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Archive for the ‘Kultur’ Category


Heute beginnt mit dem Russischen Gabelfrühstück um 11 Uhr im Club International der Volkshochschule die zweite Halbzeit der 10. Russisch-Deutschen Wochen. Grund genug, noch einmal zurückzublicken auf das, was bereits hinter uns liegt.

Jakow Orlowskij

Nach den Vorträgen von Julia Obertreis und Peter Smolka, von denen hier bereits die Rede war, entführte der seit 22 Jahren in Erlangen lebende Landvermesser Sibiriens, Jakow Orlowskij, sein begeistertes Publikum im überfüllten Historischen Saal auf eine Zeitreise. Begleitet oft nur von einem Theodolit aus Jena, zog der Geodät aus Leningrad jahrzehntelang durch die Taiga und Tundra Sibiriens, um die unendlichen Weiten des Landes festzuhalten und eine Karte anzufertigen, die erst 1985 fertig wurde und heute in Zeiten von GPS als obsolet gilt.

Jakow Orlowskij und sein Theodolit

Vergnüglich-unterhaltsam schilderte das älteste Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Erlangen seine Forschungsreisen voller Anekdoten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Forschertrupp sieht in einem Fluß einen Bären, der sich an den Fischen gütlich tut. Ein Mitarbeiter des Sammlers der Geodaten meint zu wissen, wie man das Raubtier auch ohne Gewehr unschädlich machen könne: Man brauche nur viel Lärm zu machen. Davon bekomme der Bär Durchfall und anschließend einen Herzinfarkt. Die Probe aufs Exempel folgte, doch das Experiment verlief nicht nach Plan. Anstatt sich in die Büsche zu schlagen, um seinen Darm zu entleeren und anschließend dort zu verenden, stürmte der Bär auf die Störenfriede zu, die nun ihrerseits Reißaus nahmen, Fersengeld gaben, sich die Hosen vollmachten und sich gerade noch auf eine Anhöhe retten konnten, die zu besteigen dem Tier wohl nicht der Mühe wert schien.

Das Forschungsboot „Der Schrecken von Tschukotka“

Kurzum: Es hatte niemand zu kommen bereut, und dies war sicher nur der erste und nicht der letzte Vortrag des Landstreichers von Sibirien, wie er sich in einem Telegramm an seine Tochter selbst nannte.

Reinhard Beer und Othmar Wiesenegger

Dann die Impression von Othmar Wiesenegger, Vorsitzender des Foto- und Videokreises Siemens und Wladimir-Freund, dem die Blog-Redaktion eine Vielzahl von Bildern verdankt, übrigens auch in diesem Beitrag. Seine Freundschaft mit dem Kollegen aus der Partnerstadt, Wladimir Fedin, währt zwar erst drei Jahre, mündete aber schon in einer persönlichen Ausstellung mit Arbeiten des Erlangers in Wladimir und bietet einen Fundus, aus dem sich ein kurzweiliges Abendprogramm zusammenstellen läßt: angefangen von seinen geliebten „lost places“ bis hin zu Kirchen und Klöstern, Kindern und kyrillischen Buchstaben, die es ihm besonders angetan haben.

Mastermind der Russisch-Deutschen Wochen, Reinhard Beer, Othmar Wiesenegger und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich kaum eine Veranstaltung entgehen lassen will

Dann gestern das große Experiment für die Kleinen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Russisch-Deutschen Wochen findet sich auch etwas für Kinder im Programm: zwei Märchen aus dem Koffer von Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, ein Geschenk ihrer Großmutter, in dem all die Geschichten leben, die diese vor langer Zeit auf ihren Reisen durch die weite Welt von guten Leuten geschenkt bekommen hatte. Wie würde das ankommen? Würde überhaupt jemand kommen?

