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Archive for the ‘Landeskunde’ Category


So später der Schnee heuer fällt, so rechtzeitig, um den Winter auszutreiben. Während bei uns ab heute Schluß mit lustig ist, steuert der russische Karneval, bekannt als Butterwoche, seinem Höhepunkt entgegen. Bei allem ausgelassenen Treiben gilt allerdings der Grundsatz: Kein Fest ohne feste Regeln. Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“!) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Masleniza: Jeder Wochentag ist ein besonderer Tag

Der Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der heutige Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Masleniza von Dmitrij Cholin

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Masleniza mit dem Ensemble Rus in Erlangen 2016

Doch das heißt nicht, daß alles in Butter sei. Seit vergangenem Sonntag spitzt sich die Lage vor der Mülldeponie bei Alexandrow weiter zu. Da ganz offenbar entgegen allen Regeln und Verträgen weiterhin Abfälle aus Moskau ihren Weg in die Region Wladimir suchen und finden, nehmen seit Sonntag, dem „Tag des Verteidigers der Heimat“, Aktivisten unter dem Motto „Verteidiger der Mülldeponie von Alexandrow“ die anrüchige Sache selbst in die Hand und blockieren – 15 bis 60 Mann hoch – rund um die Uhr die Zufahrt. Durchgelassen werden nur Fahrzeuge mit einheimischen Nummern. Größere Konflikte gab es bisher nicht, die Moskauer Laster kehren zumeist mit ihrer unwillkommenen Fracht wieder um, aber die Behörden rufen dazu auf, die Sperrungen aufzuheben, weil sie vor allem nachts und wegen der winterlichen Straßenverhältnisse Unfälle fürchten. Außerdem solle man die gerichtlichen Entscheidungen abwarten.

Doch klein beigeben wollen die Verteidiger des Müllbergs nicht, zumal sie nach eigenen Angaben Unterstützer in Moskau haben, die Informationen über Abfalltransporte weitergeben. Man will den Gegner zermürben und mit spielerischer Taktik schlagen:

Es liegt allein in unseren Händen, konsequent zu bleiben und den Sieg mittels gesetzlichem Vorgehen zu erringen. Die Müllkutscher zeigen Nerven und machen unüberlegte Schritte, indem sie den Verkehr stören und damit negative Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wir sind stärker und härter, unser Stehvermögen reicht allemal, um sie am Schachbrett zu schlagen, so sehr sie uns auch in den Ring oder auf die Matte zerren wollen.

Wie auch immer die Sache weitergeht, das Thema wird die Agenda auch dieses Jahres bestimmen. Solange die Politik keine Lösungen bietet, könnten – auch hierzulande – all die kleinen Sünderlein ja mal bei sich anfangen und beim Müll fasten. Aber bitte nicht nur vor Ostern!

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In der Pause des Konzerts des Universal Ensembles von Rainer Glas und Andrej Schewljakow am Sonntag – ein eher rares Treffen. Jonas Eberlein, einst Erlangens Verbindungsmann in Moskau, lebt nun in Darmstadt und begleitet von dort weiter die Entwicklung des Radverkehrs in russischen Städten. Natürlich verfolgt er auch, was sich da auf den Straßen von Wladimir tut – oder leider noch immer nicht tut. Und überhaupt bleibt er der Partnerstadt, die er schon durch eine musikalische Reise mit dem Ohm-Gymnasium kennengelernt hatte, verbunden und hat einen lesenswerten Artikel der Moscow Times im Gepäck, den für alle zu lesen lohnt, die sich für städtebauliche Themen interessieren: https://is.gd/atwpnc

Elisabeth Preuß, Getrud Härer, Axel Just und Jonas Eberlein

 

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Auch in Wladimir ist der Winter nicht mehr das, was er einmal war. Im November hatte es einmal geschneit, aber den ganzen Dezember über wartete man vergeblich auf die weiße Pracht. Nun hat Väterchen Frost den Schnee gebracht – just zu Silvester und Neujahr. Und damit kann man in der Partnerstadt auch eine weiße Weihnacht feiern, die ja dank dem julianischen Kalender der orthodoxen Kirche auf den 6./7. Januar fällt. Mit den besten Wünschen für die Rechtgläubigen dürfen wir uns deshalb mit diesen Bildern von Wladimir Tschutschadejew freundfreuen:

