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Archive for the ‘Jubiläen’ Category


Schon Mitte Juni ging in der Redaktion des Blogs eine Zuschrift von Waltraut Firgau ein, die erst heute veröffentlicht wird, weil die dazugehörigen Bilder noch zu scannen und nachzureichen waren. Aber was bedeutet schon die Frist von einem Monat des Wartens angesichts der Spanne eines Vierteljahrhunderts, die zwischen damals und heute liegt…

Start mit einer Chartermaschine von Aeroflot auf dem Flughafen Nürnberg

Mein Enkel, Max Firgau, verbringt gerade ein Stipendiumssemester in Wladimir. Vielleicht haben Sie hier im Blog schon von und über ihn gelesen. Ich verfolge sein Leben dort mit großem Interesse, weil mein Mann und ich 1993 beim zehnjährigen Jubiläum der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir dort einen Besuch gemacht haben.

Das Rasthaus „Skaska“ („Märchen“), vor fast einem Jahr abgebrannt, siehe: https://is.gd/JY4FfF

Die alten Bilder habe ich mir jetzt wieder angeschaut und mit denen von Max verglichen. Manches ist noch genau so geblieben, wie wir es damals kennengelernt haben.

Neubauvierte in Wladimir

Es war eine große Delegation¹, die damals zum Jubiläum fuhr. Wenn ich mich recht erinnere, wurde alles von Peter Steger² organisiert.

Die beiden Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow

Mit dabei waren natürlich Oberbürgermeister Dieter Hahlweg, mehrere Vereine, z.B. der Kosbacher Stadlchor und die Speeldeel Ihna und sehr viele Erlanger Bürger.

Die Kavalkade von Bussen bei einem Zwischenhalt an der Raststätte „Skaska“

Weil damals eine Partnerschaft zwischen einer deutschen und russischen Stadt noch etwas Besonderes war, wurden wir vom Flugplatz in Moskau mit vielen Bussen abgeholt und mit Polizeigeleit nach Wladimir gebracht.

Die Kirche der Altgläubigen, bisher noch Museum für Kristallglas, mit einem Motiv, das man heute dort nicht mehr zu sehen bekommt

Dort empfing man uns mit großer Herzlichkeit. Uns wurden viele Ausflüge und Führungen angeboten, in Wladimir selbst und in der Umgebung.

Auf dem Weg zu Mariä Schutz und Fürbitt

Das Erlangen-Haus war damals schon in der Planung, aber noch nicht eröffnet. Schön war unser Ausflug über die grüne Wiese zu der Kapelle Mariä Schutz und Fürbitt mit ihrer wundervoll gestalteten Fassade.

Bogoljubowo

Wir besuchten natürlich auch Gus Chrustalnyj und Susdal. Besondern hat mich dort das Glockenspiel fasziniert, das wir von außen gut beobachten konnten.

Fränkisches Fest

Der Jubiläumstag wurde bei schönem Wetter groß gefeiert mit Folkloreveranstaltungen und Chordarbietungen von beiden Seiten.

Kosbacher Stadlchor

Den Abschluß unserer Fahrt bildete ein kurzer Aufenthalt in Moskau auf dem Roten Platz, wo wir auch das Innere der Basilius-Kathedrale besichtigen konnten. Interessant dabei:

Folklore-Ensemble Rus

Damals standen das Historische Museum und das Tor daneben noch nicht. Sie wurden nach ihrer  Zerstörung erst 1996 wieder aufgebaut.

Dietmar Hahlweg auf dem Roten Platz im Gespräch

Es war eine beeindruckende Reise und ich freue mich darüber, wie mein Enkel das alles heute auch intensiv erleben kann.

Waltraut Firgau

Hier liegt heute die Fußgängerzone Wladimirs

Anmerkungen: 1) Es handelte sich tatsächlich um die bisher größte Bürgergruppe, die nach Wladimir reiste: 350 Personen. 2) An der Organisation waren natürlich noch viele beteiligt, vor allem, federführend, der Stadtverband Kultur und sein damaliger Vorsitzender, Karl Heinz Lindner, sowie natürlich die Gastgeber mit einem Arbeitsstab unter dem späteren Oberbürgermeister, Alexander Rybakow.

Das Motiv von damals heute

Sollte jemand noch ähnliche Schätze im Album bergen, freut sich die Redaktion immer über ähnliche Funde. Deutlich genug? Immer her damit!

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Am 1. Februar 1983 hielt Dietmar Hahlweg, damals Oberbürgermeister der Stadt Erlangen, in München eine Festansprache zum zehnjährigen Bestehen der „Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion“ (heute „Bayerische Ostgesellschaft“), der ein entscheidender Anteil an der Anbahnung der Partnerschaft mit Wladimir zukommen sollte. Diese Grundsatzrede, verfaßt von dem nach Weihnachten verstorbenen Rudolf Schwarzenbach ziemlich genau vor 34 Jahren, thematisiert die Hoffnungen und Enttäuschungen jener Phase der Ostpolitik und liest sich – unter Umstellung einiger Vorzeichen – heute so aktuell wie damals. So wie man sich über vieles freuen darf, was in der Zwischenzeit in der Partnerschaft mit Wladimir erreicht wurde, so ernüchternd ist die Erkenntnis, in wie vielen zwischenstaatlichen Bereichen schon wieder ein Neustart notwendig wird. Rudolf Schwarzenbach, der bereits in den 70er Jahren als Historiker am Institut für Gesellschaft und Wissenschaft, aber auch auf Delegationsreisen mit Wolf Peter Schnetz und anderen Mitstreitern für die Verständigung in die DDR und in die Volksrepublik Polen reiste, hinterließ mit dieser Schrift ein Vermächtnis, das wohl nie abgeschlossen sein wird, sondern auch in Zukunft der sorgfältigen Pflege bedarf.

Rudolf Schwarzenbach, Wladimir 1992, Aufnahme: Sergej Skuratow

Rudolf Schwarzenbach, Wladimir 1992, Aufnahme: Sergej Skuratow

Den Beitrag, um den ich gebeten worden bin, stelle ich unter das Thema „Gedanken zu den Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion unter besonderer Würdigung der kulturellen Aspekte“.

Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion, wie die Ost-West-Beziehungen überhaupt, müssen heute wohl vor allem im Zusammenhang mit folgenden zwei Erkenntnissen gesehen werden:

  1. Die existentielle Herausforderung unserer Zeit ist die Frage, wie Krieg verhindert und wie der Frieden gesichert werden kann. Antworten auf diese Herausforderung, die durch den Primat der Militär- und Rüstungspolitik geprägt sind, mögen zwar gewaltsame Auseinandersetzungen in Europa verhindert haben. Sie haben aber nicht den Frieden für die Zukunft gesichert. Wer dauerhaften Frieden schaffen will, kann sich nicht allein auf Abschreckungsstrategien und die Anhäufung von overkill-Kapazitäten verlassen. Vielmehr sind politische Konzepte notwendig, die auf Verständigung und Vertrauen, auf Interessenausgleich und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet sind.
  2. Die Krise, in der sich die menschliche Gesellschaft heute befindet, hat viele, teilweise zusammenhängende Ursachen: Die Konfrontation unterschiedlicher Wert- und politischer Systeme; das Wettrüsten; die immer drängender werdenden globalen Probleme wie Ernährungs-, Umwelt, Rohstoff- und Gesundheitsfragen; die demokratischen und sozialen Defizite in den Gesellschaftssystemen.

Manche Wissenschaftler behaupten, die Menschheit befinde sich in einem Übergangszustand; alte Gleichgewichte seien zerstört, ohne daß sich bis jetzt ein neuer, durch Wissenschaft, Technik und kulturellen Bewußtseinswandel veränderten Bedingungen angepaßter Gleichgewichtszustand eingestellt habe. Wenn auf diesem Weg keine Katastrophen liegen sollen, müssen die zu lösenden Probleme systematisch und mit dem Willen zu internationaler und interkultureller Zusammenarbeit angegangen werden.

Beide Erkenntnisse münden also letztlich in die These: Es gibt keine ethisch verantwortbare Alternative zu der von Verständigung und Vertrauen getragenen, auf Interessenausgleich und gewaltfreie Konfliktregelung gerichteten, internationalen Kooperation. Sie schließt selbstverständlich die besonders wichtige Zusammenarbeit zwischen den Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen ein.

Diese Kooperation war und ist das erklärte Ziel von Gipfelgesprächen und diplomatischen Bemühungen auf vielerlei Gebieten. Konkret und praktisch wirksam ist sie jedoch nur und erst, wenn die gesellschaftlichen Gruppen unterhalb der staatlich-diplomatischen Ebene mit in diesen Prozeß einbezogen werden. Auf der Tagung der Evangelischen Akademie Loccum im September 1980, die das Thema hatte „Entspannungspolitik als Gesellschaftsaufgabe – Kontakte von Städten und kommunalen Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland mit Osteuropa“, formulierte dies der damalige Erste Sekretär der Sowjetischen Botschaft in Bonn, Prof. Dr. Sassuchin, treffend formuliert: „In der Vielfalt der menschlichen Kontakte liegt das Unterpfand für das Fortbestehen der Atmosphäre des Vertrauens und der gegenseitigen Verständigung.“ Das gilt natürlich auch für den Aufbau von Verständigung und Vertrauen, wo immer es dran noch fehlt.

Für die Entwicklung und den Ausbau solcher Basiskontakte bietet die Schlußakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zumindest gute Ansatzpunkte und Orientierungshilfen. Wenn es gelänge, diese 1975 in Helsinki von 35 Staaten unterzeichnete Dokument mit Leben zu erfüllen oder – wie es Leonid Breschnew genannt hat – zu „materialisieren“, könnten große Fortschritte in der internationalen und intersystemaren Kooperation gemacht werden.

So haben die Teilnehmerstaaten unter anderem ihr Ziel bekräftigt, bessere Beziehungen untereinander zu fördern und Bedingungen zu gewährleisten, unter denen die Völker in echtem und dauerhaftem Frieden, frei von jeglicher Bedrohung und Beeinträchtigung ihrer Sicherheit leben können. Sie setzen sich auch zum Ziel – ich darf kurz zitieren – „freiere Bewegung und Kontakte, sei es auf privater, auf individueller und kollektiver oder offizieller Grundlage zwischen Personen, Institutionen oder Organisationen zu erleichtern und zur Lösung der humanitären Probleme beizutragen.“

Als besonders akutes Beispiel darf ich noch den Umweltbereich anführen, wo wahrlich kein Mangel an Kooperationsnotwendigkeit und Kooperationsmöglichkeit herrscht: von den giftigen Rauchgasen in der Luft über die Verschmutzung der Flüsse und Meere bis zum Naturschutz.