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Torsten Hulke

Die Generalprobe hatte bereits im Kinderkrankenhaus stattgefunden, in ganz kleiner Runde: zwei Jungs, eine Mutter, ein Vater und eine Krankenschwester. Ganz nach dem Geschmack der Gäste, denn zu Hause treten sie auch gern im Familienkreis auf. „Je weniger Distanz zwischen Bühne und Zuschauern, desto besser“, so lautet das künstlerische Credo der Puppenspielerin, die erst vor drei Jahren – nach einer Kariere als TV-Journalistin – ihre Berufung entdeckte und nun mit Denis Malinin, der Bongo und das Tamburin schlägt, die Flöte, Maultrommel und die Balalaika spielt, ihre Premiere in Deutschland erlebt.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Gestern morgen dann im Club International zunächst auch noch ein überschaubares Publikum, ein knappes Dutzend einschließlich der drei Kinder. Gut zum Aufwärmen bei dem Märchen aus dem hohen Norden Rußlands, wo der schwarze Rabe den Vogeleltern ihr einziges Wiegenlied raubt, ohne das ihr Küken nicht einschlafen kann. Gut zum Warmspielen, wenn der Vogelpapa, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, nach beschwerlicher Reise über das Eismeer den musikalischen Schatz zurück ins Nest holt, bevor sich dann bei der Nachmittagsvorstellung mit dem Märchen von der kleinen Waise Findling, die ein alter Jäger bei sich aufnimmt und die als einzige den Hirsch mit dem silbernen Zauberhuf zu Gesicht bekommt der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Wie von Zauberhand. Der Bann ist gebrochen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Nicht nur bei den Kindern, die am Ende des Stücks Frage um Frage stellten! Eine Großmutter besuchte sogar beide Vorstellungen und erkundigte sich nach Geschichte und Herkunft der Instrumente und Märchen, andere freuten sich über die Filzstiefelchen, die Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko nach dem „Vorhang“ verteilte. Interaktiv, diese Märchen, präsentiert, wie das bisher niemand in Wladimir macht.

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Aber die Gäste aus Wladimir saßen auch selbst einmal im Publikum, gestern abend im Theater Kuckucksheim bei We are the Champions – Mir senn die Größdn, eine fränkische Viecherei von Helmut Haberkamm. Es soll ja in Erlangen noch Leute geben, die noch nie von diese Musentempel in der Scheune gehört haben, obwohl es hier, in Heppstädt, hinter Hemhofen, seit 30 Jahren Schauspiel für Kinder und Erwachsene gibt, das man nur als unbeschreiblich-einzigartig bezeichnen kann. Die russischen Gäste meinen denn auch, sie brauchten noch mindestens 27 Jahre, um dieses Niveau zu erreichen: „Uns fehlen nicht nur die deutschen, sondern sogar die russischen Worte“, so ihr Urteil unisono, „um auszudrücken, wie begeistert wird sind. Unglaublich!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Benjamin Seeberger, Denis Malinin, Lukas Seeberger und Stefan Kügel

Aber Stefan Kügel, Gründer und Kopf von Kuckucksheim, der zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft mit seinem Familienensemble schon einmal in Wladimir gastierte, hat ja seinerzeit auch klein angefangen, mit einem ganz ähnlichen Koffer voller Geschichten, Gedichten, Flausen und Einfällen. Und jetzt freut sich der Altmeister der Bühne darüber, daß in Rußland auch eine freie Szene entsteht, wie er sie kennt, sogar, wie die Besucherin aus der Partnerstadt erzählt, mit internationalen Festivals und mit einem wachsenden Publikum – zumindest in den großen Städten, wo es eine Gegenbewegung zu den großen staatlichen Kultureinrichtungen gebe.

Stefan Kügel, Denis Malinin, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Lukas und Benjamin Seeberger

Auch wenn es Stefan Kügel – er hatte am Vormittag noch eine Kindervorstellung – nicht mehr schaffte, eines der beiden Märchen aus Wladimir zu sehen, hat sich da eine künstlerische Freundschaft ergeben, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Igor Rjaschtschenko, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Und nun ist es an der Zeit, Irinas Mann zu danken. Igor Rjaschtschenko besuchte im Sommer des Vorjahrs mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus den Deutschkurs an der Volkshochschule und erwähnte im Gespräch die Profession seiner Frau. Da war es dann nicht mehr weit zur Idee, ihr „Theater aus dem Koffer“ zu den Russisch-Deutschen Wochen einzuladen, zu einer Premiere. Zu einer gelungenen!

