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Archive for the ‘Landeskunde’ Category


„Wie man nur auffährt in russischen Restaurants!“ dachte der Franzose, als er sah, wie der Gast am Nachbartisch seine Bliny mit heißer Butter übergoß. „Fünf Bliny! Wie kann ein einzelner Mensch nur derart viel Teig essen?“ Unterdessen hatte der Nachbar seine Bliny mit Kaviar bestrichen, sie alle in der Hälfte durchgeschnitten und verschlang sie in weniger als fünf Minuten… „Sie da!“ wandte er sich dem Ober zu. „Noch eine Portion! Was habt ihr überhaupt für Portionen hier? Bring doch gleich so zehn oder fünfzehn Stück! Und geräucherten Fisch, am besten Lachs!“

„Ein dummer Franzose“, Anton Tschechow

Rezept entnommen dem „Triumpf der Piroggen“ von Jelena Manjenan

Ja, die russischen Pfannkuchen haben auch zu literarischen Ehren gebracht, gehören sie doch in ihrer ostslawischen Variante zum leckersten Bestandteil der kulinarischen Welt. Es sind nur Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen zu Crêpes, Pannekoeken, Pancakes und den vielen anderen Verwandten, aber es kommt ja immer und überall auf die feinen Andersartigkeiten an.

Am heutigen Rüsttag, dem Beginn der Butterwoche, deshalb ein Rezept zu dieser Köstlichkeit, zu der wir einen halben Liter Milch benötigen sowie 100 g Kefir, zwei Teelöffel Pflanzenöl, zwei Eier, 180 g Mehl, einen halben Teelöffel Salz, einen Teelöffel Zucker, eine Messerspitze Backpulver und einen halben Teelöffel Zitronensaft.

Die Milch wird mit dem Kefir auf 40 bis 50 Grad erhitzt, und man trennt die Dotter vom Eiweiß. In das Milch-Kefir-Gemisch gibt man dann die Dotter, das Salz, den Zucker, den im Zitronensaft aufgelösten Backpulver sowie das Pflanzenöl.

Nun kommt das Mehl unter ständigem Rühren hinzu, bis wir eine klumpenfreie Teigmasse haben. Das Eiweiß mit Salz zu einem festen Schaum schlagen und gut unter den Teig heben, was den Bliny beim Backen die besondere Farbe und noch viel mehr verleiht. Sie werden sehen!

Jetzt braucht man nur noch den Teig in kleinen Portionen in die mit Pflanzenöl erhitzten Pfannen (zwei sollten es schon sein, damit immer frischer Nachschub auf den Tisch komme) geben und drauflosbacken. Womit man die hauchdünnen Bliny dann serviert, süß oder deftig, bleibt dem jeweiligen Geschmack überlassen. Es müssen ja nicht immer geräucherter Lachs und Kaviar sein… Smetana, Marmelade, Honig und vieles mehr eignen sich ebenfalls bestens.

Und wer nachlesen möchte, was es mit der Butterwoche, der Masleniza, auf sich hat, lese hier nach: https://is.gd/u4pJau

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21.000 sollen es wieder getan haben in der ganzen Region Wladimir. In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar, zur Epiphanie oder dem Fest der Taufe des Herrn, wo es bei den orthodoxen Christen Brauch ist, den Glauben auf die Kälteprobe zu stellen, ging es an 91 Orten des Gouvernements ins vom Eis befreite Wasser.

Mehr als 500 Sicherheitskräfte sorgten bei dichtem Schneetreiben für einen gefahrlosen Ablauf der Tauchgänge – man sollte drei Mal ganz untertauchen und sich dabei bekreuzigen -, und vorab hatte man schon Wasserproben genommen und sicherheitshalber sogar die eine oder andere Taufstelle geschlossen.

„Wir gehen nicht baden, der Kater und ich liegen im Warmen“, meldet der Photograph Sergej Skuratow.

So ist denn auch gottlob nichts passiert: keine Meldungen zu Erfrierungen noch Herzversagen. Ob und wie freilich die Reinigung an Leib und Seele langfristig wirkt, wird die Zukunft weisen.

Die dem Eiswasserschaum entsteigende russische Aphrodite und ihr irdisches Publikum – oder die russische Comedia Humana.

Und überhaupt: Mit der strengen Observanz des rituellen Bades haben es nicht alle. Manche warten auch gern das Tageslicht ab, um besser gesehen zu werden, andere kommen, um besser zu sehen. Wie sie halt sind die Menschen, aus krummem Holz gemacht.

