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Archive for the ‘Politik’ Category


Ende März hatte sich die erneuerte Leitung des 2007 gegründeten „Rates zur Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung“, der dem Präsidenten des Landes zugeordnet ist, konstituiert. Im Führungsgremium – Sergej Sacharow, von 2011 bis 2015 Oberbürgermeister von Wladimir und seit 2016 Oberstadtdirektor von Susdal.

Sergej Sacharow, vierter v.l.

Bei der Jahresversammlung am 5. August in Kirow schlug der Lokalpolitiker nun Wladimir Putin vor, das Finanzsystem für kleine Städte von historischer Bedeutung dahingehend zu ändern, daß ein größerer Anteil der Steuern auf Einkommen, Besitz und Grund vor Ort verbleibt. Bleibe alles wie bisher, fehle das Geld, um – meist ohne viel Gewerbe oder gar Großbetriebe – all die zusätzlichen Aufgaben von touristisch attraktiven Gemeinden zu erfüllen. Vom Gesamtaufkommen der drei genannten Steuern dürfe Susdal bisher gerade einmal 10% im eigenen Haushalt verwenden, der Rest gehe zu 5% an den Landkreis Susdal und zu 85% an das Gouvernement Wladimir. Laut der Nachrichtenagentur RIA habe das Staatsoberhaupt zunächst gescherzt, wenn man in dem Bereich etwas verändere, werde sich jede Kleinstadt als historisch bedeutend erklären, fügte dann aber doch im Ernst dazu, es lohne über den Vorschlag nachzudenken, zumal „wir nur ein Susdal haben“. Und das „russische Rothenburg“ begeht ja 2024 das tausendjährige Gründungsjubiläum, soll also in all seinem historischen Glanz erstrahlen. Durchaus möglich deshalb, daß der gute Rat aus Susdal Wirkung zeigt.

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Am 30. Juli 1937 begann in der bereits 20 Jahre vorher durch den Roten Terror erschütterten Sowjetunion der Große Terror mit dem Befehl des Innenministeriums unter der Bezeichnung „Über die Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“ eine beispiellose Welle der „Säuberungen“, die bis zu ihrem blutrünstigen Kamm im November 1938 etwa eineinhalb Millionen Menschen in die Straflager spülte, wenn diese nicht – etwa die Hälfte von ihnen betraf das wohl – gleich standrechtlich hingerichtet wurden. Die Unrechtsurteile fällte in der Regel eine Troika – unter Ausschluß der Öffentlichkeit, oft auch in Abwesenheit des Angeklagten, immer aber ohne Anwalt und Rechtsmittel. Dokumentiert sind die Schuldsprüche in „Auszügen aus dem Sitzungsprotokoll der Troika der Leitung des Innenministeriums der UdSSR“, hier ein Beispiel aus der Region Moskau vom 9. Oktober 1937. Zum Tode durch Erschießen verurteilt hat das Dreiergericht an dem Tag den 1883 geborenen Priester, Alexander Orlow, weil er gegen die Sowjetmacht und die Allunionspartei der Bolschewiken agitiert und für den Kirchgang von Kindern geworben habe.

Die letzte Hinrichtung in der Russischen Föderation, Rechtsnachfolgerin der UdSRR, wurde 1996 exekutiert. 1999 dann verhängte das Verfassungsgericht ein Moratorium gegen die Todesstrafe, und zehn Jahre später bestätigten die obersten Richter in Sankt Petersburg, mit der Unterzeichnung des sechsten Protokolls zur Europäischen Menschenrechtskonvention im Jahr 1997 sei die Todesstrafe in Friedenszeiten ausgeschlossen.

