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Archive for the ‘Politik’ Category


Seit dem 11. März befindet sich Alexej Nawalnyj auf dem Gebiet der Region Wladimir, wo er im Straflager Pokrow, auf halbem Weg nach Moskau gelegen, seine zweieinhalbjährige Haftstrafe absitzen soll. Schon bald klagte der 44jährige Jurist über die Bedingungen und gesundheitliche Probleme. Um eine angemessene medizinische Behandlung zu erzwingen, trat der Oppositionspoliter am 31. März in den Hungerstreik, den er nun allerdings gestern abbrach, nachdem er am 19. April ins Gefängniskrankenhaus Wladimir verlegt und auch in einer zivilen Klink untersucht worden war. Schon zuvor hatte der wohl neben Julian Assange derzeit weltweit bekannteste Häftling eingewilligt, sich mit Vitaminen behandeln zu lassen.

Am Abend des 21. April gingen in Wladimir zwischen 200 und 300 vor allem junge Leute auf die Straße, um ihre Solidarität mit dem auch nach Ansicht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Unrecht verurteilten Häftlings zum Ausdruck zu bringen. Die Kundgebungen waren nicht genehmigt, und es kam zu etwa einem Dutzend Festnahmen, wobei gottlob alles geordnet und friedlich verlief. Wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht bzw. Aufrufs zu verbotenen Demonstrationen sitzen Mitglieder des Nawalnyj-Büros mehrtägige Strafen ab.

Protest in Wladimir, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Gestern nun protestierte auch die Erlanger Gruppe von Amnesty International am späten Nachmittag auf dem Rathausplatz vor der Partnerschaftsstele, nicht nur um sich den internationalen Aufrufen nach Freilassung des Kreml-Kritikers anzuschließen, sondern auch um die Verbundenheit mit den Unterstützern von Alexej Nawalnyj in Wladimir sichtbar zu machen.

Amnesty International in Erlangen

Auch wenn derzeit erfreuliche Zeichen einer Wiederannäherung erkennbar sind – Moskau und Kiew kommen unter Einbeziehung von Berlin und Paris wieder ins Gespräch, die russischen Truppen beenden schrittweise ihre Manöver an der Grenze zur Ukraine, man nähert sich in Fragen des Klimas an, und während des Besuchs des sächsischen Ministerpräsidenten wurde bekannt, Deutschland wolle 30 Millionen Impfdosen Sputnik V kaufen, sobald das Vakzin von der EU freigegeben ist – bleiben doch die zwischenstaatlichen Beziehungen leider angespannt. Als desto wichtiger erweist sich das hohe Gut der Bürgerpartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir mit all ihren gemeinsamen Projekten und ungezählten Freundschaften.

ErlangenKundgebung Amnesty International in

Diese Volksdiplomatie, daran sei angesichts der gegenwärtigen politischen Lage erinnert, gäbe es heute nicht, wenn Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg sich damals, Anfang der 80er Jahre, von seinem Versöhnungswerk hätte abbringen lassen. Seinerzeit nämlich saßen mehrere Dissidenten im Wladimirer Zentralgefängnis ein, weshalb Menschenrechtsorganisationen ebenso wie große Teile der Opposition im Stadtrat den Plänen ablehnend gegenüberstanden, mit der Stadt in der Sowjetunion in Zeiten des Kalten Krieges eine Verbindung einzugehen. Doch der weitsichtige Politiker setzte sich, inspiriert von der Ostpolitik Willy Brandts, mit der Auffassung durch: „Weder die Stadt noch die Bürger Wladimirs entscheiden über das Schicksal der Dissidenten.“ Wie gut er daran tat, sehen und erleben wir bis heute.

Der große Segen dieser Partnerschaft besteht darin, in den nun fast vier Jahrzehnten des Miteinanders stets hier wie dort erfolgreich den Konsens gesucht und gelebt zu haben: Gleich wie die politischen Konstellationen vor Ort und international aussehen mögen, der Austausch auf allen zivilgesellschaftlichen Ebenen darf darunter nicht leiden. Dieser Grundsatz gilt gerade auch heute, wo Wladimir wieder einen Andersdenkenden „beherbergt“, ohne selbst darüber entscheiden zu können, und wo die politischen Rahmenbedingungen abermals alles andere als förderlich sind. Es bleibe also dabei: Wir lassen uns nicht zu Feinden machen, wir wahren die Freundschaft!

