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Archive for the ‘Tourismus’ Category


Vorab: Vom ersten Augenblick der Landung in Moskau an flutschte es. Aber davor wurde eine vermeintlich einfache, samstägliche Reise nach Wladimir zu einem Drei-Tages-Trip. Immerhin mit einem erklecklichen Ergebnis auf der Habenseite, auch wenn im Soll zwei versäumte Tage Russisch Intensivkurs von Natalia standen.

Tag 1: Samstag, 27. November, erster Ferientag. Mein Ziel: Sprachkurs im Erlangen-Haus nach Anreise mit SWISS über Zürich nach Moskau. Mit Bedacht hatte ich rechtzeitig gebucht und fuhr auch mit reichlich Zeit zum Nürnberger Flughafen, denn mir war klar, es würde so mancher nach Mallorca, nach Kreta oder eben über Zürich sonstwohin in die Welt unterwegs sein. Leider kamen die Ferien für Swiss offensichtlich völlig überraschend.

Als man mir am Schalter sagte: Ihren Sitz erfahren Sie beim Boarding, dachte ich mir noch nichts. Mit einem Kaffee versorgt, begann ich, was ich seit Wochen tun wollte, nämlich russische Verben zu konjugieren. Ich war gerade so richtig mittendrin: я отдыхаю, ты отдыхаешь… und hatte die vage Hoffnung, Natalia doch nicht ganz zu enttäuschen, als ich am Gate Unruhe wahrnahm. Drei Passagiere waren offensichtlich ziemlich in Rage. Mir fiel ein, noch keinen Sitzplatz zu haben und gesellte mich zu den Aufgebrachten. Der Grund des Ärgers wurde schnell klar: Die Maschine war überbucht und alle, die in den Urlaub fliegen wollten, waren tatsächlich gekommen, um in den Urlaub zu fliegen.

Die Dame vom Bodenpersonal versuchte sich mit „Wir dürfen 10% überbuchen, und eigentlich kommen immer einige Geschäftsleute nicht“, herauszureden, aber das generierte auch keine Plätze. Ich wies darauf hin, man wisse in der Schweiz vielleicht nichts vom Beginn der Herbstferien in Bayern, weshalb am ersten Ferientag vielleicht auch weniger Geschäftsleute und dafür mehr Urlauber fliegen wollten – und überdies sei ja heute kein Arbeitstag, sondern Wochenende. Ich gebe zu, wenig hilfreich, aber ich war sauer, denn ich fand dieses Buchungsgehabe wenig professionell.

Überbuchte Flüge sind ja leider keine Seltenheit, und gewöhnlich gibt es immer Passagiere, die sich gegen mehrere Hundert Euro Entschädigung auf einen späteren Flug umbuchen lassen. Swiss aber versuchte das gar nicht erst: Alles ging an Bord, und am Ende war ein Grüppchen zurückgelassene Passagiere übrig, deren Gemütszustand von stoisch über sauer bis verzweifelt reichte. Der Verzweifelte bekam dann noch einen Jump-Seat zugewiesen, man merkte ihm die Erleichterung deutlich an. Der Rest, mich eingeschlossen, zog von dannen.

Das freundliche Angebot, doch über Frankfurt zu fliegen, konnte ich leider nicht annehmen, da nach Ankunft in Moskau auch der allerletzte “Lumpensammler“ nach Wladimir, der Cапcан, nicht mehr zu erreichen sein würde, und eine Nacht auf dem Kursker Bahnhof schien mir wenig attraktiv. Also nahm ich das Angebot von Swiss an, es am nächsten Tag nochmals zu versuchen.

Und so war ich, zur freudigen Überraschung meiner Familie, gegen Mittag wieder zu Hause. Ich hatte nun die Wahl, mich zu ärgern, oder Straße, Hof und Balkon vom Eichenlaub zu befreien, zwei Maschinen Wäsche zu waschen, eine ebensolche von vor einer Woche zu bügeln und Papierkram zu erledigen. Ich entschied mich für die zweite, deutlich produktivere Variante. Zufrieden ging’s zu Bett, am nächsten Morgen, da Sonntag war und der Busverkehr etwas ausgedünnt, gönnte ich mir ein Taxi zum Flughafen.

Tag 2: Und tatsächlich, dieses Mal war es deutlich ruhiger, und offensichtlich hatte jeder Passagier auf seiner Bordkarte auch einen Sitzplatz. Ich machte also weiter: он отдыхает, мы отдыхаем, вы от… Da überkam mich ein Déjà-vu-Gefühl, denn am Boarding-Schalter gab es wieder Unruhe. Wie am Vortag geübt, ging ich dazu und ja, tatsächlich, unser Flieger würde deutlich später starten. Vorsichtig erwähnte ich, mein Weiterflug sei relativ knapp (allerdings eine Verbindung, die von Wladimir-Reisenden häufig gebucht wird). Schon leicht genervt, sagte mir der Mitarbeiter, das werde wohl nicht mehr klappen, aber ich solle doch auf alle Fälle mit nach Zürich fliegen, da sei ich doch schon einen Schritt weiter.

