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Archive for the ‘Landeskunde’ Category


Zu Epiphanias feiert man in der Ostkirche die Taufe Jesu im Jordan. Auch in Wladimir nimmt man dieses Fest ernst und beläßt es nicht beim nächtlichen Gottesdienst, sondern steigt ins kalte Wasser, das möglichst vorher noch geweiht wurde.

Wasserweihe bei Kidekscha

Eine Prozedur, nicht geeignet für Frostbeulen, selbst wenn in diesem Winter die Temperaturen bisher auch nachts im einstelligen Minusbereich bleiben, die Eisdecke also gefährlich dünn ist. Grund genug für die Behörden, vor Alleingängen ins Wasser zu warnen.

Der Reihe nach bei Kidekscha am Zusammenfluß von Kamenka und Nerl

Gut tat deshalb daran, wer eine der 52 in der ganzen Region Wladimir offiziell eingerichteten Taufbecken nutzte, wo neben geistlichem Beistand auch Rettungskräfte – für den Fall der Fälle – zur Stelle waren, immerhin bis 3.00 Uhr heute früh.

Epiphanie am Seligersee

Etwa 15.000 Unerschrockene waren es in dieser Nacht wohl im ganzen Gouvernement, die bibbernd ins Eiswasser stiegen und – von ihren Sünden reingewaschen – prustend wieder nach oben kamen. Stimmungsvoll gewiß überall, von einer besonderen Aura durchdrungen aber bestimmt in Kidekscha, gesehen durch das Objektiv von Sergej Lakejew.

Die Boris und Gleb geweihte Kirche in Kidekscha

Hier, einen Spaziergang von Susdal entfernt, fließt die Kamenka in die Nerl, hier steht die den Heiligen Boris und Gleb geweihte Kirche aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, und hier hielten Jurij Dolgorukij, der Gründer Moskaus, und seine Nachfolger hof, bis 1238 der Mongolensturm über das Großfürstentum Wladimir-Susdal hinwegfegte und auch dieses Gotteshaus nicht verschonte, das zu den ältesten sakralen Kalksteinbauten des Landes gehört und erst unlängst aufwendig restauriert wurde. Immer einen Besuch wert, nicht nur zu Winterszeit, die nun hoffentlich endlich wirklich auch in den Wladimirer Landen anbricht.

Epiphanie 1

Spieglein, Spieglein auf dem Wasser…

Passiert ist übrigens gottlob nichts. Es könnte natürlich sein, daß die Statistiker einen Anstieg bei den Entzündungen der Atemwege feststellen, aber die Anhänger des Eisbadens schwören ja gerade auf diese Methode der Abhärtung und Vorbeugung.

Epiphanie 2

Brrr! Geschafft!

Hier noch einige weitere Eindrücke aus dieser Nacht, gesehen von Sergej Golowinow.

Epiphanie 3

Das ist ja nicht einmal knietief!

Und dann gibt es – nicht ganz jugendfrei – auch noch einen Pfuhl für all jene, die sogar beim Reinigungsbad sündigen und behaupten, Jesus habe sich selbst im Adamskostüm taufen lassen.

Epiphanie 5

Feuer und Wasser hat Gott den freien Willen gegeben. Russisches Sprichwort.

Ort und Zeit sind unbekannt, und kein Name wird genannt. Honi soit qui mal y pense. Täuflinge ohne pavor nackturnus…

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Seit genau einhundert Jahren, seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders durch die Sowjetmacht, feiert man in Rußland am 14. Januar nach dem einstigen Julianischen Kalender das „Alte Neue Jahr“. Ein längst ins Brauchtum eingegangenes Fest, mit dem die zweiwöchigen Winterferien enden.

In Wladimir beging man diesen inoffiziellen Jahreswechsel am Sonntag mit der mittlerweile siebten Auflage des „Väterchen-Frost-Laufs“, an dem heuer bei frischen -6° C etwa 2.000 Weihnachtsmänner mit ihren Enkelinnen, den „Schneeflöckchen“, teilnahmen.

Die 600 m lange Strecke führte vom Goldenen Tor auf den Kathedralenplatz, wo Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Oberstadtdirektor Andrej Schochin die schnellsten ebenso wie die am originellsten kostümierten Teilnehmer auszeichneten.

Lauf, Väterchen, lauf!

Der sportliche Ehrgeiz stand freilich nicht im Vordergrund. Es ging um den Spaß an der Gaudi, um gute Laune vor dem Start in den Alltag des neuen Jahres.

