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Archive for the ‘Landeskunde’ Category


Dieser Tage wurde wieder – das dritte Jahr in Folge – im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem fast 80 Ortschaften der ganzen Region Wladimir teilnahmen, das „schönste Dorf“ ausgewählt. Der mit 150.000 Rbl. dotierte Preis versteht sich auch als Aktion, die der andauernden Landflucht entgegenwirken soll. Wie notwendig – und leider oft auch vergebens – das ist, zeigt eine unlängst im „Prisyw“ erschienene Reportage über das Geisterdorf Milinowo, das die Zeitung als eines der „geheimnisvollsten im Landkreis Kowrow, wenn nicht im ganzen Gouvernement Wladimir“ bezeichnet.

St. Nikolaj in Milinowo

Bis zur nächsten Ansiedlung, nach Krasnyj Oktjabr, sind es acht Kilometer durch den Wald. Die früher kaum passierbare Straße wurde hergerichtet, doch noch in den 50er Jahren sei es gefährlich gewesen, diesen Weg zu nehmen. Einmal sei sogar eine Lehrerin, die zu Fuß unterwegs war, von Wölfen zerrissen worden; man habe nur noch blutige Kleiderfetzen von ihr gefunden… Doch heute lebt hier schon lange niemand mehr. Nur noch „Schatzgräber“ und mystisch angehauchte Besucher verirren sich hierher. Manche wollen stillen Gesang aus der verfallenen Kirche hören, andere schwören, Gespenster auf dem Friedhof gesehen zu haben.

Im Inneren der Kirche von Milinowo

Man glaubt es kaum, aber Milinowo galt mit seinen etwa 800 Einwohnern früher als „Zentrum der hiesigen Zivilisation“. Neben der Kirche gab es eine Einrichtung für ambulante medizinische Hilfe und eine Apotheke, ein Rathaus und einige Geschäfte, sogar eine Schule. In der Sowjetperiode betrieb man hier hauptsächlich kollektive Landwirtschaft, und der Ort erhielt ein eigenes Postamt. Nichts davon ist übrig. Nur noch Ruinen des einstigen Lebens. Und eben die Kirche, um die sich ein bis heute ungelöstes Rätsel rankt.

So ist bis heute unklar, wann das Gotteshaus inmitten der ausgedehnten Wälder für damals kaum mehr als 300 Einwohner erbaut wurde. Einiges spricht aber für eine Bauzeit im 17. Jahrhundert, denn stilistisch erinnert die Kirche an den sogenannten Naryschkin-Barock der Epoche der Zaren Fjodor III, Iwan V und Peter I. Bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts bewahrte man hier eine Schenkung der Schwester von Peter dem Großen, Jewdokia Alexejewna, auf, deren Mundschenk Wassilij Sagrjaschskij war. Ins Reich der Legenden gehört aber wohl, die beiden hätten eine Liebesbeziehung unterhalten.

Das Kreuz der Kirche, das alle Zeitläufte überdauerte

Ungewöhnlich freilich bleibt der Umstand, daß Ende des 17. Jahrhunderts in einem doch eher unbedeutenden Dorf, umgeben von endlosen Wäldern, eine Steinkirche entstand – noch dazu mit einem Kirchenschatz aus dem Zarenhaus. In welchem Auftrag, aus welchen Mitteln und auf der Grundlage welcher Pläne gebaut wurde, bleibt unbekannt. Es gibt sogar die Theorie, es habe einen Vorläuferbau im Stil der Zeltdachkirche von Kolomenskoje bei Moskau gegeben.

Ein Umstand ist dann aber doch aus der dunklen Geschichte der Kirche bekannt: 1734 stürzte sie, weil „verfallen“, teilweise ein. Ein erstaunlicher Vorfall. Wie lange muß ein solcher Steinbau gestanden haben, um zu verfallen? Ein Hinweis darauf, daß sie doch schon älter ist, vielleicht doch schon aus der Zeit von Iwan dem Schrecklichen, wie Heimatkundler mutmaßen? Jedenfalls kennt man das Jahr des Wiederaufbaus, 1768, und die Baumeister, das Ehepaar Michail und Marfa Puschtschin.

