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Archive for the ‘Politik’ Category


Wie die Pracht der orthodoxen Kirche mit der Macht des russischen Staates mittlerweile nach den sieben Jahrzehnten der Trennung vom und der Verbannung aus dem öffentlichen Leben unter der kommunistischen Herrschaft wieder verbunden ist, zeigt in Wladimir das Denkmal mit der Figur des Fürsten von Wladimir, der sich 988 nach dem byzantinischen Ritus hatte taufen lassen und darauf das Christentum zur Staatsreligion erklärte. Mit dem Schwert in der Hand.

Wladimir der Täufer vor der im Wiederaufbau befindlichen Freitagskirche

Die Freitagskirche, 1960 abgerissen, wird nun mitten im Zentrum von Wladimir wiederaufgebaut und bekam den Täufer der Kiewer Rus als Patron zur Seite gestellt. Eher eine Randbeobachtung am gestrigen 1. Mai, dem „Tag des Frühlings und der Arbeit“, der natürlich auch in der Partnerstadt gefeiert wurde.

Festzug zum 1. Mai

Doch anders als es der Name der Partei der Macht „Einiges Rußland“ suggeriert, ist es mit den politischen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten nicht mehr so weit her. Die Kommunisten verweigerten sich nämlich dem einheitlichen Aufmarsch und machten ihr eigenes Ding im Stadtpark mit Musik und Feldküche, weil ihnen die Position der Gewerkschaften als zu lasch und staatstragend erscheine.

Festzug zum 1. Mai vor dem Goldenen Tor

Dennoch setzte sich der Festzug um 10 Uhr in beachtlicher Länge vom Goldenen Tor bis zum Kathedralenplatz in Marsch, wo sich schließlich etwa 5.000 Menschen versammelten, um der Musik und den Reden zu lauschen.

Festliche Straßensperrung zum 1. Mai

Anders als früher, noch gemeinsam mit den Kommunisten, kaum ein Wort über die internationale Solidarität, über den weltweiten Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer. Dafür viel patriotischer Kampfgeist, bei dem man freilich nie so recht weiß, inwieweit er auch tatsächlich die Köpfe erreicht und begeistert.

Feierlaune zum 1. Mai

Aufhorchen machte allerdings eine junge Frau, Mitglied der paramilitärischen patriotischen Bewegung „Junge Garde“, die, in Kadettenuniform gewandet, ein Kampfgedicht aus eigener Feder vortrug, in dem sie im Namen der Kämpfer in der Ostukraine der russischen Politik für die Unterstützung dankte und ihr Elaborat mit der Mahnung gipfeln ließ, auf die Ruinen des Reichstags werde man eines Tages das Wort „Donbaß“ schreiben.

Kulturprogramm zum 1. Mai

Derlei martialische Rhetorik will der Blog für sich sprechen lassen und lieber den Blick wieder dem Thema der Verständigung zuwenden. Gegen Mittag nämlich traf im Erlangen-Haus ganz kurzfristig angekündigter Besuch ein. Hochwillkommen und mit erfreulichen Nachrichten. Jan Kantorczyk, seit zwei Jahren in der Deutschen Botschaft Moskau als Leiter des Kulturreferats tätig, besucht derzeit mit seiner Frau – privat – zum ersten Mal Wladimir und Susdal, ist aber mit der Städtepartnerschaft schon länger vertraut. So hat er für den Erlanger Chor „Vocanta“ am 1. Juni in Moskau – zum Abschluß der Wladimir-Tournee – in der Kathedrale St. Peter und Paul zu Moskau einen Auftritt organisiert: sicher der Höhepunkt dieser Konzertreise. Und dann ist der Botschaftsvertreter auch noch dabei, den Wladimirer Künstler, Wladimir Chamkow, nach Erlangen zu vermitteln. Mehr noch, die Partnerstädte könnten sogar Restmittel für die Förderung von Kulturveranstaltungen aus einem Botschaftsprogramm beantragen.

Peter Steger mit Jelena und Jan Kantorczyk

Viel Zeit blieb dem Ehepaar im Erlangen-Haus leider nicht, denn Wladimir und Susdal wollen ja noch erkundet werden, und da wartet auch schon länger Alexander Papin aus Melenki, einer Kreisstadt im Süden der Region, der zu einer Reise in die deutsch-russische Vergangenheit einlädt.