Dem konnte man nicht widersprechen, und so stand ich kurze Zeit später in Zürich am Transfertisch, wo mir das zweite Déjà vu beschert wurde, nämlich das Angebot des gleichen Flugs über Frankfurt, den ich mit dem gleichen Argument ablehnte. Und so fuhr ich wenig später, ausgestattet mich einem Hotelgutschein, einem 24-Stundenticket für den ÖPNV, einem Gutschein für ein Abendessen über 20 € (in der Schweiz reicht das gerade für einen Toast Hawaii) in ein nahegelegenes Hotel, stellte mein Gepäck ab und fuhr in das mir bis dato unbekannte Zürich, wo ich zum Bürkli spazierte, Töffli sah, bei Sprüngli Kaffee trank, und abends zufrieden mit dem Gesehenen wieder im Hotel eintraf. Ich meinte, mich aber vage zu erinnern, Grund der Reise sei nicht Sightseeing in der Schweiz, sondern ein Sprachkurs in Wladimir gewesen. Und so nahm ich mir noch mal отдыхать vor.

Unter dem Strich zwei ertragreiche Tage, wenn auch anders als geplant. Ich war wirklich nicht unzufrieden, denn Zürich hat mir gut gefallen, aber der Sonntag hätte halt mein erster Tag Russischkurs sein sollen!

Tag 3: Nach einem ausgezeichneten Birchermüsli zum Flughafen, eingecheckt, Sitzplatz (!), und nur mit leichter, kaum erwähnenswerter Verspätung ging’s nach Moskau. Nach der Landung betrat ich russischen Boden, und dann passierte Folgendes: An der Grenzkontrolle stand niemand, außer Beamten, die auf uns warteten. Mein Gepäckband war das erste und nicht das hinterste. Direkt am Gepäckband befand sich ein Ticketautomat für den Aero-Express. Mein Koffer kam nicht als letzter, sondern ziemlich bald. Der Aero-Express brachte mich zur Ringlinie 5, der Metroautomat nahm meine Münzen, die U-Bahn fuhr gerade ein. Zwei Stationen kuschelig eng mit Moskauern auf dem Weg zum Feierabend. Am Kursker Bahnhof alles perfekt ausgeschildert zum Cтриж nach Wladimir. Mein Waggon 15 wartete gerade dort, wo ich vom Tunnel hochkam, und der Zug nach Wladimir fuhr auf die Minute ab.

Elisabeth Preuß auf der Loggia des Erlangen-Hauses

Und das Allerbeste: Knapp zwei Stunden später erwartete mich Irina Chasowa und fuhr mich ins Erlangen-Haus, unser gemütliches Zuhause in Wladimir. Und dann heißt es: Я люблю отдыхать вo Владимире. Ich freue mich auf die Urlaubstage in Wladimir!

 

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In einem Brief an die Redaktion des Blogs schreibt Sigrid Köhn, seit vielen Jahren Gastgeberin, wann immer Gruppen aus Wladimir unterzubringen und zu betreuen sind:

Herbert und Ute Schirmer, Marina Trubizyna sowie Sigrid und Johannes Köhn, Mai 2011

Hiermit sende ich Ihnen Eindrücke meiner Reise nach Wladimir (6. – 13. Oktober). Dies war jetzt mein dritter Besuch in Wladimir, nachdem ich meine Freundin und ihre Familie beim Fränkischen Fest 1993 in der Partnerstadt kennengelernt hatte. Sie sprach mich damals an und war dann auch dreimal in Erlangen. Als Deutschlehrerin (seit zehn Jahren im Ruhestand) ist sie immer noch an der deutschen Sprache interessiert, die sie mit ihrem Enkel früh geübt hat. Nun unterstützt sie ihn auch im Deutschstudium und hilft Schülern beim Erlernen der Sprache. Sie beklagt allerdings die „neuen“ Unterrichtsmethoden und den Umstand, auch als ehemalige Lehrerin in der Gesellschaft nicht die rechte Anerkennung zu erfahren. So habe sie zum Beispiel am Tag des Lehrers nur von einer einzigen ehemaligen Schülerin eine Grußkarte bekommen. Doch sie kennt ihren Wert und tritt im Alltag selbstbewußt und resolut auf und läßt, wenn nötig, ihre Beziehungen zu ehemaligen Schülern spielen. Auf diese Weise hatte ich auch die Möglichkeit, mit ihr zwei Tage in Moskau zu verbringen.

Wladimir

Mariä-Entschlafens-Kathedrale, gesehen von Wladimir Putschkow

Die überwältigende Gastfreundschaft kann man nur bewundern. Dabei hat meine Freundin nur eine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung, in der sie vor meinem Besuch auch eine Erlanger Studentin beherbergt hatte (Bericht folgt, Anm. d. Red.), und besitzt einen Schrebergarten, in dem wir zusammen gearbeitet haben. In den vier Tagen Wladimir waren wir im Puppenmuseum, in Klöstern und Kirchen in der Stadt, in der Kirche an der Nerl und in verschieden Markthallen und Geschäften mit reichem Angebot, besonders im Globus, in dem mich das Fischangebot beeindruckte. Meine Freundin beklagt zwar die hohen Preise, achtet aber sehr auf Qualität und „gönnt“ sich auch etwas. Dabei wollte sie auf keine Weise, daß ich bezahle. Freilich hinterließ ich dann meinen Anteil als „Abschiedsgeschenk“ bei der Tochterfamilie und ihrem Enkel.

