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Archive for the ‘Kriminalität’ Category

Die Übeltäter


Es begab sich anno 1885, daß ein fünfundzwanzigjähriger Arzt mit literarischen Ambitionen, tätig in einem Krankenhaus im Umland von Moskau, eine Erzählung veröffentlichte, in der ein Bauer von den Eisenbahnschienen Muttern abschraubte, um sie als Senkblei für das Angeln von Quappen zu verwenden. Geschildert wird dies alles im Dialog zwischen dem Übeltäter und dem Strafverfolger, dem es einfach nicht gelingen will, den Geständigen von der Unrechtmäßigkeit seines Handelns zu überzeugen. Warum sollte es verboten sein, sich solch einfache Hilfsmittel zu beschaffen, wenn doch gleichzeitig viel schwerer wiegende Straftaten wie die Annahme von Schmiergeld ungesühnt bleibe. Als dann klar ist, daß am Ende des Verhörs das Gefängnis wartet, erinnert sich der Antiheld auch noch seiner beiden anderen Brüder, die genau das gleiche Gewerbe betreiben, dafür aber – welch ein Unrecht! – nicht belangt werden. Die Geschichte hatte unter dem Titel „Der Übeltäter“ Erfolg bei den Lesern. Der junge Arzt hieß Anton Tschechow.

Die Jahre vergingen, erst einhundert, dann mehr als einhundertdreißig. Bis zum Sommer 2019, als in der Nähe von Murom im Gouvernement Wladimir drei dort einheimische Männer festgenommen wurden, weil sie ungefähr 200 Metallbolzen, Muttern und Scheiben mit einem Gesamtgewicht von mehr als einer halben Tonne vom Gleiskörper abgeschraubt hatten, um Geld daraus zu machen.

Ob sich das Trio auf ein literarisches Vorbild bezog, ist nicht überliefert, aber der Beleg dafür, daß Literatur über den Moment hinauswirkt, dürfte damit erbracht sein. Quod erat demonstrandum: vita brevis, ars longa.

P.S.: Zumindest in Deutschland wäre in unseren Tagen selbst der Versuch, Quappen, auch Ruppe oder Trüsche genannt, untersagt. In den Gewässern hierzulande gehört der Fisch nämlich zu den bedrohten Arten. Der Hinweis des Ertappten auf andere Schwarzangler und Wilderer dürfte da kaum verfangen.

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Dieser Fall hat das Zeug, in die Kriminalliteratur Eingang zu finden: Katzen als Mordmotiv. Die Belletristik ist reich an Beispielen für die unberechenbaren Schmusetiere wie Kater Murr von E.T.A. Hoffmann, der riesenhafte Begemoth von Michail Bulgakow oder der Schwarze Kater von Edgar Allan Poe, um nur drei der bekanntesten felinen Figuren zu nennen. Nun aber gleich zu dem ungeheuerlichen Kasus, der sich im Landkreis Alexandrow der Region Wladimir am 11. Juni auf tragische Weise zutrug.
Die Polizei wurde auf das Gelände eines Heimgartenvereins gerufen, wo sie eine 65jährige Frau mit tödlichen Hieb- und Schußwunden auffand. Als dringend der Tat verdächtig wurde der 37jährige, aus Moskau stammende Vorsitzende der Datschengemeinschaft festgenommen, der freilich zunächst alles abstritt. Doch die Indizien überführten den Mann so überzeugend, daß er bald gestand und auch das Motiv angab, von dem sich die Sprecherin der Staatsanwaltschaft „gelinge gesagt geschockt“ zeigte: Der Tatverdächtige sei nach der Scheidung zunächst auf seine Datscha gezogen – mit einer Katze, die bald darauf verschwand und später in erbärmlichem Zustand in der Nähe seines Gartengrundstücks aufgefunden wurde. Darauf habe er sich ein neues Kätzchen zugelegt, das ebenfalls verschwunden sei, und auch das mittlerweile dritte Tier sei seit dem 10. Juni abgängig. Schuld daran waren nach Auffassung des mutmaßlichen Mörders die Nachbarn. Er habe deshalb nach Verschwinden des dritten Kätzchens zur Luftdruckpistole gegriffen und, gut versteckt, gewartet, wer als erster aus der Nachbardatscha treten werde. Es traf besagte Rentnerin, die alleine war. Der Rächer seiner Katzen stürzte sich auf die Frau, schlug sie und schoß. Doch damit nicht genug: Er stürmte in das Haus des Opfers, wo er eine Schaufel fand, mit der er erneut zuschlug. Nun wird erst einmal ein psychiatrisches Gutachten erstellt. Da wird sich hoffentlich klären, wie Katzenliebe eine solch irrsinnige Tat motivieren kann. Und sicher liegt hier ein Fall für die forensische Literatur vor. Einem Krimi-Autor würde man ja einen solchen Plot kaum abnehmen.

