verlassen, die Rehabilitation und Befreiung vom Etikett des „Volksfeindes“ erfolgte dann noch später, im Jahr 1991.

Igor und Ludmila Kechter

Wollte man einigermaßen unbehelligt mit einem deutschen Familiennamen leben, tat man gut daran, die Muttersprache nicht zu gebrauchen. Und so ist denn auch das Deutsche in der Familie nicht mehr präsent, nur die Großmutter beherrschte es noch, bereits Igor Kechters Vater wuchs ganz russischsprachig auf. Sechs Geschwister hatte er, von denen drei bei der Vertreibung ums Leben kamen. Und der Großvater, Christian Christianowitsch, kam nicht mehr aus der Arbeitsarmee zurück. Aber das ist für Igor Kechter Geschichte, mit der er sich versöhnt hat. Selbst hat er wegen seiner Herkunft keine Nachteile mehr erfahren, nur in der Kindheit war er beim Räuber-und-Gendarm-Spiel eben immer auf der anderen Seite. Abgesehen von einer Tante mütterlicherseits ist auch niemand ausgewandert oder nach Deutschland übergesiedelt. Der Großteil der mittlerweile vielköpfigen Familie lebt sogar weiterhin in Sibirien. Dennoch: Zu Deutschland besteht schon ein besonderer Bezug, den allerdings seine Ehefrau Ludmila herstellt: „Da fühlen wir uns immer wie daheim.“

1983 immatrikulierte sich Igor Kechter in der Militärakademie und brachte es bis zum stellvertretenden Leiter der Kommunistischen Partei. Dienst tat er lange Jahre ganz im hohen Norden Sibirien, an der Lena, u.a. in der Hafenstadt Tiksi. Derart urwirtlich war es da, und Lebensmittel gab es fast ausschließlich aus Konserven, so daß der Militär seine Frau mit den beiden Kindern immer in die „Sommerfrische“ nach Zentralrußland schickte. „Eine Zeit, in der ich lernen mußte, für mich selbst zu sorgen und mir ab und an eine Freude zu bereiten, indem ich kochte“, erinnert sich Igor Kechter. Damals ist dann wohl auch seine kulinarische Leidenschaft entstanden, angeregt auch vom Kontakt mit den einheimischen Völkerschaften und ihrer Küche aus Rentierfleisch und Fisch. Auf die Frage, ob er denn auch gut koche, reagiert er allerdings schweigend mit einem Blick auf die Frau, die dann auch mit Lob nicht sparen will. Besonders seine Schaschliks seien unschlagbar. Das wird er auch schon bald unter Beweis stellen können, denn dieser Tage nimmt der Hobbykoch an einer Schaschlik-Meisterschaft in Tschetschenien teil, wo er sich nicht kampflos ergeben, sondern die Jury mit einer Kreation überzeugen will, die mit kurz in Salz eingelegten Gurken als Beilage überraschen dürfte.

Auf der „Anrichte“ im Büro von Igor Kechter

Überhaupt die Gurke. Sein Restaurant „Ogurez“ in Susdal trägt den Namen des Gemüses, das wiederum seit den 80er Jahren für die ganze Stadt symbolisch steht, als man sich auf den Anbau spezialisierte und regelrechte Gurkenmillionäre hervorbrachte. Und dann der Tourismus: Als Igor Kechter 1993 seinem älteren Bruder nach Susdal folgte, begannen die beiden mit dem Aufbau eines holzverarbeitenden Betriebs, erkannten aber bald die Chancen im Fremdenverkehr. So gründeten sie mit zwei Kompagnons die AG „Heißen Quellen“, eine einzigartige Sauna- und Badelandschaft, die 2002 eröffnet wurde, von der sie sich dann aber 2013 wieder trennten, als Igor Kechter, der seit 2011 als Stadtrat tätig war, zum Bürgermeister gewählt wurde.

Nun, wieder in der Privatwirtschaft, fühlt er sich freier. Sieben Gebäude gehören ihm in Susdal, die er derzeit restauriert, und im nächsten Jahr soll in Gawrilow Possad in der Nachbarregion Iwanowo ein Museum für russische Nationalgetränke eingerichtet entstehen. Den Grundstock hat er schon in seinem Wladimirer Büro eingerichtet, eine Flaschen- und Krügesammlung mit einer Vielzahl von Unikaten. Überhaupt ist er immer auf der Suche nach dem Besonderen. Immer wieder entdeckt er alte Rezepte und entwickelt zu deren Wiederbelebung neue Konzepte, schreibt Bücher, hält Vorträge und brennt für den Fremdenverkehr, der auf drei Beinen steht, wie er meint: schlafen, sehen und essen. Ein Dreisatz, den er als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der kleinen Touristenstädte Rußlands ebenso beherzigt wie als Impulsgeber für die gastronomische Entwicklung Susdals.

Igor Kechter

Seine „kulinarische Landkarte“ sorgt für Vielfalt und lokalen Bezug. 70% der Beschwerden von Touristen betrafen noch vor wenigen Jahren den „Einheitsbrei“ der Restaurants. Nun sollen die Gasthäuser zumindest zwei bis drei originell-originale Gerichte anbieten – und das in allen Fremdenverkehrsstädten des Gouvernements Wladimir – nach einem Qualitätsstandard und einer Zertifizierung. Eine Idee, die auch andere Regionen aufgreifen wollen und die Unterstützung der Politik in Moskau findet. Apropos Politik: Als es in den 80er Jahren darum ging, eine Kleinstadt touristisch „aufzurüsten“, kam Susdal zum Zug, weil jemand im Politbüro ein Faible für die Museumsstadt hatte und damit den Mitbewerber Gorochowez ausstechen konnte. So wurde damals alles zentral gesteuert, auch das Glück Susdals am Goldenen Ring. Für den galt übrigens auch eine kulinarische Planwirtschaft – und durchaus mit Verstand. Um den Touristen nämlich in jenen Zeiten der Mangelwirtschaft nicht immer und überall das gleiche Menü zu kredenzen, gab es Vorgaben für die Städte hinsichtlich der Auswahl von Gerichten.

Igor Kechter vor seiner Flaschensammlung

Dank Igor Kechter weiß man nun aber auch, daß der erste russische Malzkaffee in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Susdal hergestellt wurde, daß es früher für jeden Monat ein eigenes Getränk gab, daß man hier sogar Bier braute und ein Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von Honigwein, „Medowucha“ genannt, besaß, daß die Kartoffeln hierzulande einst – wie in Deutschland und Frankreich – „Erdäpfel“ genannt wurden, ein Begriff, der aus dem heutigen Russischen gänzlich verschwunden ist…

Für das Seine brennen

Wer also mehr erfahren will über die Eß- und Trinksitten der Russen, besuche in Susdal das Restaurant „Ogurez“, trinke dort einen Kaffee mit Gurkensirup oder einen Getreidewein, spreche mit Igor Kechter oder greife zu seinem Buch, dessen Titel frei übersetzt lauten könnte: „Für das Seine brennen“, in dem es freilich nicht nur um Selbstgebranntes geht und das in Auszügen bald auch auf Deutsch im Blog erscheinen wird. Dabei geht es mehr als um die Gurke!

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