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Archive for the ‘Sport’ Category


Wladimir ist ja nie um eine gute Idee verlegen, gleich ob es um Kultur oder Sport geht. Am besten gelingen die Einfälle in der Verbindung beider Felder in der Verbindung mit dem Kulinarischen. Beispiel gefällig?

Bastschuhe ohne Stollen

Wladimir läuft sich bereits warm für die Fußballweltmeisterschaft. Und da in der Partnerstadt keines der Länderspiele der FIFA ausgetragen wird, übernimmt die einstige Kapitale der Rus die Rolle der Kulturhauptstadt. Ganz offiziell, vom Sportministerium in Moskau so beschlossen. Auch wenn die lokale Elf nur in der 2. Liga spielt und Fußball ja auch eigentlich nicht als der Nationalsport gilt, läßt man in Wladimir den Ball rollen und pfeift diese fünfte Saison in Bastschuhen an. Ein traditionelles russisches Schuhwerk ohne Stollen, in dem es sich erstaunlich bequem läuft, fast wie barfuß, das aber sicher nicht für das Kicken erdacht und gemacht wurde.

Bastschuhe am männlichen Fuß

Erst recht nicht geeignet für Füße, sollte man meinen, die vor mehr als vierzig Jahren zum letzten Mal in Ballberührung kamen, also ein wenig aus der Übung geraten sind. Und dann das: Ausgerechnet der krasse Außenseiter hat das einzige Tor seiner Mannschaft auf dem bastbeschuhten Fuß und legt den einzigen Paß vor, der dem Team die Ehre hätte retten können. Wenn da nicht… Aber davon später.

Peter Steger, Anna Schukowa und Andrej Schochin

Eingeladen hat Anna Schukowa zu dem Turnier „Foodball“, die Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes der Region Wladimir, und gekommen sind gestern am späten Vormittag nicht nur die Honoratioren der Partnerstadt wie Oberstadtdirektor Andrej Schochin, sondern Spitzenköche aus sechs Ländern: aus der Türkei, aus Aserbaidschan, aus Serbien, aus Kroatien, aus Slowenien und Wolfgang P. Menge aus Seidwitz bei Creußen in Oberfranken, umständehalber und kurzerhand für die Partnerschaft unwidersprochen eingemeindet.

Peter Steger und Wolfgang P. Menge

Der Vorsitzende der deutschen Euro-Toques, der schon für die Bundeskanzlerin kochte, kann es  sich im Ruhestand leisten, nur noch für kleine Gesellschaften bis zu zwölf Personen den Löffel zu rühren und ist ansonsten viel unterwegs, um sich in aller Welt für seine Gäste Anregungen zu holen. Nun, bei seinem ersten Besuch am Goldenen Ring, zeigt er sich voll des Lobes für die geschmacklich so vielfältige und optisch überaus ansprechende Küche der Gastgeber. „1 A ist hier alles“, so sein kurzes Fazit.

Internationales Köcheteam

Aber gemeinsam auf den Rasen? Und dann noch in derartigem Schuhwerk? Wolfgang P. Menge nimmt es gelassen, geht es ruhig an – wie die übrigen Athleten übrigens auch. Es geht ja um den Spaß an der Gaudi.

Peter Steger im Interview mit dem 1. Russischen Kanal

Ein Spektakel übrigens auch, an dem bei frischem Frühlingswetter nicht nur die lokalen Medien großes Interesse zeigten.

Peter Steger in der Grätsche

Als dann aber das Los entscheidet, daß die internationale Kochauswahl gegen die heimischen Küchenmeister gleich im ersten Spiel antreten soll, packt die Gäste doch der sportliche Ehrgeiz. Schon nach der ersten Angriffswelle wird allerdings klar, wer die Partie dominiert. Rasch fällt denn auch das erste Tor, und am Ende der beiden Halbzeiten zu zwölf Minuten ist die Sache mit 5:0 eindeutig entschieden. Zu behende und variantenreich gingen die Gastgeber zu Werke, zu erfolgreich waren sie regelmäßig im Abschluß.