Deshalb gab es auch Preise für die jüngsten und ältesten Läufer ebenso wie für alle, die in Familienstärke antraten. Dabei sein war eben alles, gleich ob Hobby- oder Profisportler.

Olga Dejewa und Andrej Schochin

Und dann gab es da noch eine Ankündigung von Olga Dejewa. Sie sei als Schülerin immer gerne gelaufen, habe an Wettkämpfen teilgenommen und wolle nun im nächsten Jahr am 14. Januar selbst an den Start gehen, als „Schneeflöckchen“, die Enkelin von „Väterchen Frost“, in dessen Kostüm ihr Kollege, Andrej Schochin, schlüpfen werde. Wenn da nicht Vorfreude aufkommt!

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Ich verbrachte den Jahreswechsel in Wladimir und erlebte erstmals den russischen Winter. Die Stadt hatte ich während meines Auslandssemesters sehr gut kennengelernt, allerdings nicht zur Weihnachtszeit. Folgend einige Eindrücke, die ich zwischen dem 27. Dezember 2017 und dem 8. Januar 2018 – abseits der Universität – sammeln konnte:

  • Entgegen meiner Erwartung, von klirrender Kälte empfangen zu werden, verhielt sich das Wetter – beinahe schon erschreckend – zahm. Nebel, Regen und Wind machten dem Ruf des russischen Winters bei Temperaturen um den Gefrierpunkt keine Ehre.
  • Das Neujahrsfest entspricht etwa dem Weihnachtsfest in Deutschland. Man trifft sich mit Familie oder Freunden, speist gemeinsam und tauscht Geschenke aus. Ich verbrachte den Abend in der Wohnung einer Freundin, die über die Feiertage verreist war. Zwar bot das Apartment einen tollen Ausblick auf die „Skyline“ Wladimirs, was aber besonders in der Silvesternacht aufgrund des Nebels keinen Mehrwert bot und auch jegliche Feuerwerks-Aktivitäten höchstens erahnen ließ.

  • Wie zu erwarten, gehen an diesem Feiertag die Preise für alles mögliche in die Höhe. Wie bereits erwähnt, konnten ich – zur Freude unserer Geldbeutel – in besagter Wohnung unterkommen, denn die Preise für Mietwohnungen über den Neujahrsabend wäre um ein Vielfaches teurer gewesen. Auch sah ich davon ab, mich mit Freunden in der Stadt zu treffen, da alleine der Eintrittspreis für ein Teehaus 1.500 Rubel (entspricht ca. 25 €) betragen hätte.
  • Wie auch in Deutschland empfiehlt es sich, Einkäufe für das Weihnachtsessen nach Möglichkeit früh zu tätigen. Nachdem ich dieser Devise aus logistischen Gründen nicht hatten nachkommen können, verloren ich am 30. Dezember im völlig überfüllten Supermarkt „Globus“ einiges an Nerven.

  • Die Wladimirer haben sich auch dieses Jahr viel Mühe gegeben, die Stadt in einem weihnachtlichen Glanz erstrahlen zu lassen. Auf dem Kathedralenplatz steht ein gigantischer Neujahrsbaum, daneben gibt es einen kleinen Weihnachtsmarkt, auf dem lokale Produkte wie Kerzen, Honigkuchen, Spielzeug, Schmuck, Schaschlik oder Glühwein verkauft werden. Zudem finden sich beispielsweise auch in Bussen Papierornamente, die auf die Feierlichkeiten hinweisen.

  • Nachdem mich meine Gastgeber in die Tradition von „Dinner for One“ als Pflichtprogramm des Silvesterabends eingeweiht hatten, wurde mir das russische Äquivalent nicht vorenthalten. Der Film „Ironie des Schicksals“ ist ein sowjetischer Drei-Stunden-Kracher aus den Siebzigern. In dieser Verwechslungsgeschichte steigt ein betrunkener Moskauer fälschlicher Weise in ein Flugzeug nach Leningrad, geht aber weiterhin davon aus, er sei in seiner Heimatstadt, was ihm aufgrund der sowjetischen Vereinheitlichungspolitik nicht auffällt. Er fährt zu seiner vermeintlichen Heimatadresse, die unter dem gleichen Namen in Petersburg existiert, wobei das Wohnhaus und sogar seine Wohnung genau wie in Moskau aussehen. Nach einer sehr theatralischen Auflösung des Irrtums mit der eigentlichen Mieterin der Wohnung verliebt sich der Held zum Ende der Handlung in die Gastgeberin.