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Schon seit dreizehn Jahren sitzt der Busfahrer Iwan Gromow in Wladimir kurz vor Neujahr als Väterchen Frost am Steuer. Sehr zur Freude nicht nur der Kinder. Aber es macht ihm wohl auch selbst viel Spaß, denn er tut alles aus Lust an der Gaudi auf eigene Kosten: die Dekoration, die kleinen Geschenke, das Kostüm.

Alfia Mambetowa und ein Behelfsschneemann aus Holz mangels Schnee

Die häufigste Frage, die dem russischen „Weihnachtsmann“ gestellt wird: „Wann gibt es endlich Schnee?“ Denn der Winter hält auch in Wladimir derzeit den Fahrplan nicht ein. Seine Antwort darauf: „Meine Helfer haben da wohl etwas durcheinandergebracht und ein Wetter angerichtet, bei dem man einen Schlitten gar nicht brauchen kann. Aber das wird schon noch. Ich habe meine Helfer angerufen und die strikte Anweisung gegeben, zu Neujahr Schnee zu streuen.“ Und dann hat er noch eine Botschaft für seine Frau Natalia und die drei Söhne in Murom, die er jetzt kaum zu sehen bekommt. „Wir sehen uns bald wieder“, verspricht das busfahrende Väterchen Frost seiner Familie.

Aber vorher braucht der Winterbote noch Verstärkung. Bisher fehlt ihm nämlich noch die Enkelin an seiner Seite, das Schneeflöckchen, die ihn in der Silvesternacht begleitet. Dieses Mädchen wird nun per TV-Aufruf gesucht. Aber sehen Sie selbst: https://is.gd/w8qot1

P.S.: Seit heute soll es in Wladimir zumindest leicht schneien, wenn auch die Temperaturen noch weit entfernt sind vom knackigen Frost.

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Wieder eine Wertetabelle, werden manche denken, deren Aussage dann doch nicht unbedingt überzeugend sein muß. Dennoch: Es sind ja meist die Behörden, die derartige Einstufungen in Auftrag geben, um dann zu entscheiden, wie wer und was zu fördern sei. Nun also ein Ranking zur angenehmen Lebensqualität russischer Städte, veranlaßt sogar auf Geheiß des Präsidenten. Untersucht wurden alle 1.114 Städte der Russischen Föderation nach einem Katalog mit 36 Parametern, angefangen beim Straßennetz über die soziale und kulturelle Struktur bis hin zu Grünanlagen, wobei alle zugänglichen Quellen das Gesamtbild speisten. Für jeden Aspekt gab es bis zu zehn Punkte, insgesamt also maximal 360. Ein Idealziel, das sogar Moskau, als führende Stadt der Untersuchung, mit 276 Punkten klar verfehlte, wobei die Fachleute davon ausgehen, ab 180 Punkten handele es sich um eine lebenswerte Stadt.

Demetrius-Kathedrale, gesehen von Wladimir Fedin

Eben dieses Niveau erreichte Wladimir, mehr als die Region insgesamt, die nur auf 173 Punkte kam. Gerechnet auf den Zentralrussischen Verwaltungsbezirk liegt Erlangens Partnerstadt (Moskau ausgenommen) aber immerhin noch auf Platz 9 von 16 Rängen insgesamt, und auch Rjasan kommt ja nur auf die nämlichen 180 Punkte. Dennoch, zufrieden ist man mit dem Ergebnis in Wladimir natürlich nicht. Und auch die Fachleute meinen, da sei noch viel Potential nach oben, gerade auch angesichts der historischen Bedeutung der Stadt. Nun hängt nicht nur einiges von der Politik auf lokaler und regionaler Ebene ab, sondern auch davon, wie die Regierung ihre Fördermittel verteilt. Da ist noch alles offen. Nur ein Ziel ist schon gesteckt: Der durchschnittliche Index soll bis 2024 um 30% steigen, und die Zahl der Städte mit einem weniger angenehmen Lebensumfeld will man um das Doppelte senken. Aber was sagt das alles schon aus. Gäste aus Erlangen jedenfalls fühlen sich schon immer wohl in Wladimir.