Davon will nun offenbar Gennadij Sjuganow, seit 1993 Vorsitzender der Kommunistischen Partei, deren Fraktionsführer in der Duma und bei allen bisherigen Wahlen unterlegener Präsidentschaftskandidat, nicht viel wissen. Bei einem Forum in der Nähe von Wladimir sprach er gegenüber Jugendlichen zunächst von all den Gefahren, denen sich das Land ausgesetzt sehe und auf die man mit Wachsamkeit und Stärke reagieren müsse und beantwortete dann die Frage, ob der Kampf gegen die Korruption nicht vielleicht wie in China durch die Verhängung und Exekutierung der Todesstrafe effektiver zu machen sei, zunächst mit dem Hinweis darauf, man benötige ein ganzes Maßnahmenpaket, um mit diesem Phänomen fertigzuwerden:

Werft mir nicht Blutrünstigkeit vor, aber ich würde das Gesetz über die Todesstrafe nicht abschaffen. Es gibt einige Arten von Verbrechen, für die du verpflichtet bist, mit deinem Leben zu bezahlen. Wenn du dich an jemandem vergangen hast und deinesgleichen vernichtest, Kinder tötest, Frauen und Alte schändest, mußt du wissen, daß du dafür bestraft wirst. Ohne die Möglichkeit, mit dem Leben davonzukommen.

Wir sind gegen die Todesstrafe

Damit nicht genug: Der Großmeister der doch angeblich so fortschrittlich-humanen Ideologie des „neuen Menschen“ fährt just zum 80. Jahrestag des Beginns von Tod und Terror zu behaupten fort, ein Mensch, der für sich ein Leben in der Kriminalität zur Norm erklärt habe, lasse sich moralisch nicht wiederherstellen. Also lebenslang wegsperren oder gleich die Genickschußpistole entsichern? Muß da noch nachgetragen werden, daß ein weiterer Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidat auf Lebenszeit, Wladimir Schirinowskij, ebenfalls bei besagtem Forum vertreten, keinen Hehl daraus macht, nicht weniger unmißverständlich für den „kurzen Prozeß“ einzutreten…

Es ist ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt Rußlands – übrigens gerade auch gegenüber den USA mit ihren wegen der eigenen Justiz bisweilen bigotten Forderungen nach Einhaltung der Menschenrechte -, für den der Präsident des Landes, Wladimir Putin, gegen viele Widerstände votiert. Gleich, wie die Wahlen im nächsten Jahr ausgehen: Sie werden also auch über Leben und Tod entscheiden.

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Nach jedem Gipfeltreffen der deutsch-russischen Partnerstädte stellt sich die Frage, wie es danach weitergeht, welche neuen Ziele man sich setzt. So auch gestern nach dem frühmorgendlichen deutsch-russischen Freundschaftslauf – zunächst für fünf Kilometer ausgeschrieben, dann auf gerade einmal drei Werst verkürzt – eines etwa einhundertköpfigen Teams durch einen der nebeldampfenden Parks von Krasnodar.

Sieg der Partnerschaft: Sergej Siwajew und Peter Steger

Nach der Rückschau auf die Ergebnisse der Arbeitskreise und die Präsentation der Projektvorschläge seitens der ungefähr einhundert Jugendlichen aus beiden Ländern in der Philharmonie, nach der Einladung zur nächsten Austragungsstätte 2019 in Düren, nach der Verabschiedung und dem verdienten Dank an die Organisatoren vor allem vom Deutsch-Russischen Forum und dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften (BDWO) sowie dem Internationalen Verband der Partnerstädte und der Gastgeber…

Der deutsch-russische Freundschaftslauf

Eine Frage, die zunächst natürlich jedes Partnerschaftspaar für sich zu entscheiden hat, eine Frage aber auch, der sich mehr denn je zuvor gerade auch die hohe Politik annimmt, wie es die nachstehende Vereinbarung der Außenministerien in Berlin und Moskau ganz undiplomatisch klar formuliert:

K 25

Elisabeth Preuß mit Peter Franke, Vorsitzender des BDWO, und Oxana Kogan-Pech, Schriftführerin des BDWO