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An den Start ins sogenannte Neue Alte Jahr ging gestern in Wladimir zwischen dem Goldenen Tor und dem Kathedralenplatz ein dreitausendköpfiges Feld. Vor dem Sport und der Gaudi sind alle gleich, die Geschlechter, die Altersgruppen, die Leistungsklassen.

Zum achten Mal wurde am 13. Januar bei moderaten Minustemperaturen dieser Lauf mit einer Distanz von 600 Metern veranstaltet. Und Preise nebst Urkunden gab es natürlich auch, überreicht von Väterchen Frost, für das originellste Kostüm, für die schnellste Zeit, für den ältesten Läufer, den 81jährigen Anatolij Mitrofanow, der auch schon am Erlanger Winterwaldlauf teilnahm.

Ab heute ist nun die russische Winterruhe endgültig vorüber. In so gut wie allen orthodox geprägten Regionen der Nachfolgestaaten der UdSSR feiert man das alte Neujahrsfest in der Nacht zwischen dem 13. Januar und 14. Januar, dem eigentlichen Datum des weltlichen orthodoxen Neujahrs nach dem Julianischen Kalender.

Anatolij Mitrofanow auf dem Siegerpodest

Auch wenn – oder vielleicht gerade deshalb – es sich weder um einen offiziellen religiöser noch gesetzlichen staatlichen Feiertag handelt, schließt man gern im Familien- und Freundeskreis den winterlichen Festreigen mit dem Alten Neujahr.

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Dieser Tage wurde wieder – das dritte Jahr in Folge – im Rahmen eines Wettbewerbs, an dem fast 80 Ortschaften der ganzen Region Wladimir teilnahmen, das „schönste Dorf“ ausgewählt. Der mit 150.000 Rbl. dotierte Preis versteht sich auch als Aktion, die der andauernden Landflucht entgegenwirken soll. Wie notwendig – und leider oft auch vergebens – das ist, zeigt eine unlängst im „Prisyw“ erschienene Reportage über das Geisterdorf Milinowo, das die Zeitung als eines der „geheimnisvollsten im Landkreis Kowrow, wenn nicht im ganzen Gouvernement Wladimir“ bezeichnet.

St. Nikolaj in Milinowo

Bis zur nächsten Ansiedlung, nach Krasnyj Oktjabr, sind es acht Kilometer durch den Wald. Die früher kaum passierbare Straße wurde hergerichtet, doch noch in den 50er Jahren sei es gefährlich gewesen, diesen Weg zu nehmen. Einmal sei sogar eine Lehrerin, die zu Fuß unterwegs war, von Wölfen zerrissen worden; man habe nur noch blutige Kleiderfetzen von ihr gefunden… Doch heute lebt hier schon lange niemand mehr. Nur noch „Schatzgräber“ und mystisch angehauchte Besucher verirren sich hierher. Manche wollen stillen Gesang aus der verfallenen Kirche hören, andere schwören, Gespenster auf dem Friedhof gesehen zu haben.

Im Inneren der Kirche von Milinowo

Man glaubt es kaum, aber Milinowo galt mit seinen etwa 800 Einwohnern früher als „Zentrum der hiesigen Zivilisation“. Neben der Kirche gab es eine Einrichtung für ambulante medizinische Hilfe und eine Apotheke, ein Rathaus und einige Geschäfte, sogar eine Schule. In der Sowjetperiode betrieb man hier hauptsächlich kollektive Landwirtschaft, und der Ort erhielt ein eigenes Postamt. Nichts davon ist übrig. Nur noch Ruinen des einstigen Lebens. Und eben die Kirche, um die sich ein bis heute ungelöstes Rätsel rankt.

So ist bis heute unklar, wann das Gotteshaus inmitten der ausgedehnten Wälder für damals kaum mehr als 300 Einwohner erbaut wurde. Einiges spricht aber für eine Bauzeit im 17. Jahrhundert, denn stilistisch erinnert die Kirche an den sogenannten Naryschkin-Barock der Epoche der Zaren Fjodor III, Iwan V und Peter I. Bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts bewahrte man hier eine Schenkung der Schwester von Peter dem Großen, Jewdokia Alexejewna, auf, deren Mundschenk Wassilij Sagrjaschskij war. Ins Reich der Legenden gehört aber wohl, die beiden hätten eine Liebesbeziehung unterhalten.