Sowohl in diesem Bereich, als auch in den anderen Bereichen der Zusammenarbeit – Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Touristik, Information – sind Fortschritte festzustellen, wenn sie auch in den einzelnen Bereichen noch recht unterschiedlich ausfallen, manchmal als Folge von politisch initiierten Abgrenzungsmaßnahmen.

Es könnten jetzt zahlreiche Beispiele über die positiven Ergebnisse der wissenschaftlich-technischen Kooperation zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland genannt werden, über die Entwicklung des Handels und der industriellen Kooperation, über die Zusammenarbeit in Energiefragen bis hin zu Beispielen aus dem humanitären Bereich der KSZE-Schlußakte. Von besonderer Bedeutung ist sicherlich der in der Schlußakte von Helsinki ebenfalls angesprochene Kulturaustausch.

Dort werden als gemeinsame Ziele unter anderem formuliert: die gegenseitige Information im Hinblick auf eine bessere Kenntnis der jeweiligen kulturellen Leistungen zu entwickeln; Kontakte und Zusammenarbeit zwischen Personen zu entwickeln, die eine kulturelle Tätigkeit ausüben; neue Bereiche und Formen der kulturellen Zusammenarbeit zu suchen.

Freilich sind mit dem Bekenntnis zu so formulierten gemeinsamen Zielen noch nicht alle  grundsätzlichen Hemmnisse aus dem Weg geräumt. So muß man zur Kenntnis nehmen, daß sich auch im Kulturaustausch zwischen gegensätzlichen Gesellschaftssystemen die unterschiedlichen Selbstverständnisse auswirken. Es sei hier nur an den Streit über die These von der Freizügigkeit für Menschen, Ideen und Informationen erinnert, der immer wieder insbesondere während der KSZE-Diskussionen auftrat.

Im Westen wird der Kulturaustausch als eine Aufgabe der Gesellschaft angesehen, bei der der Staat mehr eine nachrangige Rolle spielt; es besteht eine weitgehende Offenheit über die zum Austausch geeigneten Kulturleistungen. In der sozialistischen Theorie und Praxis werden kulturelle Beziehungen zwischen gegensätzlichen Systemen sowohl unter dem Aspekt der Zusammenarbeit als auch unter dem Aspekt der ideologischen Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen gesehen. In diese „Dialektik von Kampf und Zusammenarbeit“, wie die kommunistische Theorie dieses Spannungsverhältnis bezeichnet, ist auch die von den sozialistischen Staaten betonte Weltoffenheit für kulturelle Leistungen eingebunden. Sicherlich können wir zustimmen, wenn in dortigen Veröffentlichungen gesagt wird, daß es für wissenschaftliche Erkenntnisse und Meisterwerke der Kunst keine Staatsgrenzen gibt.

Andererseits müssen wir die Einschränkung zur Kenntnis nehmen, daß diese Weltoffenheit nicht gleichbedeutend mit konfliktloser Öffnung für bürgerliche Ideologie und Kultur ist. Vielmehr sei die klassenmäßige Auswahl notwendig, ob diese Kulturangebote der Entwicklung sozialistischer Menschen dienten. Hier zeigt sich deutlich, daß wir uns noch nicht über die These einig sind, daß Sicherheit nicht durch das Aufstellen von Zäunen erreicht wird, sondern durch das Öffnen von Toren.

Ich will solche Positionen des ideologischen Überbaus freilich wiederum auch nicht überbewerten, denn es gibt viele Beispiele für erstaunliche Öffnungen gegenüber westlichem Kulturgut. Und zwar nicht nur aus der Zeit der Entspannungspolitik und nach Helsinki, sondern auch aus früheren Jahrzehnten, nämlich zwischen dem Deutschland der Weimarer Republik und der noch jungen, aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Sowjetunion. Beim Beginn der sowjetischen auswärtigen Kulturpolitik ab 1921 fällt zweierlei auf: Das erste Land, mit der neue Sowjetstaat Kontakte suchte, war Deutschland; der erste Bereich der Beziehungen war Wissenschaft und Kultur. Im Juni 1923 – also vor nicht ganz genau 60 Jahren – wurde in Berlin die „Gesellschaft der Freunde des neuen Rußlands in Deutschland“ gegründet. Zu den ursprünglich 400 Mitgliedern zählten Namen wie Alfred Döblin, Albert Einstein, Samuel Fischer, Leopold Jessner, Paul Löbe, Thomas Mann, Ernst Rohwolt, Max von Schillings und Franz Werfel. Auch im Bereich der Wissenschaften entwickelte sich rege und intensive Kontakte.

Der weitere Gang der Geschichte, das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland, und die innenpolitische Entwicklung in der Sowjetunion, vor allem aber dann der Zweite Weltkrieg, bereiteten diesen erfreulichen Ansätzen ein Ende. Nach dem furchtbaren Krieg, dem allein in der Sowjetunion über 20 Millionen Menschen zum Opfer fielen, verwundert es nicht, daß es einige Jahre dauerte, bis es zu kulturellen Kontakten zwischen der neu gegründeten Bundesrepublik und der Sowjetunion kam. David Ojstrachs Konzert 1954 in Hamburg war der neue Anfang.

1959 wurde das erste zweijährige Kulturabkommen abgeschlossen, dessen Verlängerung aber an der Berlin-Frage scheiterte. Erst in den 70er Jahren nach dem Moskauer und Berliner Vertrag kam 1973, anläßlich des Besuchs Breschnews in der Bundesrepublik, ein neues Kulturabkommen zustande. Darin verpflichten sich die Vertragspartner, Austausch und Zusammenarbeit auf der Grundlage des beiderseitigen Nutzens und der Gegenseitigkeit zu fördern und zu entwickeln.

Die Arbeit der bereits kurz davor gegründeten Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion e.V. legt Zeugnis dafür ab, wie gut es gelungen ist, dieses Abkommen mit Leben zu erfüllen. Die Vielfalt, Fülle und Qualität der schon in den ersten zehn Jahren genutzten Möglichkeiten und hergestellten Kontakte – die Jubiläumsschrift enthält eine anschauliche Übersicht darüber – ist beeindruckend und ermutigt zugleich.

Sie werden es mir nachsehen, wenn ich als Erlanger Oberbürgermeister auf die besonders engagierte Begegnungsreihe mit Schriftstellern aus der UdSSR zum Thema „Krieg und Frieden in der Literatur“ hinweise, die im Oktober / November 1981 in Erlangen und München stattgefunden hat.

Große Bedeutung für die Gestaltung kultureller Beziehungen haben die Städtepartnerschaften, deren Förderung ja ebenfalls zu den Zielen der Gesellschaft gehört. Beziehungen zwischen Städten und ihren Bürgern können, wie vor allem das Beispiel Bundesrepublik – Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt hat, ganz Wesentliches zur Verständigung der Völker beitragen. An der heute festzustellenden tiefgreifenden Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen haben diese Städtepartnerschaften einen hohen Anteil. Dadurch wurde ein dichtes Netz von kulturellen und menschlichen Kontakten geknüpft, dessen Bedeutung für Frieden und Verständigung wohl kaum überschätzt werden kann.

Im Vergleich hierzu sind Partnerschaften mit sowjetischen Städten bisher eher die Ausnahme. Es bestehen solche unter anderem zwischen Dortmund und Rostow am Don (seit 1975), Saarbrücken und Tiflis (seit 1975), Hamburg und Leningrad (seit 1972), Kiel und Tallin (seit 1972).

Dietmar Hahlweg mit Inge Obermayer und Wolf Peter Schnetz in Moskau, 1981

Dietmar Hahlweg mit Inge Obermayer und Wolf Peter Schnetz in Moskau, 1981

In Bayern fehlt es bisher meines Wissens an Partnerschaftskontakten zu sowjetischen Städten. Bei meinem Besuch in der Sowjetunion im Juli 1981 habe ich gegenüber den sowjetischen Gesprächspartnern wiederholt auf die außerordentlich guten Erfahrungen mit Städtepartnerschaften bei der Aussöhnung mit Frankreich hingewiesen und gefragt, ob man diese guten Erfahrungen für die Verbesserung des Verhältnisses zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland einsetzen könnte. Inzwischen liegt der Stadt Erlangen ein offizielles Angebot der Stadt Wladimir vor. Der Erlanger Stadtrat wird sich in Kürze damit befassen. Ich hoffe sehr, daß er die ausgestreckte Hand ergreifen wird.

Bei all diesen erfreulichen Ansätzen kann jedoch nicht geleugnet werden, daß die in den frühen 70er Jahren sehr erfolgreich vorangebrachte Entspannungspolitik Anfang der 80er Jahre in die Krise geraten ist. Es ist offensichtlich illusionär zu glauben, daß der Entspannungsprozeß konfliktfrei und ohne Rückschläge verlaufen kann. dafür sind die Gesellschaftssysteme und ihre Interessen zu unterschiedlich.

Die Enttäuschung – und sie ist gegenseitig -, daß manche hochgespannten Erwartungen nicht erfüllt wurden, darf nun aber nicht dazu führen, daß der Dialog nachläßt oder gar abreißt. In diesem Dialog kann und muß auch über Trennendes gesprochen werden. Wie sonst soll das Freund-Feind-Verhältnis zwischen den Völkern abgebaut werden? Wie sonst die Gräben überbrückt werden, die Kriege und Haß zwischen den Menschen aufgerissen haben?

Gerade wir Deutschen müssen wegen unserer besonderen politischen und geographischen Lage an einer Naht- oder Bruchstelle des Systemkonflikts ein starkes Interesse daran haben, daß die Konflikte auf der Ebene der Supermächte nicht die Sicherungen in Europa durchschlagen. Gerade in schwierigen Zeiten ist es deshalb wichtig, wie es auch Staatsminister Anton Jaumann in seinem Grußwort in der Jubiläumsschrift gesagt hat, „Kontakte nicht abreißen zu lassen und neue Verbindungen zu schaffen.“

Mit dem Dank und dem Respekt für das, was die Gesellschaft in den zehn Jahren unter Stabsführung von Erwin Eßl geleistet hat, verbinden wir deshalb den Wunsch, daß sich verstärkt Bürgerinnen und Bürger unseres Landes dieser wichtigsten Aufgabe des zu Ende gehenden Jahrhunderts bewußt werden und mitarbeiten.