Peter Steger beim Torschuß – an den Pfosten

Dabei mangelte es der wenig glorreichen Sieben weniger an Chancen als vielmehr an Fortune. Immerhin wäre in den letzten Augenblicken der Begegnung beinahe noch der Ehrentreffer gelungen, kommentiert von Wiktor Gusjew, dem bekanntesten russischen Sportkommentator, mit dem einprägsamen Stabreim „Штегер в штангу – Steger an den Pfosten“. Und dann auch noch ein Traumpaß aus Erlangen zum slowenischen Stürmer, der unglücklich vergibt.

Die glücklichen Verlierer des Turniers

Dennoch: Bei der Siegerehrung mit vier Mannschaften fühlen sich dann doch alle vier Teams als Sieger, auch wenn die Mannschaft von Metro Cash & Carry Wladimir ganz oben auf dem Treppchen zu stehen kommt. Und gesiegt haben auf jeden Fall die Gastfreundschaft und die Völkerverständigung.

Türkisch-russische Gastfreundschaft

Wer gut spielt, soll auch gut essen. Dafür war gestern im Stadion Lybjed, gleich hinter dem Erlangen-Haus gelegen, bestens gesorgt. Die Köche aus den elf Austragungsorten der Weltmeisterschaft hatten auch ihre lokalen Spezialitäten mitgebracht und damit gewissermaßen die gastronomische Karte Rußlands ausgerollt. Welch ein Genuß für Gaumen und Augen. Man kann da nur Schwelgen und Schwärmen.

Tischlein-deck-dich auf Russisch

Denn die russische Küche hat viel mehr zu bieten, als gemeinhin angenommen, bietet auch andernorts völlig unbekannte Getränke wie den vitaminreichen Birkensaft, der just in dieser Jahreszeit gesammelt wird, oder macht Lust auf eingelegte Pilze mit Backwaren, die offenbar noch ganz ohne Geschmacksverstärker auskommen.

Der Fußballhimmel über Wladimir

So war denn auch reichlich Prominenz aus Moskau vertreten, um nicht nur zu degustieren, sondern auch über die Medien zu propagieren: Die Fans können kommen, die Stadien werden rechtzeitig fertig, und es ist angerichtet, denn der Mensch lebt nicht vom Fußball allein.

Kulinarisches Stilleben mit Samowar

Was kann man Schöneres berichten am Internationalen Tag der Städtepartnerschaften – ja, auch dergleichen gibt es! -, wenn sogar das Auswärtige Amt in Berlin vermerkt, die bürgerschaftlichen Beziehungen, die Volksdiplomatie, spiele eine wichtigere Rolle denn je.

Igor Kechter, Fjodor Lawrow und Peter Steger

Da ist denn auch die Ankündigung von Fjodor Lawrow, Leiter des Instituts für Tourismus Wladimir, von Bedeutung, daß sich dieser Tage in Susdal Rotarier aus der ganzen Welt auf seine Einladung hin treffen, unterstützt von Igor Kechter, dem ehemaligen Stadtdirektor der heimlichen Hauptstadt des Goldenen Rings, der nun dort ein Restaurant betreibt. Seine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Partnerstadt Rothenburg o.d.T.  – heuer steht übrigens das dreißigjährige Jubiläum an – hat Spuren hinterlassen.

Es ist angerichtet

Am Abend dann ein Empfang für alle Aktiven auf dem Feld und an dessen Rand – im Hotel Wosnesenskaja Sloboda. Ein Festschmaus für Augen und Zunge.

Wiktor Gusjew und Peter Steger

Mit dabei Wiktor Gusjew, die Stimme des russischen Fußballs, der sich über ein kleines Präsent, das in Erlangen entwickelte Quartett zur Fußballweltmeisterschaft, sehr freut, denn sein sechzehnjähriger Sohn sammelt ausgerechnet Kartenspiele.

Anna Schukowa

Zufrieden dann denn auch Gastgeberin Anna Schukowa, die es meisterhaft versteht, die russische Gastlichkeit zu verbreiten. Man kann ihr nur viele zufriedene Gäste aus aller Welt wünschen.

Wodka aus dem Eichenfaß

Die bekommen dann vielleicht auch einen selbstgebrauten Wodka kredenzt. Ein Jahr lang reifte er in Fässern aus einer besonderen Eiche, die nur im Raum Krasnodar wächst und dem Klaren die ungewöhnliche Farbe verleiht. Vom Aroma ganz zu schweigen.

