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Archive for the ‘Kultur’ Category


Der langjährige Leiter des Wladimirer Puppentheaters, Wladimir Mioduschewskij, der heute in Moskau lebt, ist auch als Autor von Kinderbüchern und Illustrator bekannt. Weniger weiß auch der russische Leser von seinen kleinen autobiographischen Etüden, von denen zwei hier in der Übertragung des Chefübersetzers der Blogredaktion zu entdecken sind.

Wladimir Mioduschewskij und Anton Tschechow, wenn sie sich denn je begegnet wären…

Sommernachtstraum

Die Zivilisation entwickelt sich, und die Menschen entfremden sich einander leider Gottes immer mehr. Dabei war das alles einmal ganz anders… Ich weiß noch, Ende der 50er, als wir noch in Gorkij lebten, das jetzt wieder Nischnij Nowgorod heißt. Wir hatten eine Ecke in einer Vier-Zimmer-Kommunalwohnung, in der vier Familien untergebracht waren. Alle Bewohner des vierstöckigen Hauses kannten einander und fast alle waren freundschaftlich verbunden.

Wladimir Mioduschewskij in den 50er Jahren

Eines Abends einmal, im Sommer, in der heißen Zeit, wenn es nachts besonders schwül war, brachten alle, die in unserem Haus wohnten ihre Matratzen, Liegen und Schlafsäcke in den Hof, die Frauen hatten Kannenweise Kwaß dabei und Kompott aus Moosbeeren, während sich die Männer für Getränke mit mehr Prozenten interessierten… Die Kinder, darunter auch ich, spielten neben den Eltern, die Erwachsenen unterhielten sich, spielten Domino, Karten und Backgammon. Dann zogen sich alle auf ihre mitgebrachten Schlafplätze zurück, und das ganze Haus schlief im Hof ein, und niemand dachte auch nur im Traum daran, daß jemand einem andern etwas antun oder etwas abhandenkommen könnte. Die Wohnungsschlüssel, das sei noch angefügt, versteckte man gewöhnlich unter dem Türvorleger. So war das damals… Und heute steht man überall vor Stahltüren, vor Gittern vor den Fenstern, und es wird einem schwer ums Herz. Obwohl auch diese Gitter und Türen für verhältnismäßig ehrliche Leute gedacht sind…

Zaun in Wladimir mit der höflichen Aufschrift: Sehr geehrte Freunde, um rechtswidrige Handlungen (Rauschgiftsucht, Trinkerei u.ä.) zu vermeiden, ist das Gelände auf gesetzlicher Grundlage um die Häuser herum umzäunt. Wir bitten um Verständnis für die Unannehmlichkeiten. KEIN Durchgang.

Die erste Liebe

Als ich in die zweite Klasse ging, begegnete mir meine erste Liebe. Genauer gesagt begegnete sie mir nicht, sondern kam aus Baku. Sie hieß Sweta und erschütterte mich mit ihrer Schönheit. Helles Haar, dunkelbraune Augen, durchsichtig-zarte Haut, die Stimme weich und nicht laut – und lauter Einser bekam sie. Es war vor Neujahr 1956 als ich entschied, ihr meine Liebe zu gestehen und ihr über ihre Freundin Ljalka einen Zettel zukommen zu lassen, auf dem stand: „Sweta! Ich liebe dich! Laß uns Freunde sein!“

Die heimtückische Ljalka hatte offenbar den Zettel gelesen, bevor sie ihn weitergab, und alles den anderen Mädchen erzählt. Als ich anderntags in die Klasse kam, merkte ich gleich, daß alle alles wußten. Die Mädchen sahen mich alle mit lachenden Gesichtern an, und eine von ihnen, das unangenehmste, verspottete mich sogar mit ihrer widerlichen Stimme: „Sweta, ich liebe dich!“