Nach einem erfolgreichen „Jahr des deutsch-russischen Jugendaustausches 2016/2017“ sollen Austausch, Verständigung und gegenseitiges Vertrauen im deutsch-russischen Verhältnis durch eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit auf kommunaler und regionaler Ebene vertieft werden. Eine besondere Rolle kommt dabei den zahlreichen Partnerschaften zwischen Bundesländern, Regionen, Kreisen, Städten und Gemeinden sowie gesellschaftlichen Vereinigungen, Universitäten und Schulen zu. Diese Verbindungen bilden das Rückgrat aktiver deutsch-russischer Beziehungen. Viele dieser Partnerschaften feiern 2017 und 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Wir wollen diese Partnerschaften stärker in das öffentliche Bewußtsein rücken und die aus ihnen hervorgehende Dynamik nutzen, um für weitere Partnerschaften zwischen Deutschen und Russen zu werben und dadurch Vertrauen wachsen zu lassen. Wir sind überzeugt, die kommunalen und regionalen Partnerschaften stellen eine unverzichtbare tragende Komponente der bilateralen Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern dar.

Präsentation der Jugendprojekte

Wir, der Minister für Auswärtige Angelegenheiten der Russischen Föderation und der Bundesminister des Auswärtigen der Bundesrepublik Deutschland, stellen daher die Initiative eines „deutsch-russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“, das die Tradition erfolgreicher Kreuzjahre in unseren Ländern weiterführt, unter unsere Schirmherrschaft.

Das „Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“ soll während der Städtepartnerschaftskonferenz vom 28. bis 30. Juni 2017 in Krasnodar eröffnet werden. Es soll eine positive Dynamik des Zusammenwirkens und der Kontakte zwischen den Zivilgesellschaften der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland sicherstellen. Wir hegen den gemeinsamen Wunsch, über die zahlreichen kommunalen und regionalen Partnerschaften die Zahl und Intensität der direkten Kontakte zwischen Russen und Deutschen zu steigern und dadurch den Dialog und das Verständnis zwischen unseren Gesellschaften zu stärken. Gerade in politisch schwierigen Zeiten kommt es auf sichtbare Zeichen der Zusammenarbeit an.

Daher verbinden wir mit dem „deutsch-russischen Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften 2017/2018“ große Erwartungen. Die im Rahmen der kommunalen und regionalen Partnerschaften entstehenden Kontakte und Verbindungen zwischen Menschen aus verschiedenen Bereichen bürgerschaftlichen Engagements bieten eine unschätzbare Zukunftschance für das gutnachbarschaftliche Verhältnis zwischen Deutschen und Russen.

Elisabeth Preuß dankt den freiwilligen Helfern, den jungen Schutzengeln der Veranstaltung

Es ist dies jener „Schatz“, den es zu hüten gilt, von dem Sigmar Gabriel zur Eröffnung der 14. Städtepartnerkonferenz in Krasnodar am Mittwoch so eindringlich gesprochen hatte. Jetzt kommt es darauf an, dieses Talent nicht zu vergraben, sondern es nach Kräften zu mehren. Erlangen und Wladimir wollen das jedenfalls tun, gerade auch angesichts des 2018 bevorstehenden 35jährigen Jubiläums der Bürgerpartnerschaft.

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Unter diesem Motto startete gestern morgen im Expograd vor den Toren von Krasnodar der Arbeitstag der 14. deutsch-russischen Städtepartnerkonferenz mit einem ganzen Reigen von Diskussionsveranstaltungen mit Kurzvorträgen. Wer die als Biennale angelegten Veranstaltungen aus früheren Jahren kennt, weiß wie detailverliebt die Organisatoren das Programm gestalten.

Sergej Sacharow und Sergej Siwajew

Da gibt es einen Markt der Möglichkeiten, wo sich Initiativen mit ihren völkerverbindenden Aktivitäten präsentieren können, vor allem aber bespricht man in Arbeitsgruppen laufende und künftige deutsch-russische Projekte unterschiedlichster Ausrichtung.