Regenbogenhimmel über der der Auferstehungskirche

Es verwundert dann auch gar niemanden mehr groß, wenn selbst der Himmel in Feierlaune gerät und Wladimir unter seinen Regenbogen stellt. Wo sollten Himmel und Erde schöner aufeinandertreffen als hier!

Fußballtorte zum Ausklang

Es bleibt der Aufruf frei nach dem Jubilar Karl Marx: „Köche aller Länder, vereinigt euch und kommt nach Wladimir!“

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Zwei Monate vor dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft lieferte die Druckerei nun dieser Tage ein Quartett aus, das sicher das Zeug hat, von Erlangen aus zu einem Stürmer unter den Fanartikeln zu werden. Exklusiv für den Blog stellten die beiden Spiele-Entwickler, Erik Thomas und Till Fichtner, gestern die neueste Auflage ihrer Erfindung vor: die erste russischsprachige Ausgabe.

Erik Thomas und Till Fichtner

Seit 2006 gibt das Kreativ-Duo zu jeder Weltmeisterschaft ein überarbeitetes, jeweils auf das Gastgeberland und die teilnehmenden Mannschaften abgestimmtes Quartett heraus: nun, in der vierten Runde, erstmals nicht auf Deutsch, sondern auf Russisch – in der Übersetzung von Aljona Tarassowa.

Quartett der Fußball-Weltmeisterschaft

Wer also russische Gäste erwartet, sich selbst auf den Weg in eines der Stadien zwischen Kaliningrad und Wolgograd macht oder einfach gern einmal zwischen den TV-Übertragungen eine Runde Karten spielt, macht sich und anderen mit dem Quartett eine Freude, denn es handelt sich dabei um etwas, das „mit einem Augenzwinkern Fußballfreunde für Fußballfreunde“ – offenbar mit viel Spaß an der Sache – entworfen haben.

Das Quartett der Fußball-Weltmeisterschaft und seine Regeln

Da erhalten nämlich Mannschaften schon mal Attribute wie „Brasilienbändiger“, „Stammgäste“ oder „Agenten des Siegs“. Aber man sollte auch Detailwissen mitbringen oder, will man denn gewinnen, zumindest die Bereitschaft, sich dieses anzueignen. Denn die beiden Fußballhistoriker haben in das Spiel sämtliche WM-Daten aller seit der ersten Austragung im Jahr 1930 teilnehmenden Länder eingearbeitet. Eine Fleißarbeit, die sich gelohnt hat und mit einem Stückpreis von fünf Euro wohl nicht über Gebühr entlohnt wird. Bestellungen – auch auf Deutsch – unter erik-driggo@web.de

 

 

 

 

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Kaum jemand aus Wladimir dürfte bisher mehr für den Sportaustausch mit Erlangen geleistet haben, als der pensionierte Turnlehrer Michail Tschischow, der noch als Mitglied des „Komsomol“ Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre erste Begegnungen seiner Schule Nr. 38 mit der Wirtschaftsschule veranstaltete. Seither begleitet er fast im Jahresrhythmus Gruppen nach Erlangen auf der Suche nach neuen Sportkontakten für Jugendliche.

Susanne Lender-Cassens mit der Gruppe von Michail Tschischow, zwischen Doris Höhle (ganz links im Bild) und Peter Steger

Gleich nach der Ankunft am Mittwoch ging es zum Empfang ins Rathaus, wo sich Sportbürgermeisterin, Susanne Lender-Cassens, über den Besuch aus Wladimir freute, der wieder einmal zeige, wie wichtig diese Begegnungen gerade in politisch schwierigen Zeiten seien. Zumal dann, wenn man gleich gemeinsam Pläne für die Zukunft des Austausches machen kann: Zum Schülertriathlon am 21. Juli will Wladimir ein Team schicken, und gerne hätte man auch Kontakte im Bereich Jugend-Basketball. Wenn die Gruppe am Ostersonntag wieder die Heimreise antritt, dann bestimmt schon mit ersten Vorstellungen, wie diese Ideen möglichst bald Gestalt annehmen.

