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Archive for the ‘Kriminalität’ Category


Nachdem das Wladimirer Zentralgefängnis erst im August wegen des nur wenige Tage währenden Hungerstreiks von drei Häftlingen in die Schlagzeilen geraten war, schreckte dieser Tage die von Menschenrechtlern verbreitete Meldung auf, zwanzig Häftlinge hätten sich aus Protest gegen die Bedingungen ihrer Unterbringung die Pulsadern aufgeschnitten. Die Ombudsfrau für Menschenrechte der Region Wladimir, Ludmila Romanowa, die bereits einen Tag vor Erscheinen dieser besorgniserregenden Nachricht die JVA inspiziert hatte, nahm dies zum Anlaß, gleich noch einmal alle Zellen einzeln zu besuchen und sich von den Inhaftierten die Handgelenke zeigen zu lassen. Ergebnis: keine einzige Spur von Selbstverletzung oder gar Suizidversuch.

Ludmila Romanowa bei ihrer Inspektion

Gegenüber dem Internetportal Zebra bekundete Ludmila Romanowa denn auch ihren Unmut über selbsternannte Menschenrechtler, die „Desinformation verbreiten und Angehörige der Häftlinge in den Zustand der Hysterie versetzen“. Ja, die Bedingungen im Gefängnis seien noch nicht in allen Bereichen so, wie man sie sich wünsche, aber die Mehrzahl der Probleme, auf die man sie hinweise, ließen sich operativ lösen. So gebe es derzeit Klagen über das eine oder andere verspätet eingetroffene Päckchen oder Schwierigkeiten, selten verschriebene Medikamente zu erhalten. Aber schneidet man sich deshalb die Pulsadern auf? Deshalb ihr Rat an die Menschenrechtler: „Nicht den eigenen Status mit alarmistischen Verlautbarungen diskreditieren, die einer Überprüfung nicht standhalten.“

Unterdessen erschüttern drei Tötungsdelikte aus den letzten Tagen die Region Wladimir. Allesamt von besonderer Grausamkeit und Tragik geprägt: Ein 29jähriger verübte nachts einen Überfall auf ein Geschäft und verletzte dabei mit zwölf Messerstichen die Verkäuferin tödlich. Die Polizei stellte ihn noch am Tatort und schoß ihn an, weil er seine Waffe nicht hatte fallen lassen wollen. Eine 19jährige stach 90 Mal auf die Großmutter ihres Freundes ein und befindet sich nun in psychiatrischer Behandlung. Und schließlich erschlug ein 30jähriger die eigene Mutter, mit der er zusammenlebte, nachdem die noch den Notdienst hatte anrufen können, weil ihr psychisch kranker Sohn wohl schon länger seine Medikamente nicht mehr nahm und ein auffälliges Verhalten zeigte.

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Das Wladimirer Zentralgefängnis, einst, in den frühen 80er Jahren, für Menschenrechtler wegen der dort einsitzenden Dissidenten, Anlaß, Erlangen nahezulegen, keine partnerschaftlichen Beziehungen zu der sowjetischen Stadt aufzunehmen, gerät bis heute immer wieder in die Schlagzeilen, weil hier hauptsächlich „schwere Jungs“ ihre Strafe für Mord und Totschlag, Bandenkriminalität oder schwere Verstöße gegen die „Hausordnung“ in anderen Haftanstalten ihre Strafe abbüßen und sich ab und an über die Haftbedingungen beschweren oder es sogar zu Zusammenstößen mit dem Wachpersonal kommen lassen. Immer wieder gelangen auch aus anderen Einrichtungen Meldungen an die Öffentlichkeit, wonach hinter Gittern regelrecht gefoltert werde. Vor allem ein Video aus Wladimirs Nachbarstadt Jaroslawl – der Blog berichtete – erregt die Gemüter, zeigen die Aufnahmen doch tatsächlich, wie ein Häftling erniedrigt und geschlagen wird. Vor diesem Hintergrund haben leider auch die aktuellen Nachrichten aus Wladimir das Potential für einen Skandal, denn, wie jetzt die Gefängnisverwaltung nach anfänglichen Dementis einräumte, befinden sich drei Häftlinge seit dem 22. August im Hungerstreik.