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, Aufnahme: Othmar Wiesenegger

Der Vorhang ist übrigens noch nicht endgültig gefallen: Für Kurzentschlossene gibt es noch Restplätze beim deutsch-russischen Brücken e.V. in der Luitpoldstr. 45 um 15 und 16 Uhr, und dann ist da noch morgen exklusiv ein Auftritt um 10.00 Uhr in der Heinrich-Kirchner-Schule. Wo es den Koffer halt so hinträgt…

Kontakt: https://www.facebook.com/rusfairytale

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„Heute fiel Schnee, ansonsten nichts Neues“, vermeldete der Meister des knappen Wortes, der Autor Anatolij Gawrilow, gestern. Und in der Tat, es ist eine Nachricht wert in diesem Winter, der auch in Wladimir keiner werden will, wo das bißchen Weiß, wie Sergej Skuratow, dem wir die Bilder verdanken, denn auch anmerkt, die kalte Pracht sei schon wieder am Tauen und Schmelzen. Freuen wir uns also am nächtlichen Augenblick, den er festgehalten.

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Inklusion ist schon lange kein Fremdwort mehr in Wladimir. In fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens praktiziert man die Einbeziehung von Menschen mit Einschränkungen und Behinderungen. Nun schließt sich dieser Entwicklung auch das Schauspielhaus in der Partnerstadt an. Das erste Stück mit Audiodeskription für Blinde ging vor kurzem bereits über die Bühne, dieser Tage folgt eine Aufführung mit Gebärdendolmetscher. Schon länger ist die Homepage des Theaters barrierefrei, und dank Rampen und speziellem Aufzug kann man den Musentempel auch mit dem Rollstuhl gut erreichen. Eine Hürde bleibt freilich – zumindest für die „Stummen“, wie man uns Deutsche in den meisten slawischen Sprachen nennt – bestehen: Das Repertoire sieht vorerst alles exklusiv auf Russisch vor.

Dies gilt zwar auch für die beiden Märchen, die am Samstag um 10.00 Uhr und um 14.00 Uhr im Club International – bei freiem Eintritt für Kinder wie Erwachsene – im Rahmen der Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule zu sehen sind, aber gemach: Es ist für Simultanübersetzung gesorgt. Auch eine Art von Inklusion. Probieren Sie es aus mit oder ohne Kinder und Enkel. Mehr zu dem Puppentheater aus Wladimir auf seiner ersten Gastspielreise in Erlangen unter: https://is.gd/8g0nos

Puppenspielerin Irina Ponomarjowa-Rjaschtscheko

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Anfang Dezember präsentierte Alfred Binner beim gVe-Konzert „Die Rettung der Welt“ mit Igudesman & Joo in der Heinrich-Lades-Halle erstmals sein Projekt unter dem Motto von Claudio Abbado „Die Musik zeigt uns, daß Hören grundsätzlich wichtiger ist als Sagen“.

Die Idee dahinter: Zur Gedenkfeier „75 Jahre Befreiung vom Nationalsozialismus“ der Partnerstädte Erlangen und Wladimir sucht der Geigenbaumeister aus Großenseebach einen Sponsor für die „Friedensvioline“, die er als Zeichen der engen deutsch-russischen Verbundenheit einem jungen förderungswürdigen Talent als Leihgabe überreichen will. Im Mai soll diese Geste der Verständigung Wirklichkeit werden, und mitmachen können alle, die sich an kontakt@binner-alfred.de wenden.

Auf diese in ihrer Art einzigartige Aktion weist nun auch ein Schaufenster in der Friedrichstraße 2 hin. Unübersehbar bei Augenoptik Sommerfeld. Fast schon ein synästhetisches Erlebnis der Städtepartnerschaft inmitten der Stadt.

Wir dürfen gespannt sein, ob es bei einem Instrument bleibt, für das die Finanzierung bereits gesichert ist. Da mag einen schon – frei nach Martin Luther – dünken, der Himmel der Partnerschaft hänge voll Geigen.