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Auch wenn die Ergebnisse zur frühen Morgenstunde noch nicht vorliegen – sicher später einzusehen unter http://www.winterwaldlauf.de -, hier doch schon ein kleiner Bericht vom gestrigen 18. Winterwaldlauf in der Brucker Lache, an dem nach einem Jahr Pause wieder ein Team aus Wladimir teilnahm.

Witalij Galkin und John Stackmann

Erstmals dabei auch Kinder, Angelina und Daniil Schazkich, die beim Lauf um den Johnny-Pokal antraten, während ihre Mutter, Olga Schazkich, die 10-km-Distanz absolvierte.

Angelina und Daniil Schazkich mit John Stackmann

Seit langer Zeit einmal wieder wurde der Lauf seinem Namen gerecht: Winterlich ging es zu bei der Null-Grad-Grenze und einem unangenehm naßkalten Ostwind, der freilich dank dem Parcours durch den Wald nur auf der kurzen Strecke vor und nach dem Ziel so richtig auf das Läuferfeld einblies.

Olga Schazkich, Olga Gorodnitschewa, Alexander Uschakow, Anton Woroschanow und Roman Tschernow

Doch der Stimmung tat das natürlich keinen Abbruch. Und auch nicht der sportlichen Leistung.

Olga Gorodnitschewa im Ziel

Alle erwachsenen Gäste aus Wladimir liefen übrigens die 10-km-Strecke, mit Ausnahme von Witalij Galkin, der am 15-km-Lauf teilnahm. Übrigens jemand mit Erlangen-Erfahrung, hatte er doch schon einmal den Philosophen und Religionswissenschaftler Jewgenij Arinin bei einer seiner Forschungsreisen hierher begleitet.

Peter Steger im Ziel

Noch eine Besonderheit des diesjährigen Wettbewerbs: Es war dies die bisher jüngste Mannschaft aus Wladimir. Also ein Wechsel auf die Zukunft des Sportaustausches, der nun so richtig gut eingelaufen ist.

Elisabeth Preuß und Peter Steger bei der Übergabe der Gastgeschenke an das Team Wladimir: Pawel Tschernow, Alexej Nikitin, Anton Woroschanow, Alexander Uschakow und Witalij Galkin sowie Olga Schazkich und Olga Gorodnitschewa

Und noch etwas war anders als in den Vorjahren. Es gab dieses Mal keinen Freundschaftspokal, sondern einen Partnerschaftsteller für das Team – aus den Händen von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die nicht nur die zehn Kilometer gelaufen war, sondern auch die Gäste am Ende noch begrüßte. Das dann schon wieder in guter alter Tradition.

Nachtrag: Olga Schazkich hat sich in ihrer Altersgruppe W35 mit einer Zeit von 0:51:37 den ersten Platz erlaufen. Gratulation!

 

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In 168 Tagen ist es wieder so weit: Start frei für den zweiten Halbmarathon in Wladimir. Nach dem großen Erfolg der Premiere im Vorjahr beschlossen die Veranstalter, den Lauf regelmäßig im Herbst auszutragen und die Fortsetzung auf Samstag, den 8. September, zu legen – mit einem leicht abgeänderten Kurs auf drei Runden durch die Altstadt und entlang der Hauptstraße.

Streckenführung Halbmarathon Wladimir

Der Parcours, den man übrigens auch auf der 10-km-Distanz absolvieren kann, verläuft durch die beiden Stadien im Zentrum und vorbei an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Partnerstadt, bietet also die schönsten Reize für alle Sinne. Teilnehmer aus Erlangen sind von den Startgebühren befreit, und noch gibt es für den Halbmarathon 702 bzw. 674 Nummern für die Zehner-Runde zu vergeben.

Wladimirer Halbmarathon

Im Rahmen der Städtepartnerschaft wird vom 6. bis 10. September wieder eine Laufreise angeboten, zu der Anmeldungen unter peter.steger@stadt.erlangen.de bis zum 1. Mai möglich sind. Die Kosten für Flug, Transfers und Unterbringung werden bei ca. 500 Euro liegen, sind allerdings erst nach Eingang aller Anmeldungen genau zu beziffern.