Wladimir Fedins Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

So schwierig die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von uns aus erscheinen, trifft man in Wladimir überall höfliche und freundliche Menschen, und es ist es deshalb wert, die Kontakte zu pflegen. Vielen Dank für Ihre Unterstützung bei der Vorbereitung der Reise.

Sigrid Köhn

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Nun kann sie wohl endlich im Jahr 2020 kommen, die Fremdenverkehrsabgabe von ein bis zwei Prozent der Übernachtungskosten eines Touristen in Susdal, so wie das Stadtdirektor, Sergej Sacharow, nach dem Beispiel der Partnerstadt Rothenburg o.d.T.  schon seit langem immer wieder fordert. Anders, so sein Petitum, könnten kleinere Kommunen dem Ansturm der Gäste nicht die notwendige Infrastruktur entgegensetzen, zumal in einigen Regionen des Landes diese Taxe bereits erhoben wird.

Die stille Seite Susdals im Herbst

Der Besucherstrom nimmt denn auch beständig zu, vor allem aus Asien. Bereits in den ersten neun Monaten des Jahres wählten mehr Touristen aus dem Fernen Osten als im gesamten Vorjahreszeitraum den Goldenen Ring als Urlaubsziel. Um 41% wuchs deren Anteil, und man geht davon aus, bis zum Ende des Jahres werde man doppelt so viele Chinesen beherbergt haben wie 2017.

Salzgurken im Glas. Für die Richtigkeit der Übersetzung ins Chinesische übernimmt der Blog keine Verantwortung.

Dem trägt man allenthalben Rechnung. Im Straßenbild tauchen überall chinesische Schriftzeichen auf, und die Homepage des Museums für Holzarchitektur hat bereits ein Sinologe für User aus dem Reich der Mitte überarbeitet. Mittels QR-Code und Broschüren in der eigenen Sprache finden sich auch Individualreisende nun besser zurecht. Und dem Stadtsäckel sollte es auch bald besser gehen, wenn man sich weiter ein Beispiel an Rothenburg nimmt, wo man ja mit einem eigenen Konzept schon seit Jahren besonders auf Gäste aus Japan setzt.

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Die Stadt

Es war Ende August 2018 nach 14 Jahren meine vierzigste Reise nach Wladimir. Strahlend blauer Himmel, die ganzen zehn Tage lang, der „Jubiläumsreise“ angemessen, meine ich.

Fußgängerzone Wladimir

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie sehr sich die Stadt in den wenigen Jahren entwickelt hat. Vor 14 Jahren waren Spaziergänge, vor allem bei schlechtem Wetter, eher ein Hindernislauf um Pfützen und Stolperfallen herum, heute sind Gehsteige gepflastert, und man wird allenfalls gelegentlich von Radfahrern gestört, die verständlicherweise die Bürgersteige den von Autos beherrschten Straßen vorziehen.

Fußgängerzone Wladimir

Auch die Straßen wurden modernisiert, nördlich von der Altstadt entstand eine neue, vierspurige Trasse, um den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt besser zu verteilen. Allerdings kann der Straßenbau mit der Zunahme der Fahrzeuge nicht mithalten, und damit wird „Stop and Go“ zum Standard während der Rushhour. Das Internetportal mit der aktuellen Verkehrssituation zeigt jeden Tag morgens und nach Feierabend über die Stadt verteilt rot eingefärbte Straßenabschnitte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 2 km/h.

Patriarchengarten

Eine Oase der Ruhe und Erholung ist dagegen die neue Fußgängerzone neben der Hauptstraße am Abhang zur Kljasma. Alte, restaurierte Häuser, Boutiquen und Andenkengeschäfte, kleine Museen sowie drei Aussichtsplattformen mit Blick zur Kathedrale, zur Kljasma und zum Patriarchengarten laden zum Verweilen ein. Dieser Park (Eintritt 80 Rubel) mit einer großen Fontäne und Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist besonders schön im Mai, wenn die Kirschen blühen.

Springbrunnen im Zentrum von Wladimir

Ganz neu und erst zum Stadtfest am 26. August eingeweiht, ist der Springbrunnen vor dem Schauspielhaus am Goldenen Tor. Der Brunnen ist ebenerdig mit Gitterrosten angelegt, und so kann man zwischen den in der Intensität ständig wechselnden Fontänen einherspringen, ein Magnet für Kinder und gelegentlich auch für jung gebliebene Erwachsene. Abends erstrahlt das Ensemble dann in bunten Farben, und stündlich wird das Ganze noch mit Musik untermalt.

Wasserfreuden

Nicht weit entfernt liegt die Kirche der katholischen Rosenkranzgemeinde. Natürlich hat Pfarrer Sergej Sujew Zeit, mir die Fortschritte auf der Baustelle des Pilgerzentrums zu zeigen. Strom, Wasser, Abwasser und Heizung sind installiert, jetzt steht der Innenausbau an. Zurzeit wird aber noch an der Außenanlage gearbeitet. Durch einen Gerichtsentscheid wird das Grundstück geschätzte 100 m² größer, was z. B. zusätzliche Parkflächen ermöglicht. Leider erschweren und belasten immer wieder neue Auflagen die Kostenseite und damit den Fortgang der Arbeiten. So müssen jetzt alle Stromzuführungen unterirdisch verlegt werden, und dies trifft nicht nur den Neubau, sondern auch das Pfarrhaus und die Kirche. Bis zur Einweihung des Zentrums wird sicher noch mindestens ein Jahr vergehen, vorausgesetzt, die Spenden kommen rechtzeitig an.