Jeder einzelne muß seinen Beitrag leisten, daß wir auch der grotesken Situation herauskommen, die darin besteht, daß die beiden Weltblöcke, jeder in Sorge und aus Mißtrauen gegenüber dem anderen, weiter rüsten und damit die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung mit unermeßlichen Folgen ständig wächst.

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Bei aller Tagesaktualität, der sich der Blog verpflichtet weiß, ist es von Zeit zu Zeit reizvoll, einen Blick in die Geschichte der Partnerschaft zu werfen, die immer wieder eindrucksvoll zeigt, wie gut es gelungen ist, auch in Zeiten großer Not gebührend die Jubiläen der Freundschaft zu feiern. Davon zeugen zwei Videos, auf die unlängst Altoberbürgermeister Siegfried Balleis aufmerksam machte und die ein unerwartetes Wiedersehen mit dem viel zu früh verstorbenen Leonid Chorjew ermöglichen. Wer genau hinsieht, wird sicher noch viele andere bekannte Gesichter aus dem Jahr 1998 entdecken und – wenn auch gottlob nicht in der sozialen Dramatik wie seinerzeit, als die Russische Föderation vor dem Staatsbankrott stand – Parallelen zwischen damals und heute in der Rubelabwertung und Wirtschaftskrise erkennen.

Deutsch-russische Freundschaft

Film ab unter http://is.gd/81mUL5 und http://is.gd/O8yiQC

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Heute im Blog ein Rückblick von Heide Mattischeck, der entschieden friedlichen Mitstreiterin Dietmar Hahlwegs für die Partnerschaft mit Wladimir, auf eine private Reise in politisch schwierigen Zeiten mit, wie wir heute wissen, gottlob gutem Ausgang.

Die so behutsam eingefädelten Kontakte zu einer sowjetische Stadt, zu Wladimir, fanden in einem außenpolitisch schwierigen Umfeld statt. Die Bemühungen der sozial-liberalen Koalition und insbesondere Willy Brandts und Egon Bahrs um eine Entspannung zwischen dem Ostblock und der westlichen Welt – Wandel durch Annäherung – wurden von der Nachrüstungsdebatte überlagert. Als im November 1983 der Beschluß der Bundesregierung gefallen war, mit der Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen zu beginnen, war die Sorge nicht unbegründet, dies könnte negative Auswirkungen auf das zarte Pflänzchen der Partnerschaftsbeziehung zu Wladimir haben.

Diese Überlegungen und das starke Bedürfnis nach Erhalt und Vertiefung der Kontakte führten zu der Idee von Claus Uhl (Stadtrat FDP), Heide Mattischeck (Stadträtin SPD) und Klaus Springen (Redakteur bei den Erlanger Nachrichten), einen privaten Besuch in Wladimir abzustatten. Mit dieser Reise wollten die Delegationsteilnehmer den Verantwortlichen in Wladimir, aber auch möglichst vielen Menschen in der sowjetischen Stadt, vermitteln, gerade wegen der Konfrontation zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik seien Kontakte auf kommunaler Ebene und zwischen den Bürgern trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen besonders notwendig.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Die Idee wurde zügig umgesetzt. Auch wenn diese Reise eine private Initiative war, wurde selbstverständlich der Oberbürgermeister darüber informiert. In einem Schreiben an seinen Kollegen Michail Swonarjow, das Dietmar Hahlweg den Delegationsteilnehmern mit auf den Weg gab, drückte er seine Hoffnung auf eine weitere gute Entwicklung der noch jungen Kontakte aus. Auch kündigte er in diesem Schreiben an , er habe Herrn Uhl und Frau Mattischeck gebeten, vorbereitende Gespräche für geplante Austauschprogramme im folgenden Jahr zu führen. Zum aktuellen Anlaß des bevorstehenden Besuches formulierte der Oberbürgermeister: „Wir bedauern es zutiefst, daß es in diesem Jahr nicht möglich war, endlich die unselige Rüstungsspirale in ihrem Drang nach oben aufzuhalten, dieses Bemühen vielmehr sogar einen Rückschlag erlitten hat. Alle Seiten sollten sich dadurch aber bei aller Enttäuschung und Verhärtung nicht entmutigen lassen, sondern im nächsten Jahr neue Wege suchen. Wir haben keine andere Alternative als die friedliche Koexistenz, wenn die Welt überleben will“. Auch einen Brief des Landtagsabgeordneten Karl-Heinz Hiersemann an den Stadtsowjet von Wladimir konnten die Reiseteilnehmer mitnehmen. Darin äußerte dieser die Hoffnung, eine Städtepartnerschaft zwischen Wladimir und Erlangen könne trotz der Irritationen im Ost-West-Verhältnis zur Völkerverständigung ihren Beitrag leisten.

Die Reise nach Wladimir fand vom 8. bis zum 11. Dezember 1983 statt. Nachdem der Besuch in Wladimir angekündigt worden war, leisteten die sowjetische Botschaft, Intourist und die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Beziehungen (SSOD) unbürokratische und schnelle Hilfe z. B. bei der Visa-Beschaffung. Die drei Touristen mit einem politischen Anliegen wurden wie beim ersten Besuch im Sommer des gleichen Jahres überaus gastfreundlich empfangen – in Moskau bereits von der stellvertretenden Bürgermeisterin Wera Sorina. Ein umfangreiches Programm war vorbereitet. Dazu gehörten Gespräche mit der Stadtspitze, der Besuch in einer Schule und eines großen Armaturenwerkes. Die drei Erlanger bekamen damit Gelegenheit, ihren ganz persönlichen Appell für ein friedliches Zusammenleben der Völker vorzubringen und sich vom Raketenbeschluß der Bundesregierung und der sofortigen Stationierung zu distanzieren. Sie sprachen sich für eine atomwaffenfreie Zone in Europa aus und berichteten über die vielseitigen Friedensinitiativen in Erlangen und der Bundesrepublik. Im Vordergrund stand jedoch die Sorge, die noch junge Partnerschaft könne durch die Großwetterlage gefährdet sein. Diese Sorge auf Seiten der Erlanger Delegation wurde durch die Herzlichkeit und besondere Aufmerksamkeit, die man den Gästen entgegenbrachte, zerstreut. Anzunehmen ist natürlich, daß die Wladimirer Seite und damit die sowjetischen Verantwortlichen den privat initiierten Besuch nicht von einer offiziellen Visite unterschieden. Eine derartige private Aktion war damals von der anderen Seite schlechthin nicht vorstellbar.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Nach der Rückkehr nach Erlangen und einem ausführlichen Bericht in den Erlanger Nachrichten, den Klaus Springen, stellvertretender Redaktionsleiter und Delegationsteilnehmer in der Weihnachtsausgabe veröffentlichte, brach ein kleiner Sturm aus. Die CSU-Fraktion hatte die Teilnahme an der Reise nach Wladimir im Sommer des Jahres mit der Begründung abgelehnt, es gebe in Wladimir ein berüchtigtes Gefängnis für politische Häftlinge. Dieses Thema hatte Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg bei offiziellen Gesprächen durchaus angesprochen. Die CSU, ihr Fraktionsvorsitzender Gerd Lohwasser, rügte Stadtrat Claus Uhl für seine Äußerung in Wladimir, er, Claus Uhl, protestiere dagegen, daß von deutschem Boden abermals die Gefahr eines Krieges ausgehe. Zitat Lohwasser: „Dies ist eine völlig unhaltbare und mit nichts zu entschuldigende Aussage. Denn es ist doch ganz selbstverständlich, daß von deutschem Boden niemals mehr Gefahr für den Osten ausgehen darf und ausgehen wird“. Lohwasser warf den beiden Stadträten vor, sie seien als Kommunalpolitiker gar nicht kompetent gewesen, sich dort (in Wladimir) zu wichtigen außenpolitischen Fragen zu äußern. Deshalb würden die Äußerungen von Claus Uhl und Heide Mattischeck von einer vorgesetzten Behörde untersucht. Diese völlig überzogene Reaktion der CSU-Fraktion waren wohl nicht zuletzt der im März 1984 bevorstehenden Kommunalwahl geschuldet und der Hoffnung, mit einem vermeintliche „Skandal“ zu punkten.

Die Reaktion der Regierung von Mittelfranken ließ nicht lange auf sich warten. Mit Schreiben vom 27. Januar 1984 an den Oberbürgermeister der Stadt Erlangen wurde angefragt, ob es sich bei der Reise nach Wladimir/UdSSR um eine offizielle Delegation gehandelt habe. In diesem Fall wäre es rechtlich bedenklich, wenn die beiden Stadträte Äußerungen zur Verteidigungs- und Rüstungspolitik abgegeben hätten. Durch die Berichterstattung vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sei der Eindruck eines offiziellen Besuches entstanden. Der Oberbürgermeister wurde um Aufklärung des Sachverhaltes gebeten. In seinem Antwortschreiben nahm Dietmar Hahlweg wie folgt Stellung:

Die Reise erfolgte aus eigenem Entschluß und auf eigene Kosten der Reiseteilnehmer. Es trifft zu, daß ich nach der Unterrichtung über ihr Vorhaben die Gelegenheit wahrgenommen habe, dem Staatsratsvorsitzenden in Wladimir ein Schreiben überbringen zu lassen. Ferner habe ich – das ist in diesem Schreiben auch erwähnt – Frau Mattischeck und Herrn Uhl gebeten, nach Möglichkeit vorbereitende Gespräche über das angestrebte Austauschprogramm und den schon vereinbarten Besuch einer offiziellen Delegation der Stadt Waldimir in Erlangen, hier vor allem die Frage, ob ein bestimmter Termin akzeptiert wird, zu führen.

Damit war die Aufregung erschöpft. Es war wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Die so positive Entwicklung der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir hat gezeigt, daß die – vielleicht naive – Initiative von drei engagierten Menschen zumindest nicht geschadet hat. Das behutsame Bemühen von Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, auch die CSU-Fraktion von der Bedeutung der Partnerschaft mit einer sowjetischen Stadt zu überzeugen, hatte schlließlich Erfolg. Heute, bei wiederum schwieriger außenpolitischer Konstellation, besteht hoffentlich keine Gefahr, daß die über 30jährige Partnerschaftsbeziehung darunter leiden könnte.

