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Archive for the ‘Kultur’ Category


Wer am Donnerstag Abandoned Land auf der Kellerbühne des E-Werks erlebt hatte, war vorgewarnt: Aus Wladimir kam zum neunten Mal in Folge eine Band, die zu hören und zu sehen ein Erlebnis ist. Aber auch unvorbereitet begriff das Publikum im vollen Clubsaal gestern zum Abschluß des 41. Newcomer Festivals vom ersten Song an: Die Russen spielen Metal so, als hätten sie diese harte Gangart der Rockmusik erfunden.

Und so brauchte denn Jewgenij Golowin zu Beginn des Auftritts seine Frage „Erlangen, can you hear me?“ nicht zu wiederholen. Dem Frontmann der Band aus der Partnerstadt schallte dröhnende Zustimmung entgegen. Und, das sei vorweggenommen, am viel zu frühen Ende forderte – und bekam – der tobende Saal „one more song!“.

Andrej Trubin, Jewgenij Golowin, Andreas Küchle und Anton Goldow

Der Besuch war freilich auch gut vorbereitet. Die Erlanger Band Repellent hatte sich nicht nur während ihrer Wladimir-Tournee im Oktober mit Abandoned Land angefreundet, man war auch übereingekommen, sich musikalisch auszuhelfen. Nachdem nämlich klar war, daß der Schlagzeuger Pjotr Ragusin nicht mit nach Deutschland würde reisen können, heuerte man Andreas Küchle an, der nur zwei Wochen Zeit bekam, die Stücke alleine zu proben.

Andrej Trubin war aber dann schon vor dem Auftritt voll des Lobs: „Unser Freund hat die Songs so gut drauf wie unsere eigener Mann, so gut, daß wir nur eine einzige Probe brauchten, bei der jeder Taktschlag stimmte.“ Wie das stimmte, war dann auch beim Konzert zu hören: Als gehörte Andreas Küchle tatsächlich zur Stammbesetzung des Quartetts.

Andreas Küchle

Und dann, ganz gegen Ende des Konzerts, nahm auch noch Jonas Hack die Stöcke in die Hand, der ganz spontan schon am Donnerstag die Lücke am Schlagzeug bravourös gefüllt hatte. So klingt Partnerschaft, das ist der Sound, aus dem die musikalische Freundschaft zwischen Erlangen und Wladimir gemacht ist.

Andrej Trubin und Anton Goldow

Überhaupt, liest man all die Berichte aus neun Jahren Austausch im Rahmen des Newcomer Festivals, gibt es keinen Zweifel: Diese Begegnungen gehören zum Wertvollsten der Städtepartnerschaft, bringen vor allem junge Menschen zusammen, die sich ansonsten nie getroffen hätten und die nun oft nicht nur musikalische Freundschaften fürs Leben schließen oder zumindest Erfahrungen machen können, die ihr Leben reicher machen.

Sänger und Gitarrist Jewgenij SLAYER Golowin nach dem Konzert

Als denn auch Stephan Beck, Leiter des Amtes für Soziokultur und von Beginn an guter Geist dieses Austausches, in Vertretung der erkrankten Bürgermeisterin, Susanne Lender-Cassens, verkündet, wer den begehrten Publikumspreis gewonnen hat – die Progressive Metalcore-Band Impvlse -, gratuliert Repellent: „Ihr werdet es nicht bereuen, nach Wladimir fahren zu können!“

Abandoned Land 21

Stephan Beck und Moderator Claudio Großner

Fahren zu können, das bleibe hier nicht unerwähnt, verdanken die Siegerbands dem Amt für Soziokultur, das diesen Austausch großzügig unterstützt, nicht nur finanziell, sondern mit großem Aufwand auch organisatorisch – mit Herzblut.

Stephan Beck, Abandoned Land und Impvlse

Aber auch die russische Seite genießt diesen Austausch. Gitarrist Andrej Trubin war schon bei der allerersten Band, No Trouble, 2009, in Erlangen und freut sich nun wie ein kleiner Junge, seine „deutsche Heimat“ wiederzusehen mit all dem Bekannten und Neuen.