Ludmila Romanowa auf dem Weg zum Treffen mit den Häftlingen

Am Freitag erhielten die Strafgefangenen nun Besuch von Ludmila Romanowa, der Menschenrechtsbeauftragten der Region Wladimir, die gegenüber den Medien diese Angaben bestätigte. Gründe für die Verweigerung der Nahrungsaufnahme nannten das Trio aber offenbar nicht, sondern forderte ein Treffen mit Vertretern der Generalstaatsanwaltschaft, weil man offenbar den lokalen Behörden kein Vertrauen mehr schenkt. Einen Tag zuvor hatte sich bereits eine Abordnung der Zivilgesellschaftlichen Beobachterkommission zur Lage von Gefangenen ein Bild von der Situation vor Ort gemacht und dem Beirat für Menschenrechte im Kreml Bericht erstattet. Ganz offensichtlich also will man alles versuchen, um die Angelegenheit nicht weiter eskalieren zu lassen. Möge denn auch die Sache gut ausgehen und sich nicht entwickeln wie das Schicksal von Oleg Senzow, der sich nun schon seit mehr als einhundert Tagen dem Tod oder der Begnadigung entgegenhungert.

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Katrin Scheib berichtete unlängst in ihrem hiermit zur regelmäßigen Lektüre empfohlenen Blog https://is.gd/4hYsFY von allerlei virtuellen Entdeckungen rund um die neue 2000-Rubel-Note. Ebenfalls erst seit kurzem im Umlauf ist diese 100-Rubel-Note, ganz der letzten Fußballweltmeisterschaften und ihren Austragungsorten gewidmet.

 

Vorteil dieser Sammlerstücke: Sie erscheinen recht sicher vor Fälschungen. Ganz anders als die herkömmlichen Scheine. Da ist nämlich weiter Vorsicht geboten. Es soll ja sogar schon Fälle gegeben haben, wo am Bankautomaten russische Blüten gezogen wurden.

Besonders hoch, so die Behörden, sei die Gefahr dabei vor allem bei 5000- und 1000-Rubel-Scheinen. Und die Moral von der Geschicht? Wenn schon die Einheimischen auf die Fälschungen hereinfallen, wird man als ausländischer Besucher dem Betrug natürlich noch viel leichter aufsitzen. Also lieber gleich die Karte zücken, denn mit der kann man in Wladimir wie im ganzen Land so gut wie überall alles bezahlen.

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Erst vor wenigen Tagen fragte der Blog, ob hinter den Gefängnismauern der Region Wladimir alles mit rechten Dingen zugehe (siehe: https://is.gd/oBj59h). Der nach offizieller Lesart an einer Lungenentzündung verstorbene Armenier – seine Angehörigen sehen ihn als Folteropfer – könnte nun Anlaß für ein diplomatisches Nachspiel geben, denn die Armenische Botschaft verlangt von der Wladimirer Staatsanwaltschaft Auskunft in dieser Causa. Unterdessen hat die schon Sorgen genug. Im Laufe eines Prozesses gegen einen Staatsbürger Aserbajdschans fanden sich nämlich Belege für systematische Folter in einem Gefängnis der Partnerstadt, weshalb bereits ein Prozeß gegen sechs verdächtige Mitarbeiter im Strafvollzug und zwei Häftlinge begonnen hat, die den Beamten bei den Quälereien zur Hand gegangen sein sollen.

Ins Rollen hatte die Sache ein Mitglied der aserbajdschanischen Bande „Schwarze Makler“ gebracht, die Sozialmieter um ihre Wohnungen prellte und dabei – in fünf Fällen – auch vor Mord nicht zurückschreckte. Bereits lebenslänglich verurteilt, brachte der junge Mann zunächst einen Mithäftling um und später auch noch einen Vollzugsbeamten. Wohl aus Rache, denn in dessen Fall bestätigte sich der Verdacht, er könne zu dem Foltertrupp gehören, von dem der Strafgefangene in einer speziell eingerichteten Zelle malträtiert wurde. Und nicht nur er. 20 Zeugen machten gegenüber einem Gericht Angaben über diese gesetzeswidrigen Umstände, die, wie der Richter feststellte, nicht nur mit Wissen, sondern sogar auf Anweisung der Gefängnisleitung herrschten. Man darf nun vermuten, daß zum einen auch die Botschaft von Aserbajdschan Aufklärung fordern wird, während zum andern eine umfassende Untersuchung der Umstände in den Gefängnissen in und rund um Wladimir anlaufen dürfte. Hoffentlich nicht mit weiteren Ergebnissen dieser Art.