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Wer gestern morgen die Nachrichtenticker der großen russischen Agenturen verfolgte, konnte das Fürchten lernen. Von einem Antiterroreinsatz in der Region Wladimir sprachen die Schlagzeilen. Und tatsächlich gingen die Sicherheitskräfte in der Kreisstadt Koltschugino, gut 70 km nordwestlich von Wladimir gelegen, um 0.35 gegen eine Terrorzelle vor, die im Verdacht stand, einen Anschlag zu planen.

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Das Haus, in dem sich die Verdächtigen aufhielten, wurde umstellt, nachdem die Nachbarn alle evakuiert waren. Die zwei mutmaßlichen Islamisten folgten nicht der Aufforderung, sich zu ergeben, sondern eröffneten selbst das Feuer. Beim folgenden Schußwechsel kamen die beiden Angreifer gegen 5.00 Uhr ums Leben, bei den Sicherheitskräften gab es gottlob keine Opfer.

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Offenbar standen die jungen Männer in Kontakt mit ausländischen Terrorgruppen, in deren Auftrag sie aktiv werden sollten. Dafür fanden sich denn auch in dem Haus eindeutige Indizien: Waffen, Munition, einsatzbereiter Sprengstoff aus Eigenproduktion und extremistisch-religiöse Schriften.

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Nun läuft die Fahndung nach weiteren Mitgliedern der Gruppe und mögliche Verbindungsleute zu anderen Terrorzellen im In- und Ausland.

Um 9.30 Uhr hoben die Behörden den Ausnahmezustand in Koltschugino auf, und Gouvereur Wladimir Sipjagin dankte den Behörden für den erfolgreichen Einsatz, mahnte aber auch die Bevölkerung, weiterhin wachsam zu bleiben, denn die Bedrohung durch islamistischen Terror sei, wie jetzt wieder einmal bewiesen, keine Angelegenheit, die irgendwo in fernen Ländern zu gewärtigen sei, sondern alle überall jederzeit betreffen könne. Leider wahr – hier wie dort und allerorts.

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Rassismus gibt es leider in wohl jedem Land. Aber besonders gefährlich ist er in einem Vielvölkerstaat wie der Russischen Föderation. Desto entschiedener auch die staatlichen Reaktionen auf derartige Tendenzen, vor allem, wenn sie Strukturen annehmen.

Gegen Rassismus und Xenophobie

Nun melden Wladimirer Medien, man habe in der Partnerstadt, in Rjasan und in der Region Moskau bei einer konzertierten Aktion sechs Verdächtige festgenommen, die zu einem rechten Netzwerk gehören, das die „slawische Rasse“ über alle anderen setzt. Bei den Verhafteten fanden sich im Rahmen der Wohnungsdurchsuchungen neben Waffen auch Propagandamaterial und Unterlagen zur Anwerbung und Schulung von neuen Mitgliedern der Gruppierung. Vor allem aber entdeckte man Material, das Beweise für rassistische Übergriffe beinhaltet. Die Inhaftierten erwarten nun langjährige Gefängnisstrafen, aber der Kampf gegen Rassismus wird weitergehen müssen. Hier wie dort und überall.

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Es gibt Vorkommnisse, über die man lieber nicht berichten möchte, aber, einer gewissen Informationspflicht auch über die Grenzen der Partnerschaftsarbeit hinaus folgend, Fälle wie dieser, gerade wenn sie bereits überregionale Aufmerksamkeit erlangten, müssen im Blog ihren Platz finden:
Am 13. März wurde am späten Abend in Wladimir auf den Menschenrechtler Boris Uschakow ein Mordanschlag verübt. Das Opfer, auf dem Heimweg nach einem Einkauf, blieb, wahrscheinlich wegen der eigenen Umsicht, unverletzt, weil es sich nach dem etwa 20 Meter entfernten und maskierten Mann umdrehte, der ihm vor der Wohnung aufgelauert hatte und schon nach der Waffe griff. Der Mitarbeiter der Organisation http://www.gulagu.net ließ die Tüten mit den Lebensmitteln fallen und konnte sich gerade noch hinter der Hausecke verstecken, als der erste und einzige Schuß fiel.

Boris Uschakow

Ich versteckte mich hinter dem Geschäft Kinderwelt. Dann fand ich mich plötzlich – ich weiß selbst nicht mehr wie – im Supermarkt auf der anderen Straßenseite wieder. Da kam ich erst wieder richtig zu Bewußtsein und rief die Polizei.

Die habe sich allerdings seltsam verhalten, den Tatort nicht abgeriegelt, die Spuren nur nachlässig gesichert, die Patronenhülse nicht gefunden und den psychiatrischen Notdienst gerufen, weil man meinte, er stehe unter Drogen oder Alkoholeinfluß. Auch ein Termin bei der Kripo am andern Tag sei ergebnislos verlaufen, nach einem Konflikt mit dem zuständigen Beamten habe er das Kommissariat verlassen, ohne etwas unterschrieben zu haben. Nun wolle er den Vorfall von Moskau aus untersuchen lassen.