Abandoned Land mit Andreas Küchle in der Mitte

Damals hatte der Leadgitarrist von den deutschen Freunden eine Platte geschenkt bekommen – „Back in the USSR“ -, noch in der UdSSR erschienen, die er jetzt zurückbringt. Eine lange Reise hin und zurück für die LP und hoffentlich ein gutes Omen für das weitere Hin und Her der Rockgruppen aus Erlangen und Wladimir.

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Und, weil’s so schön war, hier gleich der zweite und letzte Teil des Tourberichts von Repellent:

Samstag. Das erste Mal sehen wir Wladimir im Tageslicht, und Andrej nutzt die Gelegenheit, uns nochmal eine ausführliche Führung zu geben. Dabei kaufen wir noch Mitbringsel für die Daheimgebliebenen ein: traditionellen russischen Tee, Kühlschrankmagneten und den üblichen Tand. Auch ein kurzer Abstecher zum lokalen Music Store gehört zum Pflichtprogramm, die Pleks hatten wir in Murom allesamt verschenkt, und es brauchte Nachschub. Am Abend findet dann in Wladimir unser zweites Konzert im Z-Club statt. Wieder ein relativ großer Saal, wieder finden sich leider nur sehr wenige Gäste ein. Andrej meint nur: „Rock is dead in Vladimir“. Irgendwie kommt uns das sehr bekannt vor, in der Region Nürnberg sind die Rockkonzerte auch nicht zwingend gut besucht. Auch das Publikum ist diesmal nicht ganz so motiviert wie am Tag zuvor, rhythmisches Kopfnicken und Hin- und Hertänzeln prägen das Konzert. „Yesterday they wanted to drink, today they wanted to listen“, sagen uns Abandoned Land. Ob das daher rührt, daß Murom ja eher eine rurale Gegend und Wladimir eine Großstadt ist, wissen wir nicht. Wir vermuten es aber zumindest.

Repellent mit Andrej Trubin

Die Konzerte waren trotz kleinem Publikum ein voller Erfolg und eine saugeile Erfahrung für uns – darauf anstoßen wollen wir auf jeden Fall! Mit der gesamten Mannschaft von Repellent und Abandoned Land samt Freundinnen geht’s in die nächste Kneipe. Bei Bier und Wodka resümieren wir über die Konzerte, über Musik im Allgemeinen und tauschen Bandgeschichten aus. Als wir das erste Mal zum Rauchen vor die Tür gehen, ist Wladimir bereits komplett weiß. Wir erleben den ersten Schnee in diesem Jahr und fühlen uns, als wäre Weihnachten. Leider – oder zum Glück, je nachdem wie sehr man Schnee mag – ist es in hier ähnlich warm wie zu Hause, und am nächsten Morgen ist alles geschmolzen.

Andrej Trubin und Repellent

Ordentlich angeheitert, fahren wir zurück zum Hostel. Wir beschließen, noch nicht ins Bett zu wollen und ziehen auf eigene Faust durch den Schnee, bis wir einen Kiosk finden, eine Art russischen Späti. Dort treffen wir ein paar sehr angeheiterte, aber auch sehr nette Russen und trinken zusammen. Uns wird beigebracht, man sage eigentlich nicht „Na sdorowje“ sondern „Sa sdorowje“. Na gut, dann eben sa sdorowje. Spät in der Nacht geht es dann zurück zum Hostel.