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Nach übereinstimmenden Medienberichten brachte man Alexej Nawalnyj gestern von Moskau aus in das Gefängnis von Koltschugino, gut 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen. Der wohl derzeit weltweit berühmteste Häftling soll seine zweieinhalbjährige Strafe nach der Quarantäne weiter in der Region Wladimir verbüßen, voraussichtlich in der als streng geltenden Kolonie Pokrow, 80 km westlich von Wladimir, auf halbem Weg nach Moskau gelegen.

Alexej Nawalnyj im November 2017 bei einer Kundgebung in Wladimir, gesehen von Sergej Golowinow

In der sogenannten Korrektionsanstalt hat der gelernte Jurist dann die Möglichkeit eine Handwerkslehre zu machen – vom Bäcker bis zum Dreher. Wie bereits in den 80er Jahren, als Dissidenten wie Wladimir Bukowskij im Zentralgefängnis der Partnerstadt inhaftiert waren, hat auch heute die Wladimirer Regionalregierung keinerlei Einfluß darauf, wer in welcher Justizvollzugsanstalt des Gouvernements einsitzt. Es handelt sich dabei um Zuständigkeiten der Zentralregierung.

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Aus guten Gründen enthält sich die Blog-Redaktion weitestgehend jeglicher politischen Kommentare. Doch was sich dieser Tage in den USA vollzieht, könnte auch zu einer Zeitenwende – hoffentlich zum Guten hin! – zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml führen, auch wenn in Wladimir viele fürchten, die Beziehungen werden sich eher noch weiter verschlechtern. Vor vier Jahren jedenfalls neigte sich die Stimmung in der Partnerstadt eher in Richtung des nun nicht scheiden wollenden Präsidenten.

Andrej Andrejewitsch Gromyko gratulierte als erster Joe Biden

Dem entgegen kursiert im Internet eine humorgespickte Meldung, wonach das Außenministerium der UdSSR schneller war als alle andern! Und Martin Hoffmann, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutsch-Russischen Forums, dem der Link zu verdanken ist, kommentiert immerhin mit verhaltendem Optimismus:

Zeiten des gegenseitigen Respekts und Anstands im Kalten Krieg. Mal sehen ob das ein gutes Vorzeichen ist!?

P.S.: Im Unterschied zu Paris, Wien, London, Neu-Delni, Berlin u.v.m. wollen Moskau und Peking mit der Gratulation an Joe Biden noch bis zum offiziellen Ergebnis warten. Immer noch besser, als es wie der slowenische Ministerpräsident, Janez Janša, zu machen, der bereits am 4. November dem Amtsinhaber zur Wiederwahl gratuliert hatte.

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Erlangens Oberbürgermeister, Dr. Florian Janik, sendet zusammen mit dem Partnerschaftsbeauftragten, Peter Steger, zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit eine Gruß- und Dankbotschaft nach Jena, Rennes, Riverside, Stoke-on-Trent und Wladimir – auf Deutsch, Englisch, Russisch und Französisch. Kamera, Ton und Technik: Amil Scharifow.

Florian Janik und Peter Steger

Heute nehmen etwa 150 Gäste aus Erlangen an den Feierlichkeiten zum 30. Tag der Einheit in der Partnerstadt Jena teil. Es war gerade die Sowjetunion, die Deutschlands Wiedervereinigung wesentlich ermöglichte. Deshalb heute auch im Blog diese Botschaft des Danks und des Friedens aus Erlangen.

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Als Ergebnis der Kommunalwahlen gewann Einiges Rußland alle 25 Sitze im Stadtrat von Wladimir – zum ersten Mal in der postsowjetischen Geschichte der Partnerstadt. Die Wirkung dieses Ergebnisses zeigte sich bei der konstituierenden Sitzung: Nikolaj Tolbuchin wurde in weniger als einer Minute zum Ratsvorsitzenden gewählt, und Andrej Schochin erhielt zum dritten Mal in Folge die Schlüssel zur Macht in die Hand. Der Blog berichtete darüber gestern.

