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Archive for the ‘Kultur’ Category


Nach unserem ersten Aufenthalt vor zwei Jahren freuten wir uns über eine erneute Einladung vom 12. bis 16. Juni nach Wladimir, verbunden mit der Teilnahme an dem dort seinerzeit ins Leben gerufenen Jazzfestival „Jazz Grom“.

Jens Magdeburg, Florian Fischer und Gunther Rissmann

Nastja und Igor, die derzeit an der Hochschule Geige studieren, holten uns wieder am Flughafen Domodedowo in Moskau ab, und so konnten wir schon auf der mehrstündigen Fahrt nach Wladimir unser geplantes Besuchsprogramm besprechen.

Wladimir im Frühsommer

Untergebracht waren wir erneut in einer Wohnung der Universität, wo uns am nächsten Vormittag Igor abholte und von wo wir gemeinsam mit dem elektrischen Bus der Linie 8 zur Philharmonie fuhren. Dort waren wir Zuschauer einer Aufführung von Studierenden des Instituts für Kunst und Musik, die unter Leitung von Larissa Uljanowa ein humorvolles Kindermusical über den russischen Schulalltag darboten.

Kindermusical

Danach lauschten wir in der Kunst- und Musikfakultät einer Probe und dem Konzert des „High Life Jazz Orchestras“ unter Leitung von Andrej Schewljakow, das dieses Mal ihren musikalischen Schwerpunkt auf Bossa Nova und Samba legten, und gaben selbst noch eine halbstündige Kostprobe unseres Konzertprogramms.

Andrej Schewljakow (ganz rechts stehend) und sein Ensemble

Der nächste Tag war zunächst angefüllt mit einem Seminar der Dekanin Larissa Uljanowa über die musikalische Ausbildungssituation hier wie dort, wobei Florian Fischer, unser Schlagzeuger und derzeit Student an der Musikhochschule Nürnberg-Augsburg, ein begehrter Gesprächspartner war. Einen Dank hier noch an Irina Chasowa vom Erlangen-Haus, die für uns dolmetschte.

Florian Fischer und Gunther Rissmann

Danach ging es in die Philharmonie für einen ersten Soundcheck für das morgige Konzert und dann noch weiter an die Berufsfachschule für Musik in Wladimir. Hier spielten wir Ausschnitte aus unserem Konzertprogramm, beteiligten uns an einer kleinen Jamsession mit den dortigen Studierenden und kamen in ein angeregtes Gespräch über Improvisationskonzepte und mögliche didaktische Umsetzungen.

Jens Magdeburg, Florian Fischer und Gunther Rissmann im Schatten von Wladimir Lenin

Gemeinsames Musizieren hat eben eine ganz stark verbindende Wirkung auch über Ländergrenzen hinweg, die in diesem Workshop auch gut zu spüren war.

Das Trio vor der Philharmonie

Am Donnerstag blieb am Vormittag noch Zeit, die neu angelegten Gärten eines ehemaligen Klosters zu besuchen, bevor wir am Nachmittag dann in die Philharmonie gingen für einen letzten Soundcheck und die Vorbereitung auf das Festivalkonzert. Der Konzertabend wurde von einem Chor aus Wladimir eröffnet, der jazzinspirierte Kompositionen darbot, gefolgt von unserem Trioauftritt.

Auftritt des „High Life Jazz Orchestra“

Nach einer Pause spielte zunächst die landesweit bekannte russische Formation „Acapella Express“, die Vokalmusik auf höchstem Niveau bot. Dann folgte das Konzert unserer Gastgeber, des “High Life Jazz Orchestra“, bevor der Moskauer Pianist, Sergej Schilin, den Abend mit seiner Darbietung beendete.

Das Jens-Magdeburg-Trio inmitten der Wladimirer Freunde

Am nächsten Morgen traten wir schon früh die Heimreise an und bestiegen den Zug nach Moskau, begleitet von Natalia Dumnowa, Dozentin am Erlangen-Haus, die sich freundlicherweise an ihrem freien Tag bereit erklärt hatte, uns Gesellschaft zu leisten.

