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Archive for the ‘Landeskunde’ Category


Flugzeug, Zug oder Auto bringen nicht nur Reisende in Sachen Städtepartnerschaft von A nach B, sondern schenken ein Kaleidoskop an Anregungen. Nachdenken über die Relativität von Weg und Zeit ist nur eine davon.

Zusammengefaßt bleibt wieder einmal festzustellen: Der Weg von Frankfurt nach Moskau ist zwar weiter, der Weg von Moskau nach Wladimir aber länger. Dies gilt zumindest, wenn man sich wegen der Unwägbarkeiten nicht traut, auch auf dem Hinweg den Sapsan vom Kursker Bahnhof zu nehmen. Dieses Transportmittel hätte auch noch den Vorteil, bei Bedarf, oder, wenn sich wie gestern abend eine wunderschöne Winternacht bietet, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Erlangen-Haus noch frische Luft und Bewegung im Angebot zu haben.

So aber saß ich bei Dmitrij im Auto, leider ziemlich sprachlos, denn sein Englisch gleicht meinem Russisch: ausbaufähig wäre eine gute Umschreibung. Aber genau das ist ja der Grund für diese Reise: In den nächsten zwei Wochen werde ich mich in zwei Portionen täglich dieser wunderschönen, gesprochen wie gesungen so wohlklingenden Sprache widmen.

Ich bin die Strecke Domodjedowo zum Erlangen-Haus nun schon unzählige Male gefahren, ein Gedanke kommt mir immer wieder: Warum tun sich so viele Menschen diesen höllischen Verkehr an und verbringen damit Tausende von Stunden auf dem Asphalt? Zwischen den Flughäfen und der Stadt verkehren moderne Aeroexpress-Züge, die U-Bahn in Moskau ist nicht nur schnell, sondern auch so schön, daß viele Stationen es in die Bildbände dieser Welt schaffen.

Die nächste Lektion auf dem Weg ist und bleibt Globalisierung. Die Welt ist zusammengerückt, Rieker-Schuhe gibt es am Baikal, in Wladimir und in Erlangen. Gar nicht mehr erwähnenswert ist, wenn ich mit dem Blog-Redakteur, Peter Steger, innerhalb Sekunden nach meiner Ankunft kommunizieren kann, was noch für meine Elterngeneration Phantasterei und Wunschdenken war.

Globalisierung

Das Wasser, mit dem Dmitrij mich versorgte, kam aus Georgien, was zwar für Qualität bürgt, womit es aber doch ein paar Kilometer auf dem Buckel hat. (Beim Italiener gibt es hier übrigens auch Pellegrino.) Nach wenigen Kilometern fuhren wir dann an Media Markt, Obi, IKEA, Burger King vorbei. Auch мак Дональдз war natürlich mehrfach vertreten. Aldi oder Lidl habe ich nicht gesehen, aber das will nichts heißen. Ich will das gar nicht werten, aber schon diese Blicke aus dem Autofenster zeigen, wie verwoben der Welthandel ist und wie sensibel mit Eingriffen umgegangen werden sollte, hängen doch nicht nur die Immobilien und Warenströme, sondern die Schicksale Zigtausender Angestellter daran, daß die Leuchtreklamen nicht erlöschen. Die heimischen (?) Märkte stehen dort schon mindestens seit 2003, als ich das erste Mal vorbeifuhr.

Die russische Supermarktkette Lenta hat sich ihren Platz erobert, das Logo erkenne ich nun, ohne die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, von Irkutsk über Nischnij Nowgorod bis Moskau habe ich die Läden gesehen. Ein Blick ins Internet zeigt aber, daß Lenta zwar 1993 in Sankt Petersburg gegründet wurde, die Kette aber heute zum Großteil TPG Capital gehört, einem texanischen Unternehmen und auch der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“, der CEO des Unternehmens ist ein Niederländer.

Mittagssuppe – wieder nur Coca-Cola-Wasser

Die Globalisierung geht also in alle Richtungen, eine Wertung würde, wie gesagt, diesen Beitrag sprengen.

Ich kaufe mein Obst und Gemüse in Erlangen jedenfalls bei der Familie Marburger, wo ich nicht nur regionale und biologische Lebensmittel, sondern immer auch ein nettes Gespräch bekomme.