Auf Anfrage von Zebra TV erläuterte nun der auch in Erlangen bekannte Dmitrij Petrosjan, Doktor der Philosophie, außerordentlicher Professor des Lehrstuhls für soziale und geisteswissenschaftliche Disziplinen der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Soziologie und Geisteswissenschaften und Direktor des „Zentralen Russischen Beratungszentrums“, die Ergebnisse des Wahlkampfs und zog die Schlußfolgerungen für alle, die an den politischen Prozessen in Wladimir beteiligt sind.

Dmitrij Petrosjan (rechts im Bild) bei einem Empfang mit für eine Wissenschaftlerdelegation mit Bürgermeisterin Elisabeth Preuß im Dezember 2019

Für diejenigen, die die Wahlen seit langer Zeit beobachten, ist nichts Unerwartetes geschehen. Zumindest, weil Ende 2019 die Abstimmung via Parteilisten durch die Abstimmung in Ein-Mitglieder-Wahlkreisen ersetzt wurde. Wie die Praxis der letzten Jahre zeigt, siegen in solchen einsitzigen Wahlkreisen traditionell die Vertreter der Partei Einiges Rußland. Ich erkläre dies damit, daß sie als Personen mit politischem Hintergrund oder solider Führungserfahrung antreten. Sie werden dem Wähler als Menschen mit Macht präsentiert, denen man vertrauen kann. Jeder, der sich gegen sie stellt, sieht hingegen wie ein Emporkömmling aus, was typisch für unsere politische Kultur ist.

Die Abstimmung über Parteilisten würde Kommunisten, Vertreter der Liberaldemokratischen Partei in den Stadtrat bringen, möglicherweise auch von Gerechtes Rußland und Jabloko. Gleichzeitig müssen wir, wenn wir über den Sieg von Einiges Rußland sprechen, bedenken, daß keiner der siegreichen Kandidaten, unterstützt von der Regierungspartei, in seinen Werbematerialien dem Wähler erklärt hat, mit wessen Unterstützung er antritt. Erst im Wahllokal, wurde klar, daß der Kandidat Einiges Rußland vertrat. Offenbar wird das Ansehen der Partei als zu niedrig angesehen, obwohl es sich dabei eher um ein Stereotyp handelt. Das Ansehen der Partei ist zwar tatsächlich zu niedrig, um eine Mehrheit über die Listen zu erhalten, aber in allen Umfragen würden 30-35% der Wähler für Einiges Rußland stimmen.

So oder anders wurde der Sieg in den Wahlkreisen mit einem Einzelmandat errungen, was vorhergesagt und wohl auch so geplant war. Reden wir nicht von Fälschungen ohne Beweise, obwohl all dies so meinen: Wahlen, die drei Tage dauern, sind für Beobachter äußerst schwer zu kontrollieren. Aber nehmen wir eine rein technologische Frage. Die niedrige Wahlbeteiligung hat bereits Tradition: Die 18% Wahlbeteiligung hatten wir nicht zum ersten Mal. Dies ist unter anderem das Ergebnis der Boykottstrategie, die bei früheren Wahlen wiederholt angewandt wurde, hat aber auch zu tun mit der Apathie und dem Mißtrauen der Wähler in Sachen freier Wahlen, ist ein Spiegelbild dessen, daß man meint, die eigene Stimme entscheide ohnehin nichts.

Gleichzeitig können wir nicht sagen, unser Volk sei unpolitisch und 80% der Wähler hätten kein Interesse an dem, was geschieht. Nein, sie sind interessiert, aber erinnern wir uns einmal, wie der Wahlkampf aussah. Ich bin jemand, der beruflich politische Prozesse beobachtet, aber selbst ich mußte auf eigene Faust Informationen über die Kandidaten recherchieren, danach suchen, was sie tun, wer von welcher Partei kommt und wer in welchem Wahlkreis nominiert ist. Im Aufzug des Hauses, in dem ich wohne, war immer das Porträt eines Vertreters von Einiges Rußland zu sehen, aber weder ein kommunistischer noch ein Kandidat der Vereinigten Demokraten tauchten in meinem Hof auf.