Die Initiative Swet

Seit 1995 besteht in der Region Wladimir die Initiative Swet, in der sich mehr als 800 Eltern von Kindern mit den verschiedensten Behinderungen zusammengefunden haben. Ziel ist es, die jungen Leute aus der durch die administrativen Vorgaben und die medizinische Therapie entstandenen Isolation zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren, ein Recht, das ihnen durch die Gesetze der Russischen Föderation garantiert wird. Swet erfuhr vielfältige Unterstützung durch die Partnerschaft mit Erlangen. Mit Einzelspenden und Spendenaktionen wurden die Projekte gefördert. Mit Unterstützung von Erlangen entstanden Kontakte zu deutschen Einrichtungen und Institutionen der Behindertenarbeit, die WAB in Kosbach stellte z. B. Hospitationen zur Verfügung.

Jurij Katz in Susdal

Einer der Initiatoren und engagierten Repräsentanten ist Jurij Katz, mit dem ich über die Wiederbelebung von Hospitationen bei den Barmherzigen Brüder in Gremsdorf geredet habe. Diese Zusammenarbeit geht zurück auf das Projekt „Lichtblick“ mit dem Kinderzentrum „Blauer Himmel“. Aus dieser Zusammenarbeit erhielt Swet 2015 ein Datscha-Grundstück am Nerl zur geeigneten Verwendung. Das Grundstück wurde dann verkauft, weil die von Swet betreuten Menschen in der Gesellschaft, in Städten leben sollen, ein Leben auf dem Land würde wieder eine Isolierung bedeuten.

Swet-Baustelle in Susdal

Jurij Katz fuhr deshalb mit mir nach Susdal, um die aus dem Erlös des Grundstücks gekaufte Wohnung zu besichtigen. Sie liegt in der Mitte der Stadt, direkt gegenüber von den Handelsreihen. Es handelt sich um eine von drei Wohnungen in einem alten Holzhaus. Zurzeit läuft eine umfassende Renovierung, drei Handwerker waren auf der Baustelle tätig. Es entstehen drei Wohn-/Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein WC mit Dusche und ein kleiner Lagerraum. Das Ganze soll als Schulungszentrum für Behinderte (ggf. mit Angehörigen) genutzt werden. Bis zu neun Personen können unterkommen und sollen in ein- bis mehrwöchigen Kursen die Grundlagen eines eigenständigen Lebens erlernen.

Jurij Katz im neuen Zentrum

Danach besuchten wir noch ein Therapiezentrum für behinderte Kinder in Susdal. In sozial schwachen Susdaler Familien sind 80 behinderte Kinder bekannt. Das Zentrum wurde von einer privaten Initiative gegründet, die Organisation Swet hilft beratend.

Therapiezentrum in Susdal

Die Finanzierung erfolgt durch Sponsoren, auch die Stadt Susdal gibt mit kleinen Anteilen Unterstützung. Ein verfallener Gebäudekomplex wird, getaktet durch die Verfügbarkeit von Spenden, Raum für Raum ausgebaut. Es ist immer wieder erstaunlich, was mit einfachen Mitteln erreicht werden kann!

Jurij Katz

Auf dem Weg zurück fällt uns etwa in der Mitte zwischen Susdal und Wladimir auf der linken Seite ein großer Neubau ins Auge, ein privates Museum mit Autos und Motorrädern. Darin befindet sich ein Café, an dessen Bar man auf Motorrädern Platz nimmt.

Wolfram Howein

Wir machen eine Sitzprobe, verziehen uns für unser Gespräch aber gerne auf die Stühle an den nebenstehenden Tischen. Ob sich das Investment rechnet? Ich bin mal gespannt, was daraus in einem Jahr geworden ist, wenn ich mal wieder nach Susdal fahren werde.

Wolfram Howein

Fortsetzung folgt.

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Das Goldene Tor mit Sergej

Das Wahrzeichen Wladimirs ist das Goldene Tor, erbaut als westliches Stadttor 1164. Es ist ein sehr gut erhaltenes Beispiel russischer Militärarchitektur aus dem 12. Jahrhundert. Heute vom Verkehr umtost, war es früher Teil der Wall-Befestigungsanlagen. Hier treffe ich mich mit Sergej, einem Deutsch-Schüler meiner ‚Gastmutter‘  Irina Dolganowa. Er studiert in Moskau Englisch und Deutsch und freut sich über die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Wir besuchen die sehenswerte Militärausstellung im Goldenen Tor.

Goldenes Tor

Im Jahr 1238 fiel Wladimir den mongolisch-tatarischen Eroberern zum Opfer. Dieses traumatischen historischen Ereignisses wird in Multimedia hinter einer riesigen Glaswand gedacht. Eine realistische Abbildung des westlichen Stadttors, des Goldenen Tors, im eisigen Winter mit Blick auf die Wallanlagen und die weite Ebene zeigt die damalige Schlacht in all ihrer Brutalität. Überall kämpfende Soldaten, zerfetzt, blutend, mit Speeren im Körper, Tote und Erfrorene. Alles ist in in blau-weiß-rotes Licht getaucht, die russischen Nationalfarben. Dazu erzählt in Überlautstärke eine mächtige, sonore, schwebend-feierliche Stimme von der historischen Schlacht, die zum Abstieg Wladimirs führte. Es läuft einem kalt den Rücken herunter vor lauter martialischer Feierlichkeit. Vor der Glaswand Fahnen und Gewehre aus Kriegen der späteren Jahrhunderte, z.B. gegen Schweden oder die Türkei.