Repellent

Am Sonntag haben wir keinen Zeitdruck, kein Konzert steht an, und wir fahren in die kleine historische Stadt Susdal, die etwa 30 km nördlich von Wladimir liegt. Hier kommen auf ca. 10.000 Einwohner gut 300 Kirchen, genug zu sehen gibt es also allemal. Es wäre ziemlich zweckfrei, alle Kirchen detailliert zu beschreiben – wir sagen einfach mal: Es ist eine wunderschöne Stadt. Nachdem sich unser Sänger grazil beim Hangerklimmen in den russischen Matsch geflackt hat, fahren wir kurz zurück zum Hostel, um uns umzuziehen. Denn wir sind bei den Eltern von Anton, Baßist und Sänger von Abandoned Land, zum Essen eingeladen. In einem Vorort von Wladimir, etwas außerhalb, öffnet sich uns die Tür zu ihrem wirklich wunderschönen Zuhause. Beim Essen bemerken wir, wie die Uhren der Gleichberechtigung hier noch etwas anders ticken als in Deutschland. Es gibt einen Männertisch und einen Frauentisch; und während die Herren sich an Bier und hausgemachtem Meerrettichschnaps von Antons Vater verlustieren, tischen die Damen auf, kochen und räumen Geschirr ab. Etwas unwohl ist uns dabei schon; aber eine Diskussion über Gleichberechtigung wollen wir auch nicht vom Zaun brechen, man will ja höflich sein. Es gibt neben zahlreichen Vorspeisen traditionell Borschtsch, Hacksteaks und Schaschlik. Manchmal fragt man sich schon, wie ein Vegetarier hier überleben kann – aber Andrej meint, es funktioniert. Wir reden lang und über vieles. Antons Eltern fragen uns, wie es in Deutschland mit den vielen Flüchtlingen funktioniere. Offenbar können sie sich so eine Massenwanderung gar nicht vorstellen; und ganz nebenbei bemerkt haben wir hier tatsächlich kaum ethnische Minderheiten oder andere Hautfarben gesehen. Sie erzählen uns auch von ihrem Urlaub in Erlangen und wie erstaunt sie waren, dort alles so sauber vorzufinden. Mit vollem Magen und ein wenig wehmütig kehren wir spät abends zum Hostel zurück. Wir verabschieden uns von allen, am nächsten Morgen geht es bereits zurück nach Deutschland. Wir haben unsere Gastgeber wirklich liebgewonnen, und der Abschied fällt uns schwer; ein Wiedersehen gibt es ja aber bereits in zwei Wochen in Erlangen. Am Montagmorgen begleitet uns Jewgenij wieder im Bus zurück nach Moskau. Er beantragt dort Visa für die Band. In Wladimir kenne sich damit wohl keiner aus, meint er. Wir verabschieden uns am Flughafen und treten schweren Herzens die Heimreise an.

Repellent

Unsere Reise ist für uns alle eine Erfahrung, die wir unter keinen Umständen missen möchten. Wir wurden unglaublich herzlich empfangen und haben uns wirklich wie zu Hause gefühlt. Wir konnten schöne Städte sehen, mehr Kirchen als wir zählen konnten und einfach wunderbare Menschen kennenlernen, mit denen wir hoffentlich noch lang in Kontakt bleiben werden. Ein besonderer Dank geht an Abandoned Land. Während wir uns über eine großzügige Förderung seitens des Amtes für Soziokultur der Stadt Erlangen freuen durften, hatten die Jungs von der Band all die Führungen, die Organisation und das Programm ganz allein zu stemmen. Sie zahlten für unsere Verpflegung und opferten volle vier Tage ihrer Zeit, um unseren Besuch so angenehm wie möglich zu gestalten. Ganz nebenbei haben wir neue, sehr gute Freunde gewonnen. Wir werden unser Bestes geben, uns in Erlangen zu revanchieren. Tausend Dank! Wir kommen gerne wieder!

Repellent

Hinweis: Am Donnerstag, den 15. November, spielt Abandoned Land in der Reihe „Umsonst und drinnen“ um 20.30 Uhr auf der Kellerbühne im E-Werk – und dann noch einmal am Samstag, den 17. November, zum Finale des Newcomer Festivals, um 22.30 Uhr auf der Club-Bühne.

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Dies ist die Geschichte der Band Repellent, die eigentlich nie erwartet hätte, in ihrem Leben mal russische Luft schnuppern zu können. Im Grunde haben wir uns beim Erlanger Newcomer Festival beworben, um halt auch einmal im E-Werk spielen zu können. Als im Finale 2017 dann der 1. Jurypreis UND der Publikumspreis winkten, waren wir erstmal ziemlich baff; aber nun gut, man will sich ja nicht beschweren.