Junge Menschen versuchten, in sozialen Netzwerken Wahlkampf zu machen, aber es wurde nur ein Appell an ihre Unterstützer. Sie wandten sich überhaupt nicht an jene Menschen, die sie nicht kannten und zum ersten Mal ihren Namen sahen. Bei all dem Gerede über administrative Ressourcen, über mögliche Verfälschungen, rein technologisch haben unser System und die nichtsystemischen Oppositionellen es nicht verstanden, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. Sie können weder ihr Elektorat genau definieren, noch dessen Größe bestimmen, und erst recht bringen sie ihre Wählerschaft an die Urne. Das ist ziemlich offensichtlich. Eine Person, die nicht speziell an politischen Prozessen interessiert ist – und wir haben mindestens die Hälfte davon -, wo soll so jemand etwas über die Kandidaten der Opposition, ihre Programme, für das, was sie stehen und was sie vertreten, in Erfahrung bringen. Das ist eine altbekannte Sache – im voraus zu verlieren. Unsere systemische Opposition – die Kommunisten oder die Liberaldemokraten – weiß, wie man sich an Wahlen beteiligt, und sie weiß, wie man es richtig macht. Doch der nichtsystemischen Opposition fehlt wahrscheinlich die Erfahrung, wie sie in den unterschiedlichen Wählerschichten Stimmen fangen kann.

Ob es Diskussionen im Stadtrat geben wird, oder ob er einstimmig wie nie zuvor sein wird, hängt davon ab, wie sich die sozioökonomische und politische Situation im Land und in der Region in den kommenden Jahren und vielleicht Monaten entwickelt, ob es neue Herausforderungen gibt, wie sich die Situation mit Corona entwickelt. Es ist klar, daß die Stadtratsmitglieder jetzt als Einheitsfront auftreten, außerdem ist das Amt des Ratsvorsitzenden nicht mehr so bedeutsam wie noch vor kurzem, und es besteht innerhalb der Partei ein Konsens über den Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters. Obwohl sich selbst hier, wie Sie wissen, der vielleicht letzte aktive Politiker in der Region Wladimir, Sergej Kasakow, eingemischt haben könnte und der nun ein Gerichtsverfahren mit dem Ziel angestrengt hat, die Wahl des Stadtoberhaupts zu annullieren.

Das Problem mit den Ergebnissen dieser Wahl – bei einer so niedrigen Wahlbeteiligung von 18% und 100% der Sitze einer Partei im Stadtrat – liegt darin, daß sie eine ihrer wichtigsten Funktionen nicht erfüllen: die Interessen verschiedener Bevölkerungsgruppen zum Ausdruck zu bringen. Wir wissen wirklich nicht, was die politischen Präferenzen der 80% sind, die nicht zur Abstimmung gingen. Wir haben im Stadtrat keine Vertretung derjenigen, die andere Parteien und andere Politiker unterstützen. Probleme und Widersprüche zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen – wirtschaftlich, sozial, beruflich – haben sich ja nicht in Luft aufgelöst und werden sich früher oder später manifestieren. Deshalb gibt es ja eine republikanische Regierungsform mit Wahlen und Räten. Heute haben wir einen Stadtrat, der durch seine Struktur nicht die tatsächlich existierende Fülle der Ansichten der Bürger widerspiegelt.

Nun zum Oberhaupt der Stadt. Wenn Andrej Schochin die Direktwahl des Oberbürgermeisters wiederherstellt, wie er vor der Wahl sagte, wäre seine Wahl für eine neue Amtszeit, wie ich glaube, gerechtfertigt. Seine Effizienz sollte danach beurteilt werden, wer was vom Chef der Kommunalverwaltung erwartet. Aus Sicht des Machtwechsels wäre es gut, einmal einen anderen Menschen zu sehen, es kommt ja in der Gesellschaft immer zu Veränderungen, neuen Entwicklungsimpulsen, und die Menschen leben damit, daß es eine gewisse Bewegung gibt, und sie fangen an, ihre eigene Verantwortung dafür zu spüren, wie die Macht funktioniert.