Florian Fischer, Gunther Rissmann mit Natalia Dumnowa in der Moskauer Metro

So konnten wir abschließend noch ein paar Impressionen aus der beeindruckenden Zehnmillionen-Metropole Moskau erhaschen, bevor wir über Zürich wieder ins heimatliche Franken flogen.

Das Jens-Magdeburg-Trio auf dem Roten Platz

Unser Dank gilt wieder unseren herzlichen Gastgebern in Wladimir, Peter Steger sowie den Damen des Erlangen-Hauses für ihre Mühe und ihr Wohlwollen.

Jens Magdeburg

s. auch: https://is.gd/9clJsG

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Wer zwei einzigartige Gemälde von Michail Schibanow aus der Wladimirer Welt des 18. Jahrhunderts sehen will, muß nach Moskau reisen, in die Tretjakow-Galerie. Zu sehen sind da die wohl ersten Beispiele einer realistischen Darstellung des Lebens abseits des Hofs und der Aristokratie, mit denen so gut wie jedes Lehrbuch über die Geschichte der russischen Malerei aufmacht: erstmals statt historischer Sujets, Pastoralen, Portraits hochgestellter Persönlichkeiten oder mythischer Gestalten – Szenen aus dem Alltag der einfachen Leute.

Michail Schibanow: Bauernmahl

 

Die eine Arbeit von 1774 stellt vier Erwachsene und einen Säugling dar, die andere, drei Jahre später entstanden, zeigt eine bäuerliche Gruppe während eines der Hochzeit vorangestellten Brauchs, der Verlobung. Beide Bilder sind signiert, das eine mit „Dieses Gemälde stellt Bauern der Susdaler Provinz dar. 1774 geschaffen von M. Schibanow.“, das andere mit „In der nämlichen Provinz geschaffen im Kirchdorf Tatarowo 1777 von M. Schibanow.“

Abschluß des Heiratsvertrages

 

Die Forscher sind sich sicher: Hinter jenem Tatarowo verbirgt sich Barkoje Tatarowo, mittlerweile mit dem für seine Lackminiaturarbeiten berühmten Mstjora im Landkreis Wjasniki, Gouvernement Wladimir, zusammengewachsen, wo nach dem Künstler auch eine Straße benannt ist. Von dem Maler weiß man freilich eher wenig, weder Ort noch Datum seiner Geburt oder seines Todes sind bekannt. Man nimmt allerdings an, er entstamme entweder einer Leibeigenenfamilie auf einem der Güter des Fürsten Grigorij Potjomkin-Tawridskij oder des Admirals Grigorij Spiridonow aus Pereslawl-Saleskij, wofür das Protrait von dessen Sohn aus dem Atelier Michail Schibanows spricht.

Katharina II

Als gesichert gilt allerdings, daß der Künstler im Auftrag von Fürst Potjomkin arbeitete und auch ein Portrait der Zarin Katharina II und ihres Favoriten, Alexander Dmitrijew-Mamonow, malte.

Detail aus dem „Bauernmahl“

Welche Laune des Schicksals den Künstler in das Gouvernement Wladimir brachte, ist wiederum Gegenstand von Mutmaßungen. Bleiben werden aber die beiden Arbeiten mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern einfacher Leute, die vor zweieinhalb Jahrhunderten lebten und so etwas wie einen enzyklopädischen Schatz darstellen, zeigen die Figuren doch Details der russischen Trachten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Forscher begeistern sich an der exakten Wiedergabe von Einzelheiten der Kleidung wie des Ablaufs einer Zeremonie, die genau dem entsprechen, was man aus schriftlichen Quellen über jene Zeit erfahren kann.