Um zusammenzufassen: So groß, wie ich erwartet hatte, sind die Unterschiede zwischen dem deutschen Weihnachtsfest und dem russischen Jahreswechsel gar nicht. Zwar sind die Abläufe in den Feierlichkeiten etwas anders, aber letztendlich geht es auch hier um das Zusammensein mit Freunden und Familie. Einzig und allein das Wetter hat nicht so richtig mitgespielt, aber das kenne ich ja zur Genüge aus Deutschland.

Max Firgau

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Susdal, die Museumsstadt, gute 30 km von Wladimir entfernt, entwickelt sich weiter prächtig zum touristischen Zentrum des Goldenen Rings. Gleich zu Beginn des neuen Jahres stellten das die Fremdenverkehrsplaner wieder eindrucksvoll unter Beweis mit dem Filzstiefelfest, das laut einer Meldung der TASS vom 3. bis 5. Januar mehr als 10.000 Besucher anlockte.

Dabei galten die Filzstiefel – auf Russische „Walenki“ – noch bis vor kurzem als Ausweis dörflicher Rückständigkeit, als schlichtweg untragbar und bestenfalls als Requisite der Folklore. Das wärmende Schuhwerk, wegen seiner Wasserdurchlässigkeit vor allem im Winter mit Galoschen oder einer Gummisohle versehen, hatten ursprünglich die Mongolen als Strümpfe in die Alte Rus gebracht.

Seit dem 14. Jahrhundert stellten dann russische Manufakturen Filzstiefel als Massenartikel her, die weitgehend unverändert sogar beim Militär – bis zum Ersten Weltkrieg – Verwendung fanden und im Alltagsleben die einst bei den Ostslawen gebräuchlichen Bastschuhe fast völlig verdrängten.

Russischer Soldat aus dem Ersten Weltkrieg mit Walenki auf den Skiern

Nun ist es nicht so, daß man in den Straßen russischer Städte auf Schritt und Tritt wieder den Filzstiefeln begegnete, aber sie sind wieder im Kommen und finden ihre Liebhaber. Und die werden nun immer um den Jahreswechsel nach Susdal pilgern.

In der Partnerstadt von Rothenburg o.d.T. nämlich denkt man sich manches dafür aus, um die Walenki wieder an die Füße und sogar an die Hände zu bringen: Eishockey, der russische Nationalsport schlechthin, mit Filzstiefeln als Fäustlinge. Gewöhnungsbedürftig. – Oder ein Suchspiel: Wo überall im Kreml zu Susdal haben sich die Walenki versteckt?

Landesweit das erste und einzige Fest, das dem eigenwilligen Schuhwerk gewidmet ist. Das erste und einzige Museum für Walenki gibt es allerdings in Myschkin, der Mäusestadt, an der Wolga in der Nachbarregion Jaroslawl gelegen. Dort wird man später vielleicht einmal all die Modelle bestaunen können, die heute schon in Susdal Augen und Füßen schmeicheln.

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Offenbar wirken die Maßnahmen zur Senkung des Alkoholkonsums in der Region Wladimir. Es ist immer weniger an dem Klischee dran, zur russischen Gastfreundschaft gehöre Wodka schon zum Frühstück und bis zum Abwinken als Absacker. Nach den jüngsten statistischen Erhebungen liegt das Gouvernement am Goldenen Ring hinsichtlich Nüchternheit landesweit unter allen 85 Subjekten der Republik auf Platz 20 und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr um 13 Positionen verbessert. Rechnet man die sieben muslimisch geprägten und ganz vorne platzierten Regionen des Kaukasus oder die Republik Tatarstan heraus, rückt Wladimir sogar noch weiter nach vorne.

Der Studie zugrunde liegen Untersuchungen zur Zahl der dem Alkohol zuzurechnenden Sterbefälle, die Quantität der als alkoholkrank gemeldeten Menschen; die im Zustand der Trunkenheit begangenen Straftaten; der Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholischen Getränken; die Wirkung von behördlichen Maßnahmen gegen Alkoholmißbrauch. Letztere wurden offenbar nicht vergebens ergriffen: Seit etwa zehn Jahren darf zwischen 23.00 Uhr und 7.00 Uhr kein alkoholhaltiges Getränk über die Ladentheke (viele Geschäfte haben rund um die Uhr geöffnet) gehen und nur noch in Gaststätten ausgeschenkt werden; Orte, wo Alkoholika verkauft werden, müssen einen Mindestabstand von 25 Metern zu öffentlichen Einrichtungen einhalten; seit Anfang 2014 sind sogar Bier und Wein nur noch bis 23.00 Uhr im Geschäft erhältlich; am 8. Juli, dem „Tag der Familie, Liebe und Treue“ sowie am 1. September, dem „Tag des Wissens“ und Schulbeginns herrscht Prohibition; streng hält man es mit dem Verbot, Alkohol an Minderjährige abzugeben; dem übergroßen Durst wirken aber sicher auch die zwischen zehn und zwanzig Prozent gestaffelt steigenden Preise entgegen.