Gedenkstein für Karl Türmer

Am Wegrand der 150-km-Strecke, für die man mit dem Wagen gute zweieinhalb Stunden braucht, liegt ein Gedenkstein für Karl Türmer, 1999 errichtet von der Forstverwaltung zum 175. Geburtstags des Deutschen, der in dem später nach ihm benannten Ort Tjurmerowka im Landkreis Sudogda die nachhaltige Waldnutzung eingeführt hatte. Die Inschrift lautet denn auch „Deiner Hände Werk – ein Diamant aus Wald“. Mehr zu diesem Werk unter: https://is.gd/5QYkF7

Gedenkkreuz für deutsche Kriegsgefangene

Ziel der Reise ist aber Sokolje, etwa elf Kilometer von Melenki entfernt mitten im Wald gelegen. Auf der Karte ist gar keine Straße mehr eingetragen, die zu dem Ort führt, und in der Tat erlebt man hier augenfällig das Sterben der russischen Dorfkultur. Gestorben sind hier aber auch Soldaten der Wehrmacht, eingesetzt beim Torfabbau. Alexander Papin, der seine Familie als Moskau-Pendler ernährt, weil es vor Ort kaum noch Arbeit gibt, hat die Begräbnisstätte eher zufällig entdeckt. Auf seinen Radtouren machte ihn ein Einheimischer auf den Friedhof im Wald aufmerksam.

Alexander Papin und Peter Steger

Weitere Nachforschungen ergaben, daß hier tatsächlich vor 1945 16 Deutsche beigesetzt wurden, alle aus dem Lager Sokolje mit der Nummer 190/22. Die Idee ist nun, die Namen der Kriegsgefangenen zu recherchieren und dann ein kleines Mahnmal zu errichten, möglichst mit einer Erneuerung des Denkmals für die sowjetischen Gefallenen des Orts.

Sokolje

Damit die Gebeine nicht ganz anonym ruhen, hat Alexander Papin ein provisorisches Birkenkreuz über die Gräber gelegt. Auch ein Hinweisschild hat er selbst entworfen. Aber das ist ihm nicht genug. Die Erinnerung läßt ihn nicht ruhen: „Uns Russen und Deutsche verbindet so viel über die Gräber hinweg. Das müssen wir auch klar zeigen.“

Kreuzung im Wald

In Sokolje, einst eine blühende Siedlung mit allem, was man fürs Leben brauchte, kennt man den Pfadfinder der Geschichte als den „Mann mit dem Fahrrad“ und spricht ihn auch so an, um gleich die Frage folgen zu lassen: „Und, was ist mit den Deutschen?“

Alexander Papin im Gespräch mit Einwohnern von Sokolje

Aus eigenem Erleben erinnert sich niemand mehr an die Gefangenen, die Alten sind gestorben oder „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, aber die Erzählungen der Eltern und Großeltern leben noch fort. In Holzbaracken lebten die „armen Kerle“, harte Arbeit hatten sie zu verrichten, bewacht wurden sie kaum, denn wohin hätten sie auch schon fliehen wollen in dieser Einöde…

Hauptstraße von Sokolje

Im Lager, von dem keine Zeugnisse mehr erhalten sind, herrschte demnach eine ganz eigene Ordnung, nach der die Gefangenen meist selbst übereinander Gericht hielten. Wenn jemand gegen die Regeln verstieß, ahndete man das selbst, weil jeder Übeltäter ja den eigenen Leuten schadete: „Wegen dir müssen wir alle noch länger hier bleiben“, hieß es dann.

Willkommen im Dorfklub Sokolje

Vom Hunger erzählten die Eltern und Großeltern – und davon, daß man den Deutschen immer wieder Brot über den Zaun warf, um das sie sich dann balgten, für das sie sich aber auch immer bedankten. Kein Groll ist da mehr herauszuhören, eher Verständnis: „Man hat sie doch in den Krieg gezwungen, das waren ja oft noch ganz junge Burschen, die gar nicht wußten, was sie taten. Hoffentlich passiert so etwas nie wieder.“

Aushang vor dem Dorfklub

Von den einst 1.000 Einwohnern der in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründeten Arbeitersiedlung leben heute noch weniger als einhundert in Sokolje. Die Jugend ist längst fortgezogen, geblieben sind die Alten; nicht einmal Datschen von Städtern stehen hier. Kein Laden, kein Kindergarten, kein Arzt, die Busverbindung ist eingestellt. Nicht einmal einen Gemeindefriedhof findet man. Das Leben endet hier.