Das Kreuz der Kirche, das alle Zeitläufte überdauerte

Ungewöhnlich freilich bleibt der Umstand, daß Ende des 17. Jahrhunderts in einem doch eher unbedeutenden Dorf, umgeben von endlosen Wäldern, eine Steinkirche entstand – noch dazu mit einem Kirchenschatz aus dem Zarenhaus. In welchem Auftrag, aus welchen Mitteln und auf der Grundlage welcher Pläne gebaut wurde, bleibt unbekannt. Es gibt sogar die Theorie, es habe einen Vorläuferbau im Stil der Zeltdachkirche von Kolomenskoje bei Moskau gegeben.

Ein Umstand ist dann aber doch aus der dunklen Geschichte der Kirche bekannt: 1734 stürzte sie, weil „verfallen“, teilweise ein. Ein erstaunlicher Vorfall. Wie lange muß ein solcher Steinbau gestanden haben, um zu verfallen? Ein Hinweis darauf, daß sie doch schon älter ist, vielleicht doch schon aus der Zeit von Iwan dem Schrecklichen, wie Heimatkundler mutmaßen? Jedenfalls kennt man das Jahr des Wiederaufbaus, 1768, und die Baumeister, das Ehepaar Michail und Marfa Puschtschin.

Grabplatte von Alexander Jachontow

Doch auch diese beiden umgibt ein Rätsel. Man kennt die Verzweigungen des Adelsgeschlechts derer von Puschtschins recht gut, gehört doch einer der Vertreter des Hauses, Iwan Puschtschin, zu den engsten Freunden von Alexander Puschkin. Nur von Michail Puschtschin fehlt fast jede Spur in den Archiven. Bekannt ist nur seine Ernennung zum Brigadegeneral im Jahr 1764. Von Marfa, seiner Frau, kennt man nicht einmal den Mädchennamen.

Wassilij Pokrowskij, einer der letzten Pfarrer von Milinowo und Opfer des Großen Terrors, mit seiner Frau, Wera Jachontowa, Tochter des Priesters, Alexander Jachontow

1939 dann die Schließung der dem hl. Nikolaj geweihten Kirche, auf deren Gottesacker noch viele Gräber zu finden sind – von Priestern und Staatsbediensteten, die meisten aber unter „unbekannt“ zu rubrizieren. Für Forscher und Archivare Material, um die steinernen Zeugen einer vergangenen Zeit am Ufer, der fast schon verlandeten Milinowka zu deuten. Nicht auf dem Friedhof findet man aber sicher die neun Männer – und dabei ist der Pfarrer gar nicht mitgerechnet -, die in der Zeit des Großen Terrors den Säuberungen zum Opfer fielen und im Gulag ums Leben kamen, ebensowenig wie all jene, die in den 40er Jahren an die Front eingezogen wurden und nie mehr in ihr Dorf zurückkehrten, wo sie heute auch niemand mehr erwarten würde.

Michail Rudnik, Brücke über die Gus nach Garald

Auch den Wladimir Künstler, Michail Rudnik, beschäftigt das Thema. Er besucht von Zeit zu Zeit das ausgestorbene Dorf mit dem ungewöhnlichen Namen Garald – möglicherweise vom deutschen „Harald“ abgeleitet – im Landkreis Gus-Chrustalnyj und berichtet von einigen bejahrten Frauen, die zu den Altgläubigen gehören und hier ganz unter sich sein wollen. Bis in die 50er Jahre hinein soll es hier ein reiches Dorfleben gegeben haben, bis dann die Kommunisten alles zerstörten. Nicht viel mehr soll heute davon übrig sein als die halbverfallene Brücke über die Gus, die der Maler im Bild festhielt.

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Während die nächste Umfrage zu dem Thema unmittelbar bevorsteht, veröffentlichte jetzt das Statistikamt der Region Wladimir Zahlen zur Nutzung des Internets für das Jahr 2017. Demnach kommen mittlerweile auf 100 Personen bereits 79 Nutzer (2016 waren es noch 73), eine Zahl, die zwar unter dem Schnitt in der Nachbarregion Moskau mit 81,5, aber auch über dem angrenzenden Gouvernement Jaroslawl mit nur knapp 66 als Kennziffer. In Netz gehen dabei zunehmend auch Menschen über 50 Jahre und das immer häufiger: 72,5% mindestens einmal die Woche. Aber natürlich liegen die jungen Leute bis 30 Jahre mit fast 30% vorn bei der Nutzung. Gleichzeitig prognostiziert man einen deutlichen Zuwachs bei der Generation, die allmählich ins Rentenalter kommt.