Gleichzeitig wird, wie soziologische Untersuchungen zeigen, die Tätigkeit von Andrej Schochin nicht geringer eingeschätzt als die anderer Führungspersönlichkeiten. Deshalb haben viele Menschen nicht so recht verstanden, warum er hätte ausgewechselt werden sollen. Ein ausreichend großer Anteil der Stadtgesellschaft, insbesondere der unpolitische, wird im Prinzip sagen, die Stadt entwickle sich und stehe sehr gut da, vor allem im Vergleich zu vielen anderen Städten. Wenn wir jetzt direkte Bürgermeisterwahlen gehabt hätten, hege ich unter diesem Gesichtspunkt wenig Zweifel daran, daß Andrej Schochin gute Chancen gehabt hätte, sie zu gewinnen. Als die Direktwahlen abgeschafft wurden (2010 – Anm. d. Red.), hatten weder Andrej Schochin noch Sergej Sacharow eine Chance, gegen Alexander Rybakow zu gewinnen. Nun hat sich Andrej Schochin als ein sehr effektiver Manager erwiesen, und Versuche, ihn der Korruption zu beschuldigen, hinterließen in der Bevölkerung keinen Eindruck.

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Er galt natürlich als der gegeben Favorit für den Posten des Stadtoberhaupts, gestern bei der konstituierenden Sitzung des Mitte des Monats gewählten Stadtrats mit seinen 25 Mitgliedern, die ausnahmslos alle, darunter sechs Frauen, der Partei Einiges Rußland angehören. Andrej Schochin leitet ohnehin seit 2011 als Oberstadtdirektor die Geschicke Wladimirs und empfahl sich dem Kommunalparlament in seiner Bewerbungsrede als jemand, der bei maximaler Bürgerbeteiligung weiter daran arbeiten wolle – wie schon in den vergangenen neun Jahren – , den Lebensstandard aller zu erhöhen. Dazu beabsichtige er, den Mittelstand zu fördern, die Infrastruktur zu verbessern und den urbanen Raum schöner zu gestalten.

Andrej Schochin

Die beiden Mitbewerber um das Amt, der Vizerektor der Universität, Lew Loginow, und der wirtschaftsliberale Verleger mit Sitz im Regionalparlament, Sergej Kasakow, schieden bereits in der ersten Runde aus. Auf Andrej Schochin entfielen bei einer Enthaltung alle Stimmen der 23 anwesenden Mitglieder des Stadtrats. Hiermit fungiert der 1961 in Wladimir geborene gelernte Mathematik- und Physiklehrer als Chef der Verwaltung und als protokollarischer Vertreter der Partnerstadt, anders als in Erlangen allerdings nicht zugleich als Vorsitzender des Stadtrats. Auf diesen Posten wurde – ebenfalls einstimmig und sogar ohne Enthaltung – Nikolaj Tolbuchin gewählt.

Nikolaj Tolbuchin

Damit sind die politischen Weichen für die nächsten fünf Jahre in Wladimir gestellt. Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik gratulierte seinem Kollegen bereits und lud ihn baldmöglichst zu einem Besuch ein. Da Andrej Schochin die Städtepartnerschaft seit seinem bisher einzigen Besuch in Erlangen zur Tausendjahrfeier die Partnerschaft kennt, darf man in der guten bisherigen Tradition auf eine Kontinuität der Beziehungen hoffen.

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Am vergangenen Wochenende standen in der Region Wladimir – wie im ganzen Land – die Wahllokale offen. Die Neubesetzung der Gemeinde-, Stadt- und Kreisräte stand an, und in der Partnerstadt gibt es am Ergebnis nichts zu deuteln: Alle 25 Mandate gehen an die Partei Geeintes (oder Einiges, je nach Übersetzung) Rußland, nicht einmal die Liberaldemokratische Partei, der Gouverneur Wladimir Sipjagin angehört, schaffte den Wiedereinzug ins Stadtparlament, geschweige denn die Kommunisten und Jabloko oder eine der vier weiteren Parteien, die angetreten waren. Immerhin konnte sich die Opposition bisher auf neun Sitze im 35köpfigen Gremium stützen. Doch nun dieser Absturz. Erklären können sich das viele nur durch die vorher beschlossene Reduzierung um zehn Sitze und den Verzicht auf Parteilisten, weshalb auch die siegreichen Kandidaten gar nicht groß mit ihrer politischen Zugehörigkeit warben.

Gouverneur Wladimir Sipjagin

Erklärungsbedürftig ist auch die historisch niedrige Wahlbeteiligung, die man ja pandemiebedingt gerade durch die Ausweitung auf drei Tage und die Möglichkeit, schon die ganze vergangene Woche seine Stimme vorab abzugeben. Nur knapp über 20% der Wahlberechtigten gingen in Wladimir an die Urne. 2016 waren es immerhin noch fast 39% und 2011 sogar beinahe 50%, die von ihrem demokratischen Grundrecht Gebrauch machten.