Wider die Trunksucht!

Bevor jetzt aber die Freunde eines guten Tropfens ganz der Trübsal anheimfallen noch ein tröstender Witz aus dem unerschöpflich reichen Reservoir des russischen Volksmundes:

Nicht auszustehen die Leute, die behaupten, das Leben lasse sich auch ohne zu trinken genießen. Klar, man kann ja auch ohne Sportschuhe laufen. Aber man rennt nun einmal besser und schneller mit als ohne…

Alkohol 3

Vorsitzender des Dorfsowjets – „Genosse Vorsitzender, da ist das Landratsamt dran… Die sagen, wir brennen unseren Wodka selbst.“ – „Aber den holen wir uns doch im Nachbarkreis!“

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Am 18. November feiert nach irdischer Zeitrechnung Väterchen Frost Geburtstag. Für den slawischen Vetter des hl. Nikolaus eine erste Gelegenheit, sich in den vorwinterlichen Städten und Dörfern umzusehen, mit den Kindern zu sprechen, sich umzuhören auf Gottes schönster aller Welten. Der Weg führte den ehrwürdigen Herrn natürlich auch in das adventlich gestimmte Wladimir, wo man ihm einen festlichen Empfang bereitete und einen Briefkasten, von Meisterhand aus Holz gefertigt, aufstellte, in den die Kinder ihre Glückwünsche steckten, die noch am gleichen Tag nach Welikij Ustjug expediert wurden, wo Väterchen Frost residiert und aus allen Zusendungen die schönste auswählt, um den Absender dann zum Neujahr mit einem himmlischen Preis auszuzeichnen.

In der Fürstenstadt an der Kljasma aber blieb der kunstvolle Briefkasten stehen, damit die Kinder dort auch ihre Post mit dem Betreff „Wünsche an Väterchen Frost“ einwerfen können, bis in der finstren Nacht des 24. November eine wahre Untat geschah: Unbekannte Wüteriche trieben ihr schändliches Unwesen, brachen die Holzbox auf und veranstalteten mit den Kinderbriefen eine üble Schnitzeljagd, deren Spuren am nächsten Morgen zu beklagen waren.

Dieser himmelschreiende Frevel blieb natürlich im Jenseits nicht unbemerkt. Erzengel Michael, der stets wachsame Schutzpatron der Polizei, schlug denn auch umgehend Alarm und machte Sankt Nikolaus, der schon mitten in den Vorbereitungen auf seine Erdenfahrt steckte, Meldung von dem unerhörten Vorfall im Land der Reußen. Noch bevor von dort der offizielle Antrag auf Amtshilfe eintraf, beratschlagte sich der Bischof ohne Verzug mit dem Christkind, das gerade aus einem Alptraum aufgewacht war. Verdächtige Gestalten, ein rechtes Gelichter, Spießgesellen der dunklen Mächte hatten sich da lärmend durch seinen Schlaf getrieben und allerlei Allotria veranstaltet, aus Gesangbüchern Seiten herausgerissen, um daraus mit ungeschickten Händen Papierflieger zu falten, mit Weihwasser verdorrte Brennesseln gegossen oder Meßgewänder als Untersatz zu mißbrauchen, mit dem man trockenen Hinterns verschneite Hügel hinabrutschen konnte. Und dann auch das noch: das Briefgeheimnis auf so niederträchtige Weise gebrochen.

Inzwischen war aber schon Augustinus mit einem kleinen Trupp Schriftgelehrter, eskortiert von einer umsichtigen Engelschar, hinabgefahren auf die im Osten noch dunkle Erde. Der Kirchenvater hatte ja seit seiner göttlichen Weisung „tolle et lege“ eine besondere Expertise bei der treffsicheren Lektüre heiliger Schriften bewiesen und erschien den himmlischen Mächten als der richtige Mann, um das Unrecht – „mies und fies“ hatte es Sankt Nikolaus in seiner ersten Aufwallung nur allzu gerechten Zorns genannt – wiedergutzumachen.