Jedenfalls folgten dann eine Menge organisatorisches Hick-Hack, Gespräche mit der Stadt Erlangen und Gespräche mit der russischen Vertretung – Pässe beantragen, Visa klarmachen, eine Auslandskrankenversicherung abschließen, die uns oder unsere sterblichen Überreste auch im Fall des Todes durch zu viel Wodka zurück nach Deutschland bringen würde. Am 25. Oktober konnten wir uns dann endlich in Richtung Wladimir aufmachen. Unser Ansprechpartner in Deutschland, Peter Steger, hatte uns empfohlen, ein paar Worte Russisch zu lernen. Und schnell sollten wir auch feststellen, welch ein wirklich weiser Mann er ist. Bereits am Moskauer Flughafen kommen wir mit unserem Schulenglisch nicht wirklich weiter. Allgemein sprechen lang nicht alle Russen Englisch. Die jungen Leute tendenziell etwas mehr, aber Sprachbarrieren gibt es zu Hauf. Die Grenzkontrolle besteht größtenteils aus betretenem Schweigen, den musternden Blicken der russischen Beamten und den Schweißperlen auf unserer Stirn, ob denn nun auch alles wirklich klappen würde. Am Ende kommen wir glücklicherweise alle mehr oder weniger unproblematisch durch die Schleuse, und am Ausgang wartet bereits der Gitarrist von unseren neuen Freunden, Abandoned Land, der Band, mit der wir die nächsten Tage zwei Konzerte spielen sollen. Jewgenij heißt er, und ohne lange Umschweife führt er uns zum Kleinbus, der uns weiter nach Wladimir bringen soll.

Repellent am Flughafen Domodjedowo

Die Stimmung im Bus ist erstmal ziemlich gedrückt – wir sind müde vom Flug. Außerdem wissen wir nicht wirklich, was wir mit unserem neuen Freund anfangen sollen, und umgekehrt ist es genauso, so zumindest der Eindruck. Glücklicherweise stoppen wir an einem Supermarkt und unser Begleiter der übrigens sehr gutes Englisch spricht, fragt uns, ob wir noch irgendetwas bräuchten. Aus unseren trockenen Kehlen ertönt ein beherztes „Piwa!“, das wichtigste Vokabular hatten wir uns ja angeeignet, und wir wollten natürlich direkt mal damit angeben. Wir sehen unseren Begleiter das erste Mal breit grinsen; er meint nur: „Maybe some Vodka?“ und führt uns zu den ethanolhaltigen Erfrischungsgetränken. Gewappnet mit Wurst, Käse, Bier und Wodka treten wir die letzten drei Stunden nach Wladimir an. Und langsam wird es auch geselliger, Essen und Trinken umgehen letztendlich doch alle Verständigungsprobleme. Wir stoßen an, Jewgenij will später noch fahren – auf russischen Straßen, entgegen dem Klischee, übrigens bei 0,0 Promille – aber einer geht schon. Wir tauschen Geschichten aus, zeigen uns Musikvideos, reden über dies und das. Wir durchlöchern Jewgenij mit all unseren Fragen, die uns noch so im Kopf herumschwirren, und langsam aber sicher fühlen wir uns wie zu Hause. Die Fahrt von Moskau nach Wladimir dauert gute fünf Stunden, obwohl die Strecke nur etwa 200 Kilometer lang ist. Das Straßennetz hier ist eben anders: Autobahnen gibt es nicht. Stattdessen ziehen sich sieben Hauptverkehrsstraßen durchs Land – man könnte sie mit den Bundesstraßen in Deutschland vergleichen; mal einspurig, mal zweispurig, seltenst dreispurig. Und auch wenn wir uns noch im Speckgürtel um Moskau befinden, fällt auf, da wie weitaus weniger dicht besiedelt es hier als in Deutschland ist. Zwischen den großen Städten gibt es eigentlich nur Wald, gelegentlich tauchen kleine Siedlungen aus urtümlichen Holzhütten mit traditionell verzierten Fassaden entlang der Straße auf.