Panorama des Mongolensturms

Die oberen Gänge werden gesäumt von Portraits der sowjetischen Helden aus dem Zweiten Weltkrieg, dem Großen Vaterländischen Krieg. Interessante Karikaturen gegen Hitler, Mut-mach-Plakate für die Sowjetarmee beim Marsch nach Westen gegen Nazi-Deutschland und Photos vom Einmarsch nach Berlin und dem brennenden Reichstag.

Am Ende der Ausstellung wird quasi als Zeichen der friedlichen Zusammenarbeit heute der Raumanzug von Walerij Kubassow, dem Kosmonauten aus der Region Wladimir, in russisch-amerikanischer Weltraummission (Sojus-Programme) gezeigt.

Sergej und der Raumanzug von Walerij Kubassow

Diese Ausstellung ist besonders interessant für deutsche Besucher, weil sie einen Blick auf den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der russischen Seite zeigt. Das ist sehr ergreifend und macht einem einmal mehr die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlich.

Ein Junggesellinnenabend im deutschen Max Bräu

In Wladimir gibt es seit 2014 ein deutsches Brauhaus mit Namen Max Bräu. Dort schenkt man verschiedene leckere Biersorten nach dem Rezept des deutschen Braumeisters Hans Maurer aus und serviert Deftiges zum Essen. Ein- oder zweimal im Monat wird ein Quizabend ausschließlich für Frauengruppen angeboten.

IQ-Junggesellinnenabend. Es spielen nur Damen!

Irina fragt, ob ich Interesse hätte, als Zaungast dabei zu sein und mit ihr dabei an der Theke ein leckeres Bier zu trinken. Hatte ich natürlich. Ihre Freundin Swetlana fährt uns mit ihrer schwarzen Limousine hin.

Das Sudhaus der Max Bräu

Der Saal faßt mindestens 250 Personen. Das riesige messingblitzende Sudhaus von der bayerischen Caspary GmbH gibt einem das original-bayerische Brauhausgefühl.  Es hatten sich 34 Frauengruppen, also insgesamt etwa 170 Frauen, angemeldet, um ihre Intelligenz im Wettbewerb gegeneinander zu messen. Drei Frauen moderieren die Veranstaltung sehr kurzweilig und mit Niveau. Die Fragen – oft in Form von Bilderrätseln – aus Film, Literatur, Musik, Film und Allgemeinwissen werden auf sechs riesige Leinwände projiziert. Die Frauen sind mit Freude dabei, denken nach, beraten sich, kauen an den Stiften und jubeln über ihre richtigen Antworten. Die drei Siegergruppen erhalten Preise wie Freibier, Blumen oder Sekt.

Im Saal der Max Bräu

Das Startgeld geht an karitative Institutionen. Die Organisation von Irina und Swetlana für behinderte Kinder hat schon einmal davon profitiert. Ihre Gruppe landete diesmal leider „nur“ auf Platz 4.

Russisch-bayerische Gemütlichkeit im Max Bräu

Die Frauengruppen haben zum Teil sehr witzige Namen, unter denen sie antreten wie „Mutterschaft ist nicht alles“, „Die bessere Rippe Adams“, „Rüschi-Plüschi“, „Ohne Wäsche“, „Die Frigiden“ (Wortspiel im Russischen mit: „Die Spiegeleier“) und viele andere. – Ein sehr vergnüglicher Abend!

Künstlern in Susdal über die Schulter geschaut

Es gäbe noch viel zu erzählen. Etwa von den Ausflügen nach Bogoljubowo, nach Jurjewez, von der Bootsfahrt auf der Wolga, vom Besuch im Filzstiefelmuseum in Kinesсhma mit den größten Filzstiefeln der Welt, vom Auflug in die wunderschöne kleine Museumsstadt Susdal und von den Abschlußtagen in Moskau. Über vieles davon wurde schon im Blog berichtet. So beschränke ich mich auf meine Erlebnisse in Wladimir.

Mariä Schutz und Fürbitt am Nerl

Ich bedanke mich bei allen, die diese Reise zu einer ganz besonderen gemacht haben: Irina Dolganowa, Anna Lesnjak, Irina Chasowa und Peter Steger, der mir die Tür dazu geöffnet hat.

Hanns Jasse

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Irina, meine „Gastmutter“

Treppenhäuser in russischen Mietshäusern sind oft nicht sehr einladend: dunkel, Stolperstufen, Beton, keine Bilder, häufig muffig; die Eingangstüren in die Wohnungen aus doppeltem Stahl, Farbe abgeblättert, immer mit zwei Sicherheitsschlössern versehen.