Wladimir Mioduscheskij mit zwei Freunden ganz rechts im Bild

Für mich brach eine Welt zusammen. Ich lief aus dem Unterricht und überlegte, was zu tun sei… Die Schule mußte ich natürlich abbrechen! Besser noch wäre, zu sterben, damit mich alle bedauern. Ich zog die Stiefel und Socken aus, ging hinaus und lief barfuß durch die Schneewehen um unser Haus herum. Am nächsten Tag wurde ich krank und hütete bis Neujahr das Bett. Dann kamen die Winterferien, und in der Zeit geriet alles einigermaßen in Vergessenheit. In der Klasse erinnerte sich erst recht niemand mehr an die Sache. Sweta aber ging von jener Zeit an der Hand eines anderen Jungen nach Hause. So endete meine erste Liebe. Aber ich erinnere mich an sie bis heute…

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Zu den in Deutschland leider kaum gelesenen, wohl auch weil selten übersetzten Autoren der Sowjetliteratur zählt Konstantin Paustowskij (1892-1968), dessen impressionistisch gehaltene Erzählungen und Romane immer wieder die russische Landschaft thematisieren. Inspirieren ließ sich der in Kiew geborene Schulkamerad des ungleich bekannteren Michail Bulgakow zu seinen Werken auf ungezählten Reisen, unter anderem auch durch Wladimir und dessen Umgebung.

Seine erste Begegnung mit Wladimir hatte der Nachkomme einer Kosakenfamilie im Ersten Weltkrieg als Sanitäter, der mit seinem Zug von Moskau aus Verwundete ins Hinterland brachte. Es war denn auch jene unruhige Zeit, als er seine Neigung zur Heimat entdeckte

mit ihren, wie mir damals schien, verwaisten, aber lieben Himmeln, mit ihrem milchigen Rauch der Dörfer, mit ihrem trägen Glockenklang, mit ihrem Schneetreiben und Knirschen der Hörnerschlitten, mit ihren verstreuten Wäldern und nach Dung duftenden Städten.

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Konstantin Paustowskij als Sanitäter

In seinen „Erzählungen vom Leben“ schrieb er über jene Zeit, als er 1915 das Philosophiestudium abbrach, um als Sanitäter zu arbeiten:

Das Frühjahr blüht über Rußland. Das Frühjahr blüht über Wladimir an der Kljasma, über Tambow, über Twer, wohin wir Verwundete brachten. Mit jedem neuen Transport bemerkten wir, daß die Verwundeten immer schweigsamer wurden, immer rauher und schroffer.

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Wladimir an der Kljasma

In dieser Erzählung, die des Autors Reise in die heißen und ausgetrockneten Gegenden hinter dem Kaukasus beschreibt, erinnert Konstantin Paustowskij auch den kühlen Norden und den Regen in Wladimir:

Mit wehem Herzen las ich auf den Güterwaggons die Aufschrift: „Abgefertigt im Depot des Bahnhofs Twer“ oder „Abgefertigt im Depot des Bahnhofs Wladimir“. Dort, in Twer und Wladimir, fällt jetzt vielleicht in den verwilderten Stadtgärten Regen, ein echter, ruhiger Regen, und niemand hindert ihn daran, zu rauschen, auf die Blätter zu klopfen, die gelockerten Beete mit Petunien zu befeuchten und in trägen Rinnsalen der Kljasma zuzuströmen, die seit alters her bekannt ist für ihr klares Wasser.

Es war denn auch Wladimir, von wo Anfang der 30er Jahre Konstantin Paustowskij zum ersten Mal in die Gegend von Rjasan aufbrach, wo er für viele Jahre seine zweite Heimat und eine unversiegliche Quelle der Inspiration finden sollte.

Über andere Orte in der Region Wladimir ist weder in den Werken, Tagebüchern oder Briefen des Schriftstellers etwas zu finden. Doch seine Photos, die jetzt entdeckt und der Öffentlichkeit vorgestellt werden, erzählen von seinen Besuchen in Susdal oder Jurjew-Polskij.

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Konstantin Paustowskij in den 60er Jahren

Der Autor hatte denn auch bei seinen Reisen nicht nur Stift und Papier dabei, sondern auch immer seine Kamera zur Hand, um die Landschaften und Ortschaften sowie Szenen des Lebens in der Provinz festzuhalten.