Detail aus dem „Abschluß des Heiratsvertrages“

Und der Betrachter? Er ist erfreut über die ausdrucksstarke Vielfalt der Gesichter und Gesten, die eine längst versunkene Welt auferstehen lassen und zurückführen an den Anfang dessen, was man später die Wladimir Malschule nennen sollte.

zusammengestellt nach Material von Dmitrij Artjuch

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Gestern vormittag verstarb in einem Moskau Krankenhaus mit 89 Jahren einer der ganz Großen des „Goldenen Zeitalters“ des sowjetischen Films, Alexej Batalow, nachdem er tags zuvor noch die Sterbesakramente erhalten hatte. Der vielfach ausgezeichnete und ganz außerordentlich populäre Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Pädagoge hatte mütterlicherseits Wladimirer Wurzeln, die das Portal Zebra-TV nachzeichnet. Der Publikumsliebling wurde nämlich am 20. November 1928 in Wladimir als erster Sohn des Schauspielerpaars Nina Olschewskaja und Wladimir Batalow geboren, obwohl seine Eltern damals bereits in Moskau lebten. Die Ehe ging bald auseinander, doch die Verbindung – wenngleich problematisch – zu Wladimir blieb bestehen.

Alexej Batalow

Der Halbbruder und Schriftsteller, Michail Ardow, berichtet in seinen Erinnerungen, der Vater der gemeinsamen Mutter, Anton Olschewskij sei Tierarzt und Sohn des Oberförsters im Gouvernement Wladimir gewesen, verheiratet mit einer polnischen Gräfin aus dem Hause Poniatowki. Die beiden hatten ohne den Segen der Eltern geheiratet und waren von Polen nach Wladimir gekommen. Außerdem sei Nina Olschewskajas Großvater ein Nachfahre eines Teilnehmers am Polnischen Aufstand 1863 und im Wladimirer Zentralgefängnis eingesperrt gewesen. Des Schauspielers Großmutter, Antonina Olschewskaja, entstamme mütterlicherseits dem Dienstadelsgeschlecht der Narbekows und habe in Wladimir erfolgreich als Zahnärztin gearbeitet sowie sich politisch als Mitglied der Sozialistischen Revolutionäre betätigt, also in Opposition zu den Bolschewiken. Die Familie hatte ein Haus ganz im Zentrum, unweit der Kathedralen, wo Nina Olschewskaja schon als Kind den Gottesdienst besuchte. Doch schon 1925 zog sie nach Moskau, wo sie mehr Gelegenheit hatte, ihr schauspielerisches Talent zu entwickeln.

Zum lebenslangen Bruch mit Wladimir kam es allerdings mit der Verhaftung der Eltern von Nina Olschewskaja im Jahr 1937. Die Kommunisten hatten Nina Olschewskaja ihre führende Rolle in der Opposition nicht verziehen. Zehn Jahre war sie im Zentralgefängnis eingesperrt, ihr Mann überlebte die Haft nicht. Erst in den 70er Jahren besuchte die Schauspielerin mit ihrem Sohn Michail noch einmal ein Dorf in der Region Wladimir, weigerte sich aber kategorisch, in Wladimir auf den Zug nach Moskau zu warten. Anders Alexej Batalow, der ab und an noch – im weißen „Wolga“ – den Ort besucht haben soll, wo sein Elternhaus in Wladimir gestanden hatte. Freilich auch ohne besonders herzliche Gefühle angesichts der Geschichte seiner Großeltern. Traurig, aber verständlich.

Alexej Batalow

Hinterlassen hat Alexej Batalow unsterbliche Filme, von denen auch viele im Westen bekannt sind wie „Moskau glaubt den Tränen nicht“, „Die Kraniche ziehen“, „Die Dame mit dem Hündchen“ oder „Ein Regenschirm für Verliebte“. Beigesetzt wird er nun auf dem Preobraschenskij-Friedhof in Moskau neben seiner Mutter aus Wladimir. Den Tränen dort darf man glauben.