Heide Mattischeck

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Ein großer Erfolg, die Kultur- und Sporttage der Stadt Erlangen vom 7. bis 13. September 1986 in Wladimir

Da rückte der schon rein zahlenmäßig bisher bedeutsamste Erlanger Besuch in Wladimir näher, die Erlanger Kultur- und Sporttage vom 7. bis 13. September 1986 in Wladimir. Eine Reisegruppe mit 1o6 Personen aus Erlangen und Umgebung ging erwartungsvoll auf die Reise in die inzwischen manchem durchaus schon vertraute, zukünftige Partnerstadt: An der Spitze der Oberbürgermeister mit Vertretern nunmehr aller Stadtratsfraktionen (die CSU-Fraktion vertrat Stadtrat Professor Dr. Erwin Wolf), dem Kulturreferenten und mit Frau Professor Fairy von Lilienfeldt, einem Mitglied der Universität. Der Sport (35 Personen) war mit Volleyball, Trampolin, Schach, Schwimmen und Tanzen dabei, die Kultur (47 Personen) mit dem städtischen Theater, dem Puppentheater Mechelwind, der Jazzgruppe Nardis, der E-Werk Band und der Volksmusikgruppe die „Burgbergler“. Werner Heider und das Klavierduo Vivien und Dirk Keilhack musizierten. Der Kunstverein präsentierte bildende Kunst – u.a. Christian Mannhardt mit einer Einzelausstellung – und die Schriftsteller Inge Meidinger-Geise, Gerd Ruge und Habib Bektas lasen aus ihren Werken.

Vivienne und Dirk Keilhack

Vivienne und Dirk Keilhack

Die Eröffnungsveranstaltung im vollbesetzten Schauspielhaus begann mit engagierten Reden der beiden Oberbürgermeister. Michail Swonarjow betonte die Bedeutung dieses Städtekontaktes gerade angesichts der damaligen gespannten politischen Großwetterlage, Dietmar Hahlweg hob das gemeinsame Bemühen um eine Zukunft in Frieden und Freiheit hervor. Nach den EN vom 17.09.86 hatte die Zeremonie fast den Anstrich eines Staatsaktes. „Beide Oberbürgermeister sprachen unter den Flaggen ihrer Staaten, die symbolisch verbunden waren durch die Aufschrift „Frieden“ in russisch und deutsch. Dazu erklangen noch nach den Reden der zwei Oberbürgermeister die Nationalhymnen“. Das sich daran anschließende Kulturprogramm moderierte der Erlanger Kulturreferent Wolf Peter Schnetz, als Dolmetscher fungierte Professor Wiktor Malygin. Besonders große Resonanz bei den Wladimirern fand bei einer abendlichen Freiluftveranstaltung im Stadtpark das Figurentheater Mechelwind mit seinem magischen Feuerspektakel „Kampf mit dem Drachen“. Michael Swonarjow war wie alle anderen Anwesenden davon so begeistert, daß er seinen Erlanger Kollegen am Arm packte und für ein kurzes Grußwort ans Mikrofon zog. Der wiederholte als Hauptanliegen: Frieden aber eben auch Freiheit.

Neben dem vielgestaltigen Kultur- und Sportprogramm war Teil des Programms auch eine Diskussion zum Thema „Die aktuellen Friedensprobleme, Sicherheitsfragen und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern“, veranstaltet von der „Wladimirer Abteilung der Gesellschaft UdSSR-BRD“ und ihrem Vorsitzenden, dem Historiker Professor Dmitrij Makejew. Hier saß, wie die Erlanger Nachrichten schrieben, der Erlanger Delegation die politische und geistige Prominenz der Stadt gegenüber. An der teils kontroversen Diskussion beteiligten sich u.a. auch Fairy von Lilienfeldt, Inhaberin des Lehrstuhls für Orthodoxe Theologie an der Universität Erlangen – Nürnberg und profunde Wladimir-Kennerin, sowie die Stadträte Dr. Rudolf Schwarzenbach (SPD) und Prof. Erwin Wolf (CSU). Letzterer, laut Erlanger Nachrichten „ein Mann, der einer Städtepartnerschaft mit Wladimir – um es gelinde auszudrücken – abwartend gegenüberstand“, erklärte beim Abschiedsessen, er werde sich nach dem hier Erlebten nunmehr in der CSU-Fraktion für die Partnerschaft einsetzten.

„Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen“. Dieses Fazit zog laut Erlanger Nachrichten vom 17.09.1986 Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg bei der Abschlußveranstaltung der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir. „Nicht nur der rauschende Erfolg“, so die EN weiter, „sondern auch die Offenheit und Herzlichkeit, die der Erlanger Delegation entgegengebracht wurden, fegten alle Skepsis über den Sinn einer Partnerschaft mit der russischen Stadt beiseite. Sie soll im nächsten Jahr offiziell besiegelt werden. Das ist das erklärte Ziel beider Seiten“.

Die offizielle Besiegelung der Städtepartnerschaft im Rahmen der Wladimirer Kultur- und Sporttage vom 29. Mai bis 4. Juni 1987 in Erlangen

Zu diesem Höhepunkt in der noch jungen Partnerschaftsgeschichte kamen 80 Wladimirer aus Politik, Kirche, Universität, Kultur und Sport mit Oberbürgermeister Michail Swonarjow an der Spitze nach Erlangen. Für die Orthodoxe Kirche war der Sekretär des Wladimirer Bischofs, Michail Kyrill angereist, für die Pädagogische Hochschule deren Rektor Dmitrij Makejew. Die Kultur war vertreten durch die Gesangs- und Tanzgruppe „Rus“, die Jazzcombo „Freski“, den Akkordeonisten Dmitrij Sacharow, die Sängerin Tatjana Bogdanowa und die Schauspieler Nikolaj Gorochow und Leonid Solowjow sowie ein Mitglied der Wladimirer Künstlervereinigung und den Schriftsteller Gennadij Nikiforow. Den Sport vertraten prominente Mitglieder der herausragenden Wladimirer Turnerschule, von der Damen-Jugendnationalmannschaft Swetlana Mironowa und Natalia Petrowa sowie von den Herren die beiden Weltmeister Jurij Koroljow und Wladimir Artjomow, die schon bei ihrem ersten Besuch in Erlangen, im Dezember 1984, die Erlanger begeistert hatten, zudem die Damen-Volleyballmannschaft des Pädagogischen Instituts und fünf Sporttänzer.

Die Eröffnung im Markgrafentheater am Ankunftstag begann mit Reden der beiden Oberbürgermeister. Dietmar Hahlweg sprach vom Glanzpunkt einer ereignisreichen Verlobungszeit, sein Kollege, Michail Swonarjow, sagte – ohne Generalsekretär Gorbatschow namentlich zu erwähnen -, das sowjetische Volk erlebe eine interessante Zeit, und die Demokratie in seinem Land gewinne an Bedeutung. Dem folgte ein Grußwort von Erwin Essl, München, dem ersten Vorsitzenden der Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit, der als Vermittler bei den einschlägigen Vorgesprächen in Moskau 1981 entscheidenden Anteil am Zustandekommen dieser Partnerschaft hatte. Sodann gestalteten Solisten und Ensembles aus Wladimir den, wie die Presse schrieb, „furiosen Auftakt der Wladimirer Tage in Erlangen“. Die Schlußszene vereinte, wie die Erlanger Nachrichten vermerkten, alle Mitwirkenden auf der Bühne, die singend, spielend und tanzend das Publikum begeistert hatten. Das Gesangs-und Tanzensemble Rus, das am Tag danach in der ausverkauften Stadthalle auftrat, folgte übrigens noch am Eröffnungsabend der Einladung zu einer Hochzeitsfeier in dem ländlich geprägten Erlanger Ortsteil Kriegenbrunn und nahm, von den Gästen bejubelt, daran bis Mitternacht teil. Der frisch vermählte Ehemann hatte selbst vor wenigen Jahren an einer Bürgerreise nach Wladimir teilgenommen.

Einen spannenden Verlauf nahm die Podiumsdiskussion im Kleinen Saal der Stadthalle zum Thema „Was heißt neues Denken?“ . Für Wladimir diskutierten Oberbürgermeister Swonarjow und der Prorektor der Pädagogischen Hochschule Wladimir, Dmitrij Makejew, auf Erlanger Seite Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Prof. Dr. Karl-Heinz Ruffmann von der FAU. Die Diskussion moderierte der Veranstalter, Volkshochschulleiter, Klaus Wrobel. Die Erlanger Nachrichten vom 03.06.1987 schrieben dazu:

„Sie stellen ziemlich spitze Fragen, seufzte der Geschichtsprofessor D. A. Makejew aus Wladimir nach zweieinhalb Stunden anstrengender Diskussion, und Michail Swonarjow fühlte sich ebenfalls „in die Defensive gedrängt“. Zimperlich ging das Publikum in dem Kleinen Saal der Stadthalle mit den sowjetischen Gästen, die auf dem Podium über Glasnost (Offenheit), Perestrojka und Kremelchefs Gorbatschow „neues Denken“ Auskunft gaben, wirklich nicht um. Mit Erlangen hat sich Wladimir einen freundlichen, gleichzeitig aber hellwachen und kritischen Partner ausgesucht. (…) Nach längerer Debatte über die Vermutung von Oberbürgermeister Hahlweg, daß Moskau möglicherweise das Ziel der Weltrevolution aufgegeben habe, einigten sich Erlanger und Wladimirer auf einen von Prof. Ruffmann angebotenen Kompromiß: „Die Sowjets sind keine Weltrevolutionäre, und die Deutschen sind keine Revanchisten. Das war etwas holzschnittartig, zur Versöhnung zwischen den nicht nur räumlich weit auseinanderliegenden Partnerstädten trug es aber gleichwohl bei . “Sie sehen in uns vielleicht Revoluzzer und rote Agitatoren“, meinte der Historiker Makajew, „aber wir hatten nach 1945 auch bei dem Wort Deutsche ganz bestimmte Assoziationen.“ Er glaube fest daran, daß die Zeit kommt in der wir zueinander Freunde sagen können.“ Pater Kyrill, ein Priester der russisch-orthodoxen Kirche aus Wladimir, hatte während der Diskussion geschwiegen, “weil christliche Belange hier kaum eine Rolle spielten.“ Am Schluß äußerte er dennoch zwei Wünsche: daß im Rahmen des Partnerschaftsvertrages auch Geistliche ausgetauscht werden, “und daß unsere Kinder nie mehr gegeneinander kämpfen – es sei denn, über das Mikrofon“.