„Team Erlangen“ beim Halbmarathon 2017 in Wladimir

Beim Winterwaldlauf in der Brucker Lache am kommenden Samstag ist Wladimir übrigens mit einem zehnköpfigen Team vertreten. Damit im Herbst auch eine ähnlich starke Gruppe in die Partnerstadt reisen kann, wird um fleißige Mundpropaganda gebeten. Wie schön es nämlich sein kann, zeigt der Bericht aus dem Vorjahr unter: https://is.gd/PSdYnl

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Erzählt man von Sibirien und dem Baikal, gerät man rasch in eine Endlosschleife von Superlativen, die all jene, die nie Gelegenheit hatten, Land und Leute kennenzulernen, rasch wie eine Aneinanderreihung von außer Rand und Band geratenen Übertreibungen anmuten können. Dabei ist es ganz anders: Dieser Teil der Erde sprengt einfach die Vorstellungskraft von uns kleinteiligen Westeuropäern, ist nicht geschaffen für unseren Begriff von der Welt, sprengt jedes Bild, das wir uns von ihm zu machen versuchen, bleibt noch weiter hinter jede Hyperbel zurück.

Der Ostsajan aus dem Busfenster gesehen

Allein das Ostsajangebirge, hinter dem schon die Mongolei liegt und in dessen westlichem Schatten der Baikal auf sein burjatisches Ufer trifft, verdiente mit der tausend Kilometer langen Kette von Gipfeln jede denkbare Steigerungsform. Aber es bleibt keine Zeit für die Kavalkade von acht Kleinbussen, die um 8.00 Uhr vom Hotel in Baikalsk startet – übrigens, zurückhaltend formuliert, ein Wintersportzentrum, das den Vergleich mit Skiparadiesen in den Alpen nicht zu scheuen braucht -, wo die mittlerweile 140köpfige Gruppe ihr Nachquartier bezogen hatte. Ausgestattet mit zwei Rufnummern für den Notfall, der im Vorjahr, beim 13. Marathon, tatsächlich eingetreten war: Ein 35jähriger Russe, der noch nie diese Distanz gelaufen war, wollte es sich selbst beweisen, übernahm sich und überforderte sein Herz. Dieser Todesfall machte die Veranstalter vorsichtig. Neben einem ärztlichen Attest wird auch der Nachweis über bereits absolvierte Läufe mit Mindestzeiten gefordert, um zugelassen zu werden.

Zum Start in Tanchoje

Ein sibirisches Hoch, Sonne und Schnee, ist man zu denken versucht, wenn man die Bilder sieht. Aber der Wetterbericht meldete am Morgen: „Heute ist es kälter als gestern“. In Zahlen: Knapp unter -20° C hatte es gestern gegen 10.45 Uhr am Start in Tanchoje. Was aber fehlte in der Vorhersage, war der Wind, den so auch die Veranstalter bei aller lobenswerten Vorbereitung und Durchführung des Laufs nicht auf der Rechnung hatten. Ein Wind wie aus einem Nachtmahr von Sir Francis Beaufort.

Zum Start

Was als steife Brise begann – es sei vorweggenommen -, wuchs sich auf der Trasse zu einem veritablen Schneesturm aus, der die Schiedsrichter veranlaßte, das Rennen auf halber Strecke bei Kilometer 21 abzubrechen. Nur einem einzigen Läufer – er hatte das Feld angeführt – war es gelungen, die ganze Distanz zurückzulegen. Er war schneller als die Veranstalter die Entscheidung fällen konnten… Ein bitterer Entschluß, aber gerechtfertigt. Leider hielt die Batterie der Kamera von Jenoptik den Extrembedingungen auf dem Eis des Baikal nicht stand, weshalb keine Bilder von der Strecke verfügbar sind. Der Leser folge also den bloßen wörtlichen Schilderungen auf Treu und Glauben.