Der seit 2017 in Wladimir tätige Menschenrechtler glaubt, der Anschlag habe mit seiner Arbeit zu tun. Immer wieder ging er mit Vorwürfen wegen Folterungen seitens der Behörden des Strafvollzugs an die Öffentlichkeit und erhielt auch schon Morddrohungen. In einigen Fällen nannte Boris Uschakow sogar konkrete Namen, die für Menschenrechtsverletzungen in Gefängnissen der Region Wladimir verantwortlich sein sollen. Das könnte, so seine Annahme, dazu geführt haben, einen Auftragsmörder auf ihn anzusetzen.

Zusätzliche Brisanz gewinnt die Sache vor dem Hintergrund des Selbstmordes von Ajub Tuntujew, eines ehemaligen Leibwächters von Achmat Kadyrow, des ermordeten ersten Präsidenten von Tschetschenien. Der Häftling wurde bereits 2008 wegen eines Terrorakts zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt und saß seit 2015 seine Strafe in einer Einzelzelle in Melechowo, Region Wladimir, ab, von wo aus er zwei Beschwerden wegen Folter an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gerichtet hatte.

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Er gehört schon zur guten Tradition der Gefängnisse in der Region Wladimir. Alle Jahre wieder nehmen Insassen der Strafvollzugsanstalten an einem Kunstwettbewerb teil, ganz der Jahreszeit entsprechend. Vergänglich wie der Schnee.

Die Skulpturen entstehen frei nach Motiven aus der Welt der Zeichentrickfilme, Märchen oder stellen allgemein bekannte Figuren dar, wie den Hund und das Erdschwein aus der chinesischen Kalendermythologie.

Heuer taten sich bei dem Wettbewerb besonders ein Frauengefängnis und zwei Anstalten für Männer hervor.

Ein schöner Kontrast zu dem, was man sich ansonsten unter Gefängnisalltag so vorstellt, vor allem aber auch zu dem Umstand, daß derzeit im Wladimirer Zentralgefängnis wieder einmal drei Häftlinge in den Hungerstreik getreten sind, um ein Gespräch mit dem Generalstaatsanwalt zu erzwingen.

Bleibt zu hoffen, daß dieser Ausstand ebenso friedlich und rasch zu Ende geht wie ähnliche Aktionen in der Vergangenheit.

 

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Nachdem das Wladimirer Zentralgefängnis erst im August wegen des nur wenige Tage währenden Hungerstreiks von drei Häftlingen in die Schlagzeilen geraten war, schreckte dieser Tage die von Menschenrechtlern verbreitete Meldung auf, zwanzig Häftlinge hätten sich aus Protest gegen die Bedingungen ihrer Unterbringung die Pulsadern aufgeschnitten. Die Ombudsfrau für Menschenrechte der Region Wladimir, Ludmila Romanowa, die bereits einen Tag vor Erscheinen dieser besorgniserregenden Nachricht die JVA inspiziert hatte, nahm dies zum Anlaß, gleich noch einmal alle Zellen einzeln zu besuchen und sich von den Inhaftierten die Handgelenke zeigen zu lassen. Ergebnis: keine einzige Spur von Selbstverletzung oder gar Suizidversuch.

Ludmila Romanowa bei ihrer Inspektion

Gegenüber dem Internetportal Zebra bekundete Ludmila Romanowa denn auch ihren Unmut über selbsternannte Menschenrechtler, die „Desinformation verbreiten und Angehörige der Häftlinge in den Zustand der Hysterie versetzen“. Ja, die Bedingungen im Gefängnis seien noch nicht in allen Bereichen so, wie man sie sich wünsche, aber die Mehrzahl der Probleme, auf die man sie hinweise, ließen sich operativ lösen. So gebe es derzeit Klagen über das eine oder andere verspätet eingetroffene Päckchen oder Schwierigkeiten, selten verschriebene Medikamente zu erhalten. Aber schneidet man sich deshalb die Pulsadern auf? Deshalb ihr Rat an die Menschenrechtler: „Nicht den eigenen Status mit alarmistischen Verlautbarungen diskreditieren, die einer Überprüfung nicht standhalten.“

Unterdessen erschüttern drei Tötungsdelikte aus den letzten Tagen die Region Wladimir. Allesamt von besonderer Grausamkeit und Tragik geprägt: Ein 29jähriger verübte nachts einen Überfall auf ein Geschäft und verletzte dabei mit zwölf Messerstichen die Verkäuferin tödlich. Die Polizei stellte ihn noch am Tatort und schoß ihn an, weil er seine Waffe nicht hatte fallen lassen wollen. Eine 19jährige stach 90 Mal auf die Großmutter ihres Freundes ein und befindet sich nun in psychiatrischer Behandlung. Und schließlich erschlug ein 30jähriger die eigene Mutter, mit der er zusammenlebte, nachdem die noch den Notdienst hatte anrufen können, weil ihr psychisch kranker Sohn wohl schon länger seine Medikamente nicht mehr nahm und ein auffälliges Verhalten zeigte.

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