Nach ca. zwei Stunden halte ich dann Ausschau nach den Teddybären. Seit meiner ersten Fahrt bewegt mich die Frage: Wer kauft die? Es sind immer noch die gleichen Bären, ich hoffe allerdings für den Verkäufer, daß es nicht mehr dieselben sind.

(K)ein Herz für Teddybären

In schrillen Farben leuchten die Bären und anderen Plüschtiere, teilweise überlebensgroß, eingepackt in fladdrige Plastiktüten, sitzend auf vielstöckigen Holzgerüsten, und flehen die Vorbeifahrenden an: Nimm mich mit!

Meine Antwort ist eindeutig: Nein. Und ich lasse nicht mit mir handeln!

Eine Veränderung aber ist erschreckend: Die Straße, die noch vor zehn Jahren über lange Strecken durch Wälder führte, ist jetzt gerahmt von Industrie, Cafés und anderen hallenähnlichen Bauten, deren Zwecke nicht erkennbar sind. Da haben Umwelt und Ästhetik einen hohen Preis bezahlt. Nicht geändert hat sich, daß die nunmehr fast durchgängig sechsspurige Straße durch viele Dörfer und kleine Städte führt; diese werden durch den tosenden Verkehr geteilt, Ampeln und gelegentliche Überführungen können den Riß durch die Orte sicher nicht heilen. Und, ohne die Statistik zu kennen: Das Adjektiv „mörderisch“, im Zusammenhang mit Verkehr ja öfter verwendet, ist hier sicher wörtlich zu nehmen.

Eine emotionale Nachricht für die (leider derzeit verstummten) Autoren des Blogs „Von Stuttgart und Erlangen nach Nischnij Nowgorod“: Das Schild „Wladimir 100 km“, „Nischnij Nowgorod 347 km“ ließ mein Herz höher schlagen!

Noch schöner war, daß 99 km später tatsächlich ein Update geliefert wurde: Wladimir 1 km, Nischnij Nowgorod 246 km.

Da geht das Herz auf, so ein Empfang: Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Heute, am Sonntag, beginnt mein Russischkurs. Ich freue mich, und wenn meine Lehrerein am Ende sagen wird  „мoлoдец!“, dann werde ich zufrieden sein!

Elisabeth Preuß

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Das letzte Wochenende verbrachten viele Mitglieder des Euroklubs auf einer größeren Kulturreise: Schüler, Lehrer und Studenten fuhren nach Welikij Ustjug, um den Spuren des Ded Moros, des russischen Weihnachtsmanns, nachzugehen. Die Ehrenamtlichen, Mathilda Wenzel aus Saalfeld und Frederick Marthol aus Erlangen, waren bei der Reise mit dabei.

Am frühen Donnerstagmorgen vergangener Woche ging es los: Ein angemieteter Reisebus sammelte die müden Teilnehmer an verschiedenen Orten der Partnerstadt ein, anschließend zeigte sich durch die Busfenster ein traumhafter Blick auf die verschneiten Landschaften hinter Susdal im Sonnenaufgang.

Den ersten Zwischenhalt der Reise legten wir in einem Vorort von Jaroslawl ein, wo wir eine Vorstellung im örtlichen Delfinarium besuchten. Man kann von dieser Tierhaltung halten, was man will – den Kindern hat es jedenfalls sehr gut gefallen. Nach einem schnellen Mittagessen ging es auch schon wieder zurück in den Bus, denn bis nach Welikij Ustjug sind es ab Wladimir knapp eintausend Kilometer, die uns zum Großteil noch bevorstanden. Die Atmosphäre im Bus wurde während der langen Fahrt glücklicherweise durch Quiz-Spiele, Filme und Kurzpräsentationen aufgelockert.

Stadtführung durch Welikij Ustjug

Gegen Mitternacht erreichte der Bus dann schließlich die nördliche Kleinstadt. Ein Blick auf das Thermometer im Bus war nicht nötig, um zu bemerken, um wie viel niedriger die Temperatur hier liegt als in Wladimir: Selbst im Innenraum des Busses hingen Eiszapfen an den Fenstern.