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Photoapparat des Autors im Museum Solotsche, Region Rjasan

Ein Großteil der Bilder ist offensichtlich für immer verloren, aber was noch zu sehen ist, freut nicht nur Forscher, sondern wird auch in einer Wanderausstellung gezeigt, auf die nun das Wladimirer Internetportal Zebra hinweist.

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Schmalspurbahn in der Nähe von Rjasan

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Ein junger und ein alter Mann

Die Überraschung war groß, in der Sammlung auch Ansichten zu finden, die Wladimir sowie die Kreisstädte Susdal und Jurjew-Polskij zeigen.

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Marktszene in Jurjew-Polskij

Besonders schön – das Triptychon mit dem Markttreiben und den Gänsen auf den Straßen von Jurjew-Polskij, Bilder ohne jede ideologische Konnotation, ganz der Betrachtung des Augenblicks gewidmet, den Menschen in ihrem kleinen Alltag zugewandt.

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Straßenszene aus Jurjew-Polskij

Einige Literaturwissenschaftler glauben nun sogar, die Erzählung das „Telegramm“ sei möglicherweise unter dem Eindruck der Gegend um Jurjew-Polskij entstanden. Die Photos legen jedenfalls nahe, daß Konstantin Paustowskij sich dort genauer umgesehen haben könnte. Aber, wie gesagt, es gibt darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen.
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Gänsemarsch in Jurjew-Polskij

Beeindruckend auch der Blick auf Susdal von der damaligen Holzbrücke über die Kamenka aus, wo heute die Hauptstraße über den Fluß führt.

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Susdal mit Klosterblick

Genau weiß man es nicht, wann Konstantin Paustowskij diese Reise ins Hinterland von Wladimir unternahm, aber es wird wohl Anfang der 30er Jahre gewesen sein, als der Autor intensiv das nördliche Rußland bereiste und uns Bilder hinterließ von einer versunkenen Zeit, die noch gar nicht so weit.

Bleibt die Leseempfehlung: „Erzählungen vom Leben“, aus dem Russischen mit einem Nachwort von Wolfgang Kasack, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978. Antiquarisch sind aber auch noch viele andere Werke erhältlich u.a. auch aus DDR-Verlagen.

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Wolfgang Morell, der sein in der Gefangenschaft erlerntes Russisch bis heute erstaunlich präsent hält, stimmte sich gestern mit den Weihnachtsgedichten des in die USA emigrierten russischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky auf das Fest ein.

Wolfgang Morell und Peter Steger

Doch auch in Wladimir gibt es Lyrik, auch zum heutigen Anlaß, zu entdecken, etwa von Jekaterina Zwetkowa, mit ihren vom 21. Januar 2004 datierten und heute vom Chefübersetzer der Blog-Redaktion ins Deutsche übertragenen Zeilen:

Jekaterina Zwetkowa mit Väterchen Frost

Dem Wunder der Wunder, ein Segen – / den Augen der Jungfrau vom Kind, / die Allzärtlichkeit der Frauen-Mütter-Bräute gegeben: / Liebe, Unnahbarkeit, gehorsamkeitsblind.

Segnet die Freude, segnet die Trauer / im Unkenntnis-Einheits-Glück, / dem allergeheimsten Sakrament, auf dem  wir alles bauen: / eine Handvoll Rußland, von der russischen Erde ein Stück.

 

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Wer sich je mit der Waffentechnik des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hat, kennt die Wunderwaffe der Roten Armee, den ebenso robusten wie wendigen und fast unverwundbaren Panzer des Typs T-34 mit seiner dem Tiger und Panther der Wehrmacht überlegenen Panzerung und Motorleistung, aufzuhalten nur, wenn es gelang, den 30-Tonnen-Tank von der Seite oder von hinten anzugreifen, oder, wie Zeitzeugen berichten, mit einer Granate von unten. Unbemerkt von der deutschen Aufklärung standen bereits zu Beginn des Überfalls auf die UdSSR, von der Führung „Unternehmen Barbarossa“ genannt, gut 1.200 der Zwölf-Zylinder-Dieselmaschinen gefechtsbereit zur Verfügung, und es sollten ständig mehr werden, denn die fahrendenden Festungen waren ohne großen Aufwand sogar mit Hilfsarbeitern in großer Stückzahl zu bauen. Deutsche Wertarbeit versus russische Ingenieurskunst, in diesem Fall klar zum Vorteil der letzteren, auch dank einem Motto, nach dem man die noch bekanntere Kalaschnikow fertigte und bis heute für den Einsatz in aller Welt produziert: „Quantität besitzt eine eigene Qualität“, ein dem Generalissimus zugeschriebener Aphorismus.