Matthias Platzeck in der Arbeitsgruppe

Es geht um Wirtschaftskontakte, die helfen sollen, in schwierigen Zeiten durch Handel und Wandel die Zukunft gemeinsam zu schaffen. Man entwickelt eine Gedenkkultur, die an die in Leid und Freude verbindende Geschichte um der Zukunft willen erinnert. Kooperationsangebote in den Bereichen Bildung, Sprachförderung und Jugend stehen auf der Agenda, während der Sport seinen Beitrag zu Verständigung und Toleranz leisten soll. Schließlich kommen auch „aktive Bürger ins Gespräch“ und erörtern soziale Fragen im Rahmen von Städtepartnerschaften.

Elisabeth Preuß in der Arbeitsgruppe

In einer sechsten Gruppe sitzen all jene, darunter auch Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und der Partnerschaftsbeauftragte, Peter Steger, zusammen, die sich, unterstützt von Sergej Sacharow, ehemaliger Oberbürgermeister von Wladimir und jetziger Stadtdirektor von Susdal, sowie von Sergej Siwajew, Professor an der Moskauer Hochschule für Urbanistik und einst erster stellv. Bürgermeister von Wladimir, den „aktuellen Herausforderungen der Kommunen und Perspektiven in der Zusammenarbeit“ stellen wollen.

Sergej Siwajew bei seinem Vortrag zur Rolle der Städte bei Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Es geht um Fragen wie Energieeffizienz und Verkehrssysteme in der Verantwortung von Kommunen, um das Bemühen, die Städte lebenswerter zu machen, die Bürgerschaft in Entscheidungen der Politik frühzeitig einzubinden und an allen Prozessen zu beteiligen, den Lebensraum der Menschen zukunftsfähig zu machen und nachhaltig zu wirtschaften.

Sergej Sacharow bei seinem Vortrag

Fachleute aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie oder der Deutschen Energieagentur sowie aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung stellen ihre Expertise den russischen Kollegen und den Partnerstädten zur Verfügung. Mehr noch: Es gibt die Möglichkeit sich an einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu beteiligen, die zum Ziel hat, deutsche und russische Städte bei ihrem gemeinsamen Streben nach einer nachhaltigen kommunalen Entwicklung zu unterstützen. Mit dabei die Paare Dresden – Sankt Petersburg, Gelsenkirchen – Nischnij Nowgorod sowie Erlangen – Wladimir auf der Suche nach Konzepten für die Stadt der Zukunft im Rahmen einer deutsch-russischen Kooperation für nachhaltiges Wirtschaften im urbanen Raum.

Elisabeth Preuß bei ihrem Vortrag

Elisabeth Preuß wirbt mit ihrem Vortrag dafür, die Erfahrungen Erlangens mit der Verlagerung des zentralen Siemens-Standorts auf den Campus im Süden der Stadt für Wladimir nutzbar zu machen, denn dort steht man wegen der Lage von Betrieben, die einst prägenden Charakter hatten und heute in großen Teilen brachliegen, vor durchaus vergleichbaren Herausforderungen. Ob aus dem Ansatz ein gemeinsames Projekt wird, vermag derzeit noch niemand zu sagen, aber den Schweiß der Tüchtigen ist die Sache in jedem Fall wert.

Elisabeth Preuß im Gespräch mit Maria Josten und Tanja Abendschein-Angerstein

Im übrigen ist es durchaus erstaunlich, was die russischen Städte unter teilweise recht schwierigen Bedingungen aus eigener Kraft auf die Beine stellen. Etwa Susdal, dem es mit Hilfe von Fördermitteln der Zentralregierung und der Regionalverwaltung gelungen ist – übrigens in enger Abstimmung mit den Einwohnern der Museumsstadt – ein neues System für die Straßenbeleuchtung einzurichten, das nicht nur Energie und Kosten spart, sondern auch noch „Luft“ läßt, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten nachts anzustrahlen. Jetzt will man auch noch die veraltete Steuerungstechnik modernisieren, alles im Hinblick auf 2024, das tausendjährige Jubiläum der heimlichen Hauptstadt des Goldenen Rings.