Abschied vom Dorfleben

Über die Gräben des Torfabbaus und die Gräber der Gefangenen hinweg bleibt nur die Erinnerung. Und die verbindet. Wenn es tatsächlich gelingen sollte, hier eine Gedenkstätte einzurichten, würden die Einheimischen gern dabei sein: „Das ist doch unsere gemeinsame Geschichte, und wir tragen euch Deutschen nichts nach. Ihr seid uns immer willkommen.“

Glanz der Kreuze in Murom

Ob die schneidige junge Frau im Militäraufzug am Morgen auf der Tribüne vor der Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale in Wladimir eine Vorstellung davon hat, was Krieg bedeutet? Ob sie ihre Worte zu Ende gedacht hat? Friedrich Nietzsche nannte den Krieg den „Winterschlaf der Kultur“. Gestern wurde dem das Erwachen des Frühlings entgegengesetzt, der Aufbruch zu noch mehr Austausch und Verständigung. Vielleicht zu wenig, zu hilflos, aber gewiß auch stärker als wir manchmal selbst zu glauben wagen.

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Kemerowo ist überall, die Menschen in Wladimir trauern mit den Angehörigen und Freunden der Opfer der Brandkatastrophe vom Wochenende.

Ein Kerze für Kemerowo

Familien, Kinder und Freundeskreise, die in dem Freizeitzentrum einige vergnügliche Stunden verbringen wollten, die zu Geburtstagsfeiern, Familientreffen oder Jubiläen gekommen waren: Alles fand ein jähes und grausiges Ende in Flammen, kein Entrinnen war durch die verschlossenen Ausgänge möglich.

Im Erlangen-Haus ist Kemerowo besonders nahe, stammt doch eine der Mitarbeiterinnen von dort. Da wird deutlich, daß der einzelne nur ein Sandkorn sein mag im Fluß der Geschichte, niemand aber davor gefeit ist, zum Opfer zu werden oder liebe Freunde zu verlieren, wenn menschliches Unvermögen, Leichtsinn oder Gier das Leben anderer bedenkenlos aufs Spiel setzen.

Blumen für Kemerowo

In der Partnerstadt fand in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale ein Gedenkgottesdienst statt, an verschiedenen Orten legt die Wladimirer Bevölkerung Blumen und Spielzeug nieder, so beim Kirschendenkmal in der Fußgängerzone oder vor dem Dom, wo zwei Wachen zum Gedenken der Opfer postiert sind. Die Menschen verweilen lange vor der Gedenkstelle, viele beten, andere beantworten Fragen ihrer Kinder.

Derweil werden Befürchtungen laut, wonach die Zahl der Opfer noch weit höher liege, als bisher bekannt.

Kemerowo

Kemerowo, wir stehen an deiner Seite

Ich habe im Namen von Erlangen Blumen niedergelegt, wissend, daß dies nur eine kleine Geste sein kann, hoffend, durch die in so vielen Städten des Landes gezeigte Trauer möge diejenigen wachrütteln, die für Sicherheit verantwortlich sind. Sicherheit ist eben nicht das Verfassen von Vorschriften, sondern vor allem deren Umsetzung, Überwachung und Alltagstauglichkeit.

Ich werde jedenfalls beim nächsten Mal daran denken, wenn wir die 14 Stockwerke des Erlanger Rathauses übungshalber evakuieren. Ich werde dann nicht mehr denken, „wie lästig“, sondern mich freuen, wenn am Ende der Übung die Einsatzleitung konstatiert: „Nach 15 Minuten waren alle Stockwerke geräumt“.