Repellent und Fürst Wladimir der Täufer

Als wir in unserer Unterkunft, dem „Nice Hostel“ in Wladimir, ankommen, ist es längst dunkel geworden. Wir wohnen recht schlicht in einem 8-Bett-Zimmer, aber die Präsidentensuite hatten wir auch nicht erwartet, schließlich sind wir Musiker. Die ersten zwei Nächte verbringen wir zusammen mit einem Holländer, der in Moskau ein Auslandssemester absolviert und gerade ein wenig durchs Land reist – sympathischer Typ. Nachdem wir uns eingerichtet haben, treffen wir im Hostel auch Andrej, ebenfalls Gitarrist bei Abandoned Land. Zusammen spazieren wir ins Stadtzentrum zum Abendessen im Pub Garage, die kurze Bewegung ist uns nach zwölf Stunden im Flugzeug bzw. im Bus sehr willkommen. Uns wird ein Drei-Gänge-Menü kredenzt – Pilzsuppe, ein „Salat“, der eigentlich überwiegend aus Mayonnaise und Fleisch besteht, und der Hauptgang. Dazu gibt es schwarzen Tee, den die Russen anscheinend ununterbrochen trinken. Kein Bier, kein Wodka, unsere Klischees werden mal wieder nicht erfüllt. Aber so richtig in Trinklaune sind wir eh nicht, wir können nüchtern schon kaum die Augen aufhalten. Nach dem Essen führt uns Andrej noch etwas durch die Stadt, zeigt uns seine Lieblingsorte. Wir merken schnell: Er ist hier bekannt wie ein bunter Hund, quasi „Mr. Wladimir“, ständig trifft er seine Leute und spricht kurz mit ihnen. Wir gehen in den Stadtpark, der sich um eine sehr imposante orthodoxe Kirche erstreckt. Andrej erzählt uns, er mache im Sommer hier gern Straßenmusik mit seinen Freunden oder spanne einfach nur aus. Er spricht nur gebrochen Englisch, aber es reicht, um sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Ständig entschuldigt er sich dafür: „Sorry guys, my English very dumb.“ Das ist uns fast schon unangenehm. Andererseits führt das öfter mal zu lustigen Situationen – immer wenn Andrej ein Photo schießen will, meint er nur: „Stand here guys, I shoot you!“. Irgendwann wird der Spruch zum Running Gag. Englisch hin oder her, jedenfalls ist er ein sehr sympathischer Kerl, und wir haben Spaß. Nach dem nächtlichen Spaziergang geht’s zurück ins Hostel, wir fallen in die Betten und schlafen wie kleine Babys. Morgen geht es schließlich schon um 9 Uhr weiter zum ersten Konzert nach Murom.

Repellent und der Blick ins weite Land

Was gibt es zu Murom zu sagen? Murom ist eine kleine Stadt im Bezirk Wladimir, eine historisch sehr wertvolle Stadt. Wikipedia hilft: Das erste Mal wurde Murom im Jahre 862 erwähnt, war damals Handelsknotenpunkt, und die Stadt blieb im Zweiten Weltkrieg tatsächlich weitestgehend verschont. Bei einem kleinen Spaziergang mit unserem Guide Max können wir also vor allem die vielen alten Kirchen bewundern. Mit viel Elan und ein wenig Google Translator erzählt er uns alles Wissenswerte über seine Heimatstadt. Ein kleiner Abstecher geht auch ins alte Männerkloster, das auch heute noch von Mönchen bevölkert wird. Einen von ihnen treffen wir auch, und er führt uns in den Glockenturm. In diesem Fall – und anscheinend öfter hierzulande – sind es aber keine Glocken, die läuten, sondern schwere, mehr oder weniger starke Metallplatten, die senkrecht an einem Gerüst aufgehängt sind. Mit Hämmern und rudimentären Apparaten, die der Fußmaschine eines Drumsets ähneln, werden sie gespielt. Bevor der Mönch loslegt, meint Max, die Klänge sollen den Teufel austreiben und die Seele reinigen. Wir belächeln das Anfangs ein wenig, so richtig gläubig ist von uns niemand. Als der Mönch aber zu hämmern beginnt, werden wir ein wenig stutzig. Die Frequenzen und die Lautstärke der Platten gehen einem wirklich durch Mark und Bein, auch ein paar Minuten später fühlt es sich noch ein wenig so an, als würden die Platten im Körper weiterschwingen. Der Teufel wurde uns vielleicht nicht ausgetrieben, eine interessante Erfahrung war es aber allemal. Irgendwann im Laufe der Stadtführung kommen wir auf das Thema Handelssanktionen. Max fragt uns, was wir davon halten und wie wir zur Politik zwischen dem Westen und seinem Land stehen. Wir wissen erstmal nicht, was wir sagen sollen. Irgendwie war das Thema für uns immer sehr abstrakt, so weit weg, und eine richtige Meinung haben wir nicht. Max erlöst uns aus der peinlichen Situation und meint nur: „No sanctions, just friendship“. Eine schöne Aussage, die wir eigentlich nur abnicken können. Das politische Klima kommt immer wieder im Gesprächen mit den Russen auf. Wann immer wir jemand neuen treffen, kommt das Thema Sanktionen irgendwann auf. Die Russen sind sehr gastfreundliche und unheimlich nette Leute, ganz ausschalten kann man die angespannte Lage aber nicht.