Mein Gastzimmer

Doch kaum betrete ich die Drei-Zimmerwohnung mit Balkon, umfängt mich Gemütlichkeit. Die meisten Wohnungen sind zwar klein und beengt, aber liebevoll eingerichtet. So auch die von Irina Dolganowa. Sie wohnt dort mit ihrem 18jährigen Sohn Nikita, den ich fast nie zu Gesicht bekomme, weil er stets in einem Restaurant in Küche und Service arbeitet oder mit Freunden unterwegs ist. Was soll er auch machen? Schließlich hat er sein Zimmer für zwei Wochen an den fremden deutschen Typen abgetreten, der in Wladimir Russisch lernen möchte, also an mich. Er schläft im geräumigen Zimmer seines 8jährigen Bruders Matwej. Dieser wiederum kuschelt sich nachts zu seiner Mutter ins große Bett. Die Wohnung platzt aus allen Nähten. Alles ist übervoll. Auf dem Balkon hängt die Wäsche. Aus allen Vitrinen und Regalen schauen mich Nilpferde an, Irinas Lieblingstier, in allen Größen, Formen und Materialien, ganz zu schweigen von den vielen weiteren Kuscheltieren des kleinen Matwej.

Irinas Nilpferde

Ich befinde mich plötzlich in einer  typischen russischen Familie mit einer typisch russischen Wohnung, genau so, wie ich es mir gewünscht hatte. Und obwohl ich mit Irina nur Übernachtung und Frühstück vereinbart hatte, wird daraus eine fürsorgliche Vollversorgung. Sobald ich nach Hause komme, verwöhnt sie mich mit den leckersten Dingen. Es gibt Borschtsch, Bliny (Pfannküchlein) mit Smetana (saure Sahne), Marmelade oder Fleisch, Pelmeni (Teigtaschen), geräucherten Wels (natürlich mit viel Bier oder auch Wodka), Kascha  (Buchweizenbrei) oder Müsli zum Frühstück und – zu jeder Tageszeit – Konfety (russisches Konfekt), Waffeln oder Kekse mit Tschai (Tee) oder Kaffee.  Ich lerne die russische Küche gründlich kennen.

Wkusno, lecker!

Irina ist selbständige Deutschlehrerin, Übersetzerin (Deutsch und Englisch), Dolmetscherin und Begleiterin von ausländischen Touristengruppen. So hat sie ständig zwei Mobiltelephone bei sich, um ihre Unterrichtsstunden zu organisieren, mit Reiseagenturen, Firmen oder der russischen Handelskammer zu sprechen. Da sie so ausgezeichnet Deutsch beherrscht, können wir uns wunderbar über viele Themen, über ihre Erfahrungen in Deutschland und die Situation vor Ort unterhalten. Das bereichert uns beide.

Irina Dolganowa und Matwej in Wjatkino

Als Selbständige und alleinerziehende Mutter ist es nicht einfach, für die steigenden Lebenshaltungskosten aufzukommen und für die Versorgung und Ausbildung ihrer beiden Söhne zu sorgen. Sie tut es mit vollem Einsatz und ist dabei sehr liebevoll.

Verkehr in Wladimir

Die Wohnung befindet sich in der Nähe der Bushaltestelle „Wladimirskij Gosudarstwennyj Universitet“, ein Zungenbrecher, den ich mir nur mit Mühe merken kann. Er bedeutet Staatliche Universität von Wladimir. Da ist das Bild der Haltestelle auf dem Smartphone hilfreich, das ich den Passagieren oder auch der „Konduktor“, der Schaffnerin, zeigen kann.

Ich fahre ich mit dem Trolleybus 8 oder der Marschrutka 5 in 25 Minuten zum Unterricht. Marschrutki sind privat betriebene kleinere Busse, die eine feste Linie in der Stadt bedienen. Der Fahrschein kostet 20 oder 21 Rubel (= 30 Eurocent).

Hin und wieder sehe ich Busse mit deutscher Reklameaufschrift aus bayerischen Städten. Diese verdankt Wladimir wohl der Partnerschaft mit Erlangen, denn einige Busse sind ja tatsächlich an die Stadt vermittelt worden

Übrigens ist es äußerst wichtig, auf die sechsstellige Nummer des Busfahrscheins zu schauen, bevor man ihn wegwirft. Ergeben nämlich die ersten drei auf dem Schein abgedruckten Ziffern die gleiche Summe wie die letzten drei, dann sollte man den Fahrschein zerkauen und runterschlucken. Das bringt Glück! Ja, Russen sind sehr abergläubisch. Einer Freundin ist das mit den Zahlen an einem Tag ein paar Mal passiert. Und? Hatte sie Glück? Nein, dafür aber leichte Bauchschmerzen.

Die Straßen in Wladimir sind, wie in vielen anderen Städten, breit, oft vierspurig. Es ist lebensgefährlich, einfach über die Straße zu rennen, um den Bus noch zu bekommen. Dafür gibt es Unterführungen. Autos und Motorräder sind meist mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs, und Fußgänger gelten nicht als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer. Andererseits habe ich oft an Zebrastreifen erlebt, wie Autofahrer anhalten, sobald man den Fuß auf die Straße setzt. Vorbildlich!