Alles bereit zum Start

Schon nach den ersten Metern ließ sich eine deutschsprachige Läuferin mit den keuchenden Worten vernehmen: „Das ist doch gar nicht zu schaffen, da kommt man ja nie durch…“ Sie schaffte den Halbmarathon dann übrigens in dreieinhalb Stunden und war enttäuscht, nicht die volle Strecke laufen zu können. Aber die ersten fünf Kilometer – das räumten auch winterharte Sibirjaken ein – forderten wirklich alles, was man an Kraft aufbieten konnte. Wohl dem, der da an den Hängen in Richtung Kalchreuth oder den Steigungen des Burgbergs tapfer trainierte, und wohl dem, der die Fastenzeit dazu nutzte, den Appetit zu zügeln. Schwere Läufer hatten gestern nämlich einen schweren Stand. Die Trasse war nur gespurt, nicht gewalzt, und mit roten Fähnchen markiert. Der Schnee butterweich, ohne rechten Halt zu bieten. Jeder Schritt zählte für mindestens zwei. Nur nicht zu tief im Weiß versinken. Es dauerte, bis man da seinen Rhythmus fand und vor allem die Stelle und Lücke, wohin man den Fuß am besten setzte, um möglichst Energie zu sparen. Der so unberechenbare Wind blies dabei immer heftiger von Südost, bis er schließlich ganz auf Osten drehte. Mit einer unerwartet erfreulichen Wendung: Die позёмка, also der Schneesturm bei blauem Himmel, einem sibirischen Phänomen, verwehte zwar die Spur, so daß zum Teil nur noch mit Mühe die Begrenzungsfähnchen zu sehen waren, aber daneben taten sich immer einmal wieder freie Eisflächen auf – der ideale Untergrund für die Icebugs mit ihren Spikes und, wie sich herausstellte, einer unglaublich guten Wärmeisolierung -, mehr aber noch tauchten nun aus dem weißen Meer kleine Strecken mit einem feinen Harsch, einem brüchigen Firnis auf, der mancherorts dazu verlockte, wieder ein wenig Tempo zu machen. Bis zum nächsten Einbruch der Decke, bis zur nächsten Verwehung mit feinstem Pulverschnee, vergleichbar nur mit dem lockeren Sand am Strand der Kurischen Nehrung.

Das „Team Erlangen“ mit Peter Steger startklar

Ein Lauf auf Sicht also mit viel Unvorhergesehenem, zumal sich der Horizont immer enger schloß, bald alles im Schneesturm wie im Nebeldämmer versank. Aber noch sind wir bei Kilometer 5, wo der Wind erst so richtig zulegte und ganz auf Ost drehte, spürbar daran, daß das rechte Auge nur noch Weiß sah und sich buchstäblich zusehends zu einem schmalen Schlitz verwandelte. Zeit, die Skibrille aufzusetzen, die tatsächlich auch gleich Abhilfe schuf. Verstand und Selbsterhaltungstrieb funktionierten also noch. Zugleich aber stieg eine überwältigende Welle unbändiger Euphorie auf, die den verwegenen Gedanken gebar: „Warum nicht den ganzen Marathon laufen und sich selbst und das am Westufer wartende „Team Erlangen“ überraschen?“ Ein Moment, wo alles, sogar dieser Durchmarsch, möglich schien. Für die erste Labestation auf Kilometer 7 blieb denn auch nur ein freundliches Winken, weder Tee noch fester Kraftstoff konnten locken, weiter sollte es gehen, immer weiter… Endlich im eigenen Rhythmus mit gleichmäßigem Atmen, das ungeachtet der frostigen Luft durch Mund wie Nase ohne Anstrengung gelang. Die Kleidung – vom Schuhwerk war schon die Rede – erwies sich als ideal kombiniert, kein Schwitzen, kein Frieren. So konnte es weitergehen, bisweilen sogar mit Beschleunigungsintervallen und mit gutem Tempo, im vorderen Mittelfeld positioniert – bis zum nächsten Halt bei Kilometer 15. Da täte ein Schluck warmen Tees sicher gut, und vielleicht ein Stück Käse, eine Handvoll Nüsse, ein kleiner Plausch mit den winkenden Mädels, die hier am Gabentisch ausharrten. Doch die Blicke wirkten besorgt: „Geht es Ihnen gut?“ – „Ja! Klar! Bestens!“ Ohne Zögern. „Aber Ihre Nase ist ganz weiß! Die sieht aus wie erfroren“, so die keinen Widerspruch duldende Diagnose, bestätigt von einem Kollegen. „Ist das schon das Ende? Nehmen sie dich jetzt vom Rennen?“ So schlimm kam es dann doch nicht: „Ab in die Wärme!“ so die Therapie. Da saßen schon einige in dem bereitstehenden Luftkissenfahrzeug und harrten der Dinge, die da kommen sollte, manche wohl auf den Heimtransport… Da besann sich der Erlanger der Mund- und Nasenmaske, die ihm Jelena Bruk am Vortag zugesteckt hatte – „für den Notfall, wenn es wirklich eisig wird!“ – schnallte sie sich um und war keine fünf Minuten später wieder auf der Trasse – ob mit Wissen der aufmerksamen Streckenwärter oder nicht. Jedenfalls nicht mehr so naseweis wie zuvor…