Repellent in concert

Der Club, in dem wir an diesem Abend als Headliner auftreten, ist wirklich erste Sahne. Stilvoll eingerichtet, eine Bühne, die in unseren Breitengraden ihresgleichen sucht und erstklassiger Sound – wir haben Bock! Während der ersten beiden Bands wird uns langsam klar, wie sehr die Russen auf Cover-Rock stehen. Von blink-182 bis Nirvana werden alle Klassiker ausgepackt, und das Publikum hat sichtlich Freude daran. Fuck, denken wir uns. Wir haben nur unsere eigene Musik dabei; werden wir jetzt ausgebuht? Wird die Crowd nur apathisch rumstehen und uns komisch anschauen? Die Aufregung steigt jedenfalls langsam. Überdies ist der Club nicht wirklich gut gefüllt. Circa 20 Leute haben sich eingefunden, und in einer Location, die für schätzungsweise 150 Leute ausgelegt ist, wirken sie ganz schön verloren. Im Backstage sind die Musikerkollegen am Schnapseln – die Einladung nehmen wir natürlich gerne an, man will ja nicht unhöflich sein. Auch wenn die Kollegen nur Russisch sprechen, stört das nicht – Völkerverständigung durch Wodka.

Repellent in concert

Mit ein paar Schüssen Zielwasser geht’s schließlich auf die Bühne, und alle Befürchtungen verfliegen. Schon nach dem ersten Song schlägt uns schallender Applaus entgegen, der genausogut von 100 Leuten hätte kommen können. Wir spielen gefühlt eines unserer besten Konzerte aller Zeiten – im Publikum wird getanzt, gegrölt, gefeiert. Der Eindruck von der Bühne aus bestätigt sich nach dem Konzert am Merchandise-Tisch. Die Leute kommen auf uns zu, wollen Autogramme, Shirts, und Bilder mit uns. Immer wieder kriegen wir gesagt, wie toll das Konzert war. Auch unsere Freunde von Abandoned Land sind begeistert. Selten fühlt man sich in einer Amateur-Band so „rockstarmäßig“ – wir fahren mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und todmüde nach Wladimir zurück.

Fortsetzung folgt.

 

 

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Und wieder einmal Kurzprosa von Anatolij Gawrilow, diesem Wladimirer Verdichter von Wort und Sinn mit einem Hang zum Skurrilen. Er publiziert diese Memorabilia übrigens oft im Stundentakt auf Facebook, wo sie auftauchen wie Luftblasen aus dunklen Wassertiefen.

Gerade noch dachte ich, ich könnte das Teil aufspießen, und ich spießte es tatsächlich mit der Gabel auf und stieß dann aber das Weinglas um, und der Ober wechselte stillschweigend das Glas und die Tischdecke, und ich dachte, es wäre gut gewesen, wenn er auch mich gewechselt hätte.

Wir hatten einmal Bienen. Damals gab es auch noch Wölfe und Kobras, und an der Hütte schlichen Tiger vorbei. Jetzt ist dort nichts mehr davon da. Vielleicht aber ja doch. Eine Drehung um einen Halbton nach oben, und der Klang ist leer und kalt. Eine Drehung um einen Halbton nach unten, und der Ton ist leer und kalt.