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Derzeit erlebt die russische Öffentlichkeit einen in dieser Art bisher einzigartigen Aufschrei gegen Folter und Willkür in Haftanstalten. Ein Video darüber, wie ein Häftling im Gefängnis von Jaroslawl gequält und erniedrigt wird, millionenfach im Netz angeklickt, gab den Anstoß zu personellen Konsequenzen sowie Überprüfungen der Abläufe. Und siehe da, schon werden weitere Fälle von Amtsmißbrauch im Strafvollzug bekannt, leider auch aus der Region Wladimir, wo ein 33jähriger, wegen eines Drogendelikts einsitzender Häftling im Gefängniskrankenhaus in Melechowo, Landkreis Kowrow, am 6. Juli laut offizieller Diagnose an doppelseitiger Lungenentzündung verstarb. Seine Angehörigen freilich wollen erst am 12. Juli vom Tod des Sohnes und Bruders erfahren haben, weil, so ihr Verdacht, die Behörden den Leichnam selbst beisetzen und damit Folterspuren an seinem Leib verheimlichen wollten. Nun aber, so die Familie gegenüber der „Neuen Zeitung“ in Moskau, habe man im Leichenschauhaus von Wladimir tatsächlich Blutergüsse und Spuren eines Elektroschockers am Toten entdeckt. Diese Verletzungen bringt die Gefängnisleitung mit einer Schlägerei unter den Insassen in Zusammenhang, wofür der Schuldige in den Karzer gesperrt wurde, wo er sich dann wohl auch die Lungenentzündung zuzog. Diese Todesursache bestätigt inzwischen auch eine zweite Obduktion, ohne freilich zu klären, woher die Verletzungen stammen.

Immerhin, so das Wladimirer Nachrichtenportal Zebra-TV, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung gegen die Gefängnisverwaltung. Wäre der Strafgefangene, so der Vorwurf, früher ins Krankenhaus verlegt worden, hätte man möglicherweise sein Leben noch retten können. Aber ob auch der Foltervorwurf untersucht wird, steht noch nicht fest. Fest steht jedoch eines: Die Russen besinnen sich der Worte von Lew Tolstoj:

Um einen Staat zu beurteilen, muß man sich seine Gefängnisse von innen ansehen.

Der Artikel in der SZ ist hier nachzulesen: https://is.gd/Oh2YOw

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Während man im Deutschen von der Leiche im Keller spricht, verweist man im Englischen im Fall von einem persönlichen „XY unbekannt“ auf das Skelett im Schrank, eine Redensart, die das Russische in Lehnübersetzung übernommen hat. Wie wörtlich die Phraseologie bisweilen genommen werden darf, zeigt ein skurriler Mordfall.

Sie haben kein Skelett im Schrank?! Vielleicht ist das ja auch gar nicht Ihr Schrank…

Laut polizeilichen Ermittlungen hat ein 27jähriger Wladimirer nach einem Saufgelage bei sich zu Hause einen 52jährigen Gast mit Faustschlägen und Fußtritten in den Tod geprügelt. Die Leiche versteckte der Totschläger im Schrank seiner Mietwohnung und ließ den dann zwei Tage später nebst Inhalt von einer Umzugsfirma in eine eigens angemietete Garage bringen. Nach eineinhalb Monaten kündigte der Vermieter wegen der Geruchsentwicklung, ohne zu ahnen, welcher Provenienz diese war, das Mietverhältnis. Spätestens da begriff wohl auch der Verbrecher die Brisanz der Umstände und ließ den ominösen Schrank in ein Waldstück bringen, wo er dann einen Abhang hinuntergeworfen wurde. Nun hat man Schrank und Inhalt gefunden, den geständigen Verdächtigen dingfest gemacht, und im Laufe des Prozesses wird sich dann schon zeigen, ob es da noch mehr Leichen im Keller bzw. Skelette im Schrank gibt…

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Es gibt Vorfälle, von denen man sich wünscht, sie seien nie geschehen, erinnern sie doch allzu sehr an die grausamsten Szenen aus dem 1962 erschienenen Roman „Clockwork Orange“ von Anthony Burgess, angesiedelt in der näheren Zukunft, also mittlerweile wohl in unseren Tagen. Das Buch stellt die Frage: „Is it better for a man to have chosen evil than to have good imposed upon him?“ und beantwortet sie mit einer „Ultra-Brutale“, einem Totschlag in Folge von „Tollschocks“, wie Schläge in dem „Nadsat“ genannten Jargon heißen, den Alex und seine Gang verwenden.