Ähnlich wie in Deutschland und dem Rest der Welt verliert der stationäre Rechner auch bei den Wladimirern zu Hause auf dem Schreibtisch an Bedeutung und wird zunehmend von mobilen Geräten abgelöst. Mehr als die Hälfte verwendet bereits hauptsächlich das Smartphone oder Laptop & Co., um loszusurfen, nur noch 36% geht vom fest installierten Computer aus online.
Ein Treiber für diese Entwicklung ist sicher auch ein gewisser Dirigismus: Staatliche und kommunale Dienstleistungen, besonders Ausschreibungen, stehen fast überall jederzeit frei zugänglich im Internet abrufbereit. Stichwort E-Government. Beinahe 38% der Bevölkerung macht davon aktuell Gebrauch. Zum Vergleich: 2015 lag diese Zahl bei nicht einmal 20%. So richtig zufrieden mit dem Service des öffentlichen Dienstes zeigt sich freilich stabil nur etwa die Hälfte, etwa ein Drittel beklagt Schwierigkeiten im Umgang mit den elektronischen Formularen. Dafür kauften 2017 bereits 28,3% im Internet ein, eine Zunahme von fast zehn Prozent gegenüber 2016. Dieser Trend dürfte sich weiter verstärken – mit allen etwa in Erlangen bereits zu beobachtenden Folgen für den Einzelhandel, die in Wladimir wohl kaum anders ausfallen dürften.

 

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Am 11. September begeht die Russische Föderation landesweit den Tag der Nüchternheit. Rechtzeitig zu diesem Datum veröffentlichte das Wladimirer Regionale Amt für Statistik Zahlen, die eine erfreuliche Entwicklung belegen: Bis zum Jahr 2014 nahm die Zahl der Alkoholtoten im Gouvernement stetig zu, von 306 an Leberversagen verstorbenen Menschen im Jahr 2012 auf 435 und 521 in den beiden Folgejahren. Seit 2015 aber fällt die Kurve wieder ab: von 482 über 400 bis auf 376. In den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres zählte man gar nur noch 196 Todesfälle. Mehr noch, es sterben auch weniger Menschen an Ursachen, die mit Alkohol- und Drogenmißbrauch in Zusammenhang stehen: von 1.104 Fällen im Jahr 2016 auf 1.067 im Vorjahr und 547 in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres.

Wer den Wein liebt, richtet sich selbst zugrunde. Sprichwort. Sagst du nein zum Alkohol, lebst du hundert Jahre wohl!!!

Welche Bedeutung diese Zahlen haben, wird deutlich, wenn man weiß, daß Alkoholismus die Lebenserwartung im Schnitt um 20 Jahre drückt und das Trinken in der Altersgruppe zwischen 20 und 39 Jahren in der landesweiten russischen Statistik für etwa 25% aller Todesfälle verantwortlich gemacht wird. Ob damit auch die Gerüchte um Massenentlassungen in der Brennerei Wladalko, wenige Steinwürfe unterhalb vom Erlangen-Haus gelegen, in Zusammenhang stehen, ist bisher nicht belegt, aber bewiesen scheint in jedem Fall, daß Prävention und Aufklärung, gepaart mit Preiserhöhungen und einer moderaten Prohibition Wirkung zeigen. „Trink, trink, Brüderlein trink“ mag man da wirklich nicht mehr singen.

In diesem Sinne auch das „Wort zum Sonntag“ des Wladimirer Autors, Anatolij Gawrilow:

Neulich traf ich N. Er meinte, er mache keine Filme mehr, schreibe keine Stücke mehr, verfasse keine Literatur mehr, alles habe seinen Sinn verloren. Auf meinen Vorschlag, einen zu heben, gab er zurück, auch das habe seinen Sinn verloren.

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Es kam nicht unerwartet. Jana und Wladislaw, genannt Wlad, kennen sich seit dem 1. Januar 2015, waren unzertrennlich. Wir konnten es nicht erwarten, bis sie sich endlich entschlossen. Die Nachricht, einander Hand und Herz versprechen zu wollen, geriet dann doch zu etwas Unerwarteten – für mich, denn sie wollten es zur Feier meines fünfzigsten Geburtstages in Wladimir tun! – Ta-ta-ta…

„Tante Lena“, sagt mir Wlad! (Himmel noch mal, Tante!!!) „Wir wollen übrigens heiraten, die Ringe habe ich schon gekauft.“ Sei’s drum, soll er mich halt Tante nennen. „Und hier, Tante Lena … (Tante Motja* am Ende noch) – ein Kettchen mit unseren Namen!“ Was ist das denn für einer! Ein richtiger Husar! Ich schmelze nur so dahin. Wir flogen also mit dem Gefühl ab, einen Sohn erworben zu haben. Ich bin sehr sentimental…

9. Juni 2018. Heirat.

Die jungen Leute sprachen sich kategorisch GEGEN alle Hochzeitsbräuche aus: weder Lösegeld noch Tschastuschki**. Gut so, denn ich habe nicht jeden Tag Töchter zu verheiraten, ich kenne mich da nicht so aus.