Ihr erster Mann soff sich zu Tode, ihr zweiter trinkt nicht, ist aber ein Idiot, der dritte machte sich mit ihrem Goldschmuck aus dem Staub.

Regen, Schönberg, ein Café, betrunkene Versehrte, ein verrückter Serbe, ein Barkeeper mit dem Gesicht eines Verbrechers und sie, talentiert, trinkt sich zu Tode mit einem Gesicht wie ein über etwas erstaunter Affe, und du mit dem Gesicht eines Toten.

Im Ergebnis guter Konditionen stabilisiert sich der Organismus, alles wie zum ersten Mal, ein ekstatisches Frohlocken, eine Abweichung von Moll zu Dur, modulierende Freiheit. Der Damm ist gebrochen, und die Fäkalien ergossen sich in das ausgetrocknete Flußbett.

Keck nehmen wir das All in Augenschein, das All nimmt uns überhaupt nicht in Augenschein, das All hat, im Unterschied zu uns, vielleicht Fragen an sich selbst, aber das ist bisher noch zu hoch für uns.

Du bist ja richtig fein angezogen, wie ein Leichnam.

Der Kopf ähnelt einem leeren Glas. Gestern hatten wir Sturm. Ich bin jung, gebildet. In fremden Häfen brauche ich keine Dolmetscher. Der vorige Kapitän brachte das Schiff in einen kritischen Zustand. Saufen, Rauschgift, Liebedienerei, Verleumdungen, sexuelle Ausschweifungen feierten fröhliche Urstände. Ich hätte sie alle zerstören können, aber jemand meinte, das bringe nichts, und so trank ich einen und schlief ein.

Wo ist der Ausgang? Es ist Morgen geworden. Die Frage ist geblieben.

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Im Februar 1992 wurde das „Zentrum für Chormusik der Wladimir-Susdaler Rus“ in der Partnerstadt gegründet. Doch schon 1974 hatte Eduard Markin als Leitstern dieser Einrichtung den Kammerchor ins Leben gerufen, den heute Tatjana Grin leitet. Als musikalischer Botschafter der damals noch ganz jungen Städtepartnerschaft kam das Ensemble erstmals 1985 nach Erlangen und begeisterte das Publikum mit seiner so disziplinierten Stimmgewalt. Es folgten viele weitere Gastspiele in Franken und bald schon weit darüber hinaus.

Kaum ein großes Festival für Chormusik, das nicht eine Bühne für die Gruppe aus Wladimir geboten, und kaum eine Auszeichnung, die sich das Ensemble nicht ersungen hätte. Sogar bei Staatsbesuchen des Präsidenten wirkten die Künstler mit, und kaum ein Gast der Stadt, der nicht auch einen Auftritt des gemischten Chors besuchte. Nun kommt er nach längerer Pause – und unter neuer Leitung – zum Adventsauftakt und zum Ausklang des 35jährigen Partnerschaftsjubiläums wieder nach Erlangen. Und das gleich mit vier Konzerten: am Donnerstag, den 29. November, mit einem Programm aus hauptsächlich russischer geistlicher Musik mit einem Zwischenspiel an der Orgel mit Norbert Kreiner und am Samstag, den 1. Dezember, sowie am Sonntag, den 2. Dezember, dann mit der Cäcilienmesse von Charles Gounod – im Zusammenwirken mit dem Kirchenchor und Kammerorchester Herz Jesu sowie dem Chorkreis St. Sebald.

Gastgeber des Ensembles aus Wladimir ist der Chorkreis St. Sebald, der bereits auf eine dreißigjährige künstlerische Verbindung zur Partnerstadt zurückblickt und 2005 selbst ein Gastspiel bei den russischen Freunden gab.

Wer keine Zeit findet, eines dieser drei Konzerte zu besuchen, erhält am Montag, den 3. Dezember, um 19.00 Uhr eine vierte, dann aber auch letzte Chance mit dem Auftritt des Kammerchors im Wohnstift Rathsberg, hier wieder mit einem eigenen Programm mit geistlichen und weltlichen Werken aus der russischen und westeuropäischen Klassik.