Nach getaner Arbeit: die Gruppe „Stadt der Zukunft“

Prognosen sind bekanntlich schwierig, besonders dann, wenn sie die Zukunft betreffen. Aber eines zeigt die Konferenz von Krasnodar schon jetzt, auch wenn sie erst heute zu Ende geht: Es braucht einem nicht bange zu sein, um das Fortbestehen der deutsch-russischen Partnerschaften. Sie erfinden sich nicht nur immer wieder neu, sondern sie erhalten auch zusehends Unterstützung von den Regierungen, können sich an staatlichen Programmen beteiligen, erfahren Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Mehr braucht es gar nicht, denn – da wiederholt Matthias Platzeck, seinerzeit selbst Stadtoberhaupt von Potsdam, gern noch einmal die Worte von Sigmar Gabriel -, „ginge es nach den Bürgermeistern, wären fast alle Probleme der Welt gelöst.“

Folkert Kiepe aus Köln, Beigeordneter des Deutschen Städtetages a.D., und Elisabeth Preuß

Dabei schätzen die Lokalpolitiker eines ganz besonders: ihre kommunale Selbstverwaltung, kraft welcher sie ja auch ihre ganz eigene Außenpolitik verfolgen, friedlich und zum gegenseitigen Nutzen, den Blick auf die Zukunft gerichtet und eingedenk der Verantwortung, die ihnen aus der Vergangenheit zuwächst.

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Aus vielen deutschen und russischen Städten machten sich in diesen Tagen diejenigen auf den Weg nach Krasnodar, die in den Begegnungen von Schülern, Sportlern, Künstlern, in Gesprächen, Diskussionen, bei Feiern, bei Treffen in der Natur und in der Banja einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung sehen.

Elisabeth Preuß, Schirmherrin der Partnerschaft mit Wladimir

Es geht um viel mehr als nur einen nüchternen Beitrag: Die schier unerschöpfliche Themenvielfalt, die engen Freundschaften, die Seminare, aber sicher auch die Schwierigkeiten und Stolpersteine auf dem Weg zu so manchem Austausch zeigen einen Weg auf, wie auf der menschlichen Ebene das erreicht werden kann, worum auch in Sitzungen in Ministerien oder Botschaften gerungen wird, stabile und ausdauernde Freundschaft zwischen unseren Ländern, zur Zeit wahrlich ein großes Ziel.

Denkmal für Alexander Newskij in Krasnodar, den Großfürsten von Wladimir seit 1252 und russischen Heerführer: „Nicht in der Stärke wohnt Gott, sondern in der Wahrheit“.

Die persönliche Begegnung, das persönliche Gespräch, das auf dieser Konferenz in der Realität Erlebte ist umso wertvoller, als in verschiedensten Medien, seltsamerweise „soziale Medien“ genannt, Nachrichten in die Welt gesetzt und per Klick gedankenlos weitergegeben werden, die nicht der Kenntnisnahme von Fakten dienen, sondern eher dem Verbreiten von Lüge, Neid und Angst.

Elisabeth Preuß vor dem Denkmal für Kaiserin Katharina II, die das einst nach ihr benannte Krasnodar gründen ließ

Da es kaum schlechtere Ratgeber gibt als Neid und Angst, hat die Konferenz in Krasnodar eine große Aufgabe: Alle Teilnehmer aus 50 deutschen und fast 100 russischen Städten werden zu Botschaftern. Zu Botschaftern in den Kommunalverwaltungen, Partnerschaftsvereinen oder Freundeskreisen – mit einer Mission: Unsere beiden Länder sind Geschwister, – nicht immer einer Meinung, aber im Wissen um die vielen gemeinsamen Aufgaben, die unter dem Dach der gemeinsamen Verantwortung für den Frieden anstehen.

Das Programm der Konferenz ist vielfältig und reicht von praktischen Aspekten wie Beteiligung bis hin zu zukunftsgerichteter Erinnerungskultur, ein Füllhorn an Ideen für alle, die das Denken und Handeln nicht anderen überlassen, sondern selbst anpacken.