 

 

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Der österreichische Jazzmusiker hat einmal über sein Genre gesagt:

Jens Magdeburg, Florian Fischer und Gunther Rißmann

Es gibt heute kaum noch Musiker mit einer persönlichen Klangfärbung, einem eigenen Sound. Wie bei Ellington. Wir leben heute im Zeitalter der Akademisierung des Jazz, wo alle mehr oder weniger gleich klingen. Meine persönliche Meinung ist, daß die Entwicklung des Jazz mehr oder weniger abgeschlossen ist. Das heißt nicht, daß es in der Zukunft keinen Jazz mehr geben wird. Er wird partikelweise weiter existieren, kombiniert mit Elementen der klassisch-europäischen Musik, eventuell auch mit Elementen verschiedenster Folkloren. Die Jazz-Geschichte ist so abgeschlossen wie die Geschichte der abendländischen Musik von der Frühtonalität bis zur Atonalität. Diese hat der Jazz sehr schnell nachvollzogen. Jetzt sind sie beide auf dem gleichen Stand. Und wo geht’s jetzt hin?

Jens-Magdeburg-Trio in concert

Wenn schon Fachleute auf diese Frage nur Mutmaßungen anstellen können, wie wollte dann der Blog eine Antwort finden? Freuen aber darf man sich über die nun schon dritte Auflage des Jazz-Austausches zwischen Erlangen und Wladimir.

Jazz marsch in Wladimir: Jens Magdeburg und Florian Fischer

Nach einem kleineren Auftritt am Institut für Kunst der gastgebenden Universität Wladimir steht heute abend für das Jens-Magdeburg-Trio der große Auftritt beim Jazz-Festival an. Erste bildhafte Eindrücke von dem Ensemble zeigen: Das Ensemble – Jens Magdeburg am Klavier, Gunther Rißmann am Baß und Florian Fischer am Schlagzeug – hat sich gut eingespielt und ist bereit für das Konzert. Man wird auf der Bühne und im Blog noch sehen und hören, wo es jetzt hingeht mit dem Jazz. Zumindest zwischen den Partnerstädten.

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Während seit Montag das Jens-Magdeburg-Trio in Wladimir seine Jazz-Konzerte gibt, heute im Blog ein musikalischer Rückblick auf das Newcomer Festival des vergangenen Jahres, bei dem Sachar Usenko, unterstützt von Dmitrij Wladimirow, seine internationale Feuertaufe auf der Bühne erlebte.

Sachar Usenko mit Dmitrij Wladimirow an der Gitarre

Aufgenommen hat den umjubelten Auftritt Alexander Usenko, der Vater des jungen Rocksängers, sehen und hören kann man das musikalische Gewitter hier: https://is.gd/q5X4LV

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Es gibt viele gute Gründe, um einen Ausflug nach Meiningen zu machen. Unbedingt dazu gehört in diesem Kleinod der reichen thüringischen Kulturlandschaft ein Besuch des Theaters, besonders am Freitag, den 23. Juni, wenn zum letzten Mal die so überaus gelungene Bühnenfassung des Poems „Moskau – Petuschki“ von Wenedikt Jerofejew gegeben wird. Noch gibt es Karten für die Vorstellung, die wirkt, als wäre diese Adaption vom Autor selbst diktiert: Es stimmt einfach alles, von der in jene ferne Sowjet-Periode der 60er und 70er Jahre entrückenden Musik über die buchstäblich verrückte Bühne bis hin natürlich zu den stets ins rechte Licht gerückten Schauspielern, die agieren, als wären ihnen die delirierend-irritierenden Rollen auf den leidenden Leib geschrieben. Ein Pandämonium von Gesamtkunstwerk, das, „geprägt von lebendigem Leiden und echtem Talent“, die Sinne des Zuschauers auf dieser halluzinierten Bahnfahrt von der russischen Metropole in die Provinzstadt der Region Wladimir in rauschartiges Klingen und Schwingen versetzt. Wer die Abfahrt versäumt, klage später nicht über Katzenjammer. Also: letzte Chance, letzter Aufruf unter: https://is.gd/ebfquK