Ein Panzer, eine Mannschaft, eine Chance – Die Geschichte eines großen Sieges – T-34

Aber auch auf sich alleine gestellt, bewies der Panzer seine Stärken, wie der in russischen Kinos soeben angelaufene Spielfilm mit dem schlichten Titel „T-34“ zeigen will, wo es 1944 einem Trupp von Soldaten gelingt, mit einem halbzerstörten Tank dieser Bauart – eigens für den Streifen machte man einen historischen Panzer wieder fahrtüchtig – aus deutscher Gefangenschaft zu fliehen. So schlagkräftig auf dem Schlachtfeld, so erfolgreich auf der Leinwand: Der Film unter der Regie von Alexej Sidorow, in dem Vinzenz Kiefer den deutschen Gegenspieler zum russischen Helden spielt, sticht an den Kinokassen von Pensa bis Perm und Magnitogorsk bis Murmansk die Konkurrenz mit Abstand aus und will auch das Festival von Cannes im Sturm nehmen. In Wladimir jedenfalls ist das Publikum begeistert; der staatliche Lokalsender berichtet von stehenden Ovationen nach Fall des Vorhangs. Und in Erlangen? Da ist „T-34“ am morgigen Sonntag, den 6. Januar, in einer Sondervorstellung im russischen Original zu sehen: Filmpalast Cine-Star, 17.00 Uhr. Eine seltene Gelegenheit, die leider zusammenfällt mit dem zeitgleich in der evangelisch-reformierten Kirche beginnenden Konzerts der Ural-Kosaken mit Gastsängerin Dorothee Lotsch, die man hier dank ihrer Auftritte mit dem Kammerensemble Wladimir kennt. Die Qual der Wahl.

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Welch eine Fügung! Nur wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag, ausgerechnet an Neujahr, wo sein Wladimirer Freund und Kollege, Pjotr Dik, vor 80 Jahren im Altai geboren wurde, verstarb nun Hans Zahn, ein Pictor doctus mit einer überwältigenden Herzensbildung und einnehmenden Gastfreundschaft.

Hans Zahn mit einem Portrait seiner selbst, im Jahr 2000 von Pjotr Dik in Susdal geschaffen

Jeder der beiden Künstler stellte für sich genommen einen ganzen Kosmos dar, schuf ein unschätzbares Geschmeide in der Schatzkammer der Partnerschaft, zusammen bildeten sie nichts minder als ein strahlendes Sternbild, das noch weit über beider Tod hinaus in ihrem großartigen Werk das Dunkel der Trauer von uns Hinterbliebenen erhellen wird. Sie malten beide nicht kunsthandwerklich für den Tag, sie hinterließen uns weit geöffnete Fenster in jene Welten, die beide zusammenhielten.

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko im Jahr 2015 bei Rosie und Hans Zahn zu Gast

Wenn es Trost für beider Weggang gibt, dann findet man ihn in ihrer Kunst, und Hans Zahn hätte als Altphilologe alter Schule hinzugefügt: Vita brevis, ars longa.

Die Trauerfeier findet am Montag, den 7. Januar, um 12.00 Uhr in St. Georg zu Kraftshof statt. Zum welterfahrenen Schaffen von Hans Zahn, Mitglied des Erlanger Kunstvereins, ist hier mehr zu erfahren: https://is.gd/Vpgub0, und er selbst schrieb über seine Freundschaft mit Pjtor Dik: https://is.gd/CfHkDL

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Heute würde Pjotr Dik 80 Jahre alt. Der Künstler, als Nachfahre von einst aus Deutschland eingewanderten deutschen Mennoniten im Altai geboren, kam Ende der 60er Jahre nach Wladimir und arbeitete in der Partnerstadt als Graphiker und Bildhauer. Zu den Glücksmomenten seines Lebens, das unvermittelt am 14. August 2002 in Worpswede endete, gehört, dank der Städtepartnerschaft mit seiner Kunst in die alte Heimat zurückgekehrt zu sein.