Wunschbrief an Väterchen Frost

Nach einer kurzen Nacht erwartete uns Swetlana, unsere motivierte Reiseleiterin, vor dem Frühstücksraum und erläuterte kurz das Tagesprogramm, bevor es wieder einmal hieß: „Ab in den Bus!“. Eine ausgiebige Führung durch die Innenstadt von Welikij Ustjug organisierte unsere Reiseführerin ebenso, wie einen Besuch im internationalen Postbüro des Weihnachtsmanns, in dem sich Wunschbriefe aus aller Welt türmten… Die Residenz von Väterchen Frost liegt einige Kilometer außerhalb des Ortes im verschneiten Märchenwald, wo man anhand diverser Skulpturen und Weihnachtsdekoration den „Grundstücksbesitzer“ bereits erahnen kann.

Im Wald stand dann ein Geländespiel auf dem Programm, bei dem verschiedene Märchenfiguren (Helfer von Väterchen Frost) mit Herausforderungen auf uns warteten. Bei den eisigen Temperaturen und nach der langen Busfahrt war ein wenig Bewegung nicht schlecht, weshalb man den Reiseteilnehmern die Freude an den Spielen sofort ansehen konnte. Anschließend ging es zur Besichtigung in das Haus des Weihnachtsmanns, wo wir die privaten Räumlichkeiten samt persönlicher Garderobe detailliert gezeigt bekamen.

Frederick Marthol beim Tauziehen im Märchenwald von Väterchen Frost. Auf dem Schild steht zu lesen: Papa, mein Pfeil ist im Sumpf gelandet. Ich heirate einen Frosch.

Nach dem Mittagessen (natürlich stilecht in einem Väterchen-Frost-Restaurant!) präsentierte uns die Reiseleiterin schließlich noch ein Gewächshaus auf dem Gelände, in dem verschiedene Stauden und Sträucher zu besichtigen waren. Wir verließen das Glasgebäude dennoch lieber zügig, denn das tropische Klima im direkten Gegensatz zur trockenen Kälte machte uns zu schaffen.

Den gesamten Samstag verbrachten wir im Bus, der uns nach Kostroma brachte, wo Snegurotschka, die Enkelin des russischen Weihnachtsmanns, lebt. Ihr Haus ist zwar nicht ganz so groß wie das von Väterchen Frost, liegt aber dafür zentral in der Innenstadt. Die Hausbesichtigung fand hier dann am Sonntagmorgen statt und verlief ähnlich wie die erste. Ein besonderes Highlight war dann aber auf jeden Fall noch die „Eisbar“ im Inneren des Hauses mit verschiedenen in die Wand gearbeiteten Skulpturen aus Eis. Dort rundete ein Schnaps, serviert in einem Glas aus Eis, den Besuch beim „Schneemädchen“ ab.

Kostroma ist aber nicht nur bekannt für die Märchenfigur Snegurotschka, der Ort gilt auch als russische Käsehauptstadt. Ein letzter Zwischenhalt bei der ortsgrößten Käsetheke als war also obligatorisch.

Die Reisegruppe aus Wladimir bei Snegurotschka in Kostroma

Die Reise hat mir persönlich sehr gut gefallen. Es war interessant, die russischen Sagen kennenzulernen, und sogar die langen Fahrtzeiten waren stets unterhaltsam. So gesehen ist es eigentlich schade, in Deutschland keinen äquivalenten Ort zu haben, gerade für Kinder wäre das sicherlich interessant. Außerdem war die Reise ein kurzweiliger Gegensatz zu meinem Alltag an der Universität.

Frederick Marthol

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Spät kam er in diesem Jahr, der Winter, und schon wurde er gestern wieder ausgetrieben. In Wladimir und überall zwischen Ostsee und Ochotskischem Meer.

Futa-Bolina, die Fußball-Strohpuppe mit den Austragungsstädten der WM

Die „Butterwoche“, auf Russisch „Masleniza“, endet immer am Sonntag und steht für den Beginn des Frühjahrs, den Eintritt in die vierzigtägige Fastenzeit vor Ostern und die gegenseitige Vergebung von Schwächen, Fehlern und Sünden. In Wladimir, für den Zeitraum der Fußballweltmeisterschaft zur Kulturhauptstadt ernannt, stand das Fest aber auch schon ganz im Zeichen des runden Leders

Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Zeichen des Fußballs

Zentrale Figur des Treibens aber ist die Strohpuppe, die zum Höhepunkt des Volksfestes in effigie für den Winter verbrannt wird. Aus ihrer Asche – so der Überlieferung – solle bald schon die neue Saat aufgehen.