Am Morgen ging ich zu Jana, um ihr beim Anlegen des Brautkleides zu helfen. Ein Traum von Kleid, und ich breche in Tränen aus. Die Haare hatte ihr ein Friseur gemacht, während die Visagistin noch wartete. Wozu da die Zeit umsonst verbringen. Also bitte ich: „Und mich machen Sie bitte zu einer Königin!“ Der Wunsch ging in Erfüllung. Darauf kleideten wir alle Jana als Braut. Was habe ich nur für eine schöne Tochter, besonders an diesem Tag. Ich brach in Tränen aus…

Bereit und schön, wie wir sind, holt uns Wladimir ab, der Bruder von Wladislaw (die Eltern dieser Jungs haben sich redlich Mühe gegeben), während Armin mit Wladislaw (meinen Mann nennt er übrigens nicht „Onkel Armin“) in einem anderen Auto zum Standesamt fährt. Wir fahren zum Standesamt!

Dort warten bereits die Eltern des Bräutigams. Die Unterschrift im roten Buch leistet das Paar zu Gedichten und Mendelssohn. Danach trinken wir mit der Hochzeitsgesellschaft und den Frischvermählten Schampus. Jetzt ist meine Jana also eine verheiratete Frau, sie ist jetzt Ehefrau… Eben noch ging sie in den Kindergarten und in die Schule, erst kürzlich hatte sie ihren Abschluß gemacht… Ich brach in Tränen aus…

Wlad und Jana

Darauf fahren wir in den Park Lipki. Das junge Paar läßt sich ablichten, Janas alte Freundin von der Zeitung „Pro Gorod“ hatte ihr ihre Dienste als Photographin angeboten. Die Eltern der beiden trinken unterdessen Schampus! Bitter***, auf ihr Wohl!

Jana und Wlad

Eine Stunde später begrüßen die frischgebackenen Eheleute ihre Gäste im Restaurant „Russisches Dorf“. Die wiederum antworten immer wieder mit einem „Bitter!“.

Armin und Jana

Auch hier ist wieder Janas ehemalige Kollegin von der Zeitung dabei, nun als Tamada**** der Hochzeit. Schon lange nicht mehr so gelacht! Sie schmiedete alle Gäste zusammen, wir sangen und tanzten so begeistert und beschwingt. Auch Armin beteiligte sich – mit großem Vergnügen, er gewann sogar einen Preis, eine Flasche Wodka, ein Geschenk, das man gut brauchen kann. Ha-ha-ha.

Beste Speisen wurden aufgetragen, ein super Service! Sogar die Gäste aus Deutschland aßen und lobten alles – hi-hi-hi!

Wlad und Jana

Gegen Ende des Abends dann, als wir schon mehr oder weniger unter uns waren, galt es dann, Armin näher kennenzulernen. Das ging ungefähr so: „Die Pioniere, wacker, / erfragten graderaus: / Wann bist du denn geboren? / Was hast du hier verloren? / Wo stand denn einst dein Haus? / An welchem Feld und Acker?“

Meine Tochter ist jetzt verheiratet… Ich brach in Tränen aus…

Jelena Russ, aus dem Russischen von Peter Steger

Armin und Jana; Jelena und Armin Russ

*Tante Motja, ein noch unübersetzter zeitgenössischer Familienroman der russischen Autorin Maja Kutscherskaja.

**Tschastuschki, gereimte Spaß- und Spottlieder, oft improvisiert und von Reimeschieden verfaßt.

***Bitter – Gorko – горько! Auf diesen Zuruf hin, der zu jeder russischen Hochzeit gehört, küssen sich die Brautleute, um den angeblich bitteren, sauren Wein mit ihren Lippen zu versüßen.

****Tamada, Hauptperson jeder (ursprünglich kaukasischen) russischen Festtafel, gibt den Einsatz für die Trinksprüche und hat die Gäste möglichst geistreich bei Laune zu halten.

 

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