Was es so mit diesem bis heute außergewöhnlichen Stück russischer Literatur auf sich hat, kann man erahnen, wenn man im Roman „Das grüne Zelt“ von Ludmila Ulitzkaja, erschienen in der deutscher Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt 2012 im Carl Hanser Verlag, auf folgende Stelle stößt:

Das Leben verschlug Pierre in den folgenden Jahren in die entgegengesetzte geographische Richtung. Er wurde Slawist und erhielt einen Ruf an die kalifornische Universität. Der Kontakt zu den Moskauer Freunden riß nicht ab, wurde aber immer spärlicher. Dennoch erhielt Pierre 1970 ein merkwürdiges Buch, kaum, daß es im Samisdat erschienen war, aus Rußland – das Poem „Die Reise nach Petuschki“ des vollkommen unbekannten Autors Wenedikt Jerofejew.

Von Meiningen nach Moskau – Petuschki

Dafür hatte Ilja gesorgt. Er hatte auch einen Begleitbrief geschrieben, in dem er Pierre erklärte, dieser Roman sei das Beste, was im nachrevolutionären Rußland entstanden sei. Pierre stimmte seinem Freund zu und machte sich an die Übersetzung. Nach drei Monaten war ihm klar, daß er diese Aufgabe nicht bewältigte. Der Roman war nicht zu stemmen. Je mehr er sich in ihn vertiefte, desto mehr Schichten entdeckte er.

Die Fahrgäste im Zug von Moskau nach Petuschki

Der Autor bediente sich eines Kunstgriffs, indem er auf die Tradition des Sentimentalismus verwies. Es waren Aufzeichnungen eines russischen Reisenden. Doch der Autor ging weit über die traditionellen Reisebeschreibungen Radischtschews und Gribojedows hinaus und schweifte in viele andere Richtungen ab – zu Dostojewskij und Blok ebenso wie zur derben, unbestechlichen Volkssprache. Der Text war voller Zitate – wörtlicher und paraphrasierter – und literarischer Anspielungen. Er vereinte Parodie und Mystifikation und war geprägt von lebendigem Leiden und echtem Talent.

Pierre schrieb einen umfangreichen Artikel über den Roman und schickte ihn an eine wissenschaftliche Zeitschrift, wo er abgelehnt wurde. Niemand kannte den Autor, und den Artikel fanden die Redakteure zu gewagt. Darüber war Pierre schrecklich gekränkt und betrank sich heftig…

Wenedikt Jerofejew verbindet viel mit Wladimir. Er studierte am dortigen Pädagogischen Institut, wurde wegen „Rowdytum“ von der Hochschule relegiert, wohnte einige Zeit in Petuschki, einer Kreisstadt in der Region Wladimir. Nach seinem Rausschmiß kam er nur noch sporadisch in Erlangens Partnerstadt, wo ihn Walentina Filippowskaja kennenlernte. Die mittlerweile pensionierte Dozentin für Russisch und russische Literatur lebt heute in Rom und erinnert sich exklusiv für den Blog an Ihre Begegnungen mit dem Dichter:

Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre führte mich das Schicksal mit alles andere als farblosen, mit außergewöhnlichen Menschen zusammen: Boris Sorokin, Wlad Zedrinskij, Olga Sedakowa, Wadim Tichonow, alles Figuren aus „Moskau – Petschuki“. Boris und Wlad lebten damals in Wladimir und hoben sich in Denkweise, Bildung und kulturellem Niveau deutlich vor dem Hintergrund des provinziellen Wladimirs ab. Ihre Autorität, ihr Lehrer und Guru war Wenedikt Jerofejew, Wenjetschka, wie sie ihn nannten.