Grabplatte von Alexander Jachontow

Doch auch diese beiden umgibt ein Rätsel. Man kennt die Verzweigungen des Adelsgeschlechts derer von Puschtschins recht gut, gehört doch einer der Vertreter des Hauses, Iwan Puschtschin, zu den engsten Freunden von Alexander Puschkin. Nur von Michail Puschtschin fehlt fast jede Spur in den Archiven. Bekannt ist nur seine Ernennung zum Brigadegeneral im Jahr 1764. Von Marfa, seiner Frau, kennt man nicht einmal den Mädchennamen.

Wassilij Pokrowskij, einer der letzten Pfarrer von Milinowo und Opfer des Großen Terrors, mit seiner Frau, Wera Jachontowa, Tochter des Priesters, Alexander Jachontow

1939 dann die Schließung der dem hl. Nikolaj geweihten Kirche, auf deren Gottesacker noch viele Gräber zu finden sind – von Priestern und Staatsbediensteten, die meisten aber unter „unbekannt“ zu rubrizieren. Für Forscher und Archivare Material, um die steinernen Zeugen einer vergangenen Zeit am Ufer, der fast schon verlandeten Milinowka zu deuten. Nicht auf dem Friedhof findet man aber sicher die neun Männer – und dabei ist der Pfarrer gar nicht mitgerechnet -, die in der Zeit des Großen Terrors den Säuberungen zum Opfer fielen und im Gulag ums Leben kamen, ebensowenig wie all jene, die in den 40er Jahren an die Front eingezogen wurden und nie mehr in ihr Dorf zurückkehrten, wo sie heute auch niemand mehr erwarten würde.

Michail Rudnik, Brücke über die Gus nach Garald

Auch den Wladimir Künstler, Michail Rudnik, beschäftigt das Thema. Er besucht von Zeit zu Zeit das ausgestorbene Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Garald – möglicherweise vom deutschen „Harald“ abgeleitet – im Landkreis Gus-Chrustalnyj und berichtet von einigen bejahrten Frauen, die zu den Altgläubigen gehören und hier ganz unter sich sein wollen. Bis in die 50er Jahre hinein soll es hier ein reiches Dorfleben gegeben haben, bis dann die Kommunisten alles zerstörten. Nicht viel mehr soll heute davon übrig sein als die halbverfallene Brücke über die Gus, die der Maler im Bild festhielt.

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Während die nächste Umfrage zu dem Thema unmittelbar bevorsteht, veröffentlichte jetzt das Statistikamt der Region Wladimir Zahlen zur Nutzung des Internets für das Jahr 2017. Demnach kommen mittlerweile auf 100 Personen bereits 79 Nutzer (2016 waren es noch 73), eine Zahl, die zwar unter dem Schnitt in der Nachbarregion Moskau mit 81,5, aber auch über dem angrenzenden Gouvernement Jaroslawl mit nur knapp 66 als Kennziffer. In Netz gehen dabei zunehmend auch Menschen über 50 Jahre und das immer häufiger: 72,5% mindestens einmal die Woche. Aber natürlich liegen die jungen Leute bis 30 Jahre mit fast 30% vorn bei der Nutzung. Gleichzeitig prognostiziert man einen deutlichen Zuwachs bei der Generation, die allmählich ins Rentenalter kommt.