Johann Adam Stupp, Ehrenvorsitzender des Erlanger Kunstvereins, widmete dem Mittler zwischen den Kulturen einen Artikel, veröffentlicht 2001 zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises an diese großartige Persönlichkeit.

Kira Limonowa, die Witwe des Künstlers, die bis heute Ausstellungen ihres Mannes kuratiert

Zur Pastellmalerei, der von ihm heute ausschließlich angewandten Technik, fand der Künstler Peter Dik erst im Laufe der Zeit. Am Anfang stand die plastische Metallbearbeitung, die er studiert und einige Jahre ausgeübt hatte. Mit der Zeit wandte er sich dann mehr der Graphik, insbesondere der Monotypie, aber auch der Lithographie zu. Von dort gelangte er zur Handhabung von Pastellfarben. Er entdeckte für sich die überraschenden Effekte, die sich durch sie erzielen lassen. Die Technik seiner Pastelle basierte mit Kohle in schweren Umrissen und in ziemlich starken Farben. Er hatte damit seine persönliche künstlerische Ausdruckssprache gefunden, eine Sprache, die es ihm ermöglichte, die Vielfalt der äußeren Eindrücke aufzunehmen und im Sinne der eigenen Vorstellungen zu realisieren; seine Bildwelt zu erschaffen.

Den großen Vorzügen des Pastellmaterials in bezug auf die Erzielung farblicher Wirkungen steht jedoch bekanntermaßen der Nachteil entgegen, daß es empfindlicher gegen mechanische Verletzungen, zum Beispiel gegen Stoß, ist, weil die Farbe nicht fest auf dem Grund haftet. Demgegenüber besitzt es andere Vorteile: Hier gibt es kein Vergilben, Bräunen und Reißen wie bei Öl. Für seine Bilder verwendet Peter Dik neben weißen sowie schwarzen Spezialpapieren auch etwas Besonderes, von anderen Künstlern nicht Benutztes, nämlich Sand- oder Schmirgelpapier. Die Rauhigkeit dieses Grundes ist Vorteilhaft, schluckt aber natürlich viel Farbe. Das Fixieren – bei Pastell immer eine besondere Schwierigkeit, weil es leicht zu Veränderungen im Farbwert führen kann – ist bei Gebrauch von Schmirgelpapier nicht empfehlenswert, ja praktisch unmöglich. Peter Dik hat seine eigene Technik entwickelt, um das Malmaterial dauerhaft anzubringen: Er trägt die Farbe mit dem Finger auf und erzielt durch kräftiges Reiben ungemein weiche, matte, samtige Töne, bei denen es mehr auf die bestechende Schönheit des Vortrags ankommt als auf peinliche Genauigkeit. Nicht, wie es der überragende Pastellmaler der Kunstgeschichte, Edgar Degas, handhabte, der sehr auf die Zeichnung achtete, setzt Peter Dik seine Farben unmittelbar ein und baut die Wirkung seiner Bilder breitmalerisch auf den kräftigen Kontrasten des reinen Oberflächenlichtes auf. Die leichte Unbestimmtheit in den Umrissen ist gewollt, sie schafft die eigentümliche, traumhaft verschwimmende Atmosphäre, die östliche Stimmungen von den klaren Konturen des Südens unterscheidet. Es sind vor allem dunkle Farbtöne, die hart entgegen den hellen, besonders gegen Weiß, stehen. Der Maler holt durch ständiges Abwägen der Farbwerte des Lichtes und des Schattens und ihrer komplementären Farbtöne in der Entgegensetzung die angestrebte Wirkung heraus. Darauf kommt es ihm an.