Ankunft in Listwjanka

Der stete Ostwind zeigte keine Gnade und bewies wütig dem letzten Zweifler, was in ihm steckte. Es war ein Wehen ohne Stehen, ein Treiben ohne Bleiben. Der Schnee kreiselte, sprang, hüpfte, zog ganze Schleier über das unabsehbare Eis, verfinsterte die Sicht auf die schemenhaften Läufer vor einem. Fast scheute man sich, zum Überholen anzusetzen, weil dann wieder für längere Zeit die Orientierung für die Entfernungen fehlte. Und weil man dann wieder ganz alleine war, alleine mit sich, dem Wind, der Kälte, dem Schnee, dem Eis – und dem Wunsch durchzuhalten. Auf den letzten Kilometern zeigte denn auch der Extremlauf spürbar Wirkung. Kein Gedanke mehr daran, bis nach Listwjanka die 42 km durchzulaufen. Es blieb nur noch der eiserne Wille, Kilometer 21 zu erreichen. Immer wieder stolpernd, wenn eine Schneewehe übersehen wurde oder einer jener gefürchteten Risse im Eis, die Barrieren errichten, erst zu erkennen, wenn es fast zu spät ist. Dabei stets das Heulen des Ostwinds im rechten Ohr, gut geschützt unter der Maske. Und eine umständebedingte Besonderheit: kein anfeuerndes Publikum am Wegesrand, nur der eigene Atem, das Knirschen der Schritte und Sprünge sowie die treuen Begleiter Eis und Schnee und Wind unter einer ohnmächtig fahlen Sonne.

Peter Stegers Zieleinlauf nachgestellt

Des Chronisten Kunst scheitert an der Beschreibung des Glücksgefühls beim Einlauf mit einer persönlichen Fabelzeit von zwei Stunden und 20 Minuten, wo es doch auf Tempo gar nicht ankommt bei diesem Lauf, der wohl jedes Mal andere Bedingungen und Herausforderungen an die Teilnehmer stellt. Viel länger als das Rennen durch Eis und Schnee dauerte dann leider die Weiterfahrt im warmen Luftkissenfahrzeug, denn die Organisatoren hatten ja ursprünglich vorgesehen, nur die Halbmarathon-Läufer auf diesem Weg nach Listwjanka, ans Westufer des Baikal, zu bringen. Nun fehlte es an Kapazitäten, und wie es die Umstände eben so wollten, mußte der tapfere Rest des „Teams Erlangen“ Stunde um Stunde auf das Eintreffen von Nummer 129 warten.

Im Ziel: Jelena Bruk, Peter Steger, Elisabeth Preuß und Fredi Schmidt

Das tat der Stimmung freilich keinen Abbruch. Übergroße Freude, Gratulationen, Umarmungen. Ein starkes Team! Danke für diese großartige Unterstützung. Danke an dieser Stelle besonders auch an die eigene Frau, die manches Mal hat schlucken müssen, wenn der laufwütige Gatte einmal wieder in Richtung Wald davonrannte, und die dennoch von Beginn an das „Unternehmen Baikal“ von Herzen unterstützte, für die richtige Kleidung sorgte, von zu Hause aus mitfieberte. Es hat sich gelohnt. Unüberbietbar. Der Lauf des Lebens. „Ein Traum“ eben, wie Fredi Schmidt das formulierte. Mehr zur Veranstaltung unter http://www.baikal-marathon.org