Ähnlich wie in Deutschland und dem Rest der Welt verliert der stationäre Rechner auch bei den Wladimirern zu Hause auf dem Schreibtisch an Bedeutung und wird zunehmend von mobilen Geräten abgelöst. Mehr als die Hälfte verwendet bereits hauptsächlich das Smartphone oder Laptop & Co., um loszusurfen, nur noch 36% geht vom fest installierten Computer aus online.
Ein Treiber für diese Entwicklung ist sicher auch ein gewisser Dirigismus: Staatliche und kommunale Dienstleistungen, besonders Ausschreibungen, stehen fast überall jederzeit frei zugänglich im Internet abrufbereit. Stichwort E-Government. Beinahe 38% der Bevölkerung macht davon aktuell Gebrauch. Zum Vergleich: 2015 lag diese Zahl bei nicht einmal 20%. So richtig zufrieden mit dem Service des öffentlichen Dienstes zeigt sich freilich stabil nur etwa die Hälfte, etwa ein Drittel beklagt Schwierigkeiten im Umgang mit den elektronischen Formularen. Dafür kauften 2017 bereits 28,3% im Internet ein, eine Zunahme von fast zehn Prozent gegenüber 2016. Dieser Trend dürfte sich weiter verstärken – mit allen etwa in Erlangen bereits zu beobachtenden Folgen für den Einzelhandel, die in Wladimir wohl kaum anders ausfallen dürften.

 

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Am 11. September begeht die Russische Föderation landesweit den Tag der Nüchternheit. Rechtzeitig zu diesem Datum veröffentlichte das Wladimirer Regionale Amt für Statistik Zahlen, die eine erfreuliche Entwicklung belegen: Bis zum Jahr 2014 nahm die Zahl der Alkoholtoten im Gouvernement stetig zu, von 306 an Leberversagen verstorbenen Menschen im Jahr 2012 auf 435 und 521 in den beiden Folgejahren. Seit 2015 aber fällt die Kurve wieder ab: von 482 über 400 bis auf 376. In den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres zählte man gar nur noch 196 Todesfälle. Mehr noch, es sterben auch weniger Menschen an Ursachen, die mit Alkohol- und Drogenmißbrauch in Zusammenhang stehen: von 1.104 Fällen im Jahr 2016 auf 1.067 im Vorjahr und 547 in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres.

Wer den Wein liebt, richtet sich selbst zugrunde. Sprichwort. Sagst du nein zum Alkohol, lebst du hundert Jahre wohl!!!

Welche Bedeutung diese Zahlen haben, wird deutlich, wenn man weiß, daß Alkoholismus die Lebenserwartung im Schnitt um 20 Jahre drückt und das Trinken in der Altersgruppe zwischen 20 und 39 Jahren in der landesweiten russischen Statistik für etwa 25% aller Todesfälle verantwortlich gemacht wird. Ob damit auch die Gerüchte um Massenentlassungen in der Brennerei Wladalko, wenige Steinwürfe unterhalb vom Erlangen-Haus gelegen, in Zusammenhang stehen, ist bisher nicht belegt, aber bewiesen scheint in jedem Fall, daß Prävention und Aufklärung, gepaart mit Preiserhöhungen und einer moderaten Prohibition Wirkung zeigen. „Trink, trink, Brüderlein trink“ mag man da wirklich nicht mehr singen.

In diesem Sinne auch das „Wort zum Sonntag“ des Wladimirer Autors, Anatolij Gawrilow:

Neulich traf ich N. Er meinte, er mache keine Filme mehr, schreibe keine Stücke mehr, verfasse keine Literatur mehr, alles habe seinen Sinn verloren. Auf meinen Vorschlag, einen zu heben, gab er zurück, auch das habe seinen Sinn verloren.