 

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Immer wieder ist hier leider vom Sterben der Dörfer gerade auch in der Region Wladimir zu berichten. Seit 2016 gibt es aber nun schon einen Wettbewerb um das schönste Dorf, den am 9. Oktober Usolje im Landreis Kameschkowo gewann. Gegen große Konkurrenz. Denn bei der ersten Ausschreibung nahmen gerade einmal 36 Ortschaften teil; heuer waren es schon 97 Bewerbungen. Verständlich, denn neben dem Rampenlicht der Auszeichnung gibt es obendrein noch 150.000 Rubel zur Dorfverschönerung.

Usolje

So malerisch das Bild von dem Weiler an der Uwod, so erfreulich der Preis, auch Usolje, etwa 70 km nordöstlich von Wladimir gelegen, steht für den Niedergang des Landlebens. Zählte man hier noch Anfang des 20. Jahrhunderts fast 500 Einwohner, liegt deren Zahl bei heute unter 50 Seelen. Womit wir dann doch wieder beim Einführungssatz wären.

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Eine Frage, auf die man zwei Antworten erhält: Die offizielle Version lautet, das erste Mal sei geriffeltes Glas am 11. September 1943 in der Glashütte von Gus-Chrustalnyj, Region Wladimir, hergestellt worden. Wer als Tourist in die Kleinstadt kommt und dort das Museum besucht, hört von den verschiedenen Arten des Glases und die Produktionsweise bei 1.400 bis 1.600 Grad und einer speziellen Technologie sowie von einer Zahl: 10 Millionen Exemplare sollen es sein, die in Gus-Chrustalnyj die Öfen nach zweimaligem Durchlauf seither verließen.

Die Form erdacht hatte die berühmte sowjetische Künstlerin, Wera Muchina, unterstützt angeblich von keinem geringeren als Kasimir Malewitsch und dem Ingenieur Nikolaj Slawjanow. Doch so recht belegen läßt sich das alles nicht, wie das Internetportal Zebra in einem Beitrag schreibt.

Noch weniger als gesichert gilt die Legende, wonach das geriffelte Glas bereits vor mehr als 300 Jahren von einem gewissen Glasbläser namens Jefim Smolin erfunden wurde. Angeblich machte er seine Entdeckung Zar Peter I mit der Versicherung zum Geschenk, es sei unzerbrechlich. Der Selbstherrscher, der immer allen Dingen auf den Grund ging und dabei gern selbst Hand anlegte, schleuderte das Glas zu Boden, wo es prompt zersplitterte. Statt, wie zu erwarten, dem unglücklichen Erfinder zu zürnen, lobte ihn der Kaiser, weshalb seither zerbrochenes Glas als Glücksbringer verstanden wird.

Angeblich stammte Jefim Smolin aus der Gegend um Wladimir, doch selbst das zweifeln Fachleute an, denn erst Mitte des 18. Jahrhunderts baute der Moskauer, Akim Malzow, dort die ersten Glashütten, weil es hier noch genug Holz zum Befeuern der Öfen gab. Archäologen finden zwar immer wieder Glasgegenstände aus der Periode 12. bis 15. Jahrhundert, aber niemand weiß zu sagen, ob sie aus Westeuropa, Byzanz oder gar eigener Produktion stammen. Letzteres wohl doch eher nicht, denn bisher stieß man bei den Grabungen auf keine einzige Glasbläserei aus jener Zeit. Und so ist es wie bei Wolfgang von Goethe: „Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ Aber schön sind sie schon, diese geriffelten Gläser, und gut in der Hand und an den Lippen liegen sie allemal, solange man sie nicht fallen läßt – um des Glückes willen.

IMG_3796.jpg

Siehe auch: https://is.gd/q36DQG

 

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