Feierlaune in Wladimir

Ein Schauspiel, das Jahr für Jahr viele Menschen aller Generationen anlockt und sogar in Gefängnissen veranstaltet wird, geht es doch auch und gerade um die symbolische Tilgung von Schuld.

Vor der Toren der Stadt Wladimir

Der Winter freilich behält Wladimir laut Wetterbericht noch bis mindestens Anfang März fest im Griff, mit weiterem Schnee und nächtlichen Temperaturen bis zu unter 20° C Frost. Wie gesagt, spät kam er in diesem Jahr der Winter, und noch später wird er wohl erst wieder gehen.

Die Puppe brennt in Susdal

Mehr zur Bedeutung der „Butterwoche“ unter: dfd https://is.gd/u4pJau

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Zu Epiphanias feiert man in der Ostkirche die Taufe Jesu im Jordan. Auch in Wladimir nimmt man dieses Fest ernst und beläßt es nicht beim nächtlichen Gottesdienst, sondern steigt ins kalte Wasser, das möglichst vorher noch geweiht wurde.

Wasserweihe bei Kidekscha

Eine Prozedur, nicht geeignet für Frostbeulen, selbst wenn in diesem Winter die Temperaturen bisher auch nachts im einstelligen Minusbereich bleiben, die Eisdecke also gefährlich dünn ist. Grund genug für die Behörden, vor Alleingängen ins Wasser zu warnen.

Der Reihe nach bei Kidekscha am Zusammenfluß von Kamenka und Nerl

Gut tat deshalb daran, wer eine der 52 in der ganzen Region Wladimir offiziell eingerichteten Taufbecken nutzte, wo neben geistlichem Beistand auch Rettungskräfte – für den Fall der Fälle – zur Stelle waren, immerhin bis 3.00 Uhr heute früh.

Epiphanie am Seligersee

Etwa 15.000 Unerschrockene waren es in dieser Nacht wohl im ganzen Gouvernement, die bibbernd ins Eiswasser stiegen und – von ihren Sünden reingewaschen – prustend wieder nach oben kamen. Stimmungsvoll gewiß überall, von einer besonderen Aura durchdrungen aber bestimmt in Kidekscha, gesehen durch das Objektiv von Sergej Lakejew.

Die Boris und Gleb geweihte Kirche in Kidekscha

Hier, einen Spaziergang von Susdal entfernt, fließt die Kamenka in die Nerl, hier steht die den Heiligen Boris und Gleb geweihte Kirche aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, und hier hielten Jurij Dolgorukij, der Gründer Moskaus, und seine Nachfolger hof, bis 1238 der Mongolensturm über das Großfürstentum Wladimir-Susdal hinwegfegte und auch dieses Gotteshaus nicht verschonte, das zu den ältesten sakralen Kalksteinbauten des Landes gehört und erst unlängst aufwendig restauriert wurde. Immer einen Besuch wert, nicht nur zu Winterszeit, die nun hoffentlich endlich wirklich auch in den Wladimirer Landen anbricht.

Epiphanie 1

Spieglein, Spieglein auf dem Wasser…

Passiert ist übrigens gottlob nichts. Es könnte natürlich sein, daß die Statistiker einen Anstieg bei den Entzündungen der Atemwege feststellen, aber die Anhänger des Eisbadens schwören ja gerade auf diese Methode der Abhärtung und Vorbeugung.

Epiphanie 2

Brrr! Geschafft!

Hier noch einige weitere Eindrücke aus dieser Nacht, gesehen von Sergej Golowinow.

Epiphanie 3

Das ist ja nicht einmal knietief!

Und dann gibt es – nicht ganz jugendfrei – auch noch einen Pfuhl für all jene, die sogar beim Reinigungsbad sündigen und behaupten, Jesus habe sich selbst im Adamskostüm taufen lassen.

Epiphanie 5

Feuer und Wasser hat Gott den freien Willen gegeben. Russisches Sprichwort.