Peter Steger, Jelena Bruk, Fredi Schmidt und Elisabeth Preuß in Listwjanka

Ein Nachwort noch zum Traum: Sie erinnern sich an jenen Moment der Hybris, als der Läufer noch glaubte, den ganzen Marathon zu schaffen. Es ist ja vielleicht ganz gut, wenn sich nicht gleich alle Träume erfüllen. Manche brauchen eben noch etwas Zeit und Kraft. Nur „einmal im Leben sollte man schon einen Marathon laufen“, so einer der beiden einzigen Athleten aus dem Feld, die älter waren als die Nr. 129, ein drahtiger Mittsechziger aus Irkutsk. Kommt Zeit, kommt Rat. Aber vielleicht sollte dieser Lauf ja auch wirklich in dessen Wortes ganzem Sinne einmalig bleiben.

Bleibt nur noch – und das ist nun des Bloggers schönste und edelste Pflicht – allen Leserinnen zum Internationalen Frauentag zu gratulieren. Schön, wunderschön, daß es Sie und Euch gibt. Bleibt uns Männern bitte auch zukünftig gewogen, selbst wenn wir es unseren Frauen beileibe nicht immer einfach machen, wofür dieser Lauf nur ein Beispiel für viele ist…

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Zwei Dutzend unterschiedliche Winde identifizieren und benennen die Meteorologen am Baikal, und keiner weht wie das himmlische Kind, alle sind sie Berserker und Gesetzeslose, die alle packen und schütteln, die, aus ihren Schluchten herabbrausend, über alle, die sich ihnen entgegenstellen, herfallen, sie zum Zweikampf fordern… Der verhängnisvolle Sack des Äolus ist wahrscheinlich doch nicht im Mittelmeer, sondern unmittelbar über dem Baikal geöffnet worden. Allesamt bestimmt uneheliche Söhne des Boreas.

Wegweiserinnen zum Marathon

Das klang noch freundlicher um die Mittagszeit bei der Abholung am Flughafen Irkutsk, wo die letzten angehenden Eisheiligen des gut 120köpfigen internationalen Felds (viele aus Frankreich und Deutschland) im Laufe des Tages eintrafen und auch das „Team Erlangen“, nun schon leider in der Einzahl und dem Motto getreu „jeder macht seinen Lauf“, dazustieß. Im letzten Kleinbus der Organisatoren ging es darauf immer in Richtung Ulan-Ude, der Hauptstadt der Teilrepublik Burjatien, durch alpine Landschaften bis hinunter zum Südzipfel des Baikals, wo es dieser Tage – und vor allem Nächte – zehn Grad unter der ohnehin nicht eben behaglichen Normaltemperatur hat. In Zahlen will man das lieber nicht ausdrücken, vor allem nicht in gefühlten bei dem unbarmherzig angesagten Nordostwind gleich welchen Namens und sonstiger Provenienz.

Wegweiser nach Moskau und Wladiwostok

Nur noch für alle, die in Erdkunde nie so recht aufmerkten. Der morgige Start findet in Tanchoje statt, ungefähr auf halber Stecke zwischen Moskau und Wladiwostok, an der Transsibirischen Eisenbahn gelegen und von besagten und beklagten Winden an die Ostküste des Sees der Seen gedrückt.

Nichts vergessen? Ob das reicht?

Die Organisatoren versprechen sieben Labestationen auf der Strecke, wo das Solo-Team aus Erlangen hofft, bei Kilometer 21 ohne massive Unterkühlung und Entkräftung anzukommen und ohne Hilfe in ein Luftkissenfahrzeug steigen zu können, das auch die „halben Portionen“ bis ins Ziel bei Listwjanka am gegenüberliegenden Ufer bringt. „Der Kurs ist schwierig diesmal“, gibt der Veranstalter durch. Da sei all jenen, die einen Schwächeanfall erleiden oder Wind und Kälte nicht länger trotzen wollen, die Stärke gegeben, sich über die angegebenen Mobilnummern Hilfe zu holen. Obwohl: Gekommen sind sie ja alle von so weit her, um ihr sportliches Trotzdem zu beweisen. Es möge auch allen gelingen.

 

 

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