In der Tat gelang es dem Gottesmann noch vor Anbruch des Tages, aus den Spuren der Verwüstung herauszulesen, was die Kinder sich so alles wünschten. Mehr noch, der Blog erhielt soeben sogar das Imprimatur für Auszüge aus diesen Briefen, freilich ohne Angabe der Absender. Sätze sind da zu lesen wie: „Immer erfüllst Du die Wünsche anderer, deshalb schicke ich Dir nur ein Bild von mir, damit Du mich auch bestimmt findest.“ – „Was Du mir bringst, ist mir eigentlich egal, Hauptsache – Du kommst!“ – „Ich war leider nicht immer brav in diesem Jahr, aber meine Mama lobt mich immer schon, wenn ich es wenigstens versuche. Ob das für ein Geschenk reicht?“ – „Mein Papa ist bei der Post. Er sagt, mein Brief kommt unfrankiert nicht an. Aber er weiß auch nicht, welche Marke richtig ist. Ich schicke Dir den Brief jetzt per Nachnahme. Wenn Du kommst, gibt Dir Papa die Gebühr zurück.“ – „So viel, wie ich mir wünsche, kann Dein Schlitten gar nicht tragen.“ – „Ich wünsche mir ein Fahrrad, das nie einen Platten kriegt.“ – „Mach bitte meinen Opa wieder gesund im Kopf. Er legt immer wieder sein Gebiß in meine Lieblingstasse, wenn er ins Bett geht. Ich mag ihn sehr, aber das ist pfui und eklig.“ – „Ich wünsche mir, was Du mir bringst!“ – „Mein kleiner Bruder ist krank. Ich habe gehört, wie der Doktor gesagt hat, er lebt vielleicht nicht mehr bis Weihnachten. Kannst Du nicht gleich das Christkind mitbringen?“

Wir wissen nun zwar nicht, welche Buße dereinst den Finsterlingen auferlegt wird, die in jener Nacht den lichten Zauber zu brechen versuchten, aber zuverlässige Quellen sichern uns zu, daß heute Sankt Nikolaus nach getaner Arbeit in seinem weströmischen Herrschaftsbereich auch noch einen Abstecher zu den Kindern in Wladimir plant, deren Briefe keine menschliche Niedertracht daran hindern kann, in den Himmel aufzusteigen, wo sich bestimmt auch noch Väterchen Frost mit dem Bischof zu einem Geburtstagsfestschmaus trifft.

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Der Besucher aus Wladimir, der unlängst meinte, es gebe eine Reihe von Wörtern, die man nicht in Fremdsprachen übersetzen könne, hat wohl recht. Zum Beweis seiner These führte er den Begriff „подстаканник“ an, der sich etwas umständlich mit „Glasuntersetzer“ verdeutschen ließe. Aber versteht man so, was der Gegenstand darstellt? Wohl kaum. „Wikipedia“ transliteriert denn auch einfach aus dem kyrillischen ins lateinische Alphabet und schafft in der Not mit „Podstakannik“ einen Terminus technicus, vergleichbar mit „Perestrojka“.

Gleichviel, wer schon einmal mit der russischen Eisenbahn durchs weite Land gefahren ist, kennt diese Glashalter aus einer Nickel-Kupfer-Zink-Legierung, in der Erste-Klasse-Ausführung auch versilbert oder vergoldet, die nicht nur ein sicheres Abstellen des obligatorisch gereichten Tees ermöglichen, sondern auch die Finger vor Verbrennungen der unterschiedlichsten Grade bewahren. Hergestellt werden diese ornamental-praktischen Utensilien in der Region Wladimir, in Koltschugino, etwa 80 km nordwestlich von der Partnerstadt gelegen und in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts vom Moskauer Kaufmann, Alexander Koltschugin, als Siedlung für die Arbeiter seiner Haushaltswarenwerke gegründet.

An diese Tradition knüpft nun etwa die Firma „Koltschugmelchior“ an, die ein breites Angebot dieser nützlichen Kunstwerke im Sortiment führt. Freilich hat auch hier längst die Hochtechnologie Einzug gehalten, die Verzierungen graviert heute der Laser, nicht Menschenhand. Und zum Einkaufen braucht man nicht unbedingt über Land zu fahren, es genügen ein paar Klicks hier auf dieser Seite:  http://kolchugino-melhior.ru/podstakanniki, der freilich noch ein englisches Menu fehlt, ebenso wie ein eigenes Wort, denn auch in der Weltsprache gibt „Wikipedia“ den „подстаканник“ mit „Podstakannik“ wieder. Wie gesagt, der Besucher aus Wladimir hat wohl recht.

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