Der Chor nach einer Probe mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens im September 2017 in Wladimir

Der bevorstehende Besuch dürfte übrigens nicht nur alle Musikbegeisterten freuen, er beweist auch wieder einmal, wie eng die Partnerstädte im kulturellen Bereich zusammenarbeiten, wie sehr man sich in künstlerischen Dingen vertraut. Die Cäcilienmesse proben die Erlanger und Wladimirer – entfernungsbedingt – nämlich getrennt ein, und nach nur einer gemeinsamen Probe muß der Ton stimmen. Wie das klingen und schwingen wird, bekommen wir ja nun bald zu hören.

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Es sei nicht die Aufgabe der Kunst, die Natur zu kopieren, sondern sie auszudrücken, formulierte einmal Honoré de Balzac ein Bonmot, das wie auf das Schaffen von Georgij Parfjonow gezielt scheint. Der russisch-orthodoxe Priester versteht es nämlich meisterhaft, was er sieht formvollendet zu gestalten und eine Stimmung zu schaffen, die er seinen Sujets – man weiß nicht recht – einhaucht oder abschaut.

Georgij Parfjonow

Künstlerisch zu Hause ist der Geistliche aus Wladimir in der Pastellmalerei, die in der Partnerstadt ein wenig im Schatten des Öls und der Graphik steht. Wie feingliedrig und ansprechend seine Arbeiten sind, braucht angesichts der wenigen Beispiele aus einer Herbstserie nicht weiter betont werden.

Geprüft werden soll nun, ob nicht im nächsten Jahr eine Ausstellung des Mitglieds des Künstlerverbands von Rußland in Erlangen möglich wäre. Vielleicht sogar mit einer von Georgij Parfjonow geleiteten Meisterklasse. Denkbar erscheint da viel.

Doch vorerst genüge hier die Betrachtung und der Hinweis auf eines der schönsten Gedichte von Alexander Puschkin, in dem er den Herbst als trostlos-trübsinnige Zeit beschreibt, um ihn im gleichen Atemzug für seine „Bezauberung der Augen“ zu preisen.

Wer mehr von den Arbeiten des malenden Priesters sehen möchte, klicke hier: http://www.facebook.com/ierejgeorgij.parfenov

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Seit Anfang September war das Schaufenster der Literarischen Buchhandlung Ilse Wierny im Rahmen des 35jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir mit Werken aus den wichtigsten Epochen der russischen Belletristik dekoriert. Gestern bot sich nun zum letzten Mal dieser Blick in diese reiche Literaturgeschichte mit all den bekannten und noch zu entdeckenden Namen. Grund genug für Oberbürgermeister Florian Janik, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Ilse Wierny und Florian Janik

Aber, wie das bei zumindest guter Literatur so ist, der Eindruck kann – und soll manchmal sogar – täuschen. Dafür nur das Beispiel von Daniil Charms, einem harmlos erscheinenden Pseudonym, hinter dem sich das schlimme Schicksal eines Autors verbirgt, der mit gerade einmal 37 Jahren 1942 in einer Gefängniszelle starb, weil der experimentelle Autor partout nicht so schreiben wollte, wie die Parteivorgabe das forderte. Dafür bleibt er unsterblich mit seinen Werken, die er als Kinderbücher ausgab, um die Zensur zu umgehen. Und so entstanden unsterblich absurd-komische Texte wie „Der Hund Bububu“, die so rätselhaft beginnen:

Florian Janik, Fjodor Dostojewskij und Ilse Wierny

Es war einmal ein sehr kluger Hund, der hieß Bububu. Er war dermaßen klug, daß er sogar zeichnen konnte. Einmal hat er ein Bild gezeichnet. Nur daß keiner erkennen konnte, was er auf dem Bild gezeichnet hatte…

Wer dann alles mit welchem Ergebnis dieses Werk eines Hundes interpretierte, sollten Sie sich selbst erlesen. Denn das Schaufenster ist zwar ab heute umdekoriert, doch ein Blick in die russische Literatur lohnt natürlich auch weiterhin.

Siehe auch hier: https://is.gd/9DONLd

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