Auch alle weiteren Veranstaltungen, vom Schauturnen mit den Wladimirer Weltmeistern in der Vierfachhalle über die Tanzveranstaltung in der Stadthalle, von der Aufführung im Garagentheater über die Schriftstellerbegegnung im Kulturtreff, vom Jazz-Konzert im E-Werk bis zum gemeinsamen Ausflug mit der Dampfbahn nach Behringersmühle im Wiesenttal, sie alle waren von großem gegenseitigen Interesse geprägt, aber auch von einer erstaunlichen Unbefangenheit und Vertrautheit. Das lag wohl daran, dass sich durch den Austausch in den zurückliegenden vier Jahren doch schon relativ viele Menschen in Wladimir und Erlangen kennengelernt und Vertrauen zueinander gefunden hatten und auch die anderen sehr schnell das Gefühl bekamen, hier bei Befreundeten zu Besuch und höchst willkommen zu sein.

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dieter Habermeier, Fränkische Schweiz 1987

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dieter Habermeier, Fränkische Schweiz 1984

Einstimmiger Beschluß und Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages am 03.06.1987

Der Höhepunkt des Besuchsprogramms, die Sondersitzung des Erlanger Stadtrates mit Beschluß und Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages am 3. Juni 1987, stand somit auf dem soliden Fundament des auf dem Engagement vieler in vier Jahren Gewachsenen. Erfreulicherweise konnte dieser offizielle Partnerschaftsbeschluß nun einstimmig gefaßt werden. Auch die CSU-Fraktion, die lange gezögert hatte, stimmte zu. Das entsprach der in Erlangen in internationalen Angelegenheiten bis dahin bewährten Praxis, die der Oberbürgermeister gerade auch bei dieser so wichtigen Partnerschaft gewahrt sehen wollte. Anzuerkennen ist die Geduld der damaligen Stadtratsmehrheit und vor allem auch das Verständnis der Partner in Wladimir, die, im Wissen um den schwierigen Meinungsbildungsprozeß in der CSU, mit dem Zuwarten einverstanden waren, obwohl sie den offiziellen Partnerschaftsvertrag auch schon 1984 für entscheidungsreif angesehen hatten.

Nun war es also so weit. Oberbürgermeister Hahlweg betonte zu Beginn der Aussprache noch einmal, wie wir in Erlangen bei der Aussöhnung und Verständigung mit unseren östlichen Nachbarn mitwirken und den uns möglichen Beitrag leisten wollten. Die 1981 in Moskau angefragte Kontaktmöglichkeit zu einer Stadt in der Sowjetunion und die dann nach dem Angebot der Stadt Wladimir seit 1983 stattgefundenen gegenseitigen Besuche und Begegnungen hätten
„unsere kühnsten Erwartungen und leidenschaftlichen Hoffnungen“ weit übertroffen. Schon in relativ kurzer Zeit sei klar geworden, daß dieser Städtekontakt trotz weiter Entfernung, trotz Sprachschwierigkeiten und trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen „auf dem besten Weg zu einer lebendigen Bürgerpartnerschaft ist“. Zusätzliche Entfaltungsmöglichkeiten für solche deutsch-sowjetischen Städtekontakte könne die neue Entwicklung in der Sowjetunion bieten, welche durch die Begriffe „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“  (Offenheit / Transparenz) geprägt sei. Dem stimmten die Sprecher der SPD, der FDP und der Grünen voll zu. Der Vorsitzende der CSU-Fraktion, Gerd Lohwasser, verwies nochmals auf die ursprünglichen Bedenken seiner Fraktion, signalisiert dann aber klare Zustimmung. Vor der dann anstehenden Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde erinnerte auch Wladimirs Oberbürgermeister, Michail Swonarjow, in seinem Grußwort an die Neuerungen unter Parteichef Michail Gorbatschow und an dessen Abrüstungsinitiativen. Die Städtepartnerschaft könne in diesem Rahmen einen Beitrag zu Frieden, Aussöhnung und Völkerverständigung leisten und helfen, “eine gemeinsame Sprache bei der Lösung komplizierter Probleme zu finden“. Die Partnerschaftsurkunde hat folgenden Wortlaut:

1. Die Städte Erlangen und Wladimir begründen feierlich eine Städtepartnerschaft.
2. Es ist ihr gemeinsamer fester Wille, mit engen und vielfältigen Kontakten die Bürger beider Städte freundschaftlich miteinander zu verbinden und damit zur gegenseitigen Verständigung unter den Völkern und zu einem gesicherten und dauerhaften Frieden beizutragen.
3. Auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ausgewogenheit verpflichten sich beide Städte, die Beziehungen auf kulturellem, wirtschaftlichem, sportlichem und kommunalpolitischem Gebiet so intensiv wie möglich zu gestalten. Dabei gilt den Kontakten junger Menschen die besondere Aufmerksamkeit der Partner.
4. Die an partnerschaftlichen Beziehungen interessierten Organisationen, Betriebe und Vereine entwickeln ihre Aktivitäten unter Berücksichtigung dieser Vereinbarung und in gegenseitiger Abstimmung.
5. Konkrete Absprachen über Maßnahmen werden jeweils für zwei bis drei Jahre getroffen.
6. Diese Vereinbarung gilt unbefristet und ist auf Deutsch und Russisch ausgefertigt.

Gemäß dieses Partnerschaftsvertrages, der am 4. Juli 1987 auch die volle Zustimmung des Stadtrates in Wladimir fand, wurden gleich konkrete Absprachen für die nächsten Jahre getroffen. So würde neben weiteren Begegnungen zwischen Kultur- und Sportverbänden ein Schwerpunkt auf dem Austausch von Studenten und Dozenten mit dem Ziel der Überwindung von Sprachbarrieren liegen.

Schluß und Ausblick

Vom bemerkenswerten Schwung der Anfangsjahre zur inzwischen über dreißigjährigen mehrfach ausgezeichneten, modellhaften Bürgerpartnerschaft – und dies mit neuer Bedeutung

Auch in der Rückschau ist es bemerkenswert, daß das, was vielen anfangs utopisch erschien, nämlich eine lebendige Bürgerpartnerschaft zwischen einer deutschen und einer russischen Stadt, innerhalb von nur vier Jahren beglückend erfolgreichen in Fahrt kam. Diese Anfangsphase ist sehr gut schriftlich festgehalten worden, einmal von den Erlanger Nachrichten, besonders dem Mitglied der ersten Delegation, Peter Millian, aber auch von Klaus Springen, Karin Rokos und Udo B. Greiner, zudem in Dokumentationen vom Bürgermeister- und Presseamt – hier durch Herbert Lerche, der als Beauftragter für die Partnerschaft auch den „Arbeitskreis Wladimir“ bei der VHS betreute – und vom Kulturamt durch Georg Leipold. Vorreiter für die gezielt angestrebten Bürgerkontakte und deren weitere Begleitung war die Volkshochschule Erlangen mit ihrem Leiter, Dr. Klaus Wrobel.

Die Gründe für den erstaunlichen Anfangserfolg sind vielfältig. Dazu gehören die spontane Sympathie füreinander und das gegenseitige Vertrauen der engeren Beteiligten schon beim ersten Treffen im Juli 1983; dann aber ebenso die große Aufgeschlossenheit vieler Erlanger, die die neuen Kontaktmöglichkeiten freudig nutzten und durchgängig von der großen Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Kontaktpartner in Wladimir überwältigt waren.

Die Entwicklung lief nach Abschluß des offiziellen Partnerschaftsvertrages ungebremst weiter; die Vielfalt und Vielzahl der Kontakte, Projekte und zeitweise von Hilfsaktionen nahmen weiter zu. Großen Anteil an diesem Erfolg hat Peter Steger, der nach zweijähriger ehrenamtlicher Tätigkeit ab 1987 dann hauptamtlich, aber zunächst befristet, im Bürgermeister- und Presseamt die Pflege der Städtepartnerschaft mit Wladimir übernahm. Eine Idealbesetzung, wie sich bald herausstellte. Der gelernte Slawist mit hervorragenden Kenntnissen der russischen Sprache schaffte es in kurzer Zeit, nicht nur das Vertrauen der Erlanger, sondern ebenso der Wladimirer zu gewinnen. Nachdem auch die jeweiligen Nachfolger des Gründungsduos Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg im Amt des Oberbürgermeisters gute persönliche Kontakte pflegten und das große Interesse aneinander in beiden Städten auf hohem Niveau erhalten blieb, entwickelte sich die Partnerschaft weiter gut. Zum starken Stützpfeiler und Kristallisationspunkt der Partnerschaft wurde seit 1995 das Erlangen-Haus in Wladimir, um dessen Entstehen sich in Wladimir Oberbürgermeister Igor Schamow und in Erlangen der berufsmäßige Stadtrat Rudolf Schwarzenbach und Helmut Eichler als baulicher Leiter und Motor des schwierigen Sanierungsprojektes besonders verdient gemacht haben. Die Verantwortung für die verwaltungsmäßige Abwicklung der vielfältigen Partnerschaftangelegenheiten lag von 1986 bis 2012 in den zuverlässigen und dabei doch flexiblen und unbürokratischen Händen des Leiters des Bürgermeister- und Presseamtes, Helmut Schmitt.

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Wegen ihrer nachhaltig positiven Entwicklung ist die lebendige Bürgerpartnerschaft Erlangen – Wladimir mehrmals ausgezeichnet worden. So besonders ehrenvoll 2002 durch den damaligen Bundespräsidenten Rau mit dem „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“. Laudatorin Gabriele Krone-Schmalz sprach dabei vom „leuchtenden Beispiel“ einer Städtepartnerschaft.

Die Aussichten, daß es so weitergeht, sind grundsätzlich gut. Die lokale Volksdiplomatie wird sogar, wie in der Anfangsphase, als immer wieder von der angespannte international Lage die Rede war, jetzt im Verhältnis Rußland – Deutschland wieder besonders dringend gebraucht. So froh und stolz wir auf kommunaler Ebene auf das sind, was wir in den vergangenen 30 Jahren zur Aussöhnung und zum dauerhaften Frieden mit Rußland beitragen konnten, so sehr bedrückt uns die nicht mehr für möglich gehaltene fortschreitende Entfremdung im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Unser aller sehnlichster Wunsch ist daher eine möglichst schnelle Lösung auf strikt diplomatischem Wege. Dabei kann, will und muß unsere Städtefreundschaft mithelfen.