Natalia Pawlowa, Irina Chasowa und Elisabeth Preuß

Nachtrag: Am Abend stand Training auf dem Programm, Irina Chasowa nahm mich mit in ihr Sportstudio „Sarjadka“. Auch dort war Kemerowo Thema. Zum einen informierte die Trainerin, Natalia Pawlowa, über die Lage der Notausgänge, zum anderen hielt das gesamte Studio um 19 Uhr eine Minute inne, um der Toten zu gedenken. Bereits um 18 Uhr hatten sich Wladimirer am Kathedralenplatz versammelt und ließen weiße Luftballons steigen.

Elisabeth Preuß

 

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Nach Angaben der Wahlkommission der Region Wladimir gingen am vergangenen Sonntag 65,01% der Stimmberechtigten an die Urnen, 12% mehr als vor sechs Jahren. Gewonnen hat die Wahl – wie bereits 2012 – Wladimir Putin mit 73,65% und einem Abstand von 61,02% auf den stärksten Herausforderer im Amt des Präsidenten, Pawel Grudinin von der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, die auf 12,63% kam, während sie bei den letzten Wahlen noch bei 20,75% gelegen hatte. In absoluten Zahlen haben sich demnach 546.042 der 1.141.236 Wahlberechtigten für den Amtsinhaber entschieden, 200.000 mehr als im März 2012. Der Vollständigkeit halber seien auch noch die Angaben zu den weiteren Kandidaten und ihrem Ergebnis gemacht: Wladimir Schirinowskij – 7,93%, Xenia Sobtschak – 1,45%, Grigorij Jawlinskij – 0,83%, Boris Titow – 0,82%, Sergej Baburin – 0,73% und Maxim Surajkin – 0,68%.

Abgesehen von fast 10.000 ungültigen Wahlzetteln konnten die Beobachter – Journalisten, Vertreter der Parteien und Mitglieder der Zivilgesellschaftlichen Kammer – keine Unregelmäßigkeiten feststellen. Wladimir wählte also wieder Wladimir Wladimirowitsch mit nur knapp 3% weniger Zustimmung als im landesweiten Mittel für weitere sechs Jahre zum neuen und alten Präsidenten der Russischen Föderation.

P.S.: Wählen konnten übrigens russische Staatsbürger am vergangenen Donnerstag auch im Nürnberger Honorarkonsulat, was denn auch Gäste aus Wladimir zu ihrer freilich geheimen Stimmabgabe nutzten.

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Allmählich verlassen auch die letzten Gäste der „Russisch-Deutschen Wochen“ aus Wladimir ihre Partnerstadt. Wladislaw Kapsjonkow macht sich am Samstag auf die Heimreise – „nach Tagen voll großartiger Eindrücke von einem Land, das ich bisher nur aus den Schilderungen meiner Schwester gekannt hatte.“

Manfred Kirscher, Kristina Kapsjonkowa und Wladislaw Kapsjonkow

Begleitet von Manfred Kirscher und seiner Schwester, die seit zwei Jahren eine Ausbildung am Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde macht, erkundete der Student der Geophysik fast zwei Wochen lang die „Bodenschätze“ der Partnerschaft und versprach gestern bei seinem Zwischenbericht im Rathaus, bald die Ergebnisse seiner Messungen und Analysen exklusiv für den Blog vorzustellen. Die Wissenschaftsredaktion bittet deshalb noch um ein wenig Geduld.

Florian Janik und Jurij Fjodorow

Derweil hat das Politikressort noch einen Nachtrag zum Besuch von Jurij Fjodorow, Staatssekretär a.D. und Mitglied der Wladimirer Regionalduma, der sich am Montag ins Gästebuch der Stadt Erlangen eingetragen hatte. Er, 1984 als stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Rats der Volksdeputierten der erste „Kundschafter“ Wladimirs in der Hugenottenstadt, gilt ja als „Vater der Partnerschaft“ auf russischer Seite und konnte sich nun aufrichtig über all das freuen, was in den 35 Jahren deutsch-russischen Miteinanders alles entstanden ist: „ein einzigartiges Netzwerk einer Bürgerpartnerschaft, genau das, wovon Dietmar Hahlweg und ich damals träumten. Schön, das nun während dieser ereignisreichen Tage der Begegnungen mit so vielen Menschen und bei so großartigen Veranstaltungen selbst erlebt zu haben.“

Erlangen-Haus im Schnee

Die „Russisch-Deutschen Wochen“ gehen nun, während Wladimir im Schnee versinkt, in die Faschingsferien. Aber schon am Montag, den 19. Februar. beginnt mit dem Filmabend „Hundeherz“ die zweite Staffel der Veranstaltungen, zu denen in den nächsten Tagen hier die Vorberichte erscheinen. Einstweilen also „Helau!“ – und bitte dranbleiben.