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Es kam nicht unerwartet. Jana und Wladislaw, genannt Wlad, kennen sich seit dem 1. Januar 2015, waren unzertrennlich. Wir konnten es nicht erwarten, bis sie sich endlich entschlossen. Die Nachricht, einander Hand und Herz versprechen zu wollen, geriet dann doch zu etwas Unerwarteten – für mich, denn sie wollten es zur Feier meines fünfzigsten Geburtstages in Wladimir tun! – Ta-ta-ta…

„Tante Lena“, sagt mir Wlad! (Himmel noch mal, Tante!!!) „Wir wollen übrigens heiraten, die Ringe habe ich schon gekauft.“ Sei’s drum, soll er mich halt Tante nennen. „Und hier, Tante Lena … (Tante Motja* am Ende noch) – ein Kettchen mit unseren Namen!“ Was ist das denn für einer! Ein richtiger Husar! Ich schmelze nur so dahin. Wir flogen also mit dem Gefühl ab, einen Sohn erworben zu haben. Ich bin sehr sentimental…

9. Juni 2018. Heirat.

Die jungen Leute sprachen sich kategorisch GEGEN alle Hochzeitsbräuche aus: weder Lösegeld noch Tschastuschki**. Gut so, denn ich habe nicht jeden Tag Töchter zu verheiraten, ich kenne mich da nicht so aus.

Am Morgen ging ich zu Jana, um ihr beim Anlegen des Brautkleides zu helfen. Ein Traum von Kleid, und ich breche in Tränen aus. Die Haare hatte ihr ein Friseur gemacht, während die Visagistin noch wartete. Wozu da die Zeit umsonst verbringen. Also bitte ich: „Und mich machen Sie bitte zu einer Königin!“ Der Wunsch ging in Erfüllung. Darauf kleideten wir alle Jana als Braut. Was habe ich nur für eine schöne Tochter, besonders an diesem Tag. Ich brach in Tränen aus…

Bereit und schön, wie wir sind, holt uns Wladimir ab, der Bruder von Wladislaw (die Eltern dieser Jungs haben sich redlich Mühe gegeben), während Armin mit Wladislaw (meinen Mann nennt er übrigens nicht „Onkel Armin“) in einem anderen Auto zum Standesamt fährt. Wir fahren zum Standesamt!

Dort warten bereits die Eltern des Bräutigams. Die Unterschrift im roten Buch leistet das Paar zu Gedichten und Mendelssohn. Danach trinken wir mit der Hochzeitsgesellschaft und den Frischvermählten Schampus. Jetzt ist meine Jana also eine verheiratete Frau, sie ist jetzt Ehefrau… Eben noch ging sie in den Kindergarten und in die Schule, erst kürzlich hatte sie ihren Abschluß gemacht… Ich brach in Tränen aus…

Wlad und Jana

Darauf fahren wir in den Park Lipki. Das junge Paar läßt sich ablichten, Janas alte Freundin von der Zeitung „Pro Gorod“ hatte ihr ihre Dienste als Photographin angeboten. Die Eltern der beiden trinken unterdessen Schampus! Bitter***, auf ihr Wohl!

Jana und Wlad

Eine Stunde später begrüßen die frischgebackenen Eheleute ihre Gäste im Restaurant „Russisches Dorf“. Die wiederum antworten immer wieder mit einem „Bitter!“.

Armin und Jana

Auch hier ist wieder Janas ehemalige Kollegin von der Zeitung dabei, nun als Tamada**** der Hochzeit. Schon lange nicht mehr so gelacht! Sie schmiedete alle Gäste zusammen, wir sangen und tanzten so begeistert und beschwingt. Auch Armin beteiligte sich – mit großem Vergnügen, er gewann sogar einen Preis, eine Flasche Wodka, ein Geschenk, das man gut brauchen kann. Ha-ha-ha.

Beste Speisen wurden aufgetragen, ein super Service! Sogar die Gäste aus Deutschland aßen und lobten alles – hi-hi-hi!