Oberstadtdirektor Andrej Schochin und Wladimir Kisseljow, Vorsitzender der Regionalduma, bei der gestrigen Pressekonferenz nach der Kommunalwahl

Zu bemerkenswerten Verstößen sei es laut Wahlleiter und den verschiedenen Organisationen für Wahlbeobachtung nicht gekommen. Anfechtungen liegen wohl auch nicht vor. Nun erscheint es fast nur noch eine Formalie zu sein, wenn bei der konstituierenden Sitzung des Stadtrates der bisherige Oberstadtdirektor, Andrej Schochin, im Amt bestätigt wird, zumal es einer seiner Herausforderer gar nicht ins Gremium schaffte. Zur Erinnerung: Das während der vergangenen zwei Legislaturperioden geltende Prinzip der „Doppelherrschaft“ mit einem protokollarischen Stadtoberhaupt – zunächst Sergej Sacharow, dann Olga Dejewa – ist abgeschafft. Die Person des City-Managers oder Oberstadtdirektors zeichnet dann alleine – ähnlich wie in Bayern – für die administrative Macht nach innen und die Vertretung der Stadt nach außen verantwortlich.

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Gestern legte Olga Dejewa nach der letzten Sitzung des Stadtrates mit einigen Worten des Dankes an dessen Mitglieder ihr Amt als Vorsitzende des Gremiums und Oberbürgermeisterin nieder. Formell übernimmt ihre Funktion bis zu den Kommunalwahlen am 13. September Larissa Pyschonina, die auch zu der dreiköpfigen Findungskommission gehört, die aus den Bewerbungen für die Nachfolge die richtige Wahl treffen soll. Doch der Reihe nach.

Andrej Schochin und Olga Dejewa

Olga Dejewa, seit fünf Jahren Nachfolgerin von Sergej Sacharow und protokollarisches Stadtoberhaupt sowie Leiterin des Stadtparlaments, hatte Andrej Schochin an ihrer Seite, der seit neun Jahren als Oberstadtdirektor das eigentliche Sagen hatte und die administrativen wie politischen Entscheidungen in Wladimir traf. Er bewirbt sich nun auch – als bisher einziger Kandidat – für das Amt des Oberbürgermeisters, das nun, wie bis zum März 2011, nun wieder von einer Person bekleidet wird, ausgestattet, wie bei uns in Bayern, mit der Zuständigkeit für Verwaltung, Stadtrat und Außenvertretung. Mit dem feinen Unterschied, nicht vom Volk, sondern von den Mitgliedern des neuen Stadtrates gewählt zu werden. Deshalb auch die Findungskommission, die Vorschläge für das neuzusammengesetzte dreiköpfige Gremium im September machen soll, das durch ein von Gouverneur Wladimir Sipjagin benanntes Trio aufgestockt wird. Schon bis zum 12. August wird die sechsköpfige Abgeordnetengruppe die eingegangenen Bewerbungen um das Amt gesichtet und bewertet haben, die in einer Empfehlung für die Wahl nach dem 13. September münden. Selbst wenn weitere Kandidaten – vor fünf Jahren waren es immerhin noch zwei weitere – ihren Hut in den Ring werfen, dürfte nach Meinung der gern bei solcher Gelegenheit zitierten „gut informierten politischen Beobachter“ das Votum eindeutig Andrej Schochin lauten.

Florian Janik und Olga Dejewa nach einem Empfang für die Gäste aus Erlangen im Rathaus Wladimir, April 2017

Der 58jährige geborene Wladimirer arbeitete zunächst als Mathematik- und Physiklehrer, ging dann in die Wirtschaft und wurde 2002 in den Stadtrat gewählt, der ihn dann – zusammen mit Sergej Sacharow – zur Tausendjahrfeier nach Erlangen entsandte. Andrej Schochin kennt deshalb auch die Städtepartnerschaft aus eigener Anschauung und ist gut über die laufenden – und derzeit Corona-bedingt ruhenden – Projekte und Austauschprogramme.