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Aus dem virtuellen Nirgendwo zwischen dem Absender, der Band Impvlse, und dem Empfänger, der Kulturredaktion des Blogs, tauchte erst gestern ein Tourbericht der Extraklasse auf, dessen Lektüre man sich angelegen lassen sein sollte. Das rockt richtig auch mit Worten!

Am 17. November 2018 standen wir auf der Hauptbühne im E-Werk und konnten unser Glück kaum fassen. „Der diesjährige Publikumspreis geht an – IMPVLSE!“ Dieser Satz löste in uns eine Achterbahn der Gefühle aus. Zwischen Traum und Wirklichkeit fielen wir uns in die Arme und anschließend in die unserer Liebsten. Der Publikumspreis. Eine Reise nach Wladimir, Rußland. Und damit eine Reise in ein Abenteuer.

Aber der Reihe nach: Wir sind IMPVLSE, eine Progressive Metalcore Band aus dem Großraum Nürnberg, gegründet 2017 und inzwischen schon halbwegs routiniert darin, Shows in der Region zu spielen. Im Jahre 2018 faßten wir schließlich den Entschluß, am Newcomer-Festival der Stadt Erlangen teilzunehmen. In der ersten Runde für das Finale qualifiziert, waren wir natürlich bereits total happy, wollten aber auch im Finale nochmal unser Bestes geben. Nach einer unserer besten Shows standen wir dann schließlich da: Der Publikumspreis in unseren Händen und Endorphine in den Blutbahnen. Bereit für eine Reise nach Wladimir.

Impvlse und Meloco am Flughafen Domodjedowo in Moskau

Fast ein Jahr Wartezeit mit viel Organisationsarbeit und einer Menge Durcheinander war nötig, doch dann hoben wir gemeinsam mit der Band Meloco Richtung Osten ab. Meloco hatten den Publikumspreis des Newcomer Festivals vor fünf Jahren gewonnen und durften schon damals ihre Wladimir-Reise antreten. Da sie seitdem den Kontakt zu ihren neuen russischen Freunden und Fans sowie zum Erlanger Kulturamt gehalten hatten, trugen sie die Frage an uns heran, ob es ok wäre, wenn sie sich uns für ein Wiedersehen mit allen russischen Beteiligten anschließen würden. Für uns war das kein Problem, und es sollte sich während der Reise immer wieder herausstellen, wie cool die Jungs von Meloco drauf waren und wie gut sie sich noch in Wladimir auskannten. Nun ging es also mit dem Flieger ab in Richtung Moskau. Kaum hatten wir russischen Boden unter den Füßen, wurden wir bereits herzlich von Andrej, dem Gitarristen der Band Abandoned Land, am Flughafen empfangen. Wir kannten ihn bereits flüchtig, da die Gruppe 2018 als russische Gastband nach den deutschen Finalisten beim Newcomer Festival spielen durfte. Für das ultimative „Tourgefühl“ hatte Andrej einen großen Transporter organisiert, mit dem er uns nach Wladimir bringen wollte, wo wir die nächsten Tage nächtigen würden. Während wir seinen Geschichten über Land und Leute lauschten, ging es durch russische Wälder auf holprigen Straßen raus aus dem actiongeladenen Verkehr der Hauptstadt und hinein in die beschauliche Welt von Wladimir.

Nachdem wir unsere Sachen im Hostel abgeladen hatten, war der erste Halt ein Pub, wo wir gemeinsam zu Abend aßen und die Unterhaltungen aus dem Bus vertieften. Anschließend ging es in die Bar Drugoj, in der wir am kommenden Tag unseren Gig spielen würden. Um sich darauf schon einmal einzustimmen, wurde bei ein-zwei Bierchen (oder Wodka) schon mal etwas auf der Akustikgitarre geklimpert. Bereits da bekamen wir eine leise Ahnung davon, mit wie viel Begeisterung die Russen der Musik nachgingen und mit wie viel mehr sie diese feierten. Am nächsten Tag führte uns der Weg erneut in Stadtzentrum, wo uns Ilja, seines Zeichens Frontmann der Band Metamorphis, durch Wladimir führte und uns allerhand Anekdoten über seine Heimat erzählte.