Ort und Zeit sind unbekannt, und kein Name wird genannt. Honi soit qui mal y pense. Täuflinge ohne pavor nackturnus…

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Seit genau einhundert Jahren, seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders durch die Sowjetmacht, feiert man in Rußland am 14. Januar nach dem einstigen Julianischen Kalender das „Alte Neue Jahr“. Ein längst ins Brauchtum eingegangenes Fest, mit dem die zweiwöchigen Winterferien enden.

In Wladimir beging man diesen inoffiziellen Jahreswechsel am Sonntag mit der mittlerweile siebten Auflage des „Väterchen-Frost-Laufs“, an dem heuer bei frischen -6° C etwa 2.000 Weihnachtsmänner mit ihren Enkelinnen, den „Schneeflöckchen“, teilnahmen.

Die 600 m lange Strecke führte vom Goldenen Tor auf den Kathedralenplatz, wo Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Oberstadtdirektor Andrej Schochin die schnellsten ebenso wie die am originellsten kostümierten Teilnehmer auszeichneten.

Lauf, Väterchen, lauf!

Der sportliche Ehrgeiz stand freilich nicht im Vordergrund. Es ging um den Spaß an der Gaudi, um gute Laune vor dem Start in den Alltag des neuen Jahres.

Deshalb gab es auch Preise für die jüngsten und ältesten Läufer ebenso wie für alle, die in Familienstärke antraten. Dabei sein war eben alles, gleich ob Hobby- oder Profisportler.

Olga Dejewa und Andrej Schochin

Und dann gab es da noch eine Ankündigung von Olga Dejewa. Sie sei als Schülerin immer gerne gelaufen, habe an Wettkämpfen teilgenommen und wolle nun im nächsten Jahr am 14. Januar selbst an den Start gehen, als „Schneeflöckchen“, die Enkelin von „Väterchen Frost“, in dessen Kostüm ihr Kollege, Andrej Schochin, schlüpfen werde. Wenn da nicht Vorfreude aufkommt!

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Ich verbrachte den Jahreswechsel in Wladimir und erlebte erstmals den russischen Winter. Die Stadt hatte ich während meines Auslandssemesters sehr gut kennengelernt, allerdings nicht zur Weihnachtszeit. Folgend einige Eindrücke, die ich zwischen dem 27. Dezember 2017 und dem 8. Januar 2018 – abseits der Universität – sammeln konnte:

  • Entgegen meiner Erwartung, von klirrender Kälte empfangen zu werden, verhielt sich das Wetter – beinahe schon erschreckend – zahm. Nebel, Regen und Wind machten dem Ruf des russischen Winters bei Temperaturen um den Gefrierpunkt keine Ehre.
  • Das Neujahrsfest entspricht etwa dem Weihnachtsfest in Deutschland. Man trifft sich mit Familie oder Freunden, speist gemeinsam und tauscht Geschenke aus. Ich verbrachte den Abend in der Wohnung einer Freundin, die über die Feiertage verreist war. Zwar bot das Apartment einen tollen Ausblick auf die „Skyline“ Wladimirs, was aber besonders in der Silvesternacht aufgrund des Nebels keinen Mehrwert bot und auch jegliche Feuerwerks-Aktivitäten höchstens erahnen ließ.

  • Wie zu erwarten, gehen an diesem Feiertag die Preise für alles mögliche in die Höhe. Wie bereits erwähnt, konnten ich – zur Freude unserer Geldbeutel – in besagter Wohnung unterkommen, denn die Preise für Mietwohnungen über den Neujahrsabend wäre um ein Vielfaches teurer gewesen. Auch sah ich davon ab, mich mit Freunden in der Stadt zu treffen, da alleine der Eintrittspreis für ein Teehaus 1.500 Rubel (entspricht ca. 25 €) betragen hätte.
  • Wie auch in Deutschland empfiehlt es sich, Einkäufe für das Weihnachtsessen nach Möglichkeit früh zu tätigen. Nachdem ich dieser Devise aus logistischen Gründen nicht hatten nachkommen können, verloren ich am 30. Dezember im völlig überfüllten Supermarkt „Globus“ einiges an Nerven.

  • Die Wladimirer haben sich auch dieses Jahr viel Mühe gegeben, die Stadt in einem weihnachtlichen Glanz erstrahlen zu lassen. Auf dem Kathedralenplatz steht ein gigantischer Neujahrsbaum, daneben gibt es einen kleinen Weihnachtsmarkt, auf dem lokale Produkte wie Kerzen, Honigkuchen, Spielzeug, Schmuck, Schaschlik oder Glühwein verkauft werden. Zudem finden sich beispielsweise auch in Bussen Papierornamente, die auf die Feierlichkeiten hinweisen.