 

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Um 14.43 Uhr vermeldete am gestrigen Sonntag das Wladimirer Internetportal „Zebra“ in seiner Online-Berichterstattung von der Kundgebung gegen die „Wahlen ohne Wahl“  mit einem „Oha“ die Festnahme von Alexej Nawalnyj, dem Rechtsanwalt, dem die Behörden wegen einer umstrittenen Vorstrafe die Kandidatur zum Präsidenten beim Urnengang am 18. März verwehren. Doch, so schon die nächste Mitteilung: „In Wladimir verläuft diesbezüglich bisher alles still, friedlich und ruhig.“

Und in der Tat: Es hatte wohl im Vorfeld Warnungen seitens der Sicherheitskräfte gegeben, an dem Marsch durch die Stadt teilzunehmen, und die Stadtverwaltung hatte wegen einer schon vor längerer Zeit geplanten Aktion zum gestrigen „Internationalen Tag ohne Internet“ die Erlaubnis verweigert, auf dem Theaterplatz zu demonstrieren, aber dann schritt doch niemand ein, als sich, ausgestattet mit Luftballons, Ansteckern und Fahnen, der Zug gegen 14.00 Uhr vom Gartenplatz im Zentrum auf den Weg zum sogenannten „Speakers‘ Corner“ im Zentralpark machte, den Ort, wo man sich in der Partnerstadt auch ohne behördliche Genehmigung versammeln kann, um frei seine Meinung zu sagen.

Etwa 75 Minuten brauchten die geschätzt 150 bis 200 Protestierer für den als Spaziergang deklarierten Marsch, die am Ziel dann noch etwa eine Dreiviertelstunde ihren oppositionellen Rednern zuhörten. Auch hier ohne Zwischenfälle, Störungen oder gar Festnahmen. Nicht einmal das Tuckern des Traktors, den die Parkverwaltung als Geräuschkulisse angelassen hatte, konnte den Frieden stören.

Schon am Abend dann kam in Moskau auch Alexej Nawalnyj wieder frei, und in Wladimir bereitet man sich nun weiter auf die Wahlen vor, die einen mit dem Ziel einer möglichst hohen Beteiligung und vielen Stimmen für den amtierenden Präsidenten, die anderen mit der Absicht, sich der Stimme zu enthalten, den Urnengang zu boykottieren, weil ihr Kandidat gar nicht zur Wahl steht. Möge es auch in Zukunft in jeder Hinsicht still, friedlich und ruhig in der Partnerstadt bleiben.

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Susdal, Rothenburgs russische Partnerstadt, kann eine erstaunliche Erfolgsgeschichte erzählen und sogar ein Rezept für die Verdoppelung des kommunalen Budgets teilen. Mit gerade einmal 156 Mio. Rubel Haushaltsansatz aus eigenen Mitteln hatte die 10.000-Einwohner-Stadt Ende 2017 stolze 302 Mio. Rubel zur Verfügung. Wie das geht, erklärt City-Manager Sergej Sacharow mit einer einfachen Rechnung:

Wir haben gelernt, mit Förderprogrammen zu arbeiten. 2016 entwarfen wir viele Projekte in den Bereichen Soziales und Infrastruktur, und 2017 schon erhielten wir aus föderalen und regionalen Töpfen Zuschüsse, die auf jede eigene Kopeke noch eine drauflegten.

Wie sinnvoll dieser Ansatz als Blaupause auch für andere russische Kommunen sein kann zeigen die vielen abgeschlossenen Projekte, etwa die Generalsanierung des Kultur- und Freizeitzentrums, die Eröffnung eines 3-D-Kinos oder die Erneuerung der Brücke über die Kamenka sowie die Inbetriebnahme eines modernen Kesselhauses für die Fernwärme. Alles Objekte mit einem Förderanteil von bis zu 95%.