Impvlse und Meloco in Wladimir

Wladimir hat wirklich eine schöne Innenstadt mit prächtigen Kirchen und typisch russischen Fassaden, in der wir uns wie echte Touries fühlten und fleißig Bilder von uns und den Sehenswürdigkeiten machten. Zum Mittagessen suchten wir ein deutsches Restaurant auf, wo wir uns mit mäßig authentischen Spezialitäten verköstigen ließen. Danach zeigte uns Ilja noch das Tonstudio, das seine Bandkollegen und er sich aufgebaut hatten, und abends kehrten wir in die Bar vom Vortag zurück. Nachdem dort die lokale Band Bosphorus Night das Publikum schon einmal mit einer Runde energiegeladenem Glam Rock in Schwung gebracht hatte, betraten wir schließlich mit Schweißperlen auf der Stirn die Bühne. Der erste Gig fernab der Heimat. Wie würde wohl das Publikum auf uns reagieren? Würden sie unsere Musik mögen? Unseren Stil?

Impvlse auf der Bühne

Spätestens als nach den ersten Takten schon einige anfingen zu headbangen, waren diese Zweifel wie fortgeblasen. Die Anspannung fiel immer mehr von uns ab, und wir begannen, die neue Umgebung zu genießen. Nach jedem Song beteiligten sich immer mehr Leute im Publikum trotz des ungewöhnlichen Bar-Settings am Headbangen und Moshen, und als sie nach der Show dann auch noch in Scharen auf uns zukamen, um Selfies zu machen, Merch zu kaufen oder Autogramme zu holen, waren wir mehr als überrumpelt von so viel positivem Zuspruch und Akzeptanz. Der Hauch vom Rockstarfeeling des Tourlebens war perfekt. So also fühlte sich das an!

Impvlse auf der Bühne

Eine lange Nacht und viele interessante Gespräche später fuhren wir gemeinsam mit Andrej nach Murom, einer abgelegeneren Stadt, ca. 130 Kilometer südwestlich von Wladimir. Wir erhielten auch hier, wie am Tag zuvor in Wladimir, eine kleine Stadtführung von den netten Kollegen der anderen Bands und besuchten dann einen Musikstore, wo wir nach Herzenslust herumstöbern konnten. Anschließend kehrten wir zum Mittagessen ein und wärmten uns bei ein paar Suppen auf. Entgegen unserer Erwartungen war es überhaupt kein Problem, auch als Vegetarier nicht zu verhungern. Als Veganer hatte man zwar schlechtere Karten, aber man kann ja auch mal beide Augen zudrücken für ein paar Tage. Schließlich waren wir an diesem Mittag nicht das erste Mal beeindruckt von und dankbar für die russische Gastfreundschaft und die phänomenale Kochkunst. Maxim von der Band Ragged Jeans hatte seinen Lieblingswodka dabei und bestätigte ein Stückweit das russische Klischee, indem er bereits zu dieser Tageszeit munter die Schnapsgläser neben unseren Tellern füllte. Frohen Mutes ob der gefüllten Bäuche, besuchten wir anschließend die Location, in der wir an diesem Abend unseren zweiten Gig spielen sollten. Die Halle war deutlich größer und daher quasi nicht vergleichbar mit der Bar vom Vorabend. Dafür sollte dieser Abend mit insgesamt sechs Band allerdings auch randvoll gefüllt werden mit vielen verzerrten Gitarren, hingebungsvollem Gesang und gnadenlosen Drumbeats. Demzufolge gaben zuerst vier russische Locals ihre Shows zum besten und heizten der Menge bereits ab 18 Uhr ordentlich ein. Aufgrund des frühen Beginns dauerte es allerdings einige Stunden, bis das Publikum in vollem Ausmaß in den Club Empire fand – was strenggenommen eine Schande war, da alle vier heimischen Bands eine wirklich professionelle und vor allem mitreißende Show über die Bühne schmetterten. Mit der Zeit fanden aber zum Glück immer mehr Zuschauer den Weg nach drinnen und ließen sich nach Ragged Jeans, Metamorphis, Fatal Niivistrel und Abandoned Land auch von uns deutschen Bands die Horchlappen versohlen. Die größere Bühne gab diesmal deutlich mehr Bewegungsfreiheit, die wir natürlich gerne nutzten. Das Publikum war zwar nicht ganz so zahlreich wie am Vorabend, und wir hatten während der Show mit ein paar technischen Ausfällen zu kämpfen, aber wir hatten trotzdem unfaßbaren Spaß. Als wir auch in Murom unser Werk getan hatten und direkt nach der Show unser Equipment von der Bühne räumen wollten, wurde wir abermals von begeisterten Konzertgängern überrannt, die sich Unterschriften oder Selfies sichern wollten. Darüber hinaus konnten wir aber zum Glück – wie am Vortag – auch einige vertieftere Gespräche auf Englisch führen, in denen wir aus erster Hand erfahren durften, wie aufgeschlossen und wohlwollend sich das russische Volk uns Fremden mit unserer eigenwilligen Musik gegenüber zeigte. Entgegen der Empfehlung von Andrej, diese Nacht lieber etwas ruhiger angehen zu lassen, teilten wir uns nach der Rückfahrt in Kleingruppen für den Besuch diverser Bars in Wladimir auf und fanden uns erst um 2, 5 oder gar 7 Uhr morgens wieder am Hostel.