Dr. Dietmar Hahlweg
Altoberbürgermeister

Quellen
Erlangen-Wladimir/UdSSR, Dokumentation eines Städtekontaktes, Stadt Erlangen, Bürgermeister- und Presseamt, Erlangen, im Juli 1984

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Heute Teil 3 der Aufzeichnungen von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu den Anfängen der Bürgerpartnerschaft Erlangen – Wladimir:

Daraus einige Auszüge:

Was spricht für Kontakte mit einer Stadt in der UdSSR ?

Es besteht somit kein Zweifel, daß die Städte und Gemeinden unseres Landes wie schon bei der Aussöhnung mit den Nachbarn im Westen einen entscheidenden Beitrag auch zur Aussöhnung, zum besseren Verstehen mit unseren Nachbarn im Osten leisten können und leisten sollten. Die Stadt Erlangen mit ihrer weltoffenen Universität, ihrer weltoffenen Wirtschaft, einer entsprechend weltoffenen und engagierten Bürgerschaft sollte sich dieser wichtigen und bezüglich der kulturellen Möglichkeiten auch reizvollen Aufgabe nicht entziehen.

Für den Aufbau freundschaftlicher Kontakte zu einer sowjetischen Stadt spricht das überaus große Interesse, das sich im Rahmen der seit Ende Januar laufenden breiten öffentlichen Diskussion bei vielen Organisationen, Gruppen, Vereinen und Einzelpersonen zeigt und zum Ausdruck gebracht worden ist. Bei wenigen ablehnenden und kritischen Stimmen haben sich eindeutig überwiegend positiv geäußert: Stimmen aus dem kirchlichen Bereich, dem Bereich der Wissenschaft, des Stadtjugendrings, ferner der Heimatverein, der Stadtverband kultureller Amateurvereine, Kulturgruppen sowie Stimmen aus dem Bereich des Sports.

Danach kann kein Zweifel daran bestehen, daß ebenso wie bei Rennes und Eskilstuna eine breite Basis für lebendige Kontakte zu einer sowjetischen Stadt vorhanden ist.

Dietmar Hahlweg und seine erste offizielle Delegation in Wladimir

Dietmar Hahlweg und seine erste offizielle Delegation in Wladimir

Was spricht für Kontakte zur Stadt Wladimir?

Bevor im Februar 1983 das Angebot der Stadt Wladimir vorlag, gab es in Erlangen bei der Universität, im Bereich des Sports besonders aber bei der Volkshochschule eine ganze Reihe von Bürgerinnen und Bürgern, die Wladimir kannten, sich der kulturhistorischen Bedeutung und auch der Bedeutung des modernen Wladimir bewußt waren. Das inzwischen über Wladimir vorliegende Informationsmaterial, vor allem aber auch der Besuch der Stadt Wladimir durch eine offizielle Delegation des Erlanger Stadtrates in Begleitung eines Vertreters der Erlanger Nachrichten ergeben eindeutig:
Die erklärte Bereitschaft der Stadt Wladimir, mit Erlangen freundschaftliche Kontakte aufzubauen, ist für unsere Stadt sehr ehrenvoll. Ehrenvoll einmal wegen der großen historischen und kulturhistorischen Bedeutung, die diese altrussische Stadt heute noch spürbar prägt. Ehrenvoll aber auch bezüglich der Tatsache, daß das moderne Wladimir mit seinen 330.000 Einwohnern als Zentrum einer Region mit 1,6 Millionen Einwohnern sehr gute Voraussetzungen für einen regen Austausch in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen mit sich bringt. Äußerst günstig für breite und lebendige Kontakte ist die Tatsache, daß Wladimir nur 200 km von Moskau entfernt liegt, eine Reise dorthin also ganz selbstverständlich auch mit einem Besuch der 8-Millionenstadt Moskau verbunden werden kann.“

Die Tatsache, dass es in Wladimir eine berüchtigtes Gefängnis gibt, das übrigens auch schon vor der Revolution, also zur Zeit der Zaren, berüchtigt war, kann kein Argument gegen Kontakte zur Stadt Wladimir sein. Schon einmal deshalb nicht, weil es sich bei diesem Gefängnis nicht um eine städtische, sondern um eine staatliche Einrichtung handelt. Dazu kommt ein Zweites: Wenn überhaupt Hilfe für Insassen dieses Gefängnisses möglich ist, dann bestimmt nicht dadurch, daß man es erst gar nicht zu Gesprächen zwischen den Bürgern beider Städte kommen läßt.“

Weiteres Vorgehen

Der Ältestenrat hat am 21.4.1983 auf Vorschlag der Verwaltung mit Mehrheit beschlossen, daß die Festlegungen über Art und Umfang von freundschaftlichen Kontakten mit möglichst breiter Berücksichtigung der Bevölkerung der beiden Städte nach dem Austausch der beiden Delegationen getroffen werden.
Der Besuch der Erlanger Delegation in Wladimir hat aber nun nach einmütiger Einschätzung aller Delegationsmitglieder ergeben, daß der Aufbau freundschaftlicher Kontakte zu Wladimir von großem Interesse und Vorteil für die Stadt Erlangen und ihre weltoffene und engagierte Bürgerschaft wäre. Dieser Eindruck der offiziellen Delegation ist bestätigt worden von den Teilnehmern der Studienfahrt der Volkshochschule Erlangen in die Sowjetunion, die von den Repräsentanten der Stadt Wladimir als erste Bürgergruppe aus Erlangen offiziell empfangen worden ist.

Gespräche, die die offizielle Delegation Anfang August und der Leiter der Erlanger Volkshochschule, Klaus Wrobel, im Auftrag des Oberbürgermeisters Ende August in Wladimir geführt haben, und die Kontaktinteressen, die aus der Erlanger Bürgerschaft vorliegen, wie zum Beispiel das Interesse des Stadtjugendringes, legen es nahe, schon jetzt mit den zuständigen Stellen in Wladimir und Moskau über konkrete Austauschprogramme in den nächsten drei Jahren zu verhandeln und dieses Programm dann anläßlich des Gegenbesuches der Vertreter der Stadt Wladimir zu vereinbaren.
Voraussetzung hierfür ist ein Votum des Erlanger Stadtrates, daß er bereit ist, mit der Stadt Wladimir freundschaftliche Kontakte aufzunehmen, in deren Rahmen die Bürgerschaft unserer Städte, das heißt die Gruppen, Vereine, Organisationen und Einzelpersonen, auf breitestmöglicher Basis Gelegenheit bekommen sollen, sich gegenseitig zu besuchen und kennenzulernen.

Auch wenn man die Meinung vertreten kann, daß man ähnlich wie im Falle Saarbrücken/Tiflis schon jetzt über einen förmlichen Partnerschaftsvertrag reden und entscheiden könnte, so spricht doch vieles für den Weg, den die Städte Ludwigshafen und Zumgait gehen. Dort hat man sich zuerst auf ein mehrjähriges Austauschprogramm geeinigt. Nach dessen Ablauf soll entschieden werden, ob diese Städtefreundschaft genügend Substanz für eine offizielle und damit dauerhafte Partnerschaft hat.

Dieser Weg der schrittweisen Annäherung trägt auch der Tatsache Rechnung, daß die Kontakte zu Wladimir bedauerlicherweise von Anfang an kontrovers diskutiert worden sind. Ein schrittweises Vorgehen verbessert die Aussichten für eine weitgehend einmütige Zustimmung zu diesen Kontakten in der Bürgerschaft und im Stadtrat.

Beschluß des Stadtrates mit 27 gegen 23 Stimmen

1. Die Stadt Erlangen und ihre Bürgerschaft wissen aus eigener Erfahrung, daß Städtekontakte einen wichtigen Beitrag zur Aussöhnung und zum Abbau von Misstrauen und Vorbehalten zwischen den Völkern leisten können und damit der Völkerverständigung und der Festigung eines friedlichen Zusammenlebens dienen.
2. So wie die Städtepartnerschaften einen wichtigen, unverzichtbaren Beitrag zur Aussöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Westen geleistet haben, können und sollten sie dafür auch bei der überfälligen Aussöhnung mit den Nachbarn im Osten – trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme – genutzt werden.
3. In Erkenntnis dieser wichtigen Aufgabe und dem Wissen, daß das Interesse der Erlanger Bürgerschaft an freundschaftlichen Kontakten zu einer sowjetischen Stadt und ihren Bürgern groß ist, begrüßt die Stadt Erlangen die Bereitschaft der sowjetischen Stadt Wladimir, dauerhafte freundschaftliche Kontakte zwischen unserer Städten aufzubauen. Nach übereinstimmenden Bekundungen der Vertreter beider Städte ist es das Hauptziel dieses angestrebten Städtekontaktes, daß sich die Bürger und die gesellschaftlichen Gruppen beider Städte auf breiter Basis gegenseitig besuchen, Meinungen und Informationen austauschen und sich dadurch kennen- und verstehenlernen können.
4. Die Verwaltung wird beauftragt, unter Nutzung der bereits bei anderen Kontakten zwischen Städten der Bundesrepublik und der Sowjetunion gesammelten Erfahrungen mit den zuständigen Stellen in Wladimir ein Austauschprogramm zu erarbeiten und einen Partnerschaftsvertrag vorzubereiten.

Die vorstehenden Textauszüge zeigen deutlich: Der Oberbürgermeister und die damalige Stadtratsmehrheit von SPD und FDP waren im Herbst 1983 fest entschlossen, die Chance einer Partnerschaft mit Wladimir zu nutzen, dies auch wenige Monate vor der für März 1984 anstehenden Stadtrats- und OB-Wahl. Gleichzeitig rang man sich aber dazu durch – einige nur widerwillig -, mit dem Aufschieben des förmlichen Partnerschaftsbeschlusses der CSU die Tür für ein späteres Mitmachen offenzuhalten; bis dahin hatte es sich sehr bewährt, in internationalen Angelegenheiten im Stadtrat einmütig zu agieren – daran wollte insbesondere der Oberbürgermeister nach Möglichkeit festhalten. Nun konnte zügig an die Vorbereitung des für Juni 1984 geplanten Gegenbesuches der ersten offiziellen Delegation aus Wladimir gegangen werden, zumal auch die Stadtrats- und OB-Wahl im März 1984 die Mehrheiten im Stadtrat für die Partnerschaft voll bestätigten.