Elisabeth Preuß auf dem Weg zur Konferenz

Elisabeth Preuß, Verfasserin dieser Einführung ins Thema, gehört zu jenen, die selbst anpacken bei der deutsch-russischen Verständigung, doch Erlangens Bürgermeisterin macht sich keine Illusionen: Der Weg ist noch weit, den ihr Kollege Wolfram Jäger aus Karlsruhe, Gastgeber des Kongresses vor zwei Jahren, bei der Eröffnung der 14. Partnerschaftskonferenz in Krasnodar vorzeichnet. Er baut an einer Dreieckspartnerschaft Krasnodar – Nancy – Karlsruhe und träumt von einem engen bürgerschaftlichen Netz der Kontakte zwischen deutschen und russischen Kommunen – ganz nach dem Vorbild der deutsch-französischen Aussöhnung, die übrigens auch Altoberbürgermeister Anfang der 80er Jahre ermunterte, die Verbindung zu Wladimir nach dem Beispiel mit Rennes aufzunehmen.

Die Philharmonie Krasnodar in Konferenzlaune

Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, das gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften und der Stiftung West-Östliche Begegnungen die Konferenz ausrichtet, ruft in der Philharmonie von Krasnodar die ca. 500 Delegierten aus beiden Ländern sogar dazu auf, ihren Beitrag dazu zu leisten, die Zahl der Partnerschaften zu verdoppeln. Denn: „Wir brauchen einander mehr denn je!“

Folklore für die Gäste

Doch die Zahlen lassen da wenig Hoffnung aufkommen. Den gut 2.200 deutsch-französischen kommunalen Freundschaften stehen gerade einmal knapp einhundert deutsch-russische Partnerschaften gegenüber. Konstant, seit Jahren – ungeachtet aller Bemühungen, neue Gemeinden für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Zu groß scheinen die Vorbehalte vor allem auf Seiten der deutschen Lokalpolitiker zu sein, die wohl befürchten, derlei Kontakte seien zu personalaufwendig, könnten zu teuer werden, wären schwer mit Leben zu erfüllen.

Sergej Siwajew, Elisabeth Preuß und Sergej Sacharow

Welch ein Irrtum, wenn man sich die vielfältigen Aktivitäten der Partnerstädte ansieht, welch ein Irrtum, wenn man weiß, was dank den zivilgesellschaftlichen Verbindungen an konkreter Arbeit für Frieden und Verständigung geleistet werden kann.

Matthias Platzeck und Elisabeth Preuß

Man weiß dies längst auch in den Außenministerien beider Länder und würdigt dies auch mit der Teilnahme von Sigmar Gabriel und Sergej Lawrow an der Konferenz. Beide kommen übrigens nicht nur mit Worten und Gesten, sondern mit konkreter Unterstützung für diese bürgerschaftliche Arbeit, indem sie unter ihrer Schirmherrschaft das „Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“ zwischen unseren Ländern ausrufen.

Die Plätze sind reserviert – und werden übrigens später von den Politikern getauscht

Zukunftsprojekte in der deutsch-russischen Kooperation auf lokaler Ebene will man fördern und nach Möglichkeit die Gründung neuer Partnerschaften anregen. Vor allem Sigmar Gabriel, der heute seine Gespräche in Moskau fortführt, will nicht verhehlen, wie sehr im die Sache am Herzen liegt, wohl auch weil er die „Völkerverständigung von unten“ aus eigenem Erleben kennt.

Sigmar Gabriel bei der Konferenz

1980 nämlich nahm der spätere Außenminister an einem Jugendaustausch teil und besuchte Moskau und Leningrad just und gerade wegen des Olympia-Boykotts. Dabei kam bei Sigmar Gabriel wohl schon etwas in Gang, das ihn heute noch so leidenschaftlich für die Verständigung kämpfen macht, auch wenn er gerade gestern bei der späteren Pressekonferenz mit seinem russischen Kollegen wegen Syrien und Nato-Fragen durchaus uneins blieb.