Impvlse und Meloco in Murom

Auch wenn am nächsten Tag mehr Zeit zum Ausschlafen eingeplant war, wurde also noch weniger geschlafen als zuvor. Entsprechend erschöpft begaben wir uns zur Mittagsstunde in unseren „Tourbus“ und machten uns auf den Weg zum letzten Gig in Kowrow. Nachdem wir das Ortsschild passiert hatten, wurde schnell klar: Diese Stadt war deutlich industrieller geprägt und ließ eine gepflegte, einladende Innenstadt leider vermissen. Unsere Gastgeber waren sich dessen offenbar durchaus bewußt, weshalb sie hier gar keine Stadtführung eingeplant hatten. Deswegen ging es direkt zur Location, dem Club Arsenal, wo wir, durch die Erlebnisse der vergangenen zwei Abende fast schon nostalgisch gestimmt, unser Equipment aus dem Transporter luden. Innen fanden wir eine Halle vor, die dem tristen Stadtbild draußen ein heimeliges Interieur entgegenzusetzen verstand. Die zentrale Bühne wurde umgeben von zwei Treppen, die zu Zuschauerrängen und zum Backstage-Bereich im Obergeschoß führten, einer Bar und einer Art Restaurant-Bereich mit Stühlen und Eßtischen, an denen wir uns auch sofort bewirten ließen. Während wir also gemeinsam unsere Pizza aus der clubeigenen Küche genossen, sorgten die Soundchecks der anderen Bands für eine etwas andere Art der Hintergrundmusik – so könnten wir gern jedes Mittagessen abhalten. Mit gefüllten Bäuchen waren schließlich auch wir an der Reihe und durften erfreut feststellen, daß der Mischer den Sound auf der Bühne so klar und definiert gebacken bekam, wie wir ihn schon lange nicht mehr genießen durften. Perfekte Rahmenbedingungen für eine perfekte Show also. Und die sollte es auch werden. Bevor wir aber unsere vorerst letzte internationale Show spielen konnten, traten wieder die vier russischen Bands auf die Bühne und durften sich diesmal von Anfang an über ein zahlreiches Publikum freuen. Zwischendurch hatten wir unter anderem im Backstage-Bereich genügend Zeit, uns mit den russischen Bandmitgliedern zu unterhalten und (mehrmals) auf die erfolgreichen Abende anzustoßen. Spätestens hierbei wurde uns bewußt, was für eine kleine Familie wir in der kurzen Zeit schon geworden sind. Man konnte sich quasi endlos miteinander unterhalten – nicht nur über Musik. Stand die Sprachbarriere hier manchen Bandmitgliedern im Wege, wurden ihre Kollegen auch am dritten Abend nicht müde, die nötige Dolmetscher-Arbeit zu leisten, damit sich jeder beteiligen konnte. Schon als die letzten Klänge unseres Intros verstummten und wir die ersten Noten spielten, schlugen uns die Energiewogen des Publikums entgegen, und wir spielten uns eifrig die Finger bzw. Stimmbänder wund. Die Technik blieb zuverlässig, der Sound genial und vor allem das Publikum schwer begeistert. „Gelungener Abschluß“ wäre eine Untertreibung für diesen Abend. Mit tiefster innerer Zufriedenheit begaben wir uns von der Bühne und zum Merch Stand, wo weitere tolle Gespräche und sogar eine Portion Pommes auf uns warteten, die uns ein Zuschauer ausgab. Wir ließen uns Zeit und verabschiedeten uns gebührlich von allen Beteiligten, die uns nicht mit nach Wladimir begleiten würden. Der Abend sollte aber noch lange nicht vorbei sein, denn Jason, unser Leadgitarrist, würde auf der Heimfahrt um 24 Uhr Geburtstag haben, was selbstverständlich gefeiert werden wollte. So wurden ein letztes Mal viele Bierchen und Wodkashots gekippt, und wir ließen es uns im voll besetzten Bus mit unseren russischen und deutschen Freunden gut gehen.