Olga Dejewa und Florian Janik im Januar 2018 bei der Eröffnung des Forums Prisma

In einem Schreiben an die scheidende Oberbürgermeisterin dankte Erlangens Stadtoberhaupt, Florian Janik, seiner bisherigen Kollegin, Olga Dejewa, für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, die ja bis in ihre Zeit als Vorsitzende des Ortsverbands Wladimir des Russischen Roten Kreuzes zurückreicht, und äußerte die Hoffnung, sie werde in der einen oder anderen Funktion auch in Zukunft der Städtepartnerschaft verbunden bleiben.

Melitta Schön, Vorsitzende des Fördervereins Rotes Kreuz, und Olga Dejewa im April 2016 im Club International

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Von einem veritablen Streit ist heute zu berichten, ausgebrochen vor dem Hintergrund eines Grundsatztextes des russischen Präsidenten zur Rolle der UdSSR im Zweiten Weltkrieg, unaufgefordert von der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin als Studienmaterial an Lehrstühle für Geschichtswissenschaften versandt. Dort aber, an den Universitäten, springt sofort die Sprinkleranlage an, sobald auch nur der Hauch einer Einmischung in das hohe Gut der Freiheit von Forschung und Lehre ruchbar wird. Als erste schlug Prof. Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, per Twitter Alarm, dem sich weitere kritische Stimmen aus ihrem Fachbereich anschlossen, nachzulesen in diesem Artikel der Deutschen Welle vom 23. Juni: https://is.gd/QGMRoi

Ansor Saralidse, Rektor der Staatlichen Universität Wladimir, und Julia Obertreis im November 2018

Der Artikel Wladimir Putins fand auch jenseits der Wissenschaft in vielen weiteren deutschen Medien seinen Niederschlag, beispielgebend sei hier der Beitrag der Tagesschau vom 24. Juni genannt, in dessen Mittelpunkt die Siegesparade auf dem Roten Platz zum 75. Jahrestag des Kriegsendes steht: https://is.gd/RFYwin

In welchen Jahren Paraden zu Ehren des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg stattfanden

Eine weitere Einordnung des Artikels nimmt die Deutsche Welle hier vor: https://is.gd/D7YRNg, und der Autor Wiktor Jerofejew kommentiert die Angelegenheit in einem anregenden Aufsatz, zu finden unter: https://is.gd/D7YRNg. Schließlich sei noch das „Corpus delicti“ nachgeliefert, der Artikel des russischen Präsidenten, erschienen im amerikanischen Fachjournal „National Interest“ auf Englisch und hier auf Deutsch bei Sputnik: https://is.gd/kHIeva – Nun bilden Sie sich selbst Ihre Meinung zum Streit.

 

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Wäre nicht die Corona-Pandemie, hielte sich derzeit Oberbürgermeister Florian Janik an der Spitze einer fünfzehnköpfigen Delegation in Wladimir auf und spräche heute auf dem Platz des Sieges. Nun, da alles anders gekommen ist, legte das Stadtoberhaupt gestern, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und wandte sich mit folgenden Worten an die Partnerstadt:

Peter Steger und Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

Liebe Freundinnen und Freunde in Wladimir,

vor fünf Jahren durfte ich auf dem Platz des Sieges zu Ihnen sprechen. Heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes, wende ich mich aus Erlangen an Sie alle. Auch wenn die Corona-Krise uns gegenwärtig trennt, eint uns doch in dieser Zeit die gemeinsame dankbare Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus.

Dieser Kampf gegen eine menschenverachtende Ideologie forderte besonders aufseiten der Sowjetunion einen unermesslichen Blutzoll. Kein anderes Land hatte unter dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht mehr zu leiden als die UdSSR, kein Staat trug mehr zur totalen Niederlage des Deutschen Reiches bei. Und ungeachtet der schrecklichen Kriegsfolgen leistet auch niemand einen größeren Beitrag als die Russische Föderation zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren.

Ich betrachte es deshalb als ein Wunder der Geschichte, wie wir diese Bürgerpartnerschaft pflegen dürfen, die bereits 1983, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, von weisen Menschen hier wie dort begründet wurde. Ich bin darum dankbar für die zum Frieden und zur Verständigung ausgestreckte Hand, die wir gern ergreifen. Und ich freue mich, hoffentlich schon bald wieder in Ihre wunderschöne Stadt kommen zu können.