Heide Mattischeck, Erich Mondon, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub, Claus Uhl

Heide Mattischeck, Erich Mondon, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub, Claus Uhl

Bevor die offizielle Delegation aus Wladimir mit Oberbürgermeister Michail Swonarjow im Juni 1984 zu ihrem dreitägigen Besuch anreiste, besuchte als erster quasi offizieller Repräsentant der Stadt Wladimir, Jurij Fjodorow, Mitglied und Sekretär des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, vom 25. April bis 2. Mai 1984 Erlangen. Er hatte sowohl beim ersten Besuch der Erlanger Delegation im Juli 1983 wie auch bei dem anschließenden Besuch der Bürgergruppe der VHS Erlangen im September 1983 eine erkennbar wichtige Rolle gespielt. Jetzt bei seinem vorbereitenden Besuch in Erlangen – er legte Wert darauf, dessen inoffiziellen Charakter zu betonen – eröffnete er im Rathaus eine aus Wladimir mitgebrachte informative Fotoausstellung „Die Stadt Wladimir grüßt recht herzlich“. Im Rahmen seines umfangreichen Besuchsprogramms stellte sich der Gast auch den Mitgliedern des Arbeitskreises „Partnerschaft mit Wladimir“ der Volkshochschule Erlangen, von denen er neben dem Leiter der VHS, Klaus Wrobel, auch einige andere von deren vorjährigem Besuch in Wladimir kannte, einer offenen Diskussion. Dabei betonte er, daß Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir auf breiter Basis, unter Einbeziehung breiter Bevölkerungskreise, erst nach Abschluß formeller Partnerschaftsverhandlungen möglich seien. Er fügte hinzu, man empfände es in Wladimir als Belastung, daß in der Bundesrepublik die Nachrüstung der Nato mit Pershing-II-Raketen und Cruise-Missel-Marschflugkörpern nicht habe verhindert werden können, wenngleich er die Bemühungen der Friedensbewegung und die Anstrengungen seitens der Stadtratsmehrheit in Erlangen durchaus anerkenne (s. EN 28./29.04.1984 in Dokumentation vom Juli 1984).

Dietmar Hahlweg und Jurij Fjodorow bei der Eröffnung der Photoausstellung

Dietmar Hahlweg und Jurij Fjodorow bei der Eröffnung der Photoausstellung

Auch als eine Art Vorbereitung des Besuches der ersten offiziellen Delegation aus Wladimir im Juni 1984 empfanden sich Vertreter des Stadtjugendrings, die Ende Mai desselben Jahres für fünf Tage in Wladimir weilten. Auch sie spürten das große Interesse an Kontakten und betonten ebenfalls die Freundlichkeit und Herzlichkeit der sowjetischen Gesprächspartner, gerade auch „bei Kontakten mit Nicht-Funktionären“ (EN v.02./03.06.1984).

Vom 18. bis 25 Juni 1984 reiste sodann die erste offizielle Delegation aus Wladimir an, bestehend aus dem Oberbürgermeister, Michail Swonarjow, dem Direktor des Traktorenwerkes, Anatolij Grischin, einem Brigadeführer der Abteilung Bau dieses Werkes, Anatolij Kostramin, und der deutschsprechenden Chemielaborantin, Ludmila Beliskowa. Das mit Besichtigungen und Informationsgesprächen randvolle Programm begann am Ankunftstag, einem Montag , mit einem Stadtspaziergang und anschließendem Besuch der Erlanger Bergkirchweih. Nach anfänglicher Beklommenheit wegen der riesigen Menge fröhlich feiernder Menschen fühlten sich die russischen Gäste bald freundlichst auf- und angenommen und bewunderten, daß so viele Menschen gleichzeitig so gut mit Speis und Trank versorgt waren.

An den folgenden Tagen standen eine Stadtrundfahrt, Besichtigungen sozialer und sportlicher Einrichtungen sowie städtebauliche Projekte auf dem Programm, zudem Besuche des Siemensgerätewerkes und des Siemens Unternehmensbereiches Medizin. Beim offiziellen Stadtempfang der Delegation sprachen neben den beiden Oberbürgermeistern auch die Fraktionsvorsitzenden, Rudolf Schwarzenbach (SPD) und Gerd Lohwasser(CSU). Letzterer erläuterte dabei die bisheriger Zurückhaltung der CSU, was er am nächsten Tag bei den Gesprächen der Delegation mit den einzelnen Fraktionen noch vertiefte. Am 21.06.1984, dem Fronleichnamstag, stand ein Ausflug in die Fränkische Schweiz auf dem Programm, mit der traditionellen Prozession in Effeltrich und Begrüßung durch den Bürgermeister von Behringersmühle in der Stempfermühle. Die Nordbayerischen Nachrichten vom 28.06.1984 schrieben dazu: “Den russischen Gästen gefiel es sichtlich im Wiesenttal und einige nahmen sogar ein Bad in der Wiesent.“ Übrigens hatten auch die Mitglieder der Erlanger Delegation im Juli 1983 die Gelegenheit genutzt, ein Bad in der Kljasma zu genießen.

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Ein Schwerpunkt des Besuches war die Beratung eines ausführlichen Austauschprogramms bis 1987, das am 22.06.1984, dem Abreisetag nach München, mit folgendem Inhalt unterzeichnet wurde:

Vereinbarung über ein Austauschprogramm anläßlich des Aufenthaltes der Delegation aus der Stadt Wladimir in der Stadt Erlangen

Wie im Arbeitsprotokoll der offiziellen Delegation der Stadt Erlangen in Wladimir unter der Leitung von Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg vorgesehen, hielt sich eine Delegation des Exekutivkomitees des Rates der Volksdeputierten der Stadt Wladimir unter der Leitung seines Vorsitzenden, Michail Swonarjow, vom 18. bis 24. Juni 1984 in Erlangen auf, um die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Städten aufzubauen.

Vom 28. Juli bis 3. August 1983 hatte eine offizielle Delegation der Stadt Erlangen die Stadt Wladmir besucht. Damit war der Grundstein für die Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen zwischen den beiden Städten gelegt. Seit August 1983 besuchten Studienreisende der Erlanger Volkshochschule , eine Jugendleiter-Delegation sowie eine Reisegruppe der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr die Stadt Wladimir. Im April 1984 wurde in Erlangen eine Photoausstellung über die Stadt Wladimir gezeigt.

Die so hergestellten Kontakte förderten die Entwicklung hin zu partnerschaftlichen Beziehungen und trugen durch den Austausch von Informationen und Meinungen sowie durch persönliche Eindrücke zum gegenseitigen Verständnis bei.

Die Beziehungen zwischen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Bundesrepublik Deutschland sollten unbedingt weiter verbessert werden. Wir wollen alles tun, um auch künftigen Generationen den Frieden zu gewährleisten. Dazu verpflichten uns der Moskauer Vertrag und die Schlußakte von Helsinki.

Partnerschaftliche Beziehungen zwischen unseren Städten helfen mit, dieses hohe Ziel zu erreichen. Sie tragen dazu bei, die konstruktiven Beziehungen weiterzuentwickeln, die zwischen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken und der Bundesrepublik Deutschland schon seit mehreren Jahren bestehen und es erleichtern, Lösungen für komplizierteste Probleme zu finden.

Beide Seiten sprechen sich deshalb dafür aus, die Kontakte zwischen unseren Städten unter breiter Beteiligung aller Bevölkerungskreise weiterzuentwickeln sowie kulturellen, sportlichen und touristischen Austausch herbeizuführen. Dadurch wird das gegenseitige Verständnis gefördert und zur Festigung des Friedens in der gegenwärtigen zugespitzten internationalen Lage beigetragen.

Diesem Ziel dient das nachfolgende Programm für die Jahre 1984 bis 1987:

1984
Oktober: Studienreise der Volkshochschule Erlangen in die UdSSR mit Aufenthalt in Wladimir vom 18. bis 21. Oktober 1984. Im Rahmen dieses Besuches wird die Photoausstellung der Stadt Erlangen in Wladimir eröffnet.

1985
Mai: Gegenbesuch einer offiziellen Jugendleiterdelegation aus Wladimir in Erlangen.
Mai: Eine Folkloregruppe und ein Chor aus Erlangen besuchen Wladimir. Eventuell wird ein Photograph und ein Journalist die Gruppe begleiten. Im Rahmen dieser vom Stadtjugendring veranstalteten Reise soll auch ein Erlangen-Film in Wladimir gezeigt werden.
Juni: Eine Reisegruppe der Volkshochschule Erlangen besucht Wladimir.
August/September: Studienreise der Volkshochschule Erlangen in die UdSSR mit Aufenthalt vom 2. bis 5. September 1985 in Wladimir.
Oktober: Eine Reisegruppe mit Künstlern, Sportlern und eventuell einem Journalisten besucht Erlangen.
Herbst: Der Kunstverein Erlangen veranstaltet eine Ausstellung mit Werken Wladimirer Künstler in Erlangen.

1986
Zweite September-Woche: In Wladimir finden „Erlanger Kulturtage“ mit Teilnehmern aus den Bereichen der Kultur und des Sports statt.
Unter anderem veranstaltet der Kunstverein Erlangen eine Ausstellung „Erlanger Künstler in Wladimir“.

1987
Woche vor Pfingsten: In Erlangen finden „Wladimirer Kulturtage“ statt.

Unterschriften der beiden Oberbürgermeister
Erlangen, den 24.06.1984

Bemerkenswert an dieser Vereinbarung ist, daß sich die sowjetischen Partner auch ohne einen förmlichen Partnerschaftsvertrag zu einem so detaillierten Austauschprogramm bereitfanden und damit auf unsere ausdrückliche Bitte ein weiteres Mal, wie schon im Juli 1983, verständnisvolle Geduld mit unserem Bemühen zeigten, durch überzeugende Kontaktbeispiele die CSU-Fraktion schließlich doch noch mit einzubinden.

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Zudem dokumentierte das Programm auch schon deutlich die von beiden Seiten im einleitenden Text hervorgehobene „breite Beteiligung aller Bevölkerungskreise“. Es gab darüber hinaus nur den groben Rahmen vor und ließ spontan Zusätzliches durchaus zu. So besuchte noch im Dezember 1984 eine breitgefächerte Delegation des Erlanger Stadtverbandes der Kulturvereine unter Leitung ihres Vorsitzenden, Hans-Bernhard Nordhoff (SPD), Wladimir. Unter den vielen Kontakten, die dabei zustande kamen, war auch der zum Kammerchor Wladimir unter der Leitung von Eduard Markin, der die Delegation in seinen Bann schlug. Aus der sogleich spontan ausgesprochenen Einladung nach Erlangen wurde eine höchst erfolgreiche Tournee dieses Chores vom 13. bis 24. November 1984. Bei den vielen Konzerten in Erlangen und Umgebung fand der Chor in der Vorweihnachtszeit begeisterte Zustimmung und schuf so eine breite emotionale Basis für die entstehende Partnerschaft mit Wladimir. Die Abwicklung der für den Rest des Jahres 1984 und für 1985 vereinbarten Programmpunkte liefen plangemäß, dazu auch Ungeplantes völlig problemlos.