Meloco und Impvlse im Land des Russischen Bären

In Wladimir verabschiedeten wir uns von Ilja & Co, tauschten Handynummern aus und überreichten unsere kleinen Gastgeschenke sowie ein wenig Merch an alle, die uns in den letzten Tagen besonders unterstützt hatten. Auch im Hostel feierten wir weiter und ließen den Abend noch lange ausklingen. Am nächsten Morgen fühlten wir uns fast schon routiniert im Umgang mit der Müdigkeit, die aus den gestrigen Eskapaden resultierte. Andrej kam sogar noch einmal zum Hostel, um uns eine gute Reise zu wünschen, was den Abschied zwar nicht gerade erleichterte, aber versüßte. Nach der kurzen Wachphase, in der wir unsere Sachen sowie uns selbst in den Bus packten, folgten schläfrige vier Stunden, die sich deutlich kürzer als die Hinfahrt anfühlten. Am Moskauer Flughafen angekommen, brauchten wir erst einmal über eine Stunde für das Einchecken des Sondergepäcks, da das Personal gefühlt jeden Fehler bei der Etikettierung machte, den man sich vorstellen konnte. Daher wurde der Plan, noch schnell mit dem Zug ins Stadtzentrum zu fahren, um zumindest kurz den Roten Platz zu sehen, schnell wieder verworfen. Demnach verbrachten wir die nun ohnehin schon verkürzte Wartezeit damit, die kleinen Restaurants und Essensstände am Flughafen reich zu machen, indem wir die letzten verbleibenden Rubel gegen deren Dienstleistungen eintauschten. Im Flugzeug Richtung Heimat war die Stimmung weiterhin verschlafen – wie bereits dem ganzen Tag über. Durch das unfreiwillig komische Animationsvideo der Airline, das den Passgieren die Sicherheitshinweise näher bringen sollte, erreichte die Laune jedoch wieder ein kurzzeitiges Hoch. Darüber hinaus war der diesmal durchaus schmackhafte Flugzeugfraß der einzige Trost über die Realität, die sich langsam in unseren Köpfen breit machte: Unser Abenteuer war nun bereits vorbei. Schade eigentlich. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, die überwiegende Emotion in diesen Momenten, die wir gute 10.000 Meter über dem Boden verbrachten, sei Ernüchterung gewesen. Natürlich wären wir gerne noch länger geblieben, aber alles, was wir durch diese Reise mitnehmen konnten, sollte die Frist unseres Aufenthalts weit überdauern. Die neu geknüpften Freundschaften und die gewonnenen Erinnerungen haben sich in unsere Köpfe und Herzen gebrannt und werden uns immer mit einem Lächeln an unsere Wladimir-Tour zurückdenken lassen.