Wenn jetzt die Steuer- und Abgabengesetzgebung es noch zuließe, so richtig vom Fremdenverkehr zu profitieren, wäre Susdal alle Sorgen los, denn allein über die Weihnachtswoche Anfang diesen Jahres zählte man in den verschiedenen Museumseinrichtungen 62.000 Besucher und lag damit knapp hinter den Ergebnissen von Sankt Petersburg und Moskau.

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Während der ersten Amtsperiode von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg studierte er an der Friedrich-Alexander-Universität Geschichte und Germanistik, als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Moskau kennt und schätzt er Erlangen als die Partnerstadt von Wladimir, und gestern abend nun sprach Rüdiger Freiherr von Fritsch auf Einladung der Lions auf einer Gemeinschaftsveranstaltung mit den Rotariern, einen Steinwurf entfernt von seiner Alma Mater, mit der ihn bis heute viel verbindet und deren vielfältige wissenschaftliche Kontakte zu russischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Diplomat gleich zu Beginn seiner frei gehaltenen Rede ausdrücklich lobte. Ebenso wie den mittlerweile seit 35 Jahren bestehenden bürgerschaftlichen Austausch zwischen Erlangen und Wladimir, den der Gast „vorbildlich und sinnbildlich“ für die deutsch-russischen Beziehungen nannte und dabei exemplarisch den Jugendaustausch des BDKJ sowie die Solotour von Gertrud Härer auf dem Fahrrad im Sommer vergangenen Jahres hervorhob. Doch diese lokale Volksdiplomatie ist natürlich eingebettet in die lange gemeinsame Geschichte des Zusammenspiels von Berlin und Moskau, symbolisiert etwa in der von Dmitrij Bortnjanskij am Zarenhof komponierten Melodie zum Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“, das beim Großen Zapfenstreich erklingt, ebenso wie in den Abgründen des Zweiten Weltkriegs.

Erik von Fritsch, Rüdiger von Fritsch und Dietmar Hahlweg

Wenn man Rüdiger Freiherr von Fritsch zuhört, weiß man die deutsch-russischen Beziehungen in kundigen Händen und versteht, warum Deutschland auch in den schwierigen Zeiten seit der Krim-Annexion und den elftausend Kriegstoten in der Ostukraine auf allen Ebenen – fast möchte man sagen: jetzt erst recht – die Gespräche auf allen Ebenen weiterzuführen bestrebt ist. Jenseits aller zwischenstaatlicher Konflikte vor dem Hintergrund der „Erfolgsgeschichte“ der EU und NATO mit ihren neuen, einst zum Machtbereich Moskaus zählenden Mitgliedern einerseits und dem Empfinden einer „Rückabwicklung“ des Russischen Reichs und der Interessenssphäre der Sowjetunion während der letzten drei Jahrzehnte andererseits nämlich, jenseits all dieser Probleme, die der Chef des mehr als dreihundertköpfigen Teams in der deutschen Auslandsvertretung klar beim Namen nennt, könne nur ein „parallel zu führender Dauerdialog“ Vertrauen zurückgewinnen, für das auch das „große Mosaik der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir“ stehe.

Rüdiger Freiherr von Fritsch

So wichtig aber die zivilgesellschaftliche Basis, so unverzichtbar der Überbau einer zwischenstaatlichen Politik des Ausgleichs und der Definierung gemeinsamer Interessen in einer globalisierten Welt mit neuen Gewichtungen, wo selbst Staaten wie die Bundesrepublik oder die Russische Föderation nicht mehr ohne engen Verbund bestehen können. Denn, so die Botschaft des Diplomaten: „Es darf nicht das Recht des Stärkeren gelten, sondern wir brauchen eine Stärkung des Rechts.“ Auf dieser Grundlage Moskau neue Angebote zur Integration zu machen, ist der Weg, den Rüdiger Freiherr von Fritsch der deutschen Politik zu gehen anrät. Man tut gut daran, ihm zuzuhören und ihm darin zu folgen.

P.S.: Die Gelegenheit sollte nicht ungenutzt bleiben, um der Deutschen Botschaft in Moskau für die vielfache Unterstützung und Anerkennung der Städtepartnerschaft ebenso zu danken wie den beiden gestern gastgebenden Serviceklubs, die eine Vielzahl von Projekten im Austausch zwischen Erlangen und Wladimir unterstützen.

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