Peter Diks Malerei ist expressiv und, obwohl stets vom Gegenständlichen ausgehend, abstrahierend bis zur Grenze völliger Abstraktion. Seine Darstellungen zeigen keine technisch-zivilisatorischen Errungenschaften unserer Gegenwart, die eine Datierung ermöglichen würden. Seine Werke sind nicht für die Zeit bestimmt, in der sie entstehen, sondern sie sind zeitlos in dem Sinne, daß sie eine Verbindung schaffen von der Vergangenheit bis zum Heute und tendenziell darüber hinaus. Das gilt für alle Motivbereiche, in denen er arbeitet, seien es Portraits, Genreszenen, Stilleben oder Landschaften. Dieses konsequente Absehen von einer abbildenden Wiedergabe der Wirklichkeit verweist darauf, daß die Ideen, innere Bilder des Malers, ihn zu seinen Arbeiten inspirieren. In der Tat ist dies so. Der Künstler trachtet danach, Modelle auszuzeichnen, die in seiner inneren Schau auftauchen. Darum auch ist er bestrebt, die Realisierung in jeweils einem Zuge durchzuführen und abzuschließen, damit die Einheit des zugrunde liegenden Gedankens nicht auseinanderläuft und verloren geht. Seine Arbeiten bleiben im kleinen oder mittleren Format.

Die Ergebnisse dieses Bemühens tragen ihre Bedeutung in sich selbst. Sie vermitteln keine wie immer gearteten Botschaften. Sie tragen keine sekundären Bedeutungen; sie sind autonom. Die Werke Peter Diks haben ihren letzten Ursprung in der Seele des Künstlers. Sie sind bestimmt durch eine tiefsitzende Empfindung von Stille und Einsamkeit, ja auch von Schmerz und Trauer. In ihnen läßt sich der Widerhall einer großräumigen, grenzenlos weiten, melancholischen Landschaft mit langen, strengen Wintern spüren, die den Menschen ihren Charakter aufprägt. Dies drückt sich auch in der gebeugten Haltung der Gestalten aus, die allein, als „Zweiheit“, wie Dik sagt, oder zu dritt im Raum stehen oder gehen.

Auf die Frage, welche Richtungen und Schöpfungen der Kunst bei ihm selbst einen tiefgehenden Eindruck hinterlassen haben, nennt Peter Dik die mittelalterlichen Ikonen und Fresken. Diese vielen fremdartig erscheinenden Bilder strahlen eine tiefe innere Ruhe, kontemplativ verinnerlichte feierliche Geschlossenheit und Harmonie aus. Sicher trägt die Rückbesinnung auf die Traditionen der religiösen Kunst der orthodoxen Christen für den gläubigen Menschen Peter Dik programmatischen Charakter. Insofern läßt sich von einer geistigen Kontinuität als einem der bestimmenden Merkmale des Malers Peter Dik sprechen.

Wir ahnen, daß der Schicksalsweg dieses feinnervigen Künstlers durch Not und Entbehrung im Krieg und unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur des Schreckens kein leichter war. Peter Dik kam als Kind schwarzmeerdeutscher Mennoniten, die Stalin nach Sibirien verschleppt hatte, am 1. Januar 1939 im Dorf Gljaden, Bezirk Blagoweschtschensk, Region Altai, zur Welt. Er berichtet: „Ich bin in der Altaisteppe geboren. Ein uferloses Meer von Steppengras und ein gewaltiger Himmel. Der Wind spaziert über die Steppe, das Gras breitet sich aus wie Wellen, die über das Meer hinweglaufen. Jedes Element, das in diesem Raum auftauchte, wurde als bedeutend aufgefaßt, – ein Gefühl, gleichsam kosmischen Ursprungs. Meine Kindheit verlief im krassen Kontrast zu dem, was die Natur dieses erstaunlichen Landstrichs ausmacht. Das erste, woran ich mich aus diesen Jahren erinnere, ist der Tod meines Vaters an Tuberkulose. Damals war auch meine Mutter, entsprechend dem Befehl Stalins zur totalen Mobilisierung aller Deutschen in der UdSSR, in die Arbeitsarmee gepreßt worden. Mich, gerade drei Jahre alt, mußte meine Tante aufnehmen, die schon zwei eigene Kinder hatte. Das Leben in den ersten Nachkriegsjahren war um keinen Deut besser als während des Krieges: der gleiche Hunger, die gleiche Notwendigkeit, ums Überleben zu kämpfen. Und überdies ein Leben unter der Aufsicht der Komendantur. Meine Reaktion auf all das war ein starker Widerstand. Ich konnte nicht glauben, daß meine Eltern verschleppt worden waren, weil sie etwas Schlechtes getan haben sollten, und daß ich mich für sie und dafür schämen sollte, daß ich Deutscher war.“