Impvlse und Meloco vor ihrem Hostel in Wladimir

Unser tiefster Dank gilt daher allen, die dieses Abenteuer für uns möglich machten und/oder sogar selbst mit von der Partie waren. Das Amt für Soziokultur die Stadt Erlangen hat ganze Arbeit geleistet für die Organisation, ebenso wie die russischen Bandmitglieder, die dafür bestimmt nicht weniger Mühe und Zeit investiert haben. Alles hat reibungslos funktioniert, was es uns ermöglichte, uns voll und ganz auf das für uns neue Land, dessen Mentalität und vor allem auf dessen Menschen einzulassen. Was wir vorgefunden haben, war ein bodenständiges Völkchen, das interessiert, weltoffen und herzlich mit uns umging und sich wiederum unglaublich dankbar für das Interesse auf unserer Seite zeigte. Wir kommen gerne wieder nach Rußland und insbesondere Wladimir!

Impvlse

Und wer’s nicht glaubte, schlage hier nach: https://is.gd/KkF8Sg

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Bis ins Halbfinale der Show „Golos – Stimme“ hatte es Alana Tschotschjewa geschafft (siehe: https://is.gd/alSl7G), doch da war dann leider Endstation für die Sängerin aus Wladimir. Der große Sprung in den russischen Schlagerhimmel gelang der Studentin also nicht, noch nicht. Aber das war ja erst die Premiere, der erste Anlauf. Mit gerade einmal 18 Jahren warten noch viele Träume auf der Bühne, wenn auch, wie die Tochter des auch in Erlangen bestens bekannten Orthopäden, Guram Tschotschjew, im Interview nach dem Auftritt bekennt, das Märchen nun erst einmal zu Ende ist.

Alana Tschotschjewa als Harlekin

Alana Tschotschjewa interpretierte vor großem TV-Publikum den „Harlekin“ der russischen Pop-Diva, Alla Pugatschowa, nachzuerleben hier: https://is.gd/KZylCZ – Aber das soll kein Abgesang sein, die Interpretin läßt sicher noch von sich hören, und die Musikredaktion des Blogs hält weiter die Ohren offen für Sie.

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In gut zwei Wochen ist es schon wieder so weit: Die Biennale der Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule Erlangen – dieses Mal ganz im Zeichen von 25 Jahren Erlangen-Haus – startet am 15. Januar mit einem Vortrag der Historikerin Julia Obertreis zu 75 Jahre Kriegsende und Fragen der russischen Erinnerungskultur. Vom Puppentheater bis zum Jazz, von Ikonen bis zu Reiseimpressionen, von der russischen Kalligraphie bis zum Jubiläumsabend zeigt sich das Programm so vielfältig wie die Städtepartnerschaft insgesamt. Einen ersten Überblick gibt es hier https://is.gd/2XOEX4, aber der Blog wird natürlich noch die eine oder andere Vorstellung gesondert vorstellen.

Während bei den Russisch-Deutschen Wochen – mit Ausnahme der Sprachkurse – alle Angebote frei sind und man noch die Platzwahl hat, ist für das Konzert von Rainer Glas und seinem Ensemble Sounds of the Orient der Vorverkauf schon voll im Gang. Wer gut sitzen möchte, reserviere deshalb möglichst bald seinen Sessel im Markgrafentheater.

Im Unterschied zu den schon traditionellen Russisch-Deutschen Wochen steht das Projekt von Rainer Glas noch ganz am Anfang. Im Frühjahr trat er fulminant mit seinem Quartett in Wladimir bei einem Jazz-Festival auf, wo dann auch die Idee entstand, seinen Orient russisch erklingen zu lassen.

Andrej Schewljakow und sein Quartett

Eigens zu dem Konzert reist denn auch der Multi-Instrumentalist Andrej Schewljakow mit seinem Quartett an und eröffnet das Partnerschaftskonzert. Man darf jetzt schon gespannt sein, wie sich diese künstlerische Zusammenarbeit weiterentwickelt. Schöne Aussichten jedenfalls auf das kommende Jahr zwischen Erlangen und Wladimir.

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