Elisabeth Preuß und Sergej Sacharow

Sein Credo lautet: „Nur Dialog schafft Vertrauen!“ Deshalb auch sein spontaner Vorschlag, ein Institut für Frieden und Verständigung zu schaffen. In Leningrad. Ein Versprecher ohne Manuskript, aber desto glaubwürdiger, denn hier spricht jemand, der gerade den Bogen von der Erinnerung in die Zukunft schlägt und betont: „Je schwieriger die politische Lage, desto wichtiger die kommunalen und bürgerschaftlichen Kontakte.“ So wie das Erlangen und Wladimir seit 34 Jahren praktizieren und fortsetzen wollen, auch wenn Oberbürgermeisterin Olga Dejewa aus dienstlichen Gründen nicht an der Konferenz teilnehmen kann. Aber ihr Vorgänger im Amt, Sergej Sacharow, mittlerweile Stadtdirektor in Susdal, und Sergej Siwajew, in den 90er Jahren erster stellv. Bürgermeister von Wladimir und Förderer des Erlangen-Hauses und jetzt als Professor für Urbanistik in Moskau tätig, werden sicher in der Partnerstadt berichten, was in Krasnodar gestern besprochen und heute vielleicht schon entschieden wird.

Dietrich Möller und Elisabeth Preuß

Wie wichtig die Konferenz auch für die Wirtschaft ist, beweist etwa die Teilnahme von Dietrich Möller, dem Präsidenten der Siemens AG in der Russischen Föderation und Zentralasien, oder von Vertretern der Deutschen Bahn, der Beratungsfirma Röld & Partner oder der Knauf Gips KG, die immer wieder auch die Partnerschaft Erlangen – Wladimir unterstützt. Die Anwesenden haben begriffen, worum es geht. Nun gilt es, neue Verbindungen herzustellen und die bestehenden zu festigen. Wie das geht, erlebt man in Krasnodar. Aber der Weg ist noch weit, und es braucht viele weitere Sternfahrer.

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Das russische Generalkonsulat in München hatte zum feierlichen Empfang geladen. Der Nationalfeiertag heißt „Tag Russlands“. Der 12. Juni erinnert an die staatliche Unabhängigkeit und wird seit 1994 begangen. In vielen Städten des Landes feiert man der Tag parallel zum Stadtfest, so auch in Nischnij Nowgorod, wo die neue Bürgermeisterin, Jelisaweta Solomon, mich zu den Feierlichkeiten einlud, als ich vor kurzem meinem Vater dort einen Besuch abstattete.

Elisabeth Preuß in Nischnij Nowgorod im Mai 2017

Vielerlei Vergnügungen wurden geplant, so auch ein Auftritt des Theaters der Gehörlosenschule „Piano“. Wir trafen die talentierten Protagonisten bei einer Probe auf der Bühne hoch über der sommerlichen, in der Sonne glitzernden Wolga. Leider konnte ich diese Einladung nicht annehmen, da ich zu dem Zeitpunkt schon wieder seit zwei Tage zuhause im Rathaus sein würde.

Pantomimentheater „Piano“

Die Bevölkerung allerdings begeht mit viel mehr Herzblut den 9. Mai, den Tag des Sieges, jedes Jahr ein großes Fest. Zurecht gedenkt man der mehr als 50 Millionen Toten, die der von den Nationalsozialisten über die Welt gebrachte Krieg allein in der Sowjetunion kostete.

Irina Chasowa und Elisabeth Preuß, die beiden Botschafterinnen der Partnerschaft im Dezember 2015, Bahnhof Wladimir

Am 13. Juni folgten die Vertreter vieler Nationen der Einladung von Generalkonsul Sergej Ganscha nach München in den „Bayrischen Hof“, und ich nutzte diese Gelegenheit, um dem Generalkonsul von dem beeindruckenden Unterfangen „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ zu erzählen. Das Werk von Peter Steger liegt ja seit einigen Monaten auch in russischer Übersetzung vor, der Blog hat über die Präsentation in Wladimir berichtet. Die Erzählungen, Interviews und Bilder der Veteranen unserer beider Völker, die sich einst als Feinde gegenüber standen und sich jetzt im Rahmen der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir treffen: Dieses Buch ist ein Jahrhundertwerk. Ich weiß nicht, ob mir als Laie in Sachen Literatur dieses Wort zusteht, für mein Gefühl aber greift jedes andere Wort zu kurz.