Anna, meine Lehrerin

So komme ich täglich zwei Wochen lang zu meiner Russischlehrerin, Anna Lesnjak, am ersten Tag natürlich fürsorglich begleitet von Irina, damit ich die Strecke kennenlerne und ja nicht verloren gehe…

Anna Lesnjak und Hanns Jasse

Anna Lesnjak ist eine nette junge Frau und Deutschlehrerin der Kindergruppe im Erlangen-Haus. Dazu hat sie ein Zertifikat zum Russischunterricht für Ausländer. Sie wohnt mit ihrem Mann in einem Hochhaus mit einem phantastischen Blick über das grüne Wladimir, auf die weiter entlegenen Vorstädte und die Mäander der Kljasma, die (leider nicht zum Baden geeignet), von Nordwest aus der Region Moskau kommt und später in die Oka, einen Zustrom der Wolga, mündet.

Anna hat den Unterricht mit mir vorzüglich vorbereitet. Den Einstufungstest finde ich schwierig, aber mit ihrer Hilfe kämpfe ich mich durch. So hat sie einen Eindruck, wo ich nach zwei Monaten Unterricht in Deutschland (einmal die Woche) stehe: sehr am Anfang. Aber das sollte sich ändern.

Annas Unterricht war sehr strukturiert, und sie hat mich mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen weitergebracht: Am Ende meines Urlaubs komme ich vier Tage allein in Moskau gut zurecht, kaufe Tickets, gehe Einkaufen, frage nach dem Weg. Ich kann schon kleine Dialoge führen. Ein guter Erfolg!

Umgestaltung des Theaterplatzes

Nach dem Unterricht gehen wir in die Stadt. Anna ist stolz, mir ihre Heimat zu zeigen. Und Wladimir ist nicht nur eine schöne Stadt, sondern auch eine der bedeutungsvollsten für die russische Geschichte. Die Stadt wurde im Jahr 990 erstmals urkundlich erwähnt. Ihre Gründung wird dem Kiewer Fürsten Wladimir Swjatoslawowitsch zugeschrieben. Ihre Bedeutung liegt darin, daß hier einer der Begründer des Altrussischen Reiches, der Rus, lebte und regierte, nämlich Großfürst Andrej Bogoljubskij. Ein Besuch im acht Kilometer entfernten Bogoljubowo (von Gott geliebt) lohnt sich.

Wladimir wurde Mitte des 12. Jahrhunderts, als Kiew seine dominierende Stellung in der Rus verloren hatte, zum Zentrum von Staat und Kultur. Es entstanden bedeutende Bauten, Befestigungsanlagen, Klöster und Kirchen. Hier war der Ort, an dem die russisch-orthodoxe Kirche ihren Patriarchensitz hatte, von hier aus entwickelte sich der Kern des großrussischen Reiches unter Vereinigung der Fürstentümer.

Anna Lesnjak und Hanns Jasse vor der Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Anna zeigt mir das Goldene Tor mit den Wallanlagen. Sie umgaben früher die gesamte Stadt auf fast sieben Kilometer Länge. Leider konnten nicht einmal sie dem Mongolensturm im 13. Jahrhundert standhalten. Wladimir wurde erobert und erlebte bald darauf seinen Niedergang. Wir sehen die stattliche Mariä-Entschlafens-Kathedrale (1158-1160), davor das Denkmal des berühmten Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360?-1430), das Schauspielhaus mit dem Backsteinbau der Dreifaltigkeitskirche (jetzt Museum für Lackarbeiten, Kristallglas und Stickerei), das Lebkuchenhaus, das Löffelmuseum, den Wasserturm, die Schmiede und das neue Symbol für Wladimir: das Denkmal für die Kirschen.

Andrej Rubljow

Und, aktuell zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018, das Maskottchen, Sobaka Sabiwaka, der Hund, der immer das Tor trifft.

Besuch im Erlangen-Haus (Erlangenskij Dom)

Anna hat mit Irina Chasowa, der Direktorin des Erlangen-Hauses, einen Termin gemacht. Ich bin gespannt auf das Haus, von dem ich so viel gelesen und gehört hatte. Es ist wirklich eine wunderbare Villa mit Garten.

Das Erlangen-Haus

Irina Chasova empfängt mich und Elina, eine Schülerin von Anna, und zeigt uns bereitwillig und mit Freude die Räumlichkeiten. Es ist ein sehr gut eingerichtetes Haus. In letzter Zeit sind einige Möbel dazugekommen. Die Lehrmaterialien sind dank der engen Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Moskau auf dem neuesten Stand. Wir können uns vorstellen, daß es Spaß macht, an diesem Ort Deutsch zu lernen.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Zur Zeit meines Besuchs waren leider Ferien, weshalb ich den Unterrichtsbetrieb nicht mitbekam und die Lehrerinnen nicht kennenlernen konnte. Aber Irina schildert ihre Arbeit so lebendig und voll Begeisterung, daß wir einen guten Eindruck davon bekommen. Und ich bedanke mich bei Irina für die Vermittlung einer so guten Russischlehrerin wie Anna Lesnjak.

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

 

 

 

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In meinem Leben hatte ich bisher schon dreimal die Gelegenheit die Sowjetunion und die Russische Föderation zu bereisen.  So erinnere ich mich gern an die abenteuerliche Fahrt auf der Transsibirischen Eisenbahn 1976 von Berlin über Moskau, Irkutsk, Chabarowsk über Nachodka nach Japan. Gute Erinnerung habe ich auch an Seminare der Friedrich-Ebert-Stiftung 2003 in Kaluga und Moskau, wo ich interessierten russischen Trägern das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und den Zivildienst in Deutschland vorstellte, und schließlich an die 1.300 Kilometer lange, wundervolle Kreuzfahrt 2014 mit meiner Frau von Moskau nach Sankt Petersburg über das Wolga-Ostsee-Kanalsystem via Onega- und Ladogasee und die Newa bis zu den Schönheiten von Sankt Petersburg.