Fortsetzung folgt.

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Heute nun die Fortsetzung des Rückblicks von Altoberbürgermeister auf die ersten fünf Jahre der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, die entscheidende Periode:

Schon beim ersten offiziellen Besuch in Wladimir entstehen Nähe und Vertrauen

Der Besuch der offiziellen Stadtratsdelegation in Wladimir fand vom 29. Juli bis 1. August 1983 statt. Ihr gehörten Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Stadträtin Heide Mattischeck als Vertreterin der SPD-Stadtratsfraktion und Stadtrat Claus Uhl für die FDP-Fraktion an. Die CSU-Fraktion hatte nach eingehender Diskussion eine Beteiligung an der Delegation abgelehnt. Der dadurch freigewordene Platz wurde den Erlanger Nachrichten angeboten, die Peter Millian entsandten.

Mira Woronitschewa, Peter Millian, Dietmar Hahlweg

Mira Woronitschewa, Peter Millian, Dietmar Hahlweg

Der Aufenthalt in Wladimir nahm vom herzlichen Empfang mit Blumen auf dem Moskauer Flughafen durch die stellvertretende Vorsitzende des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, Bürgermeisterin Wera Sorina, bis zur Verabschiedung durch die gesamte Stadtspitze auf dem Moskauer Flughafen einen außerordentlich positiven Verlauf. Die anfängliche Befangenheit wich schnell einem locker, vertrauten Umgang, was neben den beteiligten Personen mit dem sehr einfühlsam zusammengestellten Programm zusammenhing. Dem offiziellen Empfang im Rathaus, traditionell mit Brot und Salz, folgten in bunter Mischung Besuche staatlicher, kommunaler und gesellschaftlicher Institutionen, Betriebsbesichtigungen einschließlich deren umfangreichen kulturellen und sozialen Einrichtungen, Rundgänge in der Stadt und Ausflüge ins Umland mit Besuch der nahegelegenen bekannten Klosterstadt Susdal.

Beim Besuch des mit 17.000 Beschäftigten größten Arbeitgebers am Ort, des Traktorenwerkes, wurde Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg überraschend gebeten, zu den ca. 150 Betriebsangehörigen zu sprechen, die sich in der Mittagspause zu Ehren der Erlanger Delegation versammelt hatten. Beeindruckend bei all diesen einzelnen Besuchen, ob im Kindergarten oder im Betrieb: Überall waren Freude, Interesse und die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft spürbar. Überall, auch bei Kurzbesuchen, waren reichlich Speis und Trank liebevoll aufgetischt, gab es Gastgeschenke. Die russische Freude am guten und fröhlichen Essen und Trinken tat ihr weiteres zum schnellen Kennenlernen. Dabei war es nicht nur die Qualität der Speisen, der Getränke und der gepflegten Tischdekorationen, was beeindruckte und gute Stimmung machte, sondern vor allem auch die gute russische Sitte, während des Essens kurze, muntere Toasts auszubringen, und zwar von allen Anwesenden. Hier, wie auch dann beim Picknick im Wald, wurde schnell klar, daß unsere russischen Gesprächspartner zwar gutgeschulte und überzeugte Kommunisten sein mochten, aber daneben auch lebensfrohe Russen waren. Ein emotionaler Höhepunkt der Reise, die ja vor allem der Aussöhnung dienen sollte, war für die Delegation aus Erlangen die Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Gefallenen Wladimirs. Beide Seiten waren aber auch tiefberührt, als sich bei einer gemeinsamen Zigarettenpause von Michail Swonarjow und Heide Mattischeck herausstellte, daß beide ihren Vater im Krieg an der Front in der Sowjetunion verloren hatten.

Zum Abschluß einigte man sich ohne Probleme auf folgendes Arbeitsprotokoll vom 1.8.1983:

Vom 29.Juli bis 1.August 1983 weilte auf Einladung des Exekutivkomitees des Wladimirer Stadtrates der Volksdeputierten eine Delegation des Stadtrates Erlangen mit Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg an der Spitze in der Stadt Wladimir, die mit Vertretern des Wladimirer Stadtrates, an der Spitze Herr Michail Iwanowitsch Swonarjow, Gespräche über partnerschaftliche Beziehungen führte.

Beide Seiten stimmen zu, daß im Geiste des Treffens, das in Moskau zwischen dem Generalsekretär des ZK der KPdSU, dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR, Juri W. Andropow, und dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, stattgefunden hat, günstige Möglichkeiten für die Aufnahme von freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir existieren.

Die beiden Seiten brachten ihre Sorgen um die ernste Verschärfung der internationalen Lage in der ganzen Welt und in den einzelnen Regionen sowie um die Verstärkung der Kriegsgefahr zum Ausdruck. Sie sind einig, daß gegenwärtig die Hauptaufgabe darin besteht, daß alle Völker verstärkt zur Bannung der Atomkriegsgefahr sowie zur Erhaltung der Entspannung und der Festigung des Friedens beitragen.

Von beiden Seiten wurde das Streben nach Frieden und internationaler Sicherheit aufgrund der friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen betont. Unterstrichen wurde auch das Recht aller Völker auf freie Entwicklung, Gerechtigkeit sowie wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt.

Die Teilnehmer der Verhandlungen sprachen sich für die Entwicklung von Beziehungen zwischen den offiziellen Vertretern der Städte und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere der Jugend, durch gegenseitigen Austausch in den Bereichen Kultur, Sport und Tourismus aus.

Von beiden Seiten werden Maßnahmen getroffen, damit schon in diesem Jahr das Abkommen mit konkreten Vorschlägen zur Realisierung dieser Verabredung ausgearbeitet wird.

Das Wladimirer Stadtexekutivkomitee ist auf Wunsch der Stadt Erlangen bereit, bei der Gestaltung des Besuchsprogramms einer Reisegruppe der Volkshochschule Erlangen, die im August 1983 die Stadt Wladimir besuchen wird, behilflich zu sein und auch Kontakte zu Einrichtungen der Erwachsenenbildung herzustellen.

Dem Vorsitzenden des Stadtexekutivkomitees der Stadt Wladimir, Herrn Michail Iwanowitsch Swonarjow, wurde die Einladung zu einem offiziellen Besuch der Stadt Erlangen überreicht. Die Delegation soll sich aus drei bis fünf Vertretern der Stadt Wladimir zusammensetzen. Diese Einladung wurde mit Genugtuung und Dankbarkeit angenommen.

Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Die gesetzten Worte des Protokolls bringen naturgemäß nicht zum Ausdruck, was sich in diesen vier Tagen unter den Beteiligten ereignet hatte. Durch ein klug und sensibel zusammengestelltes Programm – es dürfte maßgeblich vom höchst agilen Sekretär des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, Jurij Fjodorow, gestaltet worden sein – entwickelte sich neben den förmlichen Reden sehr bald ein entspannter, offener Umgang miteinander. Es wuchs das Gefühl, daß beide Seiten es ehrlich meinten, daß man irgendwie gut zueinander passe und man einander vertrauen könne.

Picknick im Wald für die erste Delegation aus Erlangen

Picknick im Wald für die erste Delegation aus Erlangen

Gespräche zum Abschluß in Moskau

Das gewachsene Vertrauen zeigte sich vor allem auch bei dem Verständnis der Wladimirer Seite für den Umgang und die erbetene Geduld mit den Bedenken der CSU-Fraktion. Diese Bedenken, die Dietmar Hahlweg laut EN vom 5. August 1983 „in allen Gesprächen deutlich machte, und die sich auf die Existenz politischer Gefangener in einem Wladimirer Gefängnis richteten, wurden von allen Seiten zurückgewiesen“. Bei dem Gespräch in der deutschen Botschaft am Schlußtag in Moskau wurde zwar die Existenz solcher Gefangener nicht ausgeschlossen, doch wurde betont, gerade dies dürfe dann kein Hindernis sein, sich um freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen zu bemühen. Die deutsche Botschaft begrüßte den Städtekontakt ausdrücklich. Der Text des Arbeitsprotokolls sei fair und im üblichen Rahmen der Abmachungen, die partnerschaftlichen Beziehungen vorausgehen. In einem am gleichen Tag in Moskau geführten Abschlußgespräch äußerten sich Mitglieder der sowjetischen Akademie der Wissenschaften besorgt über die Entwicklung der Rüstung im Nato-Bündnis. Insbesondere der Umstand, daß durch die Aufstellung von Pershing-II- und Cruise-Missile-Raketen erneut eine existenzielle Bedrohung der Sowjetunion von deutschem Boden ausgehe, erzeuge in der UdSSR tiefe Betroffenheit und Angst (s. EN vom 5. August 1983).

Ermutigungen, noch im Jahr 1983 den Grundsatzbeschluß pro Wladimir zu fassen

Weil der erste Besuch der offiziellen Delegation im Juli 1983 einen so überaus ermutigend positiven Verlauf genommen hatte und auch die Teilnehmer der kurz darauf durchgeführten VHS-Reise als erste Bürgergruppe in Wladimir ebenso herzlich empfangen wurden und von der Stadt beeindruckt waren – die EN titelten am 13. September 1983 über den VHS-Besuch „Wladimir war überwältigend“ – schlug der Oberbürgermeister den Stadtratsfraktionen vor, schon 1983 und damit vor dem Gegenbesuch aus Wladimir einen positiven Grundsatzbeschluß zufassen. In einer umfangreichen Vorlage zur Stadtratssitzung am 26. Oktober 1983 erläuterte er die Vorgeschichte, skizzierte die bestehenden Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR, beantwortete die Fragen „Was spricht für Kontakte zu einer Stadt in der UdSSR?“ und dann „Was spricht für Kontakte zur Stadt Wladimir?“ mit anschließenden Vorschlägen zum weiteren Verfahren und einem klaren positiven Beschlußvorschlag.

Fortsetzung folgt.

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