Wlad und Jana

Gegen Ende des Abends dann, als wir schon mehr oder weniger unter uns waren, galt es dann, Armin näher kennenzulernen. Das ging ungefähr so: „Die Pioniere, wacker, / erfragten graderaus: / Wann bist du denn geboren? / Was hast du hier verloren? / Wo stand denn einst dein Haus? / An welchem Feld und Acker?“

Meine Tochter ist jetzt verheiratet… Ich brach in Tränen aus…

Jelena Russ, aus dem Russischen von Peter Steger

Armin und Jana; Jelena und Armin Russ

*Tante Motja, ein noch unübersetzter zeitgenössischer Familienroman der russischen Autorin Maja Kutscherskaja.

**Tschastuschki, gereimte Spaß- und Spottlieder, oft improvisiert und von Reimeschieden verfaßt.

***Bitter – Gorko – горько! Auf diesen Zuruf hin, der zu jeder russischen Hochzeit gehört, küssen sich die Brautleute, um den angeblich bitteren, sauren Wein mit ihren Lippen zu versüßen.

****Tamada, Hauptperson jeder (ursprünglich kaukasischen) russischen Festtafel, gibt den Einsatz für die Trinksprüche und hat die Gäste möglichst geistreich bei Laune zu halten.

 

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Heute feiert das größte Land der Erde sich selbst. Das Fest, „Tag Rußlands“, geht auf den 12. Juni 1990 zurück, als der erste Kongreß der Volksdeputierten der Russischen Sozialistischen Föderalistischen Sowjetrepublik (RSFSR), gegründet am 7. November 1917 als „Mutterschiff“ der späteren UdSSR, die Deklaration seiner staatlichen Souveränität annahm und damit das Ende der Sowjetunion einläutete.

12. Juni – Tag Rußlands – Fest der Freiheit, des gesellschaftlichen Friedens und des guten Einvernehmens aller Menschen auf der Grundlage von Gesetz und Gerechtigkeit. Dieses Fest ist Symbol der nationalen Einheit und allgemeinen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft unserer Heimat.

Ein Jahr später, wieder am 12. Juni, wählten die Russen zum ersten Mal frei eine Präsidenten, Boris Jelzin, der den „Tag der Ratifizierung der Deklaration über die Souveränität Rußlands“ 1994 zum offiziellen Feiertag erklärte. Doch weder der sperrige Begriff noch dessen Hintergrund – ab dem 12. Juni 1990 ordnete sich der Beamtenapparat der RSFSR nicht mehr den Gesetzen der UdSSR unter – drangen ins kollektive Bewußtsein ein, viele meinten, an diesem Datum feiere man die Unabhängigkeit des Landes oder freuten sich einfach über den roten Tag im Kalender. Erst Wladimir Putin, der 2001 die bereits von seinem Vorgänger angeregte Umbenennung des Festes in „Tag Rußlands“ umsetzte, gelang es allmählich, den 12. Juni zu einem Fest des Volkes zu machen – mit allem, was dazugehört: vom Straßenkonzert bis zum Feuerwerk.

12. Juni 2017 in Wladimir

Auch in Wladimir ist heute Feiern auf allen Kanälen angesagt, drinnen wie draußen, vom Morgen bis spät in die Nacht, für Kinder und Erwachsene ebenso… Und wenn man in Rußland schon einmal feiert, tut man das gern ausgedehnt. Da das Fest auf einen Dienstag fällt, wurde der gestrige Montag kurzerhand offizielle zum freien Brückentag erklärt, den man sich allerdings am vergangenen Samstag hatte hereinarbeiten müssen. Soviel zum russischen Arbeitsethos. Aber das Thema lassen wir heute beiseite, vielmehr gratuliert die Redaktion des Blogs zum heutigen Fest und feiert fröhlich nun mit allen Russen.

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Flugzeug, Zug oder Auto bringen nicht nur Reisende in Sachen Städtepartnerschaft von A nach B, sondern schenken ein Kaleidoskop an Anregungen. Nachdenken über die Relativität von Weg und Zeit ist nur eine davon.