Nach Beendigung der siebenklassigen Volksschule arbeitete Peter Dik als Lade-, Erd- und Steinbrucharbeiter. In der „Tauwetter-Periode“ durfte er die Kunstschule in Swerdlowsk besuchen und schließlich 1968 – 1973 an der als „Stroganowka“ bekannten Hochschule für Kunst und Industrie in Moskau studieren. Seine Arbeiten fanden freundliche Aufnahme und brachten Anerkennungen ein, so den Titel „Verdienter Künstler“. Dies ermöglichte es ihm, durch Reisen und Studienaufenthalte seinen Horizont zu erweitern, zuerst in den damaligen Sowjetrepubliken Lettland, Georgien, Armenien und Estland, ab 1992 auch in Deutschland, wo er an Ausstellungen in Erlangen, Düsseldorf, Berlin, München, St. Augustin, Hamburg und Pommersfelden teilnehmen konnte. Einzelausstellungen gab es u. a. in Moskau, Wladimir, Sankt Petersburg, London, Erlangen, Nürnberg und Bozen.

Werke Peter Diks wurden erworben von Kunstmuseen in Moskau, Sankt Petersburg, Wladimir, Orjol, Twer, Tula, Tjumen sowie von der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München.

Im Jahre 2001 wurde Peter Dik mit dem Rußlanddeutschen Kulturpreis ausgezeichnet.

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Heute ein Rückblick auf den Besuch des Kammerchors Wladimir, der die knappe Zeit zwischen Konzerten und Proben Ende November, Anfang Dezember auch für einen Ausflug nach Bamberg nutzte, begleitet von Sieghard Hellmann und Georg Kaczmarek, dem wir auch den folgenden Bericht verdanken.

Tatjana Grin und Sieghard Hellmann

Sieghard Hellmann vom Freundeskreis Wladimir, als ehemaliger Wahlbamberger bestens stadtkundig, übernahm die Ausflugsleitung. Ich durfte, als sein Adlatus, die mit 25 Mann und Frau starke Chorgemeinschaft begleiten. Peter Steger, der Partnerschaftsbeauftragte, ließ es sich allerdings nicht nehmen, kurz am Bahnhof zu erschienen, die Fahrkarten zu überreichen und uns allen besseres Wetter zu wünschen. Ausgerechnet an diesem Montag schüttete es nämlich sprichwörtlich wie aus Kübeln. Nach einem allgemeinen Regenschirmcheck ging es mit der Regio-Bahn auch gleich los.

Der nette Schaffner, ließ sich von Sieghard Hellmann über den Zweck der Reise, die Städtepartnerschaft mit Wladimir – Wladimir? Wo liegt denn das bitteschön? – und natürlich über den Kammerchor genauestens informieren, anstatt zu überprüfen, ob sich vielleicht ein Fremdling unter die Ausflügler gemischt hatte. Schade nur, daß die Chormitglieder im Waggon so weit verstreut saßen, sonst hätten sie bestimmt ein Liedchen für den netten Kontrolleur angestimmt, wie später an anderer Stelle geschehen.

Zu unserer großen Überraschung fruchteten die „Wetterwünsche“, und die Regenschirme durften ganztägig in den Taschen bleiben.  Bamberg zeigte sich von seiner freundlichen Seite, mit der wir eigentlich nicht gerechnet hatten. Einen ganz kurzen Schauer gab es glücklicherweise nur, während wir, übrigens sehr köstlich, in der Uni-Mensa zu Mittag speisten. An dieser Stelle vielen Dank an Peter Steger, der organisatorisch an diese Stärkung gedacht hatte.