Irina Chasowa und Hanns Jasse

Land und Leute begeisterten mich so sehr, daß ich Lust bekam, mir die russische Kultur über das Erlernen der Sprache zu erschließen. Aber wo? Als angegrauter Pensionär hatte ich keine Lust, an einem der vielen Studenten-Gruppenkurse in den großen Städten teilzunehmen. Das war mir zu viel Party und zu wenig effektiv. Also ein individueller Kurs in einer kleineren Stadt. Der Goldene Ring lockte mich sehr. Da stieß ich auf den Blog von Peter Steger, der die erfolgreiche Partnerschaft zwischen Erlangen und Vladimir so lebendig beschreibt. Über ihn erhielt ich Kontakt zum Erlangen-Haus und seiner Direktorin, Irina Chasowa. Dafür bin ich sehr dankbar, denn es folgte eine erlebnisreiche Reise im Juli und August.

Bonn –  Berlin – Moskau – Sergiev Possad – Wladimir

Das war die Reiseroute. Es empfiehlt sich für Wladimir-Reisende, die Anfahrt über Sergijew Possad zu machen. Vom Flughafen mit dem Aeroexpress (bei mir war es von Scheremetjewo zum Bahnhof Belorusskij) und dann mit der Metrolinie 5 zur Station Komsomolskaja. Von dort 500 m zu Fuß zum Jaroslawsker Bahnhof (Startbahnhof nach Sergijew Possad). In nicht einmal eineinhalb Stunden ist man mit dem Vorortzug am Ziel. Dort bietet sich einem dieser atemberaubende Anblick.

Sergijew Possad

Sergijew Possad ist das spirituelle Zentrum und seit 1946 Hauptsitz der russisch-orthodoxen Kirche. Die Klosteranlage, der Dreifaltigkeit des Heiligen Sergij geweiht, ist von einer 1.300 m langen Mauer umschlossen. Das Kloster wurde im 14. Jahrhundert vom Heiligen Sergij von Radonesch gegründet. In der 1423 errichteten Dreifaltigkeitskirche liegt das Grabmal des Eremiten. Die Ikonostase ist ausgestaltet von dem berühmtesten aller Ikonenmaler, Andrej Rubljow, der auch in Wladimir wirkte.

Die Dreifaltigkeitskirche, im Vordergrund Touristen und Pilger an der Heiligen Quelle

In den vielen Kirchen der Klosteranlage tummeln sich Touristen aus aller Welt und Pilger, die das Wasser der Heiligen Quelle trinken, es abfüllen oder darin baden. Die Lawra, ein russisches Kloster des allerhöchsten Rangs, beherbergt viele Kapellen und Kirchen, ein Priesterseminar, Zarengemächer, das Grabmal des Zaren Boris Godunow, die Residenz des orthodoxen Patriarchen und wird von einem 80 Meter hohen Turm, überragt, der weithin sichtbar ist. Wegen der vielen Besucher gibt es Restaurants und Läden mit Devotionalien, Kitsch und edlem Schmuck. Ein einziger Bazar!

Mariä-Entschlafens-Jathedrale (1559-85, erbaut von Iwan IV, dem Schrecklichen)

Sogar der russische Präsident, Wladimir Putin, mit seinem chinesischen Kollegen Xi zeigt sich im Klosterladen in einem Meer von Schmuck und nachempfundenen Fabergé-Eiern.

Sergijew Possad, in der Sowjetzeit Sagorsk genannt, ist eine Stadt von 100.000 Einwohnern in einer hügeligen Landschaft, berühmt für die Matrjoschkas. Seit 1904 werden sie hier massenhaft produziert. Im Spielzeugmuseum kann man die Entwicklung der Puppen anhand vieler verschiedener Modelle verfolgen.

Historisches Museum in Sergijew Possad

Für den Besuch der Klosterstadt empfiehlt sich als Unterkunft das Hotel Aristokrat (über http://www.hotels.com unbedingt das Turmzimmer buchen mit Blick auf die Lawra, Kosten: ca. 60 Euro für zwei Nächte).

Dort lernte ich den jungen Priester Kirill aus Wladimir mit seiner Frau Lidia und ihrer sechsjährigen Tochter kennen. (Geistliche dürfen heiraten, das Zölibat gilt nur für Mönchspriester.) Er hatte eine Pilgerfahrt organisiert, und so konnte ich mit Dmitrij, dem Taxifahrer der Gemeinde, und zwei russischen Pilgerinnen über Alexandrow mit dem Besuch eines weiteren Klosters nach Wladimir fahren.  Meine kärglichen Russischkenntnisse wurden dabei auf eine erste Probe gestellt.

Alexandrow

Nach vier Stunden endlich am Ziel, in Wladimir. Was würde mich hier erwarten? Dmitrij brachte mich genau vor die Tür meiner Gastgeberin, Irina Dolganowa. Sie begrüßte mich mit „Dobro poschalowat! Herzlich willkommen!“

Hanns Jasse

Fortsetzung folgt.

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