Zusammengefaßt bleibt wieder einmal festzustellen: Der Weg von Frankfurt nach Moskau ist zwar weiter, der Weg von Moskau nach Wladimir aber länger. Dies gilt zumindest, wenn man sich wegen der Unwägbarkeiten nicht traut, auch auf dem Hinweg den Sapsan vom Kursker Bahnhof zu nehmen. Dieses Transportmittel hätte auch noch den Vorteil, bei Bedarf, oder, wenn sich wie gestern abend eine wunderschöne Winternacht bietet, auf dem kurzen Weg vom Bahnhof zum Erlangen-Haus noch frische Luft und Bewegung im Angebot zu haben.

So aber saß ich bei Dmitrij im Auto, leider ziemlich sprachlos, denn sein Englisch gleicht meinem Russisch: ausbaufähig wäre eine gute Umschreibung. Aber genau das ist ja der Grund für diese Reise: In den nächsten zwei Wochen werde ich mich in zwei Portionen täglich dieser wunderschönen, gesprochen wie gesungen so wohlklingenden Sprache widmen.

Ich bin die Strecke Domodjedowo zum Erlangen-Haus nun schon unzählige Male gefahren, ein Gedanke kommt mir immer wieder: Warum tun sich so viele Menschen diesen höllischen Verkehr an und verbringen damit Tausende von Stunden auf dem Asphalt? Zwischen den Flughäfen und der Stadt verkehren moderne Aeroexpress-Züge, die U-Bahn in Moskau ist nicht nur schnell, sondern auch so schön, daß viele Stationen es in die Bildbände dieser Welt schaffen.

Die nächste Lektion auf dem Weg ist und bleibt Globalisierung. Die Welt ist zusammengerückt, Rieker-Schuhe gibt es am Baikal, in Wladimir und in Erlangen. Gar nicht mehr erwähnenswert ist, wenn ich mit dem Blog-Redakteur, Peter Steger, innerhalb Sekunden nach meiner Ankunft kommunizieren kann, was noch für meine Elterngeneration Phantasterei und Wunschdenken war.

Globalisierung

Das Wasser, mit dem Dmitrij mich versorgte, kam aus Georgien, was zwar für Qualität bürgt, womit es aber doch ein paar Kilometer auf dem Buckel hat. (Beim Italiener gibt es hier übrigens auch Pellegrino.) Nach wenigen Kilometern fuhren wir dann an Media Markt, Obi, IKEA, Burger King vorbei. Auch мак Дональдз war natürlich mehrfach vertreten. Aldi oder Lidl habe ich nicht gesehen, aber das will nichts heißen. Ich will das gar nicht werten, aber schon diese Blicke aus dem Autofenster zeigen, wie verwoben der Welthandel ist und wie sensibel mit Eingriffen umgegangen werden sollte, hängen doch nicht nur die Immobilien und Warenströme, sondern die Schicksale Zigtausender Angestellter daran, daß die Leuchtreklamen nicht erlöschen. Die heimischen (?) Märkte stehen dort schon mindestens seit 2003, als ich das erste Mal vorbeifuhr.

Die russische Supermarktkette Lenta hat sich ihren Platz erobert, das Logo erkenne ich nun, ohne die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, von Irkutsk über Nischnij Nowgorod bis Moskau habe ich die Läden gesehen. Ein Blick ins Internet zeigt aber, daß Lenta zwar 1993 in Sankt Petersburg gegründet wurde, die Kette aber heute zum Großteil TPG Capital gehört, einem texanischen Unternehmen und auch der „Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung“, der CEO des Unternehmens ist ein Niederländer.

Mittagssuppe – wieder nur Coca-Cola-Wasser

Die Globalisierung geht also in alle Richtungen, eine Wertung würde, wie gesagt, diesen Beitrag sprengen.

Ich kaufe mein Obst und Gemüse in Erlangen jedenfalls bei der Familie Marburger, wo ich nicht nur regionale und biologische Lebensmittel, sondern immer auch ein nettes Gespräch bekomme.