Wechsel von Ort und Zeit – vom fiktiven London vor fast 60 Jahren ins Moskau vom 31. März 2018. Da erschlug eine Rotte junger Männer auf offener Straße einen 42jährigen Menschen, dessen Äußeres den Angreifern mißfiel. Es handelte sich um Jewgenij Sapajew aus Welikowo, einem Dorf im Landkreis Gorochowez, Region Wladimir. Sein Vergehen: Seit Kindheit fühlte er sich in seinem männlichen Körper nicht wohl, wollte Frau werden und sein. Dazu war er bereit, sich selbst zu verstümmeln, durchaus fachkundig übrigens, wie die behandelnden Ärzte in Nischnij Nowgorod anerkennend bestätigten. Vier Operationen führte der alleinstehende Transsexuelle nach intensivem Studium von Fachliteratur unter Narkose eigenhändig an sich selbst aus und fuhr jeweils anschließend mit dem Zug in ein Krankenhaus in der Stadt am Zusammenfluß von Wolga und Oka, weil er den Medizinern vor Ort nicht vertraute. Warum die schier unvorstellbare Pein? Für den kostspieligen Eingriff fehlten die Mittel.

Jewgenij Sapajew in einer seiner Filmrollen

Doch noch eine ganz andere Pein nahm Jewgenij Sapajew, dessen Eltern schon in seiner Jugend verstorben waren, auf sich: Um Geld zu verdienen, mimte er in Filmen den ganzen Kerl und setzte sich später in Talkshows dem eifrigen Geifer des Publikums aus, wenn er von sich und seinem Wesen sprach. Was da so alles in Kommentarspalten geschrieben stand, erspart der Blog seiner Leserschaft.

Jewgenij Sapajew im TV unter der Überschrift „Gliedverstümmelung“

Nun hat man ihn, der einfach nur er selbst sein wollte, wie die Bloggerin Jewgenia Sundukjan in der Komsomolskaja Pradwa schreibt, umgebracht, „weil er einen Traum hatte“, weil es „bei uns Menschen voller Vorurteile gibt, die alle wissen, wie man richtig zu leben habe, für wen man kein Mitgefühl aufzubringen brauche.“

Jewgenij Sapajew als Nastja

Vier Jahre lang hatte es gedauert bis das Geld beisammen war. Neben den sporadischen Engagements bei den Medien brachten Arbeiten als Streckengeher bei der Bahn oder als Gehilfe in der Viehwirtschaft den einen oder anderen Rubel ein. Bis es reichte für die entscheidende Operation in Moskau. Bei seiner letzten Selbstverarztung hatte Jewgenij Sapajew, der sich mittlerweile Nastja nannte, besondere Sorgfalt walten lassen, so daß es möglich gewesen wäre, die Geschlechtsumwandlung erfolgreich durchzuführen. Aber es sollte nicht mehr dazu kommen. Welch eine Tragik auch vor dem Hintergrund, daß bereits 1970 Viktors Kalnbērzs die erste Operation dieser Art in der UdSSR vorgenommen hatte, die übrigens 20 Jahre lang der Geheimhaltung unterlag, da nicht ins ideologische Weltbild passend…

Nach Auskunft einer Freundin brachte man die Leiche nicht zurück in die Wladimirer Heimat, man setzte Jewgenij Sapajew vielmehr an einem unbekannten Ort als Obdachlosen in Moskau bei, womit sich wieder der Kreis zu „Clockwork Orange“ in London schließt. Oder soll man noch weiter zurückgehen? Bis zum Evangelium nach Lukas, wo es heißt: „Und Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Legion. Denn es waren viele böse Geister in ihn gefahren.“

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