Walentina Filippowskaja

Am Karsamstag des Jahres 1973 brachte Boris Sorokin diesen Wenjetschka mit zu uns nach Hause, um mich mit ihm bekannt zu machen oder mich ihm zu zeigen, denn gleich nach der Begrüßung erklärte Wenjetscha: „Sie ist bestimmt keine Schönheit, und wenn sie doch schön sein sollte, ähnelt sie einer Madonna von Cranach.“ Und so benahm auch ich mich ihm gegenüber durchaus ironisch und provokant.

Ostern verbrachten wir in jenem Jahr bei Tatjana und Slawa Sidorow. Einigermaßen seltsam für mich, da sie beide im System des Innenministeriums arbeiteten. Bei Tisch führten wir viele interessante Gespräche, wobei mir noch ein Streit über die Natur des Kreativen erinnerlich ist. Boris Sorokin hielt dafür, Schöpferisches sei eine Sünde, denn nur Gott habe das Recht dazu, während Wenjetschka um kein Argument verlegen war, dem mit der Meinung zu widersprechen, der Mensch besitze als Krone der göttlichen Schöpfung das Recht, kreativ tätig zu sein. Später kam Olga Sedakowa mit ihrem Mann Alexander dazu (heute ist sie eine Dichterin von Weltruf, Literaturwissenschaftlerin und Religionsphilosophin), setzte sich ans Klavier, spielte Chopin, und ich verließ die Runde, um ihr zuzuhören. Dann spülte ich als einzig nüchterner Mensch ab und schüttete die übrigen Wodkaflaschen aus, damit weniger getrunken werde. Dabei ertappte mich Boris Sorokin und führte sich auf, als hätte ich jemanden umgebracht. Sie hatten eben alle getrunken.

Wenedikt Jerofejew

Das zweite Mal traf ich Wenjetschka, als ihn das Ehepaar Ulitin mit zu uns brachten. Er verhielt sich still, abwesend, beschäftigt mit einem schweren Kater. Was ihn damals nach Wladimir geführt hatte, weiß ich nicht. Einige Zeit später kam Wlad Zidrinskij mit einem im Samisdat erschienenen Band von Mandelstam und einem braunen Heft vorbei, in dem auf jeder Zeile mit zierlicher Handschrift ein Text stand. Es handelte sich um das Manuskript „Moskau – Petuschki“. Wlad bat mich, diesen Band und das Manuskript von Wenjetschka aufzubewahren. So kam es, daß „Moskau – Petuschki“ bei mir zu Hause aufbewahrt wurde. Später gab ich Buch und Heft wieder Wlad und Boris Sorokin zurück.

Das nächste Mal traf ich mit Wenjetschka auch wieder wegen „Moskau – Petuschki“ zusammen. Ich war zur Einweihungsfeier der neuen Wohnung von Wadim Tichonow, einem von Wenjetschkas Lieblingen, eingeladen. Zusammen mit seiner Frau war er aus einer „Komunalka“, einer Gemeinschaftswohnung, in eine separate Wohnung in der Pjatnizkajastraße im Moskauer Stadtteil Tschertanowo gezogen. In der Wohnung gab es noch rein gar keine Möbel, und der einzige Ort, wo man sich nicht auf den Boden setzen mußte, war die Küche. Dort ließen wir uns denn auch bis zum Eintreffen aller Gäste nieder: Wenjetschka, Boris, Wlad und Radsichowskij, der wenige Tage später nach Israel abreiste. Er war gekommen, um von Wenjetschka die Erlaubnis zu erhalten, „Moskau – Petuschki“ im Ausland zu publizieren. Wenjetschka lehnte weder ab, noch stimmte er zu, er überlegte hin und her, doch Boris rief dazwischen, er dürfe sich keinesfalls einverstanden erklären, da man ihn sonst hier einsperren würde. Doch der Roman erschien dann dennoch im Ausland und wurde in viele Sprachen der Welt übersetzt. Anderntags hauten bei der Einweihungsfeier der Datscha in Ilinka, die Natalia und Andrej Archipow angemietet hatten, Wenjetschka und Boris die Hausherrin um Geld für Wodka an, was sie natürlich verweigerte. Stattdessen ging sie mit dem ihr eigenen Humor Wenjetschka mit der Bitte an: „Komm, schreib doch einen Roman über mich!“ Worauf er zurückgab: „Nein, Nataschka, für einen Roman reicht es bei dir nicht, nur für eine Erzählung.“