  • Nachdem mich meine Gastgeber in die Tradition von „Dinner for One“ als Pflichtprogramm des Silvesterabends eingeweiht hatten, wurde mir das russische Äquivalent nicht vorenthalten. Der Film „Ironie des Schicksals“ ist ein sowjetischer Drei-Stunden-Kracher aus den Siebzigern. In dieser Verwechslungsgeschichte steigt ein betrunkener Moskauer fälschlicher Weise in ein Flugzeug nach Leningrad, geht aber weiterhin davon aus, er sei in seiner Heimatstadt, was ihm aufgrund der sowjetischen Vereinheitlichungspolitik nicht auffällt. Er fährt zu seiner vermeintlichen Heimatadresse, die unter dem gleichen Namen in Petersburg existiert, wobei das Wohnhaus und sogar seine Wohnung genau wie in Moskau aussehen. Nach einer sehr theatralischen Auflösung des Irrtums mit der eigentlichen Mieterin der Wohnung verliebt sich der Held zum Ende der Handlung in die Gastgeberin.

Um zusammenzufassen: So groß, wie ich erwartet hatte, sind die Unterschiede zwischen dem deutschen Weihnachtsfest und dem russischen Jahreswechsel gar nicht. Zwar sind die Abläufe in den Feierlichkeiten etwas anders, aber letztendlich geht es auch hier um das Zusammensein mit Freunden und Familie. Einzig und allein das Wetter hat nicht so richtig mitgespielt, aber das kenne ich ja zur Genüge aus Deutschland.

Max Firgau

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Susdal, die Museumsstadt, gute 30 km von Wladimir entfernt, entwickelt sich weiter prächtig zum touristischen Zentrum des Goldenen Rings. Gleich zu Beginn des neuen Jahres stellten das die Fremdenverkehrsplaner wieder eindrucksvoll unter Beweis mit dem Filzstiefelfest, das laut einer Meldung der TASS vom 3. bis 5. Januar mehr als 10.000 Besucher anlockte.

Dabei galten die Filzstiefel – auf Russische „Walenki“ – noch bis vor kurzem als Ausweis dörflicher Rückständigkeit, als schlichtweg untragbar und bestenfalls als Requisite der Folklore. Das wärmende Schuhwerk, wegen seiner Wasserdurchlässigkeit vor allem im Winter mit Galoschen oder einer Gummisohle versehen, hatten ursprünglich die Mongolen als Strümpfe in die Alte Rus gebracht.

Seit dem 14. Jahrhundert stellten dann russische Manufakturen Filzstiefel als Massenartikel her, die weitgehend unverändert sogar beim Militär – bis zum Ersten Weltkrieg – Verwendung fanden und im Alltagsleben die einst bei den Ostslawen gebräuchlichen Bastschuhe fast völlig verdrängten.

Russischer Soldat aus dem Ersten Weltkrieg mit Walenki auf den Skiern

Nun ist es nicht so, daß man in den Straßen russischer Städte auf Schritt und Tritt wieder den Filzstiefeln begegnete, aber sie sind wieder im Kommen und finden ihre Liebhaber. Und die werden nun immer um den Jahreswechsel nach Susdal pilgern.

In der Partnerstadt von Rothenburg o.d.T. nämlich denkt man sich manches dafür aus, um die Walenki wieder an die Füße und sogar an die Hände zu bringen: Eishockey, der russische Nationalsport schlechthin, mit Filzstiefeln als Fäustlinge. Gewöhnungsbedürftig. – Oder ein Suchspiel: Wo überall im Kreml zu Susdal haben sich die Walenki versteckt?

Landesweit das erste und einzige Fest, das dem eigenwilligen Schuhwerk gewidmet ist. Das erste und einzige Museum für Walenki gibt es allerdings in Myschkin, der Mäusestadt, an der Wolga in der Nachbarregion Jaroslawl gelegen. Dort wird man später vielleicht einmal all die Modelle bestaunen können, die heute schon in Susdal Augen und Füßen schmeicheln.

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