Nach ca. zwei Stunden halte ich dann Ausschau nach den Teddybären. Seit meiner ersten Fahrt bewegt mich die Frage: Wer kauft die? Es sind immer noch die gleichen Bären, ich hoffe allerdings für den Verkäufer, daß es nicht mehr dieselben sind.

(K)ein Herz für Teddybären

In schrillen Farben leuchten die Bären und anderen Plüschtiere, teilweise überlebensgroß, eingepackt in fladdrige Plastiktüten, sitzend auf vielstöckigen Holzgerüsten, und flehen die Vorbeifahrenden an: Nimm mich mit!

Meine Antwort ist eindeutig: Nein. Und ich lasse nicht mit mir handeln!

Eine Veränderung aber ist erschreckend: Die Straße, die noch vor zehn Jahren über lange Strecken durch Wälder führte, ist jetzt gerahmt von Industrie, Cafés und anderen hallenähnlichen Bauten, deren Zwecke nicht erkennbar sind. Da haben Umwelt und Ästhetik einen hohen Preis bezahlt. Nicht geändert hat sich, daß die nunmehr fast durchgängig sechsspurige Straße durch viele Dörfer und kleine Städte führt; diese werden durch den tosenden Verkehr geteilt, Ampeln und gelegentliche Überführungen können den Riß durch die Orte sicher nicht heilen. Und, ohne die Statistik zu kennen: Das Adjektiv „mörderisch“, im Zusammenhang mit Verkehr ja öfter verwendet, ist hier sicher wörtlich zu nehmen.

Eine emotionale Nachricht für die (leider derzeit verstummten) Autoren des Blogs „Von Stuttgart und Erlangen nach Nischnij Nowgorod“: Das Schild „Wladimir 100 km“, „Nischnij Nowgorod 347 km“ ließ mein Herz höher schlagen!

Noch schöner war, daß 99 km später tatsächlich ein Update geliefert wurde: Wladimir 1 km, Nischnij Nowgorod 246 km.

Da geht das Herz auf, so ein Empfang: Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Heute, am Sonntag, beginnt mein Russischkurs. Ich freue mich, und wenn meine Lehrerein am Ende sagen wird  „мoлoдец!“, dann werde ich zufrieden sein!

Elisabeth Preuß

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Das letzte Wochenende verbrachten viele Mitglieder des Euroklubs auf einer größeren Kulturreise: Schüler, Lehrer und Studenten fuhren nach Welikij Ustjug, um den Spuren des Ded Moros, des russischen Weihnachtsmanns, nachzugehen. Die Ehrenamtlichen, Mathilda Wenzel aus Saalfeld und Frederick Marthol aus Erlangen, waren bei der Reise mit dabei.

Am frühen Donnerstagmorgen vergangener Woche ging es los: Ein angemieteter Reisebus sammelte die müden Teilnehmer an verschiedenen Orten der Partnerstadt ein, anschließend zeigte sich durch die Busfenster ein traumhafter Blick auf die verschneiten Landschaften hinter Susdal im Sonnenaufgang.

Den ersten Zwischenhalt der Reise legten wir in einem Vorort von Jaroslawl ein, wo wir eine Vorstellung im örtlichen Delfinarium besuchten. Man kann von dieser Tierhaltung halten, was man will – den Kindern hat es jedenfalls sehr gut gefallen. Nach einem schnellen Mittagessen ging es auch schon wieder zurück in den Bus, denn bis nach Welikij Ustjug sind es ab Wladimir knapp eintausend Kilometer, die uns zum Großteil noch bevorstanden. Die Atmosphäre im Bus wurde während der langen Fahrt glücklicherweise durch Quiz-Spiele, Filme und Kurzpräsentationen aufgelockert.