Elisabeth Preuß und Sergej Ganscha

Glücklicherweise (aber nicht zufälligerweise) hatte ich bei meiner Fahrt nach München sogar je ein Exemplar der deutschen und der russischen Ausgabe dabei und konnte dies dem Generalkonsul als Geschenk überreichen. Es ging ihm wie vielen, denen ich von diesem Werk erzähle: Zuerst Staunen, dann Freude steht in den Augen des Beschenkten. Wer dieses Buch liest und verinnerlicht, für den ist Krieg zur Unmöglichkeit geworden.

Elisabeth Preuß

Wjatscheslaw Gadalow

Erlangens Botschafterin in Wladimir, Irina Chasowa, vertrat unterdessen am gestrigen Tag der Erinnerung und Trauer die deutsche Seite, als einige wenige Zeitzeugen zusammen mit vielen Kindern des Überfalls der Hitlertruppen auf die Sowjetunion vor 76 Jahren gedachten.

Gedenkstein

Ort des Gedenkens: der Freundschaftsbaum, ganz in der Nähe vom Platz des Sieges am 22. Juni 2011 im Beisein von Elisabeth Preuß und Wolfgang Morell auf Initiative von Wjatscheslaw Gadalow gepflanzt, der sich bis heute um die kleine Eiche kümmert, dem Frieden zwischen Deutschen und Russen gewidmet. Siehe: https://is.gd/QTIWH5.

22. Juni 3

Gedenken an der Friedenseiche

Hier zumindest und mit diesen Menschen ist Krieg wirklich zur Unmöglichkeit geworden.

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Seit gestern hat Alexej Nawalnyj auch in Wladimir eine Vertretung, von wo aus sein Wahlkampf um das Präsidentenamt im nächsten Jahr unterstützt werden soll. Derzeit bereist der Oppositionspolitiker die Hauptstädte des Goldenen Rings, um – wie in allen Regionen des Landes – Büros zu eröffnen. In Erlangens Partnerstadt verlief der Besuch der Korruptionsbekämpfers, der mit einigem Rechtsdrall ein Ende der Subventionierung der Kaukasusrepubliken und die Einführung von Visa für Bürger der ehemals sowjetischen Staaten Zentralasiens fordert, ohne größere Zwischenfälle, sieht man einmal ab von rasch wieder überklebten Schmierereien, die von imaginierter erektiler Hyperfunktion zeugten, oder von Plakaten, die dem erklärten Regierungsgegner unterstellten, vom Ausland finanziert zu werden.

Alexej Nawalnyj in Wladimir

Dennoch: Der Auftritt Alexej Nawlanyjs, unlängst noch im Zusammenhang mit der Protestwelle, die auch Wladimir erfaßt hatte, in Haft, von Gegnern mit Brillantgrün bespritzt und in die Nähe des Führers des Dritten Reichs gerückt, blieb seitens der lokalen Behörden unbehindert, die Medien verbreiteten ungeschnitten seine Kommentare zur herrschenden Politik sowie Ankündigungen, der Bestechung auf allen Ebenen und in allen Gegenden des Landes ein Ende zu bereiten, während man seine zumeist jugendlichen Anhänger unbehelligt ließ. Nach getaner Arbeit zog der Wahlkämpfer weiter nach Iwanowo, heute macht er Station in Kostroma und Jaroslawl. Bei aller Kritik also, die man äußern mag, ist die russische Demokratie doch lebendig genug, auch einen derart umstrittenen Kopf um Stimmen werben zu lassen. Gar nicht so selbstverständlich, wie man mit Blick etwa auf Minsk, Ankara oder Astana weiß. Mehr dazu bei Pro Wladimir unter: https://provladimir.ru/

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