Ich lege heute diesen Kranz an den Gräbern nieder, wo die sterblichen Überreste von 271 russischen Soldaten ruhen, die in der Folge des 1. Weltkriegs in Erlangen verstarben. Ich tue dies in ehrender Erinnerung an die vielen Kriegsveteranen aus Wladimir, die bereits an dieser Gedenkstätte standen.

Ihnen allen, die den Krieg besiegt und den Frieden geschaffen haben, gilt nicht nur heute meine besondere Verehrung. Ihnen möchte ich an diesem Tag mit dieser Geste danke sagen für die Befreiung vom Nationalsozialismus und danke für 75 Jahre Frieden zwischen unseren Völkern. Unsere Verpflichtung ist es nun, diesen Frieden zu bewahren.

Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges und wünsche Ihnen ein schönes Fest des Friedens und des Guten.

Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

 

Дорогие друзья во Владимире!

Пять лет назад мне выпала честь выступить с речью на Площади Победы во Владимире. Сегодня, 75 лет после окончания Второй мировой войны, я обращаюсь к Вам всем из Эрлангена. И, несмотря на то, что сейчас нас разъединяет коронавирус, нас объединяет огромная благодарость за Победу над фашизмом.

Эта борьба против идиологии, направленной на уничтожении всего человеческого, потребовала особенно со стороны Советского Союза неизмеримых потерь. Ниодна другая страна не пострадала от уничтожающего всё на своём пути плана Барбаросса больше, чем Советский Союз, ниодно государство не внесло такого вклада в уничтожение Третьего Рейха как СССР. И, несмотря на ужасные последствия войны, ниодна другая нация не внесла такой вклад в мирное Объединение Германии 30 лет назад как Россия.

Для меня стало чудом истории то, что сегодня мы можем поддерживать побратимство между нашими гражданами. Это – партнёрство, которое началось в 1983 году, ещё во времена Холодной войны, это – связи, которые были заложены мудрыми людьми здесь и там. Поэтому я так благодарен за этот мир, за это взаимопонимание между нами, за эту протянутую руку дружбы, которую мы приняли с такой радостью. И я надеюсь, что уже очень скоро снова смогу приехать в Ваш прекрасный город.

Сегодня я возлагаю венок на могилы 271 русского военнопленного, умершего в Эрлангене во время и после Первой мировой войной. Я делаю это в память о многочисленных ветеранах из Владимира, которые столько раз стояли здесь, вспоминая своих боевых товарищей. Вам всем, победившим войну и сохранившим мир, моё искреннее уважение и почтение. Этим жестом я благодарю Вас за освобождение мира от фашизма и говорю спасибо за 75 лет мира между нашими народами. Наша обязанность сегодня – сохранить его.

С Днём Победы! С праздником мира и добра!

Doch damit nicht genug. Die Partnerschaft kann COVID-19 zwar am unmittelbaren Austausch hindern, hat aber nicht das Zeug, alle Verbindungen abbrechen zu lassen, wie folgendes Projekt beweist:

Gestern hätte in Wladimir nämlich auch eine Ausstellung der Kunstvereine beider Partnerstädte mit dem Titel „Sieg über den Krieg – Erinnerungen“ eröffnet werden sollen. Nun ist sie hier wie dort und überall auf der Welt im Internet zu sehen, und Nils Naarmann stellt das Projekt im Video kurz vor:

Zu sehen ist die Ausstellung hier auf der Homepage des Kunstvereins Erlangen https://is.gd/K6cVm6 sowie des Künstlerverbands Wladimir https://izo33.ru – noch das ganze Jahr und rund um die Uhr. Eine ausführlichere Besprechung des Projekts folgt noch.

Sieg über den Krieg 1

Amil Scharifow und Nils Naarmann

Aber kein Fest ohne Lieder. Deshalb zu guter Letzt für heute noch ein Ständchen im Sitzen mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell, der mit seiner musikalischen Einlage seine Kameraden in Wladimir grüßt.

Und noch eine Zugabe: Wolfgang Morells Freund, Nikolaj Schtschelkonogow, erwidert den musikalischen Gruß und berichtet – freilich auf Russisch – von seinen Begegnungen in Deutschland. Besser kann deutsch-russische Verständigung wohl kaum gelingen… Mit einem Klick hier https://is.gd/bVLgUH sind Sie dort in Wladimir.

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