Auf eben dieser Datscha feierten wir den Jahreswechsel 1973/1974. Es waren die unterschiedlichsten Leute da, Musiker vom Orchester des Bolschoj, studentische Apostaten und Walentina, Wenjetschkas Frau, die aus Petuschki gekommen war. Dieses Mal saß ich mit Wenjetschka etwas abseits und konnte viel und auf interessante Weise mit ihm sprechen. Worüber? Das weiß ich heute nicht mehr, aber er lud mich ein, am 7. Januar mit seinen Freunden Weihnachten zu feiern, wobei er versprach, es werde keinen „Rattenschwanz“ geben, nur seine Freund Murawjow, Awerenzew und noch jemand seien mit von der Partie. Dann stand Wenjetschka auf und verkündete mit lauter Stimme der ganzen Gesellschaft: „Von euch allen hat mir Walentina am besten gefallen.“ Das vergaß ich mein ganzes Leben nicht, Weihnachten aber feierte ich dann doch nicht mit Wenjetschka. Am 2. Januar begannen an der Universität Iwanowo meine Prüfungen, und das war mir damals wichtiger…

Schwer zu sagen, was einen hindern sollte, am 23. Juni in Meiningen den Zug von Moskau nach Petuschki zu besteigen, was wichtiger sein könnte, als Wenjetschka die Ehre zu geben und sich selbst sich um diesen Kunstgenuß zu bringen.

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Die Freude an der gestrigen Museumsnacht verdüsterte ein Streit, der in der russischen Partnerstadt derzeit auf offener Bühne ausgetragen wird. Es geht um den gesetzlich verbürgten und nun von der Erzdiözese eingeforderten Anspruch auf Rückübereignung von Gotteshäusern, die sich bisher noch in staatlichem Besitz befinden und für weltliche Zwecke genutzt werden. In der Region Wladimir sind davon acht Objekte betroffen, die bisher dem Landesmuseum für Ausstellungen zur Verfügung standen, darunter auch das Goldene Tor, das Wahrzeichen der einstigen Hauptstadt der Rus mit seiner kleinen Turmkapelle, in dem heute das Panorama des Mongolensturms und eine Waffensammlung zu sehen sind.

Ausschnitt aus dem Panorama im Goldenen Tor

Die Aufregung ist verständlicherweise groß: Das Museum fürchtet um zentrale Einrichtungen und Flächen, die man in jahrzehntelanger Arbeit renoviert, gestaltet und mit berechtigtem Stolz präsentiert hatte. Wohin mit all den Exponaten, wo die vielen Ausstellungen unterbringen? Man wird am Ende wohl Kompromisse für eine Doppelnutzung finden müssen, wie er sich bereits für das Goldene Tor abzeichnet, wo die Kirche tatsächlich nur die Kapelle für sich beansprucht, keineswegs das ganze Gebäude, das zum UNESCO-Kulturerbe zählt. Kompromisse, wie man sie andernorts auf der Welt längst kennt, wenn etwa ein Dom für die Touristen während eines Gottesdienstes geschlossen bleibt, ansonsten aber durchaus als Monument der Geschichte zur Besichtigung offensteht. Ein Vierteljahrhundert nach den sieben Jahrzehnten der staatlich verordneten Gottlosigkeit holt die russische Gesellschaft das Erbe des Atheismus ein. Die Vergangenheitsbewältigung hat gerade erst begonnen, und die Unterscheidung der Geister ist fürwahr desto schwieriger, je näher man ihr kommt.

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