Stadtführung durch Welikij Ustjug

Gegen Mitternacht erreichte der Bus dann schließlich die nördliche Kleinstadt. Ein Blick auf das Thermometer im Bus war nicht nötig, um zu bemerken, um wie viel niedriger die Temperatur hier liegt als in Wladimir: Selbst im Innenraum des Busses hingen Eiszapfen an den Fenstern.

Wunschbrief an Väterchen Frost

Nach einer kurzen Nacht erwartete uns Swetlana, unsere motivierte Reiseleiterin, vor dem Frühstücksraum und erläuterte kurz das Tagesprogramm, bevor es wieder einmal hieß: „Ab in den Bus!“. Eine ausgiebige Führung durch die Innenstadt von Welikij Ustjug organisierte unsere Reiseführerin ebenso, wie einen Besuch im internationalen Postbüro des Weihnachtsmanns, in dem sich Wunschbriefe aus aller Welt türmten… Die Residenz von Väterchen Frost liegt einige Kilometer außerhalb des Ortes im verschneiten Märchenwald, wo man anhand diverser Skulpturen und Weihnachtsdekoration den „Grundstücksbesitzer“ bereits erahnen kann.

Im Wald stand dann ein Geländespiel auf dem Programm, bei dem verschiedene Märchenfiguren (Helfer von Väterchen Frost) mit Herausforderungen auf uns warteten. Bei den eisigen Temperaturen und nach der langen Busfahrt war ein wenig Bewegung nicht schlecht, weshalb man den Reiseteilnehmern die Freude an den Spielen sofort ansehen konnte. Anschließend ging es zur Besichtigung in das Haus des Weihnachtsmanns, wo wir die privaten Räumlichkeiten samt persönlicher Garderobe detailliert gezeigt bekamen.

Frederick Marthol beim Tauziehen im Märchenwald von Väterchen Frost. Auf dem Schild steht zu lesen: Papa, mein Pfeil ist im Sumpf gelandet. Ich heirate einen Frosch.

Nach dem Mittagessen (natürlich stilecht in einem Väterchen-Frost-Restaurant!) präsentierte uns die Reiseleiterin schließlich noch ein Gewächshaus auf dem Gelände, in dem verschiedene Stauden und Sträucher zu besichtigen waren. Wir verließen das Glasgebäude dennoch lieber zügig, denn das tropische Klima im direkten Gegensatz zur trockenen Kälte machte uns zu schaffen.

Den gesamten Samstag verbrachten wir im Bus, der uns nach Kostroma brachte, wo Snegurotschka, die Enkelin des russischen Weihnachtsmanns, lebt. Ihr Haus ist zwar nicht ganz so groß wie das von Väterchen Frost, liegt aber dafür zentral in der Innenstadt. Die Hausbesichtigung fand hier dann am Sonntagmorgen statt und verlief ähnlich wie die erste. Ein besonderes Highlight war dann aber auf jeden Fall noch die „Eisbar“ im Inneren des Hauses mit verschiedenen in die Wand gearbeiteten Skulpturen aus Eis. Dort rundete ein Schnaps, serviert in einem Glas aus Eis, den Besuch beim „Schneemädchen“ ab.

Kostroma ist aber nicht nur bekannt für die Märchenfigur Snegurotschka, der Ort gilt auch als russische Käsehauptstadt. Ein letzter Zwischenhalt bei der ortsgrößten Käsetheke als war also obligatorisch.

Die Reisegruppe aus Wladimir bei Snegurotschka in Kostroma

Die Reise hat mir persönlich sehr gut gefallen. Es war interessant, die russischen Sagen kennenzulernen, und sogar die langen Fahrtzeiten waren stets unterhaltsam. So gesehen ist es eigentlich schade, in Deutschland keinen äquivalenten Ort zu haben, gerade für Kinder wäre das sicherlich interessant. Außerdem war die Reise ein kurzweiliger Gegensatz zu meinem Alltag an der Universität.

Frederick Marthol

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