Der Streifzug durch die Stadt begann mit der zeitsparenden Busfahrt in die Innenstadt. Dann ein kurzer Spaziergang durch die engen Gassen zum Alten Rathaus mit dem Blick auf „Klein-Venedig“ am Regnitzufer, am „Schlenkerla“ vorbei. Ein Besuch im historischen Brauereiausschank blieb uns leider versagt, da am Abend für den Chor noch ein Auftritt im Wohnstift Rathsberg auf dem Programm stand. Zum Ausgleich dafür wurde direkt gegenüber das Angebot des Andenkenladens rege in Anspruch genommen. Weiter ging es über die steile Treppe zum Domplatz und zum Dom selbst. Die Chormitglieder waren von der Innenarchitektur derartig beeindruckt, daß sie spontan beschlossen, eine kleine Gesangseinlage darzubieten.

Die Dirigentin Tatjana Grin war nicht sicher, ob man sowas im Dom überhaupt durfte. Man durfte. Zwei Lieder wurden aufgeführt, zur Freude vieler Touristen – und hier nachzuhören, einmal der Hymnus „Agni Parthene“ https://youtu.be/WXRvZg7U2bs und dann noch das der Vorweihnachtszeit angemessene „Stille Nacht“ unter https://youtu.be/ECrI4CMufEs

Über die Alte Hofhaltung war dann der Rosengarten der Neuen Residenz an der Reihe. Der Himmel hellte gerade in diesem Augenblick auf, und der Blick über die Bamberger Dächer faszinierte derart, daß unzählige Selfies und Kammeraufnahmen geschossen wurden.


Die Zeit für alle Sehenswürdigkeiten und Museumsbesuche war knapp bemessen, denn man sollte sich ja auch noch intensiv dem Shopping widmen können. Für so manche der Damen war die Zeit jedoch immer noch viel zu kurz, wie sich am Nachmittag am Sammelpunkt, der Kettenbrücke, herausstellte. Zwei Damen fehlten. Als sie schließlich doch auftauchten, erreichten wir im Affentempo gerade noch pünktlich den Bahnhof und unseren Zug, denn es dauerte eine geraume Zeit, bis die Regio-Bahn in Richtung Erlangen endlich losfuhr. Tja, auf die Bahn ist halt Verlaß, was die Unpünktlichkeit angeht.


Erlangen empfing uns mit unfreundlichem Dauerregen und mit Peter Steger am Bahngleis, der für den weiteren Transfer nach Rathsberg sorgte. Siehe dazu Blog-Bericht https://is.gd/U4vX3k

Für mich persönlich hat sich der Tagestrip mit den supernetten Gästen außerordentlich gelohnt. Danke Sieghard. In zahlreichen Gesprächen konnte ich interessante Gedanken austauschen über das Leben hüben wie drüben, über das Verhältnis zueinander und über so manche persönlichen Dinge. Und zum Schluß für mich der wichtigste Punkt. Ich wurde von den Sängern herzlichst eingeladen, Wladimir wieder zu besuchen. Das zu tun, habe ich auch hoch und heilig versprochen: Zur Einweihung des Pilgerhauses an der katholischen Rosenkranzkirche komme ich mit Bestimmtheit. Vielleicht könnte der Kammerchor sogar diesem Festakt beiwohnen. Wenn das kein guter Gedanke ist!

Peter Steger deutete es während der Jahresversammlung des „Nadjeschda-Hoffnung“-Fördervereins an, dafür eine Reise organisieren zu wollen. Aber schauen wir erst mal, was uns das kommende Neue Jahr bringt: «Поживём — увидим», wie man auf Russisch in solchen Fällen zu sagen pflegt.

Georg Kaczmarek

Max Firgau

P.S.: Siegfried Brückner, künstlerischer Impresario der Gastspielreise des Kammerchors Wladimir, übergab dieser Tage 25 CDs mit der Aufnahme des Festkonzerts vom 1. Dezember in Kirchehrenbach. Die Scheiben nimmt nun Max Firgau am Wochenende mit in die Partnerstadt. Mehr dazu unter: